Flächen fair verteilen – Konfliktmoderation als planerisches Werkzeug

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Bunte Häuser entlang eines Schweizer Flusses und majestätische Berge im Hintergrund, fotografiert von Wolfgang Weiser.

Flächen sind das Gold der Stadtentwicklung – und der Streit darum ist oft ebenso heiß wie ein Sommertag auf Asphalt. Doch was, wenn Konfliktmoderation nicht bloß lästiges Beiwerk, sondern das schärfste Werkzeug für eine faire Flächenverteilung wäre? Willkommen in einer neuen Ära der Planung, in der Mediation und Moderation mehr bewegen als jeder B-Plan.

  • Einführung in die Herausforderungen und Brisanz der Flächenkonkurrenz in urbanen Räumen
  • Vertiefende Darstellung der Konfliktmoderation als methodisches Instrument in der Stadt- und Freiraumplanung
  • Analyse aktueller Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Kritische Reflexion der klassischen Planungsinstrumente im Vergleich zur modernen Prozessmoderation
  • Erklärung zentraler Techniken und Prinzipien der Konfliktmoderation für Planungsprofis
  • Einblick in rechtliche, kulturelle und praktische Stolpersteine bei partizipativen Prozessen
  • Strategien für nachhaltige, sozial gerechte und klimaangepasste Flächenverteilung
  • Diskussion über die Rolle digitaler Tools und neuer Beteiligungsformate
  • Empfehlungen für eine zukunftsfähige Verankerung von Moderation in Planungsprozessen
  • Abschließende Bewertung: Warum nur glaubwürdig moderierte Verfahren langfristig tragfähige Lösungen schaffen

Flächenkonkurrenz: Das urbane Dauerfeuer und seine neuen Dynamiken

Wer in deutschen, österreichischen oder Schweizer Städten plant, kennt das altbekannte Mantra: Fläche ist knapp, Ansprüche sind hoch, und zwischen Parkbank und Parkplatz tobt ein stiller Krieg. Die Interessen an städtischen Flächen prallen härter aufeinander als je zuvor. Wohnraumdrang trifft auf Mobilitätswende, Klimaanpassung auf wirtschaftliche Nutzung, soziale Teilhabe auf Investoreninteressen. Die Pandemie hat den öffentlichen Raum ins Zentrum gerückt, die Klimakrise gibt dem Versiegelungsstopp neue Schubkraft, und die Debatte um lebenswerte Städte wird lauter – wortwörtlich, wenn wieder einmal eine Verkehrsberuhigung die Gemüter erhitzt.

Vorbei die Zeiten, in denen ein Bebauungsplan ausreichte, um die Flächennutzung für Jahrzehnte zu regeln. Heute ist das Spielfeld komplexer, die Akteure vielfältiger, und die Spielregeln werden nicht selten mitten im Match neu ausgehandelt. Von Pop-up-Radwegen über Urban Gardening bis zur Umwandlung von Parkhäusern in Wohnraum – innovative Nutzungen konkurrieren mit etablierten Routinen. Gleichzeitig fordern neue gesetzliche Vorgaben wie die Flächenkreislaufwirtschaft oder die Zielmarke „Netto-Null-Flächenverbrauch“ ein radikales Umdenken in der Planung.

In diesem Spannungsfeld wird klar: Technisch perfekte Pläne sind schön, politisch durchsetzbare Pläne sind besser, aber sozial akzeptierte, moderierte Lösungen sind unschlagbar. Denn die beste Planung nützt wenig, wenn sie im Proteststurm untergeht. Bürgerinitiativen, Verbände, Unternehmen und Verwaltungen stehen sich mitunter unversöhnlich gegenüber. Die Folgen sind zermürbende Verfahren, jahrelange Verzögerungen und ein Klima des Misstrauens – selten eine gute Grundlage für nachhaltige Stadtentwicklung.

Doch es gibt einen Ausweg aus dem Planungsdilemma: Konfliktmoderation als systematisches Werkzeug. Sie wird zunehmend zur Schlüsseldisziplin, weil sie das, was im klassischen Planungsrecht oft fehlt, methodisch einholt: das Aushandeln, das Verstehen, das Übersetzen zwischen Welten. Sie setzt nicht auf die Dominanz einer Perspektive, sondern auf das Zusammenspiel vieler. Und genau darin liegt ihr revolutionäres Potenzial für die faire Flächenverteilung.

Die steigende Komplexität urbaner Konflikte macht dabei neue Kompetenzen erforderlich. Es geht nicht mehr nur um Flächennutzungspläne und Paragrafenakrobatik, sondern um die Fähigkeit, heterogene Interessen sichtbar zu machen, kreative Kompromisse zu entwickeln und tragfähige Allianzen zu schmieden. In der Praxis ist das oft schwieriger als jede Flächenbilanz – aber auch unendlich lohnender, wenn am Ende mehr entsteht als bloße Zustimmung: nämlich Identifikation und Akzeptanz.

Die Zeiten, in denen Planer Konflikte als notwendiges Übel betrachteten, sind vorbei. Wer heute Flächen fair verteilen will, muss Konflikte nicht nur managen, sondern als produktive Ressource nutzen. Das gelingt am besten mit professioneller Moderation – denn sie verwandelt Konfrontation in Kooperation und macht aus Gegnern Mitstreiter für die Stadt von morgen.

Konfliktmoderation in der Planung: Von der Methode zum Mindset

Konfliktmoderation ist weit mehr als das berühmte Vermitteln zwischen Streithähnen am runden Tisch. Sie ist eine eigenständige, hoch spezialisierte Methode, die Planung in einen offenen, lernenden Prozess verwandelt. Im Zentrum steht dabei nicht der Kompromiss um jeden Preis, sondern das gemeinsame Ringen um eine faire, nachvollziehbare Lösung. Moderation bedeutet, die Spielregeln des Diskurses so zu gestalten, dass alle relevanten Stimmen gehört werden – nicht nur die lautesten oder die mit dem meisten politischen Einfluss.

Das beginnt bei der sorgfältigen Analyse: Wer sind die Akteure? Welche Interessen, Werte und Emotionen stehen auf dem Spiel? Oft sind es nicht die offensichtlichen Konfliktlinien, die ein Verfahren sprengen, sondern die verdeckten Agenden, die unausgesprochenen Ängste, die alten Erzählungen über „die Stadt für alle“ oder „den Verkehrskollaps von morgen“. Professionelle Moderatoren bringen diese Aspekte ans Licht, schaffen Transparenz und bauen Brücken zwischen Milieus, die sonst kaum miteinander sprechen würden.

