Die „kühle Gasse“ als Entwurfsprinzip – Stadtentwicklung mit Thermodynamik

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Schwarze Fahrräder stehen an einem braunen Betongebäude – Foto von Adrien Olichon

Wer glaubt, dass die Zukunft der Stadtentwicklung allein aus schicken Renderings und trendigen Fassaden besteht, hat den kühlen Wind der Thermodynamik noch nicht gespürt. Die „kühle Gasse“ ist mehr als ein modisches Schlagwort – sie ist ein radikales Entwurfsprinzip, das Städtebau, Klimawandel und Lebensqualität auf verblüffende Weise zusammenbringt. Wer wissen will, wie echte Resilienz im Quartier entsteht, muss jetzt lesen – und wird nie wieder eine Gasse als bloße Durchfahrt betrachten.

  • Definition und Herkunft des Entwurfsprinzips „kühle Gasse“ sowie thermodynamische Grundlagen
  • Bedeutung der kühlen Gasse für klimaresiliente Stadtentwicklung in Mitteleuropa
  • Gestalterische, bauliche und technische Strategien zur Umsetzung der kühlen Gasse
  • Relevanz für urbane Hitzeinseln, Mikroklima, Luftzirkulation und Aufenthaltsqualität
  • Interdisziplinäre Schnittstellen zwischen Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Gebäudetechnik
  • Deutsche und internationale Best-Practice-Beispiele und Pilotprojekte
  • Herausforderungen bei Planung, Bau und Betrieb – von Eigentumsstrukturen bis Governance
  • Chancen für nachhaltige Mobilität, Biodiversität und soziale Integration durch kühle Gassen
  • Kritische Reflexion: Grenzen, Risiken und notwendige Paradigmenwechsel im Stadtdesign
  • Konkrete Empfehlungen und Ausblick auf die Zukunft urbaner Thermodynamik

Was ist die „kühle Gasse“? – Ein thermodynamisches Manifest für die Stadt

Die „kühle Gasse“ ist ein Begriff, der in den letzten Jahren mit beachtlichem Nachdruck durch die Fachwelt der urbanen Planung geistert – und das aus gutem Grund. Im Kern beschreibt sie ein städtebauliches Entwurfsprinzip, das gezielt darauf abzielt, urbane Räume durch mikroklimatische Optimierung spürbar abzukühlen und damit die Lebensqualität in Städten zu steigern. Ausgangspunkt ist die banale, aber oft übersehene Tatsache, dass traditionelle Straßenzüge und Gassen in Mitteleuropa früher nicht zufällig so gebaut wurden, wie sie gebaut wurden. Die Orientierung, Breite, Verschattung und Durchlüftung von Gassen folgten Erfahrungswerten, die tief im kollektiven Gedächtnis der Baukultur verankert waren. Erst der Modernismus verdrängte vielerorts das Wissen um die Thermodynamik der Stadt aus dem Werkzeugkasten der Planer.

Thermodynamik ist dabei kein Hexenwerk, sondern die Wissenschaft von Energieflüssen und Temperaturdifferenzen – also genau das, was in Zeiten des Klimawandels über Wohl und Wehe urbaner Lebensräume entscheidet. Die kühle Gasse nutzt gezielt den Kamineffekt, also die natürliche Strömungsbewegung von Luft entlang von Temperaturunterschieden. Gleichzeitig werden Verschattung, Verdunstung und das gezielte Lenken von Frischluftströmen als gestalterische Mittel eingesetzt. Das Ergebnis sind Straßenräume, die auch an heißen Sommertagen ein erträgliches, ja oft sogar angenehmes Mikroklima bieten.

Doch die kühle Gasse ist weit mehr als ein technischer Kniff: Sie ist ein Paradigmenwechsel im Umgang mit dem Stadtraum. Während der klassische Straßenbau in den letzten Jahrzehnten vor allem auf Effizienz, Erschließung und Verkehrsdichte zielte, rückt nun wieder das menschliche Wohlbefinden in den Mittelpunkt. Es geht nicht darum, Autos schneller von A nach B zu schleusen, sondern darum, dass Menschen in der Stadt atmen, verweilen und sich bewegen können – ohne im Sommer gegrillt zu werden.

