On-Demand-Mobilität & Planungssicherheit – wie verträgt sich das?

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Luftaufnahme von Gebäuden mit roten Dächern in der Schweiz, fotografiert von Yevheniia





On-Demand-Mobilität & Planungssicherheit – Wie verträgt sich das?


Flexibilität auf Knopfdruck – Albtraum oder Zukunftsmodell der Stadtplanung? On-Demand-Mobilität verspricht die perfekte Lösung für urbane Mobilitätsprobleme, stellt Planer aber vor völlig neue Herausforderungen. Wie viel Unsicherheit verträgt eine Stadt? Und wie können Planungsprozesse mit dieser Dynamik Schritt halten, ohne den Überblick zu verlieren?

  • Definition und Status Quo der On-Demand-Mobilität im deutschsprachigen Raum
  • Herausforderungen für die klassische Planungssicherheit durch dynamische Mobilitätsangebote
  • Wechselwirkungen zwischen Flexibilität, Nutzerfreundlichkeit und Infrastrukturentwicklung
  • Rechtliche und politische Rahmenbedingungen – Spielräume und Grenzen
  • Innovative Planungsinstrumente: Von Echtzeitdaten bis zu Urban Digital Twins
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Chancen für nachhaltige Stadt- und Freiraumentwicklung
  • Risiken: Fragmentierung, soziale Ungleichheit, Steuerungsprobleme
  • Empfehlungen für Planer und Kommunen: Strategien für eine resiliente Stadtentwicklung

On-Demand-Mobilität: Paradigmenwechsel im urbanen Verkehr

On-Demand-Mobilität ist längst kein bloßes Zukunftsszenario mehr. Der Begriff umfasst dynamische, flexibel buchbare Mobilitätsdienste wie Ridepooling, flexible Kleinbusse, E-Scooter, Carsharing oder Mietfahrräder, die sich per App oder digitaler Plattform quasi in Echtzeit abrufen lassen. Die Nutzer erhalten Mobilität genau dann und dort, wo sie sie benötigen – ohne auf starre Fahrpläne oder feste Haltestellen angewiesen zu sein. Das Versprechen: maximaler Komfort, weniger Leerfahrten, mehr Effizienz.

Diese Entwicklung wurde durch digitale Plattformen, GPS-basierte Datenerfassung und die breite Verfügbarkeit von Smartphones überhaupt erst möglich. Anbieter wie MOIA, CleverShuttle, BerlKönig oder Stadtwerke-basierte Systeme wie SSB Flex in Stuttgart haben in den letzten Jahren ganze Städte als Reallabore genutzt. Besonders in peripheren Lagen, wo klassischer Linienverkehr wirtschaftlich oft nicht zu betreiben ist, gilt On-Demand-Mobilität als Heilsbringer. Aber auch im städtischen Kern sorgt sie für Bewegung – im doppelten Wortsinn.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2023 wurden laut Bundesverband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Deutschland bereits über 280 On-Demand-Verkehre in Betrieb genommen oder geplant. Die Schweiz und Österreich ziehen nach, mit innovativen Pilotprojekten wie SBB GreenClass oder PostAuto PubliCar. Was alle verbindet, ist der Anspruch, die Mobilitätswünsche der Bevölkerung schnell, flexibel und ressourcenschonend zu erfüllen. Dabei steht nicht nur die Technik im Mittelpunkt, sondern auch ein Wandel im Mobilitätsverständnis: Weg vom individuellen Besitz, hin zur geteilten, bedarfsorientierten Nutzung.

Doch bei aller Euphorie: Die klassische Planungskultur, wie sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz über Jahrzehnte geprägt wurde, stößt an ihre Grenzen. Stadt- und Verkehrsplanung sind traditionell auf langfristige Prognosen, feste Liniennetze und infrastrukturelle Dauerhaftigkeit ausgelegt. On-Demand-Angebote hingegen sind volatil, reagieren auf Nachfrage, passen ihre Routen und Betriebszeiten flexibel an. Spätestens hier prallen zwei Welten aufeinander – und das macht die Sache für Planer nicht gerade einfacher.

