Wo wird gesessen? KI analysiert Sitzverhalten im öffentlichen Raum

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Zwei Fahrräder stehen nebeneinander am Straßenrand geparkt – Foto von Dominik Ferl

Sitzen ist das neue Flanieren – zumindest für Künstliche Intelligenz. Wer wissen will, wo, wann und warum Menschen im öffentlichen Raum Platz nehmen, muss heute nicht mehr zählen, schätzen oder hoffen. Mithilfe von KI-gestützter Analyse wird das Sitzverhalten in Parks, auf Plätzen und an Haltestellen zum offenen Buch – und zur Grundlage smarter Stadtgestaltung. Was steckt hinter dem Hype um KI-basierte Auswertung von Sitzverhalten? Wer profitiert, wo liegen die Fallstricke – und wie weit ist die Praxis in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Ein Deep Dive für alle, die wissen wollen, wie aus Daten lebenswerte Städte werden.

  • Was bedeutet KI-gestützte Analyse des Sitzverhaltens und wie funktioniert sie technisch?
  • Warum ist das Wissen um Sitzorte und Sitzzeiten für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Kommunen so wertvoll?
  • Welche Methoden und Tools werden eingesetzt – von Computer Vision bis zu anonymisierten Sensordaten?
  • Wie werden Datenschutz, Akzeptanz und ethische Fragen in der Praxis gelöst?
  • Welche internationalen und deutschsprachigen Projekte zeigen die Potenziale und Grenzen der Technologie?
  • Wie kann KI zur Schaffung inklusiver, nutzerzentrierter und nachhaltiger öffentlicher Räume beitragen?
  • Was sind die Herausforderungen bei Implementierung, Auswertung und Governance solcher Systeme?
  • Wie verändert sich der Planungsprozess durch datenbasiertes Wissen über das Sitzverhalten?
  • Welche zukünftigen Entwicklungen sind absehbar – und wo ist Skepsis angebracht?

Sitzen im Fokus: Warum das Sitzverhalten im öffentlichen Raum für die Stadtentwicklung so relevant ist

Wer den öffentlichen Raum plant, denkt oft an Wege, Sichtbeziehungen, Begrünung und Aufenthaltsqualität. Doch ein scheinbar banaler Aspekt entscheidet maßgeblich darüber, ob ein Platz, ein Park oder eine Promenade tatsächlich belebt und angenommen wird: das Sitzen. Es geht nicht nur um die Anzahl der Bänke, sondern um deren Lage, Ausrichtung, Zugänglichkeit, Wetter- und Nutzungsbedingungen. Jahrzehntelang basierten Planungen auf Erfahrungswerten, Nutzerbefragungen oder gelegentlichen Zählungen. Doch diese Methoden sind subjektiv, oft lückenhaft und bilden nur einen punktuellen Ist-Zustand ab. Die Frage „Wo wird wirklich gesessen?“ blieb so häufig unbeantwortet – oder wurde mit Bauchgefühl beantwortet.

Das Sitzverhalten ist jedoch ein Seismograf für die Qualität und Nutzbarkeit öffentlicher Räume. Wer wo wie lange sitzt, verrät viel über Mikroklima, soziale Dynamiken, Sicherheitsempfinden und gestalterische Qualität. Ein Platz, der zwar architektonisch beeindruckt, aber niemals zum Verweilen einlädt, ist letztlich eine Fehlplanung. Umgekehrt können bereits kleine Interventionen – etwa die Umplatzierung einer Bank in den Schatten oder in Sichtweite zu Spielplätzen – große Wirkung entfalten. Für Planer, Kommunen und Investoren ist es daher von unschätzbarem Wert, Sitzmuster nicht nur zu vermuten, sondern empirisch zu erfassen, auszuwerten und in Planungsprozesse einzuspeisen.

