Team arbeitet mit Post-its in der Planung, zeigt veränderte Planungskultur unter Polykrisen.
Kollaboratives Team mit Post-its als Symbol für resiliente Planungskultur in Krisenzeiten. Foto von Vitaly Gariev auf Unsplash.

Polykrisen, wohin man schaut – Energiekrise, Klimawandel, gesellschaftliche Spaltung, Migration, Digitalisierung, Pandemie. Die Stadtplanung steht unter Dauerfeuer, während die Herausforderungen immer komplexer und widersprüchlicher werden. Doch statt zu verzagen, zeigt sich: Gerade jetzt wandelt sich die Planungskultur grundlegend. Wer inmitten der Krisen Mut beweist, klug vernetzt und offen bleibt, gestaltet die resilienten Städte von morgen. Was heute zählt? Intelligente Prozessarchitektur, neue Formen der Kooperation und ein radikal anderes Verständnis von Verantwortung. Willkommen im Zeitalter der polykrisenfesten Planung!

  • Einführung in das Konzept der Polykrise und deren Auswirkungen auf Stadt- und Landschaftsplanung
  • Wie sich Werte, Leitbilder und Methoden der Planungskultur im Angesicht multipler Krisen verschieben
  • Die Rolle von Unsicherheit, Resilienz und adaptiven Prozessen in der Planungspraxis
  • Neue Kooperationsmodelle zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft
  • Technologische Innovationen, digitale Werkzeuge und partizipative Formate als Antwort auf Komplexität
  • Beispiele richtungsweisender Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Herausforderungen: Governance, Verteilungsgerechtigkeit und soziale Spaltung im Planungsprozess
  • Risiken und Chancen neuer Verantwortungsmodelle in einer dynamischen Stadtentwicklung
  • Konkrete Empfehlungen für Planer, Städte und Kommunen im Umgang mit Unsicherheit
  • Fazit: Warum die Polykrise nicht das Ende, sondern der Anfang einer neuen Planungskultur ist

Polykrisen als neue Normalität: Was bedeutet das für die Planungskultur?

Der Begriff Polykrise klingt zunächst wie ein dramatischer Modebegriff, ein weiteres Schlagwort im ohnehin überfüllten Vokabular der Krisenkommunikation. Aber der Begriff steht für weit mehr als die bloße Addition einzelner Katastrophen. Polykrise beschreibt die Gleichzeitigkeit, Verflechtung und gegenseitige Verstärkung multipler Krisenphänomene, die auf Städte und Regionen einwirken: Klimawandel, Energieknappheit, demografischer Wandel, soziale Spaltung, Migration, Digitalisierung und Pandemien. Diese Phänomene treten nicht isoliert, sondern als komplexes, dynamisches Geflecht auf, das klassische Planungslogiken an ihre Grenzen bringt.

Traditionell zielte die Planungskultur im deutschsprachigen Raum auf Langfristigkeit, Stabilität, lineare Prozesse und eine möglichst umfassende Kontrolle über Raum und Zukunft ab. Doch angesichts der Polykrise wird klar: Solche Steuerungsphantasien sind nicht nur überholt, sondern geradezu gefährlich. Denn die Welt von heute ist volatil, unsicher, komplex und ambivalent – kurzum: „VUCA“. Planung wird dadurch zwangsläufig zum Experiment, Entscheidung zur Gratwanderung. Wer glaubt, mit den Werkzeugen von gestern die Herausforderungen von morgen zu meistern, wird zwangsläufig scheitern.

Vor allem in der Stadt- und Landschaftsplanung manifestieren sich die Auswirkungen der Polykrise unmittelbar. Hitzesommer und Starkregenereignisse fordern neue Freiraumkonzepte. Migrationsbewegungen verändern Quartiere und soziale Strukturen. Die Energiekrise zwingt Städte, Infrastruktur und Gebäude neu zu denken. Gleichzeitig bringen gesellschaftliche Polarisierung und Vertrauensverlust klassische Beteiligungsverfahren ins Wanken. Planungskultur wird damit zum Prüfstein für die Handlungsfähigkeit von Städten und Regionen.

