Künstliche Intelligenz im Baumbestand – Algorithmen gegen Dürrestress

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Eine Frau genießt die kühle Schattenseite eines lebendigen Baumes auf einer urbanen Straße. Foto von ADenisse GB.

Künstliche Intelligenz (KI) krempelt die urbane Baumpflege um – und das nicht nur in Silicon Valley, sondern längst vor unserer Haustür. Während Städte weltweit mit den Folgen des Klimawandels ringen, zeigen smarte Algorithmen, wie Baumbestände resilienter, effizienter und nachhaltiger gemanagt werden können. Doch was steckt hinter dem Hype? Wie funktionieren KI-basierte Systeme in der Praxis, und sind sie tatsächlich die Antwort auf Dürrestress, Hitzeinseln und den zunehmenden Pflegedruck auf Stadtbäume? Willkommen in der Zukunft der urbanen Vegetation – datengetrieben, lernfähig und überraschend pragmatisch.

  • Begriffsklärung: Wie Künstliche Intelligenz (KI) Baumbestände analysiert, bewertet und prognostiziert.
  • Vorteile und Grenzen von KI im Umgang mit Dürrestress – von der Früherkennung bis zur Bewässerungssteuerung.
  • Technische Grundlagen: Sensornetzwerke, Satellitenbilder, Mobile Mapping und Deep Learning im Dienste der Stadtbäume.
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – und was wir daraus lernen können.
  • Die Rolle von KI bei der Entscheidungsfindung: Automatisierte Risikoanalysen versus menschliche Expertise.
  • Herausforderungen durch Datenschutz, Datenqualität und Software-Blackboxes.
  • Potenziale für eine nachhaltigere, klimaresiliente Stadtentwicklung durch intelligente Baumüberwachung.
  • Kritik und ethische Fragen: Wo KI an ihre Grenzen stößt und warum der Mensch (noch) unverzichtbar bleibt.
  • Ausblick: Wie KI langfristig das Berufsbild von Planern, Landschaftsarchitekten und Stadtverwaltungen verändert.

Künstliche Intelligenz trifft Stadtbaum – Grundlagen, Potenziale und erste Mythen

Wer an Künstliche Intelligenz denkt, sieht häufig humanoide Roboter, schlaue Sprachassistenten oder selbstfahrende Autos vor dem inneren Auge. Dass ausgerechnet Bäume – lebendige, komplexe und zutiefst analoge Organismen – in den Fokus digitaler Algorithmen geraten, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch der Klimawandel, zunehmende Dürreperioden und die wachsende Bedeutung urbanen Grüns als Kühlinsel und Lebensraum haben einen Innovationsdruck erzeugt, dem klassische Baumkontrollen und manuelle Pflegeprogramme längst nicht mehr gewachsen sind. Hier kommt KI ins Spiel: Von der präzisen Erfassung der Baumvitalität bis zur vorausschauenden Bewässerung etabliert sich ein neues, datengetriebenes Paradigma der Baumpflege.

Künstliche Intelligenz im Baumbestand bedeutet in der Praxis, dass riesige Datenmengen aus verschiedensten Quellen – zum Beispiel Satellitenbilder, Drohnenaufnahmen, Sensorsysteme, Wetterdaten und historische Baumkataster – miteinander verknüpft und analysiert werden. Deep Learning Algorithmen, also selbstlernende neuronale Netze, erkennen darin Muster, Anomalien und Trends, die für das menschliche Auge unsichtbar bleiben. Ob es um die Früherkennung von Trockenstress geht, um die Prognose von Schädlingsbefall oder um die optimale Steuerung der Bewässerung: KI kann nicht nur schneller, sondern oft auch präziser reagieren als traditionelle Verfahren.

Das Potenzial ist enorm: Städte, in denen tausende Bäume auf engstem Raum um Ressourcen konkurrieren und jeder Pflegeeinsatz Kosten verursacht, können durch intelligente Systeme gezielt handeln. Statt nach starren Intervallen zu gießen oder auf Verdacht zu schneiden, wird jede Maßnahme datenbasiert und bedarfsgerecht ausgelöst. Das Ergebnis: Gesündere Bäume, weniger Ausfälle, geringere Kosten – und ein echter Beitrag zur Klimaanpassung. Doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Denn KI ist kein magischer Zauberstab, sondern ein Werkzeug, das seine Stärken nur ausspielen kann, wenn die Daten stimmen und die Anwendung klug erfolgt.

