Künstliche Intelligenz berechnet Erreichbarkeit – was sagt der Algorithmus zur 15-Minuten-Stadt?

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Dynamischer Großstadtverkehr neben beeindruckenden Hochhäusern, fotografiert von Bin White

Künstliche Intelligenz und Erreichbarkeit – das klingt nach Silicon-Valley-Dystopie oder nach Marketing-Blabla. Doch in der Realität deutscher Städte wächst ein neues, unsichtbares Netz: Algorithmen berechnen, wie Menschen sich bewegen, wo sie leben, arbeiten, entspannen – und wie die berühmte 15-Minuten-Stadt tatsächlich funktioniert. Wer wissen will, wie KI den Traum von kurzen Wegen, lebendigen Quartieren und nachhaltiger Stadtplanung herausfordert, muss jetzt genauer hinschauen. Willkommen in der Ära der datengetriebenen Stadtgestaltung, wo der Algorithmus Stadtbilder zeichnet, die Planer bislang nur erträumt haben.

  • Was bedeutet Erreichbarkeit im Kontext der 15-Minuten-Stadt und wie kann künstliche Intelligenz sie neu definieren?
  • Welche Datenquellen und Algorithmen werden für KI-basierte Erreichbarkeitsanalysen genutzt?
  • Wie verändern KI und digitale Stadtmodelle die tägliche Praxis von Stadtplanung und Landschaftsarchitektur?
  • Konkrete Praxisbeispiele aus deutschen, österreichischen und internationalen Städten: Was funktioniert, was nicht?
  • Chancen für nachhaltige Mobilitätskonzepte, soziale Teilhabe und klimaresiliente Infrastrukturen.
  • Risiken algorithmischer Verzerrung: Wer profitiert, wer verliert, wenn KI die Wege in der Stadt neu sortiert?
  • Governance, Transparenz und die Rolle der Kommunen in der Ära der KI-gestützten Stadtentwicklung.
  • Potenzial für Planer: Schnelle Szenarienentwicklung, partizipative Planung und smartere Quartiersgestaltung.
  • Fazit: Warum echte Erreichbarkeit mehr ist als nur ein Algorithmus – und was Planer aus den neuen Möglichkeiten lernen sollten.

Die 15-Minuten-Stadt im Visier der künstlichen Intelligenz: Ideale, Leitbilder, Realitäten

Die 15-Minuten-Stadt ist das urbane Ideal unserer Zeit – und zugleich eine der größten planerischen Herausforderungen. Im Kern steht die Vision, dass alle wichtigen Ziele des Alltags in maximal einer Viertelstunde zu Fuß oder per Fahrrad erreichbar sind: Arbeit, Schule, Einkauf, Gesundheit, Freizeit, Grünflächen. Dieses Konzept, populär gemacht von Carlos Moreno und in Städten wie Paris, Barcelona oder Mailand mit urbanen Experimenten befeuert, hat auch den deutschsprachigen Raum längst erreicht. Doch während der Begriff in politischen Leitbildern und städtebaulichen Wettbewerben omnipräsent ist, bleibt die Umsetzung oft vage. Denn was bedeutet „Erreichbarkeit“ wirklich? Und wie misst man sie jenseits von bunten Kreisen auf dem Stadtplan?

Genau hier betritt künstliche Intelligenz die Bühne. Mit ihrer Fähigkeit, riesige Mengen heterogener Daten zu analysieren, Mobilitätsmuster in Echtzeit zu erkennen und komplexe Wechselwirkungen zwischen Infrastruktur, Nutzungen und Menschenverhalten zu simulieren, bietet sie einen neuen Ansatz für das alte Problem der Erreichbarkeit. Statt statischer Zonenmodelle oder linearer Wegstreckenberechnungen verspricht KI dynamische, kontextsensitive Analysen. Sie kann nicht nur „Wie weit ist es zum nächsten Supermarkt?“ beantworten, sondern auch „Wie verändert sich die Erreichbarkeit, wenn sich die Bewohnerstruktur ändert, der Bus ausfällt oder ein neuer Park eröffnet?“.

