Kühlquartiere statt Kaltluftleitbahnen – neue stadtklimatische Denkschulen

bunte-gebaude-saumen-einen-fluss-mit-bergen-im-hintergrund-W7gR8mtPF04
Farbenfrohe Häuser am Flussufer mit den Alpen im Hintergrund in Innsbruck. Foto von Wolfgang Weiser.

Stadtklima im Wandel: Es ist Zeit, mit alten Zöpfen aufzuräumen. Während Kaltluftleitbahnen jahrzehntelang als Allheilmittel gegen urbane Hitze galten, fordert die Realität eine radikale Neuorientierung. Kühlquartiere sind das neue Paradigma – kleinteilig, robust und anpassungsfähig. Wer weiter auf Durchlüftungsautobahnen setzt, riskiert Überhitzung, städtebaulichen Stillstand und verpasste Chancen für lebenswerte Quartiere. Höchste Zeit, die stadtklimatische Denkschule zu wechseln!

  • Historische Entwicklung und Grenzen der Kaltluftleitbahnen im Stadtklima-Management
  • Aufstieg der Kühlquartiere als neue Leitidee für klimaresiliente Stadtentwicklung
  • Wissenschaftliche Grundlagen: Mikroklima, Verdunstungskühlung und thermische Heterogenität
  • Planungsstrategien zur Schaffung robuster Kühlquartiere in verdichteten Städten
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Von Zürich bis Stuttgart
  • Beteiligung, Governance und Herausforderungen bei der Umsetzung
  • Wechselwirkungen mit Mobilität, Freiraumtypologien und gesellschaftlicher Nutzung
  • Risiken der Übertechnisierung und Chancen für soziale Innovation
  • Empfehlungen für Planer, Verwaltungen und Politik

Von Kaltluftleitbahnen zu Kühlquartieren – Zeitenwende in der Stadtklimatologie

Wer in den 1980er- und 1990er-Jahren Stadtklimakarten aufschlug, musste sich mit einem Begriff anfreunden, der bis heute wie ein Mantra durch Planungsämter hallt: Kaltluftleitbahn. Die Idee war simpel, fast elegant. Nachts und in den frühen Morgenstunden entstehen über Parks, Feldern und Wäldern kühlere Luftmassen, die – so das Konzept – entlang offener Schneisen in die aufgeheizte Stadt strömen. Je größer und unverbauter diese Bahnen, desto wirkungsvoller die nächtliche Abkühlung. Jahrzehntelang galten sie als eine Art Naturgesetz urbaner Planung. Kein Flächennutzungsplan, kein Bebauungsplan, der nicht irgendwo eine Kaltluftleitbahn als heilige Achse auswies.

Doch wie so oft, wenn Theorie auf Wirklichkeit trifft, zeigten sich die Grenzen deutlich. Die Kaltluftströme erwiesen sich als träge Riesen: Sensibel für Bebauung, unbrauchbar in engen Quartieren, oft blockiert durch Verkehrsachsen und Nachverdichtung. Klimawandel und fortschreitende Urbanisierung setzten dem Modell weiter zu. Die Nächte wurden wärmer, die Temperaturunterschiede zwischen Stadt und Umland geringer, die Wirkung der Bahnen schwand. Besonders in verdichteten Innenstadtlagen verpuffte der erhoffte Kühleffekt, während die Zahl der Hitzetage und Tropennächte Jahr für Jahr neue Rekorde erreichte. Die Kaltluftleitbahn, einst Symbol für vorausschauende Planung, wurde zum Relikt einer Ära, die einfache Lösungen bevorzugte.

Hier setzt die aktuelle Debatte an. Angesichts rapider Klimaerwärmung, wachsender Städte und immer dichterer Bebauung genügt es nicht mehr, auf nächtliche Frischluftschneisen zu hoffen. Die stadtklimatische Realität verlangt nach neuen, lokal wirksamen Strategien, die auch dort funktionieren, wo die klassische Leitbahn längst an ihre physikalischen und planerischen Grenzen stößt. Die Antwort: Kühlquartiere. Ein Paradigmenwechsel, der nicht auf großräumige Durchlüftung, sondern auf kleinteilige, robuste Kühlinseln setzt. Statt den Wind durch die Stadt zu lotsen, werden mikroklimatische Oasen geschaffen – überall dort, wo Menschen leben, arbeiten und sich aufhalten.

