Planung in der Polykrise – Multikrisen-Management in der kommunalen Praxis

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Atemberaubende Stadtansicht eines begrünten Platzes, aufgenommen von Nerea Martí Sesarino.





Planung in der Polykrise – Multikrisen-Management in der kommunalen Praxis


Polykrise als neue Normalität? In deutschen, österreichischen und Schweizer Kommunen ist das kein modischer Begriff, sondern bittere Realität. Klimawandel, Energieknappheit, Migrationsdruck, soziale Schieflagen, Digitalisierungsschübe – alles trifft gleichzeitig, alles fordert Planung und Politik heraus. Wer jetzt noch glaubt, Stadtentwicklung ließe sich mit alten Routinen und starren Instrumenten meistern, wird von der nächsten Krise überrollt. Wie also gelingt Multikrisen-Management in der kommunalen Praxis wirklich? Antworten, die weiterführen – exklusiv und fundiert, wie Sie es nur bei G+L lesen.

  • Definition der Polykrise und Bedeutung für kommunale Planung im deutschsprachigen Raum
  • Analyse der wichtigsten Krisendimensionen: Klima, Energie, Migration, soziale und technologische Umbrüche
  • Warum klassische Planungsinstrumente an ihre Grenzen stoßen – und was Multikrisen-Management wirklich verlangt
  • Governance-Modelle, die Resilienz stärken: adaptive Planung, Netzwerkmanagement und partizipative Strategien
  • Praxisbeispiele aus deutschen, österreichischen und Schweizer Städten: Von der Hitzeaktionsplanung bis zur Krisenkommunikation
  • Chancen und Risiken digitaler Tools, Szenarien und Urban Data Spaces im Krisenmanagement
  • Die Rolle von Landschaftsarchitektur und Stadtraumgestaltung als Katalysatoren für Resilienz
  • Warum Multikrisen-Kompetenz zur Kernqualifikation für Planer wird – und was Hochschulen und Verwaltung jetzt ändern müssen
  • Ausblick: Wie Städte von der Reaktion zur proaktiven Transformation kommen

Polykrise – Wenn Städte auf allen Ebenen gefordert sind

Der Begriff „Polykrise“ ist längst mehr als ein akademisches Modewort. Er beschreibt eine Gemengelage, in der verschiedene Krisen – ökonomisch, ökologisch, sozial, technologisch und politisch – nicht nur nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig verstärken, überlagern und katalysieren. Während die Corona-Pandemie vielerorts noch Spuren hinterlässt, rollt die nächste Hitzewelle bereits an. Zeitgleich zwingen Energiepreisschocks Städte dazu, ihr Versorgungssystem umzubauen. Wohnraummangel eskaliert, soziale Spannungen wachsen, Infrastruktur altert, Digitalisierung drängt auf allen Ebenen.

Für Städte und Gemeinden im deutschsprachigen Raum ist dieses Krisengeflecht längst Alltag. Wer verantwortungsvoll plant, kann sich nicht mehr auf das berühmte „business as usual“ verlassen. Vielmehr sind Kommunen gezwungen, parallel an mehreren Baustellen zu agieren, Prioritäten laufend zu verschieben und Strategien dynamisch anzupassen. Polykrise heißt eben: Es gibt keinen linearen Ablaufplan mehr, sondern nur noch ein komplexes Wechselspiel, in dem Entscheidungen an einer Stelle oft ungeahnte Auswirkungen an anderer Stelle entfalten.

Hinzu kommt, dass viele der Herausforderungen einen globalen Ursprung, aber eine lokal spürbare Wirkung haben. Der Klimawandel etwa ist ein weltweites Phänomen, seine Konsequenzen – Starkregen, Hitze, Wassermangel oder neue Krankheitsbilder – landen aber buchstäblich vor der eigenen Haustür. Kommunale Planung muss daher lernen, globale Risiken lokal zu adressieren, ohne sich im Klein-Klein der Einzelmaßnahmen zu verlieren.

