18.01.2022

Aktuelles

Petra Kahlfeldt: Kritik an Berlins neuer Baudirektorin

von Theresa Ramisch
im Vordergrund Reichstag und Bäume

Petra Kahlfeldt – zur Person

Seitdem die Architektin Petra Kahlfeldt Ende Dezember 2021 zu Berlins neuer Senatsbaudirektorin ernannt wurde, hagelt es Kritik aus der deutschen Architekturszene. Die Rede ist dabei vom „Sieg der Berliner Traditionalisten“ und davon, dass Petra Kahlfeldts bisheriges Engagement im „krassen Gegensatz“ zu den aktuellen Herausforderungen Berlins stehe. Im Rahmen der Debatte treffen vor allem die Meinungen von zwei höchst renommierten deutschen Architekten aufeinander. Eine Übersicht zur aktuellen Lage – einschließlich der ersten öffentlichen Reaktionen von Petra Kahlfeldt.

Seit Dezember 2021 steht fest: Die Architektin Petra Kahlfeldt tritt die Nachfolge von Regula Lüscher und Hans Stimmann an. Petra Kahlfeldt wird unter Senator Andreas Geisel Senatsbaudirektorin in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Sie bestimmt damit mit über das Stadtbild und die übergeordnete Planung von Berlin. Die Schweizerin Regula Lüscher hatte 14 Jahre lang das Amt der Senatsbaudirektorin bekleidet. Im Juli 2021 trat sie den Ruhestand an. Berlins ehemaliger Bausenator Sebastian Scheel hielt die Position bis nach den Bundestagswahlen frei. Die Ernennung von Petra Kahlfeldt zieht aktuell einen Protest der deutschen Architekturszene mit sich.

Petra Kahlfeldt (*1960 in Kaiserslautern) studierte von 1979 bis 1985 Architektur in Berlin und Florenz. Nach ihrem Architekturstudium arbeitete sie im Berliner Architekturbüro Henning Pohle und war von 1987 bis zu ihrer Ernennung als Senatsbaudirektorin 2021 auch selbstständig in einer Bürogemeinschaft mit ihrem Ehemann Paul Kahlfeldt tätig. Sie war zudem von 1990 bis 1995 wissenschaftliche Mitarbeiter an der TU Berlin am Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion. Von 2001 bis 2003 hatte sie den Vorsitz des BDA Berlin inne. Zwischen 2004 und 2009 lehrte sie als Sutor-Professorin für Denkmalpflege und Entwerfen an der Hochschule für Bildende Künste sowie an der HafenCity Universität in Hamburg. Seit 2004 lehrt sie als Professorin im Lehr- und Forschungsgebiet „Historische Baukonstruktionen, Denkmalpflege und Entwurf“ an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, der HafenCity Hamburg, der Università di Bologna und der Berliner Hochschule für Technik. Zudem ist sie Mitglied diverser Beiräte. Mehr zu Petra Kahlfeldt hier.

Gegner*innen bezeichnen Entscheidung als Affront

Bereits im Vorfeld der Ernennung hatten zahlreiche renommierte Architekt*innen, Wissenschaftler*innen und Initiativen ein transparentes und offenes Verfahren zur Neubesetzung der Stelle gefordert. 450 Architekt*innen, Initiativen und Verbände hatten einen Offenen Brief „Für eine offene und transparente Auswahl des neuen Senatsbaudirektors / der neuen Senatsbaudirektorin“ unterzeichnet. Am Montag, den 20. Dezember 2021 kam dann die offizielle Mitteilung seitens der SPD, dass Petra Kahlfeldt die Position der neuen Senatsbaudirektorin übernimmt. Seitdem sind in diversen Medien zahlreiche Wortmeldungen zur Besetzung von Petra Kahlfeldt zu lesen. Eine der wohl lautesten Stimmen nimmt hier die Initiative um HG Merz, Philipp Oswalt und Matthias Sauerbruch ein. Auf archplus.net veröffentlichte diese im Zuge der Ernennung von Petra Kahlfeldt eine Text mit dem Untertitel „Kampfansage an eine soziale und ökologische Stadtpolitik“. In diesem bezeichnen sie die Besetzung ohne Auswahlverfahren und öffentliche Diskussion als „Affront gegenüber den Unterzeichner*innen“ des oben genannten Offenen Briefes.

