Wie Paragraphen Stadt machen – die unsichtbare Macht des Planungsrechts

Kran, der wie eine Waage genau zentriert ist, als Symbol für die Balance und Reglementierung in der Stadtentwicklung durch Planungsrecht.
Rechtliche Grundlagen prägen urbane Entwicklung und Zukunft. Foto von Valentyn Chernetskyi auf Unsplash.

Wer macht eigentlich die Stadt? Architekten mit ihren Entwürfen? Bürger mit ihren Wünschen? Oder vielleicht doch die unsichtbaren Paragraphen des Planungsrechts, die unsere Städte prägen, bevor der erste Spatenstich getan ist? Wer Stadt verstehen will, muss das Dickicht aus BauGB, Baunutzungsverordnung und Bebauungsplan durchdringen – denn hier entscheidet sich, wie Zukunft gebaut wird.

  • Einführung in die Bedeutung des Planungsrechts als unsichtbare, aber mächtige Steuerungsinstanz der Stadtentwicklung
  • Historische Entwicklung: Wie Paragraphen das Bild der Städte seit Jahrhunderten formen
  • Das Zusammenspiel von Baugesetzbuch, Baunutzungsverordnung und Bauleitplanung
  • Planungsrechtliche Instrumente: Von Bebauungsplan bis Satzung – wer entscheidet was?
  • Aktuelle Herausforderungen: Klimawandel, Nachverdichtung, soziale Durchmischung und Digitalisierung
  • Fallstricke und Chancen: Wie Paragraphen Innovation blockieren – oder ermöglichen
  • Das Mitspracherecht der Bürger und die Transparenz planungsrechtlicher Entscheidungen
  • Ausblick: Wie kann Planungsrecht zukünftig resilienter, flexibler und gerechter werden?

Paragraphen als Stadtmacher: Die geheime Steuerung unserer urbanen Realität

Die wenigsten Stadtbewohner kennen die Details des Baugesetzbuchs oder können die Paragraphen der Baunutzungsverordnung aus dem Stegreif herunterbeten. Und doch wirken diese Regelwerke tagtäglich auf unsere gebaute Umwelt ein – als unsichtbare Architekten, die meist im Verborgenen bleiben. Wer wissen will, warum in München die Traufhöhe begrenzt ist, in Berlin Blockrandbebauung dominiert oder in Freiburg autofreie Stadtteile entstehen, muss einen Blick ins Planungsrecht werfen. Hier, in den scheinbar trockenen Texten, werden die Spielräume und Grenzen der Stadtgestaltung abgesteckt.

Das deutsche Planungsrecht ist dabei kein starres Korsett, sondern ein hochkomplexes Geflecht aus Gesetzen, Verordnungen und kommunalen Satzungen. Seine Ursprünge reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück, als der preußische Fluchtlinienplan erstmals verbindliche Straßenführungen und Baugrenzen festlegte. Seither hat sich das System stetig weiterentwickelt, wurde verfeinert, ergänzt, manchmal auch verkompliziert – immer mit dem Ziel, private und öffentliche Interessen in ein gerechtes Verhältnis zu setzen.

Im Zentrum steht das Baugesetzbuch (BauGB), das gewissermaßen die Verfassung der Stadtentwicklung bildet. Es regelt nicht nur das „Ob“ und „Wie“ von Bauvorhaben, sondern auch das „Warum“. Denn Planungsrecht ist nie neutral: Es fördert bestimmte Nutzungen, schützt andere, setzt auf Dichte oder Durchgrünung, auf Wachstum oder Bewahrung. Auf diese Weise werden Städte nicht nur gestaltet, sondern auch politisch gesteuert. Wer die Paragraphen kennt, liest die Stadt wie einen Code – und erkennt, dass jeder Vorgarten, jede Blockkante und jedes Hochhaus Ergebnis langer Verhandlungen und Abwägungen ist.

Doch wie viel Macht steckt tatsächlich in den Paragraphen? Und wie flexibel sind sie, wenn sich Anforderungen ändern – Stichwort Klimaanpassung, Digitalisierung oder neue Wohnformen? Die Antwort: Das Planungsrecht kann beides sein – Innovationsmotor und Bremsklotz. Denn so sehr es Freiräume für kreative Lösungen bietet, so sehr kann es auch träge und restriktiv wirken, wenn es mit neuen Entwicklungen nicht Schritt hält.