Diese Entwicklung ist mehr als ein technisches Update. Sie zwingt Planer, Verwaltungen und Landschaftsarchitekten, ihr Verständnis von Stadtklima grundlegend zu überdenken. Es geht nicht mehr um die Optimierung weniger Kaltluftkorridore, sondern um die Schaffung eines resilienten, dezentralen Netzes aus kühlenden Quartieren, Höfen, Parks und Freiräumen. Die zentrale Frage lautet: Wie lassen sich diese Kühlquartiere identifizieren, gestalten und dauerhaft sichern? Und wie können sie Teil eines neuen stadtklimatischen Mainstreams werden, der nicht auf Durchlüftungsautobahnen, sondern auf stadtverträgliche Mikroklimate setzt?

Die Zeit der „großen Schneisen“ ist vorbei. Wer heute Klimaschutz und Lebensqualität in der Stadt ernst meint, muss sich auf die Suche nach den kleinen, aber wirksamen Kühlressourcen machen. Es ist eine Denkschule, die Mut zur Komplexität und Lust am Experiment verlangt – und die das Potenzial hat, unsere Städte grundlegend zu verändern.

Kühlquartiere: Wissenschaftliche Grundlagen und mikroklimatische Prinzipien

Was macht ein Kühlquartier eigentlich aus? Hinter dem Begriff verbirgt sich weit mehr als ein schattiger Park oder ein begrüntes Dach. Ein Kühlquartier ist ein urbanes Teilgebiet, das durch gezielte Gestaltung, Vegetation, Wasser, Materialwahl und Nutzungsstruktur ein signifikant angenehmeres Mikroklima erzeugt als die umgebende Stadt. Zentral ist dabei das Prinzip der thermischen Heterogenität: Unterschiedliche Flächen, Nutzungen und Oberflächen führen zu vielfältigen Temperatur- und Feuchtezonen, die sich gegenseitig ausgleichen und damit das lokale Klima stabilisieren.

Ein Schlüsselmechanismus ist die Verdunstungskühlung. Pflanzenflächen, insbesondere Bäume, entziehen durch Transpiration der Luft Energie und senken die Umgebungstemperatur. Je dichter, höher und vitaler der Baumbestand, desto ausgeprägter der Kühleffekt. Auch Wasserflächen, von Brunnen bis zu renaturierten Bachläufen, wirken als natürliche Klimaanlagen. Sie puffern Hitzespitzen ab und sorgen für eine angenehme Luftfeuchte – ein Effekt, der gerade in kontinentaleuropäischen Sommern nicht zu unterschätzen ist.

Das Material der Oberflächen spielt eine weitere entscheidende Rolle. Helle, reflektierende Beläge, schattige Laubdächer, begrünte Fassaden und entsiegelte Flächen verhindern die Aufheizung tagsüber und beschleunigen die nächtliche Abkühlung. Messungen zeigen: Der Temperaturunterschied zwischen einem klassischen Asphaltplatz und einem gut gestalteten Kühlquartier kann an Hitzetagen bis zu zehn Grad Celsius betragen. Das ist nicht nur Komfortgewinn, sondern echte Gesundheitsvorsorge.

Doch die Wissenschaft ist eindeutig: Es braucht die Kombination aus Grün, Wasser, kluger Architektur und sozialer Nutzung. Einzelmaßnamen verpuffen, wenn sie isoliert bleiben. Erst das Ineinandergreifen von Bäumen, offenen Höfen, begrünten Dächern, Wasserinseln, verschatteten Plätzen und durchlässigen Wegen verwandelt ein Quartier in eine stadtklimatische Ressource. Entscheidend ist nicht die Größe, sondern die Verteilung und Dichte dieser Strukturen im Stadtraum – und ihre Integration in den Alltag der Bewohner.

Hinzu kommt: Kühlquartiere wirken nicht nur klimatisch, sondern auch sozial und ökologisch. Sie fördern Biodiversität, verbessern die Aufenthaltsqualität, schaffen Orte der Begegnung und tragen zur Gesundheit der Bevölkerung bei. Wer sie plant, gestaltet also weit mehr als nur das Thermometer. Er schafft neue urbane Gemeingüter, die dem Klimawandel mit Intelligenz und Empathie begegnen.