Ebenso dynamisch wie die Herausforderungen sind die Akteure: Neben der klassischen Verwaltung mischen heute Unternehmen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und digitale Communities mit. Sie alle bringen eigene Logiken und Interessen ein, was die Steuerung weiter verkompliziert. Kooperation wird damit zur Grundvoraussetzung, Konkurrenz aber verschwindet deshalb nicht. Wer im Polykrisenmodus plant, muss mit Unsicherheiten, Zielkonflikten und begrenzten Ressourcen umgehen können.

In der Praxis bedeutet das: Stadtentwicklung ist längst nicht mehr nur eine Frage von Bebauungsplänen, Flächennutzungen oder Gestaltungssatzungen. Es geht um Resilienz – also die Fähigkeit, Schocks nicht nur abzufedern, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Und das verlangt nach neuen Wegen in der Planung, die klassische Routinen ebenso hinterfragen wie liebgewonnene Zuständigkeiten.

Krisendimensionen: Klima, Energie, Migration, Digitalisierung – und alles gleichzeitig

Die Polykrise ist kein Sammelbecken beliebiger Schwierigkeiten, sondern ein System aus miteinander verwobenen Krisendimensionen. Klimawandel etwa ist längst ein „Dauerkrisenmodus“: Hitzeperioden, Starkregen, Überschwemmungen, Trockenheit und Biodiversitätsverlust fordern Städte heraus, die oft auf Jahrzehnte alte Infrastrukturen und Bebauungsstrukturen setzen. Die klassische Stadtentwässerung kollabiert beim nächsten Starkregen, innerstädtische Plätze mutieren zu Hitzefallen, Bäume vertrocknen reihenweise – und die Bevölkerung verlangt nach schnellen, sichtbaren Lösungen.

Doch mit Klima allein ist es nicht getan. Die Energiekrise hat gezeigt, wie verwundbar urbane Versorgungssysteme sind – und wie abhängig lokale Strategien von globalen Märkten sein können. Wenn Gas knapp wird oder Strompreise explodieren, geraten nicht nur Verwaltungen, sondern ganze Quartiere in Bedrängnis. Gleichzeitig zwingt die Energiewende Planer, nicht nur neue Anlagen zu bauen, sondern auch bestehende Stadtstrukturen zu dekarbonisieren – und das in einem Tempo, das viele Kommunen schlicht überfordert.

Migration und soziale Krisen verschärfen die Lage zusätzlich. Die Aufnahme Geflüchteter, die Integration neuer Bewohner, die Sicherung von Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialräumen sind Aufgaben, die weit über die klassische Stadtplanung hinausgehen. Sie verlangen Koordination auf kommunaler, regionaler und oft auch staatlicher Ebene – und sie fordern, bestehende Strukturen ständig zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Die Digitalisierung schließlich ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits eröffnet sie neue Möglichkeiten, Daten zu erfassen, Szenarien zu simulieren, Beteiligung zu organisieren und Prozesse zu beschleunigen. Andererseits produziert sie neue Abhängigkeiten, Datenschutzfragen, ethische Dilemmata und soziale Spaltungen. Wer glaubt, mit einer neuen App sei die Polykrise gelöst, unterschätzt die Tiefe der Transformation.

All diese Krisendimensionen greifen ineinander – und machen deutlich: Multikrisen-Management ist kein Add-on, sondern das neue Fundament jeder nachhaltigen Stadtentwicklung. Es verlangt von Planern, Politikern und Verwaltung, systemisch zu denken, flexibel zu handeln und sich auf Unsicherheiten einzulassen. Resilienz ist dabei nicht das Ziel, sondern der Weg.

Multikrisen-Management: Neue Governance für eine unsichere Welt

Wenn die klassische Planung an ihre Grenzen stößt, braucht es neue Steuerungsmodelle. Multikrisen-Management bedeutet, Planung als lernenden, adaptiven Prozess zu begreifen – und nicht als statische Umsetzung vordefinierter Ziele. Im Zentrum steht die Fähigkeit, auf Unerwartetes zu reagieren, Prioritäten laufend neu zu justieren und aus Fehlern schnell zu lernen. Das verlangt eine Governance, die offen für Experimente, Vielfalt und Irritation ist – und dabei trotzdem handlungsfähig bleibt.