Deshalb ist es Aufgabe und Herausforderung zugleich, das Planungsrecht kontinuierlich weiterzuentwickeln. Nur so bleibt es ein Instrument, das nicht nur schützt und ordnet, sondern auch gestaltet und erneuert. Denn am Ende entscheiden Paragraphen – oft unsichtbar, aber stets wirksam – darüber, wie unsere Städte aussehen, wie sie funktionieren und wie sie auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren.

Historische Entwicklung: Von Fluchtlinienplänen zum dynamischen Urbanismus

Wer heute durch die Altstadtgassen einer deutschen Metropole spaziert, begegnet nicht nur der Geschichte, sondern auch den Spuren vergangener Regelwerke. Die Ursprünge des modernen Planungsrechts reichen in die Zeit der Industrialisierung zurück, als die Städte rasant wuchsen und neue Lösungen für Ordnung, Hygiene und Verkehrsführung gefragt waren. Der berühmte Hobrecht-Plan für Berlin von 1862 gilt als frühes Beispiel systematischer Stadtgestaltung durch Paragraphen – mit klaren Fluchtlinien, Straßenbreiten und Bebauungstiefen.

Im 20. Jahrhundert traten neue Herausforderungen auf den Plan: Wohnungsnot, Verkehrsprobleme, neue Wohnformen und die Notwendigkeit, Grünflächen zu sichern. Mit dem ersten Reichs-Baugesetz von 1902 und später der Baunutzungsverordnung (BauNVO) wurde das Instrumentarium erweitert. Die Trennung von Baugebieten, die Festlegung von Geschossflächenzahlen und die Definition von Nutzungskategorien prägten fortan die Städte – und tun es bis heute.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Planungsrecht zum Motor des Wiederaufbaus. Bebauungspläne ermöglichten schnelle Entscheidungen, standardisierte Bauformen und die Kontrolle von Dichte und Nutzungsmischung. Doch mit dem Wirtschaftswunder kamen neue Themen auf: Umwelt- und Denkmalschutz, soziale Durchmischung, Mobilitätswende. Die Paragraphen mussten nachjustiert werden, um auf die sich wandelnden Ansprüche zu reagieren. Die Einführung der Umweltprüfung, die Stärkung der Bürgerbeteiligung und die Öffnung für neue Planungsinstrumente wie städtebauliche Verträge sind Beispiele für diese Entwicklung.

Heute steht das Planungsrecht vor noch komplexeren Herausforderungen. Klimawandel, Digitalisierung und gesellschaftliche Transformation stellen die alten Regelwerke auf die Probe. Wie kann Nachverdichtung mit Freiraumschutz verbunden werden? Wie lassen sich Mobilitätsangebote flexibel steuern, wenn Carsharing, Mikromobilität und autonome Fahrzeuge das Verkehrsgeschehen verändern? Und wie bleibt das Planungsrecht handlungsfähig, wenn immer mehr Daten und Beteiligungsformen ins Spiel kommen?

Die Antwort ist ein Planungsrecht, das nicht mehr nur Ordnung schafft, sondern Prozesse steuert. Es muss schnell reagieren können, ohne seine Verlässlichkeit zu verlieren. Es muss Innovation ermöglichen, ohne die Grundprinzipien des Gemeinwohls zu opfern. Dazu sind neue Ansätze gefragt: Mehr Experimentierklauseln, zeitlich befristete Satzungen, adaptive Bebauungspläne und die Integration digitaler Tools wie Urban Digital Twins. Denn die Städte von morgen brauchen ein Planungsrecht, das bereit ist, alte Zöpfe abzuschneiden – ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Instrumente des Planungsrechts: Wer entscheidet was – und warum?

Planungsrechtliche Instrumente sind so vielfältig wie die Städte, die sie formen. Im Zentrum steht die Bauleitplanung mit ihren beiden Stufen: dem Flächennutzungsplan als vorbereitendes und dem Bebauungsplan als verbindliches Werkzeug. Der Flächennutzungsplan legt fest, wo künftig gewohnt, gearbeitet oder Erholung gesucht werden soll. Er ist strategisch, großmaßstäblich und visionär – aber rechtlich nicht unmittelbar bindend. Der Bebauungsplan dagegen bestimmt im Detail, was auf einer Parzelle gebaut werden darf: Bauweise, Maße, Nutzung, Freiräume, Verkehrswege.