Gerade in Zeiten des demografischen Wandels, zunehmender Hitzebelastung und wachsender sozialer Vielfalt wird das Wissen um Sitzgewohnheiten zum strategischen Asset. Es entscheidet über die Aufenthaltsqualität für Senioren, Jugendliche, Touristen oder Familien. Es beeinflusst die soziale Durchmischung und kann Barrieren – physisch wie sozial – sichtbar machen. Wer weiß, dass bestimmte Gruppen bestimmte Orte meiden oder bevorzugen, kann gezielt gegensteuern, Angebote schaffen oder Risiken minimieren. Städte wie Zürich, Kopenhagen oder Barcelona setzen daher längst auf eine detaillierte Analyse des Sitzverhaltens als Grundlage für adaptive und inklusive Stadtgestaltung.

Doch die klassische Beobachtung stößt an Grenzen. Niemand kann rund um die Uhr an allen Orten zählen, protokollieren oder befragen. Die Erfassung ist teuer, aufwändig und datenschutzrechtlich heikel, wenn sie auf individueller Ebene erfolgt. Hinzu kommt: Der öffentliche Raum ist dynamisch. Wetter, Tageszeit, Veranstaltungen oder Baustellen beeinflussen das Sitzverhalten ständig. Wer wirklich verstehen will, wie öffentliche Räume funktionieren, braucht daher flexible, skalierbare und möglichst objektive Methoden – und genau hier setzt die KI-gestützte Analyse an.

Die Bedeutung des Sitzens erschöpft sich jedoch nicht in der Nutzungsintensität. Sitzverhalten ist auch ein Indikator für Lebendigkeit, Integrationsfähigkeit und Resilienz urbaner Räume. Ein Platz, der bei Hitze leer bleibt, hat ein Mikroklimaproblem. Eine Bank, die nachts nicht genutzt wird, steht oft an einem Ort mit subjektivem Unsicherheitsgefühl. Wer diese Zusammenhänge erkennt, kann mit gezielten Gestaltungsmaßnahmen, Beleuchtung, Begrünung oder Aktivierung reagieren. Die Analyse des Sitzverhaltens ist damit kein Selbstzweck, sondern ein Schlüssel zu nachhaltiger, sozialer und zukunftsfähiger Stadtentwicklung.

KI, Sensorik und Computer Vision: Wie Sitzverhalten heute technisch erfasst und ausgewertet wird

Die technologische Revolution in der Erfassung des Sitzverhaltens begann mit der Verfügbarkeit kostengünstiger Sensoren, leistungsfähiger Kameras und fortschrittlicher Algorithmen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz. Während klassische Methoden noch auf manuelle Zählungen oder stichprobenartige Beobachtungen setzten, ermöglichen digitale Systeme heute eine kontinuierliche, weitgehend automatische Analyse – und das bei minimalem personellem Aufwand. Doch wie funktioniert das im Detail?

Im Zentrum stehen meist zwei Technologietracks: Zum einen die visuelle Erkennung mittels sogenannter Computer Vision, zum anderen die indirekte Erfassung durch smarte Sensorik. Bei der Computer Vision werden Kamerabilder in Echtzeit von Algorithmen ausgewertet, die Personen, Sitzpositionen und Bewegungsprofile erkennen. Moderne Deep-Learning-Modelle können dabei nicht nur zählen, sondern auch zwischen Sitzen, Stehen, Liegen und Gehen unterscheiden. Wichtig ist: In den meisten Projekten werden Gesichter und individuelle Merkmale automatisch verpixelt oder gar nicht erst erfasst, um die Privatsphäre zu schützen.

Die zweite Methode arbeitet mit Sensoren, die in Sitzmöbeln, Bodenplatten oder im städtischen Mobiliar integriert sind. Drucksensoren, Infrarot-Lichtschranken oder kapazitive Flächensensoren registrieren, wann und wie lange ein Platz besetzt ist. Vorteil: Es werden keine Bilddaten erhoben, sondern rein objektbezogene Nutzungsdaten. Nachteil: Die Installation ist aufwändiger, und die Sensorik muss regelmäßig gewartet werden. In besonders sensiblen Bereichen – etwa in Parks oder an Spielplätzen – ist diese Methode oft die bevorzugte Wahl.