Die Kritik an Petra Kahlfeldt: konservativ und pro Privatisierung

Laut der Veröffentlichung steht Petra Kahlfeldts „bisheriges Tätigkeitsprofil im krassen Gegensatz zu den aktuellen Herausforderungen Berlins“. Sie sei mit ihrem Mann allen voran bislang „an der Realisierung von Villen und Luxuswohnanlagen im gehobenen Preissegment verantwortlich gewesen“. Petra Kahlfeldt stehe demnach unter anderem weder für „eine am Gemeinwohl orientierte Stadt“, eine „nachhaltige, klimagerechte Stadtentwicklung“ oder für einen „bezahlbaren und gemeinwohlorientierten Wohnungsbau“. Mit ihr drohe der „Rückfall in die ideologischen Grabenkämpfe einer Ära, in der zentrale Zukunftsthemen lange vernachlässigt wurden“. Sie stehe „konservativen Kreisen nahe, die sich für die Rekonstruktion der Stadt nach historischem Muster eingesetzt haben“. Zudem trete sie „mehrfach für eine Privatisierung öffentlicher Flächen ein“. Kahlfeldt sei Mitverfasserin eines Berliner Positionspapiers, „in der eine weitreichende Privatisierung öffentlicher Grundstücke in der Berliner Mitte gefordert“ werde. Diese Position habe Petra Kahlfeldt „auch in späteren Wortmeldungen immer wieder bekräftigt“. Daher sei mit „erheblichen Konflikten in der Berliner Stadtgesellschaft“ und baupolitischen Blockaden zu rechnen.

Zurücknahme der Berufung gefordert

Unterschrieben wurde der Text von folgenden Planer*innen:

Die Beteiligten fordern die Berufung von Petra Kahlfeldt als Senatsbaudirektorin zurückzunehmen und die Durchführung eines offenen und transparenten Auswahlverfahrens, „das diesem wichtigen Amt angemessen und einer Hauptstadt würdig ist“. Den genauen Wortlaut können Sie hier nachlesen.

Matthias Sauerbruch über Petra Kahlfeldt: „keinerlei Erfahrung mit komplexeren partizipativen Prozessen“

Mit der Kritik steht die Initiative nicht allein da. So bezeichnete der Architekturkritiker Nikolaus Bernau die Benennung von Petra Kahlfeldt in der Berliner Zeitung als „Sieg der Berliner Traditionalisten“. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die „gutsituiert-bürgerliche Architekturästhetik a la Kahlfeldt & Kahlfeldt“ die aktuellen Berliner Herausforderungen nicht bewältigen könne.
Im Interview mit der Welt sagte wiederum der renommierte Architekt Matthias Sauerbruch: „Petra Kahlfeldt ist eine Kollegin, die einfach ein Architekturbüro geführt hat, die in gewissem Umfang an diversen Hochschulen gelehrt hat und in einigen Jurys gesessen hat. Sie ist eine sehr freundliche und kommunikative Person, hat aber keinerlei Erfahrung mit komplexeren partizipativen Prozessen oder Verwaltung auf städtischer oder Landesebene.“

Petra Kahlfeldt vertrete Positionen, die dem Koalitionsvertrag völlig zuwiderlaufen

Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten Berlin veröffentlichte wiederum ein Statement mit dem Titel „Neubesetzung der Senatsbaudirektion intransparent und ohne Vision“ in dem er die Neubesetzung „nach offenbar parteipolitischen Kriterien“ als vertane Chance definiert, das „für die Entwicklung der Stadt so wichtige Amt mit dem Rückhalt der Fachöffentlichkeit zu besetzen.“

