KI erstellt Baustellenfahrpläne – Echtzeitplanung für Versorgungsnetze

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Moderner Stadtzug neben Hochhäusern in Deutschland. Foto von Lena Wingeyer.

Baustellen als digitale Choreografie, Versorgungsnetze, die sich autonom abstimmen, und Stadtquartiere, in denen Algorithmen das große Ganze im Blick behalten – was nach Zukunftsmusik klingt, ist dank Künstlicher Intelligenz und Echtzeitplanung bereits greifbare Realität. Der Wandel zur KI-optimierten Baustellenplanung krempelt nicht nur den Tiefbau um, sondern setzt neue Maßstäbe für Effizienz, Nachhaltigkeit und Steuerbarkeit urbaner Versorgungsinfrastrukturen. Wer wissen will, wie die Städte von morgen ihre Baustellen steuern, sollte jetzt weiterlesen.

  • Einführung: Warum KI-gestützte Baustellenfahrpläne das Rückgrat moderner Versorgungsnetze werden
  • Technologische Grundlagen: Wie Künstliche Intelligenz, Big Data und IoT die Echtzeitplanung ermöglichen
  • Praxisbeispiele: Erfolgreiche Anwendungen in deutschen, österreichischen und Schweizer Städten
  • Chancen für Ressourcenschonung, Bürgerbeteiligung und nachhaltige Stadtentwicklung
  • Herausforderungen: Datenschutz, Governance und die Gefahr algorithmischer Verzerrung
  • Wechselwirkungen mit klassischer Planungskultur und rechtlichen Rahmenbedingungen
  • Ausblick: Wie KI-basierte Baustellenfahrpläne die urbane Transformation beschleunigen können

Künstliche Intelligenz trifft Tiefbau: Die neue Ära der Baustellenfahrpläne

Die Baustelle ist seit jeher das Symbol für Veränderung im urbanen Raum – und zugleich ein notorischer Staupunkt in der Stadtentwicklung. Versorgungsnetze, seien es Strom, Wasser, Gas, Telekommunikation oder Fernwärme, werden in dicht besiedelten Städten zunehmend zum Nadelöhr. Koordination, Planung und Umsetzung von Tiefbauprojekten galten bislang als Paradebeispiel für Komplexität: unzählige Akteure, divergierende Zeitpläne, Abhängigkeiten von Wetter, Lieferketten und Verkehrslagen. Doch mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI) und datengetriebener Steuerungsmodelle verändert sich dieses Bild grundlegend. KI-basierte Baustellenfahrpläne ermöglichen eine bisher unerreichte Präzision in der Planung und Durchführung von Infrastrukturmaßnahmen.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Fähigkeit von Algorithmen, riesige Mengen an Planungs-, Betriebs- und Umweltdaten in Echtzeit zu verarbeiten. Sensoren in Straßenbelägen, digitale Karten der Versorgungsnetze, Verkehrsdaten, Wetterprognosen, Störungsmeldungen – all diese Informationen werden heute in zentralen Plattformen aggregiert. Die KI analysiert, erkennt Muster, antizipiert Konflikte und schlägt optimale Zeitfenster sowie Ressourceneinsätze für Baustellen vor. So entstehen dynamische Fahrpläne, die nicht nur den klassischen Bauzeitenplan ersetzen, sondern zur Schaltzentrale der städtischen Infrastruktur werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Weniger unnötige Aufrisse, effizientere Nutzung von Maschinen und Personal, deutlich reduzierte Verkehrsbehinderungen und geringere Umweltbelastungen. Gleichzeitig werden die Planungsprozesse transparenter, nachvollziehbarer und schneller anpassbar – ein Quantensprung gegenüber der klassischen Planung mit Excel-Tabellen, Telefonkonferenzen und analogen Abstimmungsrunden. Für Städte, die ohnehin mit Ressourcenknappheit, Fachkräftemangel und steigendem Modernisierungsdruck kämpfen, ist die KI-basierte Echtzeitplanung ein echter Gamechanger.

Doch das revolutionäre Potenzial von KI in der Baustellenplanung erschöpft sich nicht in Effizienzgewinnen. Vielmehr eröffnet es neue Wege für die Integration von Bürgerinteressen, Klimaschutzzielen und Smart-City-Strategien. Baustellen werden Teil eines größeren, lernenden Systems, das in der Lage ist, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen, Prioritäten dynamisch zu setzen und die Auswirkungen einzelner Maßnahmen auf das gesamte Versorgungsnetz zu simulieren. Was gestern noch starre Bauphasen waren, wird heute zu einem flexiblen Geflecht aus Szenarien, das die Stadt als Organismus begreift.

