Straßen als Wassermanager – Drainage, Retention und Kühlung vereint

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Intensive Verkehrsszene zwischen modernen Hochhäusern in einer deutschen Metropole. Foto von Bin White

Kann eine Straße mehr als nur Asphalt sein? In einer Zeit, in der Städte unter Hitzestress, Starkregen und Ressourcenknappheit ächzen, werden Straßen zu echten Alleskönnern: Sie managen Wasser, kühlen Quartiere und schenken der Stadt ein neues Mikroklima. Wer jetzt noch denkt, Drainage und Retention seien nur Randfiguren im Straßenbau, verpasst die eigentliche Revolution der urbanen Infrastruktur.

  • Definition und Entwicklung von Straßen als zentrale Elemente des urbanen Wassermanagements
  • Funktionsweisen moderner Drainage- und Retentionssysteme im Straßenraum
  • Synergieeffekte zwischen Wassermanagement, Hitzereduktion und Stadtklima
  • Technische, planerische und rechtliche Herausforderungen für Kommunen und Planungsbüros
  • Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Best-Practice-Projekte und Lessons Learned
  • Innovative Materialien, Gestaltungselemente und Simulationstechnologien für multifunktionale Straßen
  • Die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Planern, Ingenieuren und Verwaltung
  • Ausblick: Straßen als resiliente, adaptive Infrastruktur für die Stadt der Zukunft

Wasser auf der Straße? Von der Problemzone zur urbanen Ressource

Wer Straßen bislang nur als Verkehrsflächen begreift, übersieht ihr enormes Potenzial für das urbane Wassermanagement. In dichtbesiedelten Städten sind Straßen heute weit mehr als reine Transportadern – sie sind flächendeckende, konstant beanspruchte Infrastrukturelemente, die täglich mit Regen, Hitze und Verschmutzung konfrontiert sind. Klassische Straßenprofile leiteten Wasser jahrzehntelang möglichst schnell in die Kanalisation ab, getreu dem Motto: Weg mit dem Nass, bevor es Probleme macht. Doch die Realität der Klimakrise zwingt Städte zum Umdenken. Plötzliche Starkregenereignisse, überforderte Kanäle und steigende Temperaturen verlangen nach Straßen, die Wasser nicht mehr nur ableiten, sondern intelligent managen – aufnehmen, speichern, reinigen und, wenn nötig, gezielt wieder abgeben.

Die Entwicklung hin zur multifunktionalen Straße ist keine Spielerei für Zukunftsvisionäre, sondern eine handfeste Notwendigkeit. Städte wie Kopenhagen, Zürich oder auch Hamburg experimentieren längst mit Straßen, die als Retentionsflächen, Kühlzonen und sogar als urbane Biotope fungieren. Diese neue Generation von Straßenbau vereint Drainage, Retention und Verdunstung zu einem ganzheitlichen System. Das Ziel: Regenwasser nicht als Störfaktor, sondern als Ressource zu begreifen, die zur Resilienz und Lebensqualität des urbanen Raums beiträgt. Dabei spielt die Durchlässigkeit von Oberflächen, die Topografie der Straße und die Integration von Vegetation eine Schlüsselrolle. Poröse Beläge, Mulden-Rigolen-Systeme oder Baumrigolen verwandeln den Straßenraum in eine Art urbane Schwammfläche, die nicht nur Wasser puffert, sondern auch zur Verbesserung des Stadtklimas beiträgt.

Ein weiterentwickeltes Verständnis von Straßen fordert auch neue Perspektiven bei der Planung und Gestaltung. Der Straßenraum wird zur Bühne für innovative Lösungen, die auf lokale Bedingungen und klimatische Herausforderungen zugeschnitten sind. Statt monofunktionaler Asphaltflächen setzen Planer zunehmend auf modulare Aufbauten, die sich flexibel an unterschiedliche Niederschlagsmengen, Bodenverhältnisse und Nutzungsanforderungen anpassen lassen. Das erfordert interdisziplinäres Denken und eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtplanern, Landschaftsarchitekten, Ingenieuren und der Verwaltung. Die Herausforderung: technische Exzellenz so zu integrieren, dass sie nicht im Widerspruch zu gestalterischer Qualität und städtebaulicher Identität steht.