Die Erwartungen sind hoch, insbesondere weil viele klassische Methoden der Stadtplanung an ihre Grenzen stoßen. GIS-gestützte Isochronenkarten, Fahrzeit-Cluster und einfache Distanzen sind hilfreich, aber sie unterschlagen oft die Realität urbaner Komplexität: soziale Heterogenität, tageszeitabhängige Nutzungsmuster, Ereignisse wie Baustellen oder Wetterereignisse, die Verfügbarkeit von Sharing-Angeboten oder gar die subjektive Sicherheitswahrnehmung auf bestimmten Wegen. Hier verspricht KI Abhilfe – durch lernende Algorithmen, Mustererkennung und adaptive Simulationen, die das urbane Leben in all seiner Vielschichtigkeit abbilden.

Doch gerade im deutschsprachigen Raum trifft der KI-Einsatz auf Skepsis und hohe Ansprüche. Die Frage ist nicht nur, ob die Technik funktioniert. Sie lautet auch: Wer definiert die Ziele, wessen Daten werden genutzt, und wer profitiert letztlich von den algorithmisch erzeugten Stadtbildern? Die Debatte um die 15-Minuten-Stadt wird so zur Debatte über Macht, Teilhabe und die Zukunft städtischer Lebensqualität. Künstliche Intelligenz kann hier zum Türöffner werden – oder zum neuen Flaschenhals.

Eine wesentliche Erkenntnis ist: Die 15-Minuten-Stadt ist kein Selbstzweck und keine universale Lösung. Sie ist ein dynamisches Leitbild, das von den Rahmenbedingungen, der Raumstruktur und den Bedürfnissen der Bewohner abhängt. KI kann hier helfen, lokale Unterschiede sichtbar zu machen, Szenarien durchzuspielen und so eine quartiersspezifische, resiliente Planung zu ermöglichen. Doch ohne transparente, partizipative Steuerung bleibt sie ein technokratisches Werkzeug – und verfehlt das eigentliche Ziel: eine gerechte, nachhaltige und lebenswerte Stadt für alle.

Daten, Algorithmen, Modelle: Wie KI die Erreichbarkeit neu berechnet

Um zu verstehen, wie künstliche Intelligenz Erreichbarkeit im Sinne der 15-Minuten-Stadt analysiert, lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen der Daten- und Modelllandschaft. Zunächst einmal: Der klassische Ansatz, Entfernungen als Luftlinie oder Fahrzeiten mit dem Auto zu messen, ist längst passé. Moderne KI-Systeme nutzen eine Vielzahl von Datenquellen – von OpenStreetMap, amtlichen Geodaten, Mobilfunkdaten, ÖPNV-Fahrplänen und Echtzeitverkehrsdaten bis hin zu anonymisierten Bewegungsprofilen aus Smartphone-Apps. Hinzu kommen Informationen zu Infrastruktur, Nutzungsmischung, Barrierefreiheit, Grünflächen, sozialräumlichen Indikatoren und vielem mehr. Das Ergebnis ist ein multidimensionaler Datenraum, der die Stadt in ihrer ganzen Komplexität abbildet.

Der eigentliche Clou sind die Algorithmen. Maschinelles Lernen, Deep Learning und agentenbasierte Modellierung kommen zum Einsatz, um Muster im Mobilitätsverhalten zu erkennen, alternative Wege zu simulieren und die Wirkung von Maßnahmen vorauszuberechnen. Ein Beispiel: KI-Modelle können Vorhersagen treffen, wie sich die Eröffnung eines neuen Quartierszentrums auf die Wegeketten der Anwohner auswirkt. Sie können Staus antizipieren, die Auswirkungen von Pop-up-Radwegen auf den Modal Split berechnen oder die Erreichbarkeit medizinischer Versorgung unter verschiedenen Wetterbedingungen simulieren. Besonders spannend ist die Fähigkeit, Szenarien zu generieren: Was passiert, wenn ein Busnetz umgestellt, ein Sharing-Angebot eingeführt oder eine Straße für den Autoverkehr gesperrt wird?