Ein Schlüsselkonzept ist die adaptive Planung. Sie setzt nicht auf starre Masterpläne, sondern auf Szenarien, flexible Zielkorridore und kontinuierliches Monitoring. Das bedeutet konkret: Stadtentwicklung wird in Etappen gedacht, Maßnahmen werden regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst. Statt den großen Wurf zu planen, wird das Machbare priorisiert – und das Unplanbare zumindest antizipiert. Erfolgreiche Städte setzen dabei auf „Room for Maneuver“: Sie schaffen Freiräume für Innovation, ermöglichen Rückschritte und setzen auf Redundanz, um Ausfälle zu kompensieren.

Ein zweiter Pfeiler ist das Netzwerkmanagement. In der Polykrise funktioniert keine Stadt mehr als autarke Einheit. Kommunen müssen lernen, ihre Netzwerke zu pflegen – mit Nachbargemeinden, Fachbehörden, Unternehmen, Wissenschaft, aber auch mit der Zivilgesellschaft. Sharing-Ansätze, Kooperationsplattformen und sektorübergreifende Taskforces werden zur neuen Normalität. Wer in Silos denkt, wird abgehängt.

Partizipation gewinnt im Multikrisen-Management eine neue Qualität. Während klassische Beteiligungsprozesse oft als lästiges Pflichtprogramm abgetan werden, sind sie in der Polykrise unverzichtbar: Nur wer frühzeitig Wissen, Erfahrungen und Bedürfnisse vieler Akteure einbindet, kann tragfähige Lösungen entwickeln und Akzeptanz sichern. Digitale Beteiligungsformate, Bürgerhaushalte und Co-Creation-Prozesse sind keine Spielereien, sondern Überlebensstrategie.

Schließlich braucht es eine neue Fehlerkultur. Multikrisen-Management ist immer auch ein Experimentieren mit Unsicherheit. Scheitern ist unvermeidlich – entscheidend ist, wie schnell und transparent daraus gelernt wird. Erfolgreiche Städte schaffen Feedbackschleifen, pflegen offene Kommunikation und fördern eine Kultur, in der Fehler als Lernchancen und nicht als Blamage gelten. Nur so lässt sich Resilienz wirklich verankern.

Praxisbeispiele: Wie Städte Multikrisen konkret meistern

Wie sieht Multikrisen-Management in der kommunalen Praxis aus? Ein Blick auf ausgewählte Städte im deutschsprachigen Raum zeigt, wie unterschiedlich die Ansätze sind – und wie viel Potenzial noch brachliegt. In Wien etwa wurde nach den Hitzewellen der letzten Jahre ein umfassender Hitzeaktionsplan aufgelegt: Neben kurzfristigen Maßnahmen wie der Bereitstellung von Trinkwasserbrunnen und temporären Beschattungen setzt die Stadt auf langfristige Stadtbegrünung, Entsiegelungsprogramme und klimaresiliente Quartiersentwicklung. Entscheidender Erfolgsfaktor: Die strategische Verzahnung von Stadtplanung, Gesundheitswesen, sozialer Arbeit und Kommunikation.

Hamburg wiederum hat mit dem „Krisenstab Digitale Stadt“ eine Plattform geschaffen, auf der verschiedene Ämter, Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam Szenarien für Energieengpässe, Verkehrsstörungen und Extremwetterlagen entwickeln. Hier werden urbane Datenräume genutzt, um aktuelle Belastungen zu monitoren, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und im Bedarfsfall schnell Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Stadt versteht sich dabei explizit als lernende Organisation – und macht Fehler und Erfolge transparent.

Auch kleinere Städte zeigen, dass Multikrisen-Management keine Frage der Metropolengröße ist. Ulm etwa setzt auf ein Netzwerk aus Verwaltung, Stadtwerken, Initiativen und Bürgergruppen, um die Versorgungssicherheit bei Energie, Wasser und Mobilität zu gewährleisten. Szenarien werden regelmäßig durchgespielt, Notfallpläne dynamisch angepasst und die Bevölkerung aktiv in die Risikokommunikation eingebunden. Das schafft nicht nur Resilienz, sondern auch Vertrauen.