Die kühle Gasse ist deshalb ein explizit interdisziplinäres Projekt. Sie verlangt von Stadtplanern, Landschaftsarchitekten, Bauphysikern und Ingenieuren, gemeinsam neue Wege zu gehen. Es reicht nicht, ein paar Bäume zu pflanzen oder helle Pflastersteine zu verlegen. Vielmehr müssen die Wechselwirkungen zwischen Bebauung, Vegetation, Materialien und Nutzungsmustern ganzheitlich gedacht und präzise simuliert werden. Hier kommt die Thermodynamik als verbindendes Element ins Spiel – sie liefert die Werkzeuge, um Stadtgestaltung als dynamisches, energiegetriebenes System zu begreifen.

Und schließlich ist die kühle Gasse auch ein Statement gegen die weitverbreitete Tendenz, technische Probleme mit technischen Lösungen zu erschlagen. Sie setzt auf passive, robuste und wartungsarme Strategien, die mit den natürlichen Ressourcen der Stadt arbeiten, statt sie zu überfordern. Wer heute eine kühle Gasse plant, plant nicht nur gegen die Hitze – sondern für eine widerstandsfähige, zukunftsfähige und lebenswerte Stadt.

Wie funktioniert die kühle Gasse? – Von Luftströmen, Verschattung und Verdunstungskälte

Das Entwurfsprinzip der kühlen Gasse basiert auf einem tiefen Verständnis der mikroklimatischen Prozesse, die in urbanen Räumen wirken. Zentral ist die Steuerung von Luftströmen: Durch gezielte Ausrichtung von Straßen und Gassen entlang der vorherrschenden Windrichtungen kann Frischluft in die dichten Quartiere geleitet werden. Besonders effektiv sind sogenannte Windleitkorridore, die wie natürliche Klimaanlagen wirken und heiße Stadtluft durch kühlere Luftmassen ersetzen. Hierbei spielt auch der Kamineffekt eine Rolle: Temperaturunterschiede zwischen kühlen Grünflächen und aufgeheizten Straßen erzeugen Luftbewegungen, die gezielt genutzt werden können.

Ein weiteres zentrales Element ist die Verschattung, die sowohl durch bauliche Maßnahmen (zum Beispiel Arkaden, Laubengänge, eng gestellte Fassaden) als auch durch Vegetation erreicht werden kann. Bäume mit ausladenden Kronen, Spalierpflanzungen oder begrünte Pergolen bieten in der heißen Jahreszeit nicht nur Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung, sondern senken auch die Oberflächentemperatur von Gehwegen und Fassaden erheblich. Die thermische Wirkung ist dabei nicht zu unterschätzen: Schon wenige Grad Temperaturunterschied können das subjektive Komfortempfinden und die Aufenthaltsdauer im öffentlichen Raum massiv beeinflussen.

Ein weiteres mächtiges Werkzeug im Arsenal der kühlen Gasse ist die Verdunstungskühlung. Wasserflächen, Brunnen, Nebeldüsen oder bepflanzte Mulden sorgen dafür, dass Wasser in den Straßenraum verdunstet und dabei Wärme bindet. Dieser Prozess – in der Fachsprache als Evapotranspiration bezeichnet – kann die gefühlte Temperatur deutlich absenken. In Kombination mit durchlässigen Belägen und einer klugen Regenwasserbewirtschaftung entstehen so multifunktionale Freiräume, die auch in Zeiten zunehmender Trockenheit und Starkregenereignisse robust bleiben.

Technisch anspruchsvoll, aber hochwirksam ist zudem die Nutzung reflektierender bzw. hochalbedofähiger Materialien. Helle Pflastersteine, Fassadenfarben oder spezielle Beschichtungen reflektieren einen Großteil der Sonneneinstrahlung und verhindern die Aufheizung der städtischen Oberfläche. Im Idealfall wird diese Strategie mit der Begrünung von Dächern und Fassaden kombiniert, um den sogenannten Urban Heat Island Effect gezielt zu entschärfen.

Schließlich darf die soziale Dimension der kühlen Gasse nicht übersehen werden. Ein angenehmes Mikroklima fördert die Nutzung des öffentlichen Raums, steigert die Aufenthaltsqualität und kann sogar das soziale Miteinander stärken. Die kühle Gasse ist damit nicht nur eine technische Innovation, sondern auch ein kulturelles Angebot: Sie lädt zum Flanieren, Verweilen und Begegnen ein – und wird so zum Herzstück einer lebendigen, resilienten Stadt.

