Interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum

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Dichte Verkehrsszene in einer australischen Stadt mit modernen Hochhäusern. Foto von Bin White.

Interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum revolutioniert die Art und Weise, wie Städte denken, planen und umsetzen. Was gestern noch als nerdige Spielerei galt, ist heute das Werkzeug, mit dem Städte ihre Zukunft in Echtzeit simulieren, Beteiligung neu definieren und das große Versprechen der Digitalisierung endlich einlösen können – oder daran grandios scheitern. Willkommen im Zeitalter der digitalen Bauleitplanung, wo jeder Entscheidung eine Datenspur vorausgeht und der Planungsbegriff neu erfunden wird.

  • Die Grundlagen: Was ist interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum und warum ist sie mehr als ein Update des klassischen Prozesses?
  • Technologien und Werkzeuge: Von Urban Digital Twins über GIS bis zu Virtual-Reality-Lösungen – wie digitale Tools den Planungsalltag transformieren.
  • Partizipation neu gedacht: Wie digitale Räume Bürgerbeteiligung, Transparenz und Akzeptanz fördern – und welche Risiken lauern.
  • Praxisbeispiele: Wo die interaktive Bauleitplanung bereits Realität ist – von internationalen Vorreitern bis zu ersten Schritten in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Governance, Datenschutz und Ethik: Wer steuert, wer besitzt und wer versteht die neuen digitalen Planungsräume?
  • Potenziale und Herausforderungen: Welche Chancen eröffnen sich für Klimaresilienz, Mobilität, Quartiersentwicklung – und wo droht die Technikfalle?
  • Fazit und Ausblick: Warum sich Planer und Verwaltungen jetzt mit digitaler Bauleitplanung beschäftigen müssen – und was sie dabei unbedingt beachten sollten.

Interaktive Bauleitplanung: Vom Papierplan zum digitalen Möglichkeitsraum

Die Bauleitplanung ist in der deutschen Stadtentwicklung das Herzstück der Steuerung – und traditionell ein Kind der Paragrafen, Pläne und Abwägungen. Doch mit der Digitalisierung ändert sich der Fokus radikal: Interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum bedeutet, dass der klassische Bebauungsplan nicht mehr das starre, einmal beschlossene Ergebnis monatelanger Verwaltungsarbeit ist, sondern zum dynamischen, ständig aktualisierbaren Dialograum wird. Die Planung verlässt das Papier, wandert in den Bildschirm – und wird dort nicht nur schöner, sondern vor allem klüger.

Worum geht es im Kern? Interaktive Bauleitplanung nutzt digitale Werkzeuge, um Flächennutzung, Bebauungsoptionen, Umweltwirkungen und städtebauliche Szenarien nicht mehr nur zu visualisieren, sondern in Echtzeit zu simulieren, zu bewerten und mit verschiedenen Akteuren zu diskutieren. Dabei kommen Technologien wie Urban Digital Twins, Geoinformationssysteme (GIS), Building Information Modeling (BIM) und Virtual-Reality-Umgebungen zum Einsatz. Sie ermöglichen es, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen, Varianten durchzuspielen und die Konsequenzen von Entscheidungen sofort zu erleben.

Der Mythos vom „digitalen Stadtmodell“ als bloßem 3D-Eye-Candy ist längst Geschichte. Moderne digitale Planungsumgebungen verknüpfen Geometrie, Daten und Prozesse zu einem intelligenten System. Hier verschmelzen Verkehrsdaten, Klimasimulationen, Lärmuntersuchungen, Energiebedarfe und soziale Indikatoren zu einer multidimensionalen Entscheidungsgrundlage. Was früher monatelange Abstimmungsprozesse erforderte, kann heute in wenigen Stunden dynamisch durchgespielt werden: Was passiert bei einer anderen Straßenführung? Welchen Effekt hätte mehr Versickerungsfläche auf die Überflutungsgefahr? Wie verändern sich Windverhältnisse bei alternativen Hochhausstandorten?