Dieser Paradigmenwechsel verlangt nach einer neuen Haltung bei allen Beteiligten. Planer, Bauunternehmen, Netzbetreiber und Verwaltung müssen Routinen hinterfragen, Daten austauschen und Entscheidungsprozesse offenlegen. Wer weiterhin nach dem Prinzip „Jeder für sich“ plant, läuft Gefahr, von der Dynamik der KI-optimierten Städte überholt zu werden. Die Baustelle der Zukunft ist kein isoliertes Ereignis mehr, sondern ein intelligenter Knotenpunkt im urbanen Netzwerk.

Bereits heute zeigen Pilotprojekte etwa in Wien, Zürich oder Hamburg, wie KI-gestützte Fahrpläne Routinearbeiten wie Leitungserneuerungen, Straßenaufbrüche oder Netzmodernisierungen revolutionieren. In diesen Städten werden Echtzeitdaten aus Verkehrsleitsystemen, Wetterstationen und Versorgungsnetzen zusammengeführt, um die besten Zeitpunkte für Bauarbeiten zu bestimmen – unter Berücksichtigung von Verkehrsaufkommen, Lärmschutzzeiten, Ferienkalendern und Umweltrichtlinien. So wirkt KI nicht nur als digitaler Taktgeber, sondern als unsichtbarer Koordinator, der die Stadt am Laufen hält.

Technologie unter der Oberfläche: Wie KI Echtzeitplanung für Versorgungsnetze möglich macht

Hinter den glänzenden Visualisierungen der Baustellensteuerung verbirgt sich eine hochkomplexe technologische Infrastruktur. Künstliche Intelligenz in der Baustellenplanung ist kein monolithisches System, sondern ein Zusammenspiel aus vielen Komponenten. Im Kern stehen Machine-Learning-Algorithmen, die aus historischen Daten, aktuellen Sensorwerten und externen Informationsquellen lernen. Sie identifizieren wiederkehrende Muster – etwa typische Engpässe bei bestimmten Wetterlagen, saisonale Schwankungen im Verkehrsfluss oder den Einfluss von Großveranstaltungen auf die Versorgungsdichte.

Big Data ist das Schmieröl dieser Entwicklung. Moderne Versorgungsnetze sind heute mit einer Vielzahl von Sensoren und Messsystemen ausgestattet. Diese liefern kontinuierlich Daten über Durchflussmengen, Druckverhältnisse, Temperatur, Materialermüdung, Leckagen oder Stromstärken. Kombiniert mit Geoinformationssystemen (GIS) und digitalen Stadtmodellen, entsteht ein digitales Abbild der Infrastruktur, das ständig aktualisiert wird – der sogenannte Digital Twin. Dieser digitale Zwilling erweitert das klassische 3D-Modell um Echtzeitdaten und ermöglicht Simulationen, die weit über das hinausgehen, was herkömmliche Planungstools leisten können.

Das Internet der Dinge (IoT) liefert die notwendige Konnektivität. Verteilte Sensoren, Aktoren und Steuerungseinheiten kommunizieren über standardisierte Protokolle und übermitteln ihre Daten an zentrale Plattformen. Hier werden die Informationen gebündelt, vorverarbeitet und für die KI zugänglich gemacht. Die Plattformen selbst sind oft als modulare, offene Systeme konzipiert, die Schnittstellen zu Baustellenmanagement, Verkehrssteuerung, Energieversorgung und sogar zu Bürgerbeteiligungsplattformen bieten. So entsteht ein Ökosystem, das nicht nur verschiedene Fachbereiche, sondern auch unterschiedliche Organisationen miteinander vernetzt.

Die eigentliche Magie passiert aber im Backend: KI-Modelle analysieren fortlaufend die eingehenden Datenströme, erkennen Abweichungen vom Soll-Zustand, antizipieren potenzielle Störungen und berechnen optimale Eingriffszeitpunkte. Sie können prognostizieren, wie sich eine Baustelle auf den Verkehrsfluss, die Versorgungssicherheit, die Emissionsbelastung und die Lebensqualität auswirken wird. Auf dieser Basis werden Fahrpläne generiert, die sowohl kurzfristige Störungen als auch langfristige Wartungszyklen berücksichtigen – und diese kontinuierlich an die aktuelle Lage anpassen.

Eine besondere Herausforderung ist die Integration von externen Einflussfaktoren. Baustellenplanung im urbanen Raum ist immer auch eine Frage der Resilienz gegenüber unvorhersehbaren Ereignissen. Extreme Wetterlagen, Pandemien, Materialengpässe oder gesellschaftliche Proteste können Planungsszenarien binnen Stunden obsolet machen. Moderne KI-Systeme reagieren darauf mit adaptiven Algorithmen, die nicht nur historische Daten auswerten, sondern auch Echtzeitinformationen aus sozialen Medien, Wetterdiensten oder Verkehrsmeldungen einbeziehen. Dadurch entsteht eine neue Qualität der Planungsrobustheit, die klassische Methoden schlicht nicht bieten können.

