Mit der Städtebauförderung werden – trotz der Benennung – auch Dörfer und Kleinstädte gefördert, erklärt Klara Geywitz im Interview. Die verschiedenen Förderprogramme zeigen, dass man sowohl Städte als auch ländliche Regionen im Blick habe, so die Bundesministerin. Credit: BMWSB / Henning Schacht

Es ziehen wieder mehr Menschen aufs Land – diesen Trend beobachtet Bundesministerin Klara Geywitz. Und ihrer Meinung nach, selbst vom Dorf kommend, lohnt sich das. Die Wohnungsnot in den Großstädten solle damit aber nicht gelöst werden. Was stattdessen notwendig ist, welche Herausforderungen auf dem Land bereits angegangen werden und warum Landleben nicht nur Bullerbü ist, erklärt Klara Geywitz im Interview.

Politische Präsenz des ländlichen Raums

Es brauche mehr Krach aus dem ländlichen Raum – das sagten Sie beim Kommunaldialog im Berliner Tagungswerk Mitte Januar. Aufmerksamkeit sei ein wichtiger Faktor im Streit um Ressourcen. Sie haben den direkten Einblick: Wie präsent sind die Interessen des ländlichen Raums und seiner Bevölkerung im politischen Berlin?

Die sind wirklich immer präsent. In jedem Ministerium finden Sie Themen, Strukturen und Initiativen, die sich allein auf den ländlichen Raum fokussieren. Das haben Sie auch auf dem Kommunaldialog gesehen – den haben wir ganz bewusst gemeinsam mit den Bundesministerien für Landwirtschaft, für Inneres und Heimat sowie für Verkehr und Digitalisierung organisiert. Bei uns denken wir wirklich jedes Thema mit der Stadt-Land-Brille mit. Ich weiß, wenn Menschen auf dem Dorf oder in der Kleinstadt von Nachverdichtung und Dachausbau auf dem Mehrfamilienhaus hören, dann ist das erst mal weit weg. Dort stellt sich eher die Frage, kann ich auf meinem ausreichend vorhandenen Grundstück meine Kinder und Enkelkinder bauen lassen. Das werden wir mit der Hinterlandbebauung jetzt zum Beispiel ermöglichen. Oder Stichwort Klima und Extremwetterereignisse: Unser Programm „Anpassung urbaner und ländlicher Räume an den Klimawandel“ fördert nicht nur den Stadtpark, sondern ganz gezielt Umbaumaßnahmen in den Gemeinden. Wir haben bei diesem Programm den ländlichen Raum bewusst neu mit rein­ genommen. In der Verbandsgemeinde Mansfelder Grund-Helbra, die im Regenschatten des Harzes liegt und schon heute mit Trockenheit zu kämpfen hat, geht es zum Beispiel um die Revitalisierung von Biotopen oder auch ganz einfach nur um die Verschattung von Wegen und siedlungsnahen Flächen. Und zu guter Letzt, es schadet glaube ich auch nicht, dass gleich mehrere Minister, so wie ich, vom Dorf kommen und das im Herzen tragen.

Lebensqualität auf dem Land

Insbesondere Familien mit Kindern böte der ländliche Raum eine hohe Lebensqualität, sagten Sie im März 2023 derFunke-Mediengruppe. Können Sie dieseAussage konkretisieren? Von welcher Lebensqualität sprechen Sie? Wie stellt sich diese für Sie – selbst „Dorfkind“ – dar?

Wo fange ich an? Die Luft ist besser. Man kennt sich. Die Kinder gehen einmal um die Ecke und können da gut und sicher spielen. Der Zusammenhalt ist ein ganz anderer, und auf dem Land wächst man mit so viel lebenspraktischem Wissen auf, das einen durchs ganze Leben trägt. Landleben ist eine Menge Arbeit und hat wenig mit Bullerbü zu tun, aber es wird einem vielfach zurückgegeben, was man an Schweiß reinsteckt. Im vergangenen Jahr haben wir übrigens die Kleinstadtakademie in Wittenberge gegründet. Sie wird den Austausch zwischen den kleinen Städten in Deutschland befördern und ihnen eine Stimme in Politik und Gesellschaft geben. Neben den Kleinstädten selbst wird dabei sicherlich auch der ländliche Raum eine Rolle spielen, der eng mit diesen Ankerorten verbunden ist.