Die Umwandlung von Straßen in Wassermanager ist aber nicht nur ein technisches, sondern auch ein soziales Projekt. Akzeptanz bei Anwohnern, Nutzern und lokalen Akteuren ist essenziell, um innovative Lösungen dauerhaft zu verankern. Transparente Kommunikation, Partizipation und die Einbindung lokaler Bedürfnisse sind deshalb zentrale Elemente jeder erfolgreichen Transformation. Wer den Mehrwert von Retentionsflächen, begrünten Baumscheiben oder temporären Überschwemmungszonen überzeugend vermittelt, eröffnet neue Spielräume für nachhaltige Stadtentwicklung.

Fazit: Die Zukunft der Straße liegt nicht im reinen Verkehrsfluss, sondern in ihrer Fähigkeit, Wasser als gestaltendes und regulierendes Element in die Stadt zurückzuholen. Der Wandel zum urbanen Wassermanager ist längst eingeläutet – es gilt, ihn mutig, intelligent und integrativ zu gestalten.

Drainage, Retention und Kühlung – so funktioniert die multifunktionale Straße

Das Herzstück moderner Straßen als Wassermanager liegt in der Verbindung dreier zentraler Funktionen: Drainage, Retention und Kühlung. Drainage beschreibt die gezielte Ableitung von Wasser aus dem Straßenraum, um Überflutungen und Schäden an der Infrastruktur zu vermeiden. Klassische Systeme wie Straßenrinnen, Gullys oder Kanalanschlüsse sind längst Standard, stoßen aber bei Starkregen schnell an ihre Grenzen. Hier kommen innovative Elemente wie Mulden-Rigolen-Systeme ins Spiel: Diese kombinieren offene Mulden mit unterirdischen Rigolen, also mit Kies oder speziellen Kunststoffen gefüllten Speicherräumen, die das Niederschlagswasser aufnehmen, reinigen und zeitverzögert an den Untergrund oder das Kanalnetz abgeben. Das reduziert die Belastung der Kanalisation und fördert die lokale Grundwasserneubildung.

Retention bedeutet, Wasser gezielt zurückzuhalten – temporär auf der Oberfläche oder dauerhaft im Untergrund. Retentionsflächen können als flache Senken, begrünte Mittelstreifen oder sogar als Parkstreifen gestaltet werden, die bei Starkregen als Puffer wirken. Besonders interessant sind sogenannte Baumrigolen: Unter jeder Straßenbaumreihe verbirgt sich ein unterirdischer Speicher, der Regenwasser sammelt und langsam an die Wurzeln abgibt. Das fördert nicht nur das Wachstum der Bäume, sondern trägt auch zur Kühlung der Umgebung bei. Die Integration von Retentionsflächen in den Straßenraum erfordert jedoch eine präzise Planung: Topografie, Bodenbeschaffenheit und das lokale Klima müssen ebenso berücksichtigt werden wie die Belastbarkeit der Straße und die Anforderungen des Verkehrs.

Die dritte Funktion – Kühlung – gewinnt in Zeiten zunehmender Hitzeperioden enorm an Bedeutung. Straßen mit hoher Versiegelung speichern und abstrahlen Wärme, was die Bildung von urbanen Hitzeinseln fördert. Durch die gezielte Verdunstung von Wasser aus Mulden, begrünten Flächen oder porösen Belägen lässt sich die Umgebungstemperatur spürbar senken. Vegetation spielt dabei eine doppelte Rolle: Sie erhöht nicht nur die Verdunstungsleistung, sondern spendet durch Verschattung zusätzlichen Kühlungseffekt. Neuartige Beläge, die Wasser speichern und langsam wieder abgeben, unterstützen diesen Prozess. In Kombination mit intelligenten Bewässerungssystemen können Straßen so zu echten Klimaregulatoren werden.

Technisch anspruchsvoll wird die Verbindung dieser Funktionen durch die Integration digitaler Technologien. Sensorik, IoT-Plattformen und digitale Zwillinge ermöglichen es, Wasserflüsse in Echtzeit zu überwachen, Retentionskapazitäten effizient zu steuern und Kühlpotenziale gezielt zu nutzen. Simulationen helfen, verschiedene Szenarien durchzuspielen und die optimale Lösung für jede Straße zu finden. Das ist keine Spielerei, sondern ein Muss, um die knappen Ressourcen im urbanen Raum effizient und nachhaltig einzusetzen.

