Multisensorische Verkehrsdatenerfassung – was Städte wirklich brauchen

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Blau-weiße Straßenbahn in einer nachhaltigen deutschen Stadt, fotografiert von Eirik Skarstein.

Wie viele Sinne braucht eine Stadt, um den Verkehr wirklich zu verstehen? Mehr, als den meisten lieb ist. Multisensorische Verkehrsdatenerfassung verspricht weitaus mehr als nur Zählungen und Durchschnittswerte – sie eröffnet den Weg zur echten, dynamischen Steuerung urbaner Mobilität. Aber was steckt hinter dem Begriff? Wie funktioniert das Zusammenspiel unterschiedlichster Sensoren? Und worauf kommt es in der Praxis tatsächlich an? Willkommen zu einer Reise durch die sensorische Revolution im städtischen Verkehrsmanagement – mit scharfer Analyse, fachlichem Tiefgang und einem Augenzwinkern für alle, die genug haben von eindimensionalen Lösungen.

  • Definition und Bedeutung der multisensorischen Verkehrsdatenerfassung in der urbanen Planung
  • Technologische Grundlagen: Sensorarten, Datenquellen und Systemintegration
  • Praktische Anwendungsbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Chancen für nachhaltige Mobilität, Klimaschutz und lebenswertere Städte
  • Herausforderungen: Datenschutz, Datenhoheit und Interoperabilität
  • Die Rolle von Open Data, Governance und Bürgerbeteiligung
  • Fehlerquellen und die Gefahr von „technokratischer Übersteuerung“
  • Zukunftsperspektiven: KI, Echtzeitsteuerung und adaptive Infrastrukturen
  • Empfehlungen für Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Entscheider

Multisensorische Verkehrsdatenerfassung: Was verbirgt sich hinter dem Buzzword?

Im urbanen Raum ist die Erfassung von Verkehrsdaten seit Jahrzehnten ein zentrales Anliegen der Stadtplanung. Doch während früher Induktionsschleifen im Asphalt, manuelle Zählungen an Kreuzungen oder sporadische Verkehrserhebungen das Standardrepertoire bildeten, hat sich das Feld mittlerweile radikal gewandelt. Multisensorische Verkehrsdatenerfassung bezeichnet heute die gleichzeitige und vernetzte Nutzung verschiedenster Sensoren und Datenquellen – von klassischen Kameras und Infrarotsensoren bis hin zu akustischen Detektoren, Lidar, Floating Car Data, Bluetooth-Tracking, Umweltsensorik und anonymisierten Smartphone-Daten. Ziel ist es, ein möglichst vollständiges, räumlich und zeitlich hochaufgelöstes Bild des urbanen Mobilitätsgeschehens zu erzeugen.

Die Grundidee dahinter ist einleuchtend und dennoch revolutionär: Keine einzelne Sensorik kann alle Facetten des Verkehrs zuverlässig abbilden. Induktionsschleifen erfassen nur Fahrzeuge, Kameras erkennen zwar Fußgänger, aber oft keine Fahrräder in Gruppen. Lidar liefert exzellente 3D-Bilder, ist aber teuer und oft empfindlich gegenüber Witterung. Erst das Zusammenspiel – die Multisensorik – erlaubt es, die Schwächen der einen Technologie durch die Stärken der anderen zu kompensieren. Gleichzeitig entsteht durch die Fusion der Daten eine neue Qualität: Muster, Dynamiken und Abhängigkeiten werden sichtbar, die mit Einzelsystemen verborgen bleiben.

Im professionellen Sprachgebrauch spricht man von „Datenfusion“ oder „Sensor Fusion“. Hierbei werden die Rohdaten unterschiedlicher Quellen nicht nur nebeneinandergelegt, sondern algorithmisch miteinander verschränkt. Das Ergebnis: Realitätsnahe, konsistente und belastbare Verkehrsmodelle, die als Grundlage für Echtzeitsteuerung, Simulationen und Szenarioanalysen dienen. Damit rückt die Vision einer lernenden, adaptiven und nachhaltigen Stadt ein großes Stück näher – sofern die Technik richtig eingesetzt wird.

