Planung ohne Eigentum – neue Konzepte für öffentlichen Grund

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Stadtverkehr und hohe Gebäude in moderner Urbanlandschaft, fotografiert von Bin White

Stadtentwicklung ganz ohne Eigentum? Was für viele Planer bislang wie ein Widerspruch klang, entwickelt sich zunehmend zu einem der spannendsten Zukunftskonzepte im urbanen Raum. Öffentlicher Grund wird zur Bühne für neue Allianzen, temporäre Nutzungen und gemeinschaftliche Gestaltung – und stellt die klassische Eigentumslogik auf den Kopf. Wer in der Stadt von morgen gestalten will, muss neu denken: Planung ohne Eigentum ist kein Mangel, sondern Chance.

  • Was bedeutet Planung ohne Eigentum? Ein Überblick über alternative Ansätze jenseits von Bodenbesitz.
  • Historische und aktuelle Beispiele für die Gestaltung öffentlichen Raums ohne klassische Eigentumsverhältnisse.
  • Rechtliche, politische und kulturelle Rahmenbedingungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
  • Neue Akteure und Kooperationsmodelle: Von Zwischennutzern bis städtischen Allmenden.
  • Innovative Instrumente: Erbbaurecht, Commons-Management, urbane Labore und modulare Planungsprozesse.
  • Chancen und Herausforderungen für die nachhaltige Stadtentwicklung und soziale Teilhabe.
  • Risiken: Fragmentierung, Verantwortungsdiffusion und Kommerzialisierung öffentlicher Flächen.
  • Best-Practice-Beispiele und Leuchtturmprojekte aus dem deutschsprachigen Raum.
  • Empfehlungen und Perspektiven für Kommunen, Planer und Investoren.

Planung ohne Eigentum: Von der Besitzlogik zur urbanen Allmende

Die Frage nach Eigentum ist für die Stadtplanung traditionell eine Grundsatzfrage. Wer besitzt Grund und Boden, bestimmt nicht nur, was gebaut wird, sondern oft auch, wie und für wen. Doch was passiert, wenn diese Besitzlogik ins Wanken gerät? Planung ohne Eigentum ist kein völliges Neuland, aber sie erfährt gerade eine Renaissance – angetrieben von Flächenknappheit, explodierenden Bodenpreisen und dem Wunsch nach flexibleren, partizipativen Stadtentwicklungsmodellen. Die Stadt wird nicht länger ausschließlich als Summe privater Parzellen betrachtet, sondern als kollektiver Möglichkeitsraum. Hier setzt das Konzept der urbanen Allmende an: Flächen, die keiner Einzelperson gehören, sondern gemeinschaftlich genutzt, gestaltet und manchmal auch verwaltet werden.

Historisch betrachtet war öffentlicher Grund immer schon ein Kristallisationspunkt für soziale und politische Innovationen. Vom mittelalterlichen Marktplatz über die Allmendeweide bis zu den modernen Parks – viele ikonische Stadtorte gehörten nie jemandem im klassischen Sinn, sondern wurden von der Gemeinschaft getragen. Im 21. Jahrhundert erleben diese Prinzipien ein Comeback, allerdings unter anderen Vorzeichen: Die Herausforderungen reichen von Klimaanpassung über neue Mobilitätskonzepte bis zu sozialen Experimentierfeldern. Eigentum wird dabei zunehmend als Hemmschuh empfunden, wenn es um schnelle, inklusive und experimentelle Stadtgestaltung geht.

Öffentliche Räume werden so zu Testlaboren für temporäre Nutzungen, Pop-Up-Architekturen und partizipative Gestaltungsprozesse. Die klassischen Rollen verschwimmen: Bürger werden zu Mitplanern, Stadtverwaltungen zu Moderatoren, Private zu Kooperationspartnern. Die Dynamik öffnet neue Spielräume, bringt aber auch Unsicherheiten mit sich. Wer darf was, wie lange und unter welchen Bedingungen? Wie werden Nutzungskonflikte gelöst? Und wie lässt sich Qualität sichern, wenn niemand den sprichwörtlichen Schlüssel zur Fläche besitzt?

