KI-gestütztes Monitoring von Fassadenbegrünung

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Zwei Frauen machen Fotos an einer auffälligen grünen Glaswand in einer modernen urbanen Szene. Foto von Eric Prouzet.

Wie grün kann die Zukunft unserer Städte wirklich werden? Intelligente Technologien wie Künstliche Intelligenz verändern gerade die Spielregeln – auch beim Monitoring und Management von Fassadenbegrünung. Wer wissen will, wie sich KI und Stadtökologie zu einem unschlagbaren Duo verbinden, ist hier genau richtig: Willkommen in der Ära des KI-gestützten Monitorings von Fassadenbegrünung, wo Algorithmen Pflanzenflüsterer werden und Stadtklima nicht mehr dem Zufall überlassen bleibt.

  • Was ist KI-gestütztes Monitoring von Fassadenbegrünung und wie funktioniert es in der Praxis?
  • Warum ist präzises Monitoring für den ökologischen und städtebaulichen Erfolg von Fassadenbegrünung unerlässlich?
  • Welche Technologien und Sensoren kommen zum Einsatz – von Bildanalyse bis zu IoT-gestützten Datenströmen?
  • Wie profitieren Städte, Planungsbüros und Gebäudeeigentümer von KI-basierten Monitoringlösungen?
  • Herausforderungen und Stolpersteine: Datenschutz, Datenintegration und die Qualität der Algorithmen.
  • Wie verändern KI und Monitoring die Planung, Pflege und das Reporting von grünen Fassaden grundlegend?
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Wo funktioniert das Zusammenspiel aus Botanik und Bytes bereits heute?
  • Chancen für zukunftssichere, klimaresiliente Stadtentwicklung durch datengestützte Begrünungsstrategien.
  • Kritische Reflexion: Sind Algorithmen wirklich die besseren Pflanzenfreunde – oder droht eine technokratische Fassadenschau?

KI-gestütztes Monitoring von Fassadenbegrünung: Was steckt dahinter?

Künstliche Intelligenz und Fassadenbegrünung – auf den ersten Blick ein überraschendes Paar, auf den zweiten eine logische Allianz für die Städte der Zukunft. Das Monitoring von Fassadenbegrünung mit KI-Methoden beschreibt den Einsatz intelligenter Technologien, um den Zustand, die Entwicklung und die Wirkung begrünter Gebäudehüllen kontinuierlich, präzise und automatisiert zu erfassen und auszuwerten. Dabei wird auf ein breites Spektrum an Sensorik, Datenquellen und Analyseverfahren zurückgegriffen: Bilderkennung mithilfe neuronaler Netze, Umwelt- und Feuchtigkeitssensoren, Drohnenflüge und sogar satellitengestützte Fernerkundung liefern Rohdaten, die von lernenden Algorithmen in aussagekräftige Informationen verwandelt werden.

Die zentrale Idee: Während konventionelles Monitoring auf punktuelle Sichtkontrollen oder manuelle Datenerhebung setzt, erlaubt KI-gestütztes Monitoring eine lückenlose, objektive und vor allem skalierbare Beobachtung der Vegetation an Gebäuden. Die Algorithmen erkennen Stresssymptome wie Trockenheit, Schädlingsbefall oder Nährstoffmangel oft früher als das menschliche Auge – und schlagen automatisch Alarm, noch bevor größere Schäden entstehen. Gleichzeitig können sie Wachstum, Artenvielfalt und mikroklimatische Effekte in Echtzeit dokumentieren und visualisieren.

Ein entscheidender Vorteil ergibt sich aus der Fähigkeit der KI, aus riesigen Datenmengen Muster zu extrahieren und Prognosen zu erstellen. So kann das System nicht nur den aktuellen Zustand bewerten, sondern auch Vorhersagen über die weitere Entwicklung treffen – etwa wie sich eine Hitzewelle oder eine längere Trockenperiode auf die Fassadenbegrünung auswirken könnte. Auf diese Weise wird aus der Fassade ein lernendes, vernetztes Element des Stadtgefüges, das aktiv zum ökologischen Management beiträgt.

Besonders relevant wird KI-gestütztes Monitoring, wenn es um großflächige Begrünungsprojekte geht oder wenn Monitoringvorgaben aus Förderprogrammen, Bebauungsplänen oder Nachhaltigkeitszertifikaten erfüllt werden müssen. Hier punktet die Technologie mit Effizienz, Transparenz und Nachvollziehbarkeit – und schafft neue Möglichkeiten für Reporting, Pflegeoptimierung und Steuerung.

Letztlich eröffnet das KI-basierte Monitoring einen Paradigmenwechsel: Die Pflege und Weiterentwicklung von Fassadenbegrünung wird datenbasiert, vorausschauend und individuell steuerbar. Damit entsteht die Chance, grüne Gebäudehüllen nicht nur als schmückendes Beiwerk, sondern als aktive Bausteine klimaresilienter Städte zu etablieren.

Technologien und Methoden: Wie KI das Monitoring revolutioniert

Die technische Grundlage für KI-gestütztes Monitoring von Fassadenbegrünung bildet eine Kombination aus Sensorik, Datenmanagement und maschinellem Lernen. Im Zentrum stehen dabei intelligente Bildverarbeitungssysteme, die mithilfe von Kameras oder Drohnen kontinuierlich hochauflösende Aufnahmen der Fassadenbegrünung erfassen. Durch den Einsatz von Deep-Learning-Algorithmen können diese Systeme spezifische Merkmale wie Blattfarbe, Dichte, Blütenbildung oder Anzeichen von Schädlingsbefall automatisch erkennen und in Echtzeit auswerten.

Ergänzt wird die visuelle Analyse durch eine Vielzahl von Umweltsensoren, die Daten zu Temperatur, Luftfeuchte, Bodenfeuchte, Lichtintensität oder Schadstoffbelastung liefern. Moderne IoT-Plattformen ermöglichen die nahtlose Integration dieser Sensoren in bestehende Gebäudeautomationssysteme. Die dabei generierten Datenströme werden zentral gesammelt, gespeichert und mit weiteren Informationen – etwa Wetterprognosen oder Standortdaten – verknüpft.