Eine zentrale Technik der Konfliktmoderation ist die sogenannte Mehrparteiensystematik. Sie stellt sicher, dass keine Gruppe dominiert und dass auch leise Akteure wie Kinder, ältere Menschen oder kleinere Initiativen zu Wort kommen. Methoden wie Zukunftswerkstätten, Planungszellen oder moderierte Werkstattverfahren bieten Raum für kontroverse Debatten, aber auch für kreative Dialoge. Die Moderation steuert den Prozess, achtet auf Fairness, fördert Perspektivwechsel und sorgt dafür, dass Lösungen nicht schon am Flipchart scheitern.

Im Unterschied zu klassischen Bürgerbeteiligungsformaten, die oft auf informelle Akzeptanz zielen, geht es bei der Konfliktmoderation um echtes Aushandeln. Das heißt: Interessen werden nicht bloß abgefragt, sondern aktiv in die Lösungsfindung integriert. Dies erfordert Mut zur Offenheit und zum Prozess – und die Bereitschaft, das eigene Planungshandeln immer wieder zu reflektieren. Wer moderiert, muss manchmal auch das eigene Fachwissen zurückstellen und Raum für neue, ungewohnte Ansätze lassen.

Die besten Moderatoren sind dabei nicht neutrale Maschinen, sondern empathische Prozessarchitekten. Sie verstehen die Sprache der Verwaltung ebenso wie die der Zivilgesellschaft, sie kennen die rechtlichen Rahmenbedingungen und wissen, wie man Gruppen durch schwierige Phasen führt. Das Ergebnis sind nicht immer spektakuläre Kompromisse – aber oft nachhaltige, von vielen getragene Lösungen, die weit über das eigentliche Planungsprojekt hinaus wirken.

Konfliktmoderation transformiert damit nicht nur Verfahren, sondern auch Haltungen. Sie lehrt Planer, Politiker und Verwaltung, Konflikte nicht als Problem, sondern als Chance für Innovation zu begreifen. Und sie schafft eine neue Planungskultur, in der Fairness kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Praxis ist.

Praxisbeispiele: Moderierte Flächenverteilung im deutschsprachigen Raum

Wie sieht Konfliktmoderation in der Flächenverteilung konkret aus? Ein Blick auf aktuelle Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigt: Die Bandbreite ist groß, die Herausforderungen sind oft ähnlich, aber die Lösungen sind so individuell wie die Städte selbst. In Hamburg etwa wurde die Umnutzung eines alten Güterbahnhofs zum neuen Stadtquartier von Anfang an durch ein mehrstufiges Moderationsverfahren begleitet. Hier trafen die Interessen von Investoren, Anwohnern, Naturschützern und Mobilitätsinitiativen aufeinander. Erst durch eine Reihe moderierter Werkstätten gelang es, die Flächen für Wohnen, Grün, Gewerbe und Mobilität so zu verteilen, dass alle Parteien am Ende mittragen konnten.

In Zürich führte die geplante Umwandlung eines beliebten Parkplatzes in einen Stadtpark zu erbitterten Auseinandersetzungen. Die Lösung? Ein offener, von externen Moderatoren gesteuerter Dialogprozess, bei dem nicht nur die Gegner des Projekts, sondern auch bislang unbeteiligte Stadtbewohner aktiv einbezogen wurden. Am Ende stand ein Kompromiss, der neue Parkflächen schuf, aber auch Teile der Parkplätze für Anwohner erhielt – und vor allem den sozialen Frieden im Quartier sicherte.

Wien setzt seit Jahren auf sogenannte „Grätzl-Dialoge“ zur Entwicklung neuer Wohn- und Freiräume. Hier werden Konflikte frühzeitig erkannt und moderiert. Ein Beispiel ist die Entwicklung des Nordbahnhof-Viertels, wo in mehreren moderierten Runden sowohl die Bedürfnisse von Familien, Unternehmen und Migranten als auch die Anforderungen der Klimaanpassung berücksichtigt wurden. Der Erfolg: Eine Flächenaufteilung, die als Vorbild für andere Quartiere gilt – und ein Planungsprozess, der von Vertrauen und Transparenz geprägt ist.

Auch kleinere Städte profitieren von professioneller Konfliktmoderation. Im bayerischen Tutzing etwa wurde ein Streit um die Bebauung eines Seegrundstücks durch ein mehrmonatiges moderiertes Verfahren gelöst. Hier wurde deutlich, dass selbst scheinbar unversöhnliche Positionen durch kluges Prozessdesign, Offenheit für Argumente und kreative Lösungsansätze zusammengeführt werden können. Die Flächenverteilung wurde nicht diktiert, sondern ausgehandelt – und das Ergebnis überstand sogar einen Bürgerentscheid.

Schließlich lohnt der Blick auf die Schweiz, wo partizipative Moderationsverfahren seit Jahren Standard sind. In Basel etwa führte die Neuverteilung von Flächen im Rheinuferbereich zu heftigen Debatten zwischen Freizeitnutzern, Gastronomen und Naturschutzgruppen. Die Lösung bestand darin, alle Akteure über ein Jahr hinweg in moderierten Foren, Exkursionen und Planungsworkshops einzubeziehen. Das Resultat war ein Masterplan, der breite Zustimmung fand – und die Stadt als lernende Organisation stärkte.

Diese Beispiele zeigen: Konfliktmoderation ist kein Luxus, sondern ein unverzichtbares Werkzeug, wenn es darum geht, Flächen fair, nachhaltig und zukunftsfähig zu verteilen. Sie schafft Akzeptanz, Innovation und Identifikation – und sie spart am Ende Zeit, Geld und Nerven.

Grenzen und Potenziale: Was Konfliktmoderation leisten kann – und was nicht

So überzeugend die Praxisbeispiele sind, so ehrlich muss auch über die Grenzen der Konfliktmoderation gesprochen werden. Nicht jeder Streit lässt sich moderieren, nicht jede Flächenverteilung endet im Konsens. Gerade bei tief verwurzelten Interessengegensätzen, etwa zwischen großflächiger Wohnbebauung und dauerhaftem Flächenschutz, stößt selbst die beste Moderation an ihre Grenzen. Hier sind klare politische Vorgaben, rechtliche Rahmenbedingungen und manchmal auch das beherzte Eingreifen von Entscheidungsträgern gefragt.

