Planung in Echtzeit – operative Urbanistik für dichte Transformationsprozesse

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Eine grüne Stadt aus der Vogelperspektive – Foto von Ismail Ghallou

Planung in Echtzeit? Das klingt nach digitaler Science-Fiction, ist aber in zukunftsorientierten Städten längst Realität. Digitale Zwillinge machen aus Stadtmodellen operative Werkzeuge: Sie liefern Daten, simulieren Szenarien und ermöglichen schnelle, fundierte Entscheidungen – mitten im dichtesten Transformationsprozess. Doch was bedeutet operative Urbanistik wirklich, und wie verwandeln digitale Zwillinge das Selbstverständnis von Planung? Willkommen zu einer Reise durch die Gegenwart und Zukunft der Echtzeit-Stadt.

  • Definition: Was operative Urbanistik und Echtzeitplanung im Kontext dicht besiedelter Städte bedeuten
  • Technologische Grundlagen: Wie Urban Digital Twins funktionieren und welche Daten sie einbinden
  • Praxiseinblicke: Internationale Vorreiter und erste Projekte im deutschsprachigen Raum
  • Neue Planungsprozesse: Von starren Masterplänen zu dynamischer Prozessarchitektur
  • Governance, Datensouveränität und die Rolle offener Plattformen
  • Chancen für Klimaresilienz, Mobilitätsmanagement und Bürgerbeteiligung
  • Risiken: Von Black Boxes, Bias und Kommerzialisierung städtischer Daten
  • Kulturelle und rechtliche Herausforderungen im deutschsprachigen Raum
  • Ausblick: Wie operative Urbanistik das Berufsbild von Planern transformiert
  • Fazit: Warum Echtzeitplanung kein Hype, sondern ein Paradigmenwechsel ist

Operative Urbanistik: Echtzeitplanung als Paradigma der dichten Stadt

Die klassische Stadtplanung ist eine Disziplin der Entwürfe, Gutachten und Beteiligungsverfahren. Doch während Städte immer dichter und ihre Entwicklungszyklen immer kürzer werden, gerät diese Methodik an ihre Grenzen. Operative Urbanistik setzt genau hier an und nutzt digitale Werkzeuge, um Planung und Steuerung in Echtzeit zu ermöglichen. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit, permanent auf neue Daten, Situationen und Herausforderungen zu reagieren – und dabei städtische Räume so zu gestalten, dass sie flexibel, resilient und anpassungsfähig bleiben.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht der Urban Digital Twin: ein digitaler Zwilling, der nicht nur ein Abbild des aktuellen Stadtzustands liefert, sondern laufend mit Echtzeitdaten gefüttert wird. Sensoren, Smartphones, Satelliten, Energiezähler und Verkehrsleitsysteme speisen permanent Informationen in das System ein. Dadurch entsteht ein lebendiges, dynamisches Modell, das weit mehr kann als Visualisierung: Es ist eine Entscheidungsinstanz, ein Prognosetool und ein Kommunikationsmedium zugleich.

Operative Urbanistik bedeutet, Planung nicht mehr als einmaligen Entwurf, sondern als kontinuierlichen, lernenden Prozess zu begreifen. Wo früher Entwicklungsleitbilder für Jahrzehnte festgeschrieben wurden, können heute Szenarien innerhalb von Minuten angepasst, simuliert und bewertet werden. Das verändert nicht nur das Arbeitsfeld der Planer, sondern auch die Erwartungen von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Wer heute in Echtzeit plant, muss nicht nur gestalten, sondern auch verstehen, verbinden, moderieren und kommunizieren.

Diese Entwicklung ist kein Selbstzweck. Die Herausforderungen der Gegenwart – Klimawandel, Flächenknappheit, Verkehrsüberlastung, soziale Disparitäten – verlangen nach Werkzeugen, die komplexe Wechselwirkungen sichtbar machen und schnelle, fundierte Entscheidungen ermöglichen. Echtzeitplanung eröffnet hier neue Spielräume: Sie macht Risiken frühzeitig erkennbar, ermöglicht präventive Maßnahmen und unterstützt eine transparente, nachvollziehbare Kommunikation mit allen Beteiligten.