Praxisbeispiele und Pilotprojekte – Die kühle Gasse als Labor der Zukunft

Die Theorie klingt überzeugend, doch wie sieht die kühle Gasse in der Realität aus? Ein Blick auf aktuelle Pilotprojekte und Best-Practice-Beispiele zeigt, wie unterschiedlich und kreativ das Entwurfsprinzip umgesetzt werden kann. In Wien beispielsweise wurde im Zuge der Smart City-Strategie die sogenannte „Coole Straße“ entwickelt: Hier wurden Gassen temporär für den Autoverkehr gesperrt, mit mobilen Bäumen, Nebelduschen, Sitzgelegenheiten und hellen Belägen ausgestattet. Die Auswertung nach den ersten Sommern war eindeutig: Die Oberflächentemperaturen sanken um bis zu sieben Grad, die Aufenthaltsdauer und Zufriedenheit der Anwohner stieg deutlich an.

Auch in deutschen Städten werden die Potenziale der kühlen Gasse zunehmend erkannt. In Frankfurt am Main etwa entstehen im Rahmen des Projekts „Grüne Lunge“ ganze Straßenzüge, die gezielt als Frischluftkorridore geplant und bepflanzt werden. Die Orientierung der Straßen, die Anordnung der Gebäude und die Auswahl der Baumarten werden dabei mikroklimatisch simuliert und optimiert. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Neben einer messbaren Abkühlung der Quartiere wird auch die Biodiversität gefördert, und die Flächen dienen als grüne Infrastruktur für Regenwassermanagement und Naherholung.

Ein weiteres spannendes Beispiel liefert Zürich mit dem Projekt „Cool City“. Hier werden digitale Modelle und Echtzeitmessungen kombiniert, um die thermischen Effekte unterschiedlicher Gestaltungsmaßnahmen zu analysieren. So kann bereits im Planungsprozess simuliert werden, wie sich etwa eine neue Baumreihe, eine Wasserfläche oder eine andere Fassadenfarbe auf das Mikroklima auswirkt. Die Erkenntnisse fließen direkt in die Stadtentwicklung ein – und machen die kühle Gasse zum echten Labor für die Zukunft.

Doch es sind nicht nur Großstädte, die das Entwurfsprinzip aufgreifen. Auch kleinere Kommunen wie Radolfzell am Bodensee oder Bamberg experimentieren mit kühlen Gassen, indem sie historische Straßenzüge behutsam nachrüsten: Durch Entfernen von versiegelten Flächen, Nachpflanzen von Bäumen und die Integration von Wasserspielen entstehen kleine, aber feine Oasen der Frische, die den lokalen Charakter bewahren und gleichzeitig dem Klimawandel trotzen.

Was alle Projekte verbindet: Es braucht Mut zum Experiment, interdisziplinäre Zusammenarbeit und einen langen Atem in der Umsetzung. Die kühle Gasse ist kein Produkt von der Stange, sondern ein maßgeschneidertes Ergebnis aus lokalem Wissen, technischer Innovation und politischem Willen. Wer sie realisieren will, muss bereit sein, bestehende Routinen zu hinterfragen – und die Stadt als lebendiges, veränderbares System zu begreifen.

Herausforderungen und Grenzen – Warum die kühle Gasse (noch) nicht überall Standard ist

So überzeugend das Konzept der kühlen Gasse auf dem Papier auch wirkt, so vielfältig sind die Hürden auf dem Weg zur flächendeckenden Umsetzung. Ein zentrales Problem sind die Eigentumsverhältnisse im urbanen Raum. Oft sind Straßenflächen, Gehwege, Vorgärten und Fassaden in unterschiedlichen Händen, was die Koordination von Verschattungs- und Begrünungsmaßnahmen erschwert. Hinzu kommt die klassische Ressourcenkonkurrenz: Wo Fläche rar ist, konkurrieren Parkplätze, Fahrspuren, Leitungen und Wurzeln um jeden Quadratzentimeter. Die kühle Gasse erfordert daher ein neues Verständnis von Stadt als geteiltem, multifunktionalem Raum – und nicht als Summe separater Parzellen.