Ein weiteres Problem: Moderationsverfahren sind aufwändig, kosten Zeit und Ressourcen – und sie erfordern die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf den Prozess einzulassen. In der Praxis zeigt sich, dass vor allem dort, wo das Vertrauen in die Verwaltung oder die Politik gering ist, Moderation zur Sisyphusarbeit werden kann. Ohne glaubwürdiges Commitment der Verantwortlichen, ohne echte Beteiligungschancen und ohne Transparenz droht die Moderation zur bloßen Feigenblatt-Aktion zu verkommen.

Dennoch sind die Potenziale enorm. Konfliktmoderation eröffnet Räume für Innovation, die klassische Planungsprozesse oft verschließen. Sie ermöglicht es, neue Perspektiven einzubringen, Experimente zu wagen und Kompromisse zu finden, die jenseits administrativer Raster liegen. Besonders in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, wachsender Skepsis gegenüber Institutionen und sich zuspitzender Klimakrisen ist die Fähigkeit zur Moderation ein entscheidender Standortvorteil für Städte und Gemeinden.

Ein weiterer großer Vorteil: Konfliktmoderation kann durch digitale Tools und neue Beteiligungsformate verstärkt werden. Stichworte wie Online-Dialogplattformen, digitale Planspiele oder Virtual-Reality-Moderation machen es möglich, auch schwer erreichbare Gruppen einzubeziehen und komplexe Flächenkonflikte anschaulich zu visualisieren. Hier entsteht eine neue Schnittstelle zwischen analogem und digitalem Planen – und eine Chance, Beteiligung noch inklusiver, schneller und transparenter zu gestalten.

Am Ende ist klar: Konfliktmoderation ist kein Allheilmittel, aber sie ist das wirksamste Mittel gegen die größten Risiken moderner Stadtentwicklung – nämlich Stillstand, Frustration und Akzeptanzverlust. Sie macht aus Planungsprozessen lebendige, lernende Systeme, in denen alle Akteure Verantwortung übernehmen und gemeinsam Zukunft gestalten.

Strategien für die Zukunft: Moderation als integraler Bestandteil der Planung

Die Zukunft der Flächenverteilung liegt in moderierten, transparenten und partizipativen Prozessen – das belegen nicht nur Praxis und Forschung, sondern auch die wachsenden Anforderungen an Klimaresilienz, soziale Gerechtigkeit und nachhaltige Stadtentwicklung. Wer Flächen fair verteilen will, muss Moderation nicht als Zusatz, sondern als zentralen Bestandteil der Planung denken. Das beginnt schon bei der Ausbildung von Planern, setzt sich in der interdisziplinären Zusammenarbeit fort und spiegelt sich in neuen Governance-Strukturen wider.

Eine Schlüsselressource ist dabei die Ausbildung professioneller Moderatoren mit planerischem Hintergrund. Sie kennen nicht nur die Methoden der Konfliktvermittlung, sondern verstehen auch die Logik von Raum, Recht und Politik. Interdisziplinarität ist gefragt – und die Bereitschaft, immer wieder neue Ansätze zu erproben. Trainings, Zertifikate und Netzwerke für Moderationsprofis gewinnen an Bedeutung und sind längst Teil des modernen Stadtentwicklungsalltags.

Ebenso wichtig ist der Mut zur frühen und echten Beteiligung. Wer Konflikte antizipiert, sie offen anspricht und moderiert, verhindert eskalierende Auseinandersetzungen und schafft eine Kultur des Miteinanders. Dies erfordert Ressourcen, Zeit und eine neue Fehlerkultur – denn nicht jede Moderation führt sofort zum Erfolg. Aber sie macht es möglich, aus Fehlern zu lernen und Verfahren kontinuierlich zu verbessern.

Auch die Rolle digitaler Werkzeuge wird weiter wachsen. Digitale Zwillinge, interaktive Karten und Online-Dialoge können Moderationsprozesse ergänzen und neue Zielgruppen erschließen. Sie machen Planung verständlicher, transparenter und attraktiver – nicht nur für Experten, sondern auch für die breite Öffentlichkeit. Gleichzeitig bleibt die persönliche Begegnung, das Gespräch vor Ort und das gemeinsame Ringen um Lösungen unverzichtbar. Die Zukunft ist hybrid, und Moderation schlägt die Brücke zwischen beiden Welten.

Zuletzt braucht es eine politische und rechtliche Rahmensetzung, die Moderation nicht als Störfaktor, sondern als Qualitätsmerkmal honoriert. Förderprogramme, Leitfäden und gesetzliche Vorgaben können helfen, Moderation systematisch zu verankern und kommunale Verwaltungen zu befähigen. Nur so wird Moderation zur DNA der Planung – und Flächenverteilung zu einem Prozess, der von Fairness, Innovation und Zusammenhalt geprägt ist.

Fazit: Faire Flächenverteilung braucht Moderation – und Mut zur Veränderung

Die faire Verteilung urbaner Flächen ist und bleibt eine der größten Herausforderungen zeitgenössischer Stadtentwicklung. Klassische Planungsinstrumente stoßen immer wieder an ihre Grenzen, wenn Ansprüche, Interessen und Werte auf engem Raum kollidieren. Moderation und Mediation sind längst keine „weichen“ Zusatzangebote mehr, sondern die schärfsten Werkzeuge für eine nachhaltige, gerechte und klimaangepasste Flächenverteilung.

Professionell moderierte Verfahren bringen alle Akteure an einen Tisch – und geben auch den bisher Ungehörten eine Stimme. Sie schaffen Transparenz, Vertrauen und Akzeptanz, sie ermöglichen Innovationen jenseits des Status quo und machen aus scheinbar unlösbaren Konflikten produktive Impulse für die Stadt von morgen. Die Grenzen der Moderation sind real, aber ihre Potenziale überwiegen bei weitem, wenn sie methodisch fundiert, ehrlich und ressourcenstark eingesetzt wird.

Die Zukunft gehört den Städten, die Konfliktmoderation nicht als Feigenblatt, sondern als Herzstück ihrer Planungskultur begreifen. Sie werden resilienter, gerechter und kreativer aus der Flächenkrise hervorgehen – und zeigen, dass faire Verteilung kein Traum, sondern das Ergebnis mutiger, moderierter Prozesse ist. Die beste Zeit, damit zu beginnen, ist jetzt. Denn wer heute moderiert, gestaltet die Stadt von morgen – und macht sie für alle ein Stück lebenswerter.