Die zentrale Frage lautet daher: Wie lassen sich diese scheinbar widersprüchlichen Anforderungen unter einen Hut bringen? Ist Planungssicherheit im Zeitalter der On-Demand-Mobilität überhaupt noch möglich? Oder müssen wir Stadtentwicklung völlig neu denken?

Planungssicherheit unter Druck: Wenn Flexibilität zur Herausforderung wird

Planungssicherheit galt jahrzehntelang als Fundament erfolgreicher Stadtentwicklung. Sie bedeutet, dass Regeln, Strukturen und Prozesse verlässlich sind – für Investoren, für die öffentliche Hand, aber auch für die Nutzer der Stadt. Wer einen Bebauungsplan aufstellt, kalkuliert mit festen Verkehrsströmen, klaren Pendlerrelationen und prognostizierbaren Flächennutzungen. Doch On-Demand-Mobilität wirbelt diese Planungsgrundlage kräftig durcheinander.

Die Volatilität des Nachfrageverhaltens macht es schwer, langfristige Prognosen zu erstellen. Plötzlich entstehen temporäre Hotspots, weil ein Viertel über Nacht zum Gastronomie-Hotspot avanciert oder weil neue Wohnquartiere erst durch flexible Shuttles überhaupt erschlossen werden. Die klassische Erreichbarkeitsanalyse funktioniert nur noch bedingt, wenn Nutzer spontan zwischen Verkehrsmitteln wechseln oder sich neue Angebote im Wochenrhythmus etablieren und wieder verschwinden.

Für Planer bedeutet das eine nie dagewesene Unsicherheit. Wie viele Parkplätze werden wirklich noch gebraucht? Muss eine neue Straße gebaut werden – oder genügt ein On-Demand-Angebot, das Quartier XYZ anbindet? Welche Flächen bleiben Reserve, welche werden aktiviert? Und wie lassen sich die Bedürfnisse von Fußgängern, Radfahrern, klassischen ÖPNV-Nutzern und On-Demand-Kunden in Einklang bringen?

Diese Fragen sind längst nicht nur theoretisch. In Hamburg etwa führt der Erfolg von On-Demand-Services in manchen Quartieren zu einer Entlastung des Parkraums, während andere Stadtteile auf einmal über zusätzliche Verkehre klagen. In Zürich experimentiert man mit flexiblen Haltepunkten, die je nach Nachfrage verschoben werden. In Wien wiederum diskutiert die Stadtverwaltung, wie sich Ridepooling-Angebote mit bestehenden Straßenbahnrouten verzahnen lassen – ohne den Linienverkehr zu kannibalisieren.

Die große Herausforderung liegt darin, den Spagat zu meistern: genügend Spielraum für Innovationen zu lassen, ohne die Steuerbarkeit und Verlässlichkeit der Stadtentwicklung zu verlieren. Es braucht neue Instrumente, mit denen Planer die Dynamik verstehen, bewerten und steuern können. Denn nur so wird aus Flexibilität kein Chaos, sondern ein echter Mehrwert für Stadt und Nutzer.

Innovative Planungsinstrumente: Echtzeitdaten, Simulationen, Urban Digital Twins

Die gute Nachricht: Es gibt sie, die Werkzeuge der Stunde. An erster Stelle stehen Echtzeitdaten, die aus Mobilitätsplattformen, Fahrzeugflotten, Sensorik und Nutzungs-Apps generiert werden. Sie erlauben erstmals, den urbanen Verkehr als lebendigen Organismus zu analysieren. Planer können heute minutengenau nachvollziehen, wo sich Nachfrage-Ballungen bilden, wie sich neue Angebote auf das Mobilitätsverhalten auswirken und welche Strecken besonders beliebt sind.

Noch einen Schritt weiter gehen Simulationen und Urban Digital Twins. Sie machen aus der klassischen Verkehrs- und Flächenplanung eine dynamische Prozessarchitektur. Ein Urban Digital Twin ist nicht nur ein schickes 3D-Modell, sondern ein ständig aktualisiertes, datengetriebenes Abbild der Stadt. Hier lassen sich Szenarien durchspielen: Was passiert, wenn ein neuer Ridepooling-Service in einem bisher schlecht erschlossenen Stadtteil startet? Wie verändert sich das Angebot, wenn E-Scooter in bestimmten Zonen verboten oder gezielt gefördert werden?

