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Kühlrouten in Navigationssystemen – wer integriert den Faktor Wohlbefinden?

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Kinderzug in Brasov, Rumänien. Foto von Fermoar.ro
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Wer im Sommer durch die Stadt navigiert, fragt Google Maps nach dem schnellsten Weg – nicht nach dem angenehmsten. Doch wie viel Lebensqualität bleibt auf der Strecke, wenn Navigationssysteme Hitzeinseln und Schattenzonen ignorieren? Kühlrouten könnten das ändern. Aber wer nimmt den Faktor Wohlbefinden wirklich ernst – und wie weit sind wir in der DACH-Region mit der Integration in digitale Stadtmobilität?

  • Definition und Bedeutung von Kühlrouten in der Stadtplanung
  • Technische Grundlagen: Datenquellen, Sensorik und Algorithmen
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen bei Integration in Navigationssysteme
  • Wohlbefinden als neue Leitgröße städtischer Mobilität
  • Potenziale und Risiken datengetriebener Kühlrouten
  • Strategien für die Zusammenarbeit von Planern, Tech-Anbietern und Städten
  • Perspektiven für eine klimaresiliente, lebenswerte Stadt

Kühlrouten: Was steckt hinter dem neuen Trend?

Wer in Berlin, Wien oder Zürich im Hochsommer zu Fuß unterwegs ist, kennt das Problem: Asphaltflächen flimmern vor Hitze, Betonwände speichern Wärme, und der Weg von A nach B fühlt sich an wie ein unfreiwilliger Saunagang. Die klassische Navigation, ob mit dem Smartphone oder im Auto, kennt bislang nur zwei Parameter: schnell und direkt. Doch die Folgen der Urban Heat Islands – also städtischer Hitzeinseln – sind längst mehr als ein Komfortproblem. Sie betreffen die Gesundheit, die Aufenthaltsqualität und letztlich auch die soziale Gerechtigkeit im Stadtraum. Genau an dieser Schnittstelle setzen sogenannte Kühlrouten an: Routenempfehlungen, die nicht nur auf Geschwindigkeit, sondern explizit auf das thermische Wohlbefinden der Nutzer optimiert sind.

Das Prinzip klingt einfach, ist aber technisch und planerisch hochambitioniert. Statt nur auf Stau- oder Baustellenmeldungen zu reagieren, berücksichtigen Kühlrouten eine Vielzahl weiterer Faktoren: Schattenwurf von Bäumen und Gebäuden, aktuelle und prognostizierte Temperaturdaten, Feuchtigkeitswerte, Grünflächenanteile, Wasserflächen, Windströme und sogar Oberflächentemperaturen. Ziel ist es, die angenehmste – also kühlste und zugleich sichere – Verbindung durch das urbane Dickicht zu finden. Dabei geht es nicht um Umwege für den Selbstzweck, sondern um echte Lebensqualität, die für viele Bevölkerungsgruppen, etwa Senioren oder Familien mit Kindern, existenziell wichtig sein kann.

Die Idee ist nicht neu, doch erst die jüngsten Fortschritte in der Sensorik, urbanen Datenverarbeitung und Künstlichen Intelligenz machen sie praxistauglich. Städte wie Wien oder Paris experimentieren bereits mit ersten Prototypen, während in deutschen Kommunen das Thema oft noch am Reißbrett klebt – oder zwischen Zuständigkeiten und Datenschutzbedenken zerrieben wird. Dabei zeigen aktuelle Hitzeperioden und die wachsende Urbanisierung, dass der Bedarf nach smarten, klimafreundlichen Mobilitätsangeboten rasant steigt.

Kühlrouten sind dabei weit mehr als ein digitales Gimmick für Technikfans. Sie sind Ausdruck eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Stadtklima: Weg von der reinen Infrastrukturplanung, hin zur proaktiven Gestaltung urbaner Lebensqualität. Wer also glaubt, Routenführung sei eine rein logistische Aufgabe, übersieht das Potenzial, das in der Verknüpfung von Klimadaten, Stadtgestaltung und digitaler Navigation steckt.

Doch so überzeugend das Konzept klingt – die Integration von Kühlrouten in bestehende Navigationssysteme ist alles andere als trivial. Sie verlangt nach einer neuen Planungskultur, nach Kooperation zwischen Stadt, Tech-Unternehmen und Wissenschaft – und nicht zuletzt nach einer klaren Haltung: Ist Wohlbefinden in der Stadt wirklich mehr als ein Marketingversprechen?