Doch operative Urbanistik ist mehr als Technik. Sie verlangt eine Transformation der Planungskultur. Es geht darum, gewohnte Routinen zu hinterfragen, Verantwortlichkeiten neu zu denken und das Potenzial digitaler Werkzeuge bewusst, aber kritisch zu nutzen. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine neue Qualität im Umgang mit den Herausforderungen der dichten Stadt.

Urban Digital Twins: Die Technologie hinter der Echtzeit-Stadt

Der Urban Digital Twin – kurz UDT – ist das Herzstück der operativen Urbanistik. Im Kern handelt es sich um ein digitales, fortlaufend aktualisiertes Abbild der realen Stadt, das alle relevanten Datenquellen integriert. Anders als herkömmliche 3D-Stadtmodelle besteht ein UDT aus einer Vielzahl von Daten- und Funktionsschichten. Neben der Geometrie von Gebäuden und Infrastruktur werden Echtzeitdaten aus Sensorik, Mobilität, Klima, Energie und sozialen Netzwerken eingebunden. Diese Multilayer-Struktur erlaubt es, nicht nur den Status Quo abzubilden, sondern auch Wechselwirkungen, Trends und Zukunftsszenarien zu simulieren.

Die technologische Basis eines UDT bilden offene Datenplattformen, leistungsfähige Datenbanken, IoT-Schnittstellen und cloudbasierte Analytik. Über standardisierte APIs werden Daten aus unterschiedlichsten Quellen eingespeist: Verkehrsströme aus intelligenten Ampeln, Energieverbräuche aus Smart Metering, Luft- und Lärmdaten aus Umweltsensoren, Bewegungsdaten aus anonymisierten Mobilfunklogs. Hinzu kommen meteorologische Prognosen, Versorgungsnetze, Katasterinformationen und zunehmend auch Nutzungsdaten aus sozialen Medien. Die Kunst besteht darin, all diese Datenquellen so zu verknüpfen, dass sie in Echtzeit für Simulationen, Monitoring und Steuerung nutzbar sind.

Ein Schlüsselelement ist die Fähigkeit zur Szenarienbildung: Der UDT kann auf Knopfdruck zeigen, wie sich eine neue Straßenführung auf den Verkehrsfluss auswirkt, wie ein zusätzlicher Gebäudekomplex die Windverhältnisse oder das Mikroklima verändert oder welche Folgen ein Starkregen auf die Kanalisation hat. Diese Prognosen basieren auf komplexen Algorithmen, Künstlicher Intelligenz und regelbasierten Modellen, die kontinuierlich aus den aktuellen Stadt- und Umweltdaten lernen. Die Ergebnisse stehen nicht nur Planern, sondern auch Entscheidungsträgern und – im Idealfall – der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Internationale Vorreiter demonstrieren, wie weit die Technik bereits ist. Singapur nutzt seinen UDT, um Wasser- und Verkehrsmanagement zu optimieren und neue Wohnquartiere zu simulieren. Helsinki setzt auf einen offenen Digital Twin, der Bürgern und Unternehmen gleichermaßen Zugriff auf Planungsdaten und Simulationen ermöglicht. Wien analysiert mit seinem Zwilling Klimaextreme in Neubaugebieten und entwickelt hitzeangepasste Lösungen, bevor der erste Spatenstich erfolgt. In allen Fällen zeigt sich: Die Integration von Echtzeitdaten beschleunigt den Planungsprozess, erhöht die Präzision von Entscheidungen und macht Wechselwirkungen zwischen Stadt, Klima, Verkehr und Gesellschaft sichtbar.