Die eigentliche Magie entfaltet sich jedoch erst in der Datenverarbeitung: Hier kommen fortschrittliche Machine-Learning-Modelle zum Einsatz, die auf Basis historischer und aktueller Daten Abweichungen identifizieren, Anomalien erkennen und Handlungsempfehlungen generieren. Beispielsweise kann das System voraussagen, wann und wo Bewässerung nötig ist, wie sich eine Änderung der Pflegeintervalle auf das Pflanzenwachstum auswirkt oder welche Maßnahmen bei sich anbahnendem Schädlingsbefall ergriffen werden sollten.

Ein weiteres technisches Highlight ist die Nutzung von Fernerkundungstechnologien wie Satellitenbildern oder hyperspektraler Analyse. Diese ermöglichen das Monitoring auch an schwer zugänglichen oder großflächigen Fassaden und eröffnen neue Perspektiven für die Planung und Überwachung ganzer Stadtquartiere. Die Integration solcher Datenquellen stellt jedoch hohe Anforderungen an die Datenverarbeitung und die Interoperabilität der verwendeten Systeme.

Schließlich dürfen auch die Visualisierung und das Reporting nicht unterschätzt werden. Moderne Dashboards, interaktive Karten und mobile Apps machen die Ergebnisse des Monitorings für Planer, Gebäudeeigentümer und sogar die Öffentlichkeit transparent und nachvollziehbar. Hier entscheidet sich, ob aus Daten echte Handlungsimpulse werden – oder ob die KI ein weiteres digitales Schattendasein fristet.

Von der Theorie zur Praxis: Einsatzfelder und Mehrwert für die Stadt

Die Anwendungsmöglichkeiten KI-gestützter Monitoringlösungen für Fassadenbegrünung sind so vielfältig wie die Städte selbst. Ein zentraler Anwendungsfall ist die Sicherstellung der Funktionsfähigkeit und des ökologischen Mehrwerts von Begrünungsmaßnahmen. Gerade in dicht bebauten Innenstädten, wo Platz für klassische Grünflächen knapp ist, gewinnen vertikale Begrünungen als kühlende und luftreinigende Elemente an Bedeutung. Das Monitoring sorgt dafür, dass diese Effekte nicht nur versprochen, sondern auch tatsächlich erreicht werden – und liefert belastbare Nachweise für Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit.

Ein weiterer Vorteil liegt in der Optimierung von Pflege- und Wartungsprozessen. Statt starrer Zeitpläne kann die Bewässerung, Düngung oder Kontrolle gezielt nach Bedarf erfolgen – was Ressourcen spart und die Lebensdauer der Pflanzen erhöht. Für Gebäudeeigentümer und Facility Manager bedeutet das nicht nur geringere Betriebskosten, sondern auch eine höhere Rechtssicherheit, etwa im Rahmen von Förderauflagen oder Zertifizierungen nach DGNB, LEED oder BREEAM.

Auch für die Stadtplanung eröffnet das KI-gestützte Monitoring neue Horizonte. Durch die kontinuierliche Erfassung und Auswertung von Daten lassen sich Wirkung und Entwicklung von Begrünungsmaßnahmen über ganze Straßenzüge oder Quartiere hinweg analysieren. So wird es möglich, Hotspots für Klimaanpassung gezielt zu identifizieren, Wirkungsketten zu verstehen und Begrünungsstrategien datenbasiert zu steuern. Städte wie Wien oder Zürich setzen bereits erste Pilotprojekte um, bei denen Monitoringdaten in die Entwicklung von Hitzeaktionsplänen und urbanen Grünstrategien einfließen.

Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt ist die Erhöhung der Akzeptanz und Sichtbarkeit von Fassadenbegrünung. Durch transparente Daten und anschauliche Visualisierungen werden die positiven Effekte für das Stadtklima, die Biodiversität und die Aufenthaltsqualität greifbar – und das nicht nur für Experten, sondern auch für die breite Öffentlichkeit. Hier kann das Monitoring zum Katalysator für bürgerschaftliches Engagement und neue Kooperationsmodelle werden.

Schließlich eröffnet die Technologie auch Perspektiven für innovative Geschäftsmodelle: Von Serviceplattformen für grüne Gebäude bis hin zu Versicherungsprodukten, die an die Performance der Begrünung gekoppelt sind, entstehen neue Märkte und Partnerschaften. Die Voraussetzung: ein verlässliches, skalierbares und transparentes Monitoring, das von allen Akteuren akzeptiert wird.

Herausforderungen und kritische Reflexion: Chancen, Grenzen, Ausblick

So verheißungsvoll das Versprechen von KI-gestütztem Monitoring auch ist – der Weg zur flächendeckenden Anwendung ist mit Herausforderungen gepflastert. Eine der größten Hürden ist die Sicherstellung von Datenschutz und Datensicherheit. Gerade bei Bildaufnahmen im öffentlichen Raum müssen Persönlichkeitsrechte gewahrt und gesetzliche Vorgaben wie die DSGVO konsequent eingehalten werden. Hier sind technische und organisatorische Maßnahmen gefragt, die über klassische IT-Sicherheitskonzepte hinausgehen.

Ein zweiter kritischer Punkt betrifft die Qualität und Zuverlässigkeit der Algorithmen. KI-Systeme sind nur so gut wie die Daten, auf denen sie trainiert werden. Verzerrte, unvollständige oder fehlerhafte Datensätze können zu falschen Diagnosen oder Empfehlungen führen. Insbesondere die Vielfalt der Pflanzenarten, die Heterogenität der Standorte und die Dynamik urbaner Umgebungen stellen hohe Anforderungen an die Modellierung. Hier ist interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Botanikern, Informatikern und Praktikern unerlässlich.