Praxis und Planung: Wie Kühlquartiere in Städten entstehen

Die Theorie klingt überzeugend, doch wie werden aus Ideen tatsächlich lebenswerte Kühlquartiere? Der Weg beginnt mit präziser Analyse. Moderne Stadtklimaanalysen nutzen hochaufgelöste Temperaturkarten, Drohnenbilder, mikroklimatische Simulationen und partizipative Kartierungen. Sie identifizieren Hitzeinseln und Potenzialflächen, decken Defizite auf und machen die strukturellen Voraussetzungen für Kühlquartiere sichtbar. Tools wie ENVI-met, UrbClim oder die Analysen städtischer Umweltämter liefern belastbare Daten und Szenarien für verschiedene Maßnahmen.

Im nächsten Schritt geht es um die Planung. Hier ist die enge Verzahnung von Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Verkehrsplanung und Immobilienentwicklung gefragt. Kühlquartiere sind keine Add-ons, sondern müssen integraler Bestandteil der Quartiersentwicklung sein – von der ersten Skizze bis zur Umsetzung. Das bedeutet: Vorrang für grüne Höfe, Baumachsen, offene Blockinnenräume, multifunktionale Parks und Wasserinseln. Flächenentsiegelung, Entsiegelungsprämien und baurechtliche Vorgaben sind zentrale Hebel, um die Umsetzung zu sichern.

Ein Blick in die Praxis zeigt, wie unterschiedlich die Wege sein können. In Zürich entstand aus einem ehemaligen Industrieareal das Quartier Zürich-West, das heute als Vorbild für stadtklimatische Resilienz gilt: Großzügige Grünräume, Wasserläufe, Schatten spendende Baumgruppen und durchlässige Wege schaffen ein Netzwerk aus Kühlinseln, die selbst an heißen Tagen funktional bleiben. In Stuttgart setzt die Stadt gezielt auf die Umwandlung von Parkplätzen und Verkehrsflächen in verdunstungsaktive Plätze und Pocket-Parks – mit messbarem Erfolg für das Mikroklima.

Auch die Nachrüstung bestehender Quartiere gewinnt an Bedeutung. In Wien werden Bestandsviertel systematisch auf Hitzepotenziale untersucht und sukzessive mit Fassadenbegrünungen, entsiegelten Höfen und temporären Wasserspielen ausgestattet. Mobile Grüninseln, Schwammstadt-Prinzipien und partizipative Pflanzaktionen ermöglichen schnelle, flexible Lösungen, die den Stadtraum im Sommer transformieren. Entscheidend ist: Kühlquartiere entstehen nicht aus dem Gießkannenprinzip, sondern durch maßgeschneiderte, ortsbezogene Strategien und die konsequente Einbindung der Bewohner.

Doch so überzeugend die Beispiele sind, sie zeigen auch die Herausforderungen: Flächenkonkurrenzen, Investitionskosten, mangelnde rechtliche Vorgaben und die Trägheit urbaner Routinen bremsen vielerorts die Umsetzung. Hier sind neue Governance-Modelle, experimentierfreudige Verwaltungen und engagierte Planer gefragt, die den Mut haben, alte Denkmuster zu hinterfragen und administrative Hürden kreativ zu umgehen.

Governance, Beteiligung und gesellschaftliche Chancen von Kühlquartieren

Die Transformation zur Kühlquartierststadt ist keine rein technische, sondern in hohem Maße eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie berührt Fragen von Teilhabe, Gerechtigkeit und Gemeinwohl. Denn während wohlhabende Stadtteile oft über private Gärten, grüne Innenhöfe und schattige Alleen verfügen, sind es gerade sozial benachteiligte Quartiere, die am stärksten unter Hitzeinseln leiden. Hier entscheidet die Planung über Lebens- und Gesundheitsqualität, über Chancengleichheit und Resilienz. Kühlquartiere können zum Motor einer klimabewussten Stadtgesellschaft werden – wenn sie nicht exklusiv, sondern inklusiv gestaltet werden.