Umzug aufs Land – Was hält Familien ab?

Und: Was hält Ihrer Meinung nach Familien derzeit ab umzuziehen? Was sind die Hauptgründe?

Sie meinen, wieder aufs Land zu ziehen? Die Zahlen geben seit Beginn der Corona-Pandemie ja eigentlich einen anderen Trend vor. Viele sind in der Zeit rausgezogen. Nicht alle sind geblieben, aber viele, und es ziehen weiter mehr Menschen weg. Das übrigens nicht nur in die berühmten Vororte der Großstädte bei uns, sondern auch in Kleinstädte. Homeoffice macht es möglich. Ich bin Volker Wissing sehr dankbar dafür, dass er wie lange schon kein Verkehrsminister mehr davor, die Verkehrswege inklusive der Schiene so in den Blick nimmt. Infrastruktur zu verbessern und zu erneuern, ist tatsächlich noch langwieriger und schwieriger als Wohnungsbau.

Stärkung des ländlichen Raumes als Lösung für urbane Herausforderungen

Sie sind der Überzeugung, die Stärkung des ländlichen Raumes könnte die Herausforderungen der Städte – insbesondere die urbane Wohnungsnot – lindern. Nehmen wir an, der Großteil der Großstadtfamilien folgt Ihrer Idee und zieht nach und nach aufs Land – ist es nicht gefährlich im Sinne einer bunten Stadtbevölkerung, wenn künftig hauptsächlich „nur“ noch junge, gutverdienende Singles in den Städten leben?

Also ich würde immer ein Fragezeichen an gutverdienend machen, denn gerade, wenn die Leute jung sind, sind sie in Ausbildung, studieren oder starten gerade ins Berufsleben. Aber ich weiß, was Sie meinen. Wichtig ist mir, noch mal deutlich zu sagen: Damit soll nicht die Wohnungsnot in der Großstadt gelöst werden. Ich beschreibe einen faktisch vorhandenen Trend und kann nur jedem sagen: Land lohnt sich. Aber die Wohnungsnot in Ballungsgebieten müssen wir schon bitte mit neuen Wohnungen lösen. Nach mehr Wohnungen, die die Not lösen, kommt ja der Markt, der ein breiteres Angebot für viele hat, damit wir von der Not in eine entspannte und damit vorteilhafte Angebotssituation für Wohnungssuchende kommen. Zugegeben, das wird nicht sehr schnell passieren, aber wir sind wirklich mit viel Förderung und weniger Belastungen für die Wirtschaft jeden Tag dran. Mit anderen Bundesressorts arbeiten wir derzeit an einer Handlungsstrategie Leerstandsaktivierung, um strukturschwache Regionen auf dem Land als Wohnstandorte attraktiver zu machen und dort Leerständen entgegenzuwirken.

Maßnahmen zur Förderung des Landlebens

Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, das Leben auf dem Land einfach zu machen. Welche Möglichkeiten haben Sie hier als Bundesbauministerin, dies zu fördern?

Da verweise ich auf meine Antwort zuvor.Leben wird nicht einfach, weil man morgens in den Garten tritt und nur Grün sieht. Schöner für die meisten vielleicht, aber der Alltag ist überall für viele herausfordernd. Ich könnte Ihnen jetzt viele Maßnahmen und Programme aufzählen, angefangen von der Wohneigentumsförderung für Familien, die bestimmt auch im ländlichen Raum auf Interesse stößt, über die Städtebauförderung, die bereits seit 50 Jahren so heißt, aber genauso viele Dörfer und Kleinstädte miteinschließt. 47 Prozent der Mittel der Städtebauförderung gehen allein in die ländlichen Räume. Als Beispiel sei hier die Stadt Pößneck in Thüringen genannt, die für die Sicherung und Sanierung städtebaulich markanter Gebäude Mittel aus dem Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ erhält. Wir haben eine Reihe weiterer Förderprogramme aufgesetzt, die ich hier nicht alle aufzählen kann, die aber verdeutlichen, dass wir die Städte genauso im Blick haben wie die ländlichen Regionen. Abschließend sei der Hinweis vom Anfang noch mal hervorgeholt: In Deutschland hat das Dorf in jedem Ministerium seinen Platz.

 

Mehr über das Thema Dorfleben, lesen Sie in unserer Juli Ausgabe. 