Auch die technischen Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen. Die Simulation mikroklimatischer Effekte ist komplex und erfordert exakte Daten zu Windverhalten, Sonneneinstrahlung, Materialeigenschaften und Nutzungsmustern. Hier stoßen viele Kommunen an ihre Kapazitätsgrenzen – sowohl was die technische Ausstattung als auch das Fachwissen betrifft. Digitale Werkzeuge wie Urban Climate Models oder Digital Twins bieten zwar neue Möglichkeiten, doch sie brauchen Know-how, Pflege und eine offene Governance-Struktur, um ihr volles Potenzial zu entfalten.

Ein weiteres Hindernis ist das Planungsrecht. Viele Bebauungspläne, Satzungen und Gestaltungsleitfäden stammen aus einer Zeit, in der das Thema Klimaresilienz noch keine Rolle spielte. Die Integration von Gassenbegrünung, Wasserflächen oder Verschattungsstrukturen stößt daher häufig auf bürokratische Hürden. Hier braucht es einen Paradigmenwechsel in den Verwaltungen – und die Bereitschaft, bestehende Normen im Lichte neuer Herausforderungen weiterzuentwickeln.

Schließlich ist auch das soziale Klima entscheidend: Die kühle Gasse lebt von Akzeptanz und Mitwirkung der Bevölkerung. Ohne Beteiligung, Pflege und gemeinschaftliche Nutzung bleibt sie ein Papiertiger. Deshalb müssen Planer nicht nur technisch brillieren, sondern auch kommunikativ überzeugen. Es gilt, die Vorteile der kühlen Gasse sichtbar, begreifbar und erlebbar zu machen – damit aus einer Innovation ein neuer Standard wird.

Und natürlich gibt es auch physikalische Grenzen: Nicht jede Straße lässt sich in eine kühle Gasse verwandeln. Enge Innenstädte, dichte Blockrandbebauung und hochverdichtete Quartiere bieten oft wenig Spielraum für nachträgliche Eingriffe. Hier ist Kreativität gefragt – und der Mut, auch unkonventionelle Lösungen zu denken. Manchmal reicht schon ein kleiner Eingriff, um große Wirkung zu erzielen. Doch klar ist: Die kühle Gasse wird nicht jede urbane Hitzeinsel alleine heilen – sie ist ein Baustein im größeren Puzzle der klimaangepassten Stadt.

Ausblick und Empfehlungen – Die Zukunft der Stadt liegt in der Thermodynamik

Die kühle Gasse ist kein Nischenthema, sondern ein zentrales Leitmotiv der klimaresilienten Stadtentwicklung. Sie verknüpft altes Wissen mit neuen Technologien, verbindet soziale und technische Innovation – und bietet eine konkrete Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels in unseren Städten. Doch ihr volles Potenzial entfaltet sie nur, wenn sie Teil einer umfassenden Strategie wird, die alle Ebenen der Stadtplanung durchdringt.

Für Planer, Architekten und Stadtverwaltungen bedeutet das: Thermodynamik muss zum festen Bestandteil des Entwurfs werden. Mikroklimatische Simulationen, partizipative Planung und interdisziplinäre Teams gehören künftig zum Standardrepertoire. Digitale Werkzeuge wie Urban Digital Twins, die Echtzeitdaten und Szenarienmanagement ermöglichen, sind dabei ebenso wichtig wie die klassischen Techniken der Begrünung und Verschattung.

Gleichzeitig braucht es politische Rückendeckung und rechtliche Anpassungen: Die kühle Gasse muss im Planungsrecht, in Förderrichtlinien und in der Stadtgestaltung verankert werden. Nur so lässt sich der nötige Spielraum für Innovation schaffen. Förderprogramme, Forschungsinitiativen und kommunale Pilotprojekte können hier als Katalysatoren wirken und den Weg für einen flächendeckenden Rollout ebnen.

Doch der vielleicht wichtigste Erfolgsfaktor ist die Kommunikation: Die kühle Gasse muss als Mehrwert für alle Stadtbewohner verstanden werden – nicht als Luxus für wenige. Sie bietet nicht nur Abkühlung, sondern auch bessere Luft, mehr Aufenthaltsqualität, soziale Begegnung und Biodiversität. Wer diese Vorteile sichtbar macht und zum Mitmachen einlädt, wird erleben, wie schnell aus einer technischen Idee eine gesellschaftliche Bewegung werden kann.