Doch nicht alles, was nach Hightech klingt, ist automatisch ein Gewinn für die Stadt. Multisensorische Datenerfassung ist komplex und fehleranfällig. Sie produziert riesige Datenmengen, die interpretiert, gesichert und politisch verantwortet werden müssen. Die Wahl der Sensorik, die Güte der Algorithmen und die Architektur der Datenplattformen entscheiden darüber, ob am Ende valide Entscheidungshilfen oder nur ein weiteres Datenchaos entsteht. Die große Herausforderung besteht darin, von der reinen Datensammlung zur wirklich nutzbaren, ethisch verantwortbaren und stadtverträglichen Informationsbasis zu gelangen.

Deshalb ist multisensorische Verkehrsdatenerfassung kein reines IT-Projekt, sondern ein interdisziplinäres Unterfangen. Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Mobilitätsmanager, Datenschützer und IT-Fachleute müssen gemeinsam Standards, Ziele und Prozesse definieren. Nur dann können die Potenziale dieser Technologie voll ausgeschöpft werden – für eine Mobilitätswende, die diesen Namen verdient.

Sensoren, Systeme und Stadtmodelle: Die Technik hinter der urbanen Intelligenz

Wer sich die aktuelle Landschaft der Verkehrsdatenerfassung anschaut, begegnet einer erstaunlichen Vielfalt an Technologien. Herzstück sind nach wie vor klassische Induktionsschleifen, die im Straßenbelag eingelassen werden und vorbeifahrende Fahrzeuge über magnetische Feldänderungen zählen. Doch sie haben Konkurrenz bekommen: Infrarotsensoren messen Wärmestrahlung und können so auch Fußgänger und Radfahrer erkennen, insbesondere in Bereichen, in denen Induktionsschleifen an ihre Grenzen stoßen.

Optische Systeme wie Kameras liefern Bilder, die mittels Künstlicher Intelligenz ausgewertet werden können. Moderne Algorithmen sind in der Lage, verschiedene Verkehrsteilnehmer – vom Lkw bis zum Skateboard – zuverlässig zu unterscheiden und deren Bewegungen in Echtzeit zu verfolgen. Lidar-Sensoren, bekannt aus der Robotik und dem autonomen Fahren, erfassen ganze Straßenzüge in dreidimensionalen Punktwolken und ermöglichen die hochpräzise Detektion von Objekten auch bei schlechten Lichtverhältnissen. Akustische Sensoren wiederum nutzen Schallwellen, um Verkehrsaufkommen, Fahrzeugtypen oder sogar Hupen und Bremsgeräusche zu analysieren.

Doch damit nicht genug: Moderne Systeme binden zunehmend Floating Car Data ein – also Bewegungsdaten, die aus vernetzten Fahrzeugen stammen. Auch anonymisierte Smartphone-Daten oder Bluetooth-Tracking bieten wertvolle Hinweise auf Fußgänger- und Radfahrströme. Hinzu kommen Umweltsensoren, die Emissionen, Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Feinstaub messen – und somit die Wechselwirkungen zwischen Verkehr und Umwelt abbilden. Die Kunst besteht darin, all diese Datenquellen über leistungsfähige Schnittstellen (APIs) in einer zentralen Urban Data Platform zusammenzuführen.

Eine solche Plattform muss nicht nur große Datenmengen verarbeiten, sondern auch verschiedene Standards und Protokolle unterstützen, Echtzeitverarbeitung ermöglichen und offene, nachvollziehbare Schnittstellen für die Weiterverarbeitung bereitstellen. Hier entscheidet sich, ob eine Stadt beim Thema Smart Mobility tatsächlich führend ist oder doch nur Insellösungen betreibt. Besonders spannend wird es, wenn die gewonnenen Daten direkt in urbane Digital Twins – also digitale Stadtmodelle – eingespeist werden. Dadurch lassen sich Szenarien simulieren, Verkehrsströme prognostizieren und Maßnahmen im Vorfeld testen, bevor sie im realen Raum umgesetzt werden.