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Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die Landschaftsarchitektur-Forschung?
Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die Landschaftsarchitektur-Forschung?

Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die landschaftsarchitektonische Forschung?

In einem Briefwechsel zwischen den Akademikerinnen Sanda Lenzholzer, Alice Labadini und Sophie Holz von SINAI entspinnt sich eine Diskussion zwischen den Niederlanden, Deutschland und Italien über die Frage, wie Räume sowohl physikalisch als auch psychologisch das menschliche Wärmeempfinden prägen, über atmosphärische Exposition und das Erleben von Klimaphänomenen, über die Macht harter Fakten und die Eindrücklichkeit gebauter Orte.

Dieser Artikel ist in der gastkuratierten Printausgabe Anfang November 2022 erschienen und wurde aus dem Englischen übersetzt.

Von Wunder und Verunsicherung

Sophie Holz an Alice Labadini: Sehr geehrte Frau Labadini, in Ihrer Dissertation „Immaterial Landscapes: Formulating the Intangible in Northern Landscapes“ und in Ihrer Publikation „Providing a Stage for Atmospheric Encounters“ erforschen Sie das Potenzial gebauter Orte, um klimatische Prozesse und natürliche Kräfte auf menschlichen Maßstab zu erfahren. Solche Prozesse und Kräfte liegen normalerweise aufgrund ihrer Größe oder Entfernung außerhalb unserer Wahrnehmung. Sie vermuten, dass eine solche Begegnung zwischen Mensch und Natur das Potenzial hat, ein Nachdenken über Umweltprobleme anzuregen. Sie könnten sich dies als einen möglichen kulturellen Beitrag zum Umgang mit dem Klimawandel vorstellen.

Können Sie den Begriff „atmosphärische Begegnung“ (original: „atmospheric enconter“) bitte näher erläutern? Welches Potenzial sehen Sie in dem Konzept für einen landschaftsarchitektonischen Beitrag zum Umgang mit dem Klimawandel?

Dr. Alice Labadini forschte und lehrte an der Oslo School of Architecture and Design, an der Tromsø Academy of Landscape and Territorial Studies, an der TU München und bei Eurac Research in Bozen. Derzeit arbeitet sie in der Abteilung für Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Autonomen Provinz Bozen. Foto: Alice Labadini
Dr. Alice Labadini forschte und lehrte an der Oslo School of Architecture and Design, an der Tromsø Academy of Landscape and Territorial Studies, an der TU München und bei Eurac Research in Bozen. Derzeit arbeitet sie in der Abteilung für Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Autonomen Provinz Bozen. Foto: Alice Labadini

schreibt …

Alice Labadini an alle:

Die Dringlichkeit, eine disziplinäre Antwort auf globale Umweltprobleme zu geben, zwingt Landschaftsarchitekt*innen dazu, einen zunehmend körperlosen Ansatz für die Landschaft zu wählen und Designprozesse mit strengen wissenschaftlichen Beweisen zu validieren. Zwar unterstützt dieser Ansatz gestalterische Maßnahmen, die einen positiven Beitrag zu ökologischen Kreisläufen leisten. Dennoch wird dabei viel Wert auf Objektivität und Fakten gelegt, was auf Kosten der menschlichen Werte und Erfahrungen geht. Dies birgt die Gefahr, die erkenntnistheoretische Trennung zwischen Subjekt und Objekt – Mensch und Natur – zu verstärken, die die eigentliche Ursache für die heutige Umweltzerstörung ist. Unter „atmosphärische Begegnung“ verstehe ich Erfahrungssituationen, die diese Trennung zwischen Subjekt und Objekt möglicherweise aufheben.

Indem das menschliche Subjekt der beeindruckenden Kraft von etwas ausgesetzt wird, das ihm fremd ist und dessen Sinn es nicht unmittelbar erfassen kann, zwingen diese Begegnungen das Subjekt dazu, eine Position einzunehmen, die dem nahe kommt, was der Anglist Timothy Morton eine „Zero-Person-Perspective“[1] nennt. Eine Zero-Person-Perspective ist eine Perspektive, aus der der Mensch nicht frontal und distanziert auf die Landschaft blickt, sondern sich leiblich in die Landschaft begibt und sie zurückschauen und auf sich wirken lässt. Aus der Zero-Person-Perspective löst sich die Trennung zwischen Mensch und Landschaft – Subjekt und Objekt – in eine Beziehung der Intimität auf, die vor allem die Wirksamkeit der Landschaft in den Vordergrund stellt, das heißt ihre Fähigkeit, unabhängig von ihrem eigenen Willen auf den Menschen einzuwirken und ihn zu beeinflussen. Für Morton ist eine Zero-Person-Perspective auch die einzig „wirklich ökologische Sichtweise“[2].

Ich trete für eine Landschaftsarchitektur ein, die in der Lage ist, „atmosphärische Begegnungen“ zwischen Menschen und Orten zu schaffen; eine Landschaftsarchitektur, die eine Beziehung zwischen Mensch und Landschaft herstellt, die sich dem totalitären Impuls einer subjektzentrierten ästhetischen Erfahrung entzieht.

schreibt …

Sophie Holz an Alice Labadini:

Wie kann die Landschaftsarchitektur eine „atmosphärische Begegnung“ durch eine konkrete Gestaltung eines Ortes fördern?

schreibt …

Alice Labadini an alle:

In meiner Dissertation schlage ich vor, dass die Landschaftsarchitektur diese Art der Begegnung zwischen Besucher*innen und Ort fördern könnte, indem sie sich mit den lokalen Naturkräften auseinandersetzt, sie in die Gestaltung einfließen lässt, und so den Besucher*innen sinnlich und letztlich auch intellektuell näher an die Umweltbedingungen des Ortes heranführt. Wenn man den gestalteten Ort auf eine existentielle Art und Weise betrachtet, sollte man über die Topografie nachdenken.

