Mobile Data Mining für temporäre Mobilitätsinterventionen

eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Stadtleben und nachhaltige Mobilität inmitten moderner Hochhäuser, fotografiert von Marek Lumi.





Mobile Data Mining für temporäre Mobilitätsinterventionen: Echtzeitdaten als Planungsrevolution



Temporäre Mobilitätsinterventionen sind das neue urbane Labor – und Mobile Data Mining liefert die Versuchsanordnung, das Messgerät und die Auswertung gleich mit. Wer immer noch meint, Pop-up-Bikelanes, temporäre Spielstraßen oder flexible Umnutzungen seien ein Schuss ins Blaue, hat die Revolution der Echtzeitdaten noch nicht verstanden. Zwischen GPS, Crowd-Sourcing und KI-gestützter Analyse entstehen heute die Prototypen der Stadt von morgen. Doch wie funktioniert das Ganze, was bringt es wirklich – und was bleibt Wunschdenken?

  • Definition und Einordnung: Was ist Mobile Data Mining und warum ist es für temporäre Mobilitätsinterventionen so relevant?
  • Technische Grundlagen: Welche Datenquellen und Analyseverfahren kommen zum Einsatz, wie funktioniert die Echtzeitdatenauswertung?
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Von Pop-up-Radwegen bis zu flexiblen Verkehrsführungen.
  • Potenziale und Herausforderungen: Wie Mobile Data Mining Planung, Beteiligung und Evaluation verändert – und wo die Grenzen liegen.
  • Datenschutz und Governance: Zwischen Technikbegeisterung und gesellschaftlicher Verantwortung.
  • Ausblick: Welche Rolle spielt Mobile Data Mining künftig für resiliente, adaptive und nachhaltige Stadtentwicklung?
  • Empfehlungen für Planer, Städte und Entwickler: Was jetzt zu tun ist, um das Maximum an Mehrwert und Steuerbarkeit zu erreichen.

Mobile Data Mining: Von der Datenspur zur urbanen Experimentierplattform

Wer heute im urbanen Raum unterwegs ist – zu Fuß, auf dem Rad, im Auto oder mit dem Scooter – hinterlässt Datenspuren. Und zwar nicht zu knapp. Smartphones, Fitness-Tracker, Navigations-Apps, E-Scooter-Flotten, Carsharing-Fahrzeuge und selbst vernetzte Ampelanlagen erzeugen eine bislang ungekannte Dichte an Mobilitätsdaten. Mobile Data Mining nutzt diese Datenströme, um Muster zu erkennen, Bewegungen zu analysieren und letztendlich daraus handlungsleitende Erkenntnisse für die Stadtentwicklung zu gewinnen. Während klassische Verkehrszählungen oft nur Momentaufnahmen liefern, ermöglichen mobile Daten eine kontinuierliche, flächendeckende und vor allem hochdynamische Analyse urbaner Mobilität.

Der eigentliche Clou: Mobile Data Mining ist kein rein technisches Hobby für Data Scientists. Es ist längst ein zentrales Werkzeug für Planer, Verkehrsingenieure und Landschaftsarchitekten geworden, die temporäre Interventionen im Stadtraum testen, evaluieren und skalieren wollen. Pop-up-Radwege, temporäre Fußgängerzonen oder flexible Shared Spaces werden so nicht mehr auf Basis von Bauchgefühl oder politischem Wetter gemacht, sondern mithilfe harter, datengestützter Evidenz geplant, umgesetzt und justiert.

Diese Entwicklung hat einen Paradigmenwechsel eingeläutet: Weg von der statischen Verkehrsplanung, hin zu einer agilen, iterativen und experimentellen Stadtgestaltung. Temporäre Interventionen werden zum Prototypen künftiger Mobilität – und Mobile Data Mining zum unverzichtbaren Werkzeug des urbanen Labs. Wer wissen will, ob eine neue Verkehrsführung tatsächlich zu weniger Stau, mehr Sicherheit oder einer höheren Aufenthaltsqualität führt, braucht Daten, die nicht nur in Tabellen, sondern im echten Stadtraum entstehen.