Die multifunktionale Straße ist also weit mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Sie verkörpert einen Paradigmenwechsel im urbanen Wassermanagement – von der reaktiven Entwässerung hin zur proaktiven Steuerung und Nutzung von Wasser als Ressource. Wer diesen Wandel meistern will, muss nicht nur technisch fit, sondern auch bereit sein, neue Wege in Planung, Gestaltung und Betrieb zu beschreiten.

Best Practice: Pioniere und Leuchtturmprojekte aus dem deutschsprachigen Raum

Die Theorie klingt überzeugend, doch wie sieht es in der Praxis aus? Im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche spannende Projekte, die zeigen, wie Straßen zu intelligenten Wassermanagern werden können. Ein Paradebeispiel liefert die Stadt Kopenhagen, die mit ihrem „Cloudburst Management“-Programm weltweit Maßstäbe setzt. Straßen werden dort gezielt so modelliert, dass sie bei Starkregen als temporäre Fließwege und Rückhalteräume funktionieren. Mulden, kleine Schwellen und grüne Inseln sorgen dafür, dass Wasser kontrolliert durch die Stadt geleitet und in Parks oder Retentionsbecken gepuffert wird. Die Ergebnisse: weniger Überflutungen, mehr Biodiversität und eine spürbare Verbesserung des Mikroklimas.

Auch in Deutschland gibt es innovative Ansätze. Die Hamburger Hafencity setzt auf ein durchdachtes System aus begrünten Dächern, durchlässigen Pflasterungen und unterirdischen Speichern, die Regenwasser auffangen, reinigen und zur Bewässerung der Vegetation nutzen. Die Straßenräume werden so zu multifunktionalen Elementen, die nicht nur Verkehr, sondern auch Wasser, Pflanzen und Menschen beherbergen. In Frankfurt am Main entstehen im Rahmen des Projekts „Schwammstadt Frankfurt“ Pilotstraßen mit Baumrigolen und wasserdurchlässigen Belägen, die Hitze mindern und das Stadtgrün langfristig sichern sollen.

Wien wiederum spielt eine Vorreiterrolle, wenn es um die Integration von Simulationstechnologien in die Straßenplanung geht. Die Stadt setzt auf digitale Zwillinge, um die Wirkung von Retentionsflächen, Drainagesystemen und Begrünung in Echtzeit zu analysieren. So können Planer verschiedene Szenarien durchspielen und die optimale Kombination aus Entwässerung, Kühlung und Aufenthaltsqualität bestimmen – lange bevor die erste Baumaschine anrückt. Das Ergebnis sind Straßenräume, die nicht nur funktional, sondern auch gestalterisch überzeugen.

Die Schweiz punktet mit ingenieurtechnischer Präzision. In Zürich werden Straßen systematisch als Teil des städtischen Schwammstadt-Konzepts gestaltet. Hier fließt das Regenwasser nicht in den Kanal, sondern wird über begrünte Senken und Rigolen in den Boden geleitet. Sensoren messen Feuchtigkeit und Temperatur, um die Effizienz der Systeme laufend zu optimieren. Die Stadt nimmt damit eine Vorreiterrolle in Sachen datenbasiertes Wassermanagement ein.

Diese Projekte zeigen: Erfolgreiches Wassermanagement im Straßenraum lebt von interdisziplinärer Zusammenarbeit, Mut zur Innovation und einer konsequenten Orientierung an lokalen Bedingungen. Es gibt kein Patentrezept, aber viele inspirierende Beispiele, die den Weg in die Zukunft weisen – und zeigen, dass es sich lohnt, den Straßenraum neu zu denken.

Planung, Material und Governance – die Schlüssel zum Erfolg

Die Transformation klassischer Straßen zu multifunktionalen Wassermanagern gelingt nur, wenn Planung, Materialwahl und Governance Hand in Hand gehen. Der erste entscheidende Schritt ist die sorgfältige Analyse der lokalen Gegebenheiten. Bodenart, Grundwasserstand, Niederschlagsverteilung und die Anforderungen an den Straßenquerschnitt müssen präzise erfasst werden, um die optimale Kombination aus Drainage, Retention und Kühlung zu bestimmen. Hier kommen moderne Planungsinstrumente ins Spiel: GIS-basierte Analysen, digitale Zwillinge und hydrodynamische Simulationen ermöglichen es, Varianten zu vergleichen und die Auswirkungen auf das Gesamtquartier zu prognostizieren.