Die Vorteile liegen auf der Hand: Planer können schneller und fundierter entscheiden, Konflikte frühzeitig erkennen und Szenarien mit allen betroffenen Akteuren diskutieren. Bürger sehen nicht nur Pläne an der Wand, sondern erleben die Auswirkungen von Vorhaben virtuell. Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit rücken näher zusammen – zumindest in der Theorie. Denn so elegant die Technik auch ist: Der Wandel zur interaktiven, digitalen Bauleitplanung ist kein Selbstläufer. Er fordert neue Kompetenzen, neue Formen der Zusammenarbeit und manchmal auch den Mut, sich vom eigenen Bauchgefühl zugunsten besserer Daten zu verabschieden.

Was die interaktive Bauleitplanung so besonders macht, ist nicht das Werkzeug an sich, sondern das neue Planungsverständnis, das sie ermöglicht. Der Plan ist kein Endprodukt mehr, sondern ein lebendiges System, das ständig auf neue Erkenntnisse, Datenströme und Beteiligungsimpulse reagiert. Die Stadt wird zum digitalen Möglichkeitsraum, in dem Planung, Betrieb und Entwicklung zusammenfließen. Wer diesen Prozess versteht und gestaltet, wird in der Stadtentwicklung künftig den Ton angeben.

Doch so visionär das klingt: Die Realität ist oft noch anders. Viele Kommunen scheuen vor der Komplexität, den Kosten und den rechtlichen Unsicherheiten zurück. Gleichzeitig wächst aber der Druck – nicht zuletzt durch den Klimawandel, die Wohnungsnot und die steigenden Anforderungen an Mobilität und Lebensqualität. Die Frage ist also nicht, ob die digitale Bauleitplanung kommt, sondern wie schnell und wie konsequent sie sich durchsetzt.

Technologien, Plattformen und Methoden: Die neuen Werkzeuge der digitalen Planung

Wer über interaktive Bauleitplanung spricht, kommt an Urban Digital Twins nicht vorbei. Diese digitalen Zwillinge sind weit mehr als hübsche 3D-Modelle. Sie bilden die Stadt als komplexes, datengetriebenes System ab – inklusive Infrastrukturen, Umweltbedingungen, sozialen Strukturen und Nutzungsdynamiken. Sensoren liefern in Echtzeit Daten zu Verkehr, Klima, Energieverbrauch und Umweltqualität. Diese werden mit Planungsdaten, Simulationen und Szenarien verknüpft und ermöglichen so eine bisher ungeahnte Tiefe der Analyse und Prognose.

Geoinformationssysteme (GIS) sind das Rückgrat dieser Entwicklung. Sie verbinden raumbezogene Daten aus unterschiedlichsten Quellen und machen sie für Planer, Verwaltung und Öffentlichkeit zugänglich. GIS-Plattformen wie ArcGIS oder QGIS können dabei weit mehr als nur Karten anzeigen: Sie integrieren Verkehrsdaten, Umweltindikatoren, demografische Entwicklungen und vieles mehr. Über Schnittstellen lassen sich weitere Systeme andocken, etwa Energieverbrauchsmodelle oder Umweltsensorik.

Building Information Modeling (BIM) ist besonders im Hochbau längst etabliert und hält zunehmend auch Einzug in die Stadt- und Freiraumplanung. BIM verknüpft geometrische Informationen mit technischen, rechtlichen und betrieblichen Daten. Damit wird es möglich, Planungs- und Bauprozesse digital zu steuern, verschiedene Varianten durchzuspielen und die Auswirkungen von Entscheidungen auf Kosten, Zeit und Qualität zu simulieren.

Eine neue Dimension eröffnet Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR). Mit ihnen können Beteiligte nicht nur Pläne betrachten, sondern geplante Quartiere, Grünflächen oder Verkehrsanlagen immersiv erleben. VR-Brillen, CAVEs oder AR-Apps machen es möglich, durch die künftige Nachbarschaft zu spazieren, Sichtachsen zu prüfen oder die Lärmentwicklung an der geplanten Straße zu erfahren. Diese Technologien sind längst nicht mehr nur Spielerei, sondern werden in immer mehr Kommunen gezielt für Beteiligungsprozesse eingesetzt.