 

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Was sind Hypernetze – wenn KIs andere KIs entwerfen

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Stadtansicht aus der Vogelperspektive, aufgenommen von Markus Spiske mit einer Canon 5d Mark III und Leica Summicron-R 2.0/50mm Objektiv (1981).

Wenn künstliche Intelligenz nicht nur Probleme löst, sondern selbst zum Architekten neuer, noch intelligenterer Systeme wird – dann sprechen wir von Hypernetzen. Diese revolutionären Strukturen könnten die Zukunft der Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und urbanen Transformation grundlegend verändern. Was steckt hinter dem Konzept der Hypernetze, und was bedeutet es, wenn KIs andere KIs entwerfen? Ein Blick in eine Welt, in der Maschinen nicht nur rechnen, sondern kreativ werden – und in der das urbane Morgen vielleicht schon heute beginnt.

  • Definition und Grundlagen von Hypernetzen in der Künstlichen Intelligenz
  • Wie Hypernetze funktionieren: KI-Architekturen, die andere KI-Modelle entwerfen
  • Potenziale für urbane Planung, Landschaftsarchitektur und nachhaltige Stadtentwicklung
  • Beispiele und Anwendungsfälle: Von der Verkehrssteuerung bis zum Resilienzmanagement
  • Herausforderungen: Erklärbarkeit, Kontrolle, Governance und ethische Aspekte
  • Stand der Forschung und internationale Entwicklungen
  • Deutsche Perspektive: Innovationschancen und regulatorische Hürden
  • Ausblick: Wie Hypernetze das Selbstverständnis von Planung und Gestaltung verändern

Hypernetze: Wenn Künstliche Intelligenz zur Architektin ihrer eigenen Zukunft wird

Hypernetze klingen erst einmal nach Science-Fiction – vielleicht nach neuronalen Superhirnen, die sich selbst replizieren und verbessern. Doch das Konzept ist längst Teil der internationalen KI-Forschung und beginnt, ganz reale Auswirkungen zu entfalten. Ein Hypernetz ist, vereinfacht gesagt, ein neuronales Netzwerk, das nicht nur klassische Aufgaben löst, sondern selbst als Generator und Designer anderer neuronaler Netzwerke agiert. Das heißt: Ein Hypernetz entwirft, optimiert und trainiert andere KIs – und zwar oft deutlich effizienter, kreativer und anwendungsspezifischer, als es von Menschenhand möglich wäre.

Die technische Grundlage dazu liegt in der sogenannten Meta-Learning-Architektur. Hierbei werden nicht nur einzelne Modelle für eine konkrete Aufgabe trainiert, sondern ein übergeordnetes System lernt, wie man optimale Modelle für beliebige Aufgaben und Datenstrukturen generiert. Das Hypernetz fungiert somit als eine Art übergeordneter Architekt, der ständig neue KI-Strukturen entwirft und verfeinert. Während klassische neuronale Netze eine starre Struktur mit festen Parametern aufweisen, generiert das Hypernetz dynamisch die Parameter für andere Netzwerke oder gar deren Architekturen selbst. Das Ergebnis sind hochspezialisierte, adaptive Systeme, die sich perfekt an spezifische Anforderungen anpassen.

Für urbane Planung und Landschaftsarchitektur eröffnet das völlig neue Horizonte. Denn die Komplexität städtischer Systeme – sei es das Verkehrsmanagement, die Steuerung von Energieflüssen oder die Simulation nachhaltiger Wasserinfrastrukturen – übersteigt längst die menschliche Modellierungskapazität. Hypernetze versprechen hier eine neue Qualität: Sie könnten beispielsweise eigenständig KI-Modelle entwickeln, die speziell für die Optimierung von Grünflächen, die Vorhersage von Hitzeinseln oder die Steuerung von Verkehrsflüssen maßgeschneidert sind. Und sie lernen aus jedem neuen Datensatz, aus jeder Veränderung in der Stadt in Echtzeit dazu.

Das revolutionäre Potenzial der Hypernetze liegt in ihrer Fähigkeit, über klassische Automatisierung hinauszugehen. Sie machen aus „Smart Cities“ tatsächlich lernende Städte, in denen urbane Systeme nicht nur auf Daten reagieren, sondern sich selbstständig weiterentwickeln. Für Planer, Architekten und Verwaltungen stellt sich damit nicht mehr die Frage, wie man bestehende Algorithmen sinnvoll nutzt – sondern wie man die richtigen Algorithmen überhaupt erst entstehen lässt.