Ein dritter Ansatz kombiniert Standortdaten aus Mobiltelefonen mit statistischen Analysen. Anonymisierte Bewegungsdaten erlauben Rückschlüsse auf Aufenthaltsdauern und -orte, ohne dass einzelne Personen identifizierbar sind. Auch hier steht der Datenschutz im Vordergrund: Die Auswertung erfolgt aggregiert, oft mit zusätzlichen Algorithmen zur Verfremdung der Daten. Die so gewonnenen Informationen bieten ein großflächiges Bild über das Nutzungsverhalten verschiedener Räume, leiden aber an geringerer Präzision bei der konkreten Sitzplatzauslastung.

Unabhängig von der Methode ist die Datenfusion entscheidend. Erst die Kombination verschiedener Quellen – etwa Wetterdaten, Veranstaltungskalender, Verkehrsdaten und Sensormessungen – erlaubt es, das Sitzverhalten im Kontext zu verstehen. Warum ist ein Platz am Vormittag beliebter als am Abend? Welche Rolle spielen Schatten, Lärm oder die Nähe zu Wasserflächen? KI-Modelle helfen, diese Zusammenhänge aufzudecken und in Algorithmen zu übersetzen, mit denen künftige Planungsszenarien simuliert werden können.

Die Auswertung erfolgt heute vielfach in Echtzeit. Dashboards für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten oder Kommunen visualisieren die Sitzplatzauslastung, Veränderungen über Tages- und Wochenverläufe sowie die Auswirkungen von Interventionen. Wer eine neue Baumreihe pflanzt, kann so binnen Wochen messen, ob sich die Aufenthaltsqualität tatsächlich verbessert. Diese Art von „Urban Analytics“ macht die Stadtplanung messbar, adaptiv und evidenzbasiert – eine Revolution gegenüber der klassisch-intuitiven Herangehensweise.

Zwischen Datenschutz, Akzeptanz und Governance: Herausforderungen bei der KI-basierten Sitzanalyse

So faszinierend die Möglichkeiten der KI-basierten Sitzanalyse sind, so komplex sind die Herausforderungen im Alltag. Datenschutz steht dabei ganz oben auf der Agenda. Gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Sensibilität der Bevölkerung für Überwachung und Datenmissbrauch hoch. Während in asiatischen Städten wie Singapur oder Seoul kamerabasierte Systeme mit Gesichtserkennung längst Standard sind, müssen Planer und Kommunen hierzulande deutlich höhere Hürden nehmen. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) schreibt vor, dass personenbezogene Daten nur mit Einwilligung oder auf klarer gesetzlicher Grundlage verarbeitet werden dürfen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Wahl der Technologie, die Gestaltung der Prozesse und die Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

Projekte in Berlin, Zürich oder München zeigen, dass Akzeptanz nur dann erreicht wird, wenn die Erhebung vollständig anonymisiert erfolgt, Kamerabilder nicht gespeichert und Auswertungen transparent kommuniziert werden. Bürgerbeteiligung und Aufklärung sind daher integraler Bestandteil erfolgreicher Projekte. Wer das Gefühl vermittelt, dass Sitzanalysen der Kontrolle oder Ausgrenzung dienen, riskiert Widerstand und negative Presse. Ein offener Umgang mit den Zielen, Methoden und Ergebnissen ist daher unerlässlich.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Governance der Daten. Wer betreibt die Systeme? Wem gehören die erhobenen Daten? Wer entscheidet über deren Nutzung? Während in Pilotprojekten häufig private Dienstleister oder Forschungseinrichtungen die technische Umsetzung übernehmen, besteht die Gefahr, dass wertvolle Daten in kommerzielle Hände gelangen oder nicht im Sinne der Allgemeinheit genutzt werden. Hier sind klare vertragliche und organisatorische Regelungen gefragt, die Datenhoheit und Nutzungstransparenz sicherstellen. Viele Kommunen setzen daher auf offene Datenplattformen („Open Urban Platforms“) und kooperative Modelle, bei denen die Stadt die Kontrolle behält und die Öffentlichkeit Einblick in die Datennutzung erhält.

