Nachhaltigkeit vs. Denkmalschutz – Konfliktlinien und Lösungen

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Hochwinkelaufnahme einer deutschen Stadt, fotografiert von Markus Spiske mit einer Leica Summicron-R 2.0 / 50mm (1981).

Denkmalschutz trifft Nachhaltigkeit – ein ungleiches Paar? Von wegen! Zwischen ambitionierten Klimazielen und historischem Erbe tobt ein faszinierender Schlagabtausch, der Planer und Städtebauer regelmäßig an ihre kreativen Grenzen bringt. Wer klug kombiniert, kann aus den scheinbaren Widersprüchen echte Synergien schaffen – und das Stadtbild von morgen gestalten, ohne das Gestern zu verraten.

  • Analyse der zentralen Konfliktlinien zwischen Nachhaltigkeit und Denkmalschutz im deutschsprachigen Raum
  • Historische Entwicklung des Denkmalschutzes und aktuelle Anforderungen an nachhaltige Quartiersentwicklung
  • Technische und rechtliche Herausforderungen bei der energetischen Sanierung denkmalgeschützter Gebäude
  • Innovative Lösungsansätze aus Praxis und Forschung – von Low-Tech bis High-Tech
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Die Rolle von Partizipation, Governance und interdisziplinärer Zusammenarbeit
  • Städtebauliche, soziale und wirtschaftliche Auswirkungen von nachhaltigen Maßnahmen im Denkmalbestand
  • Kritische Reflexion: Greenwashing, Authentizitätsverlust und Chancen für transformative Stadtentwicklung
  • Praktische Empfehlungen für Planer, Architekten und Kommunen

Zwischen Bewahren und Verändern – Wo Nachhaltigkeit und Denkmalschutz aufeinandertreffen

Kaum eine Debatte im urbanen Raum entzündet sich so regelmäßig und leidenschaftlich wie die zwischen Denkmalschutz und Nachhaltigkeit. Während die einen das baukulturelle Erbe als unantastbare Zeitkapsel verteidigen, fordern die anderen radikale Umnutzungen, Dämmungen und neue Technologien, um die Klimaziele zu erreichen. Aber wie unvereinbar sind diese Ziele wirklich? Der Denkmalschutz in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurzelt in einem tiefen Respekt für das gebaute Erbe. Schutzgesetze, Inventare und Ensembles wollen nicht nur Einzelobjekte bewahren, sondern auch historische Stadtstrukturen, Materialien und Handwerkstraditionen. Gleichzeitig hat das Nachhaltigkeitsparadigma die Planungsdebatte fest im Griff: Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft, CO₂-Reduktion und Anpassung an den Klimawandel sind längst keine Kür mehr, sondern Pflichtprogramm für Städte und Gemeinden.

Doch genau hier beginnen die Konfliktlinien. Denkmalgeschützte Gebäude sind häufig energetische Sorgenkinder: Massive Außenwände, historische Fenster, alte Heizanlagen und fehlende Dämmungen lassen die Verbrauchswerte in die Höhe schnellen. Gleichzeitig stehen viele klassische Sanierungsmaßnahmen, wie etwa das Anbringen von Außendämmungen oder der Austausch historischer Bauteile, in direktem Widerspruch zum Schutzgedanken. Es entsteht der berühmte Zielkonflikt zwischen Erhalt und Erneuerung, zwischen Authentizität und Effizienz. Städteplaner, Architekten und Behörden geraten oft zwischen die Fronten – und werden zu Vermittlern zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Doch die Lage ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Denn viele der vermeintlichen Gegensätze erweisen sich bei genauerem Hinsehen als Katalysatoren für Innovation. So zwingt der Denkmalschutz dazu, kreative, maßgeschneiderte Lösungen für den Bestand zu entwickeln – vom Einbau reversibler Dämmstoffe bis zur Nutzung erneuerbarer Energien im Ensemblekontext. Gleichzeitig bietet das historische Stadtbild eine ideale Bühne für nachhaltige Mobilitätskonzepte, grüne Infrastrukturen und soziale Mischungen, die in neuen Quartieren oft mühsam herbeiprojektiert werden müssen.

In der Praxis zeigt sich: Es gibt nicht den einen Königsweg, sondern eine Vielzahl von Methoden, Strategien und Kompromissen, die von lokalen Gegebenheiten, rechtlichen Rahmen und der Offenheit der beteiligten Akteure abhängen. Der Dialog zwischen Denkmalschutz und Nachhaltigkeit ist weniger ein Nullsummenspiel als vielmehr ein dynamischer Aushandlungsprozess, in dem neue Allianzen entstehen können. Wer die Potenziale beider Seiten erkennt, kann nicht nur Konflikte entschärfen, sondern auch innovative, identitätsstiftende Stadtentwicklung betreiben.

