Wie Planetare Gesundheit zum Leitbild der Planung wird

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Fotografie von Wolfgang Weiser: Farbenfrohe Häuserzeile entlang des Flusses mit Alpenpanorama in Innsbruck, Österreich.

Planetare Gesundheit – klingt nach einem neuen Buzzword aus dem Thinktank, ist aber schon jetzt das Leitbild, das die Stadtplanung auf den Kopf stellt. Wer nur an grüne Dächer und Fahrradwege denkt, unterschätzt, wie radikal sich unsere Disziplin neu ausrichten muss, wenn Städte nicht länger Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein sollen. Planetare Gesundheit fordert: Planung muss in globalen Systemen denken – und das weit über Stadtgrenzen hinaus. Wie gelingt das?

  • Definition und Herkunft des Konzepts „Planetare Gesundheit“ – von der Gesundheitsforschung zur Leitidee für Planung und Stadtentwicklung.
  • Warum klassische Nachhaltigkeit an ihre Grenzen stößt und planetare Gesundheit einen Paradigmenwechsel verlangt.
  • Integration in die Stadt- und Landschaftsplanung: neue Maßstäbe für Flächennutzung, Mobilität, Klimaresilienz und Biodiversität.
  • Konkrete Werkzeuge und Methoden: planetare Grenzen, One Health, systemische Planung und Co-Benefits.
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – Leuchtturmprojekte und ihre Lehren.
  • Die Rolle von Governance, Beteiligung und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
  • Kritische Betrachtung: Zielkonflikte, Messbarkeitsprobleme und politische Hürden.
  • Visionen und Handlungsempfehlungen für Planer: Wie gelingt der Sprung vom Leitbild zur Transformation?

Planetare Gesundheit: Vom medizinischen Konzept zum neuen Planungsleitbild

Planetare Gesundheit – ein Begriff, der binnen weniger Jahre aus der Nische der Gesundheitswissenschaften in die Vorstandsetagen von Unternehmen, auf die Agenden internationaler Organisationen und, ja, auch in die Flure deutscher Stadtplanungsämter vorgedrungen ist. Ursprünglich geprägt von der medizinischen Forschung, bezeichnet planetare Gesundheit den Zustand, in dem die Gesundheit der Menschheit und die natürlichen Systeme des Planeten sich gegenseitig bedingen und stärken. Es geht also nicht mehr nur um „gesunde Städte“ oder „nachhaltige Quartiere“, sondern um ein umfassendes Verständnis davon, dass unsere Lebensweisen, Infrastrukturen und politischen Entscheidungen die planetaren Lebensgrundlagen beeinflussen – und umgekehrt.

Warum ist dieses Konzept plötzlich so relevant? Klassische Nachhaltigkeitsansätze haben unbestritten enorme Fortschritte gebracht, sind aber spätestens seit den 2010ern vielfach als zu technokratisch und sektoralen Denkweisen verhaftet kritisiert worden. Sie orientieren sich oft an Effizienz und Schadensbegrenzung im lokalen Maßstab, statt systemisch zu hinterfragen, wie Stadtentwicklung globale ökologische Kipppunkte beeinflusst. Planetare Gesundheit setzt genau hier an und fordert, dass Planung ihre Wirkung auf das gesamte Erdsystem reflektiert und steuert. Damit schwingt ein Paradigmenwechsel mit, der Planer zwingt, weit über die üblichen Disziplin- und Stadtgrenzen hinauszudenken.

Das Herzstück dieses Ansatzes sind die sogenannten „planetaren Grenzen“, die von einem internationalen Forscherteam um Johan Rockström und Will Steffen entwickelt wurden. Sie definieren neun ökologische Belastungsgrenzen, etwa für Biodiversitätsverlust, Klimawandel, Landnutzungswandel oder den Eintrag von Stickstoff und Phosphor. Werden diese Grenzen überschritten, drohen irreversible Schäden an den Erdsystemen – mit direkten Folgen für menschliche Gesundheit, Ernährungssicherheit und Lebensqualität. Die Kopplung zum One-Health-Ansatz macht klar: Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Ökosystemen ist untrennbar verbunden. Und das bedeutet: Stadtplanung ist immer auch Gesundheitsplanung für den Planeten.