Hinzu kommt: Mobile Data Mining eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Beteiligung und Transparenz. Nutzer können selbst Teil des Datenerzeugungsprozesses werden, Apps und Plattformen ermöglichen Feedback in Echtzeit, und die Ergebnisse sind – zumindest theoretisch – für alle nachvollziehbar. Das schafft nicht nur Vertrauen in temporäre Interventionen, sondern macht aus anonymen Bewegungsdaten lebendige Geschichten über Stadt, Mobilität und Nutzung.

Doch so verheißungsvoll das alles klingt: Mobile Data Mining wirft auch neue Fragen auf. Wer kontrolliert die Datenströme? Wie wird Datenschutz gewährleistet? Und wie lassen sich technologische Möglichkeiten mit stadtplanerischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit in Einklang bringen? Die Antwort darauf entscheidet, ob Mobile Data Mining tatsächlich zum Gamechanger oder nur zum kurzfristigen Hype wird.

Technische Grundlagen: Datenquellen, Analyseverfahren und Echtzeitpotenziale

Bevor die großen Versprechen eingelöst werden, lohnt sich ein nüchterner Blick auf das, was Mobile Data Mining technisch eigentlich bedeutet. Im Zentrum stehen verschiedenste Datenquellen, die sich grob in zwei Gruppen einteilen lassen: Zum einen sind da die passiven Datenströme – also Informationen, die automatisch durch die Nutzung digitaler Dienste generiert werden, etwa GPS-Daten von Smartphone-Apps, Nutzungsstatistiken von Sharing-Anbietern, WLAN-Tracking oder anonymisierte Bewegungsdaten von Navigationssystemen. Zum anderen gibt es die aktiven Datenquellen, bei denen Nutzer explizit Informationen bereitstellen, zum Beispiel über Feedback-Apps, Online-Umfragen oder partizipative Kartierungsplattformen.

Die Kunst des Mobile Data Mining besteht darin, diese heterogenen Datenquellen zu integrieren, zu bereinigen und mit klassischen Planungsdaten – etwa Verkehrszählungen, städtebaulichen Geodaten oder Umweltdaten – zu verknüpfen. Hier kommen fortgeschrittene Analysemethoden zum Einsatz: Von räumlich-zeitlichen Clustering-Algorithmen über maschinelles Lernen bis hin zu sogenannten Mobility Pattern Recognition, also der automatisierten Erkennung wiederkehrender Bewegungsmuster. Moderne Plattformen ermöglichen es sogar, Simulationen auf Basis aktueller Live-Daten zu fahren – und damit Interventionen quasi im laufenden Betrieb zu evaluieren.

Ein zentrales Schlagwort ist die Echtzeitfähigkeit. Was im Wetterbericht seit Jahrzehnten Standard ist, hält nun auch Einzug in die urbane Mobilität: Dashboards zeigen live, wie sich Verkehrsströme verschieben, wie stark bestimmte Knotenpunkte frequentiert werden, wo temporäre Maßnahmen greifen – und wo nachgesteuert werden muss. Die Kombination von Echtzeitdaten und Visualisierungswerkzeugen hebt die Verständlichkeit für Planer und Entscheider auf ein völlig neues Niveau. Wo früher monatelang auf die Auswertung von Verkehrszählungen gewartet wurde, können heute binnen Minuten neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Besonders spannend wird es, wenn Mobile Data Mining mit den Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) kombiniert wird. KI-gestützte Systeme sind in der Lage, selbst komplexe Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Variablen zu erkennen, Prognosen für zukünftige Entwicklungen zu erstellen oder sogar automatisiert Handlungsempfehlungen auszusprechen. Damit wird aus der Datenauswertung ein dynamisches Steuerungsinstrument, das temporäre Interventionen nicht nur begleitet, sondern aktiv optimiert.