Daneben gibt es die Baunutzungsverordnung, die die Nutzungskategorien definiert: Wohngebiet, Mischgebiet, Gewerbegebiet, Sondergebiet. Sie legt fest, wie dicht gebaut werden darf, wie hoch die Gebäude sein können, welche Nutzungen zulässig sind. Diese Vorgaben beeinflussen nicht nur das Stadtbild, sondern auch die sozialen Strukturen und die ökologische Qualität eines Quartiers. Wer hier die Spielräume kennt, kann gezielt steuern: für mehr Durchmischung, stärkere Begrünung oder innovative Mobilitätskonzepte.

Immer wichtiger werden auch städtebauliche Verträge, Erhaltungssatzungen und soziale Erhaltungssatzungen, die den klassischen Instrumentenkasten ergänzen. Sie ermöglichen es, besondere städtebauliche Ziele zu sichern – etwa den Schutz von Milieus, die Förderung preisgünstigen Wohnraums oder die Entwicklung von Grün- und Freiflächen. Auch die Gestaltungssatzung, oft als „kommunale Baukulturpolizei“ verschrien, kann eine wichtige Rolle spielen: Sie regelt Fassadengestaltung, Dachformen, Materialwahl und trägt damit zur Identität eines Stadtteils bei.

Doch wer entscheidet letztlich, wie diese Instrumente eingesetzt werden? Die Antwort ist vielschichtig: Es sind die kommunalen Parlamente, Fachverwaltungen, Planer, manchmal Gerichte – und zunehmend auch die Öffentlichkeit. Bürgerbeteiligung ist heute kein Feigenblatt mehr, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Planungsprozesses. Sie ist sogar im BauGB verankert und verlangt Transparenz und Mitsprache. Trotzdem bleibt das Spannungsfeld zwischen Fachplanung und öffentlichem Interesse bestehen. Gerade bei kontroversen Projekten zeigt sich, wie viel Gestaltungsmacht in den Paragraphen steckt – und wie politisch das Planungsrecht tatsächlich ist.

Die große Kunst besteht darin, mit diesen Instrumenten nicht nur Ordnung zu schaffen, sondern auch Flexibilität und Innovation zu ermöglichen. Denn starre Vorgaben blockieren kreative Lösungen, zu weite Spielräume gefährden das Gemeinwohl. Hier entscheidet sich, ob Paragraphen Stadt nur verwalten – oder wirklich gestalten.

Paragraphen im Stresstest: Klimakrise, Digitalisierung und soziale Fragen

Das Planungsrecht steht heute vor einer Vielzahl von Stresstests, die seine Elastizität und Innovationsfähigkeit herausfordern. Der Klimawandel verlangt nach schnellen Antworten: Hitzeschutz, Regenwassermanagement, Energieeffizienz und Biodiversität müssen in Bebauungsplänen, Satzungen und städtebaulichen Verträgen mitgedacht werden. Doch wie flexibel sind die bestehenden Paragraphen, wenn es darum geht, Flächen für Solarenergie, Dachbegrünung oder Schwammstadtkonzepte zu sichern? Häufig zeigt sich hier eine Kluft zwischen ambitionierten Zielen und rechtlicher Wirklichkeit.

Ein weiteres Feld ist die Nachverdichtung. Städte brauchen mehr Wohnraum, ohne dabei wertvolle Freiräume und gewachsene Strukturen zu zerstören. Hier geraten Paragraphen schnell an ihre Grenzen: Vorgaben zu Baugrenzen, Traufhöhen und Stellplatznachweisen können Innovationen erschweren. Gleichzeitig ermöglicht das Instrument der Befreiung oder der vorhabenbezogene Bebauungsplan aber auch maßgeschneiderte Lösungen – vorausgesetzt, Mut und Fachkompetenz sind vorhanden.

Die Digitalisierung bringt eine neue Dynamik ins Spiel. Mit Urban Digital Twins, offenen Geodatenplattformen und digitalen Beteiligungsformaten entstehen neue Möglichkeiten, Planungsprozesse zu beschleunigen und transparenter zu machen. Doch das Planungsrecht ist darauf noch nicht optimal vorbereitet. Datenschutz, Interoperabilität und die Anerkennung digitaler Verfahren im Verwaltungsrecht sind Baustellen, die dringend bearbeitet werden müssen. Sonst droht die Gefahr, dass innovative Tools an den starren Paragraphen zerschellen.