Ihre Gestaltung könnte ein Weg sein, Besucher*innen lokale Naturkräfte näher zu bringen. Diesen Aspekt untersuche ich kritisch anhand des Opernhauses in Oslo und der Strandpromenade von Brattøra in Trondheim. Bei beiden Projekten ist der Boden als kahle, fast geologische Topografie angelegt: eine Topografie, deren Dimensionalität und Ausmaß sich nicht unmittelbar erschließt. Eine Person, die eine Landschaft betritt, die nicht mehr sinnliche Verankerung bietet als eine Stütze für die Körperhaltung, ist gezwungen, ihren Platz und ihre individuelle existenzielle Sphäre in unvermittelter Beziehung zu den Phänomenen zu verhandeln, die sich zufällig zu dieser Zeit und an diesem Ort in der Landschaft befinden: Klang, Licht, Wärme, Geruch, Feuchtigkeit, Wetter. Die ungewöhnliche Erfahrung des bloßen, unpersönlichen und gleichgültigen „Stattfindens“ dieser Phänomene verbindet diese Person mit einer Dimension von Entitäten und Kräften, die über die Zeit und den Maßstab des Hier und Jetzt hinausgehen. In diesem Sinne schlage ich das Konzept der „atmosphärischen Begegnungen“ vor, um auch einen möglichen Beitrag zu einer landschaftsarchitektonischen Antwort auf den Klimawandel zu liefern.

Das Dach des Opernhauses in Oslo, November 2011, Foto: Alice Labadini
Das Dach des Opernhauses in Oslo, November 2011, Foto: Alice Labadini

Der Klimawandel ist ein Paradebeispiel für das, was Timothy Morton als „Hyperobjekte“[3] bezeichnet.  „Hyperobjekte“ sind Objekte, die so groß und langlebig sind, dass sie sich dem menschlichen Zeit- und Raumverständnis entziehen.

Die Landschaftsarchitektur berücksichtigt weitgehend die Belange des Klimawandels. Betrachtet man die von ihr gestalteten Orte, ist die Landschaftsarchitektur noch immer von den beruhigenden und politisch korrekten Vorstellungen von Vergnügen und Komfort geprägt. Eine andere mögliche Antwort auf die Dringlichkeit des Klimawandels könnte darin bestehen, das Risiko einzugehen, die Besucher*innen mit stark beunruhigenden Situationen und Momenten der Entfremdung herauszufordern, um sie auf das aufmerksam zu machen, auf das, was am Ort des Geschehens nicht sichtbar ist, und auf die auftauchenden sensiblen Hinweise der „Hyperobjekte“, die unsere Umwelt im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozän durchdringen.

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sehr geehrte Frau Labadini, ich stimme mit Ihrem Ansatz überein, sowohl die subjektive als auch die objektive Erfahrung der menschlichen mikroklimatischen Umgebung zu berücksichtigen. Marialena Nikolopoulou hatte diese Dichotomie als Erste aufgegriffen[4] und in meiner Dissertation mit dem Titel „Designing atmospheres“[5] behandelt. Ich habe dies durch die Einbeziehung des phänomenologischen Konzepts der „Atmosphäre“ vertieft: Ich untersuchte Faktoren wie Proportionen, Materialität und Farben städtischer Räume anhand der Wahrnehmung des Mikroklimas und anhand von Messdaten.

Diese Forschungen zeigten, dass die „Konditionierungen“, die Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen besitzen, oft ein guter Prädikator für das Mikroklima sind. Es gibt aber auch „Konditionierungen“, die sie in die Irre führen können.

Im Einklang mit diesem „Atmosphären“-Ansatz erstellen wir Gestaltungsrichtlinien, die auf subjektiven und objektiven Realitäten beruhen und darauf abzielen, komfortable Räume zu schaffen, denn unsere Städte brauchen diese dringend.

Die von Ihnen vorgeschlagene gestalterische Antwort auf die „Atmosphäre“ ist anders (mit Ähnlichkeiten zum „Erhabenen“ [6]). Sie setzt Menschen beunruhigenden Situationen und Entfremdung aus.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind derzeit sehr disruptiv und verunsichernd, zum Beispiel durch Hitzewellen, Dürre, Waldbrände, schnell zurückweichende Gletscher oder Überschwemmungen. Welchen anderen „atmosphärischen Begegnungen“ würden Sie die Menschen heute aussetzen, um sie zu sensibilisieren?

Prof. Dr. Sanda Lenzholzer ist Professorin und Lehrstuhlinhaberin des Lehrstuhls „Landscape Architecture“ an der Universität Wageningen. Foto: Sanda Lenzholzer
Prof. Dr. Sanda Lenzholzer ist Professorin und Lehrstuhlinhaberin des Lehrstuhls „Landscape Architecture“ an der Universität Wageningen. Foto: Sanda Lenzholzer

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer:

Sehr geehrter Frau Lenzholzer, ich verstehe, dass die Beschleunigung der zerstörerischen Ereignisse durch den Klimawandel in den letzten Jahren unsere Fähigkeit, sie zu verarbeiten, übersteigt. Auch als Reaktion auf diese Beschleunigung müssen wir die Aufgaben der Landschaftsarchitektur in Richtung eines Konzepts der Handlungsfähigkeit (original: „agency“) [7] und der Schaffung von Räumen erweitern, die in der Lage sind, den Menschen die Umwelt näherzubringen. In einer unruhigen Welt könnten die „atmosphärischen Begegnungen“, die wir uns wünschen, mit einem Konzept des „Wunders“[8] kontextualisiert werden: Wunder als Effekt einer plötzlichen Konfrontation mit etwas Außergewöhnlichem, aber auch als eine Kraft, die den Menschen dazu bringt, die Welt zu hinterfragen. In seiner Theorie des Wunders untersucht Philip Fisher die Ästhetik des Wunders im Verhältnis zum Gewöhnlichen und Alltäglichen sowie zum Gegenteil, der Angst.[9] Ich glaube, dass das Konzepts des Wunders dazu beitragen könnte, die Gestaltung der Verunsicherung in der Landschaftsarchitektur im Hinblick auf die beunruhigenden Auswirkungen des Klimawandels zu verdeutlichen.

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sie sagen, dass „ein großes Gewicht auf Objektivität und Fakten gelegt wird“. In Anbetracht der Tatsache, dass die menschliche Erfahrung bei den meisten Mikroklimaforschungen berücksichtigt wird (es gibt sogar eine VDI-Richtlinie dafür) – wie stehen Sie zu diesem Thema?

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer:

Die zerstörerischen Auswirkungen des Klimawandels erfordern eine kulturelle Antwort, nicht nur in Bezug auf das Sensibilisieren und den Klimaschutz, sondern auch in Bezug auf die Anpassung. Während der Diskurs in der Landschaftsarchitektur über die Abschwächung des Klimawandels ein starkes Gewicht auf faktische und wissenschaftliche Erkenntnisse legt, sehe ich einen wertvollen Beitrag der Mikroklimaforschung zu einer Anpassungsantwort, die auf menschlichen Werten und Erfahrungen beruht.