Dass diese Fragen nicht nur theoretischer Natur sind, zeigen zahlreiche Projekte aus Berlin, Zürich oder Wien, in denen öffentliche Flächen für urbane Gärten, temporäre Pavillons oder gemeinschaftliche Nachbarschaftszentren genutzt werden – oft ohne formalen Eigentumstitel, aber mit klaren Regeln und Zielsetzungen. Planung ohne Eigentum wird so zum Experimentierfeld für eine neue urbane Governance, in der das Gemeinwohl vor der Einzelinteressen steht. Das erfordert ein Umdenken nicht nur bei Planern, sondern auch bei Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft.

Letzten Endes geht es um nichts weniger als die Frage: Wem gehört die Stadt – und wie wollen wir sie gemeinsam gestalten? Planung ohne Eigentum liefert darauf keine einfachen Antworten, aber sie eröffnet den Diskurs für innovative, gerechtere und resilientere Stadtmodelle. Es ist höchste Zeit, diese Ansätze nicht länger als Randerscheinung abzutun, sondern als legitimes Instrument der Stadtentwicklung zu begreifen.

Rechtlicher Rahmen und politische Steuerung: Zwischen Freiraum und Regulierung

Ohne Eigentum keine Planung? Juristisch betrachtet, ist das keineswegs zwingend. Das öffentliche Recht, insbesondere das Bauplanungsrecht, kennt zahlreiche Instrumente, die unabhängig vom Eigentum an der Fläche greifen. Bebauungspläne, Sondernutzungen, Gestaltungsverordnungen oder Erbbaurechte erlauben es Kommunen, städtische Entwicklung auch auf fremden oder gemeinschaftlich genutzten Flächen zu steuern. Die Kunst liegt darin, diesen Werkzeugkasten klug einzusetzen – und gleichzeitig genug Freiraum für Experimente zu lassen.

Das Erbbaurecht etwa ist ein Klassiker unter den alternativen Eigentumsformen. Es räumt Nutzern das Recht ein, auf städtischem Grund zu bauen und diesen für einen festgelegten Zeitraum zu nutzen, ohne den Boden selbst zu besitzen. So bleiben Flächen langfristig im öffentlichen Zugriff und entziehen sich der Spekulation. In jüngerer Zeit erleben auch temporäre Nutzungsvereinbarungen und modulares Flächenmanagement einen Boom. Sie erlauben es, auf veränderte Bedarfe schnell zu reagieren und Flächen immer wieder neu zu programmieren – ein entscheidender Vorteil angesichts dynamischer Stadtentwicklungsprozesse.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Governance: Wer trägt Verantwortung, wenn niemand als Eigentümer im Grundbuch steht? Hier etablieren sich zunehmend Modelle der geteilten Verantwortung – von Bürgerinitiativen über Genossenschaften bis zu Public-Private-Partnerships. Diese Modelle erfordern allerdings klare Regeln, transparente Entscheidungsstrukturen und eine offene Fehlerkultur. Denn je mehr Akteure beteiligt sind, desto größer ist die Gefahr von Verantwortungsdiffusion und Nutzungskonflikten. Die Herausforderung liegt darin, Steuerung und Freiheit in ein produktives Gleichgewicht zu bringen.

Auch das Thema Haftung ist nicht zu unterschätzen. Wenn öffentliche Flächen kollektiv genutzt werden, stellt sich die Frage, wer im Schadensfall haftet – sei es bei Unfällen, Vandalismus oder Umweltschäden. Kommunen müssen hier rechtssichere Rahmenbedingungen schaffen, ohne die Innovationskraft der Projekte durch überbordende Bürokratie zu ersticken. Flexible Genehmigungsprozesse, Versicherungslösungen und klare Zuständigkeiten sind gefragt. Hier zeigt sich, dass Planung ohne Eigentum keineswegs ein rechtsfreier Raum ist, sondern kluge Regulierung erfordert.

