Planungsrecht vs. Klimaziele – was blockiert wirklich?

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Atemberaubende Luftansicht eines Schweizer Stadtbilds, aufgenommen von Ivan Louis.

Klimaambitionen im urbanen Raum? Alle sind dafür – doch sobald konkrete Maßnahmen auf dem Tisch liegen, beginnt das große Hadern. Planungsrechtliche Schranken, politische Eiertänze und widersprüchliche Interessen sorgen dafür, dass Klimaziele oft auf dem Papier bleiben. Was blockiert also wirklich die nachhaltige Stadtentwicklung in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Planungsrecht oder ganz andere Faktoren? Ein Blick hinter die Fassade von Paragraphen, Prozessen und eingefahrenen Routinen zeigt, warum der Weg zur klimaneutralen Stadt mit mehr als nur juristischen Stolpersteinen gepflastert ist.

  • Analyse der Wechselwirkungen zwischen Planungsrecht und Klimazielen in der DACH-Region
  • Hintergründe: Warum bestehende Gesetzgebung oft Fortschritt hemmt, aber nicht immer der Hauptschuldige ist
  • Typische Blockaden in Bauleitplanung, Genehmigungsverfahren und Flächenmanagement
  • Die Rolle von Verwaltungskultur, politischen Interessenskonflikten und wirtschaftlichen Zwängen
  • Best-Practice-Beispiele und gescheiterte Ansätze aus deutschen, österreichischen und Schweizer Städten
  • Innovative Rechtsinstrumente und wie sie die Transformation erleichtern können
  • Was Planer, Kommunen und Politik konkret tun können, um den Knoten zu lösen
  • Kritischer Blick auf Mythen und Legenden rund um das vermeintlich „blockierende“ Planungsrecht
  • Abschließende Bewertung: Wo liegt die wahre Verantwortung – und wo die echte Chance für mehr Klimaschutz?

Planungsrecht und Klimaziele – ein scheinbar unlösbarer Widerspruch?

Wer sich regelmäßig im Spannungsfeld von Stadtentwicklung, Bauleitplanung und Klimaschutz bewegt, kennt die altbekannte Leier: Das Planungsrecht, so heißt es, sei das große Hemmnis auf dem Weg zur nachhaltigen Stadt. Und tatsächlich: Die deutsche Baugesetzgebung ist ein ausgewachsener Paragrafendschungel, der selbst erfahrene Planer regelmäßig an die Grenzen des Machbaren bringt. Doch ist das wirklich der Grund, warum Klimaziele in deutschen, österreichischen oder Schweizer Städten so selten Realität werden? Oder steckt hinter dieser oft bemühten Erklärung nicht vielmehr ein bequemes Narrativ, das andere, unbequeme Wahrheiten verdeckt?

Fest steht: Das Planungsrecht in der DACH-Region ist ein komplexes Geflecht aus Bundesgesetzen, Landesvorschriften, kommunalen Satzungen und EU-Vorgaben. Es soll den Ausgleich zwischen vielfältigen Interessen sichern – von Eigentumsschutz über Naturschutz bis hin zu sozialer Gerechtigkeit. Klimaschutz ist dabei längst nicht die alleinige Zielgröße. Im Gegenteil: Viele Vorschriften stammen aus Zeiten, als fossile Energie noch als Fortschritt galt und Flächenverbrauch als notwendiges Übel betrachtet wurde. Die Transformation zur klimaneutralen Stadt erfordert deshalb nicht nur neue Technologien und Konzepte, sondern vor allem auch einen Paradigmenwechsel im rechtlichen Denken und Handeln.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn das Planungsrecht ist kein statisches Korsett – es ist ein lebendiges System, das durchaus Raum für Innovationen lässt. Städte wie Wien oder Zürich zeigen, dass mutige Interpretationen und kreative Nutzung bestehender Instrumente durchaus große Sprünge ermöglichen. Gleichzeitig offenbaren zahllose gescheiterte Klimainitiativen, dass selbst die beste Gesetzgebung an den Widerständen der Praxis zerschellen kann. Wer also auf die Paragraphen schimpft, macht es sich zu leicht. Die Wahrheit ist vielschichtiger – und genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Nicht zuletzt ist das Wechselspiel zwischen Recht und Klimazielen auch eine Frage der politischen Prioritäten und des gesellschaftlichen Konsenses. Wo Klimaschutz als Querschnittsaufgabe begriffen und in allen Verwaltungsebenen mitgedacht wird, entstehen Lösungen, die Rechtssicherheit und Transformation verbinden. Wo hingegen Partikularinteressen, kurzfristige Haushaltszwänge oder schlichtweg Mutlosigkeit dominieren, bleibt der juristische Rahmen ein willkommenes Feigenblatt für Stillstand. Es ist also höchste Zeit, den Mythos vom alles blockierenden Planungsrecht kritisch zu hinterfragen – und den Blick auf die eigentlichen Hebel für klimafreundliche Stadtentwicklung zu richten.