Am Ende bleibt festzuhalten: Die kühle Gasse ist weit mehr als ein architektonisches Detail oder eine temporäre Mode. Sie ist ein Manifest für eine neue Stadt – eine Stadt, die den Menschen und das Klima gleichermaßen ernst nimmt. Wer heute die Weichen stellt, baut nicht nur für den Sommer, sondern für Generationen. Und wer das Prinzip der Thermodynamik in den Entwurf integriert, wird erleben, wie aus Hitzeinseln Oasen werden. Das ist kein Science-Fiction, sondern schlicht gute Stadtplanung. Willkommen in der Zukunft – sie ist erfrischend kühl.

Zusammenfassung: Die kühle Gasse ist ein revolutionäres Entwurfsprinzip, das Thermodynamik, Stadtgestaltung und soziale Innovation miteinander verknüpft. Sie bietet konkrete Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels im urbanen Raum, indem sie auf Verschattung, Verdunstung, Luftzirkulation und multifunktionale Gestaltung setzt. Zahlreiche Pilotprojekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie die kühle Gasse die Lebensqualität steigern, urbane Hitzeinseln entschärfen und neue Formen der Beteiligung ermöglichen kann. Trotz technischer, rechtlicher und sozialer Hürden entwickelt sich die kühle Gasse zum Leitbild einer klimaresilienten Stadt – vorausgesetzt, Mut zur Innovation, interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine offene Kommunikation prägen den Prozess. Wer die Zukunft der Stadt gestalten will, kommt um dieses Prinzip nicht mehr herum. Denn sie beginnt – ganz unspektakulär – mit einer Gasse, die kühler ist als der Rest der Stadt.

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Weiße Dächer kühlen laut einer neuen Studie besser als grüne Dächer

pObwohl grüne Dächer viele Vorteile mit sich bringen, könnten weiße Dächer die bessere Wahl sein, um dem Hitzeinseleffekt in Städten entgegenzuwirken. Foto: via unsplash
pObwohl grüne Dächer viele Vorteile mit sich bringen, könnten weiße Dächer die bessere Wahl sein, um dem Hitzeinseleffekt in Städten entgegenzuwirken. Foto: via unsplash

Grüne Dächer sind in aller Munde, doch auch andere Dachfarben wirken sich positiv auf den urbanen Hitzeinseleffekt aus. So hat eine Studie aus Großbritannien bewiesen, dass weiß gestrichene Dächer eine bessere Kühlwirkung haben als grüne Dächer. Sie könnten die Temperaturen in London an heißen Tagen um bis zu 1,2°C senken.

Hitzestau in Städten ist ein immer wichtigeres Thema, das im Rahmen der inzwischen jährlich auftretenden Hitzewellen viel diskutiert wird. Weiße Farbe hilft: Sowohl Dächer als auch andere Flächen speichern weniger Hitze, wenn sie hell sind. Reflektierende Dächer mit weißer oder heller Farbe könnte laut einer Studie die Temperatur in ganzen Stadtteilen um 1,2°C oder sogar bis zu 2°C senken. Die Wissenschaftler*innen haben Computersimulationen am Beispiel der britischen Hauptstadt London durchgeführt. Sie konnten auch zeigen, dass bepflanzte Dächer, Straßengrün und Fotovoltaik-Anlagen nur einen geringen kühlenden Effekt haben.

Grüne Dächer produzieren nachts Wärme

Die neue Studie im Fachjournal „Geophysical Research Letters“, angeleitet von Oscar Brousse vom University College London, analysiert die Auswirkungen verschiedener Maßnahmen auf die Temperaturen im Großraum London. Dafür nutzte das Team Daten vom 26. und 27. Juli 2018, zwei Tage mit Höchsttemperaturen. Mit einer Genauigkeit von einem Kilometer und einer Studie zeigte das dreidimensionale Modell der Wissenschaftler*innen die Temperaturverläufe in den verschiedenen Stadtgebieten. Die Simulation lief in elf Durchgängen.