Sophie Holz ist studierte Dipl.Ing. Landschaftsplanung (TU Berlin) und Partnerin bei SINAI. Foto: © SINAI
Sophie Holz ist studierte Dipl.Ing. Landschaftsplanung (TU Berlin) und Partnerin bei SINAI. Foto: © SINAI

Mikroklima als Energieströme

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Sehr geehrte Frau Lenzholzer, in Ihren Publikationen „Exploring outdoor thermal perception-a revised model“ und in „Thermal Experience and Perception of the Built Environment in Dutch Urban Squares“ beschäftigen Sie sich mit der Wahrnehmung des städtischen Mikroklimas.

Sie argumentieren, dass psychologische Faktoren – einschließlich räumlicher Merkmale wie Raumabmessungen oder die Farbe von Materialien – die menschliche Wärmeempfindung beeinflussen. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zum Konzept der „thermischen Behaglichkeit“ (original: „thermal comfort“) und hat das Potenzial, bestehende Simulierungsmodelle zu revolutionieren.

Um mehr über dieses Forschungsprojekt zu erfahren: Was ist „thermische Behaglichkeit“? Wie ergänzt Ihre Forschung die bestehenden Modelle?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an alle:

„Thermische Behaglichkeit“ ist ein Konzept, das versucht, den Zustand der Zufriedenheit mit der thermischen Umgebung zu beschreiben. Das Konzept wurde ursprünglich für Innenräume entwickelt, später aber auch auf das Empfinden von (Mikro-)Klimabedingungen im Freien ausgedehnt.

In letzter Zeit wurde diese Verwendung des Begriffs kritisiert, weil er den Zustand der Unbehaglichkeit, der vor allem im Freien recht häufig vorkommt, nicht angemessen berücksichtigt. Infolgedessen wurde der neutralere Begriff „thermische Wahrnehmung“ (original: „thermal perception“) eingeführt.

Die thermische Wahrnehmung kann in zwei Bereiche unterteilt werden: den physikalisch-physiologischen Bereich und den psychologischen Bereich. Ersterer wird auch mit dem Begriff „Wärmeempfindung“ (original: „Thermal Sensation“) ausgedrückt und hängt stark von äußeren physikalischen Reizen ab: Die Lufttemperatur und der Einfluss lang- und kurzwelliger Strahlung bestimmen das Wärmeempfinden in hohem Maße.

Beide Strahlungsarten sind in Außenräumen sehr ausgeprägt und können dem Menschen ein Gefühl von Wärme vermitteln. Ein typisches Beispiel für die Erfahrung der kurzwelligen Strahlung ist im Freien zu spüren, wenn wir von einem sonnigen Ort mit hoher kurzwelliger Sonnenstrahlung in den Schatten gehen. Auch die langwellige Strahlung, die von Materialien ausgeht, kennen wir aus unserer Erfahrung, etwa wenn wir nach Sonnenuntergang vor einer Wand sitzen, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt war. Auch wenn die Lufttemperatur gesunken ist, wird unser Körper durch die Wärmestrahlung der Wand gewärmt.

Das Empfinden von kurzwelliger und langwelliger Strahlung ist nicht zu verwechseln mit dem Empfinden der Lufttemperatur, die wir alle kennen. Auch die Windempfindung ist für das physikalische Mikroklimaerlebnis sehr wichtig: ob wir der kühlenden Wirkung des Windes ausgesetzt sind oder nicht. Der zweite Bereich umfasst die psychologischen Faktoren, die in gewissem Maße auch die thermische Wahrnehmung beeinflussen.

Frühere Forschungsarbeiten befassten sich bereits mit den psychologischen Faktoren und konzentrierten sich auf die momentanen Aspekte der Wärmewahrnehmung, wie zum Beispiel die Anwesenheit in angenehmer Gesellschaft oder eine bestimmte momentane Stimmung, als die Wärmewahrnehmung gemessen wurde. Meine Forschung hat die bestehenden psychologischen Faktoren der Wärmewahrnehmung im Hinblick auf die räumlich-zeitlichen Dimensionen erweitert: die langfristigen Auswirkungen der gebauten und natürlichen Umwelt, wie Raumproportionen, Materialität und Farben. Die Entwicklung dieses Ansatzes wurde stark von Ideen aus der Phänomenologie und dem Konzept der „Allästhesie“ beeinflusst: wie multisensorische Wahrnehmung funktioniert, wenn der Wärmesinn in Verbindung mit anderen Sinneswahrnehmungen, zum Beispiel visuellen Reizen, beteiligt ist. Es wurde auch von den Konzepten der „mentalen Schemata“ aus der Psychologie inspiriert: wie Menschen automatisch bestimmte Anhaltspunkte wie die räumlichen Konfigurationen im Hinblick auf das erwartete Mikroklima eines Ortes interpretieren.

schreibt …

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Was bedeutet die enge Beziehung zwischen „thermischer Behaglichkeit“ und städtischem (Mikro-)Klima für die Gestaltung von Außenräumen?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Sophie Holz:

Die physischen Aspekte der gestalteten Umgebung beeinflussen stets das lokale Mikroklima. Die Anordnung von dreidimensionalen Objekten (Gebäude, Sträucher und Bäume, Bodenrelief) schafft Bereiche, die der kurzwelligen Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, und weniger exponierte, schattige Bereiche. Ihr Volumen bestimmt auch die Windströme und damit die Bereiche, die vor Wind geschützt sind, die belüftet werden oder sogar Windbelästigung oder -gefahr ausgesetzt sind. Die Art der von uns verwendeten Materialien hat einen starken Einfluss auf die langwellige Strahlung. Die Lufttemperatur kann durch die kumulative Anordnung von grüner Infrastruktur reguliert werden. Im Grunde wirkt sich alles, was wir gestalten, auf das Mikroklima aus, ob dies nun beabsichtigt ist oder nicht. In Anbetracht der Probleme, mit denen wir angesichts des Klimawandels konfrontiert sind und an die wir uns anpassen müssen, sollten wir sicherstellen, dass unsere landschaftsarchitektonischen Eingriffe das Mikroklima und das Stadtklima im größeren Maßstab sehr bewusst zum Besseren beeinflussen.

schreibt …

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Welche Methoden haben Sie verwendet, um Ihre These zu belegen, dass räumliche Merkmale die Wärmewahrnehmung beeinflussen?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Sophie Holz:

Meine Doktorand*innen und ich haben eine Reihe verschiedener Methoden verwendet, die sowohl die „physikalischen“ als auch die „psychologischen“ Faktoren berücksichtigen. Die physikalischen Faktoren wurden mit regelmäßigen Messreihen in verschiedenen städtischen Gebieten sowie mit Mikroklimasimulationen unter Verwendung des Envi-met-Modells untersucht. Die psychologischen Faktoren wurden durch Beobachtungen des Nutzerverhaltens und Tausenden von Interviews mit Personen, die diese Außenbereiche nutzen, und das Zeichnen von „mentalen Karten“ ihrer langfristigen Mikroklima-Erfahrungen erfasst.