Am Ende ist klar: Ohne ein ambitioniertes, klimapolitisch ausgerichtetes Planungsrecht wird die Transformation nicht gelingen. Genauso wenig aber reicht es, auf eine „große Novelle“ zu warten. Vielmehr braucht es kluge Akteure, die den bestehenden Spielraum nutzen, bestehende Blockaden benennen – und gemeinsam mit Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft neue Wege beschreiten. Wer dabei nur auf das Recht schielt, verpasst die eigentliche Dynamik urbaner Transformation.

Die Frage bleibt: Wer oder was blockiert also wirklich? Und wie lässt sich der gordische Knoten zwischen Paragraphen und Klimazielen durchschlagen? Genau das nehmen wir im Folgenden unter die Lupe – mit einem Blick auf die Praxis, die Mythen und die echten Lösungswege für nachhaltige Stadtentwicklung.

Typische Blockaden zwischen Paragraph und Praxis – wo klemmt es wirklich?

Die Liste der Stolpersteine auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt liest sich wie das Who’s who deutscher Verwaltungsrealität. Da wären zunächst die klassischen Hemmnisse der Bauleitplanung: Flächennutzungspläne, die noch aus der Zeit der autogerechten Stadt stammen. Bebauungspläne, die auf Einfamilienhausidylle und großzügige Parkplatzschneisen setzen. Und natürlich das berühmte Abwägungsgebot, das jeden Klimaschutzanspruch gegen eine Armada konkurrierender Interessen ins Rennen schickt – von Lärmschutz über Eigentumsrechte bis zu vermeintlich sakrosankten „ortsbildprägenden“ Merkmalen.

Eines der größten Probleme ist die Trägheit des Systems. Planungsvorhaben ziehen sich über Jahre, mitunter Jahrzehnte. Bis neue Ziele, etwa aus dem Klimaschutzgesetz, tatsächlich in Satzungen und Plänen ankommen, ist die gesellschaftliche Debatte längst weitergezogen. Die Folge: Ein permanentes Hinterherhinken, bei dem Klimaziele im rechtlichen Niemandsland verharren. Wer heute einen Bebauungsplan aufstellt, plant oft noch mit den Leitbildern von gestern – und muss sich später vorhalten lassen, zu wenig für den Klimaschutz getan zu haben.

Hinzu kommt die enorme Komplexität der Verfahren. Beteiligungsprozesse, Öffentlichkeitsbeteiligung, Umweltprüfungen, Fachgutachten – all das kostet nicht nur Zeit und Geld, sondern bietet auch zahllose Ansatzpunkte für Widerspruch, Klagen und politische Blockade. Gerade in Ballungsräumen, wo Flächen knapp und Interessen vielfältig sind, verwandelt sich jede Planungsmaßnahme schnell in ein Minenfeld aus juristischen Fallstricken und politischem Gezerre. Die pragmatische Lösung? Oft: lieber abwarten, als sich im Paragraphendschungel zu verirren.

Doch damit nicht genug. Viele Kommunen leiden unter akuter Personalnot, mangelnder Digitalisierung und einer Kultur der Risikoaversion. Wer neue, innovative Wege geht – etwa in Sachen klimaangepasster Stadtplanung, Flächenentsiegelung oder Verkehrsberuhigung – riskiert im Zweifel nicht nur juristische Auseinandersetzungen, sondern auch politischen Gegenwind. Gerade in kleineren Städten fehlt häufig die Expertise, aber auch der Rückhalt, um ambitionierte Klimaziele gegen etablierte Routinen durchzusetzen. Das Ergebnis: Status quo als kleinster gemeinsamer Nenner.