Kühle Dächer schnitten dabei mit Abstand am besten ab: Sie können die Umgebung um bis zu 2°C kühlen. Dazu gehören Dächer, die weiß gestrichen sind. Auch spezielle Dünnschichtmaterialien sowie heller Beton und helles Metall helfen dabei, die Sonneneinstrahlung zu reflektieren. Auf diese Weise heizen die Dächer nicht stark auf.

Laut der Studie könnte London seine Temperaturen um 0,5°C senken, wenn alle in Frage kommenden Dächer mit Solarzellen bedeckt wären. Bäume und Straßengrün könnten die Temperaturen um 0,3°C senken, begrünte Dächer um 0,5°C – jedoch nur tagsüber. Nachts können grüne Dächer die Temperatur der Umgebung um bis zu 0,5°C erhöhen, denn durch ihre Verdunstung tragen sie zu höherer Luftfeuchtigkeit und damit schwüler Luft bei.

Je nachdem, ob ein Dach hell angestrichen, begrünt oder mit Solarzellen bedeckt ist, hat es einen Einfluss auf die Umgebungstemperatur. Foto: via unsplash
Je nachdem, ob ein Dach hell angestrichen, begrünt oder mit Solarzellen bedeckt ist, hat es einen Einfluss auf die Umgebungstemperatur. Foto: via unsplash

Solardächer können Klimaanlagen antreiben

Darüber hinaus berechneten die Forscher*innen, mit welchen anderen Effekten Städte wie London heiße Temperaturen abmildern können. Sie stellten fest, dass kühle Dächer die beste Möglichkeit darstellen, um selbst an heißen Sommertagen die Umgebung so kühl wie möglich zu halten.

Solarzellen auf Londoner Dächern wären genug, um flächendeckend Klimaanlagen zu betreiben und die Temperatur in Gebäude bei etwa 21°C zu halten. Da diese jedoch Wärme aus dem Gebäude nach außen abführen, würde sich die Durchschnittstemperatur in der Stadt insgesamt sogar erhöhen. Dennoch sind Solarzellen keine schlechte Wahl, da sie weniger Wärme anziehen als andere dunkle Dächer. Denn sie befinden sich über dem Dach und absorbieren einen großen Teil der Sonnenstrahlung, bevor diese das Gebäude aufwärmen kann.

Ähnlich sieht es bei grünen Dächern aus: Sie produzieren zwar nachts Wärme, sorgen aber dafür tagsüber für kühlere Temperaturen. Zudem helfen sie dabei, die Biodiversität zu erhöhen. Sie sind eng mit blauen Dächern verwandt, die vor allem in der Schwammstadt eine Rolle spielen, indem sie  Wasser speichern und dabei helfen, Regenwasser reguliert abfließen zu lassen, um Überschwemmungen zu vermeiden. Der Regenfall kann mithilfe von Dachzisternen wiederverwendet werden, um grüne Dächer zu gießen oder Toilettenspülungen im Gebäude zu betreiben.

Und braune Dächer stellen eine Variante der grünen Dächer dar. Sie konzentrieren sich ganz auf Biodiversität, um zu kompensieren, dass beim Bau von Städten viel Lebensraum verloren geht. Durch Materialien wie Erde und Geröll lassen sich Lebensräume für lokal gefährdete Arten wiederherstellen.

Weiße Dächer sind in Griechenland schon lange üblich, um das Sonnenlicht zu reflektieren. Foto: via unsplash
Weiße Dächer sind in Griechenland schon lange üblich, um das Sonnenlicht zu reflektieren. Foto: via unsplash

Lektionen aus dem Süden

Weiter im Süden weiß man schon lange, dass weiße Dächer eine besonders gute Lösung bei Hitze sind. So sind zum Beispiel in Griechenland viele Dächer und Außenwände weiß gestrichen. Damit ist es möglich, bis zu 85 Prozent des Sonnenlichts zu reflektieren, wodurch das Gebäude kühler bleibt. Auch die Umgebungsluft bleibt kühl. Jedoch bringen diese Dächer keine Vorteile für Flora und Fauna. Sie helfen auch nicht mit der Speicherung von Regenwasser.

Letztendlich gibt es keine perfekte Lösung für kühlere Städte. Grüne Dächer werden immer beliebter und sind in manchen Städten inzwischen sogar bei Neubauten vorgeschrieben. Die Debatte zwischen grünen und weißen Dächern geht weiter, aber fest steht, dass eine Kombination aus grün, weiß, blau und braun viele wertvolle Vorteile für Städte bringt. Daher ist es sinnvoll, innovative Ansätze zu fördern, die das Leben in der Stadt auch im Sommer angenehm machen.