Was bedeutet das nun praktisch für die Branche? Zunächst: Es reicht nicht mehr, auf einzelne Nachhaltigkeitsziele zu optimieren. Stattdessen verlangt planetare Gesundheit nach integrativen, systemischen Strategien, die Synergien zwischen Klima, Biodiversität, Mobilität, Ernährung, Energie und sozialer Gerechtigkeit erkennen und fördern. Wer heute etwa ein neues Quartier plant, muss nicht nur die Energieeffizienz im Blick haben, sondern auch Stoffströme, Auswirkungen auf regionale Wasserhaushalte, die Gesundheit der Bevölkerung und die Resilienz gegen globale Krisen. Klingt komplex? Ist es auch – aber es ist machbar.

Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Leitbildern liegt in der konsequenten Ausrichtung auf globale Wechselwirkungen und Co-Benefits. Planung wird zur Schnittstellenarbeit zwischen lokalen Bedürfnissen und planetaren Notwendigkeiten. Das ist unbequem, weil es Zielkonflikte offenlegt, die sich nicht mit kosmetischen Maßnahmen lösen lassen. Aber es ist auch befreiend: Erst durch diese ganzheitliche Perspektive wird der Beitrag der Planung zur großen Transformation sichtbar. Kurz: Planetare Gesundheit ist weit mehr als ein neues Etikett – es ist der Lackmustest für verantwortungsbewusste Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert.

Warum Nachhaltigkeit nicht mehr reicht: Paradigmenwechsel in der Planung

Der Begriff Nachhaltigkeit ist mittlerweile mehr ausgelutscht als eine zu lange genutzte Straßenbahnfahrscheinrolle. Jeder will nachhaltig sein, kaum jemand weiß, wie weit das gehen müsste. Die planetare Gesundheit bringt nun die unbequeme Wahrheit auf den Tisch: Nachhaltigkeit, verstanden als ein bisschen weniger schädlich, genügt längst nicht mehr. Die globalen Krisen – Klimawandel, Artensterben, Ressourcenübernutzung – schreiten unbeeindruckt voran, während viele Städte sich noch in kleinteiligen Effizienzdebatten verlieren. Der Paradigmenwechsel zur planetaren Gesundheit ist deshalb nicht nur ein nettes Upgrade, sondern zwingende Notwendigkeit.

Im Zentrum steht die Erkenntnis, dass Planung „planetar“ denken muss – also über Sektorengrenzen, Zeithorizonte und Maßstäbe hinweg. Eine Fahrradspur im Innenstadtquartier ist schön, aber wenn die Baustoffe dafür aus illegalen Quellen stammen oder der Flächenverbrauch Biodiversitäts-Hotspots zerstört, ist unter dem Strich wenig gewonnen. Planetare Gesundheit zwingt zur Bilanzierung von Fernwirkungen und indirekten Effekten. Es reicht nicht mehr, einen Energieplusstandard zu erreichen, wenn dafür Regenwälder vernichtet oder seltene Erden unter prekären Bedingungen gefördert werden.

Ein weiteres zentrales Element ist die Verschiebung vom Fokus auf Schadensbegrenzung hin zu positiver Wirkung: Planung muss nicht nur weniger schlecht, sondern aktiv gut werden – für Menschen, Tiere und Ökosysteme. Das verlangt ein radikales Umdenken in der Flächennutzung, im Umgang mit Ressourcen und in der Gestaltung von Infrastrukturen. Die Reduktion von Emissionen ist Pflicht, aber nicht Kür. Gefordert sind Lösungen, die Kohlenstoff binden, Artenvielfalt fördern, Wärmeinseln abmildern und gesundheitliche Resilienz stärken. Das alles im Kontext einer wachsenden, urbanisierten Weltbevölkerung – eine Herkulesaufgabe, die nur mit neuen Allianzen und Methoden zu stemmen ist.