Neben der reinen Distanzmessung wird zunehmend mit sogenannten Erreichbarkeitsindizes gearbeitet. Diese Indizes gewichten verschiedene Ziele (zum Beispiel Kita, Supermarkt, Park, Arzt) nach subjektiver oder gesellschaftlicher Relevanz und kombinieren die tatsächliche Erreichbarkeit mit Faktoren wie Aufenthaltsqualität, Sicherheit oder sozialer Teilhabe. KI kann diese Indizes dynamisch anpassen, etwa indem sie Feedback aus Bürgerbeteiligungsplattformen einbezieht oder auf geänderte Rahmenbedingungen reagiert. So entstehen Stadtmodelle, die nicht nur objektive Strukturen abbilden, sondern auch subjektive Wahrnehmungen und soziale Präferenzen integrieren.

Ein weiteres zentrales Element sind die digitalen Stadtzwillinge, die als Daten- und Simulationsplattformen fungieren. Sie ermöglichen es, KI-gestützte Analysen direkt in die Planungsprozesse einzubinden und in Echtzeit auf Veränderungen zu reagieren. In Städten wie Wien oder Zürich sind solche Plattformen bereits im Einsatz: Dort werden Mobilitätsströme, Infrastrukturauslastungen und Umweltfaktoren kontinuierlich erfasst, ausgewertet und in Entscheidungsprozesse eingespeist. Die Planer erhalten so ein Werkzeug, das weit über klassische Karten und Modelle hinausgeht – und in der Lage ist, komplexe Wechselwirkungen transparent zu machen.

Doch die Technik hat auch ihre Tücken. Algorithmen sind nicht neutral: Sie reproduzieren die Annahmen, die in ihre Modelle eingeflossen sind, und sie sind anfällig für Verzerrungen durch unvollständige oder fehlerhafte Daten. Wer nur die Wege der Berufspendler misst, ignoriert die Bedürfnisse von Kindern, Senioren oder Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. Wer nur Fahrzeiten zählt, verliert die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums aus dem Blick. Deshalb ist es zentral, die Algorithmen offen zu legen, sie kontinuierlich zu evaluieren – und die Ergebnisse kritisch zu reflektieren.

Praxisbeispiele und Lessons Learned: Was KI-basierte Erreichbarkeitsanalysen wirklich leisten

Theorie ist das eine, Praxis das andere – und oft der härtere Prüfstein für neue Technologien. In deutschen und internationalen Städten gibt es bereits eine Reihe spannender Experimente und Anwendungen, die zeigen, wie KI die Erreichbarkeit realer Quartiere analysiert und verbessert. In Berlin etwa nutzt das CityLAB im Rahmen verschiedener Modellprojekte KI-gestützte Analysen, um Versorgungslücken und Mobilitätsbarrieren im Bezirk Neukölln sichtbar zu machen. Dabei werden nicht nur klassische Infrastrukturdaten, sondern auch anonymisierte Bewegungsdaten und Ergebnisse aus Bürgerbeteiligungen verarbeitet. Das Ziel: Erreichbarkeit nicht als starres Raster, sondern als dynamisches Geflecht zu erfassen – und so gezielt Maßnahmen für bessere Nahversorgung, sichere Wege oder neue Aufenthaltsqualitäten zu entwickeln.

In Wien arbeitet die Stadtentwicklung mit digitalen Zwillingen, um die Auswirkungen neuer Schulstandorte, Gesundheitseinrichtungen oder Grünachsen auf die Erreichbarkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen zu simulieren. Besonders wichtig ist dabei die Integration von Echtzeitdaten zu ÖPNV, Sharing-Angeboten und Fußgängerverkehr. Das Ergebnis: Die Stadt kann gezielt Quartiere identifizieren, in denen die 15-Minuten-Idee bislang nicht greift – und dort gezielte Verbesserungen initiieren. Ein Highlight: Die Simulation von „Hitzeinseln“ und die gezielte Platzierung von Grünflächen, um vulnerable Gruppen innerhalb kurzer Wege zu schützen.

Auch in Zürich und Basel werden KI-Modelle genutzt, um die Auswirkungen neuer Mobilitätsangebote auf Erreichbarkeit und soziale Teilhabe zu untersuchen. Gerade die Schweizer Städte setzen dabei auf hohe Transparenz und Bürgerbeteiligung: Die Ergebnisse der Analysen werden offen kommuniziert, und die Modelle sind so gestaltet, dass Rückmeldungen aus der Bevölkerung direkt in Szenarien-Adjustierungen einfließen. Das schafft Vertrauen – und sorgt dafür, dass die technischen Potenziale der KI tatsächlich den Bedürfnissen vor Ort dienen.