Doch die Einführung eines UDT ist kein reines Technikprojekt. Es braucht klare Governance-Strukturen, Datenschutzkonzepte und rechtliche Rahmenbedingungen. Nur wenn Fragen der Datensouveränität, Verantwortlichkeit und Partizipation gelöst sind, kann der digitale Zwilling sein Potenzial voll entfalten. Die Technologie ist bereit – jetzt kommt es auf den Willen zur Transformation an.

Vom Masterplan zur dynamischen Prozessarchitektur: Neue Wege der Stadtplanung

Traditionelle Stadtplanung folgt festen Abläufen: Analyse, Entwurf, Beteiligung, Umsetzung. Doch dieses lineare Modell passt immer weniger zu den Anforderungen urbaner Transformationsprozesse, die von Unsicherheit, Komplexität und Geschwindigkeit geprägt sind. Digitale Zwillinge ermöglichen einen Paradigmenwechsel: Planung wird zur Prozessarchitektur, in der alle Ebenen – von der Bauleitplanung bis zur Quartiersentwicklung – permanent auf neue Daten und Erkenntnisse reagieren können.

In der Praxis wird das besonders deutlich in dynamischen Stadtteilen, in denen Infrastruktur, Bebauung, Mobilität und soziale Dynamik ineinandergreifen. Ein UDT kann hier als Monitoring- und Steuerungsinstrument dienen. Beispielsweise lassen sich in einem wachsenden Wohnquartier die Auswirkungen von Nachverdichtung, Verkehrsberuhigung oder neuen Mobilitätsangeboten nicht nur vorab simulieren, sondern auch während der Umsetzung permanent überwachen. Störungen, Zielabweichungen oder neue Potenziale werden in Echtzeit sichtbar – und können unmittelbar in die Steuerung einfließen.

Ein weiterer Vorteil: Der UDT schafft eine gemeinsame Datengrundlage für alle Akteure. Stadtplaner, Verkehrsmanager, Energieversorger, Investoren und Bürger sprechen nicht mehr über unterschiedliche Zahlen, sondern sehen dieselbe, aktuelle Realität. Das erleichtert die Zusammenarbeit, beschleunigt Entscheidungsprozesse und verringert das Risiko von Fehlplanungen. Auch für die Bürgerbeteiligung eröffnet Echtzeitplanung neue Möglichkeiten: Simulationen machen Planung verständlich, Beteiligungsplattformen können direkt an den Digital Twin angeschlossen werden, und Rückmeldungen aus der Bevölkerung fließen unmittelbar ins System ein.

Die neue Prozessarchitektur verlangt von Planern jedoch auch neue Kompetenzen: Datenanalyse, Simulation, Kommunikation und Moderation werden ebenso wichtig wie klassisches Entwerfen. Die Rolle verschiebt sich vom Gestalter zum urbanen Dirigenten, der die verschiedenen Datenströme orchestriert und aus ihnen die besten Lösungen entwickelt. Das ist anspruchsvoll – aber auch eine enorme Chance, die Komplexität der Stadt produktiv zu nutzen.

Natürlich bleibt die Herausforderung, die Qualität von Daten und Simulationen kritisch zu prüfen. Nicht alles, was der Digital Twin ausspuckt, ist automatisch richtig. Es braucht Fachwissen, Erfahrung und Urteilsvermögen, um Szenarien zu plausibilisieren und Fehlentwicklungen zu erkennen. Planung in Echtzeit ist keine Automatisierung, sondern eine Erweiterung der Gestaltungsmöglichkeiten – wenn sie kompetent genutzt wird.

Governance, Datensouveränität und die offene Stadt: Zwischen Chancen und Risiken

So viel Potenzial die operative Urbanistik auch bietet – sie wirft grundlegende Fragen nach Kontrolle, Transparenz und Demokratie auf. Wer besitzt die Daten des digitalen Zwillings? Wer entscheidet über Algorithmen, Simulationen und deren Einsatz? Und wie kann verhindert werden, dass Black Boxes entstehen, die demokratische Kontrolle untergraben? Die Governance des UDT ist eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre.

