Prag entwirft klimaaktive Friedhöfe als urbane Pufferzonen

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Das Foto von Pedro Novales zeigt das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, aufgenommen aus der Perspektive zwischen den markanten Betonstelen.

Wer hätte gedacht, dass Friedhöfe plötzlich das Zentrum klimatischer Innovation und urbaner Resilienz werden könnten? In Prag entstehen visionäre Friedhofsentwürfe, die weit mehr sind als stille Ruhestätten – sie werden zu klimaaktiven Pufferzonen, zu grünen Lungen, zu Laboren für urbane Nachhaltigkeit. Was steckt hinter diesem Trend? Und kann die deutsche Planungskultur davon lernen?

  • Prags Friedhöfe werden gezielt als klimaaktive urbane Pufferzonen neu gedacht und gestaltet.
  • Die Integration von Biodiversität, Wasserretention und Hitzeschutz steht im Fokus der neuen Friedhofsplanung.
  • Friedhöfe fungieren als multifunktionale Räume: Gedenkstätte, Naherholung, Klimapuffer und urbane Infrastruktur zugleich.
  • Praxisbeispiele aus Prag zeigen, wie innovative Entwürfe Ökosystemleistungen stärken und soziale Integration fördern.
  • Die Herausforderungen reichen von der Akzeptanz in der Bevölkerung bis zu rechtlichen und technischen Fragen.
  • Parallelen und Potenziale für den deutschsprachigen Raum: Wie könnten deutsche, österreichische und schweizerische Städte profitieren?
  • Ein Ausblick auf die Rolle von Friedhöfen in der klimaresilienten Stadt der Zukunft – und warum Planer die Friedhofsflächen neu denken sollten.

Friedhöfe als urbane Pufferzonen – eine neue Planungsidee für das Klima

Kaum ein anderes urbanes Element ist so unterschätzt wie der Friedhof. In vielen deutschen, österreichischen und schweizerischen Städten fristen Friedhöfe ein Dasein als stille Enklaven, von hohen Mauern umgeben und vom öffentlichen Leben meist ausgespart. Doch die Stadtplaner in Prag haben einen Perspektivwechsel vollzogen: Sie erkennen, dass Friedhöfe weit mehr sein können als Orte der Trauer und Andacht. Sie besitzen enormes Potenzial als klimaaktive Pufferzonen – als grüne Inseln, Wasserspeicher und Biodiversitätsreservoirs mitten in der Stadt.

Der Begriff „Pufferzone“ ist in der Stadtplanung fest verankert. Traditionell bezeichnet er Flächen, die sensible Bereiche vor äußeren Einflüssen schützen – etwa Wohngebiete vor Verkehrslärm oder Industrie. Doch im Kontext des Klimawandels erhält das Konzept eine neue Dimension. Hier geht es nicht mehr nur um Schutz vor Lärm oder Schadstoffen, sondern um den Schutz der städtischen Bevölkerung vor Hitze, Starkregen, Luftverschmutzung und Biodiversitätsverlust. Friedhöfe, so das Prager Konzept, können diese Aufgaben übernehmen – und das in einer Flächenqualität und -größe, die kaum ein anderer urbaner Raum bietet.

Warum gerade Friedhöfe? Sie sind oft jahrhundertealt, weisen einen hohen Baumbestand auf, verfügen über offene Böden und sind im Vergleich zu anderen Stadtflächen wenig versiegelt. Diese Eigenschaften machen sie zu natürlichen Klimapuffern. Sie kühlen ihr Umfeld, speichern Wasser, bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen und wirken wie ein Schwamm im Starkregen. In Prag werden diese Potenziale nun systematisch weiterentwickelt. Die Friedhofsplanung wird zur Klima- und Umweltplanung – und das mit beachtlicher Professionalität.

Die Stadtverwaltung Prag verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Sie analysiert die bestehenden Friedhofsflächen hinsichtlich ihrer ökologischen Funktionen, identifiziert Defizite und Potenziale und entwickelt darauf aufbauend neue Nutzungskonzepte. So entstehen Entwürfe, die auf die gezielte Förderung von Biodiversität, Wasserretention und Mikroklimaregulation abzielen. Es werden standortgerechte Baum- und Straucharten ausgewählt, Feuchtbiotope geschaffen, offene Rasenflächen zu artenreichen Wiesen umgewandelt und sogar temporäre Überschwemmungsflächen eingeplant.

Das Ergebnis ist ein Friedhof, der nicht mehr als isolierter Trauerort, sondern als aktiver Teil der städtischen Grünen Infrastruktur funktioniert. Die Flächen werden so gestaltet, dass sie im Sommer kühlen, bei Starkregen Wasser aufnehmen und in Trockenperioden Feuchtigkeit speichern. Gleichzeitig bleibt die ursprüngliche Funktion als Ort der Erinnerung und Andacht erhalten – ergänzt durch neue Nutzungsangebote für Naherholung, Naturbeobachtung und Umweltbildung.

Dieser Paradigmenwechsel ist bemerkenswert: Die Friedhofsplanung wird zum Motor urbaner Klimaanpassung. Sie bringt Planer, Landschaftsarchitekten, Biologen und die Öffentlichkeit an einen Tisch und zeigt, dass innovative Lösungen oft dort entstehen, wo man sie am wenigsten erwartet. In Prag ist der Friedhof keine Sackgasse der Stadtentwicklung mehr, sondern ein Pionierfeld für klimaaktive Stadtgestaltung.

Ökosystemleistungen und Multifunktionalität: Was Prags Friedhöfe leisten

Der Begriff „Ökosystemleistungen“ ist in der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung längst etabliert, wird aber selten so konsequent auf Friedhöfe angewendet wie derzeit in Prag. Unter Ökosystemleistungen versteht man die vielfältigen Nutzen, die natürliche und naturnahe Flächen für die Gesellschaft erbringen – von der Luftreinhaltung über die Klimaregulation bis zur Förderung von Biodiversität. Prags neue Friedhofskonzepte nehmen genau diese Leistungen ins Visier und machen sie zur Planungsgrundlage.