International lohnt ein Blick nach Barcelona, wo der „Superblock“-Ansatz mit KI-basierten Analysen kombiniert wird. Dort werden Straßennetz, Nutzungen und Mobilitätsströme so optimiert, dass möglichst viele Bewohner ihre täglichen Ziele in wenigen Minuten erreichen – und gleichzeitig Lärm, Schadstoffe und Verkehrsaufkommen minimiert werden. Die KI-Modelle helfen dabei, Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen und verschiedene Varianten zu testen, bevor teure Umbauten erfolgen.

Die wichtigste Lehre aus diesen Projekten: KI-basierte Erreichbarkeitsanalysen sind kein Selbstläufer. Sie entfalten ihr Potenzial nur, wenn sie in ein umfassendes Governance- und Beteiligungskonzept eingebettet werden. Datenqualität, Transparenz und die kontinuierliche Überprüfung der Ergebnisse sind entscheidend. Und: Die besten Algorithmen nutzen wenig, wenn die Planungsprozesse nicht offen für neue Erkenntnisse und flexible Anpassungen sind.

Chancen, Risiken und die neue Rolle der Planer: Was bleibt, was kommt?

Die Integration künstlicher Intelligenz in die Erreichbarkeitsanalyse eröffnet der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur enorme neue Möglichkeiten. Schnelle Szenarienentwicklung, simulationsbasierte Entscheidungsfindung und die Möglichkeit, komplexe Wechselwirkungen transparent zu machen, sind nur einige der Vorteile. Für Planer bedeutet das: Sie können gezielter steuern, wo neue Quartierszentren entstehen, wie Mobilitätsangebote weiterentwickelt werden oder welche Flächen für soziale Infrastruktur priorisiert werden sollten. Die Planungsprozesse werden schneller, adaptiver, datengetriebener – und potenziell auch gerechter, wenn die richtigen Leitplanken gesetzt werden.

Doch mit der neuen Technik kommen auch neue Herausforderungen. Algorithmen sind mächtig, aber nicht unfehlbar. Wer sie ungeprüft einsetzt, läuft Gefahr, bestehende Ungleichheiten zu verstärken oder neue blinde Flecken zu schaffen. Besonders kritisch ist die Frage, wer die Kontrolle über Daten und Modelle hat. Städte und Kommunen müssen in der Lage sein, die verwendeten Algorithmen zu verstehen, zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Dafür braucht es nicht nur technisches Know-how, sondern auch eine neue Planungskultur, in der Offenheit, Reflexion und partizipative Steuerung zentrale Rollen spielen.

Ein weiteres Risiko liegt in der Kommerzialisierung der Stadtmodelle. Wenn private Plattformanbieter oder Tech-Konzerne die Infrastruktur für KI-basierte Stadtplanung bereitstellen, besteht die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessen die Ziele der öffentlichen Daseinsvorsorge überlagern. Deshalb ist es wichtig, auf offene Standards, Datenhoheit und gemeinwohlorientierte Plattformen zu setzen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Potenziale der KI tatsächlich der Verbesserung urbaner Lebensqualität dienen – und nicht nur der Effizienzsteigerung oder Profitmaximierung.

Für Planer und Landschaftsarchitekten eröffnet sich damit eine neue Rolle: Sie werden zu Vermittlern zwischen Technik, Politik und Gesellschaft. Sie müssen nicht nur wissen, wie KI-Modelle funktionieren, sondern auch, wie man deren Ergebnisse kritisch hinterfragt und in partizipative Prozesse übersetzt. Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen, wird ebenso wichtig wie das klassische Entwerfen und Gestalten. Gleichzeitig bleibt die zentrale Aufgabe bestehen: Räume zu schaffen, in denen Menschen gerne leben, arbeiten und sich begegnen – auch, wenn der Algorithmus vielleicht andere Wege vorschlägt.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Erreichbarkeit immer ein Aushandlungsprozess bleibt – zwischen räumlichen Strukturen, sozialen Bedürfnissen und technischen Möglichkeiten. Und was kommt? Eine neue Phase der Stadtplanung, in der KI und menschliche Expertise Hand in Hand gehen. Wer diese Chance nutzt, kann die 15-Minuten-Stadt von der Vision zur gelebten Realität machen.