Ein weiteres, oft unterschätztes Hindernis liegt im Flächenmanagement. Viele Städte verfügen schlicht nicht über die nötigen Grundstücke, um klimafreundliche Quartiere oder Grünachsen zu realisieren. Hier stoßen rechtliche Spielräume schnell an physische Grenzen – und ohne strategische Bodenpolitik bleibt auch die beste Klimastrategie Makulatur. Kurzum: Das Planungsrecht allein ist selten der alleinige Blockierer. Es ist vielmehr das Zusammenspiel aus veralteten Plänen, komplexen Verfahren, Personalmangel, politischen Konflikten und fehlender Flächenverfügbarkeit, das nachhaltige Stadtentwicklung immer wieder ausbremst.

Wer also nach echten Lösungen sucht, muss tiefer graben. Nicht nur Paragraphen novellieren, sondern auch die Verwaltung umbauen, politische Prioritäten neu setzen und die Stadtgesellschaft mit ins Boot holen. Nur dann wird aus dem oft bemühten Ziel der klimaneutralen Stadt mehr als ein Papiertiger.

Mythen, Missverständnisse und die Suche nach dem Schuldigen

In der öffentlichen Debatte rund um Klimaschutz und Stadtentwicklung kursiert eine Vielzahl von Mythen – und kaum einer ist so hartnäckig wie der vom alles blockierenden Planungsrecht. Dabei zeigt die Praxis, dass die Realität deutlich vielschichtiger ist. So gibt es etwa zahlreiche Rechtsinstrumente, die bereits heute ambitionierte Klimaziele ermöglichen würden – sofern die Akteure bereit sind, sie mutig und kreativ zu nutzen. Beispiele gefällig? Das Baugesetzbuch kennt längst das „besondere Städtebaurecht“, mit dem Kommunen gezielt Flächen für den Klimaschutz sichern oder innovative Quartiere realisieren können. Auch die Umweltprüfung bietet die Möglichkeit, Klimafolgen in Planungsverfahren verbindlich zu berücksichtigen.

Gleichzeitig wird oft übersehen, dass viele Blockaden nicht rechtlicher, sondern kultureller Natur sind. Verwaltungskulturen, die auf Sicherheit statt Innovation setzen, und politische Akteure, die lieber auf Nummer sicher gehen, als mutige Vorstöße zu wagen, sorgen dafür, dass selbst großzügige Spielräume oft ungenutzt bleiben. Hinzu kommt eine weit verbreitete Angst vor Klagen und Anfechtungen, die viele Städte lähmt. Das Ergebnis: Eine Spirale aus Vorsicht, Stillstand und gegenseitiger Schuldzuweisung – bei der das Recht zum Sündenbock wird, obwohl es oft gar nicht der Hauptschuldige ist.

Ein weiterer Irrglaube: Die Annahme, dass eine große Reformwelle alle Probleme lösen könnte. Natürlich braucht es eine kontinuierliche Anpassung des Planungsrechts an die Herausforderungen der Klimakrise. Doch wer auf den großen Wurf wartet, riskiert, dass wertvolle Zeit verstreicht. Viel wichtiger ist es, bestehende Instrumente besser zu nutzen, neue Kooperationsformen zu erproben und den kommunalen Handlungsspielraum auszureizen. Städte wie Freiburg, Zürich oder Kopenhagen zeigen, dass es geht – wenn der politische Wille da ist und die Verwaltung die richtige Haltung mitbringt.

Auch das oft beschworene Spannungsfeld zwischen Eigentumsschutz und Klimaschutz ist bei genauerer Betrachtung weniger dramatisch, als es scheint. Das Verfassungsrecht verlangt zwar eine Abwägung, schließt aber ambitionierte Klimaziele keineswegs aus. Im Gegenteil: Mit kluger Begründung und nachvollziehbaren Planungsprozessen lassen sich auch einschneidende Maßnahmen rechtssicher umsetzen. Entscheidend ist, dass Planer und Verwaltung bereit sind, diese Argumentationslinie zu gehen – und Konflikte nicht aus Angst vor Widerstand vermeiden.