Natürlich hat jede Datenquelle ihre Eigenarten und Fehlerquellen. GPS-Daten können verzerrt sein, Nutzergruppen sind selten repräsentativ, Datenschutzauflagen setzen Grenzen. Wer Mobile Data Mining auf professionellem Niveau betreibt, muss daher nicht nur technisch versiert sein, sondern auch die Kunst der Datenkritik beherrschen: Welche Daten sind belastbar, wo lauern Fallstricke, und wie kann Transparenz gewahrt werden? Nur so wird aus der Datenflut tatsächlich ein Gewinn für die urbane Planungspraxis.

Praxisbeispiele: Zwischen Pop-up-Radwegen, flexiblen Verkehrsführungen und urbaner Resilienz

Kaum ein Thema hat die Diskussion um temporäre Mobilitätsinterventionen in den letzten Jahren so dominiert wie die Pop-up-Radwege, die vielerorts als Reaktion auf die Corona-Pandemie entstanden sind. Berlin, München, Wien, Zürich oder Basel – fast überall wurden kurzfristig Fahrspuren umgewidmet, neue Radverbindungen getestet und Straßenräume flexibel bespielt. Mobile Data Mining spielte dabei eine Schlüsselrolle: GPS-Tracking von Fahrrad-Apps, Floating Car Data aus Navigationssystemen und Sensordaten aus Lichtsignalanlagen machten sichtbar, wie sich Verkehrsströme verschoben, wie Nutzer die neuen Angebote annahmen und ob die Maßnahmen ihre Ziele erreichten.

In Berlin etwa zeigte die Analyse von Bewegungsdaten schon nach wenigen Wochen, dass die temporären Radwege nicht nur von der Zielgruppe angenommen wurden, sondern auch zu einer messbaren Entlastung angrenzender Straßen beitrugen. Gleichzeitig wurden Schwachstellen sichtbar: An einigen Knotenpunkten entstanden neue Konflikte, die in klassischen Planungsansätzen schlicht übersehen worden wären. Mobile Data Mining ermöglichte es, die Interventionen flexibel nachzujustieren – etwa durch Anpassung der Signalsteuerung oder zusätzliche Schutzmaßnahmen.

Auch im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs gewinnt Mobile Data Mining an Bedeutung. In Zürich wurden temporäre Busspuren mithilfe von Echtzeit-ÖPNV-Daten und anonymisierten Bewegungsprofilen evaluiert. Die Ergebnisse flossen direkt in die Feinabstimmung der Taktung und Haltestellenplanung ein. In Wien nutzte man Sensorik und App-Daten, um die Wirksamkeit temporärer Spielstraßen und autofreier Zonen zu überprüfen – und ließ die Bevölkerung über Feedback-Tools aktiv an der Auswertung teilhaben.

Ein weiteres spannendes Feld sind temporäre Interventionen zur Erhöhung der urbanen Resilienz. In Basel wurden beispielsweise flexible Verkehrsführungen eingerichtet, um bei Starkregenereignissen kritische Infrastrukturen zu entlasten. Mobile Data Mining half hier, die tatsächlichen Verkehrsverlagerungen und Nutzungsmuster in Echtzeit zu erfassen – eine wichtige Grundlage, um solche Maßnahmen künftig gezielter und wirksamer einzusetzen.

All diese Beispiele zeigen: Mobile Data Mining ist nicht nur technisches Beiwerk, sondern ein integraler Bestandteil der neuen, experimentellen Stadtplanung. Die Fähigkeit, temporäre Interventionen schnell, evidenzbasiert und partizipativ zu steuern, wird zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil für Städte, die sich als Innovationslabor der Mobilität verstehen.

Potenziale, Herausforderungen und Governance: Zwischen Datenrausch und Verantwortungsbewusstsein

Mobile Data Mining verspricht viel – und kann tatsächlich viel. Doch wie immer, wenn neue Technologien in bestehende Strukturen einziehen, ist der Weg vom Potenzial zur gelebten Praxis steinig. Ein zentrales Versprechen ist die Flexibilisierung der Planung: Temporäre Interventionen werden nicht mehr als Einbahnstraße gedacht, sondern als reversibles Experiment. Mobile Daten machen sichtbar, was funktioniert – und was eben nicht. Die iterative Anpassung von Maßnahmen wird dadurch zum neuen Standard, Planung zum lernenden Prozess.