Im Idealfall sind Urban Digital Twins offen, nachvollziehbar und für verschiedene Nutzergruppen zugänglich. Offene Urban Platforms, wie sie in Wien oder Helsinki entstehen, ermöglichen es, dass Verwaltungen, Unternehmen, Forschung und Zivilgesellschaft auf dieselbe Datenbasis zugreifen. So entstehen nicht nur innovative Anwendungen, sondern auch Transparenz und Vertrauen. Die Möglichkeit, eigene Daten einzubringen, Simulationen nachzuvollziehen und Ergebnisse zu hinterfragen, ist ein wesentlicher Baustein einer demokratischen Stadtentwicklung.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Digital Twin zur Black Box wird – etwa, wenn proprietäre Software, intransparente Algorithmen oder kommerzielle Interessen die Kontrolle übernehmen. Dann droht eine Entfremdung zwischen Planung und Öffentlichkeit, ein Verlust von Souveränität und eine Verschärfung sozialer Ungleichheiten. Auch die Kommerzialisierung von Stadtmodellen, etwa durch große Tech-Konzerne, ist ein reales Risiko. Hier braucht es klare Regeln, offene Standards und einen starken öffentlichen Sektor.

Datenschutz und Sicherheit sind weitere kritische Punkte. Die Integration personenbezogener Daten – etwa aus Mobilitätstracking oder Smart Home-Systemen – muss mit größter Sorgfalt erfolgen. Anonymisierung, Datensparsamkeit und die Möglichkeit, Daten zu kontrollieren oder zu löschen, sind unverzichtbare Prinzipien. Gleichzeitig darf Datenschutz nicht zum Vorwand werden, Innovationen zu blockieren. Es gilt, einen klugen Ausgleich zwischen Schutz und Nutzung zu finden.

Letztlich zeigt sich: Die Governance des UDT ist ein gesellschaftliches Projekt. Es geht um die Frage, wie Stadtplanung im digitalen Zeitalter gestaltet wird – und wer daran teilhaben darf. Die operative Urbanistik kann die Tür zu einer neuen, offenen Stadt aufstoßen. Aber sie verlangt Mut, Weitsicht und die Bereitschaft, Macht und Verantwortung neu zu verteilen.

Ausblick: Operative Urbanistik als Zukunft der Planung

Planung in Echtzeit ist kein Hype, sondern der nächste logische Schritt für Städte, die auf die Herausforderungen der Gegenwart reagieren wollen. Digitale Zwillinge sind dabei nicht nur Werkzeuge, sondern Motoren eines grundlegenden Wandels: Sie schaffen eine neue Verbindung zwischen Daten, Raum und Handlung. Wer als Planer heute in operative Urbanistik investiert, legt den Grundstein für resiliente, lebenswerte und anpassungsfähige Städte.

Der Weg dahin ist allerdings steinig. Im deutschsprachigen Raum bremsen rechtliche Unsicherheiten, mangelnde Standardisierung und eine oft zögerliche Verwaltungspraxis den schnellen Fortschritt. Gleichzeitig entstehen aber in Pilotprojekten, Reallaboren und kooperativen Plattformen innovative Ansätze, die den internationalen Anschluss sichern können. Entscheidend ist, dass operative Urbanistik nicht als reines Technikprojekt verstanden wird, sondern als integraler Bestandteil einer neuen Planungskultur.

Für Planer eröffnet sich ein spannendes neues Berufsbild: Sie werden zu Choreographen urbaner Prozesse, zu Vermittlern zwischen Technik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Kreativität, Datenkompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind wichtiger denn je. Gleichzeitig müssen sie bereit sein, alte Routinen zu hinterfragen und sich auf neue Lernprozesse einzulassen.