All diese Werkzeuge funktionieren aber nur, wenn sie in eine offene, interoperable Plattformstrategie eingebettet werden. Proprietäre Insellösungen sind der Tod der digitalen Bauleitplanung. Standards wie die Open Urban Platform (OUP), CityGML oder IFC sorgen dafür, dass Daten aus unterschiedlichen Systemen zusammengeführt, ausgetauscht und weiterverarbeitet werden können. Nur so entsteht ein echter digitaler Möglichkeitsraum, in dem Planung, Betrieb und Beteiligung nahtlos ineinandergreifen.

Doch Technik allein reicht nicht. Entscheidend ist die Prozessarchitektur: Wer steuert, wer entscheidet, wer darf wie zugreifen, wer trägt welche Verantwortung? Hier sind Governance, Datenschutz und Ethik ebenso wichtig wie Datenqualität und Benutzerfreundlichkeit. Nur wenn diese Fragen klar beantwortet sind, kann die interaktive Bauleitplanung ihr Potenzial voll entfalten.

Beteiligung, Transparenz und Akzeptanz: Die neue Demokratie der digitalen Planung

Ein zentrales Versprechen der interaktiven Bauleitplanung ist die Öffnung des Planungsprozesses für eine breitere Teilhabe. Digitale Technologien schaffen neue Formen der Bürgerbeteiligung, die weit über das klassische Auslegen von Plänen im Rathaus hinausgehen. Online-Plattformen, digitale Foren, virtuelle Rundgänge und interaktive Karten machen es möglich, dass sich unterschiedlichste Gruppen frühzeitig, einfach und wirksam einbringen können – unabhängig von Zeit, Ort und Vorwissen.

Das bringt eine neue Qualität in die Beteiligung: Bürger können nicht nur kommentieren oder Einsprüche einreichen, sondern die Auswirkungen von Planungsalternativen direkt erleben. Sie sehen, wie sich Verkehrsflüsse, Lärmbelastung oder Grünflächenanteile bei verschiedenen Szenarien verändern. Das schafft Transparenz, fördert Akzeptanz und erhöht die Legitimität von Entscheidungen. Konflikte können frühzeitig erkannt und gelöst werden, weil die Konsequenzen von Maßnahmen für alle nachvollziehbar sind.

Doch die digitale Öffnung birgt auch Herausforderungen. Nicht jeder hat Zugang zu den nötigen Geräten oder das nötige Know-how, um komplexe Simulationen zu verstehen. Es droht die Gefahr einer digitalen Spaltung, wenn bestimmte Gruppen vom Beteiligungsprozess ausgeschlossen bleiben. Hier sind barrierefreie Gestaltung, verständliche Visualisierungen und eine begleitende Moderation gefragt. Die Technik darf kein Selbstzweck sein, sondern muss den Beteiligungsprozess wirklich unterstützen.

Ein weiteres Risiko ist die Black-Box-Problematik: Wenn Entscheidungen von Algorithmen oder Simulationen beeinflusst werden, müssen die zugrunde liegenden Annahmen, Daten und Modelle transparent und nachvollziehbar sein. Sonst droht ein Demokratiedefizit, bei dem die eigentlichen Steuerungsmechanismen im Dunkeln bleiben. Offene Daten, erklärbare Modelle und partizipative Governance sind deshalb unverzichtbar.

Und schließlich stellt sich die Frage nach der Steuerung: Wer entscheidet, welche Daten in die digitalen Modelle einfließen? Wer kontrolliert die Plattformen? Wer trägt die Verantwortung für die Ergebnisse? Hier sind neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft gefragt. Nur wenn alle relevanten Akteure auf Augenhöhe einbezogen werden, kann die digitale Bauleitplanung ihr demokratisches Potenzial entfalten.