Auch die technische Robustheit und Wartung der Systeme ist nicht zu unterschätzen. Sensoren müssen regelmäßig überprüft, Software aktualisiert und Fehlerquellen beseitigt werden. Gerade im rauen Klima oder bei Vandalismus können Ausfälle auftreten, die zu Datenlücken oder Fehlinterpretationen führen. Ein professionelles Monitoring und eine kontinuierliche Qualitätssicherung sind daher Pflicht – nicht Kür.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Skalierbarkeit und Übertragbarkeit der Systeme. Was im kleinen Pilotprojekt funktioniert, ist nicht automatisch im großen Maßstab machbar. Unterschiedliche städtische Kontexte, Budgetrestriktionen und rechtliche Rahmenbedingungen erschweren die flächendeckende Einführung. Hier zeigen sich die Unterschiede zwischen Vorreiterstädten wie Wien oder Zürich und Nachzüglern, die noch mit ersten Tests experimentieren. Doch eines ist klar: Ohne einen klaren strategischen Rahmen und eine langfristige Governance drohen Insellösungen, Datenfriedhöfe und Frustration bei allen Beteiligten.

Die ethische Dimension der KI-Analyse darf nicht unterschätzt werden. Algorithmen sind nie neutral – sie spiegeln die Annahmen, Trainingsdaten und Zielsetzungen ihrer Entwickler wider. Wer entscheidet, welche Muster als „wünschenswert“ gelten? Welche Interventionen folgen auf bestimmte Befunde? Die Gefahr eines technokratischen Bias ist real. Deshalb plädieren Experten für einen partizipativen Ansatz, der Fachwissen, Bürgerperspektive und technologische Kompetenz vereint. Nur so wird aus der Analyse des Sitzverhaltens ein Werkzeug für mehr – und nicht für weniger – urbane Demokratie.

Von der Theorie zur Praxis: Erfolgsprojekte, Learnings und Zukunftsperspektiven

Ein Blick auf konkrete Projekte zeigt, wie unterschiedlich KI-gestützte Sitzanalysen in der Praxis umgesetzt werden und welche Erkenntnisse sie liefern. In Zürich etwa startete die Stadt ein Pilotprojekt auf dem Sechseläutenplatz, einem der größten innerstädtischen Plätze Europas. Mithilfe von Bodensensoren und anonymisierten Kameras wurde über Monate das Sitz- und Aufenthaltsverhalten erfasst. Das Ergebnis: Bänke, die morgens im Schatten lagen, waren deutlich beliebter als solche in der prallen Sonne. Auch überraschend: Mobile Sitzmöbel wurden viel häufiger genutzt als fest installierte. Die Stadt reagierte, indem sie zusätzliche, flexibel verschiebbare Sitzgelegenheiten schuf – ein Erfolg, der sich direkt in den Nutzungszahlen niederschlug.

In Wien setzt das Stadtentwicklungsprojekt Aspern Seestadt auf eine umfassende Sensorik- und Datenplattform, die neben Verkehrsflüssen, Luftqualität und Lärmbelastung auch das Sitzverhalten auf öffentlichen Plätzen analysiert. Die Daten fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung der Freiräume ein. So konnten etwa sozial besonders exponierte Bereiche identifiziert und gezielt aufgewertet werden – etwa durch mehr Schatten, bessere Beleuchtung oder zusätzliche Spielangebote. Die Akzeptanz unter den Bewohnern ist hoch, weil die Maßnahmen sichtbar und nachvollziehbar auf echten Daten beruhen.

Auch in Deutschland entstehen zunehmend innovative Ansätze. In München wurde in einem Pilotprojekt im Westpark die Verknüpfung von Sensorik und Bürgerbeteiligung erprobt. Die Bewohner konnten nicht nur die Messergebnisse einsehen, sondern auch eigene Hinweise und Wünsche einbringen. Die Kombination aus objektiver Datengrundlage und subjektiver Erfahrung führte zu maßgeschneiderten Verbesserungen – etwa bei der Auswahl neuer Standorte für Bänke und Picknickflächen. Das Projekt zeigte: KI-Analyse und Partizipation schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich ideal.