Die Stadt von morgen wird nicht mehr nur gebaut, sondern permanent modelliert, simuliert, getestet und weiterentwickelt. Digitale Zwillinge sind dabei der Katalysator für eine Planung, die schneller, präziser und demokratischer werden kann. Doch sie sind kein Allheilmittel: Fachkompetenz, partizipative Governance und die Bereitschaft zur Reflexion bleiben unverzichtbar.

Operative Urbanistik ist eine Einladung, Stadtplanung neu zu denken – als lebendigen, offenen und lernenden Prozess. Wer sie annimmt, gestaltet nicht nur Räume, sondern auch die Zukunft gemeinschaftlichen Lebens.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Planung in Echtzeit ist weit mehr als ein technologischer Trend. Sie ist ein Paradigmenwechsel, der die Art und Weise, wie Städte sich entwickeln, steuert und erlebt werden, grundlegend verändert. Digitale Zwillinge bieten die Chance, komplexe Transformationsprozesse dynamisch, transparent und partizipativ zu gestalten. Doch sie stellen auch hohe Anforderungen an Governance, Datenschutz und Planungskultur. Wer diese Herausforderung annimmt, schafft die Grundlagen für die resiliente, lebenswerte und zukunftsfähige Stadt – und hebt die Stadtplanung auf ein neues, operatives Niveau.

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Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Für Roth bei Nürnberg schreitet das größte Städtebauprojekt der letzten Jahrzehnte voran. Es handelt sich hierbei um die Konversion des stillgelegten Leoni-Fabrikgeländes in das sogenannte Rother Neuland. Dafür lobte die Stadt dieses Jahr einen städtebaulichen und freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb aus. Jetzt stehen der Siegerentwurf fest.

KlimaQuartier statt Fabrikgelände

Her mit der Transformation vom brachen Industriestandort zum lebendigen Zukunftsquartier Rother Neuland! Für dieses Vorhaben wird Roth seit 2022 durch das Bayerische Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr innerhalb „Landstadt Bayern“ gefördert. Des Weiteren gab es Anfang diesen Jahres eine enthusiastisch aufgenommene Büger*innenbeteiligung. Dabei kristallisierten sich die wichtigsten Themen heraus, zum Beispiel Mobilität und Ökologie. Darüber hinaus hat das Gelände eine besondere Lage. Es befindet sich im Stadtzentrum. Mit sieben Hektar liegt es außerdem zwischen Bahnhof und Marktplatz sowie an zwei Fließgewässern. Jetzt ging das Team um SCHIRMER Architekten + Stadtplaner, planetz Architektenpartnerschaft und deBuhr LA Landschaftsarchitektur als Sieger hervor. Wie überzeugte also der Entwurf „klimaPARKquartier“? 

Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Schwarz-Grün-Plan. Quelle: Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Lageplan. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Städtebauliche Struktur und Flexibilität 

Die Gebietsentwicklung des Rother Neulands wird über einen langen Zeitraum erfolgen. Deshalb ist die Grundstruktur robust. Aber es wird ausreichend flexiblen Entwicklungsspielraum geben. Die Jury lobte dabei die angemessen dichte, bauliche Struktur. Richtung Innenstadt präsentiert sich das Viertel mit urbaner Atmosphäre aus gefassten Räumen und Blockstrukturen. Die angrenzenden Wohnhöfe haben dagegen einen Gartenstadt-Charakter. Im Nordosten liegt ein großzügiges, freiräumliches Entree. 

Grünstruktur

Das Privatgelände wird zum öffentlichen Landschaftspark. Das Konzept des Rother Neulands sieht eine Bebauung in der Grundstücksmitte vor. Dafür wird es in ein breites, durchgehendes Landschaftsband eingebettet. Durch räumliche und visuelle Bezüge erhalten das Schloss, die Kulturfabrik und Fließgewässer so neue Wertigkeit im Stadtgefüge. Anstelle einer Zäsur gibt es nun eine Verbindung zwischen der Stadt, der Rednitzinsel und den umgebenden Landschaftsräumen. Der Entwurf führt dabei die bestehenden ökologisch und erholungstechnisch wertvollen Landschaftsstrukturen fort. „Mit den großzügigen Grünräumen und zusätzlichen Baumpflanzungen wird ein sehr guter Beitrag zur klimatischen Verbesserung der umliegenden Stadtquartiere geschaffen“ sagte das Preisgericht. Auch der Luftaustausch wird berücksichtigt. Die Wiesen sind gleichzeitig Überschwemmungszonen und die Belagsflächen dränfähig. Künftig interessant wird der detailliertere Umgang mit dem oberflächennahen Grundwasser. Auch das Thema Altlasten bereitet allen Beteiligten Sorgen.