Ein Beispiel aus der Praxis: In München wird derzeit ein Urban Digital Twin genutzt, um die Auswirkungen verschiedener On-Demand-Angebote auf das bestehende ÖPNV-Netz zu simulieren. Die Stadt kann damit in Echtzeit nachvollziehen, wie sich Fahrgastströme verlagern, wo Engpässe entstehen und welche Quartiere von zusätzlicher Flexibilität profitieren. In Zürich wiederum werden Daten aus On-Demand-Diensten genutzt, um die Planung von Mobilitäts-Hubs und multimodalen Schnittstellen zu optimieren.

Diese Instrumente sind allerdings kein Selbstläufer. Ohne klare Zielsetzungen, Datenstandards und Schnittstellen zwischen den verschiedenen Akteuren drohen Insellösungen und digitale Black Boxes. Planung braucht Transparenz: Die Algorithmen, die On-Demand-Angebote steuern, müssen nachvollziehbar sein. Nur so bleibt die Hoheit über die Entwicklung der Stadt bei den öffentlichen Stellen – und nicht bei den Betreibern privater Plattformen.

Langfristig wird sich die Rolle der Planer grundlegend wandeln. Sie werden zu Prozessgestaltern, Moderatoren und Datenanalysten – und müssen den Spagat zwischen Steuerung und Offenheit beherrschen. Wer jetzt nicht in digitale Kompetenzen und neue Planungslogiken investiert, riskiert den Anschluss an eine urbane Realität, die längst im Wandel begriffen ist.

Rahmenbedingungen und Praxis: Was Politik und Verwaltung tun können (und müssen)

Damit On-Demand-Mobilität und Planungssicherheit nicht zum Widerspruch werden, braucht es den richtigen Rahmen. Die rechtlichen und politischen Bedingungen sind im deutschsprachigen Raum allerdings noch alles andere als optimal. Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) in Deutschland, der Gelegenheitsverkehr in der Schweiz oder die Konzessionsregelungen in Österreich hinken den technischen Möglichkeiten oft hinterher. Der Flickenteppich aus Pilotprojekten, Sondergenehmigungen und städtischen Eigeninitiativen sorgt für Unsicherheiten – für Betreiber wie für Planer.

Eine zentrale Aufgabe der Politik ist es daher, Spielregeln zu definieren: Unter welchen Bedingungen dürfen On-Demand-Angebote betrieben werden? Welche Daten müssen zur Verfügung gestellt werden? Wie wird sichergestellt, dass neue Mobilitätsformen nicht nur einzelne Quartiere bedienen, sondern die Stadt als Ganzes voranbringen? Nur mit klaren Leitlinien lassen sich die Vorteile der Flexibilität nutzen, ohne die Steuerbarkeit der Stadtentwicklung zu verlieren.

Vorbildlich agieren Kommunen, die auf offene Datenplattformen setzen und die Zusammenarbeit zwischen Verkehrsbetrieben, Verwaltung und privaten Anbietern aktiv fördern. In Wien etwa ist die Integration von On-Demand-Angeboten in den Verkehrsverbund bereits Realität. In Hamburg wird mit dem Projekt „Switchh“ eine multimodale Mobilitätsplattform aufgebaut, die unterschiedliche Verkehrsträger – vom E-Scooter bis zur S-Bahn – miteinander vernetzt. In Zürich sind On-Demand-Verkehre Teil der offiziellen Nahverkehrsstrategie und werden gezielt eingesetzt, um Lücken im ÖPNV zu schließen.

Doch auch die Verwaltung muss umdenken. Klassische Ausschreibungs- und Genehmigungsprozesse sind oft zu langsam, um mit der Dynamik digitaler Mobilitätsangebote Schritt zu halten. Hier sind agile Verfahren, Testphasen und eine enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft gefragt. Wichtig ist auch, die Bürger frühzeitig einzubinden: On-Demand-Mobilität kann nur dann ihre Vorteile ausspielen, wenn sie als Teil des öffentlichen Raums verstanden und akzeptiert wird.