Gleichzeitig hält sich in Fachkreisen hartnäckig der Mythos, Künstliche Intelligenz sei eine Black Box, der man blind vertrauen muss. Das Gegenteil ist richtig: Moderne Systeme liefern nicht nur Ergebnisse, sondern auch Erklärungen für ihre Entscheidungen. So können Experten nachvollziehen, warum ein bestimmter Baum als gefährdet eingestuft oder eine Bewässerung ausgelöst wird. Transparenz und Nachvollziehbarkeit sind zentrale Qualitätsmerkmale – und ein Muss für jede Anwendung im öffentlichen Raum.

Letztlich steht fest: KI im Baumbestand ist kein Selbstzweck und auch keine Konkurrenz für erfahrene Baumkontrolleure und Planer. Sie ist vielmehr ein ergänzendes Werkzeug, das hilft, das Wissen der Profis zu skalieren, Risiken frühzeitig zu erkennen und Ressourcen optimal einzusetzen. Wer diese Chancen erkennt, transformiert die Baumpflege vom reaktiven Notfallmanagement zur proaktiven, resilienten Stadtentwicklung.

Technische Spielwiesen: Wie Algorithmen, Sensoren und Datenströme den Dürrestress sichtbar machen

Die technischen Möglichkeiten zur Erfassung und Analyse von Baumbeständen haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Im Zentrum steht dabei die Fähigkeit, biotische und abiotische Stressfaktoren nicht nur punktuell, sondern kontinuierlich und flächendeckend zu überwachen. Klassische Methoden wie die visuelle Kontrolle und das Bohren von Resistographen werden zunehmend ergänzt durch vernetzte Sensornetzwerke, Fernerkundung und mobile Datenerfassung.

Ein zentrales Element moderner KI-basierter Systeme sind Bodenfeuchte- und Klimasensoren, die an ausgewählten Standorten oder direkt am Baum installiert werden. Diese messen permanent Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Bodenfeuchte und sogar den Saftfluss im Stamm. Die gewonnenen Daten werden drahtlos an zentrale Plattformen übertragen, wo sie von Algorithmen analysiert und mit Wetterprognosen, Niederschlagsdaten und Vegetationsmodellen kombiniert werden. So lassen sich Trockenstress und Bewässerungsbedarf nahezu in Echtzeit erkennen – ein enormer Fortschritt gegenüber der rein subjektiven Einschätzung durch den Menschen.

Doch damit nicht genug: Auch Satellitenbilder und Drohnenaufnahmen finden ihren Weg in die KI-Toolbox. Durch multispektrale Auswertungen werden Veränderungen im Chlorophyllgehalt oder im Infrarotbereich sichtbar, die auf beginnenden Wassermangel oder Krankheitsbefall hindeuten können. Gerade in großflächigen Parks oder entlang von Straßenalleen, wo eine Einzelkontrolle kaum praktikabel ist, schaffen diese Methoden eine objektive, flächendeckende Übersicht und entlasten die Pflegebetriebe erheblich.

Ein weiteres spannendes Feld: Mobile Mapping. Spezialisierte Fahrzeuge erfassen beim Befahren von Straßen und Wegen nicht nur die Geometrie, sondern auch die Vitalität und den Zustand der Bäume. KI-gestützte Bildauswertung erkennt Totholz, absterbende Kronenteile oder Schädlingsbefall – und meldet Auffälligkeiten automatisch an die zuständigen Stellen. Das Zusammenspiel all dieser Datenquellen schafft ein bisher unerreichtes Maß an Transparenz und Steuerbarkeit für die städtische Vegetation.

Natürlich sind diese Systeme nicht ohne Herausforderungen. Die Qualität der Ergebnisse steht und fällt mit der Zuverlässigkeit der Sensorik, der Aktualität der Basiskarten und der Fähigkeit der Algorithmen, relevante Muster im Datenrauschen zu erkennen. Falsch-positive Warnungen, technische Ausfälle oder fehlerhafte Kalibrierungen können zu Fehlentscheidungen führen. Deshalb ist die Kombination aus KI und menschlicher Kontrolle weiterhin unerlässlich – erst im Zusammenspiel entsteht ein robustes, lernfähiges System, das die Bäume der Stadt wirklich resilient macht.

Praxisbeispiele und Lessons Learned: Wie Städte im deutschsprachigen Raum KI erfolgreich einsetzen

Der Blick in die Praxis zeigt: Zwischen visionären Pilotprojekten und nüchternem Alltagseinsatz gibt es eine breite Palette an Erfahrungen. In München etwa testet das Baureferat gemeinsam mit einer lokalen Hochschule ein KI-basiertes Monitoring-System, das die Bewässerung von Jungbäumen steuert. Über Sensoren und Wetterdaten werden Prognosen erstellt, die den optimalen Gießzeitpunkt bestimmen. Das Ergebnis: Der Wasserverbrauch wurde um bis zu dreißig Prozent gesenkt, Ausfälle in Trockenperioden deutlich reduziert. Gleichzeitig profitieren die Pflegekolonnen von klaren Handlungsanweisungen und können ihre Einsätze gezielter planen.