Politisch ist das Thema hochspannend: Planung ohne Eigentum wird mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Teilhabe und Gemeinwohl verknüpft. Wer Zugang zu öffentlichen Flächen hat, kann Stadt mitgestalten – oder bleibt außen vor. Es liegt an der Politik, hier für Ausgleich zu sorgen und Diskriminierung zu verhindern. Städte wie München oder Zürich haben eigene Gremien und Fördertöpfe geschaffen, um innovative, gemeinwohlorientierte Nutzungen auf öffentlichem Grund gezielt zu unterstützen. Das zeigt: Mit dem richtigen politischen Willen lässt sich Planung ohne Eigentum nicht nur ermöglichen, sondern aktiv fördern.

Neue Akteure und Kooperationsmodelle: Stadt als Bühne für kollektive Kreativität

Die zentrale Innovation der Planung ohne Eigentum liegt in der Öffnung für neue Akteure und ungewöhnliche Allianzen. Während früher Stadtentwicklung vor allem Sache von Investoren, Eigentümern und Verwaltung war, kommen heute Initiativen, Vereine, Genossenschaften und lose Zusammenschlüsse von Nachbarn ins Spiel. Sie bringen nicht nur frische Ideen, sondern auch lokale Expertise und ein Gespür für die Bedürfnisse vor Ort ein. Die Stadt wird zur Bühne, auf der viele Regisseure gemeinsam ein Stück inszenieren – manchmal chaotisch, oft überraschend, aber immer lebendig.

Typische Beispiele sind urbane Gärten auf Brachflächen, temporäre Veranstaltungsorte in leerstehenden Gebäuden oder Pop-Up-Spielplätze auf Parkplätzen. Solche Projekte leben von Offenheit, Improvisation und dem Willen, Verantwortung zu teilen. Nicht selten entstehen daraus dauerhafte Strukturen, etwa wenn Zwischennutzungen in langfristige Gemeingüter überführt werden. Der Vorteil: Die Flächennutzung bleibt flexibel, reagiert auf gesellschaftliche und ökologische Trends und kann bei Bedarf angepasst oder beendet werden.

Die Zusammenarbeit zwischen Stadtverwaltung und zivilgesellschaftlichen Akteuren ist dabei oft ein Balanceakt. Einerseits wollen Städte Innovation fördern und Teilhabe ermöglichen, andererseits müssen sie öffentliche Ordnung, Sicherheit und städtebauliche Qualität sichern. Erfolgreiche Kooperationen zeichnen sich durch Offenheit, klare Kommunikation und einen pragmatischen Umgang mit Fehlern aus. Es gilt, experimentelle Ansätze nicht vorschnell zu reglementieren, sondern als Chance für Lernprozesse zu begreifen.

Inzwischen entstehen auch neue Organisationsformen, die jenseits klassischer Eigentumsmodelle arbeiten: Commons-Initiativen, Reallabore, Nachbarschaftsgenossenschaften oder solidarische Stadtteilfonds. Sie setzen auf geteilte Verantwortung, kollektive Finanzierung und partizipative Entscheidungsprozesse. In Zürich etwa verwaltet eine gemeinnützige Stiftung mehrere öffentliche Plätze im Sinne des Gemeinwohls, während in Wien sogenannte Grätzl-Oasen von Anwohnern temporär gestaltet werden dürfen. Solche Modelle zeigen, dass Planung ohne Eigentum nicht nur möglich, sondern auch bereichernd für das urbane Leben ist.