Fazit: KI, Erreichbarkeit und die 15-Minuten-Stadt – mehr als ein Algorithmus

Künstliche Intelligenz revolutioniert die Erreichbarkeitsanalyse und eröffnet neue Horizonte für die Planung der 15-Minuten-Stadt. Sie macht sichtbar, was klassische Methoden oft verborgen lassen: die Dynamik, Vielschichtigkeit und Subjektivität urbaner Wege und Nutzungen. Doch der Algorithmus ist kein Allheilmittel – er ist ein Werkzeug, das mit Umsicht, Transparenz und kritischer Reflexion eingesetzt werden muss. Die besten Ergebnisse entstehen dort, wo KI, partizipative Prozesse und planerische Expertise ineinandergreifen. Wer Erreichbarkeit wirklich neu denken will, muss bereit sein, alte Routinen zu hinterfragen, neue Datenquellen zu erschließen und die Menschen ins Zentrum der Technik zu stellen. Die Stadt der Zukunft wird nicht nur von Algorithmen berechnet, sondern auch von mutigen Planern gestaltet, die den Wandel aktiv begleiten. Nur so kann die 15-Minuten-Stadt mehr werden als ein Leitbild – nämlich gelebte urbane Realität, in der alle ihren Platz finden.

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Schmalkalder Bürger als Bodenbelag-Experte

Die Gestaltung der Innenstadt Schmalkaldens von terra.nova war eins der wichtigsten Naturstein-Projekte der letzten Jahre. In der Fachwerkstadt im Süden Thüringens wurden in den vergangenen zehn Jahren rund 21 000 Quadratmeter Naturstein verlegt. Das Projekt kommt nun zum Abschluss und dank eines übergreifenden Konzepts fügt sich alles zusammen. 


Schmalkalden hat eine bewegte Geschichte. Das sieht Stadtplaner Peter Wich schon, als er sich das erste Mal das Luftbild anschaut: Der historische Stadtkern ist im Mittelalter wild gewachsen. Straßen, Gassen und Gebäude entstanden einfach als Antwort auf den jeweiligen Bedarf. Als die Stadt 2002 über ein Wettbewerbsverfahren die Gestaltung des öffentlichen Raums in der Altstadt ausschreibt, ist dem Gründer von terra.nova Landschaftsarchitektur deshalb schnell klar: Dieses Projekt wird für sein Büro ein besonderes, wenn er es gewinnt.

Und tatsächlich überzeugt sein Ansatz die Wettbewerbs-Jury. Wich greift darin die städtebauliche Entwicklung auf, die er schon auf dem Luftbild gesehen hat. Diese teilt sich in zwei wesentliche Phasen: die Entstehung der Alt- und der Neustadt. Er sieht als Bodenbelag überall Natursteinpflaster vor. Das soll auch Stadtgeschichte sichtbar machen: Das eingesetzte Pflaster in Alt- und Neustadt unterscheidet sich in Farbe und Verbandgestaltung und definiert so die beiden Stadtbereiche. Generell, so Wich, galt es „diese geschichtsträchtige Stadt, die durch ihr Fachwerk schon wahnsinnig reich an Elementen ist, nicht zu überformen, sondern ein ruhiges und zugleich differenziertes Erscheinungsbild zu gestalten.“

Bevor er und sein Team anfangen, ein detailliertes Gestaltungskonzept zu entwickeln, nimmt er sich gemeinsam mit dem Weimarer Planungsbüro PAD Zeit für eine detaillierte Analyse des bestehenden Stadtbodens. Es geht darum, wo in früherer Zeit welche Materialien verlegt wurden – und das verwendete Material möglichst wieder aufzugreifen. Nicht überall ist das leicht zu erkennen. In Schmalkaldens Straßen wurden in der DDR-Zeit teilweise großformatig Kunststeinplatten über bestehendes Pflaster verlegt. Später, der Überfahrbarkeit und besseren Begehbarkeit wegen, asphaltierte man Verkehrsstraßen noch mit Schwarzdecke. Besonders das Wissen eines Schmalkalder Bürgers ist neben den Archiv-Unterlagen wertvoll, erinnert sich Wich: „Der Geologe hatte sich intensiv mit dem Thema Natursteine in der Schmalkalder Altstadt befasst und kannte die petrographische Zuordnung. Er konnte auch sagen, aus welchen Steinbrüchen der Region diese Pflastersteine kamen. Die meisten davon waren leider längst stillgelegt.“