Trotz aller Herausforderungen zeigt die Praxis: Digitale Beteiligung wird angenommen, wenn sie niedrigschwellig, transparent und sinnvoll gestaltet ist. Sie kann die Akzeptanz von Projekten erhöhen, Planungsprozesse beschleunigen und die Qualität der Ergebnisse verbessern – vorausgesetzt, sie wird als Chance und nicht als Pflichtübung verstanden.

Praxisbeispiele und Leuchttürme: Wie digitale Bauleitplanung heute schon funktioniert

Ein Blick in die Praxis zeigt: Die interaktive Bauleitplanung ist kein ferner Zukunftstraum, sondern in vielen Städten bereits Realität – wenn auch oft noch als Pilotprojekt oder Laborversuch. Internationale Vorreiter wie Singapur, Helsinki oder Rotterdam setzen digitale Zwillinge längst systematisch in der Stadtentwicklung ein. In Helsinki etwa werden alle Entwicklungsprojekte über ein zentrales, öffentlich zugängliches 3D-Stadtmodell gesteuert. Bürger, Verwaltung und Planer nutzen das Modell, um Varianten zu simulieren, Umweltwirkungen zu prüfen und Beteiligung zu organisieren.

In Singapur ist der digitale Zwilling die Grundlage für die übergreifende Stadtsteuerung. Hier werden Verkehrsströme, Energieverbräuche, Klimadaten und soziale Indikatoren in Echtzeit erfasst, analysiert und für die Entscheidungsfindung genutzt. Bauleitplanung ist hier ein kontinuierlicher Prozess, bei dem Varianten permanent durchgespielt und angepasst werden. So können etwa Auswirkungen von Baumaßnahmen auf das Mikroklima sofort bewertet und – falls nötig – umgeplant werden.

Auch in Österreich und der Schweiz gibt es spannende Beispiele. In Wien wird der digitale Zwilling gezielt für die Planung neuer Quartiere eingesetzt. Hier werden Hitzebelastungen, Verschattung, Windströmungen und Mobilitätskonzepte simuliert, bevor der erste Spatenstich erfolgt. Die Ergebnisse sind öffentlich einsehbar, Beteiligung findet sowohl digital als auch vor Ort statt. In Zürich werden Verkehrsflüsse, Emissionen und alternative Nutzungsoptionen über eine städtische Plattform simuliert – mit direkter Anbindung an die Bauleitplanung.

Und Deutschland? Hier gibt es zahlreiche Initiativen, aber das Bild ist noch fragmentiert. Hamburg, München, Ulm und Köln starten Pilotprojekte, oft im Rahmen der Smart City Modellprojekte oder gefördert durch Bund und Länder. Die Ansätze reichen von digitalen Bebauungsplänen über interaktive Karten bis zu ersten Digital Twin-Anwendungen. Häufig fehlt es aber noch an einheitlichen Standards, Rechtssicherheit und einer durchgehenden Plattformstrategie. Viele Kommunen experimentieren, aber der große Durchbruch steht noch aus.

Erfolgsfaktoren sind immer die gleichen: Offenheit, Interoperabilität, Beteiligung und Mut zur Veränderung. Wo diese Grundsätze beherzigt werden, entstehen beeindruckende digitale Möglichkeitsräume, die Planung, Betrieb und Bürgerbeteiligung neu verbinden. Wo sie fehlen, bleiben digitale Bauleitpläne oft auf den Status von „Renderporn“ beschränkt – schön anzusehen, aber ohne echte Wirkung.

Die gute Nachricht: Die Werkzeuge sind da, die Beispiele vorhanden, das Know-how wächst. Was jetzt zählt, ist der Wille zur Umsetzung und die Bereitschaft, Planungsprozesse neu zu denken – als offenes, datenbasiertes und partizipatives System.

