IoT-Sensoren für Feinstaub‑Heatmaps – Urbane Luft in Echtzeit sichtbar machen

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Stadtstraße mit dichtem Verkehr und markanten Hochhäusern, fotografiert von Bin White

Feinstaub ist der unsichtbare Feind moderner Städte – und IoT-Sensoren könnten ihn endlich sichtbar machen. Neue Heatmaps auf Basis vernetzter Sensortechnik revolutionieren das Monitoring urbaner Luftqualität und eröffnen Planern, Landschaftsarchitekten und Kommunen ungeahnte Möglichkeiten: Echtzeitdaten, Bürgerbeteiligung, adaptive Maßnahmen. Doch wie funktioniert das Zusammenspiel von IoT, Feinstaub und Heatmaps wirklich? Wer setzt die Technik schon ein? Und warum ist gerade jetzt der perfekte Zeitpunkt, um die urbane Luft neu zu denken?

  • Was sind IoT-Sensoren und warum sind sie für das Feinstaubmonitoring im urbanen Raum revolutionär?
  • Wie entstehen Feinstaub-Heatmaps und wie werden sie für die Stadtplanung nutzbar?
  • Welche technologischen und planerischen Herausforderungen bestehen bei der Integration in bestehende Stadtstrukturen?
  • Wie profitieren Städte wie Berlin, Zürich und Wien bereits von Echtzeit-Luftdaten?
  • Welche Rolle spielen Datenstandards, Datenschutz und Governance für den Erfolg der Technologie?
  • Wie können Bürger, Planer und Politik gemeinsam von transparenter Luftqualitätsvisualisierung profitieren?
  • Was sind die Risiken, etwa durch Fehlinterpretationen, Datenlücken oder algorithmische Verzerrungen?
  • Wie lässt sich aus Feinstaubdaten konkrete, nachhaltige Stadtentwicklung ableiten?
  • Welche Perspektiven eröffnen sich für Städte, die bei dieser Technologie mutig vorangehen?

IoT-Sensoren im urbanen Raum: Feinstaubmessung neu gedacht

Wer heute durch deutsche, österreichische oder schweizerische Städte schlendert, sieht sie kaum – und doch sind sie überall: Sensoren, die kontinuierlich Daten zur Luftqualität erfassen. IoT, das Internet der Dinge, hat Einzug gehalten in die urbane Realität. Doch was steckt hinter dem Kürzel? IoT-Sensoren sind vernetzte, oft energieautarke Messinstrumente, die kleinste Partikel wie PM10 oder PM2,5 in der Luft erkennen und ihre Werte drahtlos an zentrale Plattformen übermitteln. Diese Sensoren werden an Laternenmasten, Gebäudefassaden oder sogar auf öffentlichen Verkehrsmitteln installiert. Ihre Aufgabe ist so einfach wie revolutionär: Sie verwandeln die Stadt in ein atmendes, messendes System, das seine Umwelt in Echtzeit beobachtet.

Bisher war die Feinstaubmessung dominiert von wenigen, teuren Referenzstationen, deren Daten häufig nur punktuell und zeitlich verzögert zur Verfügung standen. Mit IoT-Technologie ändert sich das grundlegend. Plötzlich ist es möglich, ein dichtes Netz von Sensoren über ganze Stadtquartiere auszubreiten und so ein hochaufgelöstes, dynamisches Abbild der Luftqualität zu erzeugen. Die Messdaten werden über Low Power Wide Area Networks (LPWAN) wie LoRaWAN oder NB-IoT gesammelt und landen fast ohne Zeitverzug auf städtischen Datenplattformen. Damit steht erstmals ein kontinuierlicher, flächendeckender Datenstrom zur Verfügung, der weit über die Möglichkeiten klassischer Messstationen hinausgeht.

Doch warum ist das für Planer und Stadtentwickler mehr als nur technische Spielerei? Der Clou liegt in der Nutzbarkeit: IoT-Sensoren liefern nicht einfach Rohdaten, sondern machen die unsichtbaren Prozesse urbaner Luftverschmutzung sichtbar, quantifizierbar und – entscheidend – steuerbar. Sie bilden die Grundlage für Simulationen, Szenarien und adaptive Maßnahmen zur Luftreinhaltung.