Die technische Basis: Daten, Sensoren und Algorithmen für Kühlrouten

Um Kühlrouten als festen Bestandteil urbaner Navigation zu etablieren, braucht es einen ganz neuen Datenschatz – und die Fähigkeit, ihn in Echtzeit nutzbar zu machen. Während klassische Navigationssysteme auf festen Kartendaten und Verkehrsmeldungen beruhen, müssen Kühlrouten auf ein breites Spektrum von Umwelt- und Klimadaten zugreifen. Dazu zählen zunächst meteorologische Daten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, UV-Strahlung und Windgeschwindigkeit. Diese werden häufig von städtischen Wetterstationen, aber zunehmend auch von Sensor-Netzwerken im Straßenraum erfasst. LoRaWAN-Sensoren, wie sie etwa in Hamburg oder Zürich zum Einsatz kommen, liefern punktgenaue Messwerte bis auf den Gehweg – ein echter Quantensprung gegenüber den grobkörnigen Daten der Vergangenheit.

Doch mit Sensordaten allein ist es nicht getan. Entscheidend ist die Integration von Geoinformationssystemen (GIS), die detaillierte Informationen zu Straßenbreite, Oberflächenmaterialien, Begrünung, Wasserflächen und Gebäudehöhen liefern. Nur so lässt sich etwa der Schattenwurf von Bäumen und Fassaden, der Verlauf von Frischluftschneisen oder die Reflexion von Sonnenlicht präzise modellieren. Städte wie Wien oder München haben hier bereits eigene Datenplattformen aufgebaut, die als Grundlage für die Entwicklung von Kühlrouten dienen können.

Die eigentliche Magie passiert jedoch im Algorithmus: Moderne Routenplaner, die auf Wohlbefinden optimiert sind, müssen eine Vielzahl konkurrierender Faktoren gewichten. Soll ein Weg lieber etwas länger, dafür aber deutlich kühler sein? Ist der Schatten auf einer bestimmten Strecke verlässlich oder nur zu bestimmten Tageszeiten verfügbar? Wie wirkt sich die Oberflächentemperatur auf das subjektive Empfinden aus? Hier kommen maschinelles Lernen und Simulationstechniken zum Einsatz, die aus historischen und aktuellen Daten Muster ableiten und Prognosen erstellen. Die Herausforderung: Der Algorithmus muss nicht nur technische Präzision liefern, sondern auch das komplexe Zusammenspiel von Klimakomfort, Sicherheit und Zugänglichkeit abbilden.

Ein oft unterschätzter Faktor ist dabei die Verfügbarkeit und Qualität der Daten. Während es für Hauptverkehrsstraßen meist gute Klimadaten gibt, sind viele Nebenstraßen, Parks oder Hinterhöfe noch immer weiße Flecken auf der digitalen Wetterkarte. Die Einbindung von Crowdsourcing-Ansätzen – etwa durch die Nutzung von Sensordaten aus Smartphones oder Wearables – kann hier Abhilfe schaffen, wirft jedoch neue Fragen zum Datenschutz und zur Datenhoheit auf. Wer darf welche Daten wie nutzen? Und wie lässt sich verhindern, dass sensible Aufenthalts- oder Gesundheitsdaten zur Ware werden?

Um Kühlrouten massentauglich zu machen, braucht es also nicht nur technische Exzellenz, sondern auch robuste Governance-Strukturen und eine enge Verzahnung von Stadtplanung, Softwareentwicklung und Datenschutzrecht. Erst dann können Kühlrouten ihr ganzes Potenzial entfalten – und das Wohlbefinden tatsächlich in die digitale Stadtmobilität integrieren.

Praxischeck: Wer integriert Kühlrouten – und wie sehen die ersten Anwendungen aus?

Ein Blick in die Praxis zeigt: Die Integration von Kühlrouten in Navigationssysteme steckt in der DACH-Region noch in den Kinderschuhen – aber es gibt erste vielversprechende Ansätze. Wien gilt als Vorreiter: Mit dem Projekt „Cooles Wien“ hat die Stadt bereits 2021 einen digitalen Routenplaner vorgestellt, der für Fußgänger die kühlsten Wege durch die Stadt empfiehlt. Basis sind hochaufgelöste Klimadaten, die mit Informationen zu Schattenzonen, Trinkbrunnen und Grünanlagen verknüpft werden. Die Anwendung ist direkt in den städtischen Service integriert und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Auch Zürich arbeitet an ähnlichen Konzepten: Hier fließen neben Temperaturdaten auch Windkanal-Analysen und Echtzeitmessungen aus dem Smart City Netzwerk in die Navigation ein.