Am Ende entpuppt sich das Planungsrecht oft als Spiegel gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Es ist so mutig, so innovativ und so ambitioniert, wie es die Akteure vor Ort zulassen. Wer sich hinter Paragraphen versteckt, blockiert sich selbst. Wer sie als Werkzeug für Transformation begreift, kann selbst im bestehenden Rahmen große Sprünge machen. Der wahre Motor – und der wahre Blockierer – sitzt also weniger im Gesetzbuch, als in den Köpfen derjenigen, die es anwenden.

Die zentrale Erkenntnis: Mythen und Missverständnisse sind selbst Teil des Problems. Solange das Planungsrecht als Ausrede für Untätigkeit herhalten muss, bleibt die Transformation aus. Erst wenn die Akteure bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die vorhandenen Spielräume auszureizen, wird aus dem Hemmschuh ein Hebel für echten Klimaschutz.

Innovative Ansätze und echte Lösungen – was wirklich hilft

Wenn das Planungsrecht nicht der alleinige Blockierer ist, wo liegen dann die echten Hebel für klimafreundliche Stadtentwicklung? Ein Blick auf erfolgreiche Beispiele aus der DACH-Region und darüber hinaus zeigt: Es sind vor allem mutige Akteure, innovative Kooperationsformen und eine konsequente Ausrichtung auf Klimaziele, die den Unterschied machen. Städte wie Wien, Zürich oder Kopenhagen setzen längst auf integrierte Stadtentwicklung, bei der Klimaschutz und Stadtplanung als untrennbare Einheit gedacht werden. Sie nutzen die vorhandenen rechtlichen Instrumente nicht nur, sondern interpretieren sie aktiv im Sinne der Transformation. Das gelingt, weil Verwaltung, Politik und Stadtgesellschaft an einem Strang ziehen – und weil Fehler als Teil des Lernprozesses akzeptiert werden.

Ein Schlüssel zum Erfolg ist die frühe und umfassende Beteiligung aller relevanten Akteure. Wer Klimaziele nicht nur als technokratische Vorgabe, sondern als gemeinsames Leitbild begreift, schafft Akzeptanz – und reduziert die Gefahr von Klagen und Blockaden. Digitale Tools, Simulationen und Urban Digital Twins bieten hier völlig neue Möglichkeiten, um komplexe Zusammenhänge transparent und nachvollziehbar zu machen. Sie helfen, Szenarien durchzuspielen, Alternativen sichtbar zu machen und so die Entscheidungsfindung zu beschleunigen. Die besten Lösungen entstehen dort, wo Planung nicht im Hinterzimmer, sondern im offenen Dialog mit der Stadtgesellschaft stattfindet.

Auch auf rechtlicher Ebene gibt es Bewegung. Immer mehr Städte entwickeln eigene Klimaschutzsatzungen, legen verbindliche Flächenziele für Entsiegelung und Begrünung fest oder nutzen das besondere Städtebaurecht für innovative Projekte. Förderprogramme und experimentelle Stadtentwicklungsprojekte – von Reallaboren bis hin zu Zwischennutzungen – zeigen, wie mit Kreativität und Pragmatismus auch im bestehenden Rahmen große Veränderungen möglich sind. Entscheidend ist, dass die Verwaltung bereit ist, diese Wege zu gehen – und dass die Politik den Mut hat, sie zu unterstützen.

Ein weiteres Erfolgsrezept: Strategische Bodenpolitik. Wer Flächen gezielt ankauft, tauscht oder mit Vorkaufsrechten sichert, schafft die Grundlage für klimaangepasste Quartiere und grüne Infrastrukturen. Hier zeigt sich, dass rechtliche Instrumente wie das Baugesetzbuch durchaus Potenzial bieten – sofern sie konsequent genutzt werden. Ergänzt wird das durch innovative Finanzierungsmodelle, etwa Klimafonds oder Bürgerbeteiligungen, die zusätzliche Ressourcen für die Umsetzung mobilisieren.