Auch die Integration in bestehende Prozesse und Systeme ist alles andere als trivial. Viele Städte und Gebäudeeigentümer verfügen über fragmentierte IT-Landschaften, mangelnde Schnittstellen oder schlichtweg zu wenig Ressourcen für die Einführung und Wartung komplexer Monitoringlösungen. Hinzu kommt die Notwendigkeit, die gewonnenen Daten in konkrete Maßnahmen zu übersetzen – ein Bereich, in dem noch viel Lern- und Überzeugungsarbeit nötig ist.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Akzeptanz: Werden KI-Algorithmen als hilfreiche Unterstützung oder als technokratische Kontrollinstanz wahrgenommen? Werden Pflegekräfte, Planer oder Nutzer ausreichend eingebunden – oder laufen sie Gefahr, von der Technologie überrollt zu werden? Hier entscheidet sich, ob das Monitoring wirklich zur ökologischen Aufwertung der Stadt beiträgt oder zur digitalen Fassadenschau verkommt.

Trotz aller Herausforderungen überwiegen die Chancen: KI-gestütztes Monitoring ermöglicht eine neue Qualität der Planung, Pflege und Bewertung von Fassadenbegrünung. Es fördert die Zusammenarbeit zwischen Akteuren, macht ökologische Leistungen messbar und schafft die Grundlage für resiliente, lebenswerte Städte. Voraussetzung ist jedoch eine verantwortungsvolle, transparente und partizipative Umsetzung, die Technik und Stadtgesellschaft gleichermaßen ernst nimmt.

Praxisbeispiele und Perspektiven: Wo stehen Deutschland, Österreich und die Schweiz?

Der deutschsprachige Raum gilt bei der Integration von KI-Technologien in die Stadt- und Landschaftsplanung als ambitioniert, aber zurückhaltend. Erste Leuchtturmprojekte zeigen jedoch, dass sich die Zurückhaltung langsam auflöst. In München wird derzeit ein Pilotprojekt umgesetzt, bei dem mehrere Fassaden an öffentlichen Gebäuden mit Sensorik und KI-basierter Bildanalyse überwacht werden. Ziel ist es, die Auswirkungen von Begrünung auf das Mikroklima zu dokumentieren und die Pflege bedarfsgerecht zu steuern. Die gewonnenen Daten fließen in die Entwicklung eines digitalen Zwillings für das Stadtgrün ein – ein Ansatz, der mittelfristig auf ganze Quartiere ausgedehnt werden soll.

Zürich setzt auf ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, das die Wirkung von Fassadenbegrünung auf städtische Hitzeinseln analysiert. Hier werden neben klassischen Klimadaten auch Drohnenaufnahmen und KI-gestützte Auswertungen genutzt, um die Effekte auf Temperaturverläufe, Luftfeuchte und Biodiversität zu quantifizieren. Die Ergebnisse fließen direkt in die kommunale Planung ein und dienen als Grundlage für die Förderung weiterer Begrünungsmaßnahmen.

Auch Wien experimentiert mit KI-basierten Monitoringlösungen, insbesondere im Rahmen von Neubauprojekten und Smart-City-Initiativen. Hier steht neben dem ökologischen Effekt auch die Nutzererfahrung im Fokus: Daten aus dem Monitoring werden in Echtzeit auf digitalen Plattformen veröffentlicht, um Transparenz zu schaffen und die Beteiligung der Bevölkerung zu fördern. Die Resonanz ist vielversprechend und zeigt, dass intelligente Technologien und urbane Begrünung keine Gegensätze sein müssen.

In der Schweiz arbeitet ein Konsortium aus Universitäten, Start-ups und Kommunen an der Entwicklung modularer Monitoringlösungen für unterschiedliche Gebäudetypen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Skalierbarkeit und der Einbindung von Open-Source-Ansätzen, um die Technologie auch für kleinere Städte und Gemeinden zugänglich zu machen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass Standardisierung und offene Schnittstellen entscheidend für die breite Akzeptanz und Verbreitung sind.

Die Beispiele zeigen: Der Weg vom Pilotprojekt zur flächendeckenden Anwendung ist noch lang, aber die Richtung stimmt. KI-gestütztes Monitoring wird zum unverzichtbaren Werkzeug für zukunftsfähige, klimaresiliente Stadtentwicklung – vorausgesetzt, die Technologie wird verantwortungsvoll eingesetzt und in einen transparenten, partizipativen Planungsprozess eingebettet.

Fazit: KI-Monitoring – ein Schlüsselbaustein für die grüne Stadt von morgen

Das Monitoring von Fassadenbegrünung mit Künstlicher Intelligenz ist weit mehr als ein technologisches Gimmick. Es ist ein Paradigmenwechsel für alle, die urbane Räume nachhaltig, resilient und lebensfreundlich gestalten wollen. Die Verbindung aus Sensorik, Datenanalyse und maschinellem Lernen ermöglicht es, Gebäudebegrünung erstmals kontinuierlich, objektiv und vorausschauend zu steuern – und ihre Wirkung fundiert zu belegen. Damit wird die Vision von grünen, intelligenten Städten greifbar: Städte, in denen Pflanzen nicht nur wachsen, sondern auch verstanden, gepflegt und optimiert werden.

Doch der Weg dorthin verlangt Mut, Innovationsgeist und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Es gilt, technische Hürden zu überwinden, Datenschutz zu gewährleisten und die Akzeptanz aller Beteiligten zu sichern. Nur wenn KI als Werkzeug und nicht als Selbstzweck verstanden wird, kann das Monitoring zum Motor einer neuen Stadtökologie werden. Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz belegen das enorme Potenzial, aber auch die Notwendigkeit, Standards, Schnittstellen und partizipative Prozesse weiterzuentwickeln.

Die große Chance liegt darin, urbane Begrünung vom dekorativen Element zum aktiven Bestandteil der Stadtentwicklung zu machen. KI-gestütztes Monitoring liefert dafür die nötige Datenbasis, schafft Transparenz und eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Wer heute in intelligente Monitoringlösungen investiert, sichert sich nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch eine Vorreiterrolle im europaweiten Wettbewerb um die grünsten, lebenswertesten Städte.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Algorithmen und Pflanzen sind keine Gegensätze. Im Gegenteil – erst im Zusammenspiel von Hightech und Natur entsteht die Stadt, die wir uns für die Zukunft wünschen. Die grüne Fassade bekommt ein digitales Rückgrat – und damit das Zeug zur echten urbanen Superkraft.