Wie kann das gelingen? Die planetare Gesundheit fordert, dass Planer verschiedene Wissenssysteme integrieren und systemische Wechselwirkungen sichtbar machen. Digitale Werkzeuge wie Urban Digital Twins können hier Brücken schlagen, indem sie komplexe Datenströme verknüpfen, Szenarien simulieren und Fernwirkungen quantifizieren. Gleichzeitig braucht es aber auch neue Governance-Modelle, die sektorübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen und Zielkonflikte transparent machen. Kurz: Wer weiter in klassischen Ressorts denkt, läuft Gefahr, das eigentliche Ziel zu verfehlen.

Ein besonders herausforderndes Feld ist die Messbarkeit. Während Effizienzgewinne noch halbwegs einfach zu bilanzieren sind, ist der Impact auf planetare Gesundheit oft schwer greifbar. Es braucht Indikatoren, die systemische Effekte abbilden, wie etwa die Einhaltung der planetaren Grenzen oder den Beitrag zur Regenerationsfähigkeit von Ökosystemen. Das ist anspruchsvoll, aber unverzichtbar: Nur so lässt sich verhindern, dass planetare Gesundheit zur bloßen Rhetorik verkommt.

Am Ende ist klar: Der Paradigmenwechsel mag anstrengend, unbequem und manchmal sperrig sein. Aber er eröffnet auch neue Chancen – für Innovation, für echte Co-Benefits und für eine Planung, die nicht mehr nur auf Schadensbegrenzung setzt, sondern auf die Wiederherstellung und Stärkung der Lebensgrundlagen. Wer sich darauf einlässt, stellt fest: Die planetare Gesundheit ist das ambitionierteste, was Planung je versucht hat – und wahrscheinlich auch das spannendste.

Werkzeuge und Methoden: Wie planetare Gesundheit konkret in die Planung kommt

Die Theorie klingt überzeugend, doch wie landet planetare Gesundheit tatsächlich auf den Schreibtischen in Planungsbüros und Stadtverwaltungen? Die Antwort liegt in einem Mix aus klassischen und neuen Instrumenten, die systemisch, interdisziplinär und datengestützt zum Einsatz kommen. Zunächst braucht es ein tiefes Verständnis der planetaren Grenzen. Diese werden zur Referenzgröße für Flächenverbrauch, Emissionen, Stoffströme und Biodiversität. Ein Planungsprojekt, das etwa die Stickstoffgrenze der Region überschreitet, gilt als nicht zukunftsfähig – egal, wie viele Bäume im Rendering zu sehen sind.

Ein zweiter methodischer Hebel sind systemische Impact-Analysen, die lokale Maßnahmen auf ihre Fernwirkungen hin untersuchen. Hier kommen Tools wie Lebenszyklusanalysen (LCA), Ökobilanzen und Urban-Metabolism-Modelle zum Einsatz. Sie decken auf, wie lokale Entscheidungen globale Stoffströme beeinflussen – und wo Zielkonflikte lauern. Besonders mächtig sind digitale Zwillinge und Geoinformationssysteme, die Szenarien simulieren und Co-Benefits sichtbar machen. So kann etwa die Umgestaltung eines Stadtparks nicht nur für Erholung sorgen, sondern gleichzeitig urbane Hitzeinseln reduzieren, Biodiversität fördern und die Luftqualität verbessern.

Ein dritter Schlüssel liegt in der Integration des One-Health-Ansatzes. Dieser verlangt, dass Planer die Gesundheit von Mensch, Tier und Ökosystem gemeinsam betrachten. Praktisch bedeutet das: Grünflächen werden so gestaltet, dass sie nicht nur Erholungsräume für Menschen bieten, sondern auch Lebensräume für Bestäuber, Kühlzonen für Wildtiere und Puffer für Wasserhaushalte. Gebäudekonzepte müssen nicht nur energieeffizient, sondern auch emissionsarm und biodiversitätsfördernd sein. Und Mobilitätsstrategien werden daraufhin geprüft, wie sie Lebensqualität, Klima und öffentliche Gesundheit gleichermaßen stärken.