Ein zentrales Thema ist die Temperaturregulation. Friedhöfe mit altem Baumbestand wirken wie natürliche Klimaanlagen, weil sie durch Verdunstung und Verschattung lokale Hitzeinseln abmildern. Gerade in dicht bebauten Quartieren sind diese Effekte messbar: Temperaturen im Umfeld von Friedhöfen liegen an heißen Sommertagen oft mehrere Grad unterhalb der Werte benachbarter Straßen oder Plätze. Die Stadt Prag nutzt diese Erkenntnisse, um Friedhöfe gezielt als Kühlinseln zu stärken – etwa durch Nachpflanzungen klimaresilienter Baumarten, den Erhalt großer Kronendächer und den Verzicht auf unnötige Bodenversiegelung.

Wasser ist das zweite große Thema. Friedhöfe verfügen in der Regel über weitläufige, nur teilweise genutzte Flächen mit hoher Bodenporosität. Das prädestiniert sie als Retentionsräume für Starkregen und zur Grundwasserneubildung. In Prag werden gezielt Mulden, Teiche und Biotope angelegt, die überschüssiges Regenwasser aufnehmen, speichern und langsam an den Boden abgeben. Diese Maßnahmen dienen nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern erhöhen auch die Widerstandsfähigkeit der Stadt gegen Trockenperioden – ein Aspekt, der angesichts des Klimawandels immer wichtiger wird.

Biodiversität ist der dritte große Baustein. Friedhöfe bieten Lebensraum für zahlreiche, teils seltene Arten – von alten Eiben und Wildbienen bis zu Fledermäusen und Eidechsen. In Prag werden gezielt Strukturen geschaffen, die diese Vielfalt fördern: Totholzhaufen, Wildblumenwiesen, Nistkästen und naturnahe Gehölzsäume. Die Planung orientiert sich dabei am Prinzip der Multifunktionalität: Jede Maßnahme muss nicht nur eine einzelne Funktion erfüllen, sondern mehrere. Ein Totholzhaufen ist Lebensraum, Lernobjekt für Schulklassen und gestalterisches Element zugleich.

Nicht zuletzt spielt auch die soziale Dimension eine Rolle. Friedhöfe werden in Prag als offene, zugängliche Orte konzipiert, die verschiedene Nutzergruppen ansprechen: Trauernde, Spaziergänger, Naturfreunde, Schulkinder. Es entstehen Wege, Sitzplätze, Informationsangebote und ruhige Zonen, die Rücksicht auf unterschiedliche Bedürfnisse nehmen. Dieser Ansatz fördert die soziale Integration und steigert die Akzeptanz für die neuen Nutzungen. Die Friedhöfe werden zu urbanen Commons – zu gemeinsamen Ressourcenzonen, die von allen genutzt und geschätzt werden.

Zusammengefasst: Prags Friedhöfe sind nicht länger monofunktionale Flächen, sondern hochgradig multifunktionale Infrastrukturen. Sie liefern Ökosystemleistungen, die für die urbane Resilienz unverzichtbar sind – und sie zeigen, wie eine kluge Planung aus scheinbar statischen Orten pulsierende Herzstücke der Stadt machen kann.

Innovative Entwürfe und Praxisbeispiele: Wie Prag Friedhöfe neu denkt

Die Theorie ist das eine, doch wie sehen die neuen Prager Friedhöfe in der Praxis aus? Ein Blick auf konkrete Entwürfe und Umsetzungen zeigt, wie viel Innovationskraft in der Verbindung von Tradition und Moderne steckt. Die Stadt setzt dabei auf einen breiten Mix aus Maßnahmen, die sowohl gestalterisch als auch technisch überzeugen – und die stets die spezifischen lokalen Gegebenheiten berücksichtigen.

Ein herausragendes Beispiel ist der Olsanske Friedhof, der größte Friedhof Prags und zugleich ein Pilotprojekt für klimaaktive Friedhofsgestaltung. Hier wurde ein umfassendes Begrünungskonzept entwickelt, das den alten Baumbestand erhält und ergänzt, neue Wildblumenflächen anlegt und Feuchtbiotope integriert. Besonders spannend: Im Rahmen eines Pilotprojekts werden temporäre Wasserrückhalteflächen geschaffen, die bei Starkregen geflutet werden können, ohne die Grabbereiche zu beeinträchtigen. Das Regenwasser wird in eigens angelegten Mulden gesammelt, langsam versickert und trägt so zur Grundwasserbildung bei.

Ein weiteres Beispiel ist der Vysehrad-Friedhof, der durch eine Kombination aus Denkmalschutz und ökologischer Aufwertung besticht. Hier werden historische Grabfelder mit naturnahen Grünstrukturen verbunden, und die Wegeführung wurde so angepasst, dass Besucher gezielt zu ökologisch besonders wertvollen Bereichen geleitet werden. Informationsstelen klären über die Bedeutung der Flora und Fauna auf und machen den Friedhof zu einem Lernort für Biodiversität und Klimaschutz.

Auch kleinere Quartiersfriedhöfe werden in Prag neu gedacht. So entstehen auf vormals eintönigen Rasenflächen artenreiche Blumenwiesen, die nur zweimal im Jahr gemäht werden. Diese Flächen bieten Lebensraum für Schmetterlinge, Wildbienen und Heuschrecken – und werden von den Anwohnern als blühende Oasen wahrgenommen. Gleichzeitig werden Sitzgelegenheiten, Trinkbrunnen und schattige Rückzugsbereiche geschaffen, die den Friedhof als Naherholungsraum aufwerten.

Technische Innovationen spielen ebenfalls eine Rolle. In einigen Projekten werden Bodenfeuchtesensoren und Wetterstationen installiert, die die Bewässerung steuern und den Wasserverbrauch minimieren. Die Friedhofsverwaltung arbeitet eng mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammen, um die Effekte der Maßnahmen wissenschaftlich zu begleiten und kontinuierlich zu optimieren. Das Ziel: Jeder Friedhof soll zum Labor für urbane Klimaanpassung werden – und die gewonnenen Erkenntnisse in die gesamte Stadtplanung zurückfließen.

Die Prager Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie Friedhöfe als Experimentierfelder für klimaaktive Stadtentwicklung genutzt werden können. Sie verbinden gestalterische Qualität mit ökologischer Funktion und sozialer Offenheit. Und sie beweisen, dass Tradition und Innovation keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig befruchten können – wenn Mut, Know-how und Vision zusammenkommen.