Gerade vor dem Hintergrund wachsender Klimarisiken, steigender Energiepreise und gesellschaftlicher Transformationen gewinnt diese Debatte an Brisanz. Ein nachhaltiger Umgang mit dem Bestand wird zur Schlüsselfrage der Zukunftsfähigkeit unserer Städte – und zum Prüfstein für die Innovationskraft der gesamten Branche. Die große Herausforderung: Lösungen zu finden, die weder den Denkmalschutz zur reinen Folklore degradieren noch Nachhaltigkeit als Vorwand für radikale Tabula-Rasa-Sanierungen missbrauchen.

Historische Perspektiven und aktuelle Rahmenbedingungen – Wie sich die Zielkonflikte entwickelt haben

Um die heutigen Spannungen zwischen Nachhaltigkeit und Denkmalschutz zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. Der moderne Denkmalschutz, wie er im deutschsprachigen Raum etabliert wurde, entstand im 19. Jahrhundert aus der Erkenntnis, dass Städte und Bauwerke als kulturelles Gedächtnis einer Gesellschaft zu begreifen sind. In der Nachkriegszeit gewann der Schutzgedanke an Bedeutung – nicht zuletzt als Reaktion auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die oft radikalen Stadterneuerungsprogramme der 1960er Jahre. Die gesetzliche Verankerung des Denkmalschutzes brachte klare Regeln, aber auch starre Verfahren hervor, die bis heute in vielen Bundesländern und Kantonen gelten.

Mit dem Aufkommen der Nachhaltigkeitsdebatte in den 1970er und 1980er Jahren verschob sich der Fokus: Ressourcenschonung, Energiekrisen und Umweltbewusstsein rückten in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung. Spätestens mit den Klimazielen der Europäischen Union, dem Pariser Abkommen und nationalen Klimaschutzgesetzen wurde Nachhaltigkeit zur zentralen Leitlinie für die Umgestaltung von Quartieren und Gebäuden. Die Folge: Der Gebäudebestand, und damit auch die Denkmäler, geriet ins Visier von Effizienzvorgaben, Förderprogrammen und Sanierungsdruck.

Heute treffen zwei robuste Regelsysteme aufeinander: Einerseits die Vorgaben des Denkmalschutzes, die auf die Bewahrung von Materialität, Gestalt, Patina und historischer Substanz abzielen. Andererseits die Anforderungen der Energieeinsparverordnung, der Gebäudeenergiegesetze und kommunaler Klimastrategien, die CO₂-Reduktion, Erneuerbare Energien und eine umfassende Transformation des Bauwesens verlangen. Die rechtliche Lage ist dabei vielschichtig und nicht selten widersprüchlich: Während etwa die EnEV und das Gebäudeenergiegesetz Ausnahmen für Denkmäler vorsehen, setzen Förderprogramme wie die KfW strenge Standards, die im Einzelfall kaum erreichbar sind.

Hinzu kommt eine wachsende gesellschaftliche Erwartungshaltung: Die Bevölkerung fordert einerseits den Erhalt identitätsstiftender Baukultur, andererseits sichtbare Fortschritte beim Klimaschutz. Medienberichte über hitzige Debatten um Solaranlagen auf Kirchendächern, Wärmepumpen im Jugendstil oder Fahrradwege durch historische Parks sind längst Teil des Alltags in vielen Kommunen. Die Frage, wie viel Veränderung ein Denkmal verträgt – und wie viel Beharrungsvermögen die Nachhaltigkeit braucht – wird zur Daueraufgabe für alle Beteiligten.

In den letzten Jahren ist eine vorsichtige Annäherung zu beobachten: Zahlreiche Leitfäden, Handreichungen und Praxisbeispiele zeigen, dass Denkmalschutz und Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig Gegensätze sind. Vielmehr geht es darum, die Spielräume des Gesetzes kreativ auszuloten, den Dialog zwischen Fachdisziplinen zu stärken und neue Allianzen zwischen Baukultur, Technik und Gesellschaft zu schmieden. Die Herausforderungen bleiben komplex – aber die Chancen, innovative Stadtentwicklung im Bestand zu betreiben, waren selten so groß wie heute.