Die Integration all dieser Sensoren und Datenquellen stellt hohe Anforderungen an Datenqualität, Synchronisation und Redundanz. Störungen oder Ausfälle einzelner Systeme dürfen nicht das gesamte Bild verfälschen. Daher sind Fehlertoleranz, Plausibilitätsprüfungen und adaptive Algorithmen essenziell. Nur so kann multisensorische Verkehrsdatenerfassung ihr volles Potenzial entfalten – als Rückgrat einer intelligenten, nachhaltigen Stadtentwicklung.

Praxischeck: Multisensorik in deutschen, österreichischen und Schweizer Städten

Werfen wir einen Blick in die Praxis: Wie sieht multisensorische Verkehrsdatenerfassung im urbanen Alltag aus? In Deutschland setzen Städte wie Düsseldorf, Hamburg oder München bereits auf ein Bündel verschiedenster Sensorik. In Hamburg beispielsweise werden an zentralen Achsen Kameras, Induktionsschleifen und Umweltsensoren kombiniert, um nicht nur die Anzahl der Fahrzeuge, sondern auch deren Geschwindigkeit, Emissionen und die aktuelle Luftqualität zu erfassen. Die Daten fließen in die zentrale Urban Data Platform der Stadt, auf deren Basis sowohl Verkehrsmanagement als auch Umweltpolitik gesteuert werden.

In München wurde im Rahmen des Projekts „Smarter Together“ ein ganzes Quartier mit Sensorik ausgestattet: Kameras, Bodensensoren, Bluetooth-Scanner und Wetterstationen liefern ein umfassendes Verkehrs- und Umweltbild in Echtzeit. Dieser Datenteppich dient als Grundlage für die adaptive Steuerung von Ampelanlagen, die Optimierung von Buslinien und die Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Staus werden besser prognostiziert und vermieden, die Aufenthaltsqualität steigt, die Emissionen sinken.

Auch in der Schweiz gibt es Vorreiter: Zürich kombiniert seit einigen Jahren verschiedene Sensoren, um insbesondere den Radverkehr besser zu erfassen. Hier kommen optische Systeme, Infrarot-Detektoren und akustische Sensoren zum Einsatz. Das Ziel: Die bislang oft unsichtbaren Rad- und Fußgängerverkehre sichtbar machen und gezielt fördern. Die dabei gewonnenen Daten werden in partizipativen Planungswerkstätten genutzt, um Maßnahmen gemeinsam mit den Bürgern zu entwickeln – ein Paradebeispiel für datenbasierte, demokratische Verkehrsplanung.

In Österreich setzt Wien auf eine enge Verknüpfung von Verkehrs- und Umweltdaten. Multisensorik unterstützt hier nicht nur die Verkehrssteuerung, sondern auch die Erfassung von Hitzeinseln und die Ableitung von Maßnahmen für klimaresiliente Quartiere. Die Kombination von Verkehrs-, Temperatur- und Feinstaubdaten liefert eine bisher unerreichte Detailtiefe – und ermöglicht passgenaue Interventionen, etwa bei der Umgestaltung öffentlicher Räume oder der Begrünung von Straßen.

Doch die Praxis zeigt auch die Grenzen: Datenschutz, Kosten, technische Komplexität und organisatorische Hürden bremsen vielerorts den flächendeckenden Einsatz. Es reicht eben nicht, Sensorik zu kaufen und Daten zu sammeln – die eigentliche Herausforderung liegt in der Integration, der Governance und der nachhaltigen Nutzung der Informationen. Nur wenn diese Hürden genommen werden, kann multisensorische Verkehrsdatenerfassung ihr Versprechen einlösen: die Basis für lebenswertere, klimafitte und mobilitätsgerechte Städte zu bilden.