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Mit The Climate Pledge verpflichtet sich Amazon

Mit The Climate Pledge verpflichtet sich Amazon

In Deutschland hat Amazon rund 44 Millionen regelmäßige Kund*innen. Das sind über die Hälfte aller Deutschen. Um diese zu beliefern sind neun Logistikzentren mit 11 000 festangestellten Mitarbeitenden im Land verteilt. So ein großes Unternehmen hat eine entsprechend große Verantwortung wahrzunehmen: seinen Mitarbeitenden gegenüber, aber auch den Kund*innen – und der Umwelt. Und diese Verantwortung möchte die Firma von Jeff Bezos nun auch übernehmen. Als Mitbegründerin von The Climate Pledge, einem offiziellen Klimaversprechen. Was dieses besagt, wer sonst noch mitmacht und ob das alles nur Marketing ist, erfahren Sie hier.

Üblicherweise verheißt es nichts Gutes für den Onlinehändler Amazon, wenn sein Name in den Schlagzeilen auftaucht. Das passiert etwa aufgrund von Covid-19-Ausbrüchen in Amazon-Verteilzentren oder geringen Steuerzahlungen. Aktuell steht der Versandriese in der Kritik, weil ein Investigativ-Reporter von RTL (Team Wallraff) sich bei Amazon als Fahrer einschleuste. Beziehungsweise beim Sub-Unternehmer von Amazons Sub-Unternehmer. Die Arbeitsbedingungen, die er in seiner Reportage aufdeckt, sind unschön: unmöglicher Zeitdruck, übermäßige Kontrolle, Bezahlung jenseits des Mindestlohns. Amazon reagierte mit einem Statement und dem Versprechen, den Vorwürfen nachzugehen.

The Climate Pledge von Amazon – das steckt dahinter

Kein Wunder also, dass die Firma, die Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt machte, ihren Namen gerne positiver besetzt sehen möchte. Dafür nutzt sie unter anderem diverse Werbespots, die nicht für Amazons Produkte werben. Stattdessen zeigen sie, was das Unternehmen für die Gesellschaft leistet. Etwa in einem Spot, der besagt, dass rund 2 000 österreichische Firmen ihre Produkte über Amazon vertreiben, wodurch der Dienstleister rund 10 000 Arbeitsplätze sichere. Eines der Unterfangen, mit denen Amazon momentan vermehrt für ein besseres Image wirbt, ist „The Climate Pledge“. Aber was verbirgt sich hinter dem Klimaversprechen?

The Climate Pledge (zu deutsch: das Klimaversprechen) ist eine Initiative, die Amazon gemeinsam mit der Organisation Global Optimism im Jahr 2019 gegründet hat. Ihr Ziel ist es, weltweit Unternehmen dazu zu bringen, sich ihr anzuschließen und sich zu CO2-Neutralität zu verpflichten. Und zwar bis zum Jahr 2040. Zum Vergleich: Die Staaten, die das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben, verfolgen das gleiche Ziel. Ihre Deadline ist aber erst 2050, zehn Jahre später. The Climate Pledge ist also ein ehrgeiziges Unterfangen. Amazon ist als Gründungspartner das erste Unternehmen, das The Climate Pledge unterzeichnete und sich damit verpflichtete, dessen Maßnahmen umzusetzen.

Drei Maßnahmen von The Climate Pledge:

Unternehmen, die sich The Climate Pledge verschreiben, stimmen freiwillig den folgenden drei Vorschriften zu:

Aber Achtung: Unternehmen werden nicht sanktioniert, sollten sie die Maßnahmen nicht einhalten. Im Gegensatz zum Pariser Klimaabkommen verhängt The Climate Pledge keine Strafen, wenn ein Unternehmen seine Ziele nicht erreichen.

Nebst Amazon haben 114 weitere Unternehmen The Climate Pledge unterzeichnet

Es könnte sein, dass diese Tatsache die Verpflichtung zum Climate Pledge niederschwellig genug gestaltet. Denn zum aktuellen Zeitpunkt – zwei Jahre nach dessen Launch –, haben inklusive Amazon bereits insgesamt 115 Firmen The Climate Pledge unterzeichnet und sich damit verpflichtet, bis 2040 CO2-neutral zu arbeiten. Darunter befinden sich etwa Finanzunternehmen wie Klarna und Visa, die Getränkehersteller Heineken, Pepsico und Coca-Cola Europa sowie Technikunternehmen wie Philips, IBM, Microsoft und Siemens. Dazu kommen Firmen, die die Mobilitätsbranche in den letzten Jahren aufmischten (Lime, Uber), aber auch der britische Fernsehsender ITV und die Schuh- beziehungsweise Bekleidungsmarken Brooks Running und Vaude. Weitere große Namen sind der britische Konzern Unilever und Mercedes-Benz.

Ist The Climate Pledge mehr als nur Greenwashing?

All diese Unternehmen sind Amazons Aufruf gefolgt, sich für das Klima zu engagieren. Auf seiner englischsprachigen Webseite schreibt Amazon: „Wissenschaftler sagen uns, dass wir nur ein begrenztes Zeitfenster haben, um beispiellose Fortschritte zu machen, um die globale Erwärmung bis 2050 auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Kein Unternehmen oder jede Organisation kann dies alleine tun und jeder muss seinen Teil beitragen.“

Wenn aber ein vielkritisiertes Unternehmen wie Amazon sich plötzlich als Klimaschützer positioniert, dauert es nicht lange, bis der Vorwurf laut wird, es handle sich um einen PR-Stunt und um Greenwashing. Ist da etwas dran?