Die Wahl der Materialien ist ein weiteres zentrales Thema. Poröse Beläge, innovative Substrate für Baumrigolen und intelligente Speicherlösungen sind heute technisch ausgereift und bieten zahlreiche Vorteile. Sie müssen jedoch auf Langlebigkeit, Wartungsfreundlichkeit und Umweltverträglichkeit geprüft werden. Besonders kritisch ist die Schnittstelle zwischen technischer Innovation und Alltagstauglichkeit: Ein System, das im Labor funktioniert, muss auch im urbanen Betrieb überzeugen – von der Reinigung bis zur Reparatur. Hier sind Praxisnähe und Erfahrung der ausführenden Unternehmen ebenso gefragt wie der Mut der Planer, neue Lösungen zu erproben.

Governance, also die Steuerung und Verantwortung für die neuen Systeme, ist eine oft unterschätzte Herausforderung. Wer betreibt und wartet die neuen Anlagen? Wer trägt die Kosten? Wie werden Zuständigkeiten zwischen Tiefbauamt, Grünflächenamt und Wasserwirtschaft geregelt? Klare Verantwortlichkeiten, transparente Kostenmodelle und verbindliche Wartungspläne sind essenziell, um die Funktionsfähigkeit langfristig zu sichern. Erfolgreiche Projekte setzen auf interdisziplinäre Steuerungsgruppen, die Planung, Betrieb und Monitoring gemeinsam verantworten.

Rechtliche Rahmenbedingungen spielen dabei eine bedeutende Rolle. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es zahlreiche Regelwerke und technische Normen, die den Umgang mit Regenwasser, die Gestaltung von Straßenquerschnitten und den Schutz des Grundwassers regeln. Innovative Lösungen erfordern oft Anpassungen bestehender Vorgaben oder sogar neue Standards – etwa wenn es um die Zulassung neuer Belagsarten, die Integration von Vegetation oder die Nutzung von Straßenräumen für Retentionszwecke geht. Dialog und Abstimmung mit Genehmigungsbehörden sind deshalb unverzichtbar.

Schließlich ist die Akzeptanz bei Nutzern, Anwohnern und politischen Entscheidungsträgern ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wer die Vorteile multifunktionaler Straßen überzeugend kommuniziert, schafft Verständnis für temporäre Einschränkungen während der Bauphase und langfristige Veränderungen im Straßenbild. Partizipation, Transparenz und eine frühzeitige Einbindung aller Akteure sind nicht nur politisch geboten, sondern auch der beste Garant für die Nachhaltigkeit der neuen Infrastruktur.

Ausblick: Die resiliente Straße als Blaupause für die Stadt der Zukunft

Der Wandel von der klassischen Entwässerungsstraße zur multifunktionalen Infrastruktur ist weit mehr als ein technisches Upgrade – er ist ein Paradigmenwechsel für das Verständnis urbaner Räume. Straßen werden zu dynamischen Elementen, die den Herausforderungen des Klimawandels aktiv begegnen. Das bedeutet: Sie nehmen Wasser auf, speichern es, kühlen das Quartier und tragen zur Biodiversität bei. Sie sind keine starren Konstrukte mehr, sondern adaptive Systeme, die flexibel auf Wetterextreme, Nutzungsänderungen und neue Anforderungen reagieren.

Die Zukunft der Straße liegt in ihrer Resilienz. Das heißt, sie kann sich anpassen, regenerieren und auch nach extremen Ereignissen schnell wieder funktionsfähig sein. Dafür braucht es kontinuierliche Innovation – bei Materialien, Bauweisen, Steuerungstechnik und Gestaltung. Digitale Technologien, wie Sensornetzwerke und digitale Zwillinge, werden dabei zum unverzichtbaren Werkzeug. Sie liefern die Datenbasis, um Straßen nicht nur zu planen, sondern auch im Betrieb zu optimieren und an veränderte Bedingungen anzupassen. Die Straße der Zukunft ist intelligent, vernetzt und lernfähig.