Beteiligung ist daher kein nettes Add-on, sondern unverzichtbar. Die Erfahrungen aus Zürich, Wien und Essen zeigen: Wo Bewohner frühzeitig einbezogen werden, entstehen passgenaue, akzeptierte und dauerhaft gepflegte Kühlstrukturen. Partizipative Pflanzaktionen, Open-Air-Workshops, temporäre Begrünungen und gemeinsame Wasserprojekte stärken das Quartiersbewusstsein und erhöhen die Resilienz. Gleichzeitig schaffen sie Raum für soziale Innovationen – von Stadtteilgärten über Nachbarschaftsplätze bis zu gemeinschaftlich gepflegten Grüninseln.

Governance ist der zweite große Hebel. Wer die Kühlquartier-Strategie ernst nimmt, muss Planungsrechte, Zuständigkeiten und Ressourcen neu denken. Kommunale Förderprogramme, kooperative Bodenmodelle, Klimafonds und innovative Partnerschaften zwischen Stadt, Wohnungswirtschaft und Zivilgesellschaft sind zentrale Bausteine. Auch digitale Tools, etwa Stadtklima-Apps oder partizipative Planungstools, gewinnen an Bedeutung, um Transparenz, Monitoring und Mitbestimmung zu fördern. Es braucht eine neue Balance zwischen Top-down-Steuerung und Bottom-up-Engagement – und die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen.

Doch bei allem Fortschritt lauern auch Risiken. Die Gefahr der Übertechnisierung ist real: Wo Stadtklima nur noch als Datensatz betrachtet wird, droht der Verlust des sozialen und kulturellen Kontextes. Nicht jeder Algorithmus versteht, wie Nachbarschaften funktionieren, wie soziale Bindungen das Klima prägen oder wie unterschiedliche Gruppen den öffentlichen Raum nutzen. Deshalb müssen Planer immer auch als Übersetzer zwischen Technik, Mensch und Raum agieren – mit Empathie, Kreativität und Sinn für die feinen Unterschiede des urbanen Alltags.

Und schließlich: Kühlquartiere sind mehr als Klimaanlagen im Stadtraum. Sie sind Labore für die Stadt von morgen, Orte des Experiments, der Begegnung und der kollektiven Gestaltung. Sie zeigen, dass Klimaanpassung nicht Verzicht, sondern Zugewinn bedeuten kann – für das Wohlbefinden, die Vielfalt und die Zukunftsfähigkeit unserer Städte.

Neue Horizonte: Empfehlungen und Perspektiven für die Planungspraxis

Die stadtklimatische Wende hin zu Kühlquartieren ist längst keine Vision mehr, sondern Realität im Werden. Doch wie lässt sich der Wandel beschleunigen, verstetigen und auf breiter Basis verankern? Zunächst braucht es ein radikales Umdenken in der Planungsausbildung und im Selbstverständnis der Akteure. Kühlquartiere sind kein Spezialthema für Umweltämter, sondern müssen zum Leitbild integrierter Stadt- und Landschaftsplanung werden. Das verlangt nach interdisziplinären Teams, neuen Kommunikationswegen und einer Kultur des Experimentierens. Pilotprojekte, Reallabore und mutige Modellquartiere sind der Schlüssel, um Erfahrung zu sammeln, Fehler zuzulassen und Erfolge sichtbar zu machen.

Rechtliche und normative Anpassungen sind ebenso entscheidend. Die Bauleitplanung muss Kühlquartiere explizit sichern, etwa durch Festsetzungen zu Grünanteilen, Entsiegelung, Verschattung und Wassermanagement. Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene können gezielt Anreize für investive und pflegende Maßnahmen schaffen. Gleichzeitig sollten bestehende Flächenkonkurrenzen durch eine konsequente Priorisierung klimaaktiver Nutzungen entschärft werden – auch wenn das bedeutet, dem Auto oder der Nachverdichtung Flächen zu entziehen.

Die Digitalisierung bietet neue Chancen für Monitoring, Steuerung und Beteiligung. Sensorbasierte Stadtklimaanalysen, partizipative Apps und digitale Zwillinge ermöglichen eine bislang ungeahnte Präzision bei der Identifikation und Entwicklung von Kühlquartieren. Doch Technik ist kein Selbstzweck. Ihr Wert bemisst sich an der Fähigkeit, lokale Besonderheiten zu berücksichtigen, soziale Prozesse zu unterstützen und Planungswissen zugänglich zu machen. Transparenz, Datenschutz und offene Schnittstellen sind dabei unverzichtbar.