Auch in Wien ist die Digitalisierung der Baumpflege kein Zukunftsthema mehr. Das städtische Gartenamt setzt auf eine Kombination aus Satellitenbildern, mobilen Erfassungsgeräten und KI-gestützter Auswertung, um Risikobäume frühzeitig zu identifizieren. Speziell während der Hitzewellen der letzten Sommer half das System, besonders bedrohte Standorte zu priorisieren und die Bewässerungslogistik dynamisch anzupassen. Die Folge: Weniger Notfällungen, höhere Überlebensraten und eine spürbare Entlastung der Verwaltung.

In Zürich wiederum wurde im Rahmen eines Pilotprojekts ein Deep-Learning-Algorithmus entwickelt, der aus Drohnenaufnahmen nicht nur den Zustand einzelner Bäume, sondern auch die Entwicklung des gesamten Stadtgrüns analysiert. Besonders spannend: Das System kann Veränderungen über mehrere Jahre hinweg nachvollziehen und so langfristige Trends – etwa zunehmende Trockenstresszonen – sichtbar machen. Für die Stadtplanung eröffnet das völlig neue Möglichkeiten der Flächenpriorisierung und des strategischen Ressourceneinsatzes.

Doch es gibt auch kritische Stimmen: Manche Kommunen berichten von Schwierigkeiten bei der Integration neuer Systeme in bestehende IT-Landschaften, von Datenschutzbedenken oder von Akzeptanzproblemen bei den Mitarbeitenden. Die Angst, durch KI an Einfluss oder Autonomie zu verlieren, ist nicht zu unterschätzen. Erfolgreiche Projekte zeichnen sich daher nicht nur durch technische Exzellenz, sondern auch durch Transparenz, Schulung und die Einbindung aller Beteiligten aus. Erst wenn Planer, Softwareentwickler, Baumpfleger und Verwaltung gemeinsam an einem Strang ziehen, entfaltet KI ihr volles Potenzial.

Nicht zuletzt zeigt sich in der Praxis: KI ist kein Allheilmittel, sondern ein mächtiger Verstärker für bestehende Kompetenzen. Ohne fundierte Baumkenntnis, klare Zieldefinitionen und eine kontinuierliche Qualitätskontrolle bleibt jeder Algorithmus ein stumpfes Schwert. Die erfolgreichsten Städte sind deshalb jene, die KI als Teamplayer verstehen – als Werkzeug, das menschliche Expertise ergänzt, aber niemals ersetzt.

Chancen, Risiken und ethische Fragen – Wie viel KI verträgt die grüne Stadt?

So verheißungsvoll die Perspektiven auch sind, so unvermeidlich ist die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der Technologie. Künstliche Intelligenz verspricht Effizienz und Präzision – doch sie schafft auch neue Abhängigkeiten, stellt Fragen nach Datenschutz und Verantwortlichkeit und wirft ethische Grundsatzfragen auf. Wer entscheidet im Zweifel, ob ein Baum gefällt oder erhalten bleibt? Verlassen sich Verwaltungen bald blind auf den Output von Algorithmen, oder bleibt die letzte Entscheidung beim Menschen?

Ein zentrales Problemfeld ist die Datenqualität: Algorithmen sind nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden. Fehlen relevante Informationen oder werden Zusammenhänge falsch interpretiert, drohen Fehlentscheidungen – und im schlimmsten Fall der Verlust wertvoller Stadtbäume. Ebenso kritisch ist die Frage nach Transparenz. Black-Box-Algorithmen, deren Entscheidungswege selbst Experten nicht nachvollziehen können, sind im öffentlichen Raum schlichtweg nicht akzeptabel. Deshalb setzen fortschrittliche Systeme auf erklärbare KI, die ihre Analysen offenlegt und nachvollziehbare Begründungen liefert.

Auch der Datenschutz ist ein Dauerbrenner: Besonders in Deutschland, wo der Schutz personenbezogener Daten einen hohen Stellenwert genießt, müssen KI-Systeme so gestaltet werden, dass sie keine sensiblen Informationen preisgeben oder unkontrollierbare Datenströme erzeugen. Hier sind klare Governance-Strukturen und eine enge Zusammenarbeit mit Datenschutzbeauftragten unerlässlich. Nur so lässt sich das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen und die Akzeptanz neuer Technologien sichern.