Herausforderungen und Chancen: Was deutsche Städte von Prag lernen können

Die Prager Ansätze werfen automatisch die Frage auf: Wie steht es um die Friedhöfe im deutschsprachigen Raum? Und was können Planer, Verwaltungen und Landschaftsarchitekten von den tschechischen Nachbarn lernen? Klar ist: Die strukturellen Voraussetzungen sind ähnlich. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz verfügen Städte über große Friedhofsflächen, die in den nächsten Jahrzehnten aufgrund demografischer Veränderungen und neuer Bestattungsformen zunehmend untergenutzt sein werden. Das eröffnet Chancen – birgt aber auch Herausforderungen.

Ein zentrales Problem ist die Akzeptanz. Friedhöfe sind in Deutschland traditionell stark reguliert, kulturell aufgeladen und mit zahlreichen Vorschriften belegt. Jede Änderung am Erscheinungsbild, jede neue Nutzung stößt oft auf Skepsis – sowohl bei Behörden als auch in der Bevölkerung. Umso wichtiger ist es, die Vorteile der klimaaktiven Friedhofsgestaltung klar zu kommunizieren: Sie verbessert das Stadtklima, erhöht die Lebensqualität, stärkt die Biodiversität und bietet neue Möglichkeiten für Bildung und Naherholung.

Rechtliche und technische Fragen stellen eine weitere Hürde dar. Wer darf was auf Friedhofsflächen? Wie werden neue Nutzungen genehmigt? Wie lassen sich gestalterische, ökologische und religiöse Anforderungen in Einklang bringen? Hier braucht es Mut zu Pilotprojekten, flexible Interpretationen bestehender Vorschriften und eine enge Zusammenarbeit zwischen allen Akteuren. Die Erfahrungen aus Prag zeigen: Je transparenter der Planungsprozess, desto höher die Akzeptanz – und desto größer der Spielraum für innovative Lösungen.

Die Chancen sind enorm. Städte, die Friedhofsflächen als Teil ihrer Grünen Infrastruktur verstehen und gezielt klimaaktive Maßnahmen umsetzen, profitieren gleich mehrfach. Sie gewinnen wertvolle Pufferzonen gegen Hitze und Starkregen, verbessern die Aufenthaltsqualität in den Quartieren, schaffen neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen und stärken das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Bevölkerung. Gerade in Zeiten des Klimawandels sind diese Flächen ein kaum genutzter Schatz – und ein Hebel für die Transformation zur klimaresilienten Stadt.

Wichtig ist, dass die Friedhofsplanung nicht isoliert betrachtet wird, sondern als Teil einer integrierten Stadtentwicklung. Schnittstellen zu Parks, Straßenbegleitgrün, Wasserinfrastruktur und sozialer Raumplanung müssen gezielt genutzt werden. Nur so entstehen synergetische Effekte, die weit über die einzelne Friedhofsfläche hinausreichen. Prag liefert dafür ein Vorbild, das sich an lokale Gegebenheiten und kulturelle Besonderheiten anpassen lässt.

Der Weg ist nicht einfach, aber lohnend. Wer Friedhöfe neu denkt, erweitert das Repertoire urbaner Klimaanpassung und gibt der Stadtplanung ein mächtiges Werkzeug an die Hand. Die Zeit ist reif, die Potenziale zu heben – und von den Pionieren in Prag zu lernen.

Ausblick: Friedhöfe als Blaupause für die klimaresiliente Stadt der Zukunft

Prags Friedhofsentwürfe sind mehr als ein lokales Experiment. Sie sind ein Weckruf für die internationale Stadtplanung und Landschaftsarchitektur, die eigenen Flächen neu zu bewerten und mutig weiterzuentwickeln. Friedhöfe haben das Potenzial, zu zentralen Bausteinen einer klimaresilienten, lebenswerten und sozialen Stadt zu werden – vorausgesetzt, sie werden konsequent als multifunktionale urbane Infrastruktur verstanden und gestaltet.

Die Herausforderungen des Klimawandels verlangen nach kreativen, flexiblen und integrativen Lösungen. Friedhöfe bieten dafür ideale Voraussetzungen: Sie sind groß, grün, vielfältig und oft zentral gelegen. Was bisher als Hindernis galt – die spezielle Nutzung, die emotionale Aufladung, die rechtlichen Grenzen – kann zum Vorteil werden, wenn Planung, Verwaltung und Gesellschaft gemeinsam an einem Strang ziehen.

Die Erfahrungen aus Prag zeigen, dass es möglich ist, die klassischen Nutzungsgrenzen zu überwinden und Friedhöfe zu aktiven, offenen und ökologisch wertvollen Pufferzonen zu machen. Technische Innovation, gestalterische Qualität und soziale Offenheit sind dabei keine Gegensätze, sondern Bedingung für den Erfolg. Die Integration von Klima- und Biodiversitätszielen in die Friedhofsplanung ist dabei ebenso entscheidend wie die enge Einbindung der Bevölkerung.

Für den deutschsprachigen Raum ergibt sich daraus eine klare Handlungsaufforderung: Friedhöfe müssen als Teil der urbanen Klimaanpassungsstrategie verstanden und entwickelt werden. Es braucht Pilotprojekte, politische Unterstützung, fachliche Expertise – und vor allem den Mut, neue Wege zu gehen. Die Zeit der Friedhöfe als stille Reserven ist vorbei. Sie sind die grünen Labore, die Pufferzonen und die Hoffnungsträger der klimaaktiven Stadt.

Vielleicht werden wir in einigen Jahren zurückblicken und feststellen: Die wirkliche Transformation der Städte begann nicht in den hippen Start-up-Quartieren oder auf den glitzernden Dachgärten, sondern dort, wo wir am wenigsten damit gerechnet hätten – auf den Friedhöfen. Prag macht es vor. Es ist Zeit, nachzuziehen.

Zusammengefasst zeigen Prags klimaaktive Friedhöfe, wie visionäre Planung und mutige Umsetzung aus traditionellen Stadtflächen innovative urbane Pufferzonen machen können. Sie liefern überzeugende Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels und eröffnen neue Perspektiven für die integrierte Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum. Friedhöfe sind keine Sackgassen, sondern Startbahnen für die klimaresiliente Stadt der Zukunft – wenn wir sie als solche begreifen und gestalten.