Chancen und Fallstricke: Was Städte wirklich brauchen – und was sie vermeiden sollten

Multisensorische Verkehrsdatenerfassung gilt als Schlüsseltechnologie für die urbane Mobilitätswende, doch sie ist kein Selbstläufer. Ihr größtes Potenzial liegt in der Möglichkeit, Verkehrsströme, Umweltbelastungen und Nutzungsdynamiken in Echtzeit zu erkennen – und darauf flexibel zu reagieren. Adaptive Ampelschaltungen, intelligente Umleitungen, datenbasierte Förderung des Umweltverbunds oder die priorisierte Durchleitung von Rettungsfahrzeugen werden erst durch die Fusion verschiedenster Datenquellen wirklich effizient. Für Stadtplaner, Verkehrsplaner und Landschaftsarchitekten eröffnet sich damit eine neue Dimension der Gestaltung: Stadt wird zum lernenden System, Planung zum prozesshaften, partizipativen und datengetriebenen Experiment.

Doch auf dem Weg dorthin lauern zahlreiche Fallstricke. Zum einen besteht die Gefahr der „technokratischen Übersteuerung“: Wenn Entscheidungen allein auf Basis von Daten und Algorithmen getroffen werden, droht die Stadt zur Black Box zu werden. Bürgernähe, Beteiligung und der lokale Kontext dürfen nicht aus dem Blick geraten. Transparenz, Erklärbarkeit und offene Schnittstellen sind daher unabdingbar – nicht nur technisch, sondern auch politisch und gesellschaftlich.

Ein weiteres Risiko liegt in der Kommerzialisierung und Fragmentierung der Datenlandschaft. Viele Anbieter entwickeln proprietäre Systeme, die schlecht miteinander kommunizieren. Wer sich als Stadt in eine solche Abhängigkeit begibt, riskiert hohe Folgekosten und eingeschränkte Handlungsfähigkeit. Offene Standards, Interoperabilität und die konsequente Nutzung von Open Data sind daher zentrale Anforderungen an jede zukunftsfähige Lösung. Nur so behalten Städte die Kontrolle über ihre eigenen Daten und können Innovationen gezielt weiterentwickeln.

Nicht zuletzt müssen Fragen des Datenschutzes und der Datenhoheit konsequent adressiert werden. Multisensorik produziert personenbezogene und sensible Daten, deren Nutzung klar geregelt und gesellschaftlich akzeptiert sein muss. Anonymisierung, klare Zweckbindung und die Einbindung unabhängiger Kontrollinstanzen sind Pflicht, keine Kür. Nur wenn Bürger Vertrauen in die Datenerhebung und -nutzung haben, wird die Akzeptanz für innovative Verkehrsmanagementsysteme wachsen.

Städte brauchen deshalb vor allem eins: ein klares Zielbild, eine belastbare Governance-Struktur und den Mut, neue Wege zu gehen. Multisensorische Verkehrsdatenerfassung kann nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie als strategische, interdisziplinäre Aufgabe verstanden wird – und nicht als technisches Randprojekt. Dann aber wird aus dem Hype echte Transformation.

Ausblick: Zukunftsbild einer sensorisch intelligenten Stadt

Die Entwicklung steht erst am Anfang: Künstliche Intelligenz, Machine Learning und selbstlernende Algorithmen werden die Nutzung multisensorischer Verkehrsdaten in den kommenden Jahren noch einmal radikal verändern. Adaptive Systeme können Verkehrsflüsse nicht nur erfassen, sondern in Echtzeit steuern, Prognosen erstellen und Szenarien durchspielen. Die Integration in urbane Digital Twins ermöglicht es, geplante Maßnahmen, Baustellen, Großveranstaltungen oder klimabedingte Extremereignisse bereits im Vorfeld zu simulieren und ihre Auswirkungen auf den Verkehr zu testen.