Doch die Polykrise ist nicht nur Bedrohung, sondern auch Katalysator für Innovation, Reflexion und kreativen Aufbruch. Sie zwingt die Akteure, gewohnte Rollenbilder und Verantwortungszuschreibungen kritisch zu hinterfragen. Wer plant eigentlich für wen? Wer entscheidet, was „gut“ ist? Wer trägt Verantwortung für Scheitern und Erfolg? Inmitten der Unsicherheit wächst das Bewusstsein, dass Planung nicht mehr als heroischer Akt der Gestaltung, sondern als gemeinschaftlicher Prozess der Aushandlung, Moderation und lernenden Anpassung zu verstehen ist.

Die Planungskultur unter Polykrisen ist damit gekennzeichnet durch Offenheit, Flexibilität und den Mut, Ambivalenzen auszuhalten. Die besten Lösungen entstehen nicht am Reißbrett, sondern im Dialog, im Konflikt und im ständigen Lernen. Planung wird zum Labor, in dem Fehler erlaubt, ja sogar erwünscht sind, solange sie transparent gemacht und gemeinsam bearbeitet werden. Genau das ist die große Chance: In der Krise wächst die Fähigkeit zur kollektiven Intelligenz.

Von der Steuerung zur Resilienz: Neue Leitbilder und Methoden in der Planung

Mit der Polykrise gerät das traditionelle Leitbild der umfassenden Steuerung zunehmend ins Wanken. Wo früher das Ziel darin bestand, mit Hilfe von Plänen und Programmen möglichst präzise Vorhersagen über die Entwicklung von Stadt und Landschaft zu treffen, dominiert heute ein anderes Paradigma: Resilienz. Dieser Begriff – ursprünglich aus der Ökologie und Psychologie entlehnt – beschreibt die Fähigkeit von Systemen, Störungen nicht nur zu überstehen, sondern daraus gestärkt hervorzugehen. Für die Stadt- und Landschaftsplanung bedeutet das einen radikalen Perspektivwechsel: Es geht nicht mehr um die Vermeidung jeder Unsicherheit, sondern um den kreativen Umgang mit ihr.

Resiliente Planung setzt auf Vielfalt, Redundanz und Flexibilität. Statt monofunktionaler Lösungen werden multifunktionale Räume geschaffen, die sich unterschiedlich nutzen und anpassen lassen. Grünflächen werden nicht nur als ästhetische Bereicherung betrachtet, sondern als essenzielle Infrastruktur für Klimaresilienz, soziale Integration und Biodiversität. Technische Innovationen wie digitale Zwillinge, smarte Sensorsysteme oder Simulationstools helfen dabei, Szenarien zu entwickeln und frühzeitig auf Risiken zu reagieren – doch sie ersetzen nicht das menschliche Urteilsvermögen, sondern ergänzen es.

Ein zentrales Element der neuen Planungskultur ist die Prozessoffenheit. Projekte werden nicht mehr bis ins letzte Detail durchgeplant, sondern in iterativen Schleifen entwickelt. Pilotprojekte, Reallabore und Experimentierfelder werden zum Standard, nicht zur Ausnahme. Fehler werden nicht vertuscht, sondern als Lernchancen genutzt. Dabei rückt die Frage nach der gesellschaftlichen Robustheit von Maßnahmen in den Mittelpunkt: Wie widerstandsfähig sind geplante Stadtquartiere gegenüber sozialen, ökologischen und ökonomischen Schocks? Wie gelingt es, unterschiedliche Interessen frühzeitig einzubinden und Konflikte produktiv zu machen?

Auch die Methoden der Beteiligung verändern sich. Klassische Bürgerforen und Planungswerkstätten werden ergänzt durch digitale Formate, Open-Data-Plattformen, partizipative Mapping-Tools und Social Media. Ziel ist eine Öffnung der Planung für neue Akteure und Perspektiven, jenseits der üblichen Verdächtigen. Gerade junge Menschen, soziale Bewegungen und bislang wenig repräsentierte Gruppen rücken stärker in den Fokus. Die Planungskultur wird damit bunter, konfliktreicher – und zugleich widerstandsfähiger gegenüber populistischen Vereinfachungen.

Schließlich rückt mit der Polykrise auch das Thema Verteilungsgerechtigkeit ins Zentrum der Debatte. Wer profitiert von neuen Stadtentwicklungsprojekten? Wer trägt die Risiken? Wie werden Kosten und Nutzen verteilt? Resiliente Planungskultur heißt, soziale und ökologische Gerechtigkeit nicht als nachträgliche Korrektur, sondern als integralen Bestandteil der Projektentwicklung zu denken. Nur so entstehen Städte und Landschaften, die nicht nur krisenfest, sondern auch zukunftsfähig sind.