All dies funktioniert nur, wenn die Datenqualität stimmt. Fehlerhafte, veraltete oder unvollständige Daten gefährden die Zuverlässigkeit der KI-basierten Fahrpläne. Deshalb investieren führende Städte und Netzbetreiber zunehmend in Datenmanagement, Standards und Governance-Strukturen. Nur wenn alle Beteiligten bereit sind, relevante Daten zu teilen und zu pflegen, kann die KI ihr volles Potenzial entfalten – und die Stadt zur intelligenten Baustelle machen.

Praxis und Perspektive: Wie KI-basierte Baustellenfahrpläne die Stadtentwicklung transformieren

In der Praxis zeigt sich das Potenzial KI-gestützter Baustellenplanung besonders deutlich an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Akteursgruppen. Ein Beispiel liefert die Stadt Zürich, wo ein zentrales Koordinationssystem alle geplanten Baustellen, Verkehrseinschränkungen und Versorgungsmaßnahmen in einem digitalen Zwilling abbildet. Die KI analysiert kontinuierlich die Konfliktpotenziale, schlägt Umplanungen oder Zusammenlegungen vor und informiert automatisch alle betroffenen Bereiche – vom Tiefbauamt über die Polizei bis zum öffentlichen Nahverkehr. Das Ergebnis: Deutlich weniger Grabungen, kürzere Bauzeiten und weniger Stau.

Auch Wien setzt auf KI, um die Modernisierung der Fernwärme- und Wassernetze zu orchestrieren. Hier werden die Auswirkungen von Baustellen nicht nur auf den Verkehr, sondern auch auf die Luftqualität, den Energieverbrauch und das Stadtklima simuliert. Die KI kann Szenarien berechnen, in denen bestimmte Maßnahmen gebündelt, verschoben oder anders priorisiert werden, um die Belastungen für Anwohner, Pendler und Umwelt zu minimieren. So werden Infrastrukturprojekte nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer vernetzten, nachhaltigen Stadtentwicklung verstanden.

Ein weiteres Beispiel kommt aus Hamburg, wo die Integration von Baustellenplanung mit Bürgerbeteiligungsplattformen neue Wege der Partizipation eröffnet. Über digitale Zwillinge können Bürger nicht nur den aktuellen Stand von Baustellen einsehen, sondern auch Rückmeldungen zu Lärm, Verkehrsführung oder Sicherheitsaspekten geben. Die KI wertet diese Rückmeldungen aus und kann Vorschläge für Anpassungen an den Baustellenfahrplänen generieren – ein Fortschritt für Transparenz und Akzeptanz.

In der Schweiz wiederum experimentieren Städte wie Basel und Lausanne mit KI-basierten Systemen, die die Wartung und Erneuerung von Wassernetzen automatisiert priorisieren. Die Algorithmen bewerten Zustandsdaten der Leitungen, historische Schadensmeldungen und geplante Bautätigkeiten, um optimale Zeitpunkte für Eingriffe zu bestimmen. Das reduziert nicht nur Kosten und Risiken, sondern schont auch Ressourcen und minimiert Eingriffe in den öffentlichen Raum.

Überall dort, wo KI-basierte Baustellenfahrpläne zum Einsatz kommen, verändert sich die Rolle des Planers grundlegend. Aus dem klassischen Koordinator wird ein Datenmanager, Moderator und strategischer Entscheider. Die Fähigkeit, KI-gestützte Werkzeuge zu nutzen, Daten zu interpretieren und Stakeholder einzubinden, wird zum zentralen Erfolgsfaktor. Wer diese Entwicklung verschläft, verliert nicht nur Anschluss, sondern riskiert Ineffizienz, Kostenexplosionen und Akzeptanzprobleme.

Herausforderungen und Risiken: Datenschutz, Governance und algorithmische Verantwortung

So verheißungsvoll die Möglichkeiten KI-basierter Baustellenfahrpläne auch sind – sie werfen eine Reihe komplexer Fragen auf. Im Mittelpunkt steht der Datenschutz. Die Verarbeitung großer Mengen personenbezogener und betrieblicher Daten macht es unerlässlich, klare Regeln für Zugriff, Speicherung und Nutzung zu definieren. Gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Sensibilität für Datenschutz hoch, und Versorgungsunternehmen sind gut beraten, frühzeitig transparente Standards zu etablieren. Andernfalls drohen nicht nur rechtliche Risiken, sondern auch ein massiver Vertrauensverlust bei Bürgern und Partnern.