Nicht zuletzt steht die soziale Frage im Mittelpunkt. Wie kann das Planungsrecht dazu beitragen, bezahlbaren Wohnraum zu sichern, soziale Durchmischung zu fördern und Verdrängung zu verhindern? Instrumente wie die soziale Erhaltungssatzung, das Zweckentfremdungsverbot oder die Quotenregelung für geförderten Wohnraum sind wichtige Stellschrauben. Doch ihr Erfolg hängt maßgeblich davon ab, wie mutig Kommunen sie einsetzen – und wie geschickt sie die rechtlichen Spielräume nutzen.

All diese Herausforderungen machen deutlich: Paragraphen sind keine Naturgesetze, sondern gestaltbare Werkzeuge. Sie müssen immer wieder auf den Prüfstand gestellt und weiterentwickelt werden, um den gesellschaftlichen, ökologischen und technologischen Wandel zu begleiten. Wer das Planungsrecht starr interpretiert, verliert den Anschluss. Wer es als dynamisches Regelwerk versteht, kann die Stadt von morgen mitgestalten.

Transparenz, Beteiligung und Zukunft: Wie Paragraphen zu Möglichmachern werden

Planungsrecht lebt von Akzeptanz. Und Akzeptanz entsteht dort, wo Prozesse transparent, verständlich und nachvollziehbar sind. Die beste Satzung nützt wenig, wenn sie im stillen Kämmerlein beschlossen und in schwer verständlichem Amtsdeutsch veröffentlicht wird. Deshalb ist der Trend zu mehr Bürgerbeteiligung und digitaler Transparenz mehr als ein Modethema – er ist eine Notwendigkeit, um die Legitimität planungsrechtlicher Entscheidungen zu sichern.

Digitale Beteiligungsplattformen, offene Daten und Visualisierungstools können dazu beitragen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen und verschiedene Perspektiven einzubinden. Hier wird das Planungsrecht zum Möglichmacher, zum Vermittler zwischen Fachplanung und Stadtgesellschaft. Doch die besten Tools nützen wenig, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen diese Offenheit nicht zulassen oder erschweren. Deshalb braucht es nicht nur technische Innovation, sondern auch die Bereitschaft, Paragraphen für neue Beteiligungsformate zu öffnen.

Ein weiteres Zukunftsthema ist die Resilienz des Planungsrechts. Städte müssen heute auf Krisen reagieren können – ob Pandemie, Starkregen oder energetische Transformation. Das Planungsrecht muss dafür flexible Instrumente bereithalten: temporäre Nutzungen, schnelle Anpassungen von Bebauungsplänen, experimentelle Satzungen. Hier sind die Kommunen gefragt, ihre rechtlichen Möglichkeiten kreativ auszuschöpfen und auf allen Ebenen für mehr Beweglichkeit zu sorgen.

Gleichzeitig darf die Gerechtigkeitsfrage nicht aus dem Blick geraten. Planungsrechtliche Instrumente dürfen nicht nur den Stärkeren oder Lauteren dienen, sondern müssen alle Interessen berücksichtigen: von den Investoren über die Anwohner bis zu den zukünftigen Generationen. Hier zeigt sich die wahre Qualität eines flexiblen, gerechten Planungsrechts – und hier entscheidet sich, ob Städte lebenswert, nachhaltig und sozial bleiben.

Am Ende sind Paragraphen weder gut noch böse. Sie sind das Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die immer wieder neu geführt werden müssen. Wer das Planungsrecht mutig weiterdenkt, schafft nicht nur Räume, sondern Möglichkeiten. Und damit bleibt die Stadt ein Ort, an dem Zukunft gemacht wird – Paragraf für Paragraf, mit Herz, Verstand und einer Prise Frechheit.

Fazit: Paragraphen machen Stadt – wenn man sie lässt

Das deutsche Planungsrecht ist kein monolithischer Block, sondern ein lebendiges System, das unsere Städte formt, lenkt – und manchmal auch herausfordert. Seine Paragraphen sind die unsichtbaren Hände, die über Dichte, Nutzung, Gestaltung und Lebensqualität entscheiden. Wer Stadt gestalten will, muss ihre Sprache sprechen. Doch Paragraphen sind keine Endstation, sondern Ausgangspunkt: Sie können Innovation ermöglichen, Beteiligung fördern und Resilienz stärken – vorausgesetzt, sie werden mutig interpretiert und weiterentwickelt.