Governance, Datenethik und die Zukunft der Planung: Was jetzt zählt

Die interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum ist ein Paradigmenwechsel – mit Chancen, aber auch Risiken. Die Technik ist mächtig, doch sie wirft Fragen auf, die weit über das Digitale hinausgehen. Wer besitzt und kontrolliert die digitalen Stadtmodelle? Wie werden Daten erhoben, gespeichert und verwendet? Wer haftet für Fehlprognosen oder Verzerrungen in Simulationen?

Governance ist deshalb das zentrale Thema. Es braucht klare Regeln, wer auf welche Daten zugreifen darf, wie Entscheidungen getroffen und dokumentiert werden und wie die Qualität der Modelle gesichert wird. Open-Source-Ansätze, offene Standards und transparente Plattformen sind dabei genauso wichtig wie Datenschutz und Datensouveränität. Nur wenn die Stadt die Kontrolle über ihre digitalen Abbilder behält, kann sie die Bauleitplanung im öffentlichen Interesse steuern.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Datenethik. Digitale Planungswerkzeuge sind nur so gut wie die Daten, die sie nutzen – und die Modelle, die ihnen zugrunde liegen. Verzerrte Daten, algorithmische Bias oder nicht nachvollziehbare Prognosen können zu Fehlentscheidungen führen, ganze Quartiere benachteiligen oder soziale Ungleichheiten verschärfen. Hier braucht es klare Leitplanken, begleitende Evaluation und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen.

Die digitale Bauleitplanung eröffnet zudem neue Möglichkeiten für dynamische, adaptive Prozesse. Pläne werden nicht mehr einmal beschlossen, sondern laufend aktualisiert und an neue Erkenntnisse angepasst. Das fordert nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Politik und die Öffentlichkeit heraus. Es braucht eine neue Planungskultur, die Fehler zulässt, Lernen ermöglicht und den Mut zur Kurskorrektur fördert.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine. Digitale Zwillinge, KI-gestützte Simulationen und Algorithmus-basierte Entscheidungsmodelle sind Werkzeuge – aber sie ersetzen nicht die Verantwortung von Planern, Politikern und Bürgern. Sie können Entscheidungen vorbereiten, Szenarien aufzeigen und Transparenz schaffen, aber sie dürfen den Diskurs nicht ersetzen. Die Zukunft der Bauleitplanung ist digital – aber sie bleibt immer auch menschlich.

Wer jetzt die richtigen Weichen stellt, kann die Chancen der Digitalisierung für eine nachhaltige, lebenswerte und demokratische Stadtentwicklung nutzen. Wer abwartet, riskiert, dass andere die Regeln des digitalen Planens bestimmen – und die Stadtplanung zum Spielball von Technik, Märkten und Algorithmen wird.

Fazit: Interaktive Bauleitplanung – das Update, das keine Option mehr ist

Interaktive Bauleitplanung im digitalen Raum ist weit mehr als ein technisches Upgrade. Sie ist ein neues Betriebssystem für die Stadtentwicklung – offen, datenbasiert, partizipativ und anpassungsfähig. Sie verbindet Planung, Betrieb und Beteiligung zu einem dynamischen Prozess, in dem Szenarien simuliert, Alternativen durchgespielt und Entscheidungen transparent gemacht werden. Die Technik ist längst ausgereift, die Beispiele sind überzeugend – was fehlt, ist vor allem der Mut zur Umsetzung und die Bereitschaft, alte Routinen zu hinterfragen.

Die Potenziale sind enorm: Bessere Flächennutzung, schnellere und fundiertere Entscheidungen, mehr Klimaresilienz, höhere Akzeptanz und eine demokratischere Stadtentwicklung. Gleichzeitig sind die Herausforderungen nicht zu unterschätzen: Datenschutz, Datenethik, Governance und der Umgang mit Unsicherheit und Fehlern verlangen neue Kompetenzen und klare Regeln.