Gerade weil städtische Feinstaubbelastung ein hochdynamisches Phänomen ist, das von Verkehrsströmen, Wetterlagen, Bebauungsdichte und Vegetation beeinflusst wird, braucht es Daten, die diesem Wandel gerecht werden. IoT-Sensorik macht es erstmals möglich, Mikroklimata auf Quartiersebene zu erfassen und Hotspots in Echtzeit zu identifizieren. Sie legt die Basis für ein neues Verständnis von Stadtklima, bei dem Planung, Betrieb und Bürger eng zusammenwirken.

Die Technik ist inzwischen ausgereift, aber die eigentliche Innovation entsteht im Zusammenspiel aus Sensorik, digitalen Plattformen und intelligenten Auswertungen. Erst wenn die Daten aus den Sensoren in übersichtlichen, interaktiven Heatmaps visualisiert werden, entfaltet sich das Potenzial für eine nachhaltige, adaptive Stadtplanung. Und genau hier beginnt die Zukunft der urbanen Luft.

Von der Rohdatenflut zur Feinstaub-Heatmap: Wie urbane Luft sichtbar wird

Die eigentliche Magie entsteht, wenn die Millionen von Messwerten, die IoT-Sensoren tagtäglich liefern, zu verständlichen, handlungsleitenden Informationen verdichtet werden. Feinstaub-Heatmaps sind dabei das zentrale Instrument: Sie übersetzen abstrakte Zahlenkolonnen in farbcodierte Karten, auf denen sich Belastungsschwerpunkte, zeitliche Dynamiken und räumliche Muster intuitiv erfassen lassen. Für Planer, Landschaftsarchitekten und Kommunalverwaltungen ist das ein Quantensprung in der Analyse urbaner Umweltdaten.

Im Kern werden aus den Sensorwerten mithilfe von Geoinformationssystemen (GIS) und Machine-Learning-Algorithmen dichte Karten generiert, die sowohl aktuelle Messwerte als auch historische und prognostizierte Trends abbilden. Die Farbgebung – meist von Blau (niedrige Belastung) bis Rot (hohe Belastung) – macht auf einen Blick sichtbar, wo Maßnahmen nötig sind. Diese Visualisierungen lassen sich in digitale Stadtmodelle integrieren und mit weiteren Datenquellen wie Verkehrsdaten, Wettermodellen oder Vegetationsbilanzen verknüpfen.

Ein wesentlicher Vorteil: Heatmaps können in Echtzeit aktualisiert werden. So lassen sich die Auswirkungen von Baustellen, Großveranstaltungen, Wetterumschwüngen oder Verkehrsmaßnahmen unmittelbar auf die Luftqualität nachvollziehen. Wer zum Beispiel temporäre Fahrverbote oder neue Grünachsen plant, kann mit wenigen Mausklicks simulieren, wie sich diese auf die Feinstaubbelastung auswirken. Das eröffnet nicht nur neue Dimensionen der Szenarienentwicklung, sondern macht die Folgen von Planung transparent und überprüfbar.

Neben der klassischen Desktop-Nutzung gewinnen mobile Anwendungen und öffentlich zugängliche Dashboards an Bedeutung. Bürger können sich tagesaktuell informieren, wo die Luft besonders belastet ist, und ihr Verhalten anpassen. Für die politische Kommunikation und die Bürgerbeteiligung sind Echtzeit-Heatmaps ein schlagkräftiges Argument: Sie machen Umweltpolitik konkret, sichtbar und nachvollziehbar. Gerade im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz, Verkehrswende und Stadtentwicklung bieten sie eine neue Grundlage für einen faktenbasierten Diskurs.