In Deutschland ist die Entwicklung bislang fragmentierter. Während einzelne Städte – etwa München, Stuttgart oder Frankfurt – Pilotprojekte für hitzeresiliente Stadtquartiere aufgesetzt haben, fehlt es meist noch an der konsequenten Integration in bestehende Mobilitäts-Apps. Das Fraunhofer-Institut arbeitet gemeinsam mit mehreren Kommunen an der Entwicklung eines Open-Data-Standards für urbane Klimarouten, doch der Weg in die breite Anwendung ist noch weit. Ein Grund: Die großen Navigationsanbieter wie Google oder Apple sind bislang zurückhaltend, lokale Klimadaten in ihre Algorithmen einzubinden. Hier zeigt sich, wie wichtig offene Schnittstellen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung, Forschung und Tech-Industrie sind.

Auch in der Schweiz wächst das Interesse: Zürich, Basel und Bern testen derzeit die Verknüpfung von Fußgängerrouten mit Echtzeit-Klimadaten, zum Teil sogar in Kombination mit Augmented-Reality-Features, die Nutzern den Schattenverlauf auf dem Smartphone visualisieren. Das Ziel: Hitzeresilienz soll nicht nur geplant, sondern im Alltag spürbar gemacht werden. Erste Nutzerfeedbacks zeigen, dass die Akzeptanz steigt, wenn die Anwendungen intuitiv und verlässlich funktionieren – und wenn sie einen echten Mehrwert gegenüber der klassischen Navigation bieten.

Ein spannender Nebeneffekt: Die Entwicklung von Kühlrouten fördert auch die Zusammenarbeit zwischen Verkehrsplanung, Umweltämtern und Stadtentwicklung. Denn erst wenn Informationen über Baumbestand, Oberflächentemperaturen, Luftschadstoffe und Fußwegenetze gebündelt werden, entsteht ein vollständiges Bild für die Planung. Das schafft nicht nur bessere Routen, sondern gibt auch Impulse für die Verbesserung der städtischen Infrastruktur – etwa durch gezielte Nachpflanzungen, Trinkwasserstellen oder temporäre Schattenspender.

Trotz aller Fortschritte bleibt die große Herausforderung: Wie lassen sich Kühlrouten von der Nische zum Standard machen? Hier braucht es klare politische Leitlinien, die Integration in bestehende Smart-City-Strategien – und nicht zuletzt den Mut, neue Formen der Stadtmobilität auch gegen eingefahrene Routinen der Verkehrsplanung durchzusetzen.

Wohlbefinden als neue Leitgröße: Chancen, Risiken und Perspektiven

Die Integration von Kühlrouten in Navigationssysteme ist mehr als ein Update für Technikfans – sie markiert einen Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Statt Geschwindigkeit und Effizienz rückt das subjektive Wohlbefinden der Menschen in den Mittelpunkt. Das hat weitreichende Implikationen, nicht nur für die technische Entwicklung, sondern auch für das Selbstverständnis der Stadtentwicklung. Wohlbefinden ist ein komplexes Konstrukt: Es umfasst Temperaturkomfort, Aufenthaltsqualität, Erreichbarkeit, Sicherheit und sogar soziale Aspekte wie Kommunikation und Teilhabe. Wer Kühlrouten plant, muss all diese Dimensionen in den Blick nehmen und sie transparent abbilden.