Wer als Planer, Verwaltung oder Stadt jetzt auf interaktive, digitale Bauleitplanung setzt, kann die Entwicklung aktiv gestalten, Innovationen vorantreiben und Mehrwert für alle schaffen. Wer zu lange zögert, wird von den digitalen Vorreitern überholt – und läuft Gefahr, die Kontrolle über die eigene Stadtentwicklung zu verlieren. Die gute Nachricht: Jeder kann sofort anfangen, die Werkzeuge sind verfügbar, das Wissen wächst täglich.

Interaktive Bauleitplanung ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern Realität. Sie ist das Update, das keine Option mehr ist. Wer jetzt den Schritt wagt, gestaltet die Stadt von morgen – nicht nur auf dem Papier, sondern im digitalen, realen und demokratischen Raum. Willkommen in der neuen Ära der Stadtentwicklung. G+L begleitet Sie dabei – kompetent, kritisch und immer einen digitalen Schritt voraus.

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Pontevedra in Spanien gilt als Vorreiter für autofreie Städte. Wie sich die Stadt gewandelt hat, welche Vorteile heute messbar sind und welche Kritik es anfangs gab lesen Sie hier.

Pontevedra geht seinen eigenen Weg

Über die Zukunft der Mobilität wird allerorts viel diskutiert. Fahrverbote und Tempolimits stoßen dabei besonders oft auf Widerstand. Wie ein resolutes Konzept die innerstädtische Qualität jedoch nachhaltig verbessern kann, zeigt ein Projekt in Spanien. Die Stadt Pontevedra im Nordwesten des Landes geht bereits seit den 1999er Jahren ihren eigenen Weg. Als Provinzhauptstadt von Rías Baixas in Galicien gelegen, bietet der Ort mit kleinen Plätzen, wappengeschmückten Häusern mit Arkaden und alten Kirchen im mittelalterlichen Stadtkern zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Große Bekanntheit erlangte die Stadt jedoch vor allem aufgrund ihrer nachhaltigen Verkehrspolitik. Denn seit nurmehr über 20 Jahren ist die Innenstadt weitgehend autofrei gestaltet.

Pontevedras "schmutzige" Vergangenheit 

Die Umgestaltung erfolgte als drastische Reaktion auf die untragbaren Zustände. Auf 80 000 Einwohner*innen kamen beinahe genauso viele Autos. Allein in der Altstadt verkehrten täglich 14 000 Autos, berichtet der Bürgermeister von Pontevedra, Miguel Anxo Fernández Lores. Es sei ein einziges Chaos gewesen. Hinzu kamen die schlechte Luftqualität und zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch Xosé Cesareo Mosquera, der Leiter der städtischen Infrastrukturen, erinnert sich an den damaligen Status quo:It was a sad and stressed city, people felt like they had to escape to live on the outskirts.“ Die Stadt reagierte. Unter dem damals neu ins Amt gewählten Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores begann eine umfassende urbane Transformation.

Drastische Maßnahmen

Nach nur einem Monat im Amt gelang es Lores, insgesamt 300 000 Quadratmeter im Stadtzentrum zu Fußgänger*innenzonen umzuwidmen. In der Altstadt ist seitdem nur noch Lieferverkehr geduldet. Ehemalige Parkplätze wurden zu Flaniermeilen umgestaltet. Wer sein Auto parken möchte, sucht dazu nun einen der rund 15 000 Parkplätze außerhalb der Innenstadt auf. Die meisten davon sind kostenlos. Unterirdische Parkhäuser ergänzen das Angebot. Für Autos gilt außerdem ein Tempolimit von 30 km/h. Straßenbarrieren in Form von erhöhten Überwegen für Fußgänger*innen, geringe Fahrbahnbreiten und Kreisverkehre fördern dabei einen steten aber langsameren Verkehrsfluss. Den schmalen Straßen stehen breite Gehwege gegenüber. Sie zeigen ganz deutlich: In Pontevedra haben Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr. Über zusätzliche Stadtpläne mit Entfernungen und Zeitangaben zu Fuß können sich diese im Stadtraum informieren und orientieren.