Ein weiteres Potenzial liegt in der Demokratisierung der Planung. Beteiligungsformate, die auf mobilen Daten und Echtzeitfeedback setzen, können mehr Menschen einbinden, Barrieren senken und die Akzeptanz von Maßnahmen erhöhen. Transparente Visualisierungen machen komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar, ermöglichen neue Formen der Partizipation und stärken das Vertrauen in die Planung.

Doch damit diese Chancen nicht ins Gegenteil umschlagen, braucht es klare Spielregeln. Datenschutz ist dabei das offensichtlichste Thema: Die Erfassung und Auswertung von Bewegungsdaten muss strikt anonymisiert erfolgen, die Einhaltung der DSGVO ist Pflicht, nicht Kür. Noch wichtiger ist die Frage der Governance: Wer entscheidet, welche Daten erhoben und wie sie ausgewertet werden? Wie werden Ergebnisse kommuniziert, und wie können alle relevanten Akteure – von der Verwaltung bis zur Zivilgesellschaft – eingebunden werden?

Technisch sind die Hürden hoch: Daten müssen interoperabel, qualitätsgesichert und kompatibel mit bestehenden Planungstools sein. Die Integration von Mobile Data Mining in bestehende Prozesse erfordert eine neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Planern, IT-Experten und Bürgern. Und nicht zuletzt gilt: Daten sind nie neutral. Algorithmische Verzerrungen, unvollständige Datensätze oder die systematische Ausblendung bestimmter Nutzergruppen können zu falschen Schlüssen führen – mit potenziell gravierenden Folgen für die Planungspraxis.

Wer Mobile Data Mining als Chance begreift, muss daher mehr tun, als nur neue Sensoren auszubringen oder Dashboards zu bauen. Es geht um ein neues Verständnis von Stadtplanung als datengetriebenem, partizipativem und lernendem Prozess – in dem Technik, Verantwortung und gesellschaftliche Ziele immer zusammengedacht werden müssen.

Ausblick und Fazit: Mobile Data Mining als Motor der temporären Stadttransformation

Der Siegeszug temporärer Mobilitätsinterventionen wäre ohne die Möglichkeiten des Mobile Data Mining kaum denkbar. Was vor wenigen Jahren noch als visionärer Leuchtturm galt, ist heute Alltag in vielen Metropolen – und der Standard für alle, die mit knappen Ressourcen, hohen Erwartungen und einem steten Innovationsdruck arbeiten. Wer temporäre Maßnahmen nicht nur initiieren, sondern auch wirksam steuern und weiterentwickeln will, kommt an der intelligenten Nutzung mobiler Daten nicht vorbei.

Gleichzeitig bleibt Mobile Data Mining ein Feld, das ständige Aufmerksamkeit und Weiterentwicklung verlangt. Technologische Innovationen, gesellschaftliche Erwartungen und regulatorische Rahmenbedingungen verändern sich rasant – und mit ihnen die Anforderungen an Planung, Beteiligung und Governance. Wer als Stadt, Planer oder Entwickler den Anschluss nicht verlieren will, sollte jetzt investieren: In Datensouveränität, technische Infrastruktur, interdisziplinäre Kompetenzen und nicht zuletzt in die Fähigkeit, aus Daten echte Geschichten und tragfähige Lösungen zu machen.

Für die Zukunft bedeutet das: Mobile Data Mining wird zum Herzstück einer resilienten, adaptiven und nachhaltigen Stadtentwicklung. Temporäre Interventionen werden nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regel verstanden – und die Fähigkeit, sie datenbasiert zu steuern, wird zum entscheidenden Faktor für urbane Lebensqualität. Wer diese Entwicklung aktiv gestaltet, kann Städte schaffen, die nicht nur reagieren, sondern proaktiv Zukunft gestalten.