In der Praxis bewährt sich zunehmend das Arbeiten mit Co-Benefits. Projekte werden nicht mehr nur an einem Ziel gemessen, sondern an der Vielzahl positiver Nebeneffekte – von sozialer Inklusion über Klimaschutz bis zu Biodiversitätsgewinnen. Das fordert neue Bewertungsmethoden und eine andere Form der Kommunikation: Weg von der klassischen Kosten-Nutzen-Rechnung, hin zu Wirkungsprofilen, die Synergien und Zielkonflikte transparent machen. Hier punkten vor allem partizipative Methoden, die Betroffene zu Mitgestaltern machen und lokales Wissen einbeziehen.

Natürlich lauern auch Fallstricke: Die Komplexität der Themen birgt die Gefahr von Überforderung und Entscheidungsblockaden. Deshalb braucht es klare Priorisierungen, agile Planung und eine neue Fehlerkultur. Pilotprojekte, Reallabore und Urban Living Labs helfen, neue Methoden zu testen und skalierbare Lösungen zu entwickeln. Am Ende steht die Erkenntnis: Planetare Gesundheit ist keine Einbahnstraße, sondern ein kontinuierlicher Lernprozess – der die Planung smarter, resilienter und zukunftsfähiger macht.

Praxisbeispiele und Lehren: Transformation im deutschsprachigen Raum

Wer jetzt denkt, das alles sei schöne Theorie und in den Tiefen der Verwaltungspraxis nicht machbar, der irrt. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es bereits Projekte, die planetare Gesundheit zum Leitbild machen – wenn auch oft noch als Pioniere im Dickicht der Routinen. Ein Blick nach München zeigt, wie eine konsequente Grün- und Freiraumstrategie nicht nur das Stadtklima verbessert, sondern auch Lebensraum für seltene Arten schafft und so gleich mehrere planetare Grenzen adressiert. Die Umgestaltung des Olympiaparks etwa wird mit Biodiversitätsmonitoring, Hitzeresilienz und sozialer Teilhabe verknüpft – ein Best-Practice, das Schule macht.

In Wien wiederum ist das Leitbild der „klimafitten Stadt“ längst Teil der Stadtentwicklungsstrategie. Hier werden neue Quartiere wie die Seestadt Aspern nicht nur nach Energie- und Verkehrskennzahlen geplant, sondern gezielt als Modellräume für planetare Gesundheit entwickelt. Das bedeutet: intensive Freiraumstrukturen, Regenwassermanagement, Biodiversitätsinseln und eine dichte Vernetzung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit. Die Stadt kooperiert eng mit Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, um systemische Effekte frühzeitig zu erkennen und zu steuern.

Auch kleinere Kommunen setzen mutige Akzente. Die Schweizer Stadt Basel etwa verfolgt mit ihrem „Urban Ecology“-Programm einen explizit planetaren Ansatz: Flächen werden nach ökologischer Funktion, Regenerationsfähigkeit und sozialer Wirkung bewertet. Ein interdisziplinäres Team aus Planern, Biologen und Gesundheitswissenschaftlern entwickelt Maßnahmen, die stadtweit auf die Einhaltung planetarer Grenzen ausgerichtet sind. Hier zeigt sich: Mit klaren Leitlinien, politischem Willen und wissenschaftlicher Begleitung gelingt die Transformation vom Leitbild zur gelebten Praxis.

Natürlich läuft nicht alles glatt. Viele Projekte kämpfen mit Zielkonflikten, etwa zwischen Wohnraumbedarf und Flächensparen, zwischen Verdichtung und Erhalt von Kaltluftschneisen. Die Erfahrung zeigt: Wer planetare Gesundheit ernst nimmt, muss Kompromisse offenlegen und neue Wege der Vermittlung finden. Partizipation, transparente Kommunikation und adaptive Planung sind dabei unverzichtbar. Gerade die Einbindung der Bevölkerung wirkt als Katalysator für Innovation – und verhindert, dass planetare Gesundheit als Top-Down-Diktat wahrgenommen wird.