90 Prozent skandinavischer Naturstein

Ausgehend von den historischen Belägen entwickelt terra.nova ein Gesamtbodenkonzept für Schmalkalden. Das Konzept berücksichtigt auch die städtebaulichen Entwicklungsstufen. Abgestimmt mit der Denkmalbehörde und dem Landesverwaltungsamt in Weimar grenzt es mögliche Belags-Materialien farbig und in Sachen Oberflächenbearbeitung ein. „Die Herausforderung bestand darin, Naturstein in passender Farbigkeit zu finden. Der Naturstein muss allerdings den heutigen Anforderungen an Witterungsbeständigkeit und Überfahrbarkeit entsprechen“, so Wich. Diese Anforderung sowie finanzielle Aspekte begründen, dass in der Umsetzung der ersten drei Bauabschnitte zu 90 Prozent skandinavischer Naturstein verbaut wurde, zu geringem Anteil auch chinesischer.

Das Material ähnelt petrographisch und farblich sehr den damals verwendeten, heimischen Basalt-, Diabas-, Sandstein- und Konglomeratgesteinsarten. Ein rötliches Material, bestehend aus ortstypischem Fambacher Buntsandstein, ist beispielsweise sehr witterungsanfällig. Es wurde deshalb durch ein nahezu gleichfarbiges Quarzit-Material aus Skandinavien ersetzt. Die Planer haben aber, betont Wich, wo immer es möglich war, vorhandenes oder von der Stadt eingelagertes Material wiederverwendet. Das machte schon aus ökologischen Gründen Sinn.

Wilder Verband in der Altstadt, geordneter Reihenverband in der Neustadt

Schmalkaldens Altstadtkern, willkürlich entstanden, unregelmäßig und verwinkelt gewachsen, gruppiert sich um die Stadtkirche. Straßen und Plätze mit unterschiedlichen Raumprofilen wechseln sich ab. Dort lässt terra.nova einen Teppich aus einer Mischung braun-rotbrauner Granite und Granodiorite mit gesägt-geflammter Oberfläche in wildem Verband verlegen. Den trapezförmigen Altmarkt hebt Wich dabei als zentralen Ort des öffentlichen Lebens mit einem Rahmen aus feinkörnigen Granit-Natursteinplatten hervor. Rund um die Stadtkirche macht der Belag ein Stück Geschichte Schmalkaldens sichtbar. „Dort liegt heute ein wiedereingebautes Lesepflaster, das wir sortieren und nachbehauen ließen und das bei archäologischen Grabungen entdeckt wurde“, so Wich.

Die Neustadt dagegen, bereits angelegt im regelmäßigem Stadtgrundriss, in geraden Straßen und orthogonaler Gestaltung, bekommt als Belag anthrazitfarbenen Granit und Granodiorit. Die Steine werden in geordnetem Reihenverband verlegt und haben ebenfalls eine gesägt-geflammte Oberfläche. Wich erklärt zum Konzept der Umgestaltung: „Durch die Materialentscheidung und die unterschiedliche Verlegeart in Alt- und Neustadt zeigen wir die unterschiedlichen Epochen, ohne dass Schmalkalden ‚auseinanderfällt‘. Wir wollen nicht eine Epoche in den Vordergrund stellen, sondern eben gerade die heutige Gesamterscheinung einer gewachsenen Stadt zeigen.“ Das Ergebnis wirkt stimmig und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis.