Technische und rechtliche Herausforderungen – Warum Sanierung im Denkmal Bestand hat

Die energetische Sanierung denkmalgeschützter Gebäude ist eine Königsdisziplin – technisch, rechtlich und gestalterisch. Die klassische Außendämmung, die bei Neubauten und unsensiblen Bestandsbauten Standard ist, scheitert im Denkmal oft schon an der Fassadengestaltung, dem Material oder dem Ensemblecharakter. Innendämmungen gelten als mögliche Alternative, bringen aber bauphysikalische Risiken wie Feuchteschäden und Schimmelbildung mit sich, wenn sie nicht fachgerecht ausgeführt werden. Fenster, die aus Sicht der Energieeffizienz dringend ersetzt werden müssten, sind häufig prägende Elemente der Baukultur und dürfen nur mit viel Fingerspitzengefühl modernisiert werden.

Technische Innovationen versprechen zwar Abhilfe, sind aber nicht immer kompatibel mit den Anforderungen des Denkmalschutzes. Beispielsweise lassen sich Photovoltaik-Anlagen, Wärmepumpen oder kontrollierte Lüftungssysteme nur dann integrieren, wenn sie das Erscheinungsbild nicht beeinträchtigen oder sich unauffällig in die Substanz einfügen. Die Entwicklung von sogenannten Building-Integrated Photovoltaics (BIPV) eröffnet zwar neue Möglichkeiten, ist aber kostenintensiv und noch nicht flächendeckend etabliert. Ähnlich verhält es sich mit reversiblen Dämmstoffen, kapillaraktiven Innendämmungen und smarten Steuerungssystemen, die zwar Effizienzpotenziale bieten, aber hohe Anforderungen an Planung und Ausführung stellen.

Rechtlich ist die Lage nicht weniger anspruchsvoll. Die Denkmalschutzgesetze der einzelnen Bundesländer und Kantone unterscheiden sich erheblich in ihrer Auslegung und Handhabung. Während manche Behörden innovative Lösungen wohlwollend begleiten, herrscht andernorts ein restriktiver Kurs, der kaum Spielraum für Experimente lässt. Genehmigungsverfahren ziehen sich oft über Monate, Gutachten und Nachweise türmen sich, und die Unsicherheit hinsichtlich der Förderfähigkeit nachhaltiger Maßnahmen schreckt viele Eigentümer und Investoren ab. Zudem sind die Zuständigkeiten zwischen Denkmalschutz, Bauaufsicht und Energieberatung oft nicht klar geregelt, was zu Reibungsverlusten und Verzögerungen führt.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde Standardisierung von Sanierungslösungen für den Denkmalbestand. Während es für Neubauten zahlreiche zertifizierte Systeme und Produkte gibt, sind maßgeschneiderte Lösungen für historische Gebäude aufwändig, teuer und mitunter experimentell. Die Wirtschaftlichkeit nachhaltiger Sanierungen leidet unter hohen Anfangsinvestitionen und fehlender Planungssicherheit. Gleichzeitig fehlt es an ausreichender Aus- und Weiterbildung von Fachkräften, die sowohl die technische als auch die denkmalpflegerische Seite beherrschen.

Dennoch gibt es Lichtblicke: Interdisziplinäre Teams, innovative Start-ups und engagierte Verwaltungen treiben die Entwicklung voran. Forschungsprojekte, etwa zu Low-Tech-Konzepten und nachhaltigen Baustoffen, liefern wertvolle Erkenntnisse für die Praxis. Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten, etwa durch Building Information Modeling (BIM) und digitale Zwillinge, die eine präzise Planung und Simulation komplexer Sanierungsmaßnahmen erlauben. Der Schlüssel liegt in der engen Zusammenarbeit aller Beteiligten – von der Denkmalpflege über die Energieberatung bis hin zum Handwerk und den Nutzern.

Innovative Lösungen und Best-Practice-Beispiele – Was heute schon geht

Die Praxis zeigt: Trotz aller Schwierigkeiten gibt es eine beeindruckende Bandbreite an erfolgreichen Projekten, die Nachhaltigkeit und Denkmalschutz in Einklang bringen. In Berlin etwa wurde das ehemalige Kaufhaus Hertzog denkmalgerecht saniert und mit einer hocheffizienten Innendämmung sowie einer dezentralen Wärmepumpentechnik ausgestattet. Die historische Fassade blieb unangetastet, während das Raumklima heute höchsten Standards entspricht. In Zürich gelang es, ein Altbauquartier mit innovativen, kaum sichtbaren Solarlösungen auszustatten, indem Dachflächen sensibel integriert und neue Technologien genutzt wurden.

Auch das berühmte Münchner „Wirtshaus zum Isartal“ ist ein Paradebeispiel für gelungene Synergien: Hier wurde eine Kombination aus traditioneller Bauweise, moderner Dämmtechnik und regenerativen Energiesystemen realisiert, die sowohl die Anforderungen des Denkmalschutzes als auch die Klimaziele der Stadt erfüllt. In Wien wiederum setzt man auf partizipative Verfahren, um die Bewohner und Nutzer frühzeitig in den Sanierungsprozess einzubeziehen und so maßgeschneiderte Lösungen zu erarbeiten, die von allen getragen werden.