Abschließend lässt sich sagen: Mobile Data Mining ist kein Selbstzweck, sondern ein mächtiges Werkzeug – vorausgesetzt, es wird verantwortungsvoll, transparent und im Dienste der Stadtgesellschaft eingesetzt. Für Planer, Städte und Entwickler eröffnet sich damit die Chance, temporäre Mobilitätsinterventionen von der Notlösung zum Innovationsmotor zu machen. Die urbane Zukunft beginnt genau jetzt – und sie schreibt sich in Echtzeit, Datensatz für Datensatz.

Die Möglichkeiten, die Mobile Data Mining für temporäre Mobilitätsinterventionen eröffnet, sind enorm. Die technische Basis ist vorhanden, die ersten Best-Practice-Beispiele zeigen, was möglich ist. Entscheidend wird sein, wie Städte, Planer und die Gesellschaft als Ganzes mit dieser Macht umgehen. Nur so wird aus der Datenrevolution ein echter Fortschritt für die lebenswerte, innovative und nachhaltige Stadt von morgen.


Das könnte Sie auch interessieren
bhm Planungsgesellschaft: Rennbahnpark in Frankfurt am Main
Back to the roots – Natur erfahren
In einem reifen Weizenfeld steht ein Windrad, im Vordergrund führt eine Straße vorbei, im Hintergrund erstreckt sich ein Wald, der Himmel ist blau mit wenigen, kleinen Wolken; Wie können Anlagen für Erneuerbare Energie geplant und gestaltet werden, dass sie nicht nur funktional sind – sondern sich mit der Landschaft vertragen und die Gesellschaft sie akzeptiert? Dieser Frage ging ein Webinar des vhw zu dialogischer Planung von Energielandschaften nach. Foto: Bernd Dittrich auf Unsplash
Dialogische Planung: Energielandschaften gestalten
ein-auto-das-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlangfahrt--9y51C2_SVY
Wie Helsinki Mobilitätsflüsse als Planungsparameter in Echtzeit nutzt
luftbild-der-stadt-tQJ2iy0bmYY
Stadtplanung als Mediatorin – zwischen Klimaziel, Wirtschaft und Alltag
Citizen Science
Claude Monet
Landschaft – so viel in einem Begriff
hochwinkelfotografie-der-stadt-RvCbIQ0S-Lc
Stadtplanung als Aushandlungsprozess – Praktiken der politischen Vermittlung
luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-GLnZNGNCqj4
Was ist Reinforcement Learning with Human Feedback (RLHF)?
ein-blauer-bus-fahrt-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-hinunter-p_Gg3dlEzwg
Verkehrs-Digitalisierung als Dienstleistung – Mobility-as-a-Platform

Formeln gegen den Regen

In der südchinesischen Küstenstadt Shenzhen wurden noch bis 1980 Fische gezüchtet und Reis angebaut. Doch dann entstand, in unmittelbarer Nähe zu Hong Kong, Chinas erste Sonderwirtschaftszone. Die gesamte Zone wurde in kürzester Zeit bebaut, und auch das Umland urbanisierte sich – allerdings trotz zahlreicher Masterpläne informell und ungeplant. Heute, nicht mal dreißig Jahre nach Gründung der Sonderwirtschaftszone, zählen Shenzhen und die angrenzenden Städte im südchinesischen Perlflussdelta zu den größten und am schnellsten wachsenden urbanisierten Regionen der Welt.

Transformation der Landschaft

Dieser Urbanisierungsprozess veränderte die Morphologie und die Wassersysteme der ursprünglichen Landschaft drastisch. Flüsse wurden kanalisiert und unter die Oberfläche verlegt, das hügelige Terrain eingeebnet. An der Küste und zur Grenze Hong Kongs drängen sich die Gebäude dicht an dicht. Weil es keine bebaubaren Flächen mehr gibt, wurde an der Küste Land aufgeschüttet. Steigende Wohnungspreise treiben diese Entwicklung immer weiter voran. Schon lange können die natürlichen Flussläufe den Wasserbedarf der Städte im Perlflussdelta nicht mehr decken. Niederschläge gäbe es genug, doch die Wasserqualität der Flüsse ist zu schlecht. Daher wurden an den Ausläufern der großen, noch bestehenden Berge große Wasserreservoirs gebaut, um die Menschen mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen.