Die Lehre aus diesen Beispielen ist eindeutig: Transformation ist möglich, aber sie braucht Mut, Ausdauer und den Willen, Fehler als Lernchancen zu begreifen. Wer heute planetare Gesundheit zum Maßstab macht, entwickelt nicht nur bessere Städte, sondern auch resilientere Gesellschaften. Der deutschsprachige Raum hat das Potenzial, hier eine Vorreiterrolle einzunehmen – wenn er sich traut.

Governance, Beteiligung und der Weg vom Leitbild zur Transformation

Der Wandel zur planetaren Gesundheit gelingt nur, wenn Governance und Beteiligung neu gedacht werden. Klassische Planungsverfahren stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn systemische Effekte und Fernwirkungen im Spiel sind. Es braucht neue Formen der Steuerung, die sektorübergreifend, adaptiv und lernfähig sind. Dazu zählen interdisziplinäre Steuerungsgruppen, offene Datenplattformen und ko-kreative Verfahren, die Wissen aus Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammenbringen.

Ein zentraler Hebel ist die Verankerung planetarer Gesundheit in Planungsrecht und Förderprogrammen. Leitbilder müssen verbindlich werden, etwa durch die Integration in Bauleitpläne, Umweltprüfungen und Monitoring-Systeme. Gleichzeitig braucht es Spielräume für Experiment und Innovation: Reallabore, Urban Living Labs und Co-Design-Prozesse ermöglichen das Testen neuer Ansätze und beschleunigen die Skalierung erfolgreicher Modelle.

Beteiligung ist mehr als eine Pflichtübung. Sie wird zum Motor der Transformation, weil sie lokale Expertise, Akzeptanz und Innovationskraft bündelt. Erfolgreiche Beispiele zeigen: Je früher und umfassender Bürger, Unternehmen und Wissenschaft eingebunden werden, desto tragfähiger und nachhaltiger sind die Ergebnisse. Digitale Tools, Visualisierungen und Simulationsmodelle helfen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und Entscheidungsprozesse zu öffnen.

Gleichzeitig müssen Zielkonflikte offen angesprochen und bearbeitet werden. Planetare Gesundheit bringt klassische Planungshierarchien ins Wanken, weil lokale Bedürfnisse und globale Notwendigkeiten nicht immer deckungsgleich sind. Es braucht transparente Aushandlungsprozesse, klare Prioritäten und eine neue Fehlerkultur. Nur so entsteht das Vertrauen, das für tiefgreifende Transformationen notwendig ist.

Abschließend bleibt festzuhalten: Der Weg von der Leitidee zur gelebten Praxis ist steinig, aber gangbar. Governance und Beteiligung sind keine Nebenkriegsschauplätze, sondern der Schlüssel zum Erfolg. Wer planetare Gesundheit zum Maßstab nimmt, muss bereit sein, alte Routinen zu verlassen, Macht zu teilen und Planung als offenen, lernenden Prozess zu begreifen. Die Belohnung: Städte, die nicht nur überleben, sondern aufblühen – im Einklang mit den Lebensgrundlagen des Planeten.

Fazit: Planetare Gesundheit – das ambitionierteste Leitbild der Planung

Planetare Gesundheit ist weit mehr als eine neue Modewelle oder ein weiteres Siegel im Labeldschungel der Stadtentwicklung. Sie ist der konsequente nächste Schritt auf dem Weg zu einer wirklich nachhaltigen, resilienten und zukunftsfähigen Stadt- und Landschaftsplanung. Sie zwingt uns, systemisch, global und generationenübergreifend zu denken – und damit die Komfortzone klassischer Ressorts zu verlassen. Die Integration in die Praxis ist anspruchsvoll, aber nicht unmöglich: Es braucht neue Werkzeuge, Methoden und Governance-Strukturen, aber vor allem Mut zum Wandel und Lust auf Innovation.

Die Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen: Transformation ist machbar, wenn Leitbilder verbindlich gemacht, Zielkonflikte offen angegangen und Beteiligung ernst genommen wird. Die planetare Gesundheit ist damit nicht nur ein Prüfstein für die Leistungsfähigkeit unserer Disziplin, sondern auch eine Einladung, Planung als gesellschaftliche Zukunftskunst neu zu denken. Die Zeit ist reif – für Städte, die mehr sind als funktionierende Systeme, sondern aktive Mitspieler im großen Kreislauf der planetaren Gesundheit.