Internationale Vorbilder wie Kopenhagen oder Melbourne gehen noch einen Schritt weiter. Dort werden die gewonnenen Daten nicht nur für die Planung, sondern auch für das laufende Management öffentlicher Räume genutzt. In Kopenhagen werden temporäre Sitzgelegenheiten je nach Auslastung umplatziert, in Melbourne steuert die Stadt in Echtzeit die Reinigung und Wartung der Sitzflächen. Das Ziel ist ein adaptiver, lernender öffentlicher Raum, der sich an die Bedürfnisse der Nutzer anpasst – und nicht umgekehrt.

Für die Zukunft zeichnen sich mehrere Trends ab. Erstens werden KI-Modelle immer präziser und können komplexere Zusammenhänge erkennen – etwa den Einfluss von Wetterumschwüngen, Veranstaltungen oder sozialen Netzwerken auf das Sitzverhalten. Zweitens wachsen die Systeme zusammen: Sitzanalysen werden mit Mobilitätsdaten, Klimadaten oder Sicherheitsanalysen verknüpft, um holistische Stadtmodelle zu schaffen. Drittens steigt die Erwartung an Transparenz, Beteiligung und ethische Standards. Wer hier frühzeitig investiert, verschafft sich einen Standortvorteil – nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich.

Fazit: KI-gestützte Sitzanalyse als Schlüssel für die lebenswerte Stadt von morgen

Die Analyse des Sitzverhaltens im öffentlichen Raum mag auf den ersten Blick wie ein Nischenthema wirken. Doch sie ist in Wahrheit ein Lackmustest für die Innovationskraft, Empathie und Zukunftsfähigkeit urbaner Planung. Künstliche Intelligenz, Sensorik und datenbasierte Auswertung ermöglichen es erstmals, den öffentlichen Raum aus Nutzerperspektive zu verstehen – und nicht nur aus Sicht von Planern oder Investoren. Die Potenziale sind enorm: bessere Aufenthaltsqualität, mehr soziale Teilhabe, höhere Resilienz gegenüber Klimawandel und demografischen Veränderungen.

Doch der Weg dorthin ist kein Selbstläufer. Datenschutz, Akzeptanz, Governance und ethische Fragen verlangen nach klugen, integrativen Lösungen. KI ist kein Allheilmittel – sie ist Werkzeug, das richtig eingesetzt werden will. Erfolgreiche Projekte zeigen: Transparenz, Partizipation und offene Datenplattformen sind die Garanten nachhaltigen Erfolgs. Städte, die heute in KI-gestützte Sitzanalyse investieren, schaffen die Grundlage für adaptive, inklusive und lebenswerte urbane Räume.

Die Zukunft der Stadtplanung ist datenbasiert, aber nicht technokratisch. Sie verbindet das Beste aus beiden Welten: die analytische Präzision der Künstlichen Intelligenz mit der gestalterischen Kreativität und dem sozialen Gespür erfahrener Planer. Wer wissen will, wo wirklich gesessen wird, fragt künftig nicht mehr nach Meinungen – sondern liest es aus den Daten. Und gestaltet Städte, in denen alle Platz nehmen wollen.

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Die Sphäre „Wasser“

Die Sphäre „Wasser“ (Visualisierung: bloomimages Berlin GmbH)

In zwei Jahren lädt Kirchheim in Bayern zur Landesgartenschau ein. Dann ist der neue, zehn Hektar große Park fertig, der Raum für Erholung und Spiel im Grünen bieten soll. Darüber hinaus soll der neue Ortspark die bislang räumlich getrennten Gemeindeteile Kirchheim und Heimstetten miteinander verbinden.