Ein weiteres Risiko ist die Kommerzialisierung der Baumpflege: Wenn proprietäre Softwarelösungen oder exklusive Datennetze zum Standard werden, droht eine Abhängigkeit von einzelnen Anbietern – mit allen bekannten Nachteilen für Souveränität und Kosteneffizienz. Offene Schnittstellen, interoperable Plattformen und die Möglichkeit zur lokalen Datenhaltung sind daher zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige, resiliente Digitalisierung der Baumpflege.

Nicht zuletzt bleibt die Frage nach der Rolle des Menschen: KI kann viel, aber sie kann nicht alles. Sie erkennt Muster, bewertet Risiken und optimiert Prozesse – aber sie kann keine Werte abwägen, keine Empathie entwickeln und keine Verantwortung übernehmen. Die Entscheidung über das Schicksal eines Stadtbaums ist und bleibt eine Aufgabe, die technisches Know-how, ethisches Bewusstsein und lokale Erfahrung vereint. Wer KI als Werkzeug begreift und nicht als Ersatz, legt die Grundlage für eine grüne Stadt, die auch in Zukunft lebenswert bleibt.

Fazit: KI als Gamechanger – oder nur ein weiteres Tool im Werkzeugkasten?

Die Integration künstlicher Intelligenz in die Baumpflege ist mehr als ein technischer Trend – sie ist ein Paradigmenwechsel, der das Selbstverständnis von Planern, Landschaftsarchitekten und Stadtverwaltungen grundlegend verändert. Algorithmen gegen Dürrestress sind keine Science-Fiction, sondern gelebte Praxis in immer mehr Städten des deutschsprachigen Raums. Sie ermöglichen eine Präzision, Effizienz und Resilienz, die mit klassischen Methoden undenkbar wäre – vorausgesetzt, sie werden klug, transparent und verantwortungsvoll eingesetzt.

Die größten Chancen liegen dabei in der proaktiven Steuerung urbaner Grünräume: Frühwarnsysteme für Trockenstress, datenbasierte Bewässerungspläne, automatisierte Risikoanalysen und langfristige Trendprognosen machen die grüne Infrastruktur der Stadt fit für die Herausforderungen des Klimawandels. Gleichzeitig müssen die Grenzen der Technologie anerkannt und die Rolle des Menschen als Entscheider, Interpret und Wächter der Datenqualität gestärkt werden.

Die Erfahrungen aus München, Wien, Zürich und anderen Pionierstädten zeigen: Erfolgsentscheidend sind nicht nur technische Exzellenz und innovative Algorithmen, sondern vor allem eine offene, lernbereite Organisationskultur. Die Zukunft der Baumpflege ist digital – aber sie bleibt menschlich. Wer KI als Partner versteht, gewinnt einen mächtigen Verbündeten im Kampf gegen Dürrestress und für eine nachhaltige Stadtentwicklung.

Abschließend bleibt festzuhalten: KI im Baumbestand ist weder Allheilmittel noch Selbstzweck, sondern ein neues Werkzeug im Repertoire der urbanen Resilienz. Sie fordert Planer heraus, ihre Prozesse zu überdenken, und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für eine klimaangepasste, lebenswerte Stadt. Die grüne Stadt der Zukunft ist smart – aber sie bleibt grün, weil Menschen und Maschinen gemeinsam an ihr arbeiten. Garten und Landschaft bleibt am Ball und berichtet auch weiterhin über die spannendsten Entwicklungen an der Schnittstelle von Technologie und Natur.

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Der Overlook Walk in Seattle: Eine beeindruckende Verbindung zwischen der Waterfront und dem Pike Place Market, mit herrlichem Blick auf die Elliott Bay und moderner Architektur.Foto:Tim Rice

Seattle nähert sich dem Wasser an: Die Metropole im Nordwesten der USA hat mit dem Overlook Walk einen neuen Park direkt am Meer erhalten, gestaltet von Field Operations. Dieser neue Weg in luftiger Höhe verbindet den historischen Pike Place Market mit dem Aquarium der Stadt, dem Pier 62, dem Waterfront Park und der Elliott Bay.

Dort, wo sich früher das Viadukt der Alaskan Way Bahnlinie befand, gibt es nun einen neuen Fußgängerweg in Seattle. Das alte Viadukt wurde demoliert, um den Zugang zum Wasser zu verbessern. Der Overlook Walk überbrückt etwa 30 Meter Höhe zwischen dem Pike Place Market und der Küste. So ermöglicht der grüne Pfad nicht nur die Fußgängerverbindung, sondern bietet auch schöne 360-Grad-Blicke in das Stadtzentrum von Seattle sowie in Richtung der Olympischen Berge im Westen und Mount Rainier im Süden. Der neue Pavillon des Aquariums, designt von LMN Architects, ist ebenfalls Teil des Designs: Dort ist ein Dachgarten mit Blick auf die Stadt entstanden.