Planer und Verwaltungen stehen in der Verantwortung, Vorbilder zu schaffen und den gesellschaftlichen Diskurs zu führen. Es gilt, Erfolgsgeschichten zu teilen, Netzwerke zu bilden und das Thema aus der Nische zu holen. Die Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft eröffnet neue Horizonte – vom städtischen Klimarat über Genossenschaften bis zu urbanen Klimainitiativen. Jede Stadt, jedes Quartier kann zum Vorreiter werden, wenn Mut, Ressourcen und Kreativität zusammenkommen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Kühlquartiere sind keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit. Wer heute handelt, investiert in die Gesundheit, Lebensqualität und Resilienz der nächsten Generationen. Wer zögert, riskiert den städtischen Hitzekollaps. Es ist Zeit, die stadtklimatische Denkschule zu wechseln – und die Zukunft der Stadt als Netzwerk aus Kühlquartieren neu zu erfinden.

Zusammenfassung: Die klassische Kaltluftleitbahn hat als stadtklimatisches Leitbild ausgedient. Kühlquartiere sind die Antwort auf die Herausforderungen der klimaerwärmten, verdichteten Stadt. Sie beruhen auf mikroklimatischen Prinzipien, die Grün, Wasser, Materialität und Nutzung intelligent kombinieren. Erfolgreiche Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum belegen das Potenzial – aber auch die Herausforderungen einer systematischen Umsetzung. Kühlquartiere sind eine gesellschaftliche Aufgabe, die Beteiligung, neue Governance-Modelle und digitalen Fortschritt verlangt. Wer bereit ist, alte Gewissheiten über Bord zu werfen und den Mut zum Experiment mitbringt, kann die Stadt nicht nur abkühlen, sondern neu beleben. G+L bleibt am Puls dieser Entwicklung – und liefert die Expertise, die anderswo fehlt.

Das könnte Sie auch interessieren
ein-schwarz-gelber-bus-fahrt-eine-strasse-entlang-kAW-IeF1Iwc
Autonome Buslinien im Test – was städtebaulich wirklich relevant ist
Umbaukultur
LED-sanierter Tunnel in Mainz
Die Installationen der Landesgartenschau Bad Dürrenberg 2024 erinnern an Salz, das jahrhundertelang das wichtigste Exportgut der Stadt in Sachsen-Anhalt war. Copyright: Landesgartenschau 2023 gGmbH
Landesgartenschau Bad Dürrenberg 2024: Salzkristall & Blütenzauber
Carlo Scarpa Preis für Dörfer in Bosnien
ZukunftStadt@GrünBau Berlin 2019
Bewerbungen sind noch bis zum 31. Januar 2023 möglich. Copyright: © European Union, 2022
New European Bauhaus Preise 2023
Serpentine Gallery 2015
Oceanix Busan kann auf bis zu 20 Plattformen erweitert werden. Foto: OCEANIX/BIG-Bjarke Ingels Group
Oceanix Busan – Prototyp einer schwimmenden Stadt
roter-bus-tagsuber-unterwegs-21HKIGtU9Xk
Die gerechte Mobilitätswende – Planung als Ausgleichsfaktor
Der Vergabekodex des Bunds Deutscher Architekten (Grafik: BDA)

Der Vergabekodex des Bunds Deutscher Architekten (Grafik: BDA)

Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten ruft zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit auf. Im Fokus steht dabei die Kooperation mit öffentlichen Auftraggeber*innen. Hierfür formuliert der BDA Empfehlungen. In einem neuen Vergabekodex plädiert er für einfache, effiziente und rechtssichere Verfahren und einen Abbau von Bürokratie.

Dass der klassische, offene Wettbewerb heute Seltenheitswert hat, betrübt den Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA). Für seine Mitglieder und damit Verfechter*innen hoher baulicher und gestalterische Qualität ist das eine schlechte Entwicklung. Sie schätzen das Instrument offener Wettbewerbe im fachlichen Wettstreit um die beste bauliche Lösung sehr. Die aktuelle Situation veranlasst den BDA dazu, kritisch auf die Vergabeverordnung für Planungsleistungen von Architekt*innen und Stadtplaner*innen zu blicken. Seit ihrer Einführung liegen fünf Jahre zurück. Das ist ausreichend Zeit, um die Vergabeordnung kritisch zu beleuchten. Das hat der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten nun getan. Er kommt zu dem Schluss, dass die beabsichtigte Qualifizierung der Vergabe nicht erfolgt ist. Ganz im Gegenteil. Deshalb schlägt der BDA Alarm und formuliert einen Vergabekodex.