Für Stadtplaner und Landschaftsarchitekten eröffnet sich damit eine neue Rolle: Sie werden zu Kuratoren eines urbanen Nervensystems, das weit über die klassische Verkehrsplanung hinausgeht. Die Fähigkeit, Sensorik, Datenanalyse, Bürgerbeteiligung und Governance zu orchestrieren, wird zur Schlüsselkompetenz moderner Stadtentwicklung. Wer jetzt investiert – nicht nur in Technik, sondern vor allem in Kompetenzen, Standards und Kooperationsstrukturen –, schafft die Grundlage für resiliente, lebenswerte und klimagerechte Städte.

Gleichzeitig bleibt Skepsis angebracht: Nicht jede Messung ist sinnvoll, nicht jede Datenfusion führt zu besseren Entscheidungen. Die Versuchung, Komplexität mit immer mehr Technik zu begegnen, ist groß – doch sie birgt die Gefahr, den eigentlichen Kern urbaner Planung aus dem Blick zu verlieren: die Gestaltung von Räumen für Menschen. Multisensorik ist Werkzeug, kein Selbstzweck. Sie muss eingebettet werden in einen klaren Wertekompass, in Beteiligung und in eine offene Fehlerkultur.

Die Zukunft der multisensorischen Verkehrsdatenerfassung liegt deshalb nicht allein im Fortschritt der Technik, sondern in der Fähigkeit der Städte, diese Technik in den Dienst öffentlicher Ziele zu stellen. Wer den Menschen, die Umwelt und die Stadt als Ganzes im Blick behält, kann mit multisensorischer Datenerfassung das urbane Leben entscheidend verbessern. Wer sich dagegen im Datendschungel verirrt, produziert am Ende nur digitale Luftschlösser.

Der Weg zur sensorisch intelligenten Stadt ist anspruchsvoll, aber lohnend. Multisensorische Verkehrsdatenerfassung ist dabei nicht das Ziel, sondern das Mittel: Sie liefert das Rohmaterial für eine Planung, die endlich in Echtzeit, partizipativ und ressourcenschonend agieren kann. Wer jetzt den Mut hat, Technologie, Governance und Gemeinwohl zu verbinden, gestaltet die Stadt der Zukunft – und zeigt, dass echte Urbanität immer mehr ist als die Summe ihrer Datenpunkte.

Fazit: Multisensorische Verkehrsdatenerfassung ist mehr als ein technisches Upgrade für die Stadt – sie ist das Fundament einer neuen, lernenden und adaptiven Urbanität. Nur im Zusammenspiel verschiedenster Sensoren, Datenquellen und Akteure entsteht das vollständige Bild, das für nachhaltige, lebenswerte und zukunftsfähige Städte notwendig ist. Die Technik ist bereit, die Herausforderungen sind groß, aber die Chancen noch größer: Wer sich jetzt auf den Weg macht, kann Mobilität neu denken – und damit Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und urbane Lebensqualität auf ein völlig neues Niveau heben. G+L bleibt am Puls der Entwicklung – und wird auch künftig zeigen, wie aus Daten echte Stadt wird.

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Neue Konzepte um Friedhöfe zu retten, sind notwendig. Dabei wichtig: Raum, der Trauer ermöglicht. Der Kölner Zukunftskongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 versammelte avantgardistische Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie – und Landschaftsarchitektur. Die Landschaftsarchitekten Constanze Petrow und Bart Brands stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse vor.

Friedhof noch nicht neu erfunden

In einer erzkatholischen Location, dem Tagungszentrum des Erzbistums Köln ging es unter der Moderation des Zukunftsforschers Matthias Horx eher säkular zu bei der Aufarbeitung des Themas „Vom Wandel der Trauerkultur im Zeitalter der Individualität“. Horx, dessen Zukunftsinstitut den Kongress „Heilsame Abschiede“ am 25. Oktober 2019 – der unter ideeller Trägerschaft der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. stand – kuratiert hatte, diskutierte mit einem illustren Kreis avantgardistischer Referenten aus Soziologie, Psychologie, Philosophie, Theologie und eben auch Landschaftsarchitektur. Es ging um die Realitäten von Trauern, Friedhof und Abschied nehmen sowie über „die neue Trauer in ihren Aspekten“.