Identität und Ressourcenschutz

Neben den Naturräumen bleibt auch die bauliche Geschichte des Ortes ablesbar. Zur Identitätsstiftung des Rother Neulands werden dafür Teile der Bausubstanz erhalten (zum Beispiel Drei-Bogenhalle, Pförtnerhaus). Deren Integration erhält aber nicht nur den Charakter des Ortes. So lässt sich auch die graue Energie nutzen.

Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Klima & Freiflächen. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Nutzungsmischung

Ein lebendiges Stadtquartier braucht Nutzungsmix. Um Arbeiten und Wohnen näher zu bringen plant das Siegerteam zum einen emissionsarme Produktionsprozesse und digitalisierte Arbeitsformen. Zum anderen schaffen sie soziale und kulturelle Angebote im Rother Neuland.

Mobilität

Einen weiteren vorbildlichen Umgang mit Ressourcen sieht man im nachhaltigen Erschließungskonzept. Die Infrastruktur baut nämlich auf dem Bestand auf. Dazu wird ein autofreies bzw. autoarmes Stadtquartier geschaffen. Hierfür plant man am Quartierseingang eine Großgarage als Mobilitätszentrale. Dagegen werden im Quartiersinneren der ÖPNV, Mobilitätsstationen und Sharing-Angebote ausgebaut. Außerdem schafft der Entwurf eine große innere Durchwegung und Verknüpfung mit der Umgebung.

Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen
Mobilität & Verkehr. Quelle: Kooperationspartner Schirmer Architekten + Stadtplaner GmbH, Würzburg, planetz architekten, München, DE BUHR LA Landschaftsarchitektur, Sommerhausen

Weiteres Vorgehen

Die sieben Wettbewerbsergebnisse sind bis zum 28. Juli 2023 in der Kulturfabrik Roths ausgestellt. Der Stadtrat beauftragte bereits das Planungsteam mit der Fortschreibung des Entwurfs. Die Ergebnisse aus einer Online-Umfrage im Rahmen von „Landstadt Bayern“ müssen dabei im weiteren Planungsprozess berücksichtigt werden.

Auch in einem ehemaligen Industriegebiet findet das „Quartier der tanzenden Paare“ in der Schweiz auf dem Erni-Areal Platz. Das Besondere: Studio Vulkan gestalten zusammen mit KCAP einen Raum in der Siedlung nach dem Schwammstadt-Prinzip.

Parc des Ateliers

Der spektakuläre Neubau der Stiftung Luma Arles ist ein Kunstwerk für die Kunst: Frank Gehrys Turm ist Museum und Atelierbau zugleich. Er bildet den Höhepunkt eines Kunst- und Kulturareals, das die Luma-Gründerin Maja Hoffmann im Verlauf von 15 Jahren verwirklicht hat.

Luma Arles eröffnet „Parc des Ateliers“

Arles und Kunst – da ist natürlich der erste Gedanke van Gogh, der hier seinen Traum vom Atelier des Südens im Künstlergemeinschaft mit Gauguin zu verwirklichen suchte. Doch der Aufenthalt in Arles wurde für van Gogh zum Debakel. Nicht nur, dass die Zusammenarbeit mit Gauguin im Zerwürfnis endete – in Arles begann er auch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden, bis er sich schließlich in die Nervenheilanstalt im nahegelegenen Saint-Rémy begeben musste.