Natürlich wirft das Konzept der Hypernetze auch viele Fragen auf – insbesondere, was Kontrolle, Transparenz und ethische Implikationen betrifft. Doch es steht außer Zweifel: Die Fähigkeit von KIs, andere KIs zu entwerfen, wird die Grundlagen der Stadtplanung und des urbanen Designs tiefgreifend verändern. Sie eröffnet nicht nur neue technologische Spielräume, sondern stellt auch das Selbstverständnis von Planung und Gestaltung auf den Prüfstand.

Wie Hypernetze funktionieren – und warum sie so radikal anders sind

Um zu verstehen, warum Hypernetze so vielversprechend sind, lohnt sich ein Blick auf die technologische Basis. Im klassischen maschinellen Lernen wird ein Netzwerk direkt auf eine Aufgabe oder einen Datensatz trainiert. Die Architektur – also die Anordnung der Schichten, die Art der Aktivierungsfunktionen und die Zahl der Parameter – wird von Menschen vorgegeben und bleibt im Trainingsprozess unverändert. Das Hypernetz bricht mit diesem Paradigma: Es ist selbst ein neuronales Netzwerk, dessen Output nicht eine Vorhersage, sondern die Parameter oder sogar die gesamte Struktur eines anderen Netzwerks ist.

Stellen Sie sich vor, das Hypernetz ist ein Architekturbüro, das auf Basis von Anforderungen, Daten und Kontext automatisch Baupläne für neue KI-Gebäude erstellt. Je nach Aufgabe – zum Beispiel Verkehrsprognose, Klimasimulation oder Bewässerungsmanagement – entwirft das Hypernetz ein maßgeschneidertes Subnetz, das optimal auf die jeweilige Herausforderung zugeschnitten ist. Das Subnetz wird dann trainiert, eingesetzt und kontinuierlich von seinem Hypernetz-„Architekten“ weiterentwickelt.

Ein zentrales Konzept dabei ist das sogenannte Meta-Learning. Das Hypernetz analysiert nicht nur, was funktioniert, sondern lernt auch, wie man lernt. Es erkennt Muster in den Aufgabenstellungen, versteht, welche Netzwerkarchitekturen für welche Probleme besonders geeignet sind, und kann dieses Wissen auf neue Herausforderungen übertragen. In komplexen urbanen Systemen mit tausenden Variablen – von Feinstaubwerten bis zu Bewegungsmustern im öffentlichen Raum – ermöglicht das eine bislang unerreichte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

In der Praxis bedeutet das: Hypernetze könnten in Echtzeit neue Modelle für Verkehrsströme entwerfen, sobald sich die Bedingungen ändern – etwa nach einem Großereignis, bei Wetterumschwüngen oder durch bauliche Veränderungen. Sie könnten automatisch Simulationsmodelle für die Ausbreitung von Hitze in städtischen Quartieren generieren und dabei neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder aktuelle Sensordaten integrieren. Für die Landschaftsarchitektur könnten Hypernetze individuelle Modelle entwickeln, die Pflanzenauswahl, Bewässerung und Mikroklimasteuerung optimal aufeinander abstimmen – und das pro Standort, in jeder Saison und unter Berücksichtigung von Klimawandel und Biodiversität.

Der Clou: Hypernetze machen Schluss mit starren, einmalig trainierten KI-Modellen. Sie schaffen eine neue Ebene, auf der sich das System selbst verbessert, neue Tools erfindet – und damit weit über die klassischen Grenzen von Automatisierung und Digitalisierung hinausgeht. Sie lernen nicht nur aus Daten, sondern auch aus ihrer eigenen Entwicklung und Anwendung. Das macht sie zum perfekten Werkzeug für die dynamische, resiliente und nachhaltige Stadt von morgen.

Hypernetze in der Anwendung: Chancen für urbane Planung und Landschaftsarchitektur

Was bedeutet das nun konkret für die Praxis? Die ersten Pilotprojekte und Forschungsarbeiten zeigen: Hypernetze eröffnen neue Wege, urbane Systeme ganzheitlich zu denken – und in Echtzeit zu steuern. Nehmen wir das Beispiel Verkehrsmanagement: In einer typischen Großstadt ändern sich Verkehrsströme permanent. Bauarbeiten, Wetter, Großveranstaltungen, neue Mobilitätsangebote – all das beeinflusst, wie Menschen und Fahrzeuge sich bewegen. Klassische KI-Modelle sind hier oft überfordert, weil sie auf historische Daten und feste Annahmen angewiesen sind. Ein Hypernetz hingegen kann für jede neue Situation ein passgenaues Vorhersagemodell generieren und dieses sofort operationalisieren.

