29.11.2021

Fachmedien

Mehr Sicherheit für Kinder im öffentlichen Raum

von Juliane von Hagen

Cover „Kinder und Jugendliche im Quartier“

Kinder nehmen ihre Lebenswelt anders wahr als Erwachsene. Das ist kein Geheimnis. Was aber bedeutet das für ihre Wege in der Stadt? Das Deutsche Institut für Urbanistik hat nun Instrumente entwickelt, um mehr über das Sicherheitsgefühl von Kindern und Jugendlichen zu erfahren. 

Komische Typen an der Ecke, dunkle Wege oder menschenleere Parks, das mögen Kinder und Jugendliche nicht. Ohne viel darüber nachzudenken, meiden sie Räume, in denen sie sich nicht wohl fühlen. Wer junge Menschen aufmerksam durch die Stadt begleitet oder ihren Erzählungen zuhört, der erfährt viel. Der lernt, welche Bereiche Kinder meiden und wie sie ihre Wege ihrem Befinden anpassen. Das engt ihre Lebenswelt oft ein. Und darüber wissen verantwortliche Akteur*innen und Erwachsene bisher leider wenig. Dabei wäre es wichtig und gut, wenn die Polizei, Verantwortliche in der Jugendarbeit und Stadt- und Grünplaner*innen die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen besser kennen. Nur dann können sie sich für kinderfreundliche und sichere Städte engagieren. Nur so kann die Sicherheit von Kindern gestärkt werden.

Kind mit Stadtkarte, Foto: Unsplash / JESHOOTS.COM

Kinder und Jugendliche brauchen öffentliche Räume

In den letzten 50 Jahren hat die Selbstständigkeit von Kindern deutlich abgenommen. Dazu tragen einerseits Eltern und ihr Empfinden von Unsicherheit bei. Es liegt in ihren Händen, inwieweit Kinder sich unbeaufsichtigt in der Öffentlichkeit bewegen dürfen. Aber auch Kinder selbst haben Erlebnisse von Unsicherheit, die sie in ihren Leben in der Stadt einschränken. Sie wollen und sollen nicht nur „Kinderorte“ in der Stadt nutzen. Die öffentlich zugänglichen Räume unserer Städte sind die zentralen Spiel- und Freizeitorte für Kinder außerhalb der eigenen Wohnung. Es ist eine Vielfalt von Räumen, die für Kinder und Jugendliche wichtig sind.

Insbesondere Straßen, Plätze, Parks und Freiflächen sind wichtig als selbstständig erfahrbare Aneignungsräume. Im Laufe ihrer Entwicklung erweitern Kinder und Jugendliche ihre räumliche Lebenswelt. Von der eigenen Wohnung dehnt sich der Erfahrungsraum ringförmig aus. Nach und nach erobern Kinder ihr Quartier eigenständig. Dabei wächst im Laufe der Zeit auch das Bedürfnis von Kindern und Jugendlichen nach Rückzugsräumen. Dort werden sie nicht von Erwachsenen kontrolliert. Dort sind Gelegenheiten zum Treffen und zur Auseinandersetzung mit Mitmenschen. Kinder und Jugendliche müssen also Gelegenheit haben und sich vor allem trauen diese Orte im Quartier aufzusuchen. Ein Gefühl von Unsicherheit sollte sie von diesen wichtigen Erfahrungen nicht abhalten. 

Handbuch zur Sicherheit und Kinder

Nun hat das Deutsche Institut für Urbanistik ein Handbuch zum Thema Sicherheit und Kinder erarbeitet. Das Buch stellt zehn Instrumente für mehr Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im öffentlichen Räumen dar. Auf praxistaugliche Art und Weise präsentiert es Methoden, die helfen, die Bedürfnisse von Kindern zu erfassen. Dabei spielt die Mitarbeit der Kinder eine große Rolle. Es geht nicht um eine Betrachtung von Expert*innen von außen. Vielmehr präsentiert das Handbuch des Deutschen Instituts für Urbanistik partizipative Methoden. Die helfen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen das Thema Sicherheit zu besprechen und ihre jeweiligen Bedürfnisse zu ergründen.