Folgen der Transformation

Die Transformation betrifft jedoch nicht nur die städtischen Infrastrukturen. Auch die Einstellung der Menschen zur Stellung des Autos hat sich über die Jahre geändert. Für Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores gilt schon seit Beginn an: „Owning a car does not give you the right to take up public space.“ Selbst lokale Geschäftsleute, die sich zuerst vehement gegen die Maßnahmen ausgesprochen hatten, sind heute von den Vorzügen der Stadt- und Verkehrsplanung zugunsten von Fußgänger*innen überzeugt. Der prophezeite Einbruch an Kund*innen- und Umsatz trat nicht ein. Vielmehr erledigen die Bürger*innen Pontevedras heute vieles zu Fuß. Um Widerstand entgegen zu wirken, wählte die Stadt einen inklusive Planungsprozess. Vor der Umgestaltung der jeweiligen Straße organisierte sie Versammlungen mit den betroffenen Anwohner*innen. So seien Zweifel oder Sorgen zerstreut worden.

Insgesamt hat sich das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt um 97 Prozent verringert. Auch die Luftwerte konnte deutlich verbessert werden. So verzeichnet die Stadt seit Einführung der Änderungen einen Rückgang der CO2-Emissionen um über 70 Prozent verzeichnet. Schließlich ist auch die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verkehrstoten zurückgegangen.

Pontevedra als Vorbild?

Das Modell dient vielen anderen Städten weltweit als Vorbild. Pontevedra wurde für das Konzept außerdem mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der UN-Habitat Award 2014, der Intermodes Award 2013 und der Active Design Award 2015. Die Übertragbarkeit auf andere Städte wird immer wieder diskutiert. Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores selbst sagt, jede Stadt müsse ihr eigenes passendes Modell finden. Es gebe jedoch mit Sicherheit Ansätze aus Pontevedra, die andernorts als Inspiration dienen könnten. Laut Bürgermeister Lores könne eine ähnliche Umgestaltungen in Städten mit bis zu 180 000 Einwohner*innen funktionieren. Bei größeren Metropolen könne es helfen, in Stadtvierteln zu denken. Also beispielsweise den Verkehr in einigen großen Straßen des Stadtgebiets zu konzentrieren, um angrenzende Bereiche verkehrsfrei auszugestalten.

Klare Kommunikation und Planung 

Wesentlich sei vor allem ein klarer Plan. So verfolgt Pontevedras Stadtplanung ein Konzept der kompakten Zentren. Statt einer Zersiedelung und Orientierung ins Umland, fördert die Stadt die Innenentwicklung. Kurze Wege zu Fuß werden so realisierbar. Ebenso wichtig sei die Kommunikation mit den Betroffenen. Nur durch sinnhafte und nachvollziehbare Eingriffe, die eine tatsächliche Besserung brächten, könne die Bevölkerung die anstehenden Veränderungen mitgehen. „When you simply remove parking without putting out street furniture or terraces or improving the space at all, then the person who cannot park their car there will be frustrated because it simply appears that nothing is being done with an area that could otherwise be used for parking.“, sagt Lores.

Pontevedra hat geschafft, wonach viele Städte sich sehnen. Durch eine kluge Hierarchiesierung von Verkehrsmitteln und entsprechende Gestaltung von Stadträumen entwickelte sich ein attraktiver Ort. Und setzt für andere Kommunen weltweit ein Signal: Die Transformation hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln ist möglich. 

In Deutschland wird währenddessen immer noch über Tempo 30 Zonen gestritten. Ein Beispiel aus Berlin.

 

Foto: Bundesstiftung Baukultur

 

Die dritte Baukulturwerkstatt in diesem Jahr in Frankfurt am Main befasste sich mit Planungskultur und Prozessqualität.