Zurückeroberung des Hafenviertels

Die Stadt Seattle arbeitet schon lange daran, den Zugang zur Uferpromenade zu verbessern. Dafür wird das zentrale Hafengebiet umgestaltet, was dabei hilft, die Stadt wieder mit der Elliott Bay zu verbinden. Die Beseitigung des Alaskan Way Viaduktes, das lange eine Grenze darstellte, war dafür essenziell.

Das Architekturbüro Field Operations aus New York City hat den Overlook Walk entworfen, ein neues Ziel für Fußgänger. Er verbindet den historischen Pike Place Market mit dem Seattle Aquarium, dem Pier 62, dem Waterfront Park und der Elliott Bay. Damit ist er Teil des Rahmenplans für „Waterfront Seattle“, der schon seit 2010 besteht. Field Operations ist gemeinsam mit Jacobs, einem Unternehmen für Projektmanagement und Bauingenieurswesen, für die Gestaltung von insgesamt 2,4 Kilometer Uferpromenade zuständig. 26 Stadtblöcke sind Teil des weitreichenden städtebaulichen Plans, der die Geschichte des Geländes als Hafengebiet, die physischen Gegebenheiten des Standorts sowie die Geschichte der Ureinwohner*innen und die aktuelle urbane Kulturlandschaft berücksichtigt.

Der Overlook Walk ist ein wichtiges Puzzleteil für diesen Plan, denn er ermöglicht es den Anwohnenden, ihr Hafenviertel wieder zurückzuerobern. Dank der neuen Infrastruktur und des neuen öffentlichen Raums entstehen wichtige Verbindungen, die den Zugang zur Uferpromenade erlauben. „Ein Hafenviertel für alle“ ist der Slogan des Rahmenplans, der mit einem multidisziplinären Team aus Ingenieur*innen, Ökolog*innen, Künstler*innen und Kunstberater*innen, Grafik- und Identitätsdesigner*innen, Architekt*innen und Verkehrsberater*innen entworfen wurde.

Der Overlook Walk in Seattle verbindet den historischen Pike Place Market mit der Elliott Bay und symbolisiert die Rückeroberung des Hafenviertels. Diese neue Fußgängerzone ist Teil des umfassenden Projekts ‚Waterfront Seattle‘, das den Zugang zur Uferpromenade verbessert und die Stadt mit ihrer Küste neu verknüpft. Foto: Lara Swimmer
Der Overlook Walk in Seattle verbindet den historischen Pike Place Market mit der Elliott Bay und symbolisiert die Rückeroberung des Hafenviertels. Diese neue Fußgängerzone ist Teil des umfassenden Projekts ‚Waterfront Seattle‘, das den Zugang zur Uferpromenade verbessert und die Stadt mit ihrer Küste neu verknüpft. Foto: Lara Swimmer

Integration eines Dachgartens

Am 4. Oktober 2024 eröffnete der Bürgermeister von Seattle, Bruce Harrell, die neue Brückenverbindung. Als erhöhter öffentlicher Park schafft der Overlook Walk wichtigen Raum für Fußgänger*innen, die sich zwischen dem Hafenviertel und dem Stadtkern bewegen. Er stellt ein neues Wahrzeichen für Seattle dar und bietet weite Blicke auf die Bucht, auf Spielplätze, neue öffentliche Plätze sowie üppig bepflanzte Gärten. Sitzgelegenheiten bieten die Möglichkeit, sich zwischendurch auszuruhen und die Aussicht zu genießen.

Ein Highlight auf dem Weg ist der Dachgarten auf dem neuen Seattle Aquarium Ocean Pavilion, ebenfalls von Field Operations geplant und gestaltet von Miller Hull Partnership. Dabei lag ein Fokus darauf, den Garten in den Overlook Walk zu integrieren. Die einheimische Bepflanzungspalette des Dachgartens erinnert an die traditionellen Wälder im Puget Sound-Gebiet. Auch die dramatischen Salish Steps, die steil abfallen und so ein geschütztes Amphitheater mit Blick auf die Elliott Bay kreieren, sind sehenswert.

Der Overlook Walk hat insgesamt 70 Millionen US-Dollar (64,4 Millionen Euro) gekostet. Der Bau begann im Sommer 2022. Seit Anfang Oktober ist der Walk täglich von 7 Uhr morgen bis 22 Uhr geöffnet.