Cover „Kinder und Jugendliche im Quartier“, Abbildung: Difu; april agentur GbR

Methoden

Das Handbuch des Deutschen Instituts für Urbanistik präsentiert verschiedene Methoden. Sie alle nehmen einen Stadtteil oder ein Quartier in den Blick, also das unmittelbare und tägliche Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen. Erst mit der Konzentration auf den vergleichsweise kleinen Raum, können konkrete Situationen erfasst und mögliche Veränderungen initiiert werden. Sie fragen nach dem wo, dem wann und warum Kinder Unsicherheiten empfinden und erfahren.

Die im Handbuch präsentierten Methoden helfen aber nicht nur Orte mangelnder Sicherheit zu erkennen. Sie erfassen auch die jeweiligen Bewertungen der Kinder und Jugendlichen und helfen diese zu analysieren. Auf diese Weise kann das Thema Kinder und Sicherheit fachübergreifend betrachtet werden. Der Blick aus Kinderaugen hilft, die Lagebilder der Polizei zur verfeinern und die städtebauliche Kriminalprävention zu stärken. Darüber hinaus  tragen die Ergebnisse dazu bei, kommunale Akteur*innen und freier Träger*innen zu informieren und konkrete Maßnahmen zu planen. Denn nur gemeinsam, in Zusammenarbeit von Polizei, Jugendhilfe und Stadtplanung, können sichere und kinderfreundliche Stadtquartiere entstehen. 

Projekt INERSIKI

Das Handbuch und die darin präsentierten Methoden gehen nicht allein auf die Arbeit des Deutschen Instituts für Urbanistik zurück. Vielmehr hat das Institut mit verschiedenen Partner*innen gemeinsam zum Thema Kinder und Sicherheit gearbeitet. Im Rahmen des Projekts INERSIKI kooperierten sie mit der Zentralstelle für Prävention des Landeskriminalamts Berlin, dem Institut für Psychologie der Universität Hildesheim und dem Kinder- und Jugendbüro in Berlin Steglitz-Zehlendorf. Gefördert wurde diese Forschungskooperation zum Thema Kinder und Sicherheit von Bundesministerium für Bildung und Forschung. Über zwei Jahre, von 2019 bis 2021, haben die Beteiligten gemeinsam die Instrumente zu raumbezogenen Sicherheitsbelangen von Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Neben dem Handbuch ist im Rahmen des Forschungsprojekts INERSIKI auch eine Website entstanden. Die bietet zusätzliches Material und Mitschnitte von Diskussionen und Vorträgen zum Thema Kinder und Sicherheit.

Silhouetten spielender Kinder, Foto: Unsplash / Gil Ribeiro

Sicherheit und Kinder: für viele interessant

Als kostenloses Handbuch unterstützt es all diejenigen, die sich für Kinder in unseren Städten engagieren. Und das sind viele. Sie reichen von Akteur*innen in der städtebaulichen Kriminalprävention, der quartiersbezogenen Polizeiarbeit über die Kinder- und Jugendhilfe, über kommunale Präventionsgremien bis hin zur Stadt- und Freiraumplanung. Aber auch Akteur*innen der Wohnungswirtschaft und zivilgesellschaftlicher Institutionen haben Interesse am Thema Kinder und Sicherheit. Es hilft also all denjenigen, die kriminalpräventive Arbeit für Kinder und Jugendliche ausbauen und deren subjektive Sicherheit in den Blick nehmen wollen. Es unterstützt aber auch all diejenigen, die Kinder und Jugendliche als gleichberechtigte Nutzer*innen des öffentlichen Raums verstehen. Darüber hinaus informiert es all diejenigen, die für alle Bevölkerungsgruppen nutzbare und lebenswerte Räume in den Städten schaffen wollen.

Der öffentliche Raum besitzt viele Nutzungen. Obdachlosigkeit ist eine davon, auch wenn nicht im Bewusstsein der meisten. Aus diesem Grund stellt die aktuelle Ausstellung im Münchner Architekturmuseum der TU „Who’s Next?“ wichtige Fragen nach der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Menschen ohne Wohnung.

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