 

Mit sicherem Gespür für angesagte Orte hat die Bundesstiftung Baukultur zum abendlichen Empfang im Rahmen der 3. Baukulturwerkstatt in Frankfurt am Main zum ehemaligen Osthafen eingeladen. Im Schatten des EZB-Towers (coop Himmelblau), der im Juni diesen Jahres eröffnet wurde, hatten sich die ortskundigen Scouts die Gewölbe unter der Honsellbrücke ausgesucht. Hier im Entwicklungsgebiet Osthafen, wo die Jogger und Biker mit dem Hafenpark das vorläufige Ende ihrer Mainufer-Renn- und Flanierstrecke vorfinden (sinai Landschaftarchitekten), hat die Stadt dem Kunstverein Familie Montez, der bisher einen Altbau in der Innenstadt bespielte, die eindrucksvollen Räume gegeben und sich damit gegen eine lukrative Eventlocation entschieden. Damit war das Thema „Planungskultur und Prozessqualität“ en passant schon einmal beispielhaft eingeführt. Eine Führung zur Architektur- und Stadtentwicklung der „guiding architects“ Frankfurt stellte am Ende der Werkstatt das spannenden Quartier noch einmal ausführlicher vor. Wegen der EZB und der weiträumig und klug gebauten Sport-, Skate- und Freizeitflächen hat das ehemalige Hafengebiet im historisch unattraktiven Osten eine spürbare Aufwertung erfahren, dessen Prozess noch lange nicht zu Ende ist.

Die eigentliche Werkstatt fand dann in einem Gebäude statt, dass keinen krasseren Gegensatz zum ruppig-schicken Hafenquartier bilden könnte: Der Commerzbank-Tower von Norman Foster, mit 300 Metern Höhe einst höchster und erster „ökologischer“ Wolkenkratzer in Europa. 8 Kurzvorträge zeigten Best-practice-Beispiele aus ländlichen Räumen, deren Inhalte von vorbildlichen Planungsprozessen, erfolgreichen Bürgerbeteiligungsverfahren und der zunehmenden Einrichtung von Gestaltungsbeiräten reichte. Die Bürgermeister und Planungsdezernenten von Weyarn (Oberbayern), Arnsberg im Sauerland und der Fachwerkstatt Eschwege in Nordhessen stellten erfolgreiche Entwicklungskonzepte vor, die mit Partizipation, kostenloser Bauberatung, gestoppter Ausweisung von neuen Wohnbauflächen und gut vorbereiteten Planungsverfahren hochgradig qualitätvolle Ergebnisse erzeugten. Für die Ingenieurszunft stellte Prof. Steffen Marx das jahrelange funktionierende Erfolgsmodell des Brückenbaurates vor, der der Deutschen Bahn zahlreiche Brückenbaupreise bescherte und dem Land einfallslose Standardkonstruktionen ersparte. Dass unter der neuen Bahnleitung die Arbeit nicht weitergeführt wurde, gehört zu den traurigen Erkenntnisse der Tagung. Einen weiteren Schwerpunkt bildete das ungezügelte Wachstum von Einfamilienhausgebieten bei gleichzeitigem Werteverlust des Eigenheimbestandes älterer Bewohner. Am Beispiel Dorsten-Barkenberg im Münsterland wurde im Rahmen der Regionale 2016 die Werkstattreihe „HausAufgaben“ durchgeführt, in der mit den Hauseigentümern und Bewohnern den anstehenden Strukturwandel und das Zusammenleben von morgen thematisiert wurde.

Einen erwartet launigen Schlusspunkt setzte dann der Impulsvortrag von Stephan Petermann von AMO, dem Thinktank von OMA, der das heutige Landleben kräftig entromantisierte. Längst ist der ländliche Raum nicht mehr die rückständige Provinz, sondern ein dynamischer Zukunftsraum, in dem sich computergesteurte Landwirtschaften mit von Robotern gemolkenen Kühen entwickeln und sich die kreative Intelligenz ansiedelt.

In diesem Jahr fand die Baukulturwerkstatt bereits in Kassel (siehe Garten + Landschaft 06/2015) und Regensburg (siehe Garten + Landschaft 08/2015) statt. Zentrales Thema 2015 ist das Leben auf dem Land.