Kooperation, Innovation, Partizipation: Wie Planung im Krisenmodus gelingt

Die Polykrise zwingt die Planung dazu, neue Wege der Kooperation und Innovation zu beschreiten. Die klassischen Grenzen zwischen Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft verschwimmen zunehmend. Städte und Gemeinden, die heute erfolgreich sind, setzen auf Netzwerke, Allianzen und experimentelle Partnerschaften. Das Zauberwort lautet: Ko-Produktion. Hier werden Projekte gemeinsam entwickelt, Entscheidungen geteilt und Verantwortung neu verteilt. Was früher als Kontrollverlust galt, ist heute Ausdruck kollektiver Intelligenz.

Ein zentrales Werkzeug dieser neuen Kooperationskultur sind digitale Plattformen und Werkzeuge. Urban Digital Twins, Open-Data-Portale, Bürgerhaushalte, Online-Beteiligungstools – die Liste der Innovationen wächst rasant. Sie ermöglichen es, komplexe Informationen verständlich aufzubereiten, Szenarien durchzuspielen und das lokale Wissen der Bevölkerung systematisch einzubinden. Doch Technik allein reicht nicht: Entscheidend ist die Fähigkeit, diese Werkzeuge in tragfähige soziale Prozesse zu integrieren. Hier sind Moderationskompetenz, Kommunikationsfähigkeit und eine neue Fehlerkultur gefragt.

Spannend ist, wie sich diese Entwicklungen in der Praxis niederschlagen. In Wien etwa werden Beteiligungsprozesse konsequent mit digitalen Simulationen verknüpft. In Zürich entstehen Reallabore, in denen Verwaltung, Bürger und Unternehmen gemeinsam urbane Experimente durchführen. In Hamburg entwickelt die Stadt mit lokalen Akteuren Klimaquartiere, die auf Resilienz und soziale Innovation setzen. In München werden temporäre Projekte auf öffentlichen Flächen zur Blaupause für flexible Stadtentwicklung. Überall zeigt sich: Planung wird zur Bühne für Kooperation, Konflikt und gemeinsames Lernen.

Doch bei aller Innovationsfreude bleiben Herausforderungen bestehen. Unterschiedliche Interessen, Machtasymmetrien und Ressourcenunterschiede erschweren die gleichberechtigte Beteiligung. Die Gefahr, dass technologische Lösungen bestehende Ungleichheiten verstärken, ist real. Deshalb braucht es klare Spielregeln, Transparenz und eine kontinuierliche Reflexion über Ziele und Werte. Die Planungskultur steht und fällt mit der Bereitschaft, Macht zu teilen, Fehler zuzulassen und Konflikte produktiv zu bearbeiten.

Nicht zuletzt ist auch die Ausbildung und Weiterbildung von Planern gefordert. Die Polykrise verlangt nach neuen Kompetenzen: systemisches Denken, Moderation, digitale Grundbildung, Innovationsfähigkeit und Resilienz. Hochschulen und Fachverbände stehen vor der Aufgabe, die nächste Generation auf die Komplexität und Unsicherheit der Zukunft vorzubereiten – und sie zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen, wo andere nur Risiken sehen.

Governance, Verantwortung und Vertrauen: Wer plant die Stadt im Zeitalter der Unsicherheit?

In der Polykrise steht die Frage nach Governance, Verantwortung und Vertrauen im Zentrum. Wer entscheidet, was in der Stadt passiert? Wer trägt die Konsequenzen, wenn ein Experiment scheitert? Wer sorgt dafür, dass die Interessen aller berücksichtigt werden? Die klassische Planungskultur mit ihren klaren Zuständigkeiten und Hierarchien stößt hier an ihre Grenzen. Stattdessen entstehen neue, oft hybride Modelle der Steuerung und Verantwortungsteilung.

Governance – also die Gesamtheit der Institutionen, Regeln und Prozesse, durch die Städte gesteuert werden – wird zunehmend als Netzwerk verstanden. Verschiedene Akteure bringen ihre Ressourcen, Interessen und Kompetenzen ein. Verwaltung, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft agieren nicht mehr als abgeschottete Silos, sondern als Teil eines gemeinsamen Ökosystems. Entscheidend ist, wie Konflikte ausgehandelt, Kompromisse gefunden und gemeinsame Ziele formuliert werden. Die Qualität der Governance entscheidet über Erfolg oder Scheitern von Projekten.