Der Overlook Walk in Seattle: Ein neuer öffentlicher Park mit Dachgarten und atemberaubendem Blick auf die Elliott Bay. Diese Visualisierung zeigt die Integration des grünen Raums und der Salish Steps, die das Hafenviertel mit dem Stadtkern verbinden und einen einzigartigen Erholungsort schaffen. Visual: Field Operations
Der Overlook Walk in Seattle: Ein neuer öffentlicher Park mit Dachgarten und atemberaubendem Blick auf die Elliott Bay. Diese Visualisierung zeigt die Integration des grünen Raums und der Salish Steps, die das Hafenviertel mit dem Stadtkern verbinden und einen einzigartigen Erholungsort schaffen. Visual: Field Operations

Verbindung von Raum und Menschen

Der Bau des Hafenviertels von Seattle ist schon seit 2010 in Arbeit. Erste Ergebnisse waren 2017 mit der Eröffnung des Elliott Bay Seawall Projektes im Jahr 2017. Auch der Pioneer Square Habitat Strand mit einem Lachswanderkorridor sowie Pier 62 (2020), die Promenade und der Elliott Way (2021) und die Union Street Fußgängerbrücken an der Union Way und der Marion Street sind wichtig. Die Gesamtfertigstellung ist für das Frühjahr 2025 geplant, denn noch fehlen Elemente wie die Parkpromenade, Pier 58 und Verbesserungen weiterer Ost-West-Verbindungen.

„Die Umgestaltung des gesamten zentralen Hafenviertels von Seattle darf nicht unterschätzt werden, was Ausmaß, Umfang und Ehrgeiz angeht. Es ist eine wirklich außergewöhnliche Leistung von Weltklasse, und der Overlook Walk ist der Dreh- und Angelpunkt und die Ikone des gesamten Projekts“, sagte James Corner, Founding Partner von Field Operations.

„Der Waterfront Park, insbesondere der Overlook Walk, wird ein dynamisches Wahrzeichen sein, das unsere Vergangenheit ehrt, den Innovationsgeist Seattles unterstreicht und jeden dazu einlädt, die natürliche Schönheit und die lebendige Kultur der Stadt zu erleben. Diese einmalige Umgestaltung stellt eine Verbindung von Raum und Menschen, da Besucher, Anwohner, Arbeiter und Familien nahtlose Verbindungen zwischen dem Stadtzentrum, dem Pike Place Market und dem gesamten Waterfront Park haben – dem Eingangstor zu unserer Region“, sagte der Bürgermeister von Seattle, Bruce Harrell.

Der Overlook Walk verbindet das Stadtzentrum mit dem Pike Place Market, einem ikonischen Ziel, das Teil der umfassenden Umgestaltung des Seattle Hafenviertels ist und eine nahtlose Verbindung zwischen Stadt und Waterfront schafft. Foto: Field Operations
Der Overlook Walk verbindet das Stadtzentrum mit dem Pike Place Market, einem ikonischen Ziel, das Teil der umfassenden Umgestaltung des Seattle Hafenviertels ist und eine nahtlose Verbindung zwischen Stadt und Waterfront schafft. Foto: Field Operations

Experten für erhöhte Parks

Field Operations ist ein Büro für Stadtplanung und Landschaftsarchitektur mit Sitz in New York City, das sich auf die Gestaltung, Widerstandsfähigkeit und Gerechtigkeit des öffentlichen Raums in Städten konzentriert. Es ist bekannt für überzeugendes zeitgenössisches Design in einer Vielzahl von Projekttypen und Maßstäben, von großen Stadtvierteln, Masterplänen und komplexen Planungsgebieten bis hin zu kleinen gut durchdachten, detaillierten Designprojekten.

Zu den wichtigen und weithin anerkannten Projekten gehören Gestaltung der New Yorker High Line, des Domino Park in Brooklyn, des Freshkills Park in Staten Island, Chicagos Navy Pier, San Franciscos Presidio Tunnel Tops und die Waterfront von Seattle.

Zwischennutzung: Alles, was Sie dazu wissen müssen

2021: Irrgarten als Zwischennutzung auf der Museumsbrache. Foto: Christine Moor, Bernisches Historisches Museum, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
2021: Irrgarten als Zwischennutzung auf der Museumsbrache. Foto: Christine Moor, Bernisches Historisches Museum, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Die Zwischennutzung von Brachflächen ermöglicht es, neue Dinge an teils ungewöhnlichen Orten zu schaffen. So ist es möglich, Teilhabe und Innovation in der Stadt zu stärken. Jedoch stecken manchmal auch Probleme hinter der Zwischennutzung – hier lesen Sie mehr.