Doch bei aller Technik bleibt die soziale Komponente unverzichtbar. Die Straße ist öffentlicher Raum, Begegnungsort und Teil des urbanen Lebens. Ihre neue Multifunktionalität darf nicht zu Lasten der Aufenthaltsqualität, Erreichbarkeit oder Verkehrssicherheit gehen. Vielmehr eröffnet sie neue Chancen für eine lebenswerte, klimafitte Stadt: mehr Grün, mehr Wasser, mehr Kühlung – und damit mehr Lebensqualität für alle. Die Herausforderung besteht darin, diese Potenziale nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und sozial einzulösen.

Städte, die den Schritt zur resilienten, multifunktionalen Straße wagen, werden zum Vorbild für andere. Sie zeigen, dass nachhaltige Stadtentwicklung im Kleinen beginnt – auf der Straße vor der eigenen Haustür. Es braucht Mut, Kreativität und den Willen zur Zusammenarbeit, um die technischen, organisatorischen und rechtlichen Hürden zu überwinden. Doch die Belohnung ist eine Infrastruktur, die nicht nur den Klimawandel abfedert, sondern auch das urbane Leben bereichert.

Die Straße als Wassermanager ist kein ferner Zukunftstraum, sondern eine konkrete Möglichkeit, die Städte von morgen schon heute resilient, lebenswert und nachhaltig zu gestalten. Wer diese Chance nutzt, schafft nicht nur neue Standards im Straßenbau, sondern auch ein neues Selbstverständnis für die Rolle der Infrastruktur im urbanen Gefüge.

Fazit

Die Ära der monofunktionalen, wasserabweisenden Straße geht zu Ende. Der urbane Raum braucht Straßen, die nicht nur den Verkehr bewältigen, sondern als intelligente Wassermanager zur Resilienz, Kühlung und Lebensqualität beitragen. Drainage, Retention und Kühlung sind keine Einzelmaßnahmen, sondern integrale Bestandteile einer neuen, multifunktionalen Infrastruktur. Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen eindrucksvoll, wie technologische Innovation, interdisziplinäre Planung und partizipative Governance zusammenwirken können, um Städte fit für die Herausforderungen von Klimawandel und Urbanisierung zu machen. Die Straße der Zukunft ist adaptiv, vernetzt und resilient – und damit weit mehr als bloßer Asphalt. Wer jetzt handelt, legt den Grundstein für eine nachhaltige, lebenswerte Stadt, in der Wasser nicht mehr Feind, sondern Freund und Ressource des urbanen Lebens ist.

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Die Vollversammlung des Münchner Stadtrats hat vergangene Woche den Einstieg in eine konkrete Planung für einen Tunnel durch den Englischen Garten beschlossen. Geplant wird ein 390 Meter langer Tunnel unter dem Isarring, der den bislang getrennten Stadtpark wiedervereinen soll.

Seit Jahrzehnten trennt eine Verkehrsader, über die sich täglich tausende Autos schieben, den Englischen Garten in Nord- und Südteil. Die Idee für eine Untertunnelung des Rings existiert bereits seit vielen Jahren, jetzt hat das Projekt einen weiteren großen Schritt Richtung Realisierung genommen. Nach der Bestätigung durch die Stadtrats-Vollversammlung wird das Baureferat nun in die Vor-, Entwurfs- und Genehmigungsplanung für einen Tunnel im Englischen Garten einsteigen.

Geprüft wurden drei unterschiedlich lange Tunnel-Varianten: Das Planungsreferat bevorzugt dabei die mittellange Version, die nun auch geplant wird.

Das Bauwerk soll 390 Meter lang sein und etwa 125 Millionen Euro kosten. Die mittellange Variante bietet, so das Prüfungsergebnis, die größten Vorteile bei der Reparatur des Gartenkunstwerks Englischer Garten und erlaubt die Wiederherstellung des durchgängigen historischen Wegenetzes, der einstigen Bachläufe sowie der Wiesen und Gehölzstrukturen auf der Tunneldecke.

Aber die optische Verschönerung durch den Wegfall der Autoschneise ist nicht der einzige Vorteil des Tunnels: Die Lärmbelästigung für direkte Anwohner reduziert sich und der bislang weniger frequentierte Nordteil des Englischen Gartens ist wieder direkt zugänglich.

Wir unterhielten uns für unsere Januar 2017-Ausgabe mit dem Architektenpaar Grub-Lejeune, Gründer der Initiative „(M)Ein Englischer Garten“, über Widerstände, Erfolgserlebnisse und den Mut, beständig gegen den Strom zu schwimmen.