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer: 

Sehr geehrte Frau Lenzholzer, mit der zunehmenden Erkenntnis, dass sich unser Klima rasch verändert, hat die Umwelt, in der wir leben, eine zentrale Bedeutung erlangt. Während Umweltbelange zunehmend Eingang in die Debatten der Landschaftsarchitektur gefunden haben, scheint der Umfang dessen, was ein auf die „Umwelt“ aufmerksamer Entwurf sein könnte, noch nicht in seiner ganzen Breite behandelt worden zu sein. [10]

Der Begriff der „thermischen Wahrnehmung“ erweitert die Umweltbelange der Landschaftsarchitektur auf die Gestaltung des Umfelds als unser eigenes individuelles Lebenserhaltungssystem: die Luftbedingungen und das Mikroklima, in dem wir leben. Mit dem Begriff der „thermischen Wahrnehmung“ wird das Problem des Klimawandels angegangen, ausgehend von der menschlichen Verfassung und der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

Der Klimawandel hat uns bewusst gemacht, dass unsere „Umwelt“ notwendigerweise auch eine gemeinsame ist – wir sind alle in ihr, und es gibt kein Außen, auch wenn jeder von uns sie anders wahrnimmt. In ähnlicher Weise wird die Erfahrung des öffentlichen Raums und – im weiteren Sinne – seines Mikroklimas notwendigerweise durch unsere räumlichen Beziehungen zueinander beeinflusst und verhandelt.

Wie könnte eine menschen- und wahrnehmungszentrierte Gestaltung, die auf ihre Auswirkungen auf das Mikroklima achtet, dazu beitragen, neue Formen der kollektiven Verantwortung angesichts der globalen Klimakrise zu entwickeln?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sehr geehrter Frau Labadini, es erfordert einen anderen Ansatz, aber eine auf das Mikroklima abgestimmte Gestaltung für den menschlichen Komfort kann auch zur Bekämpfung der Klimakrise beitragen, indem sie die CO2-Emissionen senkt. Wir haben einen neuen Ansatz auf der Grundlage des Konzepts der „Energieströme“ in der städtischen Umwelt entwickelt: Die städtische Umwelt hat viele Energieströme, die heute Probleme verursachen, wie zum Beispiel die Sonneneinstrahlung, die zu erhöhten Temperaturen führt, und störende Windströme. Gleichzeitig sind diese Energieströme auch eine Quelle für erneuerbare Energie und können somit zur Senkung der CO2-Emissionen beitragen.

Der Ansatz beinhaltet verschiedene Eingriffe in die städtische Struktur. So können wir beispielsweise an Orten, an denen sich die Menschen im Sommer im Freien aufhalten, unter schattenspendenden „Solardächern“ lokal Sonnenenergie gewinnen. Wir können auch den Wind in der warmen Jahreszeit dorthin lenken, wo er zur Belüftung benötigt wird, und ihn in der kalten Jahreszeit auf Turbinen leiten, um Windenergie zu erzeugen (zum Beispiel mit Windtürmen, die von iranischen Modellen inspiriert sind).

Ich könnte noch mehr Beispiele nennen, aber ich möchte mich jetzt auf einen anderen Aspekt konzentrieren: Sie fragen auch nach der kollektiven Verantwortung in Bezug auf die Gestaltung des Mikroklimas. Es sollte eine kollektive Verantwortung sein, so schnell wie möglich Maßnahmen auf privaten und öffentlichen Flächen umzusetzen und dafür eine breite gesellschaftliche Unterstützung zu schaffen. Dabei ist die Sensibilisierung aller städtischen Akteure für die Themen (städtisches) Mikroklima und Klimawandel der Ausgangspunkt, worauf Sie in Ihrer Arbeit sehr zu Recht hinweisen.

Ein nächster Schritt besteht darin, allen Akteur*innen Verantwortung zu übertragen, beginnend mit kleinen Aktionen, ergänzt durch größere Maßnahmen, deren Kosten kollektiv und gerecht getragen werden, und sicherstellen, dass auch die am meisten gefährdetsten Personen von diesen Maßnahmen profitieren. Möglicherweise müssen wir diesen Ansatz auf globaler Ebene ausweiten, denn die energieintensiven Maßnahmen der westlichen Länder wirken sich nun auch auf die Schwächsten im globalen Süden aus.

[1] Morton, Timoty. “Zero Landscapes in the Time of Hyperobjects,” Zero Landscape: Unfolding Active Agencies of Landscape, Graz Architecture Magazine 07 (2011), 78–87.

[2] Ibid.

[3] Morton, Timothy. Hyperobjects: Philosophy and Ecology After the End of the World. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2014.

[4] Nikolopoulou, M., N. Baker, and K. Steemers, Thermal comfort in outdoor urban spaces: Understanding the human parameter. Solar Energy, 2001. 70(3): p. 227-235.

[5] Lenzholzer, S., Designing atmospheres: research and design for thermal comfort in Dutch urban squares. 2010, Wageningen University: Wageningen.

[6] Roncken, P.A., et al., Shades of sublime : a design for landscape experiences as an instrument in the making of meaning. 2018, Wageningen University: Wageningen.

[7] Ich verwende den Begriff „agency“ mit besonderem Bezug auf die in den Büchern beschriebene Anwendung: Diana H. Coole and Samantha Frost, New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics (Durham, NC: Duke University Press, 2010); Jane Bennett, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things (Durham: Duke University Press, 2010).

[8] Labadini, A. (2017) Immaterial Landscapes. Formulating the Intangible in Northern Landscapes. Oslo School of Architecture and Design, Oslo, Norway, p. 276.