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Trockenmauer Grauwacke: Material, Detail und Praxis

Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Trockenmauer Grauwacke
Alte Backsteinmauer mit kleinen Fenstern spiegelt sich im Wasser darunter. Foto: irrabagon/Unsplash

Grauwacke gehört zu den ältesten Baumaterialien der mitteleuropäischen Kulturlandschaft, und wer heute eine Trockenmauer aus Grauwacke plant oder baut, arbeitet mit einem Stein, der seine Qualitäten über Jahrhunderte unter Beweis gestellt hat. Die Trockenmauer Grauwacke verbindet geologische Robustheit mit handwerklicher Präzision: Sie ist kein dekoratives Beiwerk, sondern ein technisches Bauwerk, das ohne Mörtel auskommt, weil die Geometrie, das Gewicht und die Schichtung der Steine selbst die Stabilität erzeugen. Wer die Eigenheiten des Materials kennt, wer versteht, wie Grauwacke bricht, liegt und verwittert, kann damit Stützmauern, Böschungssicherungen und Geländeabstufungen bauen, die Jahrzehnte überdauern und gleichzeitig als Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten dienen.

  • Was Grauwacke geologisch ist und wie sie sich von anderen Mauersteinmaterialien unterscheidet
  • Welche Qualitätskriterien bei der Materialauswahl für Trockenmauern entscheidend sind
  • Wie eine Trockenmauer aus Grauwacke konstruktiv aufgebaut wird: Fundament, Binder, Neigung, Abschluss
  • Welche Normen, Regelwerke und Planungsgrundlagen für Trockenmauern relevant sind
  • Wie Trockenmauern aus Grauwacke in der Freiraumplanung eingesetzt werden
  • Welche ökologischen Funktionen Trockenmauern erfüllen und wie sie gezielt gefördert werden können
  • Welche Fehler beim Bau und bei der Pflege häufig auftreten und wie sie sich vermeiden lassen
  • Wie Trockenmauern langfristig unterhalten und instand gesetzt werden

Grauwacke als Gestein: Entstehung, Eigenschaften und Abgrenzung

Grauwacke ist ein klastisches Sedimentgestein, das aus dem Abtrag älterer Gebirge entstand und in tiefen Meeresbecken abgelagert wurde. Der Name leitet sich von der charakteristischen graubraunen bis blaugrauen Farbe frischer Bruchflächen ab, die durch den hohen Anteil dunkler Mineralien wie Chlorit, Feldspat und Quarz entsteht. Geologisch gehört Grauwacke zu den paläozoischen Gesteinen, also zu jenen Formationen, die vor mehreren hundert Millionen Jahren unter hohem Druck und unter Einfluss tektonischer Kräfte verfestigt wurden. In Mitteleuropa treten die bedeutendsten Grauwackevorkommen im Rheinischen Schiefergebirge, im Harz, im Sauerland und in Teilen des Thüringer Waldes auf, wo der Stein seit Jahrhunderten lokal gebrochen und verarbeitet wird.

Die mechanischen Eigenschaften der Grauwacke machen sie zu einem herausragenden Baumaterial für Trockenmauern. Das Gestein ist ausgesprochen druckfest, frostbeständig und verwitterungsresistent, weil seine dichte Kornbindung kaum Wasser aufnimmt. Die Wasseraufnahme liegt bei qualitativ hochwertiger Grauwacke deutlich unter einem Prozent des Trockengewichts, was Frostsprengung an der Oberfläche weitgehend ausschließt. Im Vergleich zu Sandstein, der poröser ist und stärker verwittert, oder zu Kalkstein, der in sauren Böden und unter Säureregen chemisch angegriffen wird, zeigt Grauwacke eine bemerkenswerte Langzeitstabilität. Gegenüber Granit, der ebenfalls hart und frostbeständig ist, hat Grauwacke den praktischen Vorteil, dass sie entlang natürlicher Schichtflächen bricht und damit plattige bis blockige Stücke mit weitgehend ebenen Lagerflächen liefert, die sich für das Schichten ohne Mörtel besonders gut eignen.

Für die Praxis der Trockenmauer Grauwacke ist die Schieferung des Gesteins von zentraler Bedeutung. Grauwacke weist häufig eine ausgeprägte Schichtung auf, die beim Brechen und Spalten genutzt wird, um Steine mit definierten Lagerflächen zu erzeugen. Diese Schichtflächen sind die natürlichen Auflageflächen im Mauerwerk; sie bestimmen, wie sicher ein Stein liegt, wie groß die Kontaktfläche zum benachbarten Stein ist und wie gut Lasten abgetragen werden. Steine, die quer zur Schichtung gebrochen wurden, zeigen unregelmäßigere Oberflächen und sind schwieriger zu versetzen, können aber als Binder, also als Quersteine, die die Mauerschalen verbinden, sinnvoll eingesetzt werden.

Materialauswahl und Qualitätskriterien für die Trockenmauer Grauwacke

Die Qualität des angelieferten Steinmaterials entscheidet maßgeblich über die Dauerhaftigkeit und das handwerkliche Ergebnis einer Trockenmauer. Bei der Auswahl von Grauwacke für Trockenmauern sind mehrere Kriterien zu beachten, die über den bloßen Preis pro Tonne hinausgehen. Zunächst ist die Herkunft des Steins relevant: Regional gebrochene Grauwacke aus dem Rheinischen Schiefergebirge oder dem Harz hat sich über Generationen bewährt und ist in ihrer Qualität gut dokumentiert. Importiertes Material aus Fernost, das gelegentlich als Grauwacke oder unter ähnlichen Bezeichnungen angeboten wird, weicht in seiner mineralogischen Zusammensetzung und seinen Frostbeständigkeitswerten oft erheblich ab und ist für Trockenmauern im mitteleuropäischen Klima nicht ohne weiteres geeignet.

Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist die Steinform. Für Trockenmauern eignen sich am besten Steine mit mindestens einer weitgehend ebenen Lagerfläche, einer erkennbaren Längsachse und einem Verhältnis von Länge zu Höhe von mindestens zwei zu eins. Zu kubische Steine, also solche, deren Länge, Breite und Höhe annähernd gleich sind, lassen sich zwar verbauen, bieten aber weniger Verzahnung und neigen dazu, aus der Mauerflucht zu kippen. Zu dünne, plattige Stücke mit geringer Höhe brechen unter Last oder bei Frosteinwirkung leichter. Das ideale Steinspektrum für eine Trockenmauer Grauwacke umfasst Stücke verschiedener Größen, von kleinen Füllsteinen mit wenigen Kilogramm bis zu Bindersteinen, die zwanzig Kilogramm und mehr wiegen können.