Forschungsprojekte wie das „Fachwerkzentrum Quedlinburg“ oder das österreichische „Baukultur Erbe Klima“ zeigen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Praxis übersetzt werden können. Hier werden innovative Dämmstoffe, reversible Installationen und digitale Planungsmethoden getestet und evaluiert. Die Ergebnisse fließen in Leitfäden, Schulungen und Beratungsangebote ein und schaffen so eine solide Basis für weitere Projekte.

Ein besonders spannender Ansatz ist die Kombination von Low-Tech-Strategien mit smarten Technologien. Statt auf maximalen High-Tech-Aufwand zu setzen, werden oft natürliche Lüftung, Verschattung, passive Klimatisierung und lokale Materialkreisläufe genutzt – ergänzt durch gezielten Einsatz digitaler Steuerung und Monitoring-Systeme. So entstehen nachhaltige, ressourcenschonende Sanierungen, die dem Denkmal gerecht werden, ohne es zu überfrachten.

Die Rolle von Governance, Partizipation und interdisziplinärer Zusammenarbeit ist dabei nicht zu unterschätzen. Erfolgreiche Projekte sind fast immer das Ergebnis intensiver Dialoge zwischen Architekten, Planern, Behörden, Eigentümern und Nutzern. Transparente Entscheidungsprozesse, frühzeitige Einbindung und die Bereitschaft, auch ungewöhnliche Wege zu gehen, sind zentrale Erfolgsfaktoren. Die Botschaft: Es gibt keine Universallösung, aber es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, Nachhaltigkeit und Denkmalschutz zur Triebfeder innovativer Stadtentwicklung zu machen.

Fazit – Potenziale, Risiken und der Weg in eine nachhaltige Denkmallandschaft

Die Debatte um Nachhaltigkeit und Denkmalschutz ist weit mehr als ein akademischer Streit – sie ist ein Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit unserer Städte und Gemeinden. Die Herausforderungen sind beachtlich: Technische Komplexität, rechtliche Unsicherheiten, wirtschaftliche Hürden und gesellschaftliche Zielkonflikte machen die Sanierung im Denkmalbestand zur anspruchsvollsten Disziplin der Stadtentwicklung. Doch gerade in diesem Spannungsfeld entstehen die spannendsten Innovationen – und die überzeugendsten Beispiele dafür, dass Bewahren und Verändern keine Gegensätze sein müssen.

Es braucht Mut, Kreativität und einen langen Atem, um nachhaltige Lösungen im Denkmalbestand zu realisieren. Die technischen Möglichkeiten wachsen rasant, doch ohne den Willen zur interdisziplinären Zusammenarbeit und zur Öffnung der Regelwerke bleiben sie oft ungenutzt. Die Digitalisierung bietet neue Werkzeuge, um Planung, Simulation und Monitoring auf ein neues Niveau zu heben – doch sie ersetzt nicht das Gespür für Baukultur, Geschichte und soziale Dynamik.

Die Risiken sind real: Greenwashing, halbherzige Kompromisse und der Verlust von Authentizität drohen, wenn Nachhaltigkeit und Denkmalschutz als Gegenspieler verstanden werden. Umso wichtiger ist es, den Dialog zu fördern, Spielräume auszuloten und die Erfolge sichtbar zu machen. Förderprogramme, Praxisleitfäden und Aus- und Weiterbildung sind dabei ebenso wichtig wie die Einbindung der Nutzer und die Offenheit für neue Wege.

Wer die Potenziale von Nachhaltigkeit und Denkmalschutz erkennt und nutzt, kann nicht nur zum Klimaschutz beitragen, sondern auch die Identität und Lebensqualität unserer Städte stärken. Der nachhaltige Umgang mit dem baukulturellen Erbe ist mehr als eine Pflicht – er ist eine Chance, die Stadt von morgen aus dem Geist des Gestern neu zu erfinden. Das Ziel ist klar: Eine Denkmallandschaft, die sowohl ökologisch als auch kulturell zukunftsfähig ist.

Die Branche steht vor einer großen Aufgabe – und einer noch größeren Gelegenheit. Wer heute die Weichen richtig stellt, kann zeigen, dass nachhaltige Stadtentwicklung und Denkmalschutz nicht nur zusammenpassen, sondern gemeinsam zur Triebkraft einer urbanen Renaissance werden können. Und genau dafür braucht es die Expertise, den Mut und die Kreativität der gesamten Planungscommunity – von G+L bis zu jedem einzelnen Projekt.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.