[9] Philip Fisher, Wonder, the Rainbow, and the Aesthetics of Rare Experiences (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 1998)

[10] Unter anderem hat die Architekturhistorikerin und -theoretikerin Alessandra Ponte darauf hingewiesen, dass Designer*innen sich eingehender mit Umwelttheorien befassen müssen, wenn sie sich mit Designfragen von umweltbezogener Natur und Größenordnung auseinandersetzen wollen. Cf.: Alessandra Ponte, The House of Light and Entropy (London: AA Publications, 2014), 213.

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BürosSINAI

Paketposthalle München: Herzog & de Meurons Masterplan in massiver Kritik

Die Quartiersgasse mit Blick auf die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal. Bildrechte: Herzog & de Meuron
Die Quartiersgasse mit Blick auf die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal. Bildrechte: Herzog & de Meuron

Auf dem Areal der Paketposthalle in München soll ein neues Stadtquartier entstehen. Es bietet 1 100 Wohnungen und Büros für 3 000 Arbeitsplätze. Nun liegt der neue Masterplan für das Gelände vom Architekturbüro Herzog & de Meuron vor. Doch die geplante Bebauung stößt in der Münchner Stadtgesellschaft auf massive Kritik. Alles zum Projekt lesen Sie hier.

Paketposthalle München einst architektonische Ikone 

Die Paketposthalle ist ein markantes Gebäude westlich des Münchner Stadtkerns. Sie wurde von 1965 bis 1969 zwischen Arnulfstraße, Wilhelm-Hale-Straße und der Stammstrecke der S-Bahn erbaut. Einst als Umschlagplatz für den gleisgebundenen Pakettransport dienend und seit 1998 als Briefverteilzentrum. Die Deutsche Post verkaufte das Gebäude im Jahr 2018 schließlich an die Münchner Büschl Unternehmensgruppe.

Ihre Markanz verdankt die Paketposthalle München ihrer an Rippen erinnernden Konstruktion aus insgesamt 26 Beton-Kreissegmentbögen. Sie wurden in Fertigteilbauweise erstellt und bilden sowohl das Tragwerk, als auch die Gebäudehülle. In der Folge kommt die Paketposthalle ohne eine weitere Dachhaut aus. Mit einer Spannweite von 147 Metern, einer Länge von 124 Metern und einer Höhe von 31 Metern nimmt die Halle eine Fläche von etwa 20 000 Quadratmetern ein. Ihrerzeit galt die Münchner Paketposthalle als technisches Wunderwerk und spektakuläre Sensation der Architektur.

Schon vor dem Umbau in ein Briefzentrum in den späten Neunzigern versuchte die Deutsche Post erfolglos, die Paketposthalle München zu veräußern. Als die Post 2015 schließlich erwägte, das Briefzentrum von München in den Vorort Germering zu verlegen, begannen vielfältige Planungen rund um das Areal. Eine Philharmonie sollte dort etwa einmal entstehen oder ein neues Wohnquartier mit Terrassenwohnungen. Auch Ikea erwägte vor einigen Jahren, auf dem Gelände der Münchner Paketposthalle ein Möbelhaus zu eröffnen.

Den nun im Auftrag der Büschl Unternehmensgruppe entstandenen Plänen des Schweizer Büros Herzog & de Meuron für das Quartier um die Paketposthalle schlägt heftige Kritik entgegen. Die kommt vor allem von Denkmalschützer*innen, die die Stadtsilhouette in Gefahr sehen.

Masterplan für Paketposthalle München

Rund um die mittlerweile denkmalgeschützte Paketposthalle sollen nach dem Masterplan von Herzog & de Meuron insgesamt 1 100 Wohnungen, Büros für 3 000 Arbeitsplätze und Flächen für den Einzelhandel, Hotels sowie kulturelle und soziale Einrichtungen entstehen. Die Paketposthalle soll dabei zum identitätsstiftenden Kern des Quartiers werden. Sie soll künftig als überdachter und frei zugänglicher Stadtplatz genutzt werden, auf dem kulturelle Aktivitäten stattfinden können. Zusätzlich soll sie vollständig unterbaut werden, wodurch zusätzlicher Platz für Konzertsäle, Kongresse und Events entstehen soll.

Oberirdisch sollen im Quartier ausschließlich Fuß- und Radwege angeboten werden. Motorisierter Verkehr soll unterirdisch unter dem Areal hinweg geführt werden und ist bei Bedarf über eine dreigeschossige Tiefgarage mit dem neuen Quartier angeschlossen.

Zwei Hochpunkte sollen dabei westlich der Paketposthalle entstehen. In den Erdgeschosszonen sowie in den obersten Stockwerken sollen die neuen Gebäude mit Geschäften, Restaurants oder kulturellen Einrichtungen öffentlich nutzbar werden. Den Rest der Stockwerke sollen dann Wohnungen, Büros und Hotels ausfüllen. 155 Meter sollen die beiden Bauwerke nach dem vorliegenden Masterplan hoch werden und sorgen damit für heftige Kritik.

2004, nach der Fertigstellung des 146 Meter hohen Hochhauses Uptown München, entschieden die Münchner Bürger*innen mit knapper Mehrheit, dass Neubauten fortan nicht höher werden dürften, als die Frauenkirche und damit unter einer Höhe von 100 Metern bleiben müssten. Bis heute, also 17 Jahre später, ist diese Entscheidung der Münchner Bürger*innen nicht angetastet. Dabei ist ihre Gültigkeit bereits beendet.

Laute Kritik an den Hochhausplänen im Areal

Dass die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal das Uptown München jetzt als höchstes Gebäude ablösen sollen, ruft vor allem Denkmalschützer*innen auf den Plan. Sie befürchten, dass das Münchner Stadtbild durch derartige Hochpunkte nachhaltig beeinträchtigt werden könne. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung warne der Landesdenkmalrat davor, dass Gebäude mit mehr als 60 Metern Höhe drastische Auswirkungen auf das Stadtbild, „unter anderem auf die Sichtbeziehung zu Schloss Nymphenburg“ habe. Investor Büschl hingegen spräche von einer Bereicherung, die Münchens Silhouette durch die neuen Gebäude erführe.

Die Diskussion ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende. Die im Masterplan zu findenden Dimensionen sind aber noch nicht in Stein gemeißelt. Zwischenzeitlich fand ein Bürger*innengutachten zu den Plänen im Areal statt, dass Sie hier in voller Länge ansehen können.

Mehr Informationen zum Bauprojekt Paketposthalle München finden Sie hier.

Auch im Münchner Norden soll ein neues Quartier entstehen, das Kreativquartier.