In der Schweiz hat Zürich mit der Plattform „Smart City Zürich“ einen Rahmen geschaffen, in dem Digitalisierung, Klimaanpassung und soziale Innovation gemeinsam gedacht und gestaltet werden. Entscheidender Hebel: Die Integration von Urban Data Spaces, die es ermöglichen, verschiedene Krisendaten zu verknüpfen, Prognosen zu erstellen und Maßnahmen gezielt auszusteuern. Die Stadt setzt dabei konsequent auf Transparenz, Datenschutz und partizipative Governance.

Diese Beispiele zeigen: Erfolgreiches Multikrisen-Management lebt von Kooperation, Experimentierfreude und der Bereitschaft, klassische Routinen in Frage zu stellen. Digitale Tools, Szenarien und urbane Datenplattformen sind dabei wertvolle Werkzeuge – aber sie ersetzen nicht den menschlichen Faktor. Es braucht Mut, Kreativität und eine neue Haltung in Politik, Verwaltung und Planung, damit die Polykrise zur Chance für nachhaltige Transformation wird.

Resiliente Stadtgestaltung: Landschaftsarchitektur und neue Kompetenzen für die Polykrise

Landschaftsarchitektur und Stadtgestaltung sind im Multikrisen-Management längst keine Randdisziplinen mehr, sondern zentrale Hebel für urbane Resilienz. Grünflächen kühlen Quartiere, schützen vor Überschwemmungen, stärken die Biodiversität und bieten soziale Rückzugsräume – doch sie können noch mehr: Richtig konzipiert, werden Parks, Plätze und Grünkorridore zu multifunktionalen Infrastrukturen, die verschiedene Krisen gleichzeitig adressieren. Das verlangt allerdings ein radikales Umdenken in der Planung: Weg von der Einzelfunktion, hin zu flexiblen, adaptiven Lösungen, die auf wechselnde Belastungen reagieren können.

Ein Beispiel: Regenwassermanagement kann nicht mehr nur als technisches Problem betrachtet werden. Multifunktionale Retentionsflächen, begrünte Dächer, durchlässige Beläge und temporäre Überflutungsbereiche machen Städte nicht nur klimaresilienter, sondern schaffen auch neue Aufenthaltsqualitäten. Gleichzeitig stärken sie die soziale Kohäsion – denn wer gemeinsam an der Umgestaltung des eigenen Quartiers arbeitet, entwickelt ein neues Zugehörigkeitsgefühl und Verantwortungsbewusstsein.

Die Rolle der Planer verändert sich dabei fundamental. Sie werden zu Krisenmanagern, Moderatoren, Innovationsagenten – und müssen sich neue Kompetenzen aneignen: Szenarienentwicklung, Krisenkommunikation, Netzwerkmanagement, digitale Datenanalyse und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind längst keine Kür mehr, sondern Pflichtprogramm. Hochschulen stehen vor der Herausforderung, diese Skills in die Ausbildung zu integrieren – und Verwaltungen müssen ihre Strukturen und Kultur anpassen, um diese Kompetenzen zu verankern.

Gleichzeitig bringt die Digitalisierung neue Werkzeuge ins Spiel. Urban Digital Twins, Datenplattformen und KI-gestützte Simulationen ermöglichen es, Krisenrisiken frühzeitig zu erkennen, Maßnahmen zu testen und Beteiligung zu erleichtern. Doch sie bergen auch Risiken: Datenhoheit, algorithmische Verzerrung und technokratische Übersteuerung sind reale Gefahren, die Transparenz, Kontrolle und Beteiligung erfordern. Der Mensch muss im Mittelpunkt bleiben, die Technik das Werkzeug sein – nicht umgekehrt.

Am Ende entscheidet nicht die perfekte Technologie, sondern die Fähigkeit zur Kooperation, zum Lernen und zur Anpassung. Städte, die jetzt in Multikrisen-Kompetenz investieren, werden nicht nur resilienter, sondern auch lebenswerter und zukunftsfähiger. Die Polykrise ist keine Sackgasse – sie ist der Katalysator für eine neue, intelligentere und sozialere Stadtentwicklung.