Was ist Zwischennutzung?

Dicht besiedelte deutsche Städte wie Hamburg und München bieten wenig Raum für Kulturschaffende und Initiativgruppen. Denn der große Wettbewerb um Platz bedeutet, dass vorhandene Räume meist teuer oder bereits anderweitig reserviert sind.

Hier kommt die Zwischennutzung ins Spiel. Sie bezeichnet die zeitlich beschränkte Nutzung von Gebäuden und Flächen in der Stadt. Diese Übergangsnutzungen haben meist kein wirtschaftliches Ziel. Das Prinzip lautet vielmehr „günstiger Raum gegen befristete Nutzung“. Auch „Bewachung durch Bewohnung“ ist eines der Ziele der Zwischennutzung.

Dabei hat sich der Begriff der Zwischennutzung in den letzten Jahren verändert. Bis in die 1990er-Jahre waren Zwischennutzende oft nur halblegal vor Ort. Entsprechend wurde die temporäre Nutzung von Gebäuden als Besetzung gesehen. Daher hatte die Praxis der Zwischennutzung lange einen eher negativen Ruf. Inzwischen haben sich die Vorhaben jedoch zu einem bauplanerischen Instrument entwickelt. Somit ist die Zwischennutzung schon lange nicht mehr nur alternativ und informell, sondern manchmal nachhaltig und in anderen Fällen auch profitabel.

In jedem Fall bleibt die Zwischennutzung zeitlich begrenzt. Sie hat ein Pop-up-Prinzip. Meistens ist die Zwischennutzung symbiotisch: Die Nutzenden erhalten einen Raum zur Verwirklichung ihrer Ideen, während die Besitzenden Leerstand und Vandalismus vermeiden.

Wie sieht die Übergangsnutzung in der Praxis aus?

In der Praxis kann die Zwischennutzung viele unterschiedliche Formen annehmen. Am besten lassen sich die Flächen als Experimentierflächen beschreiben. Sowohl kommerzielle als auch nicht-kommerzielle Formate lassen sich im Rahmen der Zwischennutzung realisieren. Beispielsweise sind Pop-Up Stores, Ateliers, Ausstellungsräume, Werkstätten, Kultur- und Begegnungsorte, Cafés und Gärten denkbar.

Häufig handelt es sich bei der temporären Nutzung von Flächen oder Gewerbeeinheiten um ungewöhnliche Orte für das jeweilige Projekt. So ist es möglich, kreative Prozesse und Partizipation zu fördern. Denn an den Orten kommen unterschiedlichste Menschen zusammen. Diese können gemeinsam innovative Ideen umsetzen. Dadurch entsteht ein spannendes Miteinander, das unter anderem die Nachbarschaft stärken kann.

Projekte, die eine Zwischennutzung darstellen, lassen sich gut an ihrem temporären Charakter erkennen. Selbst Läden weisen darauf hin, dass es sich um ein Pop-Up handelt. Foodtrucks oder andere fliegende Verkäufer sind ebenfalls nur kurze Zeit an einem Ort zu finden. Brachflächen oder ungenutzte Parkplätze bieten sich dafür sehr gut an.

Seebrache-Garten von Grün Stadt Zürich, Irisk12 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0
Seebrache-Garten von Grün Stadt Zürich, Irisk12 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Welche Vorteile bietet die Übergangsnutzung?

Zwischennutzungen städtischer Flächen dienen dazu, Projekten und Initiativen den notwendigen Freiraum für Experimente zu geben. Häufig fallen nur die Betriebskosten als Miete an. Insbesondere für junge Projekte handelt es sich dabei um eine entscheidende Bedingung. Denn gerade in größeren Städten sind Flächen in zentraler Lage andernfalls unerschwinglich.

Oft kommt es vor, dass sich mehrere Initiativen einen Raum in zwischenzeitlicher Nutzung teilen. So entstehen Möglichkeiten zur Vernetzung und Synergie. Zudem bergen die Flächen ein großes innovatives Potenzial. Auch gesellschaftliche Vorteile wie etwa mehr Kunst oder neue Märkte in der Umgebung sind zu beobachten. Projekte, die derzeit noch nicht ökonomisch profitabel sind, erhalten an zentralen Orten dank Zwischennutzung viel Sichtbarkeit.

Für die Eigentümer*innen der Flächen reduziert die Zwischennutzung die Leerstandskosten. Da zumindest die Betriebskosten gedeckt sind, fallen keine Mehrkosten an. Die gesteigerte Aufmerksamkeit durch die Zwischennutzung kann für eine Imageaufwertung sorgen. Zugleich beugt die Praxis der Zwischennutzung Risiken wie Verfall und Vandalismus vor.