Schließlich bleibt die Frage nach der Finanzierung. On-Demand-Verkehre sind in der Anfangsphase oft auf öffentliche Subventionen angewiesen. Langfristig müssen Modelle gefunden werden, die wirtschaftlich tragfähig sind, ohne soziale oder räumliche Ausschlüsse zu produzieren. Nur so wird On-Demand-Mobilität zum echten Baustein einer nachhaltigen Stadtentwicklung – und nicht zum kurzlebigen Hype.

Zukunftsperspektiven: Chancen, Risiken und Empfehlungen für die Planung

On-Demand-Mobilität ist gekommen, um zu bleiben – das steht fest. Sie bietet die Chance, urbane Mobilität flexibler, effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Besonders für die Stadt- und Landschaftsplanung eröffnet sie neue Möglichkeiten: Flächen können temporär anders genutzt, Verkehrsströme gezielter gesteuert und Quartiere besser erschlossen werden. Die Stadt wird zum dynamischen System, in dem Angebote und Nachfrage in Echtzeit aufeinander reagieren.

Doch die Risiken sind nicht zu unterschätzen. Ohne klare Steuerung droht eine Fragmentierung des Verkehrsangebots, die zu Lasten der Integration und des sozialen Ausgleichs geht. Es besteht die Gefahr, dass On-Demand-Angebote vor allem zahlungskräftige oder digital-affine Nutzer bedienen – während andere Gruppen abgehängt werden. Auch die ökologische Bilanz ist ambivalent: Werden private Autofahrten tatsächlich ersetzt oder entstehen zusätzliche Fahrten und Emissionen?

Für Planer und Kommunen gilt es daher, proaktiv zu handeln. On-Demand-Mobilität sollte als Ergänzung zum bestehenden ÖPNV verstanden und in ein integriertes Mobilitätskonzept eingebettet werden. Digitale Planungsinstrumente, transparente Daten und partizipative Verfahren sind dabei die Schlüssel zum Erfolg. Nur wenn die Stadtgesellschaft einbezogen wird, entstehen Lösungen, die langfristig tragen.

Ein weiteres Feld mit großem Potenzial ist die nachhaltige Freiraumgestaltung. Wenn flexible Mobilitätsangebote den Bedarf an Parkplätzen und Straßenraum reduzieren, entstehen neue Freiräume für Grünflächen, Aufenthaltsorte und stadtökologische Funktionen. Hier können Landschaftsarchitekten und Stadtplaner Impulse setzen, um die Stadt nicht nur mobil, sondern auch lebenswert zu gestalten.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Zukunft der Mobilität ist weder starr noch völlig unberechenbar. Sie ist gestaltbar – mit Mut, Know-how und der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Die Werkzeuge sind da. Jetzt liegt es an den Planern, sie klug einzusetzen.

Fazit: Planungssicherheit im Zeitalter der On-Demand-Mobilität – eine neue Balance

On-Demand-Mobilität ist der Lackmustest für die Anpassungsfähigkeit der Stadtplanung. Sie fordert heraus, provoziert und inspiriert zugleich. Planungssicherheit bleibt wichtig, doch sie muss neu gedacht werden: als Balance zwischen Flexibilität und Steuerung, zwischen Innovation und Verlässlichkeit. Wer Planung heute als Prozess und nicht als einmalige Setzung versteht, kann aus der Dynamik der On-Demand-Mobilität echten Mehrwert schöpfen – für die Stadt, für die Nutzer und für die Umwelt.

Die Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen: Es ist möglich, aus scheinbaren Gegensätzen Synergien zu entwickeln. Vorausgesetzt, der Mut zum Experiment und das Bekenntnis zu Transparenz, Partizipation und nachhaltigen Zielen sind vorhanden. Dann muss Planungssicherheit nicht verloren gehen, sondern wird zum Motor einer urbanen Zukunft, in der Mobilität kein Selbstzweck ist, sondern Teil einer lebendigen, resilienten Stadt.

Der Schlüssel liegt darin, On-Demand-Angebote als Chance zur Gestaltung zu begreifen – und nicht als Bedrohung für das Bewährte. Die Stadt der Zukunft bleibt planbar. Sie wird nur beweglicher, dynamischer und, wenn alles gut läuft, ein Stück lebenswerter. Und das ist eine Herausforderung, der sich die Profis der Planung mit Leidenschaft stellen dürfen – und müssen.