Fast erscheint es ein wenig, als habe sich Maja Hoffmann vorgenommen, van Goghs erlittenes Schicksal in Arles im Nachhinein zu heilen. Hoffmann, die der gleichnamigen Basler Großindustriellendynastie entstammt, ist eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen und -förderinnen weltweit. Seit beinahe 20 Jahren wirkt sie als Kulturinitiatorin und Mäzenin in Arles. Im Jahr 2004 gründete sie dort die Luma-Stiftung, die zeitgenössische Kunst fördert und beauftragt.

 

Drei Jahre später begann Maja Hoffmann gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry, dem Kurator Hans-Ulrich Obrist und einer Reihe bedeutender zeitgenössischer Künstler einen Arbeitsprozess. Die Beteiligten entwickelten gemeinsam Ideen für ein neuartiges Kunst- und Kulturzentrum für das 21. Jahrhundert. Als Standort für dieses Projekt wählte Hoffmann den „Parc des Ateliers“. Ein Gelände des seit den Achtzigerjahren aufgelassenen Bahnbetriebswerk der SNCF an Rande der historischen Altstadt von Arles. Die historischen Werkstattgebäude wurden in Verlauf der letzten Jahre von der Architektin Annabelle Selldorf renoviert. Nun beherbergt das Gebäude Ausstellungsräume, Künstlerateliers und -wohnungen sowie ein Restaurant.

Galerie, Atelier und eine öffentliche Aussichtsterrasse

Den krönenden Abschluss fand die Neugestaltung des „Parc des Ateliers“ nun mit der Eröffnung des „Towers“, eines 56 Meter hohen Ausstellungs- und Ateliergebäudes nach dem Entwurf von Frank Gehry. Die ersten Vorarbeiten zu dem Projekt begannen bereits 2009. 2013 begannen die Bauarbeiten. Das Ergebnis ist unübersehbar ein Werk Gehrys – der hier jedoch die für sein Werk so charakteristischen freien Formen mit gewaltigen geometrischen Volumina verbindet. So gestaltete der Architekt eine drei Stockwerke hohe Sockelzone als gewaltigen gläsernen Zylinder. Ein Verweis auf das römische Amphitheater von Arles.

Nachhaltige Baumaterialien entwickelt von Atelier Luma

 

Aus dem Zylinder empor wächst der eigentliche Turm. Dessen auf die Innenstadt ausgerichtete Seite präsentiert sich als glänzende und wild bewegte Metallhaut mit rechteckigen Fenstererkern. Auf der stadtabgewandten Seite scheint der Turm dagegen aus zwei kubischen Körpern zusammengesetzt, die leicht angewinkelt nebeneinanderstehen. Im Innern des Glaszylinders sind scheinbar frei im Raum verteilt die Volumina der unterschiedlichen Galerien untergebracht. Eine Organisationsform, die sich ähnlich auch in Gehrys Fondation Louis Vuitton in Paris findet. Auch mehrere Atelierräume für Künstler finden sich hier. Im Turm dagegen sind hauptsächlich die Verwaltungsräume der Stiftung untergebracht. Eine öffentliche Aussichtsterrasse bildet den oberen Abschluss.

Zahlreiche Kunstwerke, unter anderem von Philippe Parreno und Olafur Eliasson, sind wichtiger Bestandteil des Towers. Sie wurden speziell für diesen Ort geschaffen. Ebenfalls Teil der Arbeit der Luma-Stiftung ist übrigens das Atelier Luma. Diese Werkstätte hat verschiedene nachhaltige Bau- sowie Einrichtungsteile aus heimischen Materialien für das Projekt entwickelt: So finden sich im Gebäude unter anderem textile Wandverkleidungen aus Bioplastik, mit Algen gefärbte Fliesen und Akustikelemente aus Sonnenblumen.

Ein weiteres Museum geschmückt mit gelungenen architektonischen Details sehen Sie hier.