Doch mit dem neuen Fokus auf Wohlbefinden wachsen auch die Anforderungen. Die Algorithmen müssen fair, nachvollziehbar und adaptiv sein. Es darf nicht passieren, dass bestimmte Quartiere systematisch benachteiligt werden, weil etwa ihre Klimadaten schlechter erhoben oder ihre Straßen weniger begrünt sind. Hier droht die Gefahr eines algorithmischen Bias, der bestehende Ungleichheiten im Stadtraum zementiert oder sogar verschärft. Um dem entgegenzuwirken, braucht es offene, überprüfbare Systeme und eine konsequente Beteiligung aller relevanten Akteure – von der Verwaltung über die Wissenschaft bis hin zu den Bürgern selbst.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die Kommerzialisierung urbaner Klimadaten. Wenn Navigationsanbieter exklusive Datenzugänge oder Premium-Funktionen für Kühlrouten anbieten, droht eine Zwei-Klassen-Mobilität: Wer zahlt, läuft im Schatten, wer nicht, bleibt in der Sonne. Das wäre das Gegenteil dessen, was klimaresiliente Stadtentwicklung erreichen will. Hier sind Städte und Kommunen gefordert, offene Datenstandards zu schaffen und die Integration von Wohlfühlrouten als Allgemeingut zu begreifen – nicht als Luxusprodukt.

Die Potenziale jedoch sind enorm: Kühlrouten können nicht nur den Alltag in heißen Sommern erleichtern, sondern auch einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs und zur Stärkung der sozialen Teilhabe leisten. Sie machen den Klimawandel im Alltag sichtbar und zeigen konkrete Anpassungsstrategien auf. Für die Planung eröffnen sie neue Möglichkeiten der Szenarienentwicklung, etwa indem sie aufzeigen, wie gezielte Begrünungsmaßnahmen oder Wasserflächen das Stadtklima und die Mobilität verbessern können.

Langfristig könnten Kühlrouten zum Standard in jeder Navigationsanwendung werden – vorausgesetzt, die Städte und Anbieter begreifen Wohlbefinden als zentrales Leitmotiv urbaner Mobilität. Dann wird die Navigation nicht mehr nur zur Frage der Effizienz, sondern zur Frage der Lebensqualität – und damit zu einer echten, klimabewussten Innovation im Stadtraum.

Von der Vision zur Umsetzung: Was Planer, Städte und Tech-Anbieter jetzt tun müssen

Der Weg von der Idee zur flächendeckenden Implementierung von Kühlrouten ist steinig, aber machbar – wenn die relevanten Akteure an einem Strang ziehen. Für Planer bedeutet das, Stadtentwicklung nicht mehr nur als Frage von Flächennutzung und Verkehrslenkung zu begreifen, sondern als ganzheitliche Gestaltung des urbanen Mikroklimas. Es braucht neue Allianzen zwischen Stadtklimatologie, Mobilitätsmanagement, Digitalisierung und Partizipation. Gerade Landschaftsarchitekten und Stadtgestalter können hier ihre Expertise einbringen, indem sie gezielt Schattenstrukturen, Grünachsen und Frischluftschneisen in den öffentlichen Raum integrieren – und die Daten dafür aktiv bereitstellen.

Städte und Kommunen sind gefordert, offene Datenplattformen und Schnittstellen zu schaffen. Nur wenn Klimadaten, Verkehrsinfos und Geodaten frei zugänglich und maschinenlesbar sind, können innovative Navigations-Apps entstehen. Hier lohnt sich der Blick nach Skandinavien oder in die Niederlande, wo offene Urban Platforms längst Standard sind. Gleichzeitig müssen Datenschutz und Datensouveränität höchste Priorität behalten, um das Vertrauen der Bevölkerung zu sichern und eine unkontrollierte Kommerzialisierung zu verhindern.

Die Tech-Anbieter wiederum müssen den Mut aufbringen, ihre Algorithmen für neue Wohlfühlparameter zu öffnen – und sich auf die Komplexität der urbanen Realität einzulassen. Das bedeutet: Weg von starren Standardrouten, hin zu flexiblen, lernenden Systemen, die Klima, Sicherheit und Aufenthaltsqualität gleichberechtigt berücksichtigen. Es braucht interdisziplinäre Teams, die Stadtklimatologie, Softwareentwicklung und UX-Design zusammenbringen – und die Bereitschaft, gemeinsam mit den Städten neue Standards zu setzen.

Ein Schlüssel zum Erfolg liegt in der aktiven Einbindung der Nutzer. Nur wenn die Anwendungen intuitiv, transparent und nachvollziehbar sind, werden sie breite Akzeptanz finden. Feedbackschleifen, partizipative Workshops und offene Pilotprojekte sind hier ebenso wichtig wie klassische Öffentlichkeitsarbeit. Kühlrouten dürfen kein Nischenprodukt für Technikbegeisterte bleiben, sondern müssen als selbstverständlicher Teil urbaner Mobilität etabliert werden.