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2017 eröffnete die Stadt Herford auf dem Areal der ehemaligen Wentworth-Kaserne den „BildungCampus Herford“, der in den nächsten Jahren zu einer großen Einrichtung für Wirtschaft und Wissen wachsen soll. Zwei zweite Plätze teilen sich den Sieg und sind zur Weiterbearbeitung aufgefordert. hutterreimann Landschaftsarchitektur schafft mit wenigen Elementen drei individuelle Raumcharaktere und damit ein starkes Grundgerüst, so die Jury – begrünte Höfe als grüne Fugen, einen steinernen zentralen Quartiersplatz, sowie den rückgratbildenden Boulevard. Ein mäandrierendes Wegeband führt um die Bestandsgebäude und verknüpft sich mit der zentralen Campusachse, dem Boulevard. Die Schnittstellen des Boulevards zu den grünen Höfen entwickeln die Planer zu „Campuslounges“ – Aufenthaltsorte mit gefaltete Holzdecks und Blick in die begrünten Höfe. Ausschließlich Fußgänger, Radfahrer und Lieferverkehr sollen den Campusboulevard als Begegnungszone nutzen. Der motorisierte Individualverkehr wird auf die Randbereiche verwiesen. Dafür entstehen gebäudenahe Plätze für Car-Sharing, Elektrofahrzeuge und barrierefreies Parken.

 

Ebenfalls einen 2. Preis erlangten häfner jimenez betcke jarosch landschaftsarchitektur mit der konsequenten Entwicklung eines urban wirkenden Boulevards und einem überzeugenden Vorschlag für den Casinogarten. Der Boulevard dient als zentraler Erschließungs- und Orientierungsraum – zugleich soll er städtebauliches Rückgrat im zergliederten Straßenraum werden. Unregelmäßige Gruppen aus Zierkirschen und Bankgruppen lockern die bauliche Strenge auf. Zwei Plätze im Norden und Süden des Boulevards schließen sich an und bilden gemeinsam mit diesem die Campusmitte. Verbindende Klammer ist ein heller, großzügiger Gehstreifen aus großformatigen Platten mittig entlang des Boulevards. Sekundärbauten wie Pavillon, Kiosk und Fahrradboxen, Bankgruppen mit Tischen für Lernende, sowie Lade- und Leihstationen für Elektrofahrzeuge stärken die Campusmitte und die Plätze als Mobilitätsknoten und Verteiler. Im Gegensatz zu den steinernen Plätzen sind die Hofräume begrünt und mit lockeren Baumstellungen durchzogen.

Auf einem rot leuchtenden Pfad der zwischen einer Baumallee schwebt sind mehrere Personen unterwegs. Mobilität der Zukunft? Mit dem Projekt Tree Path wollen die Beteiligte nachhaltige Mobilität erforschen und das Natürliche mit dem Künstlichen verbinden. Credit: Carlo Ratti Associati
Mobilität der Zukunft? Mit dem Projekt Tree Path wollen die Beteiligten nachhaltige Mobilität erforschen und das Natürliche mit dem Künstlichen verbinden. Credit: Carlo Ratti Associati

Zusammen entwickelten Carlo Ratti Associati (CRA), OLA und die gemeinnützige Organisation GAL Terre del Po das Projekt Tree Path. Der erhöhte Fahrradweg zur italienischen Stadt Sabbioneta befindet sich nicht nur zwischen Bäumen, sondern wird von diesen auch getragen. Mit dem Projekt wollen die Beteiligten nachhaltige Mobilität erforschen, indem sie das Natürliche mit dem Künstlichen verbinden. Alles zu dem Entwurf lesen Sie hier.

Tree Path als Verschmelzung von Natur und Architektur

Das idyllische gelegene Sabbioneta zählt zum UNESCO Weltkulturerbe. Nun könnte die Renaissancestadt in der Lombardei eine neue Sehenswürdigkeit dazubekommen. Und diese wäre etwas ganz besonderes. In der Vision leitet der sogenannte Tree Path zukünftig Radfahrer*innen und Fußgänger*innen zur Stadt hin. Und das nicht auf ebenem Terrain, sondern inmitten des Blätterdaches selbst. Dabei dienen zwei parallel stehende Baumreihen als tragende Konstruktion für die Wegeverbindung. Möglich wurde das Projekt durch eine Kooperation von Carlo Ratti Associati (CRA) aus Turin mit OLA und der Organisation GAL Terre del Po. OLA zählt weltweit zu den führenden Köpfen auf dem Gebiet der Baubotanik. Dabei werden Bäume als architektonische Elemente eingesetzt, miteinander verzahnt und so großgezogen, dass statisch belastbare Bauwerke entstehen. Durch die Arbeit mit dem lebenden Material, sind die Projekte stetiger Veränderung unterzogen.