In einem Gastbeitrag auf freitag.de meldeten sich außerdem Kristin Feireiss und Matthias Grünzig, die auch die Veröffentlichung auch archplus.net unterschrieben haben, ausführlicher zu Wort. Hier weisen sie nochmal auf die fehlenden Beispiele bezahlbaren Wohnbaus und die Planung neuer Stadtquartiere in Kahlfeldts Portfolio hin. Petra Kahlfeldt verfüge zudem über keine Erfahrungen mit der Leitung von Verwaltungen. Zugleich vertrete sie Positionen, „die dem Koalitionsvertrag völlig zuwiderlaufen“. So setze sie sich als Mitglied der im Jahr 2011 gegründeten Planungsgruppe Stadtkern seit Jahren für Privatisierung öffentlicher Immobilien und Flächen ein.

Arno Lederer positioniert sich gegen Matthias Sauerbruch

Arno Lederer hingegen stellt sich in einem Gastbeitrag auf welt.de bewusst gegen die Kritik an Petra Kahlfeldt und auch gegen einige seiner Architekturkolleg*innen. „Diese Diffamierungen schaden allen Architekten“ lautet der Titel seines Artikels. Er bezeichnet Petra Kahlfeldt darin als „renommierte und in weiten Kreisen angesehene Architektin“ und fragt direkt, ob es sich bei Matthias Sauerbruchs Aussagen zu Petra Kahlfeldt um üble Nachrede handelt. Das Interview sei demnach mit Halbwahrheiten und Unterstellungen gespickt. Die Aussagen von Matthias Sauerbruch hinterließen eine „bewusst manipulative Abwertung der Senatsbaudirektorin“, so Lederer. Er hätte sogar überlegt, ob das Interview mit dem „intelligenten und durchaus charmanten Kollegen Sauerbruch“ ein Fake sei. Gleichzeitig geht er mit den acht „wertgeschätzten“ Kolleg*innen, die die Zurücknahme der Benennung fordern, hart ins Gericht. Sie besäßen noch nicht „einmal das sprachliche Geschick, die Vorwürfe in einer Frage an die künftige Senatsbaudirektorin zu formulieren“.

Lederer: BDA solle zum konstruktiven Dialog auffordern

Er wendet sich in seinem Gastbeitrag zudem direkt an den BDA und dessen Mitglieder. Er fragt, ob das wirklich die Art wäre, mit der sie miteinander umgehen wollen würden. Es handle sich um ein öffentliches Amt, um das es hier gehe, nicht um ein einzelnes Haus. Gegenseitige Diffamierungen in der Öffentlichkeit erzeugten das Bild eines „ohnehin zerstrittenen Haufens, auf den man – eben aus diesem Grunde – keine Rücksicht nehmen“ müsse, so Lederer. Die Forderungen nach einem transparenten Auswahlverfahren seien gerechtfertigt gewesen. Der Offene Brief hätte gezeigt, dass die deutschen Architekt*innen mit einer Stimme sprechen könnten. Was danach gefolgt wäre, sei beschämend. Der BDA sei gut beraten, nun erstens gegen die öffentlichen Diffamierungen einzutreten und zweitens auf der anderen Seite zum konstruktiven Dialog aufzufordern.

Berliner Architekturkritiker Zohlen und Haubrich stellen sich hinter Petra Kahlfeldt

Aber auch von anderer Seite erhielt Petra Kahlfeldt Support. Neben Arno Lederer warf auch der Berliner Architekturkritiker Gerwin Zohlen den Verfasser*innen der archplus-Veröffentlichung eine Diffamierung von Petra Kahlfeldt und ihres architektonischen Oevre vor. In seinem Artikel bezeichnete zudem der Journalist und Architekturkritiker Rainer Haubrich die neue Senatsbaudirektorin als „eine gute Wahl“. Der Berliner Zeitung-Verleger Holger Friedrich definierte wiederum in einem Debattenbeitrag mit dem Titel „Wenn Frauen bauen: Zum Start von Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt“ die Benennung von Petra Kahlfeldt als eine „Chance“. Der Aufruhr um deren Berufung würde eine Chance für einen Neustart bestätigen. Und auch die Berliner Gruppe von Stadtbild e.V. begrüßte öffentlich die Ernennung. Dessen Gründer Peter Dobrink schrieb in der Berliner Zeitung, Petra Kahlfeldt stehe für gestalterische Offenheit, harmonische Proportionen und lokale Traditionen. Und genau das brauche Berlin jetzt.