Das Ergebnis ist eine Stadt, die nicht nur gebaut, sondern gelebt wird – und in der das Wohlbefinden aller Menschen im Mittelpunkt steht. Die Integration von Kühlrouten in Navigationssysteme ist dabei ein wichtiger Baustein für die klimaresiliente, lebenswerte Stadt von morgen. Wer jetzt handelt, setzt Maßstäbe – und zeigt, dass Stadtplanung mehr kann als nur Asphalt und Ampeln.

Fazit: Kühlrouten sind mehr als ein Feature – sie sind ein Quantensprung für das urbane Wohlbefinden

Kühlrouten in Navigationssystemen markieren den Aufbruch in eine neue Ära der Stadtmobilität – eine, in der das Wohlbefinden der Menschen endlich den Stellenwert bekommt, der ihm zusteht. Sie verbinden technologische Innovation, Klimaanpassung und soziale Teilhabe zu einem ganzheitlichen Ansatz, der weit über klassische Verkehrsplanung hinausgeht. Die Herausforderungen sind vielfältig: von der Datenerhebung über die Entwicklung fairer Algorithmen bis hin zur offenen, partizipativen Governance. Doch die Chancen sind mindestens ebenso groß. Kühlrouten machen die Stadt nicht nur angenehmer, sondern auch gerechter, gesünder und zukunftsfähiger.

Damit sie ihr Potenzial voll entfalten, braucht es Mut zur Kooperation, Bereitschaft zum Umdenken und eine klare politische Agenda. Städte, Planer und Tech-Anbieter müssen gemeinsam neue Standards setzen – für eine Navigation, die nicht mehr nur von A nach B führt, sondern Lebensqualität zum Ziel hat. Denn am Ende zählt nicht, wie schnell wir durch die Stadt kommen, sondern wie wir uns dabei fühlen. Und da hat die kühle Route eindeutig das Zeug zum neuen Goldstandard.

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Die Mitte von Berlin bleibt grün

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Die Perspektive zeigt die geplanten Stufen am Ufer der Spree.

1. Preis an Büro RMP Lenzen: Stufen am Ufer der Spree mit Blick auf Dom (Visualisierung: RMP Lenzen)

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Es geht um eine prominente Fläche in Berlins historischer Mitte: Eingespannt zwischen dem neuen Humboldt-Forum und dem Fernsehturm bekommen das Rathaus- und Marx-Engels-Forum eine neue Gestaltung. Das Büro RMP Stephan Lenzen hat den Wettbewerb für die grüne Mitte von Berlin gewonnen.

Dort wo die Wurzeln der Stadt Berlin liegen, wird demnächst nicht wieder gebaut. Die Freifläche von Rathaus- und Marx-Engels-Forum bleiben Grün. Allerdings erhält das Areal eine neue Gestaltung, die in einer Freitreppe zur angrenzenden Spree mündet. Die Berliner Senatsverwaltung hat im Frühjahr zu einem Wettbewerb eingeladen. Nach einer ersten Phase durften die Bürger*innen mitreden. Daraufhin entwickelten insgesamt 21 Landschaftsarchitekturbüros ihre Ideen in der zweiten Phase des Wettbewerbs weiter. Die Landschaftsarchitek*innen vom Büro RMP Stephan Lenzen überzeugten schließlich die Jury. Sie schlugen ein zentrales Band vor, das denkmalgeschützte Bereiche des Rathausforums mit dem Marx-Engels-Forum verbindet. Dieses grüne Band endet in einer großen Treppe am Ufer der Spree. Gegenüber, auf der anderen Seite des Wasser, strahlt die Ostfassade des neuen Humboldt-Forums.

 

Viel Geschichte inmitten von Berlin

 

Früher hiess die Freifläche inmitten des alten Berlins „Park an der Spree“. Als eine der zentralsten Grünflächen im Ortsteil Mitte geht sie auf den Zweiten Weltkrieg zurück. Der hatte das dortige Heilig-Geist-Viertel beschädigt, was schließlich die DDR-Führung veranlasst hat, es abzureißen. Seitdem ist die Fläche zwischen Karl-Liebknecht-Straße im Norden, dem Park am Fernsehturm im Osten, der Rathausstraße im Süden und der Spree im Westen unbebaut. Mittendrin stand lange ein Denkmalensemble, das jedoch beim Bau der U-Bahn an den nordwestlichen Rand rücken musste. Bereits seit den 1990er-Jahren wird über die Zukunft des Marx-Engels-Forums diskutiert. Die Ideen waren vielfältig. Sie reichten vom Wiederaufbau des Heilig-Geist-Viertels bis zur Gestaltung eines Parks am Marx-Engels-Forum. Letztere hat sich schließlich durchgesetzt. 