Der neue Ortspark in Kirchheim wird Heimat für viele heimische Baumarten sein, die im Wechsel mit sogenannten Klimabäumen stehen. Letztere sind den Herausforderungen des Klimawandels besonders gut gewachsen und entsprechend resilient. Das ist wichtig. Denn der neue Park, der im Rahmen der Landesgartenschau Kirchheim derzeit wächst, wird ein dauerhaftes grünes Band bilden. Dieses wird die Gemeindeteile Kirchheim und Heimstetten miteinander verbinden. Zukünftig kommen hier also viele Generationen aus beiden Ortsteilen zusammen. Sie wachsen regelrecht zusammen.

Die Pflanzen auf der Landesgartenschau

Die Pflanzkonzept für den neuen Park in Kirchheim haben die Landschaftsarchitetkt*innen vom Büro SINAI erarbeitet. Dabei war ihnen wichtig, dass klimaresiliente und heimische Bäume in Balance stehen. Sie nennen ihr Konzept für die Landesgartenschau Kirchheim: Gemischtes Doppel. Damit verweist SINAI darauf, dass jede klassische, heimische Baumart ein Gegenüber aus dem Repertoire der Klimabaumarten bekommt. Insgesamt wachsen im neuen Ortspark demnächst mehr als 700 Bäume.

Neben den Bäumen werden in Kirchheim Rasenflächen für Spiel und Bewegung und Wiesen neu angelegt. Darüber hinaus kommen Sträucher, Stauden, Hecken, Schilf und Gräser dazu. Im Bereich der sogenannten Sphäre „Wildnis“ und in der Sphäre „Wald“ bleibt auch viel Bestandsgrün erhalten.

Die Sphäre „Garten

Den Auftakt der Landesgartenschau Kirchheim bildet die sogenannte Sphäre „Garten“. Sie beherbergt die Bürgergärten, eine Streuobstwiese und eine bestehende Fliederhecke. In diesem Areal steht die gemeinschaftliche Bewirtschaftung im Vordergrund. Deshalb werden hier vor allem Gehölze mit essbaren Früchten zu finden sein. Darüber hinaus entstehen im Garten drei neue Jahrgangswäldchen mit jeweils 100 Zierapfelbäumen. Dieser neue Apfelhain ist ein Geschenk der Gemeinde Kirchheim und der Landesgartenschau an den Kirchheimer Nachwuchs der Jahrgänge 2021, 2022 und 2023. Der Hain steht dabei symbolisch für das Motto der Landesgartenschau Kirchheim „Zusammen.Wachsen“.

Herzstück in der Sphäre „Wasser“

In der Sphäre „Wasser“ bildet ein neuer Parksee den Mittelpunkt. Mit knapp 7400 Quadratmetern bildet er eine große Wasserfläche. Darüber hinaus bildet sein naturnaher Ufersaum Tieren und Pflanzen neuen Lebensraum in Kirchheim. Die Liegewiese am Westufer des Sees wird mit Auenbäumen bepflanzt. Und für die Wasser- und Uferzonen werden, je nach Wassertiefe, passende Wasser- und Schwimmblattpflanzen ausgewählt. Sie allen bereichern das Areal der Landesgartenschau Kirchheim um vielfältige neue Lebensräume für Insekten und andere Kleintiere.

In der Sphäre „Wildnis“ in Kirchheim

Die Sphäre „Wildnis“ verdankt ihre Bezeichnung dem Bestand. Die bestehende Vegetation wird hier durch Lichtungen und neu angelegte Wege erlebbar. Sie werden aber nicht überall begehbar werden.

In der Vorbereitung für die Landesgartenschau Kirchheim wurden mehrere Bäume gefällt und bestehender Aufwuchs entfernt. Dafür werden an anderer Stelle in der Wildnis 73 Bäume neu gesetzt. In Vorbereitung der Landesgartenschau Kirchheim wurde im vergangenen Jahr bereits bestehender Bewuchs entfernt. Dafür wachsen in der Sphäre „Wald“ demnächst 67 neue Bäume.