Verantwortung wird dabei nicht mehr ausschließlich vertikal, sondern auch lateral geteilt. Bürger übernehmen Verantwortung als Co-Produzenten, Unternehmen als Innovationspartner, Verwaltungen als Moderatoren und Enabler. Diese neue Verantwortungsarchitektur ist anspruchsvoll – sie verlangt Vertrauen, Transparenz und die Bereitschaft, Fehler zuzugeben. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig eine offene Fehlerkultur, eine transparente Kommunikation und eine kontinuierliche Einbindung der Öffentlichkeit sind.

Vertrauen ist zum knappen Gut geworden. Skandale, Fehlinformationen und die wachsende Komplexität von Entscheidungsprozessen haben zu einem massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen geführt. Planungskultur muss deshalb aktiv Vertrauen herstellen – durch Offenheit, Dialog und klare Regeln. Digitale Werkzeuge können dabei helfen, indem sie Prozesse nachvollziehbar machen und die Teilhabe erleichtern. Gleichzeitig gilt: Ohne persönlichen Kontakt, direkte Begegnungen und echte Aushandlung bleibt Partizipation oft bloße Fassade.

Abschließend bleibt die Frage, wie Governance und Verantwortung in der Planungskultur dauerhaft verankert werden können. Es braucht institutionelle Innovation, neue Formen der Bürgerbeteiligung, eine offene Fehlerkultur und eine kontinuierliche Reflexion über Macht, Interessen und Werte. Die Städte, die diese Herausforderungen annehmen, werden die Polykrise nicht nur überstehen, sondern gestärkt daraus hervorgehen. Die anderen werden von der Dynamik der Krisen überrollt.

Fazit: Polykrisen als Treiber einer neuen Planungskultur

Die Ära der Polykrisen markiert eine Zäsur in der Stadt- und Landschaftsplanung. Was gestern als Ausnahme galt, ist heute die Regel: Unsicherheit, Komplexität, Ambivalenz. Doch statt in Schockstarre zu verharren, wächst in der Planungskultur eine neue Zuversicht. Die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, wird zur wichtigsten Kompetenz. Planung wird offener, kooperativer, experimenteller – und damit auch resilienter. Digitale Werkzeuge, neue Kooperationsmodelle und eine konsequente Ausrichtung auf Resilienz und Teilhabe sind die Bausteine der Zukunft.

Die Polykrise ist weder das Ende der Planung noch der Anfang des Chaos. Sie ist der Startpunkt für eine neue Kultur des Gestaltens: mutig, lernbereit, vernetzt. Wer jetzt Verantwortung übernimmt, neue Allianzen schmiedet und den Dialog sucht, gestaltet die Städte und Landschaften von morgen – trotz, ja gerade wegen der Krise. Die Planungskultur erfindet sich neu. Und das ist gut so. Denn die Städte der Zukunft werden nicht an ihren Plänen, sondern an ihrer Fähigkeit zur Anpassung, Kooperation und Innovation gemessen. Die Polykrise ist damit nicht nur Herausforderung, sondern vor allem Chance – für alle, die bereit sind, sie zu nutzen.

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Hochschule auf der Landesgartenschau 2020

Die Hochschule Weihenstephan-Trierdorf wird an der Landesgartenschau in Ingolstadt 2020 einen Themengarten unterhalten. Der Entwurf dazu stammt von Studierenden der landschaftsarchitektonischen Fakultät. 

Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf wird 2020 auf der Landesgartenschau in Ingolstadt mit einem Ausstellungsbeitrag vertreten sein. Studierende der Fakultät Landschaftsarchitektur erstellten im Rahmen des Wahlpflichtfachs Design and Construction Entwürfe für die Gestaltung des hochschuleigenen Themengartens.

Die Studierenden stellten ihre Entwürfe am 29. Mai der Jury vor. Die Jury, bestehend aus dem Präsidenten Prof. Dr. Eric Veulliet, den betreuenden Professoren Prof. Ingrid Schegk, Prof. Dr. Thomas Brunsch sowie Prof. Dr. Matthias Drösler als Vertreter der forschungsaktiven Professoren wählten den geeignetsten Entwurf für die Umsetzung aus.