Amazon Sustainability Report 2020

Der Amazon Sustainability Report 2020 (erst der zweite seiner Art) listet unter anderem folgende Erfolge auf, die das Unternehmen im letzten Jahr für sich verbuchen konnte:

Dazu kommen weitere ambitionierte Ziele. Bis 2025 möchte Amazon zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien arbeiten sowie die Hälfte seiner Sendungen bis 2030 CO2-neutral ausliefern.

Amazons CO2-Ausstoss steigt 2020 um 19 Prozent

Der Sustainability Report dient aber eben auch dazu, die Treibhausgasemissionen von Amazon zu messen und darüber zu berichten. Und dieses Bild sieht etwas anders aus als dasjenige, das Amazons Erfolge und Ziele zeichnet. So hat das Unternehmen seine Kohlendioxidemissionen im Jahr 2020 nicht gesenkt. Im Gegenteil – sie sind um 19 Prozent gestiegen.

Amazon erklärt dies mit dem gesteigerten Umsatz während der Pandemie. Im Sustainability Report verweist die Firma darauf, dass sie als wachsendes Unternehmen nicht auf absolute Emissionen achtet, sondern auf die Kohlenstoffintensität. Das heißt, auf die Menge an Kohlenstoffemissionen pro Einheit einer weiteren Variablen. Im Falle von Amazon bedeutet diese Variable: pro US-Dollar Brutto-Warenumsatz. Amazon argumentiert also wie folgt: Sie haben ihren Umsatz im letzten Jahr so stark gesteigert, dass die CO2-Emissionen zwar gestiegen, aber im Verhältnis zum Umsatz eigentlich gesunken sind. Nämlich um 16 Prozent.

Greenpeace kritisiert Amazon

Wenn man Amazon fragt, befindet sich das Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit also auf der Überholspur. Die Umweltorganisation Greenpeace sieht das allerdings etwas anders. Noch im Jahr 2017 fällt Amazon in Greenpeace Green Electronics Guide (der sich auf Amazons eigene Elektronikgeräte bezieht) durch. Dies unter anderem aufgrund von mangelnder Transparenz was Lieferkette und Chemikalien am Arbeitsplatz angeht sowie die Nutzung von nicht erneuerbarer Energie.

Greenpeace schreibt im Bericht: „Amazon bleibt in Bezug auf seine Umweltleistung eines der am wenigsten transparenten Unternehmen der Welt, da es sich immer noch weigert, den Treibhausgas-Fußabdruck seiner eigenen Aktivitäten zu veröffentlichen.“ Heute, vier Jahre später, hat Amazon seine Transparenzstrategie umgekrempelt und legt seine Emissionen offen.

Amazon verdient viel Geld mit fossilen Brennstoffen

Trotzdem fällt Amazon im Vergleich zu anderen Tech-Giganten wie Google und Microsoft in Sachen Transparenz weiterhin ab. Greenpeace kritisiert, dass Amazon vieles nicht offenlege. So etwa die Art und Weise, wie das Unternehmen vorhabe die erneuerbare Energie zu beschaffen oder die Strategie, mit der es seinen CO2-Fußabdruck von 44,4 Millionen Tonnen CO2 jährlich auf Null zu senken gedenke. Amazon liefere außerdem nicht einmal grundlegende Informationen zu seinem Energiebedarf, was es Greenpeace verunmögliche, die Wirkung von Amazons erneuerbaren Energieprojekten realistisch einzuschätzen.

Was laut Greenpeace erschwerend dazu kommt: Amazons Bemühungen, zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie zu setzen, beschränkt sich auf den eigenen Betrieb. Die Lieferkette, die immerhin über 75 Prozent von Amazons CO2-Fußabdrucks ausmacht, bleibt außen vor. Des weiteren schreibt sich Amazon Nachhaltigkeit auf die Fahnen, während es Ölunternehmen wie BP und Shell mit KI-Technologien versorgt. Damit bohren diese effizienter nach Öl, um fossile Brennstoffe herzustellen. Besonders konsequent ist das nicht.

Kritik kommt aber nicht nur vonseiten Greenpeace. Auch ITV – der britische Fernsehsender, der ebenfalls The Climate Pledge unterzeichnet hat – veröffentlichte im Juni diesen Jahres verstörende Bilder. Eine Untersuchung des News-Teams zeigte, dass Amazon in Großbritannien jährlich Millionen an Gegenständen zerstört – darunter Elektrogeräte wie ungeöffnete Apple-Produkte, Bücher und Schmuck. Bis zu 130 000 Gegenstände mussten Amazon-Mitarbeitende in Großbritanniens größtem Lagerhaus wöchentlich zerstören, die meisten davon in tadellosem Zustand.

The Climate Pledge ist Win-Win-Situation für Amazon

Das alles macht das Nachhaltigkeitsversprechen von Amazon deutlich unglaubwürdiger. Der Verdacht drängt sich auf, dass das Unternehmen noch weitere Beweggründe als Umweltschutz hat, sich so öffentlichkeitswirksam für Nachhaltigkeit einzusetzen. Neben dem Aufpolieren des eigenen Image steht dahinter bestimmt auch ein wirtschaftliches Interesse. Denn, so formuliert es der SWR-Reporter Julian Gräfle in der Sendung Marktcheck, Maßnahmen, die ein Unternehmen nachhaltiger aufstellen, bringen erst einmal hohe Investments mit sich. Auf Dauer lasse sich damit aber auch viel Geld einsparen – und wenn Amazon eines kann, dann ist das Sparen. Wenn sich die Einsparungen mit Klimaschutz verbinden lassen, und dabei das Unternehmen in ein positiveres Licht rückt, ist das eine Win-Win-Situation.

Sollte man The Climate Pledge entsprechend kritisch betrachten? Vielleicht. Es ist durchaus eine positive Entwicklung, dass sich Firmen öffentlich dazu bekennen, mehr für die Umwelt zu tun und ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Und dies mit mehr Transparenz und klar vorgegebenen Zielen. Es lohnt sich aber, genau hinzuschauen, und nicht jede Erfolgsmeldung direkt für bare Münze zu nehmen.