Fachleute unterscheiden bei der Lieferung zwischen Bruchsteinen, also unbearbeiteten Steinen direkt aus dem Steinbruch, und gespaltenen oder bearbeiteten Steinen, bei denen mindestens eine Fläche durch maschinelles oder händisches Spalten definiert wurde. Für naturnahe Trockenmauern in der Freiraumplanung werden überwiegend Bruchsteine verwendet, weil sie das authentische Erscheinungsbild erzielen und ökologisch wertvoller sind: Die unregelmäßigen Oberflächen und Hohlräume bieten Kleinlebewesen mehr Strukturvielfalt als glatt gespaltene Flächen. Für Stützmauern mit höheren statischen Anforderungen oder für repräsentative Gestaltungsaufgaben kann bearbeitetes Material sinnvoll sein, das eine gleichmäßigere Schichtung erlaubt.

  • Frostbeständigkeit nach DIN EN 12371 oder gleichwertiger Prüfung sicherstellen
  • Druckfestigkeit: für Stützmauern mindestens 80 N/mm² empfohlen
  • Wasseraufnahme unter 1 % des Trockengewichts anstreben
  • Steinform mit erkennbarer Lagerfläche und Länge-Höhe-Verhältnis von mindestens 2:1
  • Gemischtes Größenspektrum bestellen: Füllsteine, Läufer und Binder in ausgewogenem Verhältnis
  • Herkunftsnachweis und Steinbruchbezeichnung beim Lieferanten einfordern

Konstruktiver Aufbau: Fundament, Schichtung, Neigung und Abschluss

Eine Trockenmauer ist kein einfacher Steinhaufen, sondern ein durchdachtes Gefüge, das seine Stabilität aus dem Zusammenspiel von Eigengewicht, Reibung, Verzahnung und Neigung bezieht. Das Fundament bildet die Grundlage jeder dauerhaften Trockenmauer. Es wird in der Regel als frostfreie Schüttung aus grobkörnigem, gut drainiertem Material angelegt, typischerweise aus Schotter oder Kies mit einer Körnung von 16 bis 32 Millimetern. Die Frosttiefe in Mitteleuropa liegt je nach Region zwischen 60 und 80 Zentimetern; das Fundament der Trockenmauer sollte diese Tiefe erreichen oder zumindest so weit in den gewachsenen Boden einbinden, dass Frostbewegungen die Mauer nicht heben. Für niedrige Trockenmauern bis etwa 60 Zentimeter Höhe genügt häufig eine Fundamentschüttung von 20 bis 30 Zentimetern Tiefe, wenn der Untergrund tragfähig und gut drainiert ist.

Die erste Steinlage, die sogenannte Fundamentlage oder Sohlschicht, wird aus den größten und schwersten verfügbaren Steinen gebildet. Diese Steine werden tief in den Boden eingebettet, sodass sie nicht kippen können, und möglichst mit ihrer Längsachse senkrecht zur Mauerflucht verlegt. Damit wirken sie bereits in der untersten Lage als Binder, die den Erddruck aufnehmen und die Mauer mit dem Untergrund verzahnen. Jede folgende Lage wird so versetzt, dass die Stoßfugen der darunterliegenden Lage von den Steinen der nächsten Lage überdeckt werden. Dieses Prinzip des Verbandes, das aus dem Mauerwerksbau bekannt ist, gilt auch für die Trockenmauer und ist entscheidend für ihre Standfestigkeit.

Die Böschungsneigung der Trockenmauer, also der Winkel, um den die Mauervorderseite gegenüber der Senkrechten zurückweicht, ist ein zentrales statisches Merkmal. Für Stützmauern aus Grauwacke empfehlen erfahrene Handwerker und die einschlägige Fachliteratur eine Neigung von etwa 10 bis 20 Prozent, also eine Rückneigung von 10 bis 20 Zentimetern pro Meter Höhe. Diese Neigung bewirkt, dass der Erddruck hinter der Mauer nicht senkrecht auf die Mauerfläche drückt, sondern schräg nach unten abgeleitet wird, was die Standsicherheit erheblich verbessert. Eine zu geringe Neigung erhöht das Risiko des Ausbauchens oder Kippens; eine zu starke Neigung ist optisch unschön und erschwert das Versetzen der Steine.

Binder sind Steine, die quer zur Mauerlängsachse verlegt werden und beide Schalen einer zweischaligen Trockenmauer miteinander verbinden. Bei einer einfachen, einschaligen Trockenmauer, die nur als Abgrenzung oder Beetbegrenzung dient, entfällt diese Funktion; bei Stützmauern ab etwa 50 Zentimetern Höhe sind Binder unverzichtbar. Sie sollten in einem Abstand von etwa einem Meter in der Längsrichtung und in jeder zweiten bis dritten Lage in der Höhe eingebaut werden. Der Abschluss der Mauer, die sogenannte Deckschicht oder Abdeckung, besteht aus besonders flachen, schweren Steinen, die ohne Mörtel aufgelegt werden und durch ihr Eigengewicht die darunter liegenden Lagen zusammenhalten. Diese Decksteine sollten möglichst breit und eben sein, damit sie nicht durch Fußtritt oder Windlast verschoben werden.

Hinterfüllung und Drainagefunktion

Hinter der Trockenmauer wird kein bindiger Boden, sondern eine Drainageschicht aus grobkörnigem Material eingebaut. Diese Hinterfüllung, häufig aus Schotter oder Recyclingmaterial, hat zwei Funktionen: Sie leitet Niederschlagswasser, das hinter der Mauer anfällt, schnell nach unten ab, ohne Staudruck aufzubauen, und sie verhindert, dass feines Bodenmaterial durch die Fugen der Mauer gespült wird. Letzteres Phänomen, das Ausschwemmen von Feinkorn, ist eine der häufigsten Schadensursachen bei Trockenmauern: Wenn der Boden hinter der Mauer durch Wasser mobilisiert wird und durch die Fugen austritt, verliert die Mauer ihren Rückhalt und beginnt sich zu setzen oder auszubauchen. Eine Filterschicht aus Vlies oder eine Kiespackung zwischen Erdreich und Drainageschüttung verhindert diesen Prozess zuverlässig.