Klara Faistauer und Joshua Lenze (Studiengang Landschaftsbau & -Management) überzeugten mit dem Konzept ClimateMove – Applied Sciences for Future.

Leistungsphase 2 Hoai: Bedeutung und Anwendung einfach erklärt

Eine professionelle Planungsszene im Freiraum zum Thema Leistungsphase 2 Hoai
Detailarbeit am Reißbrett: Planung eines Landschaftsprojekts auf Papier. Foto: d_mccullough / Unsplash

Wer ein Gebäude plant, saniert oder betreut, kommt an der Leistungsphase 2 der HOAI nicht vorbei. Sie ist die Phase, in der aus einer Bauaufgabe ein erstes konkretes Konzept wird: Hier entwickeln Landschaftsarchitekten, Architekten und Ingenieure die grundlegenden Lösungsansätze, wägen Varianten ab und legen den inhaltlichen Kurs für das gesamte Projekt fest. Was in der Vorplanung entschieden wird, prägt alle nachfolgenden Phasen bis zur Ausführung.

  • Was die Leistungsphase 2 HOAI inhaltlich umfasst und wie sie sich von benachbarten Phasen abgrenzt
  • Welche Leistungen zur Vorplanung gehören und was als besondere Leistung gilt
  • Welche Rolle die Leistungsphase 2 in der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung spielt
  • Wie das Honorar für die Vorplanung berechnet wird und welche Bewertungsgrundlagen gelten
  • Welche typischen Fehler und Missverständnisse in der Praxis auftreten
  • Wie die Vorplanung mit anderen Fachplanern und Behörden koordiniert wird
  • Welche Dokumente und Ergebnisse am Ende der Leistungsphase 2 vorliegen müssen
  • Wie die Leistungsphase 2 in den größeren Kontext von Planungsrecht und Projektsteuerung eingebettet ist

Was ist die Leistungsphase 2 HOAI? Definition und Einordnung

Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, kurz HOAI, gliedert die Planungsleistungen für Gebäude, Freianlagen, Ingenieurbauwerke und weitere Objekttypen in neun Leistungsphasen. Die Leistungsphase 2 trägt die Bezeichnung „Vorplanung“ und bildet den Übergang von der konzeptionellen Grundlagenermittlung zur ersten ausgearbeiteten Planungsaussage. Während die Leistungsphase 1, die Grundlagenermittlung, noch der Klärung der Aufgabe und der Zusammenstellung aller relevanten Informationen dient, geht es in der Leistungsphase 2 HOAI darum, auf dieser Basis konkrete Lösungsansätze zu entwickeln, zu vergleichen und zu einem Vorplanungskonzept zu verdichten.

Die HOAI ist in Deutschland eine staatliche Preisrechtsverordnung, die für die dort geregelten Leistungen verbindliche Honorarrahmen vorgibt. Sie gilt für Architekten, Landschaftsarchitekten, Innenarchitekten und verschiedene Ingenieurdisziplinen. Die aktuelle Fassung der HOAI stammt aus dem Jahr 2021 und setzt eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs um, der die zuvor geltenden verbindlichen Mindest- und Höchstsätze als europarechtswidrig eingestuft hatte. Seitdem haben die Honorartafeln der HOAI den Charakter von Orientierungswerten, die als Grundlage für die Honorarvereinbarung dienen, ohne zwingend bindend zu sein. Dennoch bleibt die Struktur der Leistungsphasen und die inhaltliche Beschreibung der Grundleistungen in der HOAI maßgeblich für die Praxis.

Die Leistungsphase 2 HOAI ist für alle Planungsbeteiligten von besonderer strategischer Bedeutung, weil hier die wesentlichen Weichen gestellt werden. Entscheidungen über Erschließung, Materialität, Programmverteilung, Freiraumstruktur oder technische Systeme, die in der Vorplanung getroffen werden, sind in späteren Phasen nur noch mit erheblichem Aufwand zu revidieren. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom „Einfrieren“ von Planungsentscheidungen: Je weiter ein Projekt voranschreitet, desto teurer und aufwendiger wird jede grundlegende Änderung.