Städtebaulicher Wandel

In den Stadtteilen Bao’an und Longgang prägten zunächst kleinere Fabriken und sogenannte Urban Villages das Stadtbild. Häuser stehen dort so dicht, dass man auch von „Handshake-Buildings“ spricht. Nur selten findet man in diesen Vierteln unbebaute Restflächen, auf denen Platz für einen Baum oder zumindest eine Palme wäre. Je nach Entwicklungsstatus der Villages fehlt den Bewohnern jeglicher Komfort. Viele der Wohnungen sind schlecht belüftet, bieten wenig Licht und sind überbelegt. Da das Kanalsystem nicht ausreicht, stehen die Viertel bei Starkregen sofort unter Wasser. Bisher sind die Urban Villages daher fast ausschließlich Wohnort der Armen, der Wanderarbeiter, die ihr Geld für ihre Familien in der Heimat benötigen. Häufig leben in den Urban Villages größere Gruppen von Menschen, die aus dem gleichen Dorf stammen. Die Urban Villages sind zwar die erste Anlaufstelle, doch aufgrund der Lebensverhältnisse meist nur als Übergangslösung vorgesehen. Zu den Vierteln selbst bestehen nur selten Bindungen, stattdessen wünscht man sich den sozialen Aufstieg und eine Wohnung in einem der neuen Wohnhochhäuser.

Trend: Gated Communities

Diese neuen Wohntürme mit fünfzehn bis fünfzig Stockwerken, findet man überall in der Stadt. Meistens sind mehrere Türme zu einer Gated Community zusammengeschlossen – große, unzugängliche Inseln der Mittelschicht. Während ältere Gebiete durch Mauern vom Stadtraum abgeschottet sind, stehen neuere auf erhöhten Erdgeschossplatten, die neben der Tiefgarage bei entsprechend guter Lage auch Supermärkte und Restaurants bieten. Derartige Gated Communties und hochwertige Wohnhochhäuser entstanden in Bao’an und Longgang erst nach 2005. Doch seitdem entstehen sie überall. Zeitgleich werden die Stadtstraßen ausgebaut. Zog Shenzhen zuvor vor allem Wanderarbeiter an, hat sich die Stadt mittlerweile zu einem wichtigen Standort für große Firmen entwickelt, die gut ausgebildetes Fachpersonal benötigen. Für die Mittelschicht bietet die Innenstadt der ersten Sonderwirtschaftszone nicht mehr genügend bezahlbaren Wohnraum. Große Immobilienentwickler drängen immer stärker in die bisherigen Randlagen. Urban Villages und Fabriken werden zugunsten von Großprojekten abgerissen, man schafft Platz für neue Gated Communities und neue Vehrkehrsachsen. Weil die Gated Communities privaten Rückzugsbereiche sind, verkommt der verbleibende Freiraum zu rein funktionalen Bereichen ohne eigene Qualität.

Viele der Fabriken wandern in günstigere Randlagen oder in Nachbarländer ab. Wenn aber Urban Villages abgerissen werden, hat das zugleich einen Verlust günstigen Wohnraums zur Folge. Haus- oder Wohnungsbesitzer erhalten zwar in einem der neuen Wohntürme eine Ersatzwohnung und werden finanziell entschädigt. Die Mieter jedoch, die Wanderarbeiter, werden aus dem Stadtteil verdrängt. Viele haben inzwischen einen Job in Restaurants, in einer der zahlreichen Shopping Malls oder bei den Immobilienentwicklern. Sie werden lange Pendelwege auf sich nehmen müssen. Denn sie werden immer weiter an den Stadtrand gedrängt, während die Mittelschicht in den neuen Wohnkomplexen lebt. Der Stadtumbau führt letztendlich zu einer Segregation der Stadtgesellschaft.