Und so können Sie Ihren eigenen CO2-Abdruck reduzieren: Grüner Leben mit der Klima-App.

Commons Urbanism – Planung jenseits von Markt und Staat

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Farbenprächtige Häuser entlang des Inns vor den Alpen in Innsbruck, fotografiert von Wolfgang Weiser

Gemeinschaftliche Stadtentwicklung jenseits von Markt und Staat? Was nach utopischer Theorie klingt, wird im Zeitalter von Commons Urbanism zur handfesten Alternative: Gemeingutbasierte Urbanistik stellt Eigentum, Nutzung und Teilhabe radikal neu auf und gibt den Stadtraum zurück in die Hände der Zivilgesellschaft. Was steckt hinter dem Konzept, welche Projekte setzen Maßstäbe – und warum erscheint Commons Urbanism gerade heute als Antwort auf die urbanen Herausforderungen von morgen?

  • Grundlagen des Commons Urbanism und Abgrenzung zu klassischen Planungsmodellen
  • Historische Wurzeln und theoretische Fundamente: Von Elinor Ostrom bis zu aktuellen urbanen Bewegungen
  • Praktische Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Projekte, Prozesse und Akteure
  • Rechtliche, politische und kulturelle Herausforderungen bei der Umsetzung von Commons Urbanism
  • Chancen für Klimaanpassung, soziale Resilienz und nachhaltige Stadtentwicklung
  • Risiken, Zielkonflikte und mögliche Fehlentwicklungen gemeingutbasierter Planung
  • Perspektiven für die Integration von Commons Urbanism in kommunale und regionale Stadtentwicklung
  • Empfehlungen für Planer, Verwaltungen und Initiativen: Was ist jetzt zu tun?

Commons Urbanism: Konzept, Herkunft und Abgrenzung

Commons Urbanism – ein Begriff, der in den letzten Jahren mit eindrucksvoller Vehemenz in die urbane Fachdebatte eingezogen ist. Er beschreibt ein städtisches Planungs- und Entwicklungsmodell, das sich jenseits der gewohnten Dichotomie von Markt und Staat positioniert. Während klassische Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum bis heute meist innerhalb klarer Zuständigkeiten von Verwaltung, Politik und privaten Akteuren stattfindet, setzt Commons Urbanism auf eine dritte Säule: die gemeinschaftliche, selbstorganisierte Nutzung und Entwicklung von Stadtressourcen durch Bürger und Zivilgesellschaft. Im Zentrum steht das Gemeingut – also Ressourcen wie Flächen, Räume, Infrastruktur oder Wissen, die weder ausschließlich privat noch hoheitlich verwaltet werden, sondern kollektiv getragen, gepflegt und weiterentwickelt werden.

Die theoretischen Wurzeln des Konzepts reichen bis zu Elinor Ostrom zurück, deren bahnbrechende Forschung über „Commons“ die Mechanismen gemeinschaftlich genutzter Ressourcen entschlüsselte. Ostrom widerlegte das lange dogmatisch gepflegte Narrativ der „Tragödie der Allmende“, wonach gemeinsames Eigentum zwangsläufig zur Übernutzung oder zum Verfall führt. Sie zeigte stattdessen, dass Gemeinschaften mit klugen Regeln, Verantwortlichkeiten und sozialen Kontrollmechanismen sehr wohl in der Lage sind, ihre Ressourcen nachhaltig zu bewirtschaften – oft besser als der Markt oder der Staat es könnten.

Im Kontext der Stadtplanung bedeutet das: Die Entwicklung, Pflege und Nutzung urbaner Räume und Infrastrukturen kann und sollte von der lokalen Gemeinschaft getragen werden, sofern die richtigen Rahmenbedingungen und Governance-Strukturen geschaffen werden. Commons Urbanism ist damit weder eine romantische Rückkehr zur Nachbarschaftsidylle noch eine radikale Absage an professionelle Planung. Vielmehr handelt es sich um eine präzise Antwort auf die zunehmende Komplexität, Fragmentierung und Kommerzialisierung urbaner Entwicklung, bei der klassische Steuerungsmodelle oft an ihre Grenzen stoßen.

Die Besonderheit liegt darin, dass Commons Urbanism nicht als Alternativmodell zur etablierten Planung auftreten muss, sondern als komplementäre Ergänzung. Er schafft Räume für Innovation, Teilhabe und nachhaltige Ressourcennutzung, wo staatliche oder private Akteure oft nicht hingelangen – sei es aus ökonomischen, rechtlichen oder politischen Gründen. Vor allem aber verschiebt Commons Urbanism die Perspektive: Weg vom Raum als Ware oder Verwaltungsobjekt, hin zum Raum als sozialem Prozess, als geteiltem Gut, als Bühne für kollektive Stadtproduktion.

Gerade im deutschsprachigen Raum, wo Boden und Immobilien zu den letzten großen Renditeobjekten avanciert sind, gewinnt diese Sichtweise rapide an Bedeutung. Commons Urbanism ist kein theoretischer Luxus, sondern eine urbane Notwendigkeit, um die soziale, ökologische und kulturelle Daseinsvorsorge in wachsenden und zunehmend diversen Städten zu sichern.

Historische Entwicklung und theoretische Fundamente

Um die Relevanz des Commons Urbanism für heutige Stadtentwicklung zu verstehen, lohnt ein Blick zurück in die Geschichte. Die Allmenden – gemeinschaftlich genutzte Flächen für Viehweide, Holzgewinnung oder Wasserversorgung – prägten über Jahrhunderte die ländlichen wie die städtischen Siedlungsstrukturen Europas. In vielen Dörfern und Städten waren es die Bürgergemeinden, Nachbarschaften oder Zünfte, die über die Bewirtschaftung, Pflege und Nutzung gemeinsamer Ressourcen entschieden. Mit der Industrialisierung, dem Siegeszug des Privateigentums und der zunehmenden Verrechtlichung öffentlicher Güter trat dieses Modell allmählich in den Hintergrund.