Grundleistungen der Vorplanung: Was die HOAI konkret fordert

Die HOAI beschreibt für jede Leistungsphase sogenannte Grundleistungen, also den Leistungsumfang, der im Regelfall zum Erreichen des Planungsziels erforderlich ist und dessen Honorar in den Honorartafeln abgebildet wird. Für die Leistungsphase 2 umfassen diese Grundleistungen bei Freianlagen, also dem für Landschaftsarchitekten zentralen Leistungsbild, unter anderem die Analyse der Grundlagen, das Aufstellen eines Planungskonzepts mit zeichnerischer Darstellung, die Klärung der wesentlichen Zusammenhänge, Zumessungen und Abmessungen des Planungsobjekts sowie die Kostenschätzung nach DIN 276.

Die Kostenschätzung nach DIN 276 ist ein zentrales Ergebnis der Leistungsphase 2. Sie liefert eine erste belastbare Aussage über die voraussichtlichen Gesamtkosten des Projekts auf Basis der Vorplanungsunterlagen. Die DIN 276 gliedert Baukosten in Kostengruppen; für Freianlagen sind insbesondere die Kostengruppen 500 (Außenanlagen) und 700 (Baunebenkosten) relevant. Die Kostenschätzung in der Vorplanung hat noch eine vergleichsweise große Bandbreite, weil viele Details noch nicht festgelegt sind. Dennoch ist sie verbindlich genug, um dem Auftraggeber eine Entscheidungsgrundlage zu liefern, ob das Projekt in der geplanten Form wirtschaftlich realisierbar ist.

Zur Vorplanung gehört außerdem die Untersuchung alternativer Lösungsmöglichkeiten. Das ist keine Formalie, sondern ein inhaltlicher Kernauftrag: Der Planer soll dem Auftraggeber zeigen, dass er die Aufgabe von mehreren Seiten durchdacht hat und die gewählte Lösung nicht die einzig denkbare, sondern die fachlich begründet beste ist. In der Landschaftsarchitektur kann das die Gegenüberstellung verschiedener Freiraumtypologien bedeuten, etwa einen naturnahen Wiesencharakter versus eine gestalterisch stärker formalisierte Anlage, oder unterschiedliche Erschließungskonzepte für einen Stadtplatz. Diese Variantenuntersuchung dokumentiert die planerische Sorgfalt und schützt beide Seiten bei späteren Auseinandersetzungen über die Planungsqualität.

Ergänzend sind in der Vorplanung die Ergebnisse mit dem Auftraggeber abzustimmen und dessen Zustimmung einzuholen. Dieser Abstimmungsschritt ist mehr als ein formaler Akt: Er markiert den Übergang von der Konzeptentwicklung zur Planungsvertiefung und schafft die Grundlage für die Beauftragung der Leistungsphase 3, der Entwurfsplanung. Ohne eine dokumentierte Freigabe der Vorplanung durch den Auftraggeber fehlt die vertragliche Basis für die Weiterarbeit.

Leistungsphase 2 in der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung

Für Landschaftsarchitekten hat die Leistungsphase 2 HOAI eine besondere inhaltliche Qualität, weil Freianlagen in dieser Phase noch am stärksten von konzeptionellen Grundsatzentscheidungen geprägt werden. Ob ein Stadtplatz als durchgrünter Aufenthaltsraum oder als hartes, multifunktionales Stadtparkett entwickelt wird, ob ein Schulhof Bewegungsangebote in der Fläche verteilt oder in Zonen gliedert, ob ein Wohnquartier mit linearen Wegeachsen oder mit einem organischen Wegenetz erschlossen wird: All diese Entscheidungen fallen in der Vorplanung und bestimmen Charakter, Nutzbarkeit und Pflegeaufwand einer Anlage für Jahrzehnte.

In der Freiraumplanung kommt hinzu, dass die Leistungsphase 2 häufig eng mit planungsrechtlichen Verfahren verknüpft ist. Bebauungsplanverfahren, städtebauliche Rahmenpläne oder Wettbewerbsergebnisse liefern oft den Ausgangspunkt für die Vorplanung von Freianlagen. Der Landschaftsarchitekt muss in der Leistungsphase 2 prüfen, welche Vorgaben aus diesen übergeordneten Planungen verbindlich sind und welchen Spielraum sie für die freiraumplanerische Ausgestaltung lassen. Das erfordert eine sichere Kenntnis des Bauplanungsrechts, insbesondere des Baugesetzbuchs und der Baunutzungsverordnung, sowie der einschlägigen Regelwerke der Freiraumplanung.