Gleichzeitig gibt es Grenzen: Nicht jedes Quartier eignet sich für kollektive Experimente, nicht jede Gruppe ist ausreichend organisiert, um komplexe Flächenprojekte zu stemmen. Hier sind gezielte Förderung, Qualifizierung und Moderation durch die Stadt gefragt. Planung ohne Eigentum ist kein Selbstläufer, sondern erfordert Engagement, Ressourcen und eine Kultur des Miteinanders. Wer diese Voraussetzungen schafft, kann die Stadt als Labor für neue Formen urbaner Kooperation und Kreativität nutzen – und damit neue Maßstäbe für nachhaltige Stadtentwicklung setzen.

Instrumente und Methoden: Toolbox für die eigentumsfreie Stadtplanung

Planung ohne Eigentum ist kein Blindflug, sondern erfordert einen passgenauen Werkzeugkasten. Neben den bereits erwähnten rechtlichen Instrumenten wie Erbbaurecht, Sondernutzungserlaubnissen oder Gestattungsverträgen kommen zunehmend neue Methoden zum Einsatz, die Flexibilität und Teilhabe ermöglichen. Urbane Reallabore zum Beispiel schaffen temporäre Experimentierräume, in denen neue Nutzungen, Mobilitätsformen oder Begrünungskonzepte im Echtbetrieb getestet werden können – ohne aufwändige Eigentumsübertragungen oder jahrelange Planungsverfahren.

Auch digitale Tools gewinnen an Bedeutung: Plattformen zur Vermittlung von Flächen, Online-Beteiligungsverfahren oder smarte Monitoring-Systeme machen es einfacher, öffentliche Räume dynamisch zu steuern und auf veränderte Bedürfnisse zu reagieren. In Berlin etwa vermittelt die Plattform „Stadtteilkonferenz“ freie Flächen an Nachbarschaftsinitiativen, während in Basel Sensoren die Nutzung von Parks und Plätzen in Echtzeit erfassen. So lassen sich Engpässe, Nutzungskonflikte oder neue Potenziale frühzeitig erkennen und adressieren.

Ein weiteres wichtiges Instrument ist das Commons-Management: Hier wird die Nutzung öffentlicher Flächen als kollektives Gut organisiert – mit klaren Regeln, transparenten Entscheidungsstrukturen und oft auch gemeinschaftlicher Finanzierung. Die berühmte Ostrom’sche Regel für nachhaltige Allmende-Nutzung wird so auf den urbanen Kontext übertragen. In der Praxis bedeutet das: Wer eine Fläche nutzt, beteiligt sich auch an Pflege, Organisation und Konfliktlösung. Dieses Modell funktioniert besonders gut, wenn sich stabile Gruppen mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung engagieren.

Darüber hinaus setzen viele Städte auf modulare Planungsprozesse. Statt großer Masterpläne werden kleine, flexible Bausteine entwickelt, die sich bei Bedarf anpassen oder erweitern lassen. Das erhöht die Resilienz gegenüber unvorhergesehenen Ereignissen, etwa Klimafolgen oder sozialen Veränderungen. Gleichzeitig bleibt die Kontrolle über die Entwicklung beim Gemeinwesen, anstatt in wenigen privaten Händen zu liegen. In Zürich etwa hat sich das „Raumteiler“-Modell bewährt, bei dem öffentliche Flächen temporär verschiedenen Akteuren zugewiesen werden können – immer mit der Option, die Nutzung neu zu verhandeln.

All diese Instrumente zeigen: Planung ohne Eigentum ist keine Utopie, sondern ein realisierbares, vielfach erprobtes Konzept. Sie erfordert jedoch Mut zur Lücke, Offenheit für Experimente und eine neue Fehlerkultur in Verwaltung und Politik. Der Lohn sind lebendige, anpassungsfähige und sozial gerechte Städte, die auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besser vorbereitet sind als jede noch so schicke Eigentumsparzelle.