Ein weiterer Vorteil an der Zwischennutzung ist ihr hohes partizipatives Potenzial. Denn auf derartigen Flächen entsteht ein kontinuierlicher Prozess der Aushandlung und Anpassung. Unterschiedliche Gruppen wie Anwohner*innen, interessierte Bürger*innen und Initiativen können mit einsteigen und so die Zwischennutzung beeinflussen. Manchmal ist es dadurch sogar möglich, längerfristig neue Räume für die anwenderorientierte Nutzung zu erschließen.

Welche Kritik gibt es an Zwischennutzung?

Jedoch gibt es seitens verschiedener Stakeholder Kritik an der Übergangsnutzung von Flächen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, was mit den Zwischennutzer*innen selbst passiert, sobald ihre Zeit abläuft. Zwar stellt der zwischengenutzte Raum eine Experimentierfläche dar, aber dies ist nicht immer ausreichend für eine selbstständige Zukunft. Auf der anderen Seite bietet die Zwischennutzung die Chance, ohne ruinöse Folgen zu scheitern. In einigen Fällen ergibt sich aus der Übergangsnutzung sogar ein langfristiges Mietverhältnis. Allerdings kann die Planungsunsicherheit auch zum Scheitern von Projekten und zur Selbstausbeutung von Künstler*innen beitragen.

Langfristig löst die Zwischennutzung das Problem der Raumknappheit nicht. Insbesondere für Künstler*innen und Experimentierfreudige bleibt es schwer, an geeignete Flächen zu kommen. Eine erfolgreiche Zwischennutzung sollte nicht nur als „Verwertungslücke“ dienen, sondern auch positive Folgen für die Nachbarschaft und die Projektverantwortlichen sowie für die Besitzer*innen haben.

Eine erfolgreiche Zwischennutzung kann wiederum zu Gentrifizierung führen, was häufig negativ bewertet wird. Dabei steigert die Immobilie ihren Wert. Die Nutzer*innen müssen häufig weichen, die Miet- und Kaufpreise der Umgebung steigen. In manchen strukturschwachen Regionen führt die Zwischennutzung zu einer Aufwertung und Belebung von Flächen. Aber in dicht besiedelten, teuren Städten kann sie experimentelle Initiativen und deren Betreiber*innen verdrängen.

Autohaus, Liebigstraße 201-203, Köln-Ehrenfeld. Ehemals Autohaus Levy, Zwischennutzung bis zum Abriss durch "Wandelwerk". Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Autohaus, Liebigstraße 201-203, Köln-Ehrenfeld. Ehemals Autohaus Levy, Zwischennutzung bis zum Abriss durch "Wandelwerk". Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Beispiele für die zwischenzeitliche Nutzung von Stadträumen

Der Zenettiplatz in München wurde mehrere Jahre hintereinander zwischengenutzt. Als „Piazza Zenetti“ wird dieser Zwischenort, der sonst als Parkplatz dient, eine attraktive Anlaufstelle. Bepflanzung und Sitzgelegenheiten geben dem Platz neues Leben. Anwohner*innen und Passant*innen nutzen den Platz für soziale Begegnungen. Dabei entstehen Synergieeffekte, die dabei helfen, den Platz an die gewünschte Nutzung anzupassen.

In Jena ermöglicht die BLANK-Agentur für Zwischennutzung kreatives Miteinander an verschiedenen Orten in der Stadt. „Obwohl wir in Jena wenig strukturellen Leerstand haben, finden sich trotzdem ungehobene Potenziale oder langfristig leerstehende Räumlichkeiten, die mit temporären Lösungen wieder einer Nutzung zugeführt werden können“, erklärt Leiterin Katrin Hitziggrad während einer Fachtagung zum Thema Zwischennutzung im Juni 2022.

Testläufe für neue Läden, generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten wie das „WirQuartier“ in Erfurt, eine Fahrradwerkstatt mit Café und Bar in einer alten Druckerei in Frankfurt am Main – die Beispiele für Zwischennutzung in Deutschland sind vielseitig.

In Jena gibt es mit der Kulturberatung eine begleitende Institution für Vereine, Initiativen und Kulturakteur*innen. Schon seit 2014 arbeitet die Kulturberatung Jena mit dem Dezernat für Stadtentwicklung, JenaKultur und der Zwischennutzungsagentur zusammen. So soll es gelingen, Strategien für langfristige Perspektiven zivilgesellschaftlicher Projekte zu entwickeln.

Mehr über Zwischennutzungen lesen Sie hier am Beispiel von Basel.