Ein weiteres Problemfeld betrifft die Governance. Wer steuert die KI-Systeme? Wer hat das letzte Wort bei kritischen Entscheidungen – der Algorithmus, der Planer, die Verwaltung oder die Politik? Ohne klare Verantwortlichkeiten droht die Gefahr, dass Entscheidungsprozesse intransparent werden oder sich Verantwortlichkeiten verschieben. Um dem vorzubeugen, setzen viele Städte auf offene, nachvollziehbare Plattformen, die alle Schritte dokumentieren und eine Rückverfolgung von Entscheidungen ermöglichen. Diese Transparenz ist nicht nur ein Gebot der Demokratie, sondern auch ein Schutzmechanismus gegenüber Fehlentscheidungen und Manipulationen.

Algorithmische Verzerrungen stellen eine weitere Herausforderung dar. KI ist nur so objektiv wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Wenn bestimmte Stadtteile, Bevölkerungsgruppen oder Infrastrukturen in den Trainingsdaten unterrepräsentiert sind, drohen systematische Benachteiligungen. Um dem entgegenzuwirken, ist es wichtig, die Datenbasis regelmäßig zu überprüfen, Algorithmen auf Fairness zu testen und unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Nur so kann die KI zu einem Werkzeug gerechter Stadtentwicklung werden.

Kritisch ist auch die Gefahr der Kommerzialisierung. Wenn zentrale Plattformen und Daten von wenigen großen Unternehmen kontrolliert werden, geraten Städte in eine Abhängigkeit, die mit dem Anspruch auf Souveränität und Gemeinwohlorientierung kaum vereinbar ist. Daher setzen viele Kommunen auf offene Standards, Open-Source-Lösungen und Public-Private-Partnerships, die eine ausgewogene Kontrolle sichern. Die Debatte um Smart-City-Plattformen zeigt: Digitale Infrastruktur muss als kritische Daseinsvorsorge verstanden und entsprechend reguliert werden.

Schließlich bleibt die kulturelle Herausforderung: Der Wandel von einer statischen, abteilungsgetriebenen Planungskultur hin zu einer dynamischen, datengetriebenen Steuerung ist kein Selbstläufer. Er erfordert Mut, Offenheit und kontinuierliche Qualifizierung. Planer müssen lernen, mit Unsicherheiten umzugehen, Fehler zu akzeptieren und permanent dazuzulernen – eine Denkweise, die in der klassischen Verwaltung oft noch ungewohnt ist. Doch nur wer sich auf diesen Wandel einlässt, kann die Chancen der KI-gestützten Baustellenfahrpläne voll ausschöpfen und die Stadtentwicklung aktiv gestalten.

Fazit: Echtzeitplanung mit KI – die Baustelle als urbanes Labor der Zukunft

Die Integration von Künstlicher Intelligenz in die Baustellenplanung markiert einen Wendepunkt für die Entwicklung urbaner Versorgungsnetze. Was heute als Pilotprojekt beginnt, wird schon morgen zum Standard intelligent gesteuerter Städte. KI-basierte Fahrpläne machen aus der Baustelle einen transparenten, flexiblen und lernenden Prozess, der Effizienzgewinne, Ressourcenschonung und Bürgerbeteiligung in Einklang bringt. Sie verwandeln klassische Planungsprozesse in eine dynamische Choreografie, in der alle Akteure Daten teilen, gemeinsam Lösungen entwickeln und flexibel auf Herausforderungen reagieren können.

Doch dieser Fortschritt ist kein Selbstläufer. Er verlangt nach klaren Regeln, fairer Governance und einer neuen Planungskultur, die Offenheit, Beteiligung und Verantwortungsbewusstsein in den Mittelpunkt stellt. Datenschutz, algorithmische Transparenz und der Schutz vor Kommerzialisierung sind die Leitplanken, an denen sich die Entwicklung orientieren muss. Nur so kann die KI ihr Potenzial entfalten, ohne zum Risiko für Demokratie und Gemeinwohl zu werden.

Für Planer, Netzbetreiber und Stadtverwaltungen gilt: Die Zeit des Abwartens ist vorbei. Wer jetzt in Datenqualität, technische Infrastruktur und interdisziplinäre Zusammenarbeit investiert, wird die urbanen Herausforderungen der Zukunft meistern – und kann die Baustelle als urbanes Labor neu erfinden. Die Stadt wird zum lernenden System, in dem Baustellen nicht mehr Störung, sondern Chance sind. Willkommen im Zeitalter der Echtzeitplanung – wo KI nicht nur Baustellen steuert, sondern Stadtentwicklung neu denkt.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.