Mit dabei – als Vertreter des Themas aus landschaftsarchitektonischer Sicht: die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow und der holländische Landschaftsarchitekt Bart Brands. Die beiden stellten Lösungsansätze, Leuchtturmprojekte und Erkenntnisse aus der Arbeit mit ihren Studenten sowie Ideen für künftige Planungen und Vorgehensweisen vor.

Dass Friedhöfe sich öffnen müssen für neue Konzepte, darüber waren sich alle Teilnehmer einig. Constanze Petrow etwa forderte den gerade auch kulturhistorisch so wertvollen Friedhof zu retten. „Es ist unsere Aufgabe“ so die Professorin für Freiraumplanung an der Hochschule Geisenheim, „hier Neues zu wagen und auszuprobieren. Noch haben wir ihn nicht neu erfunden.“
Wie dies beispielsweise aussehen kann, zeigte Bart Brands mit seiner Revitalisierung des Amsterdamer Friedhofes „De Nieuwe Ooster“, den er wie Barcode-Streifen in Parzellen mit unterschiedlichen Regeln unterteilt hat. Sein Credo lautet: „Alles muss möglich sein, aber nicht alles überall“. Constanze Petrow präsentierte darüber hinaus aktuelle studentische Strategien zur Weiterentwicklung des Friedhofs. Und sie stellte den soeben gestarteten Wettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ für Nachwuchsplaner vor, im Rahmen dessen geeignete Orte auch als räumliche Situationen auf dem weltgrößten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf gestaltet werden sollen, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des Abschiednehmens ermöglichen.

Begegnung respektvoll ermöglichen

Petrow hatte in einem Forschungsprojekt herausgefunden, dass sich im Spannungsfeld des Friedhofes zwischen privatem Raum am Grab und dem öffentlichen Raum eine lose Gemeinschaft an formellen und informell genutzten Begegnungsräumen wie etwa den Wasserstellen bildet, die bis heute überhaupt nicht bedient werde. Diese räumlich ungelöste Situation gilt es ihrer Meinung nach zu überwinden um soziales Miteinander zu fördern, beispielsweise mit begegnungsfähig angeordneten Sitzgelegenheiten. Wichtig sei dabei allerdings, die unterschiedlichen emotionalen Zustände der Friedhofsbesucher zu respektieren und in der architektonischen Umsetzung zu berücksichtigen.

Offene Themen

Obgleich der Zukunftskongress bereits thematisch überfrachtet von einem Themenfeld zum nächsten schwappte, fehlten doch wichtige Facetten wie etwa die Sichtweisen der verschiedenen auf dem Friedhof beschäftigten Gewerke sowie der Blick auf die massiv zunehmenden Begräbnisse von Menschen aus anderen Kulturräumen, insbesondere des islamischen Glaubens. Ließen diese – ebenso wie die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Christen – ihre Toten früher zu etwa 70 Prozent in der ehemaligen Heimat und nur zu 30 Prozent in Deutschland bestatten, so hat sich dieses Verhältnis mittlerweile umgekehrt.

Natur für ein Naturmuseum ist ähnlich herausfordernd, wie eine Architektur für die Präsentation von Architektur zu entwerfen. Wie stellt man sich also der Aufgabe, eine Landschaftsarchitektur für ein Museum zu schaffen, das zum Ziel hat, die Vielfalt der Naturgeschichte darzustellen und die Zusammenhänge zu erklären? Ein Annäherungsversuch am Beispiel des Parks für das Naturmuseum St. Gallen von Studio Vulkan Landschaftsarchitektur.