Die Sphäre „Wiese“ auf der Landesgartenschau

Im südlichen Bereich der Landesgartenschau Kirchheim liegt der Schwerpunkt auf großen, autochthonen Blühwiesen. Diese bieten idealen Lebensraum für zahlreiche Insekten- und Schmetterlingsarten. Dieser besondere Wiesenbereich lebt außerdem von großen Solitärbäumen, von einzelnen Baumreihen, Fliederhecken und Stauden. Sie allen fassen den Wiesenbereich ein und geben ihm Struktur.

Bänke im Ortspark

Neben den vielen neuen Bäumen auf dem Areal der Landesgartenschau Kirchheim werden etwa 200 Bänke im Ortspark aufgestellt. Die bieten den Menschen die Möglichkeit sich auszuruhen und zu entspannen. Genauso wie für die neuen Bäume vergibt die Landesgartenschau Kirchheim 2024 GmbH auch Patenschaften für die Bänke. Auf einer eigenen Website können die ab Frühjahr 2022 erworben werden. Auf diese Weise können interessierte Bürger*innen und Unternehmen sich persönlich einbringen und die Entstehung der Landesgartenschau Kirchheim fördern.

Energieholz auf temporären Flächen

Während der Landesgartenschau in Kirchheim wächst das Veranstaltungsgelände um weitere vier Hektar Grünfläche. Diese ergänzen im Jahr 2024 also den neuen, zehn Hektar großen Ortspark. Hier werden temporäre Ausstellungsflächen eingerichtet, die Platz für etwa 50 Aussteller*innen bieten. Sie alle informieren die Besucher*innen der Landesgartenschau zu Themen wie Gartengestaltung, Umweltschutz, Klimaschutz, nachhaltige Energie und grüne Mobilität. Auf diesen Ausstellungsflächen sind die Baumpflanzungen von Anfang an als Energieholzplantage vorgesehen und dem Thema nachhaltige Energie verpflichtet. Die ersten Bäume sind schon im März 2022 gepflanzt worden. Nach Abschluss der Landesgartenschau Kirchheim werden sie dann zu Energieholz weiterverarbeitet.

Im Bereich der Gewinnung erneuerbarer Energie spielt Holz eine wichtige Rolle. Denn anders als bei Wind- und Sonnenenergie kann Holz zu jedem Zeitpunkt verfügbare Energie liefern. Auf diese Weise kann Energieholz dabei helfen, den Umstieg von fossilen auf alternative Energieträger zu beschleunigen. Es kann helfen, die Energieversorgung langfristig sicherzustellen. Das ist schon jetzt wichtiger denn je und ein guter Ausblick auf die bayrische Landesgartenschau in Kirchheim im Jahr 2024.

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BürosSINAI

COP15 in Montreal, Biodiversität im Fokus

Die COP15 findet vom 7. bis 19. Dezember in Montreal statt. Bildquelle: Unsplash
Die COP15 findet vom 7. bis 19. Dezember in Montreal statt. Bildquelle: Unsplash

COP27 ist gerade vorbei und schon startet die nächste COP am 7. Dezember: Bei der COP15 in Montreal geht es um Biodiversität. Das Ziel der UN-Konferenz besteht darin, ein neues Regelwerk zum verbesserten Schutz der Biodiversität weltweit zu entwickeln. Lesen Sie hier alles über die Konferenz.

Die Bedeutung der Biodiversitäts-COP

Laut dem Living Planet Report 2022 ist die Biodiversität unseres Planeten in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken. Die durchschnittliche Populationsgröße von Wildtieren ist weltweit seit 1970 um etwa 69% gefallen. Umso wichtiger ist es, sich mit dieser Krise zu beschäftigen. Bei der COP15, an der die gleichen Vertragsparteien teilnehmen wie an der Klimakonferenz (zuletzt COP27 im November 2022), geht es vom 7. bis 19. Dezember in Montreal, Kanada, um einen neuen globalen Vertrag zur Förderung der Biodiversität.