Fazit: Multikrisen-Management als neue DNA der Stadtplanung

Die Polykrise ist gekommen, um zu bleiben. Für Städte, Gemeinden und Planer bedeutet das: Multikrisen-Management muss zur Selbstverständlichkeit werden – und nicht zum Ausnahmezustand. Wer heute noch glaubt, mit alten Routinen und starren Instrumenten über die Runden zu kommen, spielt ein gefährliches Spiel mit der Zukunft. Die Herausforderungen sind zu vielschichtig, zu dynamisch und zu vernetzt, als dass sie sich mit klassischen Werkzeugen bewältigen ließen.

Stadtentwicklung im Zeichen der Polykrise verlangt nach neuen Governance-Modellen, nach adaptiver Planung, nach Netzwerkmanagement, Partizipation und Fehlerkultur. Es braucht den Mut, Routinen zu hinterfragen, Experimente zu wagen und Vielfalt zuzulassen – in den Methoden ebenso wie in den Akteuren. Landschaftsarchitektur und Stadtgestaltung werden zu zentralen Hebeln für Resilienz, digitale Tools zu wertvollen Werkzeugen im Krisenmanagement. Doch am Ende entscheidet immer die Haltung: Offenheit, Lernbereitschaft und der Wille zur Kooperation sind die neuen Schlüsselqualifikationen.

Die Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen: Multikrisen-Management ist keine Frage der Größe, sondern der Haltung und Kompetenz. Wer jetzt in Resilienz, Kooperation und Innovation investiert, wird nicht nur besser durch die nächste Krise kommen – sondern den Wandel aktiv gestalten. Die Polykrise ist nicht das Ende der Planung, sondern ihre Bewährungsprobe. Und genau darin liegt die Chance für eine Stadtentwicklung, die wirklich Zukunft hat.


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Die Einladung zur Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM

Die Einladung zur Vortragsreihe. Grafik: © L+ Landschaftsarchitektur PartG mbB

Grün in der Stadt ist kein zweidimensionales Thema mehr. Gebäude, Fassaden und Dächer werden vermehrt begrünt. Damit leisten sie wichtige Beiträge zur Anpassung der Städte an den Klimawandel. Über innovative Planungsansätze und Projekte vertikaler Begrünung berichtet die Vortragsreihe Stadtgrün 3D im DAM in Frankfurt.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt widmet sich dem Schnittbereich von Architektur und Grün. In Kooperation mit dem Bund Deutscher Landschaftsarchitekten in Hessen lädt das Frankfurter Museum zu verschiedenen Vorträgen ein. Im Rahmen der Reihe „Internationale Landschaftsarchitektur 2021“ kommen Expert*innen unterschiedlicher Disziplinen zu Wort. Sie berichten über Ansätze, Projekte und Innovationen im Bereich Grün. Dabei richten sie den Blick auf Grün in der dritten Dimension – auf Stadtgrün 3D.

Nasser und trockener zugleich

Das Klima in unseren Städten verändert sich. Mit diesen Worten wird die Vortragsreihe Stadtgrün 3D eingeleitet. Diese Beschreibung ist heute fast überflüssig. Nach einem Sommer mit extremen Hochwassern und verheerenden Folgen für viele Menschen ist der Wandel des Klimas unübersehbar. Das ist leider nicht alles: Das Klima wird auch wärmer und trockener. Es ist also an der Zeit auf allen Ebenen zu reagieren; auch in der dritten Dimension, dem Stadtgrün 3D.

Vortragsreihe Stadtgrün 3D

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D bringt nun verschiedene Blickwinkel ins Deutsche Architekturmuseum nach Frankfurt. An Beispielen und Projekten erläutern Expert*innen unterschiedliche Strategien zum vermehrten Einsatz von Grün in der Vertikalen. Sie alle geben entsprechend Einblick in Projekte international tätiger Landschaftsarchitekt*innen. Sie alle wollen ihre Erfahrungen in einer Welt teilen, die unter den Folgen extremen Klimas leidet.

Grün in der Vertikale

Insbesondere in der dritten Dimension schlummert großes Potenzial für weitere Begrünung unserer Städte. In diesem Aufgabenfeld bedarf es ebenfalls neuer Kooperationen. Denn hier ist nicht nur Fachwissen aus dem Bereich der Vegetation gefragt. Hier gilt es die gesamte Konzeption von Gebäuden zu überdenken. Denn Begrünung in der vertikalen Ebene hat Auswirkungen auf den Entwurf eines Gebäudes, sein Tragwerk, seine Materialien und seine Ausführung. Neben der Anpassung von Entwurf und Architektur bedarf es folglich aber auch des Fachwissens aus der Vegetationskunde. Neugedachte, grüne Gebäude verlangen also eine schöpferisch kreative Leistung, die eng mit technischer Planung verzahnt ist.