Bund Deutscher Architektinnen und Architekten

Der BDA ist keine gesetzgebende Institution. Er ist vielmehr eine Vereinigung freischaffender Architekt*innen und Stadtplaner*innen. Sie alle zeichnen sich durch die Qualität ihrer Bauten aus. Aber auch persönliche Integrität und Kollegialität gehören zu ihren Stärken. Darüber hinaus eint sie die Bereitschaft, sich für Baukultur und den Berufsstand einzusetzen. Vor diesem Hintergrund engagieren sich die Mitglieder des BDA für eine hochwertige Kultur des Planens und Bauens. Allen ist daran gelegen, dass funktional und ästhetisch gestaltete Gebäude und Freiräume zur Lebensqualität aller beitragen. Mit diesem Ziel im Sinn, engagiert sich der BDA auch für eine unabhängige Planung und eine gute, treuhänderische Beziehung zwischen Bauherren und Architekt*innen. Dazu gehört auch das Wettbewerbswesen, für das sich der BDA einsetzt.

Neuer Vergabekodex

Der BDA beobachtet derzeit, dass Verhandlungsverfahren mit restriktiven Zugangsbedingungen dominieren. Das heisst, dass in Verfahren vielfach Mindestanforderungen an Architekt*innen und Stadtplaner*innen gestellt werden, die für die jeweiligen Aufträge nicht angemessen sind. So werden beispielsweise Referenzen von Kolleg*innen gefordert, die für die Vergabe eines Projektes nicht adäquat sind. Oder Büros müssen Umsätze oder  Mitarbeiterzahlen vorweisen, die für die Aufgabe kein ausschlaggebendes Kriterium sind. Sind die in Verfahren formulierten Anforderungen nicht angemessen, schließen sie viele Architekt*innen und Stadtplaner*innen aus. Insbesondere junge und kleine Büros sind davon betroffen.

Fünf Jahre nach Verabschiedung der Vergabeordnung für Architekt*innenleistungen schlägt der BDA nun Alarm. Er formuliert einen neuen Vergabekodex Architekt*innenleistungen. In diesem Kodex ruft der BDA zu einer besseren Zusammenarbeit mit öffentlichen Auftraggeber*innen auf. Die Architekt*innen formulieren in ihrem Vergabekodex Empfehlungen für einfache, effiziente und rechtssichere Verfahren. Die sollen einerseits freischaffenden Architekt*innen und Stadtplaner*innen zugute kommen. Sie sollen aber zugleich auch zur Entbürokratisierung bei den Kommunen beitragen.

Vergabeverfahren für Planungsleistungen

Natürlich liegt das Ziel der bis heute gültigen Verordnung über die Vergabe öffentlicher Aufträge (VgV) nicht darin Bürokratie aufzublähen. Es ging schon 2016 bei der Verabschiedung der Verordnung darum, Verfahren effizient zu gestalten. Dabei sollte die Qualität der Leistung jeweils mehr Bedeutung bekommen. Außerdem sollte kleineren und mittleren Unternehmen der Zugang zu öffentlichen Aufträgen erleichtert werden. Schon damals stand die von öffentlichen Auftraggeber*innen und Architekt*innen gemeinschaftlich getragene Verantwortung für ein qualitätsvolles Weiterbauen in unseren Städten, Gemeinden und Landkreisen im Vordergrund.

Denn für jede Bauaufgabe sind zukunftsfähige Ideen, Kreativität und Leistungsfähigkeit von großer Bedeutung. Und die entsteht nur, wenn Kommunen eine gute Planungs- und Baukultur praktizieren. Nur eine verantwortungsvoll wahrgenommene Planungs- und Baukultur, mit den dazugehörigen Verfahren und Prozessen, schafft hohe Qualität. Das wiederum verlangt, dass öffentliche Auftraggeber*innen und Architekt*innen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Und dieser Prozess beginnt bereits mit dem Vergabeverfahren. Er beginnt bei der Suche des öffentlichen Auftraggebers nach der besten Lösung für eine anstehende Bauaufgabe und nach einem geeigneten Partner.