Die Herausforderungen der Gegenwart – von Klimakrise bis Digitalisierung, von Nachverdichtung bis sozialer Spaltung – verlangen nach einem Planungsrecht, das flexibel, gerecht und transparent bleibt. Es muss Experimentierfreude belohnen, Beteiligung ernst nehmen und den Blick für das Gemeinwohl schärfen. Nur dann werden Paragraphen zu Möglichmachern und nicht zu Bremsklötzen einer nachhaltigen Stadtentwicklung.

In diesem Sinne sind Paragraphen keine Fesseln, sondern Werkzeuge. Sie machen Stadt – wenn man sie lässt. Wer heute das Planungsrecht weiterdenkt, schreibt an der Stadt von morgen mit. Und das ist alles andere als langweilig.

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Eine crossmediale Ausstellung im Besucherzentrum der IGA Berlin ergänzt den Gartenschau-Tag mit kurzweiligen Informationen.

“Please think!” Diese sehr deutliche Botschaft des Landschaftsarchitekten Tom Stuart-Smith (Großbritannien) macht sich auch die Ausstellung im Besucherzentrum der IGA zu eigen, in der die Dokumentation über dessen „Landscape out of nothing“ zu sehen ist. Im Video spricht der Gestalter eines der Gartenkabinette der IGA über seine Ansprüche und die Rolle der Besucher.

Eine crossmediale Ausstellungsskulptur ermöglicht es jedem IGA-Besucher, einen individuellen Parcours zu den historischen und kreativen Entstehungsprozessen der Gärten – von der 1987 eröffneten Berliner Gartenschau bis zur IGA 2017 – zu gestalten. Organisiert auf drei Ebenen, ergänzt diese Skulptur für Groß und Klein das, was man beim IGA-Besuch gesehen hat.

Videos, Fotos, Memotafeln und Originalobjekte dokumentieren den gestalterischen Ansatz, die Entwicklung der gesamten Anlage und auch die Kunst auf der IGA. Gelungen ist die Mischung unterschiedlicher Ausstellungsformen wie zum Beispiel das Video zum chinesischen Mondfest (wieder am 23. September 2017 auf der IGA), die japanischen Bauarbeiterschuhe, das Modell zum „Los Angeles Garden“ des deutschen Künstlers Martin Kaltwasser oder die Künstler- und Planerprofile. Erläuterungen zu religiös und kulturell bedingten Symbolen, die in den Gärten zu finden sind, ergänzen alles gekonnt.

Aus dieser Interaktion ist eine Ausstellung entstanden, die es schafft, Landschaftsarchitektur auf einfache, verständliche Weise und zugleich feinsinnig zu vermitteln. Sie wurde sehr kurzweilig sowohl graphisch als auch inhaltlich von der Berliner Agentur Moniteurs in Zusammenarbeit mit der Berliner Landschaftsarchitektin und Filmemacherin Susanne Isabel Yacoub aufbereitet. Diese Form der Präsentation ist nachahmenswert, bedenkt man die langjährigen Anstrengungen, eine breite Öffentlichkeit für die Profession zu erreichen.

Bedauerlich ist, dass diese kleine, sehr gelungene Ausstellung im Besucherzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft zu den kommerziellen Angeboten der IGA ihre Wirkung nicht angemessen entfalten kann, trotz Frontverglasung, die zeitgleich den Ausblick in den Park ermöglicht.

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt sind die Gründerinnen und Leiterinnen der Akademie für Raum und Wandel. © Frédéric Henry, 2024

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt streben einen Wandel in der Planungspraxis an. Um diesen voranzutreiben, haben die beiden Frauen Anfang des Jahres die Akademie für Raum und Wandel gegründet. Mehr zu den Hintergründen und ihren Visionen für die Zukunft, lesen Sie hier. 