Doch die Idee der Commons verschwand nie ganz. Spätestens seit den sozialen Bewegungen der 1970er- und 1980er-Jahre – von der Hausbesetzer- bis zur Urban-Gardening-Szene – keimte das Bedürfnis nach gemeinschaftlicher Stadtproduktion wieder auf. Die „Recht auf Stadt“-Bewegung, die in Hamburg, Berlin und Zürich große Wirkung entfaltete, brachte die Forderung nach einer Demokratisierung der Stadtplanung auf den Punkt: Zugang zu Flächen, Mitbestimmung, kollektive Aneignung – und damit die Rückeroberung der Stadt als Gemeingut.

Elinor Ostroms Arbeiten bildeten das theoretische Rückgrat dieser Entwicklung. Mit ihrem Fokus auf die Ausgestaltung von Governance-Strukturen, die Selbstorganisation, Regeln und Sanktionen in den Mittelpunkt rücken, lieferte sie das Werkzeug, um auch komplexe urbane Ressourcen wie Nachbarschaftsflächen, gemeinschaftliche Wohnprojekte, digitale Infrastrukturen oder Mobilitätsangebote als Commons zu denken und zu steuern. Diese Perspektive wurde in den letzten Jahren von zahlreichen Wissenschaftlern und Praktikern weiterentwickelt – etwa durch Christian Iaione, Sheila Foster oder Silke Helfrich, die Commons Urbanism als eigenständiges Paradigma urbaner Entwicklung etablieren.

In der aktuellen Debatte wird Commons Urbanism häufig als Gegenmodell zum „Urban Governance“-Ansatz gesehen, der auf die Integration von Marktmechanismen, PPP-Modellen und unternehmerischer Stadtpolitik setzt. Während Urban Governance den Fokus auf Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum legt, pocht Commons Urbanism auf Teilhabe, Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung. Zugleich sind die Grenzen fließend: Viele Städte experimentieren heute mit hybriden Modellen, die Elemente aus beiden Ansätzen verbinden.

Besonders spannend sind die aktuellen Versuche, Commons-Prinzipien auch auf digitale und kulturelle Ressourcen zu übertragen: Offene Datenplattformen, Makerspaces, gemeinschaftlich betriebene Mobilitätsdienste oder solidarische Landwirtschaftsnetzwerke gelten als Blaupausen für ein neues, vernetztes Verständnis urbaner Gemeingüter. Sie zeigen, dass Commons Urbanism nicht in nostalgischer Verklärung alter Allmenden stecken bleibt, sondern hochaktuell ist – und zur Zukunftsfähigkeit der Städte beiträgt.

Innovative Praxis: Commons Urbanism in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Theorie ist schön und gut – aber wie sieht Commons Urbanism in der Praxis aus? Der deutschsprachige Raum bietet mittlerweile eine erstaunliche Vielfalt an Projekten, die das Potenzial gemeingutbasierter Stadtentwicklung eindrucksvoll demonstrieren. Paradebeispiele finden sich in allen großen Städten, aber auch im ländlichen Raum.

In München etwa wurde die „Bellevue di Monaco“-Initiative zu einem international beachteten Vorzeigeprojekt. Hier hat eine zivilgesellschaftliche Allianz aus Nachbarn, Kulturschaffenden und Geflüchteten ein ehemaliges städtisches Wohnhaus übernommen, gemeinschaftlich saniert und als soziokulturelles Zentrum, Café und selbstverwaltetes Wohnprojekt etabliert. Eigentum und Betrieb liegen bei einer gemeinnützigen Genossenschaft, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, die Nutzung ist dauerhaft gemeinwohlorientiert abgesichert. Der Staat agiert als Ermöglicher, nicht als Betreiber – ein Lehrstück für Commons Urbanism im deutschen Mietrecht.

In Berlin hat die Initiative „Stadtbodenstiftung“ ein innovatives Modell entwickelt, um Boden dem spekulativen Markt zu entziehen und als Gemeingut zu sichern. Mithilfe von Stiftungsstrukturen, Erbpacht und langfristigen Nutzungsrechten werden Flächen für gemeinschaftliche Wohnprojekte, Nachbarschaftsgärten und soziale Infrastruktur bereitgestellt. Die Stiftung verwaltet das Land treuhänderisch, die Nutzer entscheiden über Gestaltung und Nutzung. Ein ähnliches Prinzip verfolgt die „Mietshäuser Syndikat“-Bewegung, die mittlerweile Dutzende Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeinschaftlich dem Markt entzogen hat.

Auch im Bereich öffentlicher Räume und Infrastruktur setzen immer mehr Kommunen auf gemeingutbasierte Modelle. In Zürich etwa werden Parkanlagen, Gemeinschaftsgärten und sogar Mobilitätsdienste wie Carsharing-Flotten in Kooperation mit Nachbarschaftsvereinen, Genossenschaften oder Bürgerplattformen betrieben. In Wien experimentiert die Stadt mit partizipativen Stadtteilfonds, über die Bewohner gemeinsam entscheiden, wie öffentliche Mittel für Grünflächen, Spielplätze oder Kulturprojekte verwendet werden.

Diese Beispiele zeigen: Commons Urbanism ist kein Nischenphänomen. Es diffundiert in immer mehr Bereiche der Stadtentwicklung – von der Zwischennutzung leerstehender Räume über gemeinschaftliches Wohnen bis zur Ko-Gestaltung öffentlicher Infrastrukturen. Entscheidend ist, dass die Projekte langfristig abgesichert, rechtlich robust und sozial inklusiv gestaltet werden. Nur dann können sie als echte Commons bestehen und Vorbildwirkung entfalten.