Chancen, Risiken und Ausblick: Die Zukunft der Stadt zwischen Freiheit und Verantwortung

Die eigentumsfreie Stadtplanung eröffnet enorme Chancen für die nachhaltige, inklusive und resiliente Stadtentwicklung. Sie macht öffentliche Räume zu echten Gemeingütern, fördert Innovation, reduziert Spekulation und schafft Spielräume für soziale Experimente. Wer Eigentum nicht als Dogma, sondern als eine Option unter vielen betrachtet, kann flexibler auf gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen reagieren. Temporäre Nutzungen, partizipative Gestaltung und kollektive Verantwortung werden zum neuen Standard – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen.

Doch es gibt auch Risiken: Ohne klare Regeln drohen Fragmentierung, Nutzungskonflikte und Verantwortungsdiffusion. Es besteht die Gefahr, dass öffentliche Flächen von Einzelinteressen vereinnahmt oder kommerzialisiert werden – etwa wenn temporäre Zwischennutzungen als Vorwand für spätere Privatisierungen dienen. Auch die Qualitätssicherung ist eine Herausforderung: Wer sorgt für Pflege, Sicherheit und Attraktivität, wenn niemand als Eigentümer vorangeht? Hier sind neue Formen der Governance gefragt, die kollektive Verantwortung fördern und Missbrauch vorbeugen.

Ein weiteres Risiko ist die Überforderung von Verwaltung und Zivilgesellschaft. Viele Kommunen sind organisatorisch, personell und rechtlich nicht auf die Anforderungen kollektiver Flächennutzung vorbereitet. Projekte scheitern oft an fehlender Moderation, mangelnder Finanzierung oder zu starren Genehmigungsverfahren. Auch die soziale Dimension darf nicht unterschätzt werden: Planung ohne Eigentum funktioniert nur, wenn alle Zugang haben – unabhängig von Herkunft, Alter oder sozialem Status. Sonst droht die urbane Allmende zur Spielwiese privilegierter Gruppen zu werden.

Trotz dieser Herausforderungen ist das Potenzial enorm. Zahlreiche Best-Practice-Beispiele zeigen, dass eigentumsfreie Planung nicht nur funktioniert, sondern neue Impulse für die Stadtentwicklung setzt. In München etwa wurde ein temporärer Kulturpark auf städtischem Grund zum Katalysator für ein ganzes Quartier, in Zürich verwandelten Nachbarschaften eine Straßenkreuzung in einen belebten Treffpunkt, in Basel entstanden aus Zwischennutzungen dauerhafte urbane Gärten. Diese Projekte beweisen: Planung ohne Eigentum ist kein Notbehelf, sondern eine echte Alternative.

Der Ausblick ist klar: Die Stadt der Zukunft wird hybrider, flexibler und gemeinschaftlicher organisiert sein. Planung ohne Eigentum ist dabei kein Ersatz für klassische Eigentumsmodelle, sondern eine notwendige Ergänzung im Werkzeugkasten der Stadtentwicklung. Es liegt an Planern, Politik und Zivilgesellschaft, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen – mutig zu experimentieren, Fehler zuzulassen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Die eigentumsfreie Stadt ist kein utopischer Traum, sondern ein pragmatischer, zukunftsfester Ansatz für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.

Zusammenfassung: Planung ohne Eigentum steht für einen Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklung und eröffnet neue Wege zur Gestaltung öffentlicher Räume jenseits klassischer Besitzlogik. Durch innovative Instrumente, kollektive Verantwortung und flexible Governance-Modelle entstehen lebendige und gerechte Städte, die auf die Herausforderungen von Klimawandel, Flächenknappheit und sozialer Teilhabe besser vorbereitet sind. Trotz rechtlicher und organisatorischer Hürden zeigen zahlreiche Beispiele im deutschsprachigen Raum: Wer offen für eigentumsfreie Planung ist, kann urbane Räume nicht nur nachhaltiger, sondern auch kreativer und partizipativer gestalten. Die eigentumsfreie Stadt ist kein Wagnis, sondern die konsequente Weiterentwicklung urbaner Zukunftskonzepte – und sie verdient einen festen Platz im Werkzeugkasten jedes Planers.

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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.