Der lang erwartete Gipfel, der ähnlich wie die Klimakonferenzen regelmäßig stattfindet, musste mehrfach verschoben werden. Ursprünglich war er für das Jahr 2020 in Kunming, China, geplant. Durch die Corona-Pandemie kam es stattdessen zu einer zweiteiligen Veranstaltung. Der erste Teil fand im Oktober 2021 statt, gefolgt von einem zweiten Teil im Frühjahr 2022. Jedoch kam es dabei zu keiner Einigung. Daher setzte die UN Interims-Besprechungen in Nairobi an. Aufgrund der steigenden Corona-Zahlen in China findet das Treffen nun in Kanada statt.

Die Hoffnung besteht darin, eine globale Einigung zum Schutz und zur Verbesserung der Biodiversität zu treffen, die dem Pariser Klimaabkommen ähneln soll. Dabei stehen jedoch Habitats, Ökosysteme, Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen im Vordergrund. Der Verlust der Biodiversität bedroht auch Menschen, da er den Klimawandel beschleunigt und unter anderem Ernährungsgrundlagen zerstört.

Bei der COP15 geht es darum, den Verlust der Biodiversität aufzuhalten und die natürliche Vielfalt zu schützen. Bildquelle: Unsplash
Bei der COP15 geht es darum, den Verlust der Biodiversität aufzuhalten und die natürliche Vielfalt zu schützen. Bildquelle: Unsplash

Die Erwartungen für COP15

Derzeit ist die UN Convention on Biological Diversity (CBD) das wichtigste Regelwerk zur Biodiversität. 196 Länder – die COP-Vertragsparteien – haben es ratifiziert. Der erste Entwurf stammt aus dem Jahr 1992. Es folgte ein Beschluss im Jahr 2010 zu Biodiversitäts-Zielen, die in der Dekade der Biodiversität von 2010 bis 2020 umgesetzt werden sollten. Jedoch konnte keines dieser Ziele erfüllt werden. Noch dazu hat die Pandemie den Fortschritt aufgehalten.

Daher geht es bei der COP15 zur Biodiversität nun darum, die CBD auf den neuesten Stand zu bringen und neue Ziele für die aktuelle Dekade zu formulieren. Teilnehmende hoffen auf einen „Deal for Nature”, der ein Ende des Biodiversitätsverlusts vorschreibt und dazu beiträgt, Bemühungen zur Verbesserung von Ökosystemen und Habitats zu unterstützen, zu beschleunigen und auf politische Agenden zu setzen. Die Deadline für das Ende des Biodiversitätsverlusts ist dabei das Jahr 2030, wobei einige Umweltgruppen für ein früheres Datum plädieren.

Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität

Anders als die COP-Klimakonferenzen erhalten die Biodiversitätskonferenzen weniger mediale Aufmerksamkeit. Regierungschefs nehmen nicht an der Konferenz teil. Rufe danach, die COP15 mit der COP27 zu kombinieren, waren nicht erfolgreich, da beide Konferenzen ohnehin schon zahlreiche Themen in kurzer Zeit bearbeiten. Delegierte werden ab dieser Woche die folgenden Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität diskutieren:

  • Schutz- und Erhaltungsprogramme für 30% der Lebensräume an Land und im Wasser
  • Strengere Vorschriften zur Eindämmung von invasiven Arten
  • Verpflichtung von Unternehmen zur Berichterstattung über Auswirkungen auf die biologische Vielfalt
  • Verpflichtung zur Reduzierung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft
  • Reformierung oder Streichung von Subventionen für Industrien, die die Natur ausbeuten
  • Kooperation mit privaten Geldgebern, um umweltschadende Finanzströme umzulenken
  • Bereitstellung von Internationalen Finanzmitteln für biologische Vielfalt sowie Aufstockung der Mittel für einkommensschwache Länder (jährliche Erhöhung um 200 Mrd. US-Dollar)

Bisher haben sich Länder wie China, Russland, die USA und Indien bei den Biodiversitäts-COPs zurückgehalten. Ein großer Gewinn für das Vorhaben der COP15 ist jedoch bereits jetzt die Wiederwahl des früheren brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Er spricht sich für den Schutz des brasilianischen Regenwalds aus.

Übrigens: Bei der Gartenschau in Lindau im Jahr 2021 gab es viele spannende Ausstellungen zum Thema Biodiversität.