Schließlich braucht es eine Verwaltungskultur, die Innovation fördert und Fehler zulässt. Klimafreundliche Stadtentwicklung ist kein linearer Prozess, sondern ein ständiges Ringen um die besten Lösungen. Wer neue Wege geht, wird Rückschläge erleben – aber auch lernen und wachsen. Gerade in Zeiten der Klimakrise ist diese Haltung wichtiger denn je. Die Zukunft gehört nicht den Zauderern, sondern den Gestaltern, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die vorhandenen Spielräume mutig zu nutzen.

Der Weg zur klimaneutralen Stadt ist kein Spaziergang. Aber er ist machbar – wenn alle Beteiligten bereit sind, über den Tellerrand hinauszudenken und gemeinsam neue Wege zu beschreiten. Die Werkzeuge sind da. Jetzt braucht es nur noch den Mut, sie zu nutzen.

Fazit: Verantwortung übernehmen – Transformation gestalten

Die Debatte um Planungsrecht und Klimaziele ist voller Nebelkerzen, Mythen und bequemer Ausflüchte. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Das Recht ist selten der alleinige Blockierer nachhaltiger Stadtentwicklung. Vielmehr sind es eingespielte Routinen, politische Konflikte, Personalmangel und fehlende strategische Ausrichtung, die den Weg zur klimaneutralen Stadt so steinig machen. Das Planungsrecht bietet – bei aller Komplexität – durchaus Spielräume, um ambitionierte Klimaziele zu verfolgen. Entscheidend ist, dass die Akteure vor Ort bereit sind, diese Spielräume zu nutzen, Verantwortung zu übernehmen und neue Wege zu gehen.

Städte, die erfolgreich in Richtung Klimaneutralität steuern, setzen auf integrierte Planung, strategische Bodenpolitik, innovative Beteiligungsprozesse und eine Verwaltungskultur, die Mut und Kreativität fördert. Sie verstehen das Planungsrecht nicht als Hemmschuh, sondern als Werkzeug für Transformation – und gehen Konflikten nicht aus dem Weg, sondern suchen aktiv nach Lösungen. Wo das gelingt, wird aus der vielzitierten Blockade eine echte Chance für nachhaltige Stadtentwicklung.

Die zentrale Botschaft: Wer auf die große Reformwelle wartet, verschenkt wertvolle Zeit. Viel wichtiger ist es, im Hier und Jetzt Verantwortung zu übernehmen und die vorhandenen Möglichkeiten konsequent zu nutzen. Der Weg zur klimaneutralen Stadt ist kein Selbstläufer – aber er ist machbar, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Planungsrecht und Klimaziele sind kein Widerspruch – sie sind zwei Seiten derselben Medaille. Es liegt an uns, sie in Einklang zu bringen und die Transformation aktiv zu gestalten. Die Zukunft der Stadt entscheidet sich nicht im Gesetzbuch, sondern in den Köpfen und Herzen derjenigen, die sie planen, bauen und bewohnen. Wer das erkannt hat, kann aus dem gordischen Knoten einen echten Hebel für Veränderung machen. Und genau dafür braucht es kluge, mutige und kreative Planer – wie sie in Garten und Landschaft zu Hause sind.

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Die saubere Kraft der Pflanzen

Das Café de Ceuvel im Norden von Amsterdam ist mehr als nur gemütliches Café. Denn es steht auf einem Grundstück, was zuvor durch die Schwerindustrie verseucht war. Während Gäste ihr Craft Beer trinken, reinigt Phytoremediation den Boden. 

Das ehemalige Werftgelände Buiksloterham, einem Stadtteil im Norden von Amsterdam, zieht seit einigen Jahren jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Hier ist ein temporärer, ökologisch und sozial nachhaltiger Standort für soziale Einrichtungen und kreative Unternehmen entstanden. Seit 2012 transformiert sich De Ceuvel von einem verseuchten Industrieareal zu einem Ort für nachhaltiges Wohnen und Arbeiten.

Gereinigt wird der verseuchte Boden durch die sogenannte Phytoremediation, ein relativ neuer Ansatz zur biologischen Sanierung verseuchter Böden. Sie umfasst verschiedene Verfahren, bei denen Schadstoffe in Mutterböden, Sedimenten sowie Gewässern und Grundwasser mit Hilfe von Pflanzen entfernt, abgebaut und eingedämmt werden. Welche Pflanzen man verwendet, hängt vom jeweiligen Einsatzort ab. Im Falle von De Ceuvel wurden verschiedene Gräserarten, Rohrkolbengewächse und Pappeln eingesetzt, um organische Verbindungen zu zersetzen, Schwermetalle zu absorbieren und verseuchtes Grundwasser zurückzuhalten. Sobald eine bestimmte Pflanzenart ihre Reinigungsaufgabe erfüllt hat, wird sie durch andere Spezies ersetzt. Aussehen und Charakter des betreffenden Geländes sind dadurch ständiger Veränderung unterworfen.