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Friedhofsgestaltung: Aktionsplan zur naturnahen Gestaltung

Eine neue Broschüre der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege gibt Hinweise zur naturnahen Friedhofsgestaltung. Friedhof Gräfenberg mit altem Baumbestand. Foto: Barbara Füchtbauer
Friedhof Gräfenberg mit altem Baumbestand. Foto: Barbara Füchtbauer

Friedhöfe können wertvolle Lebensräume sein. Ein Aktionsplan gibt nun Empfehlungen und Tipps für eine naturnahe Friedhofsgestaltung.

Der Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege

Die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege hat gemeinsam mit dem kirchlichen Verein „Schöpfung bewahren konkret e.V.“ einen Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung veröffentlicht. In diesem Plan tragen die beiden Organisationen ihre Erfahrungen für Insektenschutz und mehr Artenvielfalt auf dem Friedhof zusammen.

„Friedhöfe sind nicht nur Orte der Stille und der Trauer. Sie sind auch Orte des Lebens. Wenn Wiesen und Gehölze ökologisch gepflegt und alte Mauern erhalten werden, finden viele Tiere Nahrung, Nistplätze oder Unterschlupf. In naturnahen Lebensräumen gibt es auch optimale Standortbedingungen für viele, darunter sogar seltene Pflanzen.

„Die Besonderheit von Friedhöfen ist ihre große Strukturvielfalt. Auf kleinstem Raum liegen halboffene Flächen, Kleinststandorte mit unterschiedlichen Nutzungsarten und naturnahe Restbiotope direkt nebeneinander. Alte Grabmauern und historische Gebäude sind Ersatzbiotope für Felslandschaften. Dadurch werden viele ökologische Nischen geschaffen, wo zahlreiche Pflanzen und Tiere das finden, was sie zum Leben brauchen. Vor allem in Städten und Dörfern können naturnahe Friedhöfe wichtige Rückzugsräume für viele Arten sein,“ schreibt die Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege.

Der Aktionsplan zur Friedhofsgestaltung ist online verfügbar. Er enthält zahlreiche Empfehlungen und Tipps für eine naturnahe Gestaltung dieses Lebensraums.

Wildblumen können dekorative Aspekte bilden, wie im Dietenhofener Friedhof. Foto: Barbara Füchtbauer
Wildblumen können dekorative Aspekte bilden, wie im Dietenhofener Friedhof. Foto: Barbara Füchtbauer

Mehr Biodiversität auf Friedhöfen

Die Broschüre namens „Oasen für Pflanzen und Tiere – Friedhöfe. Aktionsplan für Insektenschutz und mehr Artenvielfalt“ hat 34 Seiten. Sie ist als kostenloses PDF verfügbar. Darin finden sich konkrete Handlungsempfehlungen zur ökologischen Aufwertung von Friedhöfen. Auch praktische Tipps, etwa zur Pflege von Bäumen, Hecken, Sträuchern und Wiesen, gehören dazu. Denn nur eine gezielte Instandhaltung von Friedhöfen kann ihren ökologischen Wert maximieren.

Das Projekt zur Friedhofsgestaltung ist Teil der Bayerischen Biodiversitätsstrategie. Die Projektgruppe NaturVielfaltBayern hat ebenfalls an dem Projekt mitgewirkt. Neben der Broschüre gibt es fünf Merkblätter zu ökologischen Pflegemaßnahmen. Das Team hat über 20 Friedhöfe vor Ort betreut und Maßnahmen für Biodiversität umgesetzt.

Die folgenden Aktivitäten helfen dabei, den Friedhof naturnah zu gestalten und so wertvolle Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen:

  • Umwandlung von Rasen in Wiesen,
  • Erhaltung alter Laubbäume,
  • Gestaltung von Blühgräbern mit heimischen, regionalen Samenmischungen,
  • Zulassung der spontanen Besiedelung durch Wildkräuter in aufgelassenen Gräbern, sowie
  • Schutz von Öffnungen, Spalten und Nischen für Tiere wie Eidechsen.