Doch Heatmaps sind kein Selbstläufer. Sie erfordern nicht nur hohe Datenqualität, sondern auch eine sorgfältige Einordnung und Kontextualisierung. Falsch interpretierte Hotspots oder Datenlücken können zu Fehleinschätzungen führen. Deshalb braucht es fachlich fundierte Auswertungen, transparente Datenstandards und klare Kommunikationsstrategien. Nur so wird aus der Rohdatenflut ein Werkzeug, das Planern und Stadtgesellschaft gleichermaßen dient.

Technische, rechtliche und planerische Hürden: Was heute noch bremst

So verheißungsvoll die Möglichkeiten klingen, so groß sind auch die Herausforderungen, die sich bei der Einführung von IoT-basierten Feinstaub-Heatmaps stellen. Zunächst ist da die Technik: Sensoren müssen nicht nur präzise und robust, sondern auch wartungsarm und günstig sein. Kalibrierung, Energieversorgung und die Absicherung gegen Vandalismus sind Themen, die im rauen Stadtalltag oft unterschätzt werden. Hinzu kommt die Frage der Netzabdeckung: Nicht alle Stadtareale sind gleich gut für die drahtlose Datenübertragung geeignet, insbesondere in dicht bebauten Quartieren oder unterirdischen Infrastrukturen.

Ein zweiter, mindestens ebenso wichtiger Bereich ist die Datenintegration. Unterschiedliche Sensorhersteller, Plattformen und Übertragungsprotokolle erschweren oft die Zusammenführung der Daten zu einem konsistenten Gesamtbild. Hier braucht es offene Standards, Schnittstellen und gemeinsame Datenmodelle – eine Mammutaufgabe für kommunale IT-Abteilungen und Stadtplanungsämter. Wer hier auf Insellösungen setzt, riskiert Fragmentierung statt Vernetzung.

Auch rechtlich ist das Feld vermint. Datenschutz und Datensouveränität sind zentrale Anliegen, gerade wenn Feinstaubdaten mit anderen personenbezogenen Informationen wie Mobilitätsmustern oder Gesundheitsdaten kombiniert werden. Die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) setzt strenge Maßstäbe, und Kommunen müssen sicherstellen, dass Sensordaten anonymisiert, sicher gespeichert und transparent genutzt werden. Governance-Modelle, die die Kontrolle über Daten und Algorithmen klar regeln, sind unerlässlich, um das Vertrauen von Bürgern und Stakeholdern zu sichern.

Planerisch stellt sich die Frage, wie die neuen Daten in bestehende Prozesse integriert werden können. Klassische Stadtplanung ist häufig auf statische Gutachten und lange Planungszyklen ausgerichtet – die Echtzeitlogik der IoT-Daten verlangt hier ein radikales Umdenken. Prozesse müssen dynamischer, Szenarien flexibler und Entscheidungen datenbasierter werden. Das erfordert neue Kompetenzen, aber auch eine Kultur, die Fehler zulässt und aus ihnen lernt.

Schließlich ist die Akzeptanz ein neuralgischer Punkt. Nicht jede Verwaltung, nicht jeder politische Entscheidungsträger ist sofort begeistert von der Transparenz, die Echtzeit-Heatmaps schaffen. Wer sichtbar macht, wie schlecht es um die Luftqualität in bestimmten Vierteln steht, weckt Erwartungen und Handlungsdruck. Hier braucht es eine vorausschauende Kommunikationsstrategie, die Chancen und Grenzen der Technologie offenlegt, ohne falsche Hoffnungen zu wecken.

Praxisbeispiele und Perspektiven: Der Weg zur klimaresilienten Stadt

Ein Blick auf die Pioniere zeigt: Es geht. Berlin etwa hat mit dem Projekt „Stadtluft“ ein dichtes Netz von IoT-Feinstaubsensoren in besonders belasteten Bezirken aufgebaut. Die Daten fließen in ein öffentliches Dashboard ein, das nicht nur Planern, sondern auch der Bevölkerung tagesaktuelle Heatmaps liefert. Erste Maßnahmen, wie die gezielte Begrünung von Straßenschluchten oder die Umleitung von Verkehrsströmen, wurden auf Basis der Sensordaten entwickelt und evaluiert. Das Ergebnis: Mehr Transparenz, mehr Beteiligung, bessere Entscheidungen.