„Aktuell stehen wir vor großen globalen Herausforderungen: Themen der Bauwende sowie gesellschaftliche Veränderungen stellen drängende Fragen für unsere Zukunft und fordern ein verändertes Welt- und Selbstverständnis“, sind sich Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt einig. Zintl ist studierte Landschaftsarchitektin und Architektin, promovierte zu ‚Vertikalen Freiräumen‘ und arbeitet heute als Nachhaltigkeitsexpertin für strategische Stadt- und Freiraumentwicklung und als Mentorin. Voigt ist Architektin, Choreografin für zeitgenössischen Tanz und beschäftigte sich in ihrer Promotion mit dem Thema ‚Impulse und Dialoge zwischen Architektur und Körper’. Aus dem Bedürfnis, Wandel in der Planungsbranche aktiv zu gestalten, gründeten sie Anfang 2024 die Akademie für Raum und Wandel, die mit dem Herbstprogramm ab September in ihre erste Saison startet. Dabei kollaborieren sie mit einer Vielzahl an Dozent*innen, die in diesem neuen Kontext des Lernens und der Veränderung ihre Expertise teilen.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Trotz ihres starken akademischen Hintergrunds siedeln Zintl und Voigt ihre Plattform jenseits des klassischen Hochschulkontextes an. Dies resultiert laut Voigt aus der Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen auch in späteren Lebensphasen essenziell, die Angebote zur Weiterbildung jedoch oft begrenzt und stark getrennt zwischen persönlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Entwicklung seien. Im Bewusstsein dieses Defizits machen sich Voigt und Zintl für neue Lehr- und Lernformen, Möglichkeiten der Vernetzung, Austausch auf Augenhöhe und das Eröffnen neuer Themenfelder für die Planungsdisziplinen stark. Die Vision der Akademie für Raum und Wandel ist dabei klar: „Es geht uns um nicht weniger, als um einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Planungspraxis, der Auffassung von Raum und Wandel und dem Gestalten einer wirklich nachhaltigen gebauten Lebenswelt.“

Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner
Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner

Nachhaltigkeit in allen Bereichen

Für Zintl resultiert dieser ganzheitliche Ansatz auch aus ihrer jahrelangen Erfahrung als Mutter und Frau in der Baubranche: „Aus meiner Sicht, kann die notwenige »Bauwende« nicht heißen weniger abzureißen und zu betonieren, es geht auch darum zu erkennen, wie wir als Planer:innen arbeiten und leben. Denn wirkliche Nachhaltigkeit betrachtet alle Bereiche, denn auch die eigene Arbeitskraft sollte nachhaltig eingesetzt werden.“ Es sei zu beobachten, dass viele Menschen – vor allem Frauen und Mütter – wegen der Unvereinbarkeit von Privatleben und Beruf die Planungspraxis verließen. Zu viel Stress, Burnout, schlechte Bezahlung oder veraltete Machtstrukturen in den Büros seien einerseits Gründe, aus dem Beruf auszuscheiden. Doch auch moralische Fragen nach der Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit beschäftigten heute vermehrt Arbeitnehmer*innen.

Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.  © Dr. Isabel Zintl
Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. © Dr. Isabel Zintl

Akademie für Raum und Wandel im digitalen und physischen Raum

In der Aushandlung dieser Herausforderungen und Widersprüche setzt das Angebot der Akademie an. Dabei stehen drei Felder im Mittelpunkt, in denen Zintl und Voigt einen Paradigmenwechsel anstreben: Systeme ganzheitlich statt als Einzellösungen zu betrachten, das Verständnis von Raum und Wandel zu erneuern und das Selbstverständnis von Planer*innen zu hinterfragen. Denn Person und berufliches Wirken sind für Zintl und Voigt eng verzahnt: „Wie kann man menschliche, lebenswerte und nachhaltige Räume planen, wenn diese Absicht und Regel für einen selbst nicht gilt?“

Die Akademie für Raum und Wandel will deshalb vieles anders machen und neu denken. Derzeit passierten der Austausch und die Vermittlung vor allem in Form von Workshops, Seminaren und Ausbildungen als niederschwellige Online-Angebote. Eingeladen sind alle Altersgruppen und Berufssparten der Planungspraxis, entscheidend seien Interesse, nicht eine bestimmte Vorbildung. Auch die Hintergründe der Dozent:innen sind divers. Neben dem digitalen Programm, liegt ein weiterer Fokus auf Summerschools an der Fonte della Luna in der Nähe von Genua.

Die Resonanz auf das Projekt sei schon jetzt groß. Für die Zukunft wünschen sich die Gründerinnen „dass immer mehr Teilnehmer:innen die Einladung annehmen, die Akademie für Raum und Wandel als einen neuartigen Ort  des Lernens und der Veränderung für sich nutzen und nachhaltig Neues schaffen – in der Welt und im eigenen Leben.“

Alle Informationen zur Akademie für Raum und Wandel, zum aktuellen Programm und zur Mitwirkung finden Sie hier.

Weiterlesen: Latz + Partner gestaltete die Freianlagen des Dombergs in Freising neu. Was das Projekt auszeichnet, erklären Iris Dupper und Tilman Latz im Interview.