Dabei ist es wichtig, die Maßnahmen gemeinsam mit den Zuständigen der Friedhöfe zu planen und umzusetzen. Auch die Angehörigen sollten über die Pläne informiert werden.

Ein neues Naturerlebnis auf dem Friedhof

Die naturnahe Friedhofsgestaltung bietet Insekten, Eidechsen, Vögeln und Kleinsäugern neue Rückzugs- und Nistmöglichkeiten. Auch Höhlenbrüter wie Schwarzspechte oder Hohltauben erhalten durch die fachgerechte Behandlung alter Bäume eine neue Heimat. Laut Projektteam können Friedhöfe so eine Anlaufstelle für selten zu sehende Tiere sein. Besucher*innen können ein neues Naturerlebnis erhalten, wenn sie auf dem Friedhof sind.

Um Konzepte zur Förderung der Biodiversität zu entwickeln, hat das Projektteam zunächst zehn verschiedene Anlagen ausgewählt. Diese unterscheiden sich in Bezug auf Größe, Struktur, Lage in der Siedlung und frei verfügbare Flächen. So gelang es, das beispielhafte Potenzial jeder Anlage zu ermitteln und daraus Maßnahmen zur Erhaltung und Förderung der biologischen Vielfalt zu entwickeln.

Dabei war es stets wichtig, die jeweilige Kirchengemeinde einzubinden. Auch weitere Kooperationspartner wie Landschaftspflegeverbände, Kreisfachberatungen für Gartenbau und Landespflege sowie ehrenamtliche Fledermausberater*innen waren Teil der Projektarbeit. Auf diese Weise überzeugte das Team die beteiligten Akteure von der Bedeutung von Biodiversität.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit spielte eine Rolle: Friedhofsbesucher*innen sowie interessierte Bürger*innen konnten an Führungen und Schulungen teilnehmen. So gelang es, Informationen über die Arten und ihr Vorkommen in den Anlagen zu verbreiten. Hinzu kommt ein Faltblatt für Interessierte, das Praxisbeispiele zur naturnahen Friedhofsgestaltung zeigt und Pflegeempfehlungen enthält.

Hochwertige, magere Thymianwiese im Friedhof in Kirchensittenbach. Foto: Barbara Füchtbauer
Hochwertige, magere Thymianwiese im Friedhof in Kirchensittenbach. Foto: Barbara Füchtbauer

Übertragung der naturnahen Friedhofsgestaltung auf weitere Konfessionen

Die Tipps und Hinweise zur naturnahen Friedhofsgestaltung richten sich in erster Linie an pflegende Gärtner*innen. Aber auch Kirchengemeinden und Friedhofsbesucher*innen sind Zielgruppe der Broschüre. Zudem hat das Projektteam das Ziel, die Inhalte der Merkblätter und der Broschüre auf Friedhöfe unterschiedlicher Konfessionen zu übertragen.

Dafür sind bewusstseinsbildende Maßnahmen ebenso wichtig wie biodiversitätsfördernde Aktivitäten. Partizipative Aktionen, Pflanz- und Pflegeprojekte mit Schüler*innen sowie ein Kurzfilm sind Teil des Informationsangebots. Erste Projekte wurden bereits auf verschiedenen kommunalen, katholischen und jüdischen Friedhöfen umgesetzt. Dabei zeigte sich, dass eine Beratung durch Fachexpert*innen sehr hilfreich ist.

Übrigens: Mehr zur Kulturgeschichte von Friedhöfen und zu den neuen Ansprüchen an diese Orte lesen Sie hier.

Dessau-Roßlau: LGS 2022?

Dessau arbeitet derzeit an der Bewerbung für die Landesgartenschau 2022. Seit Anfang April diskutiert die Stadt mit den Bürgern über Ideen und Vorschläge. Das Konzept sieht bisher vor, die Landesgartenschau in die Innenstadt zu legen und eine neue Verbindung mit dem Muldeufer zu schaffen. Dessau möchte die Landesgartenschau dazu nutzen, städtebauliche Defizite auszubessern.