Weiterlesen: Im Juni 2024 drehte sich unsere Printausgabe ganz um das Thema Dach.

Klimawandel Deutschland: Neue Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes

Dan Gold

Cluster Land

Am 14. Juni 2021 stellte Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt die Ergebnisse der Klimawirkungs- und Risikoanalyse (KWRA) des Bundes vor. Die Message: Wenn es so weiter geht, werden die Risiken durch Hitze, Trockenheit und Starkregen durch den Klimawandel in Deutschland stark ansteigen. Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse hier nochmal für Sie zusammengefasst.

Zum zweiten Mal seit 2015 wurden mit der Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 die durch den Klimawandel in Deutschland verursachten zukünftigen Risiken genauer unter die Lupe genommen. Sind bisher nur wenige Gebiete in Deutschland mit den Auswirkungen des Klimawandels wie Dürren oder Überschwemmungen betroffen, könnte das schon zur Mitte des Jahrhunderts ganz anders aussehen. Im Folgenden fassen wir Ihnen die Erkenntnisse der KWRA in den drei Clustern „Land“, „Wasser“ und „Infrastruktur“ zusammen:

Handlungsfeld Biologische Vielfalt

Der Klimawandel in Deutschland habe für eine Mehrzahl der Lebewesen eine Veränderung der Vegetationsperiode und Phänologie zur Folge. Asynchronitäten dieser Veränderungen zwischen verschiedenen Spezies führen dazu, dass Nahrungsketten durcheinander geraten und dadurch die Bestäubung und das Aufkommen von Schädlingen beeinflussen. Wärmeliebende Invasivarten können sich durch die Folgen des Klimawandels in Deutschland stärker ausbreiten, wovon folglich besonders urbane und verkehrsträgernahe Räume betroffen seien. Auch die Zusammensetzung heimischer Arten werde vom Klimawandel zugunsten der wärmeliebenden beeinflusst. Sowohl Feuchtgebiete, alpine Lebensräume als auch der Wald werden durch die Klimaerwärmung degradiert.

Handlungsfeld Boden

Sich durch den Klimawandel in Deutschland verändernde Niederschlagsmuster mit extremeren Trockenperioden, Starkregen- und Starkwindereignissen verstärken die Bodenerosion und wirken sich negativ auf die Wasserkapazität des Oberbodens aus.

Handlungsfeld Landwirtschaft

Der Klimawandel beeinflusse die landwirtschaftliche Produktionsleistung. Höhe und Qualität des Ertrages hingen davon ab, wie gut das Klima sich innerhalb eines für jedes Lebewesens unterschiedlichen Optimums bewege. Die Milchleistung und -qualität von Kühen ginge schon bei geringem Hitzestress zurück. Ebenso zurück ginge das Wachstum von Schweinen und die Legeleistung von Hühnern. Pflanzen litten sowohl unter Hitzestress als auch unter der folgenden Trockenheit, wohingegen Schädlinge von höheren Temperaturen profitieren würden. Zukünftig könnte der Klimawandel nach der KWRA häufigere Ernteausfälle und eine geringere Qualität mancher landwirtschaftlicher Produkte zur Folge haben.

Handlungsfeld Wald-und Forstwirtschaft

Hitze und Trockenstress erhöhten die Empfindlichkeit von Bäumen gegenüber anderen Stressoren wie Starkwind, Waldbrand oder Schädlingsbefall (mehr zur Situation deutscher Wälder hier). Qualität und Preis von Holz können sich zukünftig durch den Klimawandel negativ verändern. Als immer beliebter werdender Freizeit- und Zufluchtsort bei Hitzetagen könne der Nutzungsdruck auf gesunde Wälder steigen.

Cluster Wasser

Handlungsfeld Fischerei

Als wechselwarme Tiere seien Fische stark von ihrer Umwelt abhängig. Gesundheit und Zuwächse bei fischereilich bedeutenden Arten können durch den Klimawandel in Deutschland beeinflusst werden. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten einige kälteliebende Arten wie die Bachforelle aus deutschen Gewässern verschwunden sein. Dazu kämen Krankheitserreger und Parasiten, die von steigenden Temperaturen profitieren.