Noch spannender wird es bei komplexen Aufgaben wie dem Klimamanagement oder der Planung klimaresilienter Quartiere. Hypernetze könnten beispielsweise Modelle entwerfen, die aus Satellitendaten, lokalen Sensorwerten und Wetterprognosen gezielt Simulationen für Hitzeinseln, Luftzirkulation und Wassermanagement erstellen. Sie könnten für jedes Straßenzugsegment, jeden Park und jedes Gebäude individuelle Handlungsempfehlungen berechnen – und das dynamisch, basierend auf aktuellen und prognostizierten Bedingungen.

Für die Landschaftsarchitektur eröffnen sich ebenfalls völlig neue Spielräume. Pflanzplanungen, Pflegekonzepte und Biodiversitätsstrategien könnten mithilfe von Hypernetzen automatisiert, angepasst und laufend verbessert werden. Statt starre Pflegepläne zu erstellen, könnten adaptive Modelle entstehen, die saisonale Schwankungen, Klimaextreme und ökologische Wechselwirkungen kontinuierlich berücksichtigen. Der Planer wird damit zum Dirigenten eines gesamten Orchesters selbstlernender Systeme – ein Paradigmenwechsel, der die klassische Rolle der Disziplin radikal erweitert.

Ein weiteres Feld: Bürgerbeteiligung und Partizipation. Hypernetze könnten Simulationen und Szenarien automatisch an die Interessen unterschiedlicher Nutzergruppen anpassen, sodass Beteiligungsprozesse nicht mehr auf generischen Modellen, sondern auf maßgeschneiderten, verständlichen und interaktiven Darstellungen basieren. Das macht Beteiligung nicht nur transparenter, sondern auch wirksamer – und hebt die demokratische Qualität der Planung auf ein neues Level.

Schließlich bieten Hypernetze die Chance, urbane Systeme robuster gegen Krisen zu machen. Im Katastrophenfall – etwa bei Hochwasser oder Hitzewellen – könnten sie in Echtzeit neue Modelle generieren, die Gefährdungslagen prognostizieren und optimale Reaktionsstrategien vorschlagen. Sie könnten aus vergangenen Ereignissen lernen und dieses Wissen unmittelbar auf neue Situationen übertragen. Das bedeutet: Städte werden nicht nur „smarter“, sondern auch widerstandsfähiger und anpassungsfähiger – und zwar auf eine Weise, die mit klassischen Methoden kaum erreichbar wäre.

Herausforderungen und Risiken: Kontrolle, Erklärung, Ethik

So vielversprechend Hypernetze auch sind – sie bringen erhebliche Herausforderungen mit sich. Allen voran steht die Frage nach der Erklärbarkeit. Wenn KIs andere KIs entwerfen, entstehen hochkomplexe Systeme, deren Entscheidungsfindung selbst für Experten schwer nachvollziehbar ist. Das berühmte „Black-Box-Problem“ verschärft sich: Nicht nur das Verhalten eines Modells ist schwer zu interpretieren, sondern auch die Art und Weise, wie das Hypernetz überhaupt zu diesem Modell gekommen ist.

Für die urbane Planung und die öffentliche Hand ist das ein dickes Brett. Denn demokratisch legitimierte Entscheidungen dürfen nicht von intransparenten Algorithmen getroffen werden. Es braucht Mechanismen, um die Funktionsweise von Hypernetzen verständlich zu machen, Entscheidungspfade zu dokumentieren und Modelle im Zweifel auditieren zu können. Forschung an sogenannten „explainable AI“-Ansätzen ist hier dringend notwendig – und eine enge Zusammenarbeit zwischen Informatik, Planungswissenschaften und Ethik unabdingbar.