 

terra.nova weitestgehend zufrieden

Aktuell wird in Schmalkalden der fünfte Bauabschnitt umgesetzt: der Schlossberg. „Auch hier verwenden wir das wilde Pflaster, das wir vorgefunden haben, wieder. Es besteht aus Lesepflaster in rötlich bis rotbrauner bis basaltähnlicher Färbung. Verlegt in den Seitenbereichen wurde die historische Schlossauffahrt als Fahr- und Lauffläche mit einem Quarz-Porphyr im Netzverband hergestellt. Die Oberfläche ist eine Mischung aus geflammt und bruchrau um die historische Haptik zu erreichen und gleichzeitig gute Begehbarkeit zu gewährleisten“, erklärt Wich. Der sechste und letzte Bauabschnitt des Wettbewerbs wird sich drei Gassen widmen, die Richtung Neumarkt führen. 
terra.nova ist mit kleineren Einschränkungen zufrieden mit der bisherigen Entwicklung der umgestalteten Areale.

In Schmalkalden hat man jedoch nach der Umgestaltung teilweise ausschließliche Fußgängerbereiche in Verkehrsflächen umgewidmet und Fußgängerzonen aufgelöst. Deshalb kommt es zu lokalen Schäden des Pflasters, das wesentlich intensiver befahren wird als vorgesehen. Es handelt sich um ungebundenes Pflaster – zweimal jährlich wäre deshalb eine Fugenpflege durch Nachsplitten notwendig. Besonders in den Bereichen, die mit Straßenkehrmaschinen gereinigt werden, die nicht quer, sondern nach oben saugen. Um die dort fast bis zur Hälfte geleerten Fugen nicht zusätzlich zu destabilisieren, ist regelmäßige Pflege entscheidend. Leider sei diese ausdrückliche Empfehlung der Planer nicht berücksichtigt worden. „Solch punktuelle Schäden können sich ausweiten. Im Hinblick auf die Langlebigkeit der Bodenbeläge ist es essenziell, Pflegehinweise zu beachten“, so Wich.

Projekt Glücksfall für die Stadt

Mit der enormen Großflächigkeit des Projekts und der etappenweisen Umsetzung nach einem übergeordneten Gestaltungsprinzip ist Schmalkalden ein Glücksfall für die Stadtplanung. Wich wünscht sich derartige Gesamtbodenkonzepte auch für andere Städte. Meist hätten es die Planer mit kleineren Projekten und bereits begonnenen Umgestaltungsmaßnahmen zu tun. Im besten Fall ergäben aber auch viele kleine Flächen ein stimmiges Gesamtbild. Und: „Für ein Stadtbild sind gestalterische Vorgaben sehr gut, die über mehrere Politikperioden gelten.“ In Schmalkalden fügen sich die verwendeten Materialien auch in das Gesamterscheinungsbild der Altstadt ein. Sie orientieren sich am Material der historischen Treppen, Fenster- und Türgewände und Mauern.

In alten Städten ist es oft das Beste, die Historie als Ansatz zu nutzen, findet Wich: „So entsteht ein harmonischer Eindruck, der die Historie respektiert und nicht überformt.“ 
Naturstein als Belag sei dabei erste Wahl, weil sich Herstellung und Bearbeitungsweise 
stark verbessert hätten. Somit sei eine lange Nutzbarkeit gegeben. Auch die umfassenden technischen Richtlinien und die daraus resultierenden, notwendigen Belagsformate und Steindicken tragen dazu laut Wich bei. Vorbei sind die Zeiten, in denen Innenstädte mit Kleinpflaster verlegt und so zu dauernden Wackelkandidaten im Wortsinn wurden. „In Sachen Belag wünschen sich Städte ja eigentlich alle das gleiche: etwas Langlebiges ohne massiven Pflegeaufwand.“

Alle Fotos: Boris Storz

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Monatsthemas „Textur“ der Märzausgabe 2019 von Garten + Landschaft.

Der Superkilen in Kopenhagen ist gescheitert. Die Bürger in der Gesamtheit nutzen den Platz eher als Durchgangsraum statt zu verweilen, und das obwohl sie in den Planungsprozess durch Partizipation integriert waren – das ergibt eine langjährige Analyse von Studenten der Danish Institute for Study Abroad. Die Planer des Superkilen haben im Laufe des Entwurfs- und Entwicklungsprozesses die Bürger unter anderem gebeten, Artefakte aus ihren Herkunftsländern für den neuen Stadtplatz vorzuschlagen. Eine ganzheitliche Planung mit Co-Creation und Prototypen wäre ein Mittel gewesen, um die Akzeptanz für den Platz zu erhöhen.