Der Beitrag von Landschaftsarchitekt*innen

Im disziplinenübergreifenden Handlungsfeld Stadtgrün 3D liefert darauf die Profession der Landschaftsarchitektur wichtige Beiträge. Ihre Mitglieder verfügen über viel Wissen zu Vegetation. Die Landschaftsarchitek*innen sind aber auch diejenigen, die Grün im Verbund sehen. Sie haben die Freiräume in der ersten und zweiten Ebene im Blick und können dann Verbindungen zur dritten Dimension herstellen. Denn im besten Fall wird jedes begrünte Gebäude Teil eines übergreifenden Grünkonzepts einer Stadt.

Stadtgrün 3D: Die Vortragenden

Die Vortragsreihe Stadtgrün 3D startete im September mit einem Beitrag von Dieter Grau, einem Landschaftsarchitekten von Ramboll Studio Dreiseitl zum Thema: „Die natürliche Stadt — Urbane Atmosphären und Naturperformance“. Im Laufe des Herbstes folgt der Vortrag „Die Zukunft urbaner Landschaften: Dach- und Fassadenbegrünung des Bunkers St. Pauli“ von Felix Holzapfel-Herziger, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied von L+ Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Dann folgt ein Vortrag von Prof. Thomas Fenner, Freier Landschaftsarchitekt und Mitglied des studio grüngrau Landschaftsarchitektur in Düsseldorf. Er wird über „grün statt grau — Neues aus der Innenstadt“ referieren. Zum Jahresende berichtet schließlich Felix Münch, Architekt und Immobilienökonom von Groß & Partner in Frankfurt über: „FOUR Frankfurt — Urbanes Quartier der Zukunft“.

Stadtgrün angewandt: Das Projekt ALTMARKTgarten verbindet Büronutzung und gebäudeintegrierte Landwirtschaft. Ein vertikaler Garten ergänzt die beiden Nutzungen. Alles zum Projekt lesen Sie bei uns. 

Außerdem stellt Ihnen die Oktoberausgabe der GARTEN + LANDSCHAFT  die spannendsten Gebäudegrün-Projekte in der Mache vor. 

Zunehmend werden Pflaster und Platten auf Straßen, Wegen und Plätzen im öffentlichen Raum gebunden geplant und verlegt. Grund für diese Bauweise sind eine entsprechend hohe Belastung der Flächen, der Wunsch nach stabilen und maschinell problemlos zu reinigenden Fugen sowie die höhere Stabilität bei Überflutungen. So sind etwa die gesamte Rheinuferpromenade in Koblenz sowie Wege und Plätze in St. Goar am Rhein gebunden verlegt. Die gebundene Bauweise im Außenraum ist eine Sonderbauweise, sie ist durch keine DIN geregelt. Deshalb muss man sie vertraglich mit dem Bauherrn vereinbaren. Außerdem empfiehlt es sich, die Planung des Belagsaufbaus, Wahl und Dicke der gebundenen Tragschicht, des Bettungsmörtels und des Fugenmörtels durch einen Sachverständigen gutachterlich begleiten zu lassen. So lassen sich einerseits Haftungsrisiken und das Risiko eines Ausfalls der Versicherung im Schadensfall reduzieren; andererseits gewährleistet die externe Exepertise den fachgerechten Schichtenaufbau und den sicheren Lastenabtrag. Denn der Abstimmung zwischen Tragschicht, Bettung sowie der Fuge kommt eine besondere Bedeutung zu. Doch auch Gutachter sind verschiedener Meinung. Dies gilt besonders bei der Wahl des Materials der gebundenen und drainfähigen Tragschicht. Die einen verfechten die Drainbetontragschicht, die anderen befürworten die Drainasphalttragschicht.