Stichwort: Entbürokratisierung

Die Intention und die Ziele der aktuell gültigen Vergabeordnung sind gut. Doch der Alltag zeigt heute etwas anderes. Der Weg zu bestmöglicher Baukultur und -qualität ist unter anderem durch zu viel Bürokratie verstellt. Deshalb plädiert der BDA in seinem aktuellen Vergabekodex für den Abbau von Bürokratie. Die Überregulierung im Behörden­handeln bedarf einer Reduzierung. Gemeint ist also der Abbau von Vorschriften und Gesetzen. Gemeint ist aber auch die Schaffung höherer Transparenz. Konkret könnte ein Abbau von Bürokratie dadurch erfolgen, dass Gesetze und Verordnungen schon bei ihrer Einführung zeitlich befristet sind oder zumindest regelmäßig auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden. Gleichermaßen könnten Bearbeitungsfristen von Anträgen klar definiert und eng begrenzt werden. Ausserdem könnten Verwaltungen durch die Nutzung des Internets und längere Arbeitszeiten zugänglicher werden. Darüber hinaus könnten behördliche Antragsverfahren vereinheitlicht werden. So könnte beispielsweise nur ein umfassender Bauantrag notwendig sein, anstelle von verschiedenen, getrennt einzuholenden Genehmigungen.

In diese und ähnliche Richtungen denkt der BDA, wenn der in seinem aktuellen Vergabekodex Entbürokratisierung empfiehlt. Hoffentlich fällt diese und alle anderen, im Vergabekodex formulierten Empfehlungen des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten auf fruchtbaren Boden.

Sie interessieren sich für die Stellungnahmen des BDA? Wir haben vor kurzem seine Kritik zur neuen HOAI für Sie zusammengefasst. Lesen Sie hier mehr.

Ein Park für die Hamburger HafenCity

Mit dem Lohsepark, der Anfang Juli eröffnet wurde, erhielt die HafenCity in Hamburg ihren bisher ersten Park. Wie ein grünes Band zieht sich das 80 Meter breite Gelände vom Ericusgraben im Norden, gegenüber des Spiegel-Gebäudes, bis zum Baakenhafen im Süden. Im Kontext der Gesamtstadt ist der Lohsepark die Fortführung des innerstädtischen Wallrings, der als Grüngürtel von den Landungsbrücken, über Planten un Blomen und den Hauptbahnhof bis hin zu den Deichtorhallen rund um die Hamburger Innenstadt verläuft. Der Lohsepark verlängert diesen Ring und führt ihn durch die HafenCity zurück an die Elbe.

Eine Sichtachse durch den Park, gesäumt von 500 Bäumen, unterstreicht den Eindruck des grünen Bandes. Die Planung stammt aus der Feder von Vogt Landschaftsarchitektur Zürich/Berlin. Mit seinen weiten Rasenflächen bietet der neue Park auf rund vier Hektar ausreichend Raum für unterschiedliche Spiel- und Sportaktivitäten. Im Gegensatz zu den meist steinernen Plätzen an den Uferkanten der HafenCity entstand im Lohsepark zum ersten Mal eine grüne Uferböschung am Ericusgraben. Im Zuge der Parkgestaltung wurde anstelle des durch den Krieg stark beschädigten und im Jahr 1955 gesprengten Gebäudes des Hannoverschen Bahnhofs ein angemessen würdevoller Ort des Gedenkens an die Opfer der Deportationen aus Hamburg errichtet. Eine diagonal den Lohsepark durchziehende Fuge nimmt den Verlauf der ehemaligen Gleisanlagen auf. Terrassen und Böschungen dienen als verbindende Elemente zwischen den verschiedenen Höhenniveaus des Gedenkortes und gleichzeitig als Aufenthaltsorte. Vogt Landschaftsarchitekten schichten den Lohsepark in drei Ebenen: eine „historische Ebene“ mit 5,4 Metern Höhe, eine „Parkebene“ 6,5 Metern und eine „Stadtebene“ auf acht Metern jeweils über NN.

Mehr zum Lohsepark in Garten + Landschaft 11/2016