Wettbewerbsaufgabe Marx-Engels-Forum

Die Gestaltung eines Parks auf dem Marx-Engels-Forum galt es nun, im Rahmen des Ideen- und Realisierungswettbewerb zu konkretisieren. Die Teilnehmer*innen waren gefragt, sich mit dem Gründungsort Berlins, mit den im Boden verborgenen historischen Schichten und der Umgebung auseinanderzusetzen. Am Ende der langen Debatte um die Zukunft dieses Ortes entstanden Bürgerleitlinien zur künftigen Entwicklung des Rathaus- und des Marx-Engels-Forums. Darin heißt es, dass ein Freiraum zu entwerfen ist, der den Dimensionen und der Bedeutung des Standortes gerecht wird und die Identität des Ortes stärkt. Darüber hinaus soll er die bewegte Geschichte erlebbar machen und gleichzeitig vielfältige und intensive Nutzungen ermöglichen. 

In der ersten Phase fragte der Wettbewerb zunächst nach einer Vision und einer Idee für das gesamte Marx-Engels-Forum. Erst die Teilnehmer*innen der zweiten Phase mussten ihre Vision herleiten. Darüber hinaus skizzierten sie im Ideenteil des Wettbewerbs einen Zwischenzustand für das Jahr 2030. In einem dritten Realisierungsteil war dann die konkrete Umsetzung für 2024 aufzuzeigen. Diese stufenweise Herangehensweise geht auf die angestrebte, schrittweise Realisierung des Projekts zurück. Die wird einen langen Zeitraum in Anspruch nehmen. Entsprechend müssen die Ideen auf einer klaren Haltung basieren und viel Flexibilität für die prozesshafte Umsetzung bieten. 

 

Marx-Engels-Forum: überzeugender Entwurf von RMP Lenzen

 

Die Landschaftsarchitekt*innen vom Büro RMP Lenzen lieferten die überzeugendste Lösung für die neue Gestaltung von Rathaus- und Marx-Engels-Forum. Sie entwarfen einen Freiraum, der von einer markanten Figur geprägt ist. Er sieht vor, das Rathaus- und das Marx-Engels-Forum von Bebauung freizuhalten. Der grüne Raum verspricht eine hohe Aufenthaltsqualität mit Flächen zum Flanieren, zum Ausruhen, zum Genießen von spektakulären Aussichten auf Dom, Humboldt-Forum und Fernsehturm. RMP Lenzen bestückt den neuen Raum mit viel Grün und mit vielen schattenspendenden Bäumen. Aber auch Wasser gehört dazu, das zur Kühlung beiträgt sowie Versickerungsflächen, die zu einem künftigen Regenwassermanagement passen. Insgesamt sieht der Beitrag zum Wettbewerb Marx-Engels-Forum einen modernen, klimaresilienten Stadtraum vor, der vielfältige Nutzungen ermöglicht. 

Gut Ding braucht Weile

Mit der Idee, zunächst einen Grünraum im Herzen des alten Berlin anzulegen, bleiben Chancen für nächste Generationen erhalten. Für die nahe Gegenwart hat das Preisgericht empfohlen, die mit dem ersten Preis ausgezeichnete Arbeit von RMP Lenzen zu realisieren. Damit geht eine kontroverse Debatte zu Ende. Wohl kaum ein Ort in Berlin hat mehr Planungen und Diskussionen erlebt als das Marx-Engels-Forum. Aber für den Bausenator steht fest, dass die Stadt Berlin richtig gehandelt hat. Sie hat hier nach dem Fall der Mauer keine überstürzte Planung realisiert. Nun kann vor dem Hintergrund aktueller Planungen für den Alexanderplatz und den Molkenmarkt und unter dem Vorzeichen von Klimaanpassung und Mobilitätswende in Ruhe gestaltet werden.

Sie möchten mehr über Projekte der Hauptstadt erfahren? Wir haben die nächsten Planungsschritte auf dem ehemaligen Flughafenareal Berlin Tegel für Sie zusammengefasst.