Herausforderungen, Risiken und Zielkonflikte

Natürlich ist Commons Urbanism kein Selbstläufer. Wer sich aus der Komfortzone staatlicher oder privatwirtschaftlicher Steuerung wagt, muss sich mit einer Reihe handfester Herausforderungen auseinandersetzen. Die erste Hürde ist meist rechtlicher Natur: Eigentumsfragen, Haftung, Zugang zu Ressourcen, Gemeinnützigkeit und Vertragsgestaltung sind komplex und oft Neuland für alle Beteiligten. Viele Projekte scheitern daran, dass das bestehende Planungs- und Baurecht keine passenden Instrumente für kollektiv genutzte Räume bietet. Hier sind innovative Rechtsformen, städtische Pioniervorhaben und politische Unterstützung gefragt.

Zudem stellt sich die Frage nach der Governance: Wer entscheidet, wer partizipiert, wer trägt Verantwortung? Commons Urbanism funktioniert nur, wenn alle Beteiligten bereit sind, Verantwortung und Macht zu teilen – und wenn transparente, faire und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse etabliert sind. Das ist in der heterogenen, oft konfliktreichen Stadtgesellschaft leichter gesagt als getan. Zielkonflikte um Nutzung, Zugang oder Mitwirkung gehören zum Alltag – und erfordern viel Moderation, Kommunikation und manchmal auch Kompromissbereitschaft.

Ein weiteres Risiko besteht in der Instrumentalisierung von Commons für andere Zwecke. Schnell wird der charmante Gemeinschaftsgarten zum Feigenblatt für sozial unverträgliche Stadtentwicklung oder Gentrifizierung. Nicht selten versuchen Investoren, Unternehmen oder sogar Kommunen, Commons-Projekte als PR-Instrument zu missbrauchen, ohne echte Verantwortung oder Mitbestimmung zuzulassen. Hier braucht es klare Abgrenzungen, robuste Strukturen und eine kritische Öffentlichkeit, um den Anspruch auf Gemeinwohlorientierung zu schützen.

Auch Fragen der sozialen Inklusion und Gerechtigkeit sind zentral: Wer kann mitmachen, wer profitiert, wer bleibt außen vor? Commons Urbanism läuft Gefahr, zur Spielwiese privilegierter Gruppen zu werden, wenn er nicht aktiv für Vielfalt, Zugang und soziale Ausgewogenheit sorgt. Besonders in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt ist die Gefahr groß, dass Commons-Projekte zur exklusiven Nische verkommen – entgegen ihrem eigentlichen Anspruch.

Schließlich bleibt die Herausforderung der Skalierung: Einzelne Leuchtturmprojekte sind wichtig, aber sie reichen nicht aus, um die urbanen Transformationsprozesse umfassend zu gestalten. Commons Urbanism muss in die breite Stadtentwicklung integriert, institutionell verstetigt und politisch unterstützt werden. Das erfordert Mut, Offenheit und manchmal auch das Loslassen alter Gewissheiten – von Seiten der Verwaltung ebenso wie der Zivilgesellschaft.

Ausblick: Commons Urbanism als Zukunftsmodell?

Der Blick nach vorn zeigt: Commons Urbanism hat das Potenzial, die Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum nachhaltig zu verändern. Angesichts wachsender Herausforderungen – vom Klimawandel über soziale Polarisierung bis zur Digitalisierung – bietet das Modell konkrete Antworten auf die Frage, wie Städte resilienter, gerechter und lebenswerter werden können. Es schafft Räume für kollektive Kreativität, partizipative Innovation und nachhaltige Ressourcennutzung – und es stärkt die demokratische Substanz der Stadtgesellschaft.

Für Planer, Verwaltungen und Politik eröffnet Commons Urbanism neue Handlungsfelder, aber auch neue Verantwortlichkeiten. Es gilt, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die gemeingutbasierte Modelle ermöglichen und absichern. Es braucht Förderprogramme, Beratung und Know-how-Transfer, um Initiativen zu unterstützen und zu professionalisieren. Und es braucht eine neue Planungskultur, die Fehler zulässt, Experimente fördert und Gemeinwohlorientierung als Leitmotiv verankert.

Gleichzeitig ist Commons Urbanism kein Allheilmittel. Er kann staatliche Steuerung und professionelle Planung nicht ersetzen – wohl aber ergänzen und bereichern. Die Zukunft liegt in hybriden Modellen, die das Beste aus Markt, Staat und Gemeinschaft verbinden. Dabei ist Wachsamkeit gefragt: Commons dürfen nicht zur Ausrede für unterlassene Investitionen oder zur Bühne für partikulare Interessen werden. Sie müssen offen, inklusiv und transparent bleiben – und sich immer wieder aufs Neue legitimieren.

Für die Praxis heißt das: Wer Commons Urbanism ernst nimmt, muss in Prozessen denken, nicht in Masterplänen. Er muss Partizipation, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit nicht als Checklisten abarbeiten, sondern als Grundprinzipien institutionalisieren. Und er muss akzeptieren, dass Stadtentwicklung nie abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu verhandelt und gestaltet werden muss.

Im internationalen Vergleich steht der deutschsprachige Raum gar nicht so schlecht da: Viele Projekte, Initiativen und Netzwerke genießen internationale Anerkennung und werden als Vorbilder gehandelt. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die zivilgesellschaftliche Energie in dauerhafte Strukturen und nachhaltige Stadtentwicklung zu übersetzen. Die Chancen stehen gut – wenn Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft bereit sind, gemeinsam neue Wege zu gehen.

Fazit: Commons Urbanism ist weit mehr als ein Trend. Es ist ein Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung, der Eigentum, Teilhabe und Nutzung urbaner Ressourcen grundlegend neu denkt. An der Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Raum und Governance schafft er innovative Lösungen für die Herausforderungen der modernen Stadt – und bringt frischen Wind in festgefahrene Debatten. Wer als Planer, Verwaltung oder Initiative die Zukunft der Stadt mitgestalten will, kommt an Commons Urbanism nicht vorbei. Es lohnt sich, den eigenen Planungshorizont zu erweitern und die Potenziale gemeingutbasierter Entwicklung zu nutzen. Denn die Stadt der Zukunft wird nicht nur gebaut – sie wird geteilt, verhandelt und gemeinsam gestaltet. Und genau darin liegt ihre größte Stärke.