Ein weiteres Risiko liegt in der Kontrolle und Governance der Systeme. Wer entscheidet, welche Daten in die Hypernetz-Architekturen einfließen? Wer definiert die Ziele, nach denen sie neue Modelle entwerfen? Und wer überprüft die Ergebnisse? Ohne klare Regeln besteht die Gefahr, dass Fehlentwicklungen, Verzerrungen oder sogar Diskriminierungen automatisiert werden – und dass die Verantwortung für Planungsentscheidungen zunehmend ins Technische verschoben wird.

Auch die Abhängigkeit von wenigen großen Anbietern und proprietären Plattformen birgt Gefahren. Wenn Hypernetze als Closed-Source-Lösungen in Städten eingesetzt werden, droht die Kommerzialisierung urbaner Infrastrukturmodelle – mit allen Risiken für Transparenz, Datenhoheit und öffentliche Kontrolle. Offene Standards, Open-Source-Ansätze und eine starke öffentliche Governance sind daher essenziell, um die Potenziale der Technologie im Sinne des Gemeinwohls zu nutzen.

Schließlich wirft der Einsatz von Hypernetzen auch ethische Fragen auf. Sie können bestehende Machtstrukturen verstärken, wenn sie etwa auf verzerrten Datensätzen trainiert werden oder bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen. Sie können Planungsprozesse beschleunigen, aber auch entmenschlichen. Die zentrale Aufgabe für Städte, Planer und Politik ist deshalb: Die Technologie so zu gestalten, dass sie nicht nur effizient und innovativ, sondern auch gerecht, inklusiv und nachhaltig wirkt.

Fazit: Hypernetze als Gamechanger für die urbane Zukunft

Hypernetze markieren einen radikalen Sprung in der Entwicklung künstlicher Intelligenz – und damit auch in der Art und Weise, wie Städte, Landschaften und urbane Systeme geplant, gestaltet und gesteuert werden. Indem sie KIs ermöglichen, andere KIs zu entwerfen, schaffen sie eine neue Ebene der Intelligenz, die weit über klassische Automatisierung und Digitalisierung hinausgeht. Für die urbane Praxis bedeutet das: Komplexeste Herausforderungen, von Verkehrsflüssen über Klimaresilienz bis zur Bürgerbeteiligung, könnten künftig mit maßgeschneiderten, selbstlernenden Systemen gelöst werden. Planer, Architekten und Verwaltungen müssen sich darauf einstellen, dass die Gestaltung der Stadt von morgen nicht nur eine Frage des Designs, sondern auch eine der intelligenten Architektur von Algorithmen wird.

Gleichzeitig sind die Risiken real: Erklärbarkeit, Kontrolle, Transparenz und Ethik müssen von Anfang an mitgedacht und gestaltet werden. Nur so kann sichergestellt werden, dass Hypernetze nicht zu intransparenten Machtmaschinen werden, sondern ihr Potenzial im Sinne des Gemeinwohls entfalten. Die Chance liegt darin, die Technologie offen, partizipativ und verantwortungsvoll zu gestalten – und so die Transformation zur lernenden, resilienten und nachhaltigen Stadt aktiv zu prägen.

Fest steht: Hypernetze sind kein ferner Zukunftstraum mehr. Sie sind dabei, urbane Planung und Landschaftsarchitektur grundlegend zu verändern. Wer heute versteht, was Hypernetze leisten können – und welche Herausforderungen sie mitbringen –, kann morgen zu den Pionieren einer neuen, intelligenten Urbanität zählen. Und damit nicht nur Städte smarter machen, sondern lebenswerter, gerechter und zukunftsfähiger gestalten. Willkommen in der Ära der selbstlernenden Stadtmodelle – und der intelligenten Planung von übermorgen.

Mike Davis, 1946 bis 2022
Mike Davis, 1946 bis 2022, Foto: archinect.com via Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Mike Davis schrieb „City of Quartz“, eines der wichtigsten Bücher über die Stadtgeschichte von Los Angeles. Nun ist der kalifornische Urbanist und Marxist im Alter von 76 Jahre gestorben.

In Amerika gibt es wenige echte Linke, aber Mike Davis war einer von ihnen. Der Mann mit dem weißen Bart, der aussah wie ein Trucker, formte das Image seiner Heimatstadt Los Angeles durch sein Buch „City of Quartz“. Nun starb er mit 76 Jahren in San Diego an Krebs. Als er von seiner Erkrankung erfuhr, sagte er, er bereue es, dass er im Bett sterben werde und nicht auf der Barrikade. Er hinterlässt seine fünfte Frau Alessandra Moctezuma und vier Kinder aus zwei Ehen.