Planung und Regelwerke: Was Freiraumplaner wissen müssen

Trockenmauern sind im deutschen Planungsrecht keine normierte Bauwerksklasse mit eigenem Regelwerk, aber sie unterliegen je nach Höhe und Funktion den allgemeinen Anforderungen an Stützbauwerke und Einfriedungen. In den meisten Bundesländern sind Trockenmauern bis zu einer bestimmten Höhe, häufig 1,0 bis 1,5 Meter, verfahrensfrei, also ohne Baugenehmigung errichtbar, sofern sie nicht an öffentliche Verkehrsflächen grenzen oder in Überschwemmungsgebieten liegen. Für höhere Mauern oder Mauern in sensiblen Lagen ist eine statische Berechnung und gegebenenfalls eine Baugenehmigung erforderlich. Freiraumplaner sollten die jeweiligen Landesbauordnungen und kommunalen Regelungen frühzeitig prüfen.

Fachlich orientieren sich Planer und Handwerker an der Literatur des Deutschen Instituts für Normung sowie an den Merkblättern der Deutschen Gesellschaft für Geotechnik. Für Natursteinmauerwerk gibt die DIN EN 1996 (Eurocode 6) Hinweise auf Bemessungsansätze, die jedoch primär für Mörtelmauerwerk entwickelt wurden und für Trockenmauern nur eingeschränkt anwendbar sind. Praxisnäher sind die Empfehlungen des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (BGL) sowie die Fachliteratur zu Natursteinarbeiten im Landschaftsbau, die konkrete Hinweise zu Steinformaten, Neigungen und Fundamenttiefen geben. Die FLL, die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau, hat Regelwerke für verschiedene Bereiche des Landschaftsbaus erarbeitet, die als Grundlage für Leistungsverzeichnisse und Qualitätssicherung dienen.

Für die ökologische Planung von Trockenmauern sind naturschutzrechtliche Aspekte zu berücksichtigen. Trockenmauern gelten in vielen Bundesländern als Biotopstruktur, die unter bestimmten Bedingungen dem gesetzlichen Biotopschutz nach Paragraph 30 des Bundesnaturschutzgesetzes unterliegen kann. Bestehende Trockenmauern in der Agrarlandschaft, in Weinbergen oder an historischen Wegeböschungen dürfen ohne Genehmigung nicht beseitigt werden, wenn sie als geschützte Biotope eingestuft sind. Für Neuanlagen in Schutzgebieten oder im Bereich von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bieten Trockenmauern aus Grauwacke eine anerkannte Möglichkeit, Sekundärlebensräume für Reptilien, Wildbienen, Spinnen und Moose zu schaffen.

Ökologische Funktion: Trockenmauer Grauwacke als Lebensraum

Die ökologische Bedeutung von Trockenmauern ist in der Fachliteratur gut belegt und in der Naturschutzpraxis anerkannt. Das Fugensystem einer Trockenmauer aus Grauwacke schafft ein Mosaik aus Mikrohabitaten mit extrem unterschiedlichen Bedingungen: Sonnenexponierte Außenflächen erreichen im Sommer Oberflächentemperaturen von über 50 Grad Celsius und bieten wärmeliebenden Tierarten wie der Mauereidechse, verschiedenen Wildbienen und Heuschrecken einen Lebensraum, der in der modernen Kulturlandschaft selten geworden ist. Im Inneren der Mauer herrschen dagegen konstant kühlere und feuchtere Bedingungen, die anderen Arten als Überwinterungsquartier oder Rückzugsraum dienen.

Grauwacke ist als Substrat für Moose und Flechten besonders geeignet, weil die raue, leicht saure Oberfläche des Gesteins eine gute Anhaftung ermöglicht. Pioniermoose wie Grimmia-Arten und Krustenflechten besiedeln frische Grauwackemauern innerhalb weniger Jahre und schaffen damit die Grundlage für eine sukzessive Besiedelung durch Gefäßpflanzen. Arten wie Mauerraute (Asplenium ruta-muraria), Zerbrechlicher Blasenfarn (Cystopteris fragilis) und Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) sind typische Mauerpflanzen, die in den Fugen von Trockenmauern ohne jede Pflanzung erscheinen können, wenn das Substrat und die Exposition stimmen. Für eine gezielte Besiedelung können Fugen mit einer Mischung aus Magersubstrat und Kompost befüllt und mit vorgezogenen Pflanzen bestückt werden.

Die Vernetzungsfunktion von Trockenmauern in der Landschaft ist ein weiterer ökologischer Aspekt, der in der Freiraumplanung zunehmend berücksichtigt wird. Lineare Trockenmauern entlang von Weinbergen, Feldwegen oder Hangkanten wirken als Leitstrukturen für wandernde Tierarten und verbinden isolierte Biotopflächen miteinander. In der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmenplanung werden Trockenmauern deshalb als Maßnahme zur Aufwertung des Biotopverbunds eingesetzt, besonders in Gebieten, in denen historische Trockenmauerkulturen durch Flurbereinigung verloren gegangen sind.

Häufige Fehler beim Bau und bei der Instandhaltung

Der verbreitetste Fehler beim Bau einer Trockenmauer Grauwacke ist das Vernachlässigen des Verbandes. Wer Steine ohne Rücksicht auf die Stoßfugen der darunterliegenden Lage setzt, erzeugt durchgehende senkrechte Fugen, die die Mauer in einzelne, unverbundene Segmente aufteilen. Solche Mauern versagen unter Last oder bei Frostbewegungen zuverlässig, weil keine Kraftübertragung zwischen den Segmenten stattfindet. Das Prinzip „eine Fuge deckt zwei“ gilt für die Trockenmauer ebenso wie für jedes andere Mauerwerk und muss konsequent eingehalten werden.

Ein weiterer häufiger Fehler ist das Fehlen oder die falsche Ausführung der Hinterfüllung. Wenn bindiger Lehmboden direkt hinter der Mauer eingebracht wird, staut sich Wasser, der Erddruck steigt bei Nässe erheblich an, und die Mauer wird nach vorne gedrückt. Besonders nach Starkregenereignissen zeigen sich dann Ausbauchungen oder Abschnitte, die aus der Flucht geraten sind. Die Drainageschicht hinter der Mauer ist kein optionales Detail, sondern eine konstruktive Notwendigkeit, die in der Planung und Ausführung dieselbe Aufmerksamkeit verdient wie die Mauer selbst.

Bei der Instandhaltung bestehender Trockenmauern wird häufig der Fehler gemacht, lose oder herausgefallene Steine einfach wieder einzusetzen, ohne die Ursache des Versagens zu analysieren. Wenn ein Mauerabschnitt wiederholt an derselben Stelle versagt, liegt meist ein strukturelles Problem vor: unzureichende Drainage, fehlende Binder, zu geringe Neigung oder ein Untergrund, der sich setzt. Die Reparatur muss dann tiefer ansetzen, als es auf den ersten Blick scheint, und erfordert das partielle Abtragen und Neuaufbauen des betroffenen Abschnitts. Oberflächliche Flickarbeiten ohne Ursachenanalyse verlängern das Problem, lösen es aber nicht.