Hier geht’s zum Video „Wiedervereinigung Englischer Garten“

Eine bunte Collage. Im Mittelpunkt eine breite Promenade mit Menschen. Gesäumt von Grünflächen und Bäumen.
Ortsplatz am Sibichen. Abbildung @ Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB

Im Südosten Erfurts läuft derzeit das größte Stadtentwicklungsprojekt der Landeshauptstadt. Hier sollen bis 2060 soziale Einrichtungen, Sport- und Freizeitflächen, Grünflächen, Straßen und Wege neu- oder umgestaltet werden, um den Lebensraum für rund 24 000 Erfurter*innen zu verbessern. In dem städtebaulichen Wettbewerb „Neue Mitte Erfurt Südost“ sollten Planungsbüros dafür die Ortsteile Melchendorf, Wiesenhügel und Herrenberg verbinden. Nun ist der Wettbewerb entschieden. Wer das Siegerbüro ist und was der Entwurf vorsieht, lesen Sie hier.

Nächster Schritt im Projekt „Neue Mitte Erfurt Südost“

Erfurt hat sich bis zum Jahre 2060 viel vorgenommen. Denn dann soll der Südosten der Stadt – ein Viertel, das heute von Plattenbauten geprägt ist – zu einem deutlich lebenswerteren Raum aufgewertet worden sein. Es ist ein besonderes Projekt, das Teilhabe fördern soll. Expert*innen und Bürger*innen sind dabei gleichermaßen gefragt, Potentiale vor Ort herauszufiltern. Und daraus eine positive Entwicklung für das Quartier herzuleiten. Bereits seit 2019 läuft der Prozess. Zum heutigen Tage konnte das Projekt einige Meilensteine verzeichnen. So wurden gleich zu Beginn beispielsweise Fördermittelanträge ausgearbeitet. Weiterhin fanden 2022 erste Beteiligungsverfahren und sogenannte Zukunftswerkstätten statt, in denen sich die Bevölkerung zu Umgestaltungsfragen einbringen konnte. Ende letzten Jahres wurde dann der Planungswettbewerb „Neue Mitte Südost“ ausgerufen. Und schließlich Mitte März entschieden. Dabei konnte sich das Octagon Architekturkollektiv aus Leipzig, gemeinsam dem Büro impuls Landschaftsarchitektur aus Jena und dem team red aus Berlin durchsetzen.

Neue Mitte Südost Lageplan. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB
Neue Mitte Südost Lageplan. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB

Dreiergespann überzeugt 

Die Grundaufgabe des Wettbewerbs forderte nichts minder als die Entwicklung einer Vision für das Kernstück des Gesamtvorhabens Erfurt Südost. Mitten im Projektgebiet galt es, die Ortsteile Herrenberg, Wiesenhügel und Melchendorf miteinander zu verbinden. Weiterhin sollten im Bereich Wiesenhügel attraktivere Aufenthaltsbereiche und Aktivitätsmöglichkeiten geschaffen werden. Keine leichte Aufgabe. Insgesamt stellten sich sechs Teams der gestalterischen Herausforderung. Diese wurden in einer ganztägigen Veranstaltung in einem 50 Personen großen Plenum eingehend studiert und ihre Vor- und Nachteile abgewogen. Die Jury aus 15 stimmberechtigten Mitglieder*innen – darunter Fachplaner*innen aus den Bereichen Stadtplanung, Verkehrsplanung und Freiraumplanung aber auch Vertreter*innen der Stadt, des Landes und des Bundes – gab schließlich grünes Licht für den Entwurf des Dreierteams Octagon, impuls und team red. „Aus Sicht des Preisgerichts setzt es die Wettbewerbsziele am besten um“, erklärte dazu Andrea Ziegenrücker, Landschaftsarchitektin aus Erfurt. 