Handlungsfeld Küsten-und Meeresschutz

Der Klimawandel beeinflusse die Temperatur und dadurch auch die Qualität des Wassers. Steigende Nährstoffkonzentrationen im Meer führen zu Sauerstoffmangel und Versauerung mit negativen Folgen auf marine Ökosysteme. Steigende Meeresspiegel erhöhten die Belastung auf Küstenschutzsysteme, küstennahe Siedlungen und Infrastruktur schützen. Kritische Entwässerungssituationen werden künftig häufiger auftreten.

Handlungsfeld Wasserhaushalt, Wasserwirtschaft

Hitze und Trockenheit beeinflussten die Wasserqualität und schränkten die Binnenschifffahrt und die Kühlwassernutzung von Kraftwerken ein. Durch den Klimawandel in Deutschland wird künftig folglich der Bedarf an bewässerten landwirtschaftlichen Flächen steigen. Angesichts der Tatsache dass nur ein Viertel des in Deutschland bezogenen Produktionswassers zur industriellen Produktion dient und der Rest zum Kühlen von KRaftwerken verbraucht wird, seien in diesem Handlungsfeld vor allem politische Entscheidung hinsichtlich der Weiterentwicklung der Industrieproduktion entscheidend.

Cluster Infrastruktur

Handlungsfeld Bauwesen

Durch den Klimawandel bedingte Stark- und Hochwasserereignisse könnten Gebäude häufiger beschädigt werden. Urbane Flächen würden sich demnach weiter verbreiten und so eine Ausdehnung städtischer Wärmeinseln zur Folge haben. Ohne bauliche Anpassung würde der Klimawandel also vermehrt zu höheren Innenraumtemperaturen führen. Künftig könnten Bautätigkeiten durch Starkwind und -regen sowie Hitze und UV-Strahlung erschwert werden.

Handlungsfeld Energiewirtschaft

Künftig seien ein steigender Bedarf an Kühlenergie und ein sinkender Bedarf an Heizenergie zu erwarten. Regional könnten demnach Lieferketten für fossile Energieträger durch Niedrigwasser beeinflusst werden und Kraftwerke müssten bei geringem Kühlwasserangebot ihre Produktion herunterfahren.

Handlungsfeld Verkehr, Verkehrsinfrastruktur

Hoch- und Niedrigwassereignisse könnten die Binnenschifffahrt zukünftig stärker beeinträchtigen. Durch den Meeresspiegelanstieg seien zudem auch Seefahrtsstraßen und maritime Infrastruktur betroffen. Straßen und Schienen sowie Verkehrsleitsysteme und Stromversorgungsanlagen würden folglich durch Hitze und andere Auswirkungen des Klimawandels unter einem höheren Beschädigungsrisiko leiden.

Cluster Wirtschaft

Handlungsfeld Industrie und Gewerbe

Zukünftig könnten bestimmte Rohstoffe, die aus klimavulnerablen Ländern stammen, schwerer für deutsche Unternehmen zu erhalten sein. Zusätzlich könnte der internationale Warenverkehr stärker durch extremes Wetter beeinträchtigt werden. Hitzewellen könnten außerdem zu Leistungseinbußen von Beschäftigten durch Unfälle oder gesundheitliche Belastungen führen.

Handlungsfeld Tourismuswirtschaft

Die Nutzung touristischer Infrastrukturen im Küstenraum oder auch Skigebiete würden außerdem durch den Klimawandel in Deutschland beeinträchtigt. Chancen hingegen ergäben sich zum Beispiel durch die zu erwartende Verlängerung der Badesaison.

Cluster Gesundheit

Handlungsfeld Menschliche Gesundheit

Die Hitzebelastung auf die Bevölkerung nehme künftig zu, ebenso extreme Wetterereignisse wie Starkregen und Hagel. Die Pollensaison beginne früher und dauere länger an. Der Klimawandel würde zudem Krankheitserreger wie Vibrionen und Vektoren wie Mücken und Zecken begünstigen.

Die vollständige KWRA finden Sie auf der Homepage des BMU.

Dem Thema „Klimawandel“ widmete sich die G+L in der Maiausgabe 2018. Hier geht es zum Heft.