Drainbetontragschicht mit Vorteilen

Nach unseren Erfahrungen mit beiden Tragschichten spricht die Theorie für die Drainbetontragschicht. Die hohe Sensibilität dieses lockeren Gefüges gegenüber Sonneneinstrahlung, Zugluft und die kurze Zeitspanne, in der sich der Drainbeton verarbeiten lässt, können dieses Material aber zur Herausforderung auf der Baustelle werden lassen. Das Material muss bei entsprechender Witterung abgedeckt werden, es ist empfindlich gegen mechanische Belastung und hat auch unter Zuhilfenahme von Beschleunigern eine Mindestabbindezeit von acht Tagen. Wir haben schon mehrfach erfahren müssen, dass die meisten Firmen noch keine Routine im Einbau des Drainbetons haben – deshalb sollte man den Gutachter auch auf die Baustelle bestellen. Aus unserer Sicht ist es empfehlenswert, die Firmen auch durch den Sachverständigen in die Ausführung der Sonderbauweise nach dessen Vorgaben einzuweisen. Hier liegt der klare Vorteil des Drainasphalts, dessen maschineller Einbau jeder Straßenbauer beherrscht. Zudem ist Drainasphalt weniger sensibel gegenüber der Witterung und er härtet auch wesentlich schneller aus. Das straßenähnliche Erscheinungsbild verleitet aber dazu, dass diese Flächen häufig befahren und verschmutzt werden, was dazu führt, dass die Hohlräume der Draintragschicht schon vor der Fertigstellung verschlossen sind.

Der lückenlose Verbund ist die Stärke der gebundenen Bauweise, aber auch die häufigste Fehlerquelle. Das vollflächige Aufbringen einer Haftschlämme auf die Unterseite jedes Pflastersteins oder der Platte vor dem Versetzen in das Mörtelbett, ist elementar für diese Bauweise; viele Pflasterverleger empfinden dies aber als Strafe. Die Bettungsmörtel selbst sind aber auf Grund ihres geringen Bindemittelanteils und der oftmals sehr trockenen Konsistenz ohne Haftbrücken nicht in der 
Lage, einen ausreichenden Verbund sicherzustellen. Auch ein kräftiges, hammerfestes Versetzen der Steine in den Bettungsmörtel erreicht nicht den erforderlichen Verbund. Nicht nur der Drain-beton, sondern auch die Bettungsmörtel sind in ihren Abbindemechanismen empfindlich. Die gewünschten Eigenschaften wie Druck-, Biegezug- und Haftzugfestigkeit werden nur dann erfüllt, wenn der Mörtel ungestört abbinden kann. Um die Haftzugfestigkeit des Mörtels im Verbund mit dem Stein zu verbessern, haben wir bei dem Projekt in Koblenz neben dem Aufbringen der Haftschlämme zusätzlich noch die etwas glatte Grauwacke an den Seitenflächen gerillt.

Fugenmörtel auf den Stein abstimmen

Nicht nur der Bettungsmörtel muss zum Stein passen, auch der Fugenmörtel muss auf die Festigkeitswerte des Steines abgestimmt sein. Wichtig ist hier der Druckfestigkeitswert. Eine bewährte Bauweise ist es, eine sogenannte weiche Fuge auszubilden: Dabei ist der Fugenmörtel immer „weicher“ als der Stein, da sonst der schwächere Stein bei Spannungen reißen kann. Speziell Betonpflastersteine sind hierbei sensibel zu bewerten. Wichtig 
ist auch, dass alle Fugen vollkommen gefüllt sind, was nur geschieht, wenn die Fugengrößen ausreichend in Abhängigkeit zur Steindicke gewählt sind.

Nicht nur der Schichtenaufbau und die Qualität der Materialien muss abgestimmt und entsprechend der Belastung gewählt werden. Auch die perspektivische Verlegung von Infrastrukturtrassen sollte im Vorfeld ausführlich geplant und abgestimmt werden. Denn ein technisch gelungenes Bauwerk könnte dann das Verlegen einer neuen Leitung ohne Leerrohrtrassen sehr mühevoll werden lassen.

Mario Sommer, Stephan Lenzen: Handbuch gebundene Bauweise. Wissen kompakt für Büro und
Baustelle. 120 Seiten, 100 Abbildungen. Broschur. Callwey Verlag, München 2014. 19,80 Euro

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