Mike Davis – Autor und Aktivist

Davis war eine Ausnahmeerscheinung unter US-Autor*innen, nicht eitel, nicht an dem Literaturzirkus interessiert, sondern an der Sache. Der politischen Sache. Er wurde in einer Stahlarbeiterstadt im ländlichen Kalifornien geboren. Die Familie war von der Armut der Großen Depression geprägt, als seine Mutter Milch stahl, um die Kinder zu ernähren. Sein Vater starb früh, und Davis arbeitete als Teenager in der Großschlachterei seines Onkels. Danach hatte er verschiedene Jobs als LKW- und Busfahrer.

Während der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre studierte er an der University of California in Los Angeles, wo er sich dem SDS (Students for a Democratic Society) anschloss. Er protestierte gegen den Vietnamkrieg und wurde einmal auf einer Demo verhaftet und mit dem Polizeilastwagen ins Gefängnis gebracht. Er trat damals auch der kommunistischen Partei von Kalifornien bei und führte deren Buchladen.

Mike Davis sah früh Zusammenhänge, die heute Allgemeingut sind

Von der intellektuellen Linken aber wandte er sich bald ab. Einmal gefragt, warum es in Amerika keine echte Linke gebe, sagte er: „Die gibt es; es sind die Afro-Amerikaner. Die werden nur von der Gesellschaft nicht wahrgenommen.“ Er selbst sah die anders: Er lud schwarze Gangmitglieder der Crisp in sein Haus ein. Und als 1992 das schwarze Ghetto von South Central LA brannte, fuhr er hin und sprach mit den Aufständigen.

In den siebziger Jahren lebte er eine Zeitlang in Großbritannien und Irland. Zurück in L.A. fing er wieder an, als Lastwagenfahrer zu arbeiten, schrieb aber gleichzeitig an „City of Quartz“, das 1990 erschien. Unglaublich detailreich ist das Buch, es hatte ihn selbst gewundert, dass es so viele Leser*innen fand. „City of Quartz“ ist fast 500 Seiten lang, voll mit Details über Superblocks, reiche und arme Nachbarschaften und deren Beziehungen, mit marxistischen Referenzen (Herbert Marcuse hatte großen Einfluss auf ihn) und den Namen derer, die Macht haben in L.A.; Developer, Politiker*innen, Polizeichefs. Er schrieb auch über die de-fakto-Apartheid, die L.A. in schwarz und weiß, arm und reich trennt. Und er sah schon früh Zusammenhänge, die erst heute Allgemeingut sind.

Liebesbriefe an L.A.

L.A. blieb die Stadt, von der er zeitlebens besessen war. Sein Buch „Set the Night on Fire“ (zusammen mit Jon Wiener) handelt von den Rassenkrawallen in der kalifornischen Metropole in den sechziger Jahren. Das war gefolgt von „Ecology of Fear: Los Angeles and the Imagination of Disaster“. Davis warnt darin nicht nur vor Umweltkatastrophen – Fluten, Erdbeben, Seebeben, Dürren, gewaltigen Waldbränden –, sondern auch vor Pandemien. Heute wurde er bestätigt; damals wurde ihm vorgeworfen, zu übertreiben und L.A. zu hassen. Er hingegen hielt seine Bücher für Liebesbriefe an die Stadt.

Davis forderte in „Ecology of Fear“ auch dazu auf, die Villen der Reichen in Malibu und auf den Hügeln um L.A brennen zu lassen, anstatt öffentliche Gelder zum Schutz von Palästen zu verwenden, die – ignorant oder willentlich – in Tornado- oder Waldbrand-Gebieten gebaut wurden. Auch das brachte ihm Attacken des Establishments ein.

Mike Davis veröffentlichte seine Bücher bei dem britischen Verleger Verso. Seiner Zeit im Großbritannien verdankt sich auch das Buch „Late Victorian Holocaust“, das von den Völkermorden des britischen Imperiums handelt, von Indien bis Irland, auch das ein Bestseller. Er wehrte sich darin gegen die oft vertretene Ansicht, dass es in irgendeinem Land Millionen von Hungertoten geben könne, weil eine Naturkatastrophe stattgefunden hatte. Dahinter, versicherte er, steckten immer politische Entscheidungen.