Bereits im 2009 ausgelobten Wettbewerb für den Neubau eines Naturmuseums, der von der Arbeitsgemeinschaft Armon Semadeni Architekten GmbH mit Michael Meier, Marius Hug Architekten AG umgesetzt wurde, war die Landschaftsarchitektur Teil des Wettbewerbsbeitrags. Es ist per se ein Paradoxon, Architektur oder in diesem Fall Natur ausstellen zu wollen. Denn was wir als Landschaft wahrnehmen, besteht in Wahrheit aus einer komplexen Überlagerung von verschiedenen Ebenen, sei es die Natur an sich, die funktionale und kulturgeschichtliche Prägung oder die eigene Interpretation. Wo die Einordnung in klare Begrifflichkeiten durch das Fehlen eindeutiger Grenzen im Zusammenwachsen von Stadt und Land schwierig wird, bewegen wir uns zunehmend in einer Übergangsphase zwischen Natur, natürlicher Künstlichkeit und künstlicher Natürlichkeit. Der Standort offenbart ein zusätzliches, typisches Paradoxon der Schweizer Landschaft: Infrastrukturen und Stadtraum verweben sich auf engstem Raum. Somit findet die Bauaufgabe, die Gestaltung eines Parks, direkt über einem Autobahntunnel, umgeben von heterogenem Zwischenstadtraum statt. Wie kann also Natur an einem solchen Ort aussehen? Bestimmt nicht wie ein museumspädagogisch linear verlaufender didaktischer Lehrpfad …

Dialog zwischen den Welten

Als Abschirmung zum gewachsenen Umfeld, aber auch als Synonym zum schnelllebigen Alltag wird eine natürliche Sichtbarriere als eine Art Filterzone zwischen den Welten mit einheimischen Pflanzen – Hainbuchen, Farnen und Stauden – geschaffen. 75 Prozent der Bepflanzung stammt aus heimischen Gewächsen. Für die restlichen 25 Prozent fiel die Wahl zum Beispiel auf exotische Hortensien. Irgendwann könnten die aufgrund des Klimawandels auch in hiesigen Klimazonen heimisch werden. Auch die Nachbarschaft eines Ginkgobaums zu einer Lärche gehört zu den Rätseln der Natur. Die Pfarrkirche St. Maria Neudorf setzt einen städtebaulichen Akzent, auf den sowohl die Architektur als auch die Landschaftsgestaltung Bezug nimmt. Weniger in der Festlegung von Bezugskanten, sondern auf einer philosophischen Ebene: Der Dialog zwischen den zwei Theorien zur Entstehung der Welt wird auf einer poetisch-sakralen und wissenschaftlichen Ebene geführt und funktioniert über Trittsteine, die zugleich als Informationsträger der weltlichen und religiösen Zitate dienen.

Katalysator für die Vorstellungskraft

Unabhängig von der Materialität der Fassade des Naturmuseums wurde auch im zugehörigen Park der Werkstoff Beton eingesetzt. Als artifizielles Produkt steht der Beton in gewolltem Kontrast zu dem für die Ostschweiz bekannten Naturwerkstein Nagelfluh. Die Trittsteine wirken als Katalysator für die Vorstellungskraft. Sie sind mit Artefakten aus der Naturgeschichte bis zu Bearbeitungsspuren von Menschen mit Mustern von Jute, Dränplatten oder Dachlatten versehen. Und noch einmal werden Sehgewohnheiten auf die Probe gestellt: Anstelle elegant an der Fassade von Kirchen oder Sehenswürdigkeiten zu wirken, findet sich der grünliche Ostschweizer Sandstein grob geschottert wieder. Da es keine Wegeführung gibt, ist man frei, sich seinen eigenen Zugang zum Ort, aber auch zur Gedankenwelt zu suchen. Damit schließt sich der Kreis zum Naturmuseum wieder.

Ein Interview mit Lukas Schweingruber vom Studie Vulkan finden Sie in der Dezemberausgabe 2018 der G+L.