In a nutshell: Die Kritik an Petra Kahlfeldt

Zusammengefasst kann man sagen, dass insgesamt allen voran acht deutsche Architekt*innen und Planer*innen – indirekt unterstützt durch den BDA Berlin – öffentlich der neuen Senatbaudirektorin grundsätzlich die Kompetenz für das vergebene Amt absprechen. Sie werfen ihr veraltete Sichtweisen vor. Diese stehen laut den Kritiker*innen konträr zu einer modernen, nachhaltigen Stadtgestaltung, die nun in Berlin vonnöten sei. Petra Kahlfeldt wird dabei vorgeworfen die Privatisierung öffentlicher Immobilien und Flächen in der Berliner Innenstadt gutzuheißen. Sie habe mit ihrem Architekturbüro in der Vergangenheit allen voran Luxusbauten und Villen umgesetzt und demnach in der Vergangenheit nicht im Sinne des sozialen Gemeinwohls gehandelt. Die Kritiker*innen stellen außerdem infrage, ob Petra Kahlfeldt partizipative Prozesse im Sinne einer teilhabe-orientierten Stadtgesellschaft fördern könne und wolle.

Update: Petra Kahlfeldt reagiert auf Kritik

Was ist Petra Kahlfeldts Meinung zu all dem? Inzwischen hat sie in einem Interview mit der Welt auf die Kritik reagiert. Der Titel des Interviews lautet: „Mein Leitbild ist die kompakte europäische Stadt“. Und auch die Zeit schreibt über erst Reaktionen der neuen Baudirektorin mit dem Zitat „Es wird mehr Hochhäuser geben“. Beide Artikel liegen jedoch hinter einer Paywall und sind damit nicht frei zugänglich.

Frei verfügbar ist hingegen ein Interview auf radioeins.de mit Petra Kahlfeldt. Hier erklärt sie ihren Job allgemein und, dass sie sich in ihrer neuen Position als Brückenbauerin verstehe. Auf die Frage, ob Sie Erfahrung mit einem größeren Maßstab habe oder auch der Schaffen von Bezahlbarem Wohnen, antwortet Petra Kahlfeldt, ihr angestammter fachlicher Schwerpunkt läge tatsächlich in Konversionsarealen. Dies seien manchmal größere stadträumliche Quartiere oder auch Einzelbauten gewesen. Ihr angestammtes Areal sei aber das Entwerfen und Konstruieren im Bestand. Die Frage, ob Berlin Mitte mehr Privatisierung statt Sozialen Wohnungsbau bräuchte, verneint Petra Kahlfeldt. Aus gutem Grund gäbe es den Beschluss, dass Berlin keine landeseigenen Planungsflächen verkaufe. Auf die Frage nach ihrer Nähe zur Planungsgruppe Stadtkern, antwortet Petra Kahlfeldt, die Gruppe definiere sich durch Interdisziplinarität. Hier würden mit Stadtplanern auch Instrumente diskutiert, die man entgegen der Spekulation etablieren könne. Das ganze Interview können Sie sich hier anhören.

In diesem Zusammenhang vielleicht auch interessant: Nach dem Aus für den Mietendeckel Berlin im März 2021 bot die Berliner Senatsverwaltung Überbrückungshilfen für Mieter*innen an. Die Lage bleibt dennoch angespannt. Mehr dazu hier: Mietendeckel Berlin.

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