 

Die Phytoremediation ist auch langfristig sehr viel günstiger im Gegensatz zur herkömmlichen Methoden, die verseuchte Mutterbodenschichten abtragen und diese auf Mülldeponien entsorgen, da sie vor Ort stattfindet. Damit rücken auch verseuchte Brachflächen zur erneuten Nutzung ins Blickfeld, die aufgrund fehlender Mittel bis dahin nicht saniert werden konnten. Die biologische Sanierung ist zudem unter ästhetischen Gesichtspunkten deutlich attraktiver. In De Ceuvel macht die Vielfalt an Pflanzen in unterschiedlichen Größenordnungen, Farben und Formen dies unmittelbar ersichtlich. Allerdings ist die Phytoremediation ein langwieriger Vorgang. Der Abbau von Schadstoffen kann Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, je nach Grad der Schadstoffkonzentration, Größe der zu sanierenden Fläche, Klima und Anbausaison sowie weiteren Faktoren wie der Wachstumsgeschwindigkeit der Pflanzen, der Reichweite ihrer Wurzeln und der Möglichkeiten, sie gegen Beschädigungen zu schützen.

 

 

 

Alle GIFs von Vandejong, Let it Grow, Mélanie Corre

Mehr Informationen zu dem De Ceuvel Projekt in Amsterdam finden Sie in der Novemberausgabe 2018 der Garten+Landschaft.

 

 

 

Landschaften der Zukunft gesucht

Es ist eine Kluft zwischen Stadt und Land entstanden: Während urbane Räume von Bevölkerungswanderungen und wirtschaftlichen Entwicklungen profitieren, bleibt der ländliche Raum zurück. Das im deutschen Grundgesetz festgehaltene Recht auf gleichwertige Lebensverhältnisse ist zunehmend gefährdet. Die IBA Thüringen veranstaltet zu diesem Thema einen Workshop in der ländlichen Gemeinde Kannawurf. Unter der Überschrift „1.500 Hektar Zukunft – (Er)Findung einer neuen Landschaftstypologie des 21.Jahrhunderts“, werden Studierende, junge Wissenschaftler und Berufstätige dazu aufgerufen ein neues Konzept für den ländlichen Raum zu entwerfen.

Ein neues Landschaftsbewusstsein

Ziel des Workshops ist es ein neues Bewusstsein für die Landschaften des ländlichen Raumes zu schaffen. Stereotypen und etablierte Landschaftsbegriffe und -bilder sollen kritisch hinterfragt und bestehende Landnutzungen und Beziehungen neu entwickelt werden. Themen wie Forst- und Energiewirtschaft, Dorfentwicklung, Tourismus, Naturschutz und Kooperationsnetzwerke müssen dabei Berücksichtigung finden. Fernab von jeglichen Ballungsgebieten, stellt die kleine thüringische Gemeinde Kannawurf den örtlichen Rahmen. Rund 1.500 Hektar strukturarme Agrarlandschaft stehen bereit, um von den Teilnehmern neu bespielt zu werden.

IBA Campus

Unter dem Namen IBA Campus gründet die IBA Thüringen jedes Jahr ein internationales und interdisziplinäres Kollektiv. Der IBA Campus 2017 richtet sich vor allem an junge Interessenten. Eingeladen sind Studenten sowie Wissenschaftler und Berufstätige mit einer maximalen Berufserfahrung von drei Jahren. Eine Einschränkung des Studien- beziehungsweise des Berufsfeldes existiert nicht. Der Bewerbungszeitraum endet am 15. April 2017. Aus den Bewerbern werden 12 Teilnehmer ausgewählt, um mit hochrangigen Experten Teil der IBA Modellprozesse zu werden. Weitere Informationen finden Sie unter www.iba-thueringen.de