Vegetationstechnische und ökologische Grundsatzentscheidungen werden ebenfalls in der Vorplanung vorbereitet. Ob eine Baumreihe mit großkronigen Stadtbäumen oder mit kleinkronigen Ziergehölzen geplant wird, ob Staudenpflanzungen als pflegeextensive Gesellschaftspflanzungen oder als aufwendigere Schaubepflanzungen konzipiert werden, ob Regenwasser versickert, gespeichert oder abgeleitet wird: Diese Fragen berühren nicht nur die Gestalt, sondern die Funktionalität, die Klimawirksamkeit und die Folgekosten einer Freianlage. Eine sorgfältige Leistungsphase 2 legt hier die Weichen, ohne bereits in die Detailtiefe der Entwurfsplanung zu gehen.

Honorar und Bewertung: Wie die Leistungsphase 2 vergütet wird

Das Honorar für die Leistungsphase 2 HOAI ergibt sich aus dem Anteil, den die Vorplanung am Gesamthonorar hat, multipliziert mit dem Honorar, das sich aus den anrechenbaren Kosten und der Honorarzone ergibt. Für das Leistungsbild Freianlagen weist die HOAI der Leistungsphase 2 einen Prozentsatz am Gesamthonorar zu. Dieser Prozentsatz variiert je nach Leistungsbild; für Freianlagen beträgt er nach der aktuellen HOAI 2021 in der Regel sieben Prozent des Gesamthonorars für Grundleistungen.

Die anrechenbaren Kosten sind die Grundlage der Honorarberechnung und entsprechen im Wesentlichen den Herstellungskosten des Planungsobjekts, also den Baukosten der Freianlagen nach DIN 276. Die Honorarzone gibt an, wie anspruchsvoll eine Planungsaufgabe ist: Sie reicht von Zone I (geringe Anforderungen) bis Zone V (sehr hohe Anforderungen) und beeinflusst das Honorar erheblich. Für Freianlagen in städtischen Kontexten mit hohen gestalterischen, ökologischen und nutzungsbezogenen Anforderungen ist häufig eine Einordnung in die Honorarzonen III oder IV angemessen. Die Einordnung in die richtige Honorarzone ist eine fachliche Entscheidung, die gut begründet und mit dem Auftraggeber abgestimmt sein muss.

Besondere Leistungen, also Leistungen, die über die Grundleistungen der HOAI hinausgehen, werden gesondert vereinbart und vergütet. Für die Leistungsphase 2 können das beispielsweise umfangreiche Variantenuntersuchungen über das übliche Maß hinaus, die Erarbeitung von Machbarkeitsstudien, Beteiligungsverfahren mit Nutzern oder Anwohnern, oder die Entwicklung von Pflegekonzepten als eigenständige Leistung sein. Fachleute empfehlen, besondere Leistungen bereits bei Vertragsschluss klar zu benennen und zu vereinbaren, um spätere Honorarstreitigkeiten zu vermeiden.

Koordination, Abstimmung und typische Fehler in der Praxis

Die Leistungsphase 2 HOAI ist keine isolierte Planungsleistung, sondern ein koordinierter Prozess, der die Beiträge verschiedener Fachplaner zusammenführt. In komplexen Projekten arbeiten Landschaftsarchitekten in der Vorplanung mit Architekten, Tragwerksplanern, Ingenieuren für technische Gebäudeausrüstung, Verkehrsplanern, Bodengutachtern und weiteren Spezialisten zusammen. Die Koordination dieser Beiträge ist eine eigenständige Leistung, die in der HOAI dem Objektplaner zugewiesen wird. Für Freianlagen bedeutet das, dass der Landschaftsarchitekt die Schnittstellen zu Tiefbau, Entwässerung, Beleuchtung und Möblierung frühzeitig klären muss.

Ein häufiger Fehler in der Praxis besteht darin, die Leistungsphase 2 zu früh zu verlassen, also in die Entwurfsplanung überzugehen, bevor die Vorplanung wirklich abgeschlossen und freigegeben ist. Das geschieht oft unter Zeitdruck oder weil Auftraggeber schnelle Ergebnisse sehen wollen. Die Folge ist, dass konzeptionelle Grundsatzfragen, die in der Vorplanung hätten geklärt werden sollen, in die Entwurfsplanung verschleppt werden und dort zu