Mit dem Rad unterwegs auf dem Tree Path. Credit: Carlo Ratti Associati
Mit dem Rad unterwegs auf dem Tree Path. Credit: Carlo Ratti Associati

Baubotanik als Konstruktionsart

Mit dieser besonderen Methode wird die Konstruktion des Tree Path anvisiert. Die Planer*innen haben dafür die Pflanzung von rund 1 000 Bäumen vorgesehen. Diese würden um einen Handlauf aus Edelstahl heranwachsen und so im Verlauf mehrerer Jahre eine Wegestruktur ausbilden. Bis zu sechs Meter hoch könnte der Baumpfad dann über dem Boden schweben. Der Straßenverkehr fände ganz unabhängig auf Bodenniveau statt. Weiterhin würde der Pfad kleine Wasserläufe ohne Probleme überspannen können. Die Bewegung zwischen den Baumkronen wäre so ein losgelöstes Erlebnis von den Gegebenheiten des darunterliegenden Terrains. In ihrer Vision haben die Planer*innen neben der baubotanischen Konstruktion noch weitere Elemente vorgesehen. 

Internet der Bäume

Beispielsweise wären entlang des Weges digitale Sensoren integriert. Diese sollen unterschiedliche Messdaten sammeln. Dazu zählen Informationen im Externen – wie etwa zur Luftqualität – ebenso, wie interne Statusmeldungen zur Vitalität der einzelnen Bäume. Durch eine ständige und umfassende Beobachtung soll sichergestellt werden, dass die beteiligten Organismen sich gesund entwickeln können und auch bei sich wandelnden äußeren Einflüssen überleben können. Die Planer*innen sprechen von einem „Internet der Bäume“, in dem sowohl die Pflanzen als auch die Projektkoordinator*innen im Austausch stehen. Es ist eine Zukunftsvision die nach heutigen Standards noch nach Science-Fiction klingen mag. Und Carlo Ratti, Gründungspartner bei CRA und Direktor des Senseable City Lab am MIT, gibt zu: „We are still very far from that future.“  Trotzdem sieht er große Chancen in der Konvergenz von Natur und Künstlichem. Und er hält es für durchaus möglich, dass eines Tages Architektur wie Bäume „wachsen kann“.

Spazieren zwischen Baumkronen. Credit: Carlo Ratti Associati
Spazieren zwischen Baumkronen. Credit: Carlo Ratti Associati

Weltkulturerbe der Zukunft

In der Vergangenheit hat CRA bereits andere Projekte dieser Art auf unterschiedlichen Maßstabsebenen verfolgt. 2021 schlossen sie zum Beispiel das Projekt The Greenary in Parma ab. Dabei pflanzten sie einen zehn Meter großen Baum inmitten eines Wohnhauses – dieser ist nun lebender Teil des Gebäudes. Darüberhinaus sind sie in der Mobilitätsplanung aktiv. Und versuchen dabei neue Technologien und nachhaltige Gestaltung zu implementiere. So entwickelten sie unter dem Titel New Deal Paris einen Entwurf für die Hauptverkehrsadern in Frankreichs Hauptstadt – mit autonomen Fahrzeugen und Shared mobility. In ihren Projekte visualisieren CRA Entwicklungen, die zwischen Utopie und Realität schweben. Dazu zählt auch der Tree Path. In einer wünschenswerten Zukunft könnte dieser irgendwann die 700 Kilometer lange VENTO Cycle Route, die dem Verlauf des Po Flusses folgt, mit Sabbioneta verbinden. Und dem Weltkulturerbe ein modernes Kulturgut hinzufügen.

Mehr aus Italien? Wie wäre es mit dem Piazza del Campo in Siena.