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Wettbewerbsübersicht Dezember 2018 (2/2)

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Bewegung und Begegnung. © KCAP GmbH mit Ramboll Studio Dreiseitl

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Kulturquartier Lagarde-Campus, Bamberg – 1. Preis hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin, mit Sauerzapfe Architekten, Berlin

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse im Dezember.

Straßenräume in Wiehl – 1. Preis Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten, Bockhorn

Die Konversion der Lagarde-Kaserne soll in Bambergs Osten einen lebendigen, nutzungsgemischten Stadtteil schaffen – mit dem „Kulturquartier Lagarde“ als attraktive Quartiersmitte. Zwei Stadtplätze prägen zukünftig die neue Mitte und sollen mit ihrer frühzeitigen Schaffung einen wichtigen Baustein zur Entwicklung des Quartiers bilden. Der Siegerentwurf sieht zwei Baumhaine vor, welche die beiden Plätze verbinden, aber jedem einzelnen einen eigenen Charakter zugestehen. Der Lagarde-Platz südlich der Reithalle gestaltet sich als grüner Quartiersplatz, der stellvertretend für das gesamte Quartier, seine Transformation, sowie die nachhaltige Neuausrichtung steht. Der Platz ist Endpunkt der Grünverbindung Richtung Ostpark und zugleich urbanes Entrée des Quartiers. Als belebter Gegenpol dazu präsentiert sich der Kulturhof zwischen Reit- und Posthalle: Er ist unprätentiös und flexibel bespielbar, so die Jury. Außerdem bildet der Stadtplatz einen wichtigen Ankerpunkt für die Stadtverbindung zur Innenstadt.

Planungsdialog Hafner in Konstanz – 1. Preis KCAP, Zürich, mit Ramboll Studio Dreiseitl, Überlingen

Ein Transitraum wird zum Aufenthaltsraum, so die Entwurfsintention von Lex-Kerfers Landschaftsarchitekten für das Zentrum von Wiehl. Ihr Siegerentwurf überwindet die starke Trennung des zergliederten Stadtraums und definiert Rathaus- und Hem-Platz als zentralen Platz am Kreuzungspunkt der Stadtachsen. Zukünftig prägt Naturstein das Zentrum – Farbnuancen und Materialwechsel berücksichtigen dabei die historische Differenzierung von Fahrbahn, Fußgängerbereich und Platzfläche. Der durchgehende Belag ermöglicht es, die angrenzenden Flächen anzubinden. Zusätzlich integriert eine breite winkelförmige Freitreppe die Kirche in den Stadtraum. Ein neuer Weg zwischen Rathaus und Kirche verbindet barrierefrei zur südlich gelegenen Wiehlaue. Um den Blick in die Flussaue zu ermöglichen, stellt der Entwurf die Wiehlbrücke frei. Zusätzliche Treppen und Bastionen vergrößern die Kontaktzone zum Fluss. Die neuen Stadtbäume bilden mit auffälliger Blüte und Herbstfärbung einen spannenden Kontrast zur Aue. Prägende Möblierungselemente wie die Baumbänke entwickeln die Planer in Anlehnung an regionaltypische Gestaltungselemente und Materialien.

In Konstanz soll mit rund 2800 Wohneinheiten der neue Stadtteil Hafner entstehen. Das Planungsteam aus KCAP und Ramboll Studio Dreiseitl überzeugte die Jury mit einer prägnanten Entwurfsidee, dem sogenannten „Hafner-Ring“. Zusätzlich zur großen grünen Mitte bildet das grüne Infrastrukturband eine freiraum- und städtebaulich relevante Struktur für den Stadtteil mit seinen zukünftig rund 8000 Bewohnern. Das grüne Band zieht sich mit robusten und multifunktional nutzbaren Erholungs- und Erlebnisräumen im Bogen durch das neue Stadtquartier und verbindet es mit dem historischen Kern Wollmatingen. Das Siegerteam sieht für das rund 60 Hektar große Areal keine strikte Trennung zwischen Wohnen und Gewerbe vor. Stattdessen mischen die Planer die Nutzungen. Das Quartier ist weitgehend autofrei konzipiert und stellt die Lebensqualität in den Vordergrund. Die Jury sieht in dem Entwurf das größte Innovationspotential, um den Stadtteil zukunftsfähig zu gestalten, sowie an Veränderungen der nächsten Jahre anzupassen.

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