Gegentrend: Erhalten

Doch es gibt einen Gegentrend: das Urban Village Restoration Programm. Urban Villages sind zu einer Eigenart Shenzhens geworden, die durch die Tabula-Rasa-Planungen verlorengeht. Dynamisch gewachsene Strukturen wie die der Urban Villages ermöglichen ein punktuelles Um- und Anbauen, weil sie im Gegensatz zu den Typologien der großen Wohnungsbauunternehmen kleinteilig und erweiterbar sind. Sie bieten auch kleinen selbstständigen Betrieben gute Geschäftslagen. Auf lange Sicht könnten sie sich in beliebte Viertel wandeln. Beispiele dafür sind der studentische Global Schindler Award 2015 oder der Urban Regeneration Masterplan of Sungang and Qingshuihe von KCAP. Auch Projekte der Shenzhen Bi-City Biennale of Urbanism/Architecture zeigen unter dem Motto „Re-Living the City“, dass ein Umbau ressourcenschonender ist als Neubau und nach Jahren des Wachstums nun vor allem der Bestand aufgewertet werden muss. Das ist ein wichtiger Schritt, damit die Stadt eine Art von Permanenz entwickeln kann und ihre historischen Schichten ablesbar bleiben. Auch den alten Dorfkernen in Shenzhen, die heute oft unbeachtet verfallen, könnte bald schon wieder zu neuer Prominenz verholfen werden. Durch behutsame Erneuerungsprojekte im Bestand und Nachverdichtungsmöglichkeiten in ehemaligen Fabrikarealen kann Shenzhen eine stärkere Eigenart entwickeln als bisher, die eine eigene Form von Urbanität hervorbringt.

Mehr zum Thema lesen Sie in Garten+Landschaft 11/2016 – Planen mit Regenwasser.

In Chicago, the new Maggie Daley Park and Chicago Riverwalk exemplify the trend for cities to build high-profile works of landscape architecture to spur reinvestment in historic urban cores. In this era of decreased federal and municipal funding for such projects, private investment is increasingly called upon. As a result, and as a range of new spaces in Chicago demonstrate, the landscape architect has emerged as a mediator between commercial interests and civic responsibilities. 

High-profile landscape architecture projects are by now obligatory tools for American municipal governments seeking to attract investment dollars and jobs. The narrative of outmoded infrastructure or former industrial land turned park is by now well established and the discipline of landscape architecture has emerged as a leader in their design. Catalyzed by these new public spaces, American downtowns and nearby neighborhoods are experiencing what the popular press and scholars alike herald as a “return to the city” or an “urban renaissance.”

But whose renaissance is it? Who is returning? It is urgent to frame these spaces historically and geographically to take stock of the effects recent works are having on the spatial, social, and ecological dimensions of American cities. Reframing the urban as a multi-scalar process producing historically specific moments of urbanization, not just a politically bounded aggregation of individual objects, helps productively complicate this popular narrative.

The Right to Open Space

Chicago typifies the aforementioned changes. However, when considered against the backdrop of the city’s civic-minded 19th- and 20th-century public open space and infrastructure projects, its recent landscape transformations beg questions regarding agency, equity, and design. From the city’s very inception, Chicago’s citizens and civic leaders demonstrated a precocious awareness of the value of open space. On an 1839 map drawn up by Canal Commissioners, a portion of the Lake Michigan lakefront was set aside as open space and labeled “Public ground forever to remain vacant of buildings.”

It eventually became Grant Park and its status as an open and free space is protected by law. Likewise, an ethos of publicness pervades Burnham and Bennett’s 1909 Plan of Chicago, which to this day has an astonishing influence on local planning and design decisions.

With its legacy of equitable open space and strong record of consistently building infrastructure, parkland, and architecture of significance, the latest era of Chicago parks is a locally specific version of national trends. […]

Read more in Topos 94 – City Visions.