Trockenmauer Grauwacke im Kontext der Freiraumplanung

Die Trockenmauer aus Grauwacke ist weit mehr als ein handwerkliches Relikt aus vorindustrieller Zeit. Sie ist ein Bautypus, der in der zeitgenössischen Freiraumplanung eine klare Funktion hat: als Stützbauwerk, das ohne Beton auskommt, als Gestaltungselement, das regionale Materialkultur sichtbar macht, und als ökologische Infrastruktur, die Biodiversität fördert, ohne aufwendige Pflege zu erfordern. In einer Planungskultur, die zunehmend auf Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung ausgerichtet ist, fügt sich die Trockenmauer aus regionalem Naturstein organisch ein.

Die Wahl von Grauwacke als Material ist dabei keine sentimentale Entscheidung, sondern eine fachlich begründete: Das Gestein ist in weiten Teilen Mitteleuropas regional verfügbar, seine Verarbeitung erfordert keine energieintensive Produktion, und seine Lebensdauer übertrifft die der meisten Alternativmaterialien bei weitem. Trockenmauern aus Grauwacke, die vor hundert Jahren in Weinbergen oder an Feldwegen errichtet wurden, stehen heute noch und erfüllen ihre Funktion, wenn sie regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf punktuell instand gesetzt werden. Diese Langlebigkeit ist ein Argument, das in der Lebenszyklusbetrachtung von Freiraumanlagen zunehmend Gewicht bekommt.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner, die mit Trockenmauern aus Grauwacke arbeiten, ist das Wissen um Material, Konstruktion und Ökologie keine Spezialdisziplin, sondern Grundlage einer handwerklich und ökologisch verantwortungsvollen Planung. Wer versteht, warum ein Stein so liegt, wie er liegt, wer die Drainagefunktion hinter der Mauer ebenso plant wie die Steinauswahl, und wer die Mauer als Teil eines Biotopverbunds denkt, schafft Bauwerke, die ihren Zweck erfüllen und gleichzeitig zur Qualität des Freiraums beitragen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber es ist das Ziel, dem eine sorgfältige Planung und Ausführung der Trockenmauer Grauwacke verpflichtet ist.

Der Schulhof der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf von kre_ta. © kre_ta Landschaftsarchitekten

Der neu gestaltete Schulhof der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf kombiniert Funktionalität, Ästhetik und Nachhaltigkeit. Die Planer*innen von Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten (kre_ta) schufen hier ein Freiraum, der den vielfältigen Bedürfnissen der Schulgemeinschaft gerecht wird. In dieser Projektvorstellung geben die Planer*innen Einblicke in den Entstehungsprozess eines Schulhofs, der sowohl funktionale als auch ästhetische Kriterien erfüllt.

Vielseitiger, moderner und nachhaltiger Freiraum

Die Neugestaltung des Schulhofs der Havelmüller Grundschule in Berlin-Reinickendorf zeichnet sich durch eine beeindruckende Kombination aus Funktionalität, Nachhaltigkeit und ästhetischem Anspruch aus. Das Gelände sowohl den Bereich um den neuen Erweiterungsbau als auch den bestehenden Schulhof. Die Umgestaltung verfolgte mit einer klaren Vision, das Gelände in zwei Hauptbereiche zu gliedern. Ziel ist es, den Schüler*innen, Lehrer*innen und der Schulgemeinschaft einen vielseitigen, modernen und nachhaltigen Freiraum zu bieten.

Ein Platz für Begegnung und Veranstaltungen

Im Zentrum der Gestaltung steht der Freiraum um den neu errichteten Erweiterungsbau der Havelmüller Grundschule. Hier entstand ein Platz, der als Aufenthalts- und Veranstaltungsbereich fungiert. Zwischen dem Neubau und dem Bestandsgebäude entwickelt sich eine lebendige Begegnungszone, die durch ihre klare Struktur überzeugt. Die befestigten Flächen aus Betonsteinpflaster verbinden Funktion und Ästhetik, indem vorhandenes Material wiederverwendet wurde. Diese nachhaltige Herangehensweise wird durch den Einsatz farblicher Akzente ergänzt, die dem Platz einen modernen und einladenden Charakter verleihen.

Neben erweiterten Fahrradstellplätzen beinhaltet das Konzept auch eine Anlieferzone für die Mensa. Dadurch entsteht ein harmonisches Gesamtbild, das gleichzeitig die praktischen Anforderungen des Schulalltags erfüllt.

Eine neue Ordnung für den restlichen Schulhof

Der größere Teil des Schulhofs der Havelmüller Grundschule erfuhr eine grundlegende Neugestaltung. Die verschiedenen Funktionsbereiche unterteilen sich in Spiel-, Ruhe- und Aktivzonen. Um die Wegeführung zu optimieren, wurden nicht erforderliche Versiegelungsflächen entfernt und die Wege bedarfsgerecht angelegt. Neben der Wiederverwendung von Pflastermaterialien berücksichtigt das Gestaltungskonzept, dass alle Regen- und Oberflächenwässer auf dem Gelände versickern. Grüninseln, die sich in die befestigten Flächen schieben, sorgen nicht nur für visuelle Auflockerung. Sie  erfüllen auch funktionale Aufgaben wie Rückhaltung und -versickerung von Regenwasser – ein wichtiges Element im Sinne nachhaltiger Stadtplanung.

Besonders die farbige Pflasterung verleiht den Platz- und Aktionsräumen einen eigenständigen Charakter. Sie definiert klar die Bereiche, in denen sich die Schulgemeinschaft frei bewegen und aktiv sein kann.

Vielfältige Nutzungsorte für Bildung und Freizeit

Ein Highlight der Gestaltung ist das sogenannte grüne Klassenzimmer. Dieses bietet sowohl für den Unterricht als auch für andere Aktivitäten wie Hortprogramme, Feste oder freie Spielzeiten eine inspirierende Umgebung. Multifunktionale Holzpodeste ergänzen die Nutzungsmöglichkeiten und schaffen zusätzliche Aufenthaltsorte für Schüler*innen undLehrer*innen.