Stadtplatz am Grünzug. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB
Stadtplatz am Grünzug. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB

Mehr Freiraum für Erfurts Neue Mitte Südost 

Es sind zwei wesentliche Aspekte, die dem Beitrag mit dem Titel „Ab durch die Mitte/Neue Räume zwischen den Hügeln“ zum Sieg verholfen hatten. Da ist zum Einen die einnehmende Grundidee, die mehr Platz zum Spazierengehen und Erholen im Viertel vorsieht. Statt Verkehrsflächen entstehen Wohnraum und Gebäude für Produktives Gewerbe. Auch sieht der Umbau der bestehenden Verkehrsanlagen zukünftig barrierefreie Querungsmöglichkeiten vor. Dabei frei werdende Flächen werden dem Fuß- und Radverkehr zugeschlagen. Oder bieten Raum für neue Baumpflanzungen im Quartier. So wird die Mitte aus allen Richtungen durch Grünräume erschlossen. Eine übergeordnete Landschaftsachse entsteht, die bestehende Strukturen integriert. Wo heute der Friedhof liegt, sieht die Vision dazu beispielsweise eine Umwidmung des ebenjenen zum Friedhofspark vor. 

Insgesamt legt der Entwurf einen starken Fokus auf die Etablierung qualitätsvoller Freiraumstrukturen. Urbane Stadtplätze, attraktive Parks, Grünräume und nutzbare Dächer lassen so insgesamt ein lebendiges Zentrum entstehen. Dabei werden vorhandenen Nutzungen aufgegriffen und fortgeschrieben. Der Bestand wird dabei durch weitere öffentliche Einrichtungen sinnhaft ergänzt. Weiterhin werden die einzelnen Elemente durch ein sogenanntes „Aktivband“ und eine Brücke verknüpft. Dem Entwurf gelingt es mit der Geste die ehemals trennend wirkende Tallage zu überwinden. So entsteht eine zusammenhängende Verbindungszone, die zwischen Schul-, Sport- und Freizeitflächen vermittelt. 

Prozess läuft bis 2060

Neben der gestalterischen Feinheit des Entwurfs, konnte zum Anderen schließlich auch der konzeptionelle Ansatz überzeugen. Sie zeichnen eine Zukunftsvision, die wichtige Grundsätze fixiert, jedoch nicht als finales Planwerk verstanden werden will. Für das Projekt Erfurt Südost, dessen Umsetzung über Jahrzehnte angesetzt ist, ein wichtiger Aspekt. „Die Schaffung der Neue Mitte erfordert aufgrund bestehender Gegebenheiten einen langen Atem. Die Ziele, die wir im Südosten verfolgen, können nur stufenweise umgesetzt werden und sind insoweit kurz-, mittel- und langfristig angelegt“, erklärt Dirk Heide, kommissarischer Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadtplanung, die komplexe Situation. Durch den Wettbewerbssieg steht nun jedoch das Planungsteam fest, mit dem die Stadt Erfurt die weiteren Schritte gehen wird. Nun gilt es, die Ideen, zu vertiefen und im weiteren Planungsprozess auf den Prüfstand zu stellen. Dabei verspricht die Stadt – wie in der Vergangenheit – eine intensive Beteiligung der Bürger*innen.

Neue Mitte Südost Perspektive. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB
Neue Mitte Südost Perspektive. credits: Octagon Architekturkollektiv, team red Deutschland GmbH, impuls Landschaftsarchitektur Facius. Facius PartGmbB

Stete Beteiligung vorgesehen 

Seit dem 28. März konnten sich diese bereits selbst ein Bild vom Planungsstand machen. Denn alle eingereichten Wettbewerbsarbeiten sind für Interessierte im Melchendorfer Markt ausgestellt. Zukünftig sind nun wöchentliche Sprechstunden vorgesehen, in denen die Stadtverwaltung die Bevölkerung Schritt für Schritt mitnimmt und über aktuelle Entwicklungen informiert. Dirk Heide hält die Beteiligung gerade bei einem Projekt dessen Zeitrahmen über eine so lange Spanne gesteckt sei, für besonders notwendig: „Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass wir bereits im hier und jetzt substantielle Fortschritte für den Erfurter Südosten erzielen.“ Deshalb werden – wo möglich – bereits einige Abschnitte in naher Zukunft realisiert. Bis 2026 ist die Umgestaltung der Verkehrsanlage rund um den um den Abzweig Wiesenhügel und die Neugestaltung bestehender Grünflächen geplant. Damit könnte der Erfurter Südosten bereits in den nächsten Jahren grundlegend sein Gesicht wandeln. Und den Anwohner*innen bald qualitätsvolle Aufenthaltsräume und wichtige Grünstrukturen im eigenen Quartier bieten. 

Was sich in der Vergangenheit in der Stadt getan hat, lesen Sie hier: BUGA Erfurt.