Auch in Zürich und Wien werden IoT-Daten zur Luftqualität längst in die Stadtplanung eingebunden. Hier gehen technische Innovation und Governance Hand in Hand: Offene Datenplattformen, standardisierte Schnittstellen und partizipative Ansätze sorgen dafür, dass die Feinstaubdaten nicht im Datensilo verschwinden, sondern Stadtentwicklung sichtbar und verhandelbar machen. In Zürich werden etwa neue Schulwegsicherungen und Grünflächenstandorte auf Grundlage von Heatmaps priorisiert, in Wien fließen die Daten in die Hitzeaktionspläne der Stadt ein.

Die Perspektiven für die Zukunft sind vielversprechend. Mit dem weiteren Ausbau der Sensorik und der Integration in Urban Digital Twins lassen sich immer komplexere Zusammenhänge abbilden: Wie wirken sich Fassadenbegrünungen, neue Radwege oder veränderte Mobilitätskonzepte auf die Luftqualität im Mikromaßstab aus? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen städtischem Klima, Vegetation und Feinstaubbelastung? Und wie lassen sich so gezielt klimaresiliente Quartiere entwickeln?

Gerade im Kontext der Klimaanpassung und der Umsetzung von EU-Luftreinhalterichtlinien eröffnet die Technologie neue Spielräume. Städte, die frühzeitig auf IoT-Sensorik und Heatmaps setzen, können Maßnahmen nicht nur wirksamer, sondern auch schneller und kosteneffizienter umsetzen. Sie sind besser gerüstet für Hitzewellen, Smogepisoden und die wachsenden Anforderungen an lebenswerte, gesunde Stadtquartiere.

Doch jeder Fortschritt bleibt ein Balanceakt. Die Technologie darf nicht zum Selbstzweck werden, sondern muss in einen ganzheitlichen Planungsansatz eingebettet sein. Nur wenn Sensorik, Governance, Partizipation und nachhaltiges Handeln zusammenspielen, wird aus den Feinstaubdaten ein echter Mehrwert für die Stadtgesellschaft. Die Chancen sind da – jetzt gilt es, sie mutig zu nutzen.

Fazit: Echtzeit-Heatmaps als neue Währung der Stadtplanung

IoT-Sensoren und Feinstaub-Heatmaps sind weit mehr als technische Spielereien – sie markieren einen Paradigmenwechsel in der urbanen Umweltplanung. Erstmals wird das Unsichtbare sichtbar, das Dynamische steuerbar und das Komplexe verständlich. Für Planer, Landschaftsarchitekten und Kommunen eröffnen sich neue Möglichkeiten, Stadtentwicklung nicht nur zu gestalten, sondern in Echtzeit zu steuern, zu evaluieren und zu kommunizieren.

Natürlich sind die Herausforderungen beträchtlich: Technik, Datenschutz, Governance und kommunikative Verantwortung verlangen nach neuen Kompetenzen und nach einer offenen, lernbereiten Planungskultur. Doch die Praxis zeigt, dass der Mehrwert die Risiken überwiegt – wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Städte, die jetzt investieren, können schneller, gezielter und nachhaltiger auf Umweltprobleme reagieren und die Lebensqualität ihrer Bewohner spürbar verbessern.

Feinstaub-Heatmaps sind dabei kein Allheilmittel, aber ein mächtiges Werkzeug, um urbane Luftqualität faktenbasiert und transparent zu machen. Sie fördern Innovation, Beteiligung und Verantwortungsbewusstsein – und sie machen Schluss mit dem Mythos der unsichtbaren Gefahr. Die Städte von morgen werden nicht nur gebaut, sie werden gemessen, simuliert und angepasst. Wer heute auf Echtzeitdaten setzt, gestaltet die urbane Zukunft aktiv mit. Alles andere wäre schlichtweg von gestern.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.