Eine im südlichen Bereich des Schulhofs errichtete Kletterstruktur markiert die Grenze zwischen dem Spiel- und Hofbereich und den Sportflächen. Hier trifft Kreativität auf Bewegung: Die Schüler*innen können sich körperlich betätigen und gleichzeitig ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Sport- und Spielflächen nach Berliner Standards

Die Gestaltung der Sportflächen sowie der Schulgarten entspricht den Mustervorgaben des Landes Berlin. Eine Laufbahn wurde zusammen mit einer Weitsprunganlage kombiniert und mit einer farbigen Oberfläche ausgeführt, um sowohl funktionale als auch ästhetische Anforderungen zu erfüllen. Auf Wunsch der Schule wurden zudem Ballspielfelder und Tischtennisbereiche integriert, die den Schüler*innen ein vielfältiges Angebot an Bewegung und Spiel ermöglichen.

Die Lage im Wasserschutzgebiet sowie das Vorhandensein kartierter Altlasten stellten besondere Herausforderungen an die Planung und Ausführung. Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, wurden nachhaltige Lösungen wie ein ausgewogenes Bodenmanagement oder die gezielte Integration von Grünflächen zur Regenwasserversickerung entwickelt. Zudem wurde der Boden sorgfältig untersucht und nach detailliertem Austausch mit der Abfall- und Bodenbehörde Berlin die benötigte Menge an neuem Boden aufgetragen, um eine sichere Nutzung des Geländes zu gewährleisten. Diese durchdachten Maßnahmen sorgen dafür, dass sowohl die Sicherheits- als auch die Umweltaspekte des Projekts Berücksichtigung finden, ohne die Ästhetik und Funktionalität des Schulhofs zu beeinträchtigen.

Ein respektvoller Umgang mit der Natur

Ein besonderes Augenmerk lag auf dem vorhandenen Baumbestand. Die bestehenden Bäume wurden so weit wie möglich in die Planung integriert. Somit blieben sie nicht nur erhalten, sondern gewannen im neuen Kontext an Bedeutung. Sie bieten Schatten und natürliche Aufenthaltsqualität, die durch neue und ausgleichende Pflanzungen ergänzt werden. Punktuell, als Rahmung oder in Gruppen angeordnet, verleihen sie den Grünflächen mehr Struktur.

Ein Schulhof mit Zukunft

Die Neugestaltung des Schulhofs der Havelmüller Grundschule zeigt eindrucksvoll, wie modernes Design, Funktionalität und Nachhaltigkeit miteinander verbunden werden können. Die Schüler*innen profitieren von einem vielseitigen und inspirierenden Umfeld, das Raum für Lernen, Bewegung und Gemeinschaft bietet.

Durch die klare Strukturierung, die Verwendung hochwertiger und nachhaltiger Materialien sowie die Integration vielseitiger Zonen entsteht ein Schulhof, der den Anforderungen des modernen Schulalltags gerecht wird. Gleichzeitig einen Ort schafft, an dem die Schulgemeinschaft aufblühen kann.

„Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel, wie etwas Schönes und Kreatives entstehen kann, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen – Behörden, Entscheidungsträger*innen, Nutzer*innen und Planer*innen.“ – Corinna Böwingloh, Projektleitung kre_ta

Projektinfos

Planer*innen: Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten PartGmbB, Schönhauser Allee 146A, 10435 Berlin; Projektleitung: Corinna Böwingloh

Auftraggeber: Bezirksamt Reinickendorf von Berlin

Mitwirkende Unternehmen:

Thomas Hillig Architekten GmbH BDA; Reinhold Fehmer GmbH

Ort: Berlin-Reinickendorf

Leistungsphasen nach HOAI: 1 bis 8

Planungszeit: 2018 bis 2021

Gesamtkosten: 1,5 Millionen Euro

Besonderheit: Vielseitiges und inspirierendes Umfeld, das Raum für Lernen, Bewegung und Gemeinschaft bietet

Büroprofil

Seit über 20 Jahren gestalten wir, das Team von Kretschmer Tauscher Sander Landschaftsarchitekten (kre_ta), urbane Räume durch innovative und nachhaltige Konzepte. Als Landschaftsarchitekten verbinden wir kreative Entwürfe mit den aktuellen Anforderungen der Stadtentwicklung und schaffen Lösungen, die nicht nur ansprechend, sondern auch funktional und zukunftsweisend sind. Wir integrieren und nutzen die landschaftsarchitektonischen Gestaltungselemente, die den Außenraum durch den gezielten Einsatz von Topografie, Pflanzen, Wasser, Licht und Material formen. Hierbei gestalten wir Freiräume, die sowohl ökologisch als auch ästhetisch wertvoll sind. Mit dem Einsatz vor allem von Pflanzen schaffen wir nicht nur atmosphärische Räume, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas und der Biodiversität.

In unserem Büro in der Schönhauser Allee, arbeiten wir in einer inspirierenden Atmosphäre, die kreative Ideen fördert. Die Kastanienallee, die uns in den Pausen als Ort zum Durchatmen und Auftanken dient, spiegelt unsere Verbundenheit mit dem urbanen Raum wider. Mit unserem Team von 21 engagierten Landschaftsarchitektinnen und -architekten bringen wir nicht nur Leidenschaft und Erfahrung in jedes Projekt ein, sondern auch eine Vielfalt an Persönlichkeiten und Kompetenzen. Jeder von uns bringt unterschiedliche Stärken und Hintergründe mit, die wir in der täglichen Zusammenarbeit gezielt nutzen. Dieser positive Teamgeist spiegelt sich in der Atmosphäre unseres Büros wider. Wir arbeiten in einem Umfeld, in dem jeder gehört wird und jede Idee zählt. Diese Kultur der Offenheit und Zusammenarbeit ermöglicht es uns, Freiräume zu schaffen, die nicht nur den Bedürfnissen der Menschen gerecht werden, sondern auch die Natur respektieren und fördern – heute und für kommende Generationen.

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Die Märzausgabe der G+L widmet sich dem Thema Schulen: Wie ein Schulhof im Jahr 2025 aussehen sollte, was sich Schüler*innen und Leher*innen wünschen und wie es an Deutschlands Schulen um digitale Bildung bestellt ist, erfahren Sie in den Projektvorstellungen, Interviews und Kommentaren der Märzausgabe. Das Heft ist hier im Shop erhältlich.

Ergänzend zum Heft gibt es auf der Webseite der G+L hier weitere Schulhofprojekte zu entdecken.