Co-Creation

Co-Creation stammt ursprünglich aus der Wirtschaft, die in den 1990er Jahren begann, Konsumenten in den Entwicklungsprozess von Produkten einzubinden. Die Forschungsgruppe Leading Cities definiert Co-Creation in der Stadtentwicklung als „den aktiven Ideens- und Informationsfluss zwischen fünf Sektoren: Regierung, Wirtschaft, Wissenschaft, Non-Profit-Organisationen und Bürgern, die Teilhabe, Engagement und Entwicklung fördert.“

Was ist der Unterschied zu Bürgerbeteiligung? Bürgerbeteiligung ist für Planer ein Mittel um mehr über die Haltungen und Meinungen der Anwohner zu erfahren und neue Ideen zu entwickeln. Sie erhöhen die Akzeptanz für ein Projekt. Die Co-Creation bezieht hingegen von Anfang an die wichtigsten Sektoren der Gesellschaft gleichberechtigt ein.

Sie bietet daher für Bürger und Bürgerorganisationen eine bessere Möglichkeit, wirklich gehört zu werden und mehr Einfluss in Planungsprozesse zu gewinnen. Die Co-Creation betrachtet die Nutzer stärker als proaktive Bürger, denn als Konsumenten, und hat eher die langfristigen kulturellen Veränderungen und die gesamte Gemeinschaft, statt einzelner Benutzergruppen im Blick. Wo die Bürgerbeteiligung die Meinung der Bürger in ein bereits vorgeschriebenes Programm integrieren wollen, hilft Co-Creation den zukünftigen Nutzern, ihre eigenen Entscheidungen zu formen und durchzusetzen. Co-Creation ist im besten Sinne ein endloser Prozess, der Austausch zwischen den Beteiligten findet regelmäßig statt.

Von Co-Creation bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich. Die Öffentlichkeit liefert Input und fühlt sich gleichberechtigt, die Bürger fühlen sich ernst genommen. Sie werden ihre Lebensumgebung sehr viel aufmerksamer wahrnehmen. Die Regierung muss im Gegenzug sehr viel stärker auf die Bürger und die anderen Sektoren eingehen und reagieren. Sie spart im Gegenzug allerdings Kosten, denn es wird nur umgesetzt, was tatsächlich gebraucht und genutzt wird, das Risiko eines neuen Projekts ist dementsprechend gering.

Prototypen

In großen Design-Projekten wie dem Superkilen ist es enorm wichtig, die Ideen vorab zu testen, bevor sie ein fester Teil der Landschaft oder Stadt werden. Es ist ein langer Weg von der abstrakten Idee, Analyse und Bürgerbeteiligung bis hin zur konkreten Installation. Der Prototyp sollte als Lernwerkzeug verstanden werden, das im nächsten Schritt optimiert und verändert werden kann. Prototype sind ein demokratischer Weg, mit öffentlichem Raum umzugehen, sie verringern außerdem das Risiko eines gescheiterten Projekts und unnötigen Ausgaben.

Der ganzheitliche Ansatz

Vereint man die Co-Creation mit der Vorgehensweise der Prototypen, wird es leichter, die Potentiale eines Platzes auszuloten. Dieser ganzheitliche Ansatz führt zu nachhaltigeren und lebendigeren Plätzen in der Stadt. Der Superkilen jedoch mit einer Annahme gestartet, Co-Creation und Prototype hätten zu einem anderen Design geführt. Die Nutzer würden den Platz besser annehmen und ihn sich besser zu eigen machen. Vielleicht wäre auch eine kritischere Auseinandersetzung mit der Anfangsidee erreicht worden.

Die aktuelle Analyse des Platzes von Bianca Hermannsen lesen Sie hier.
Robert Schäfer besuchte den Superkilen 2012, direkt nach der Eröffnung. Seine Kritik zum neuen Stadtplatz in Kopenhagen lesen Sie hier.
Wie BIG zusammen mit den Anwohnern in deren Herkunftsländer reist, um Artefakte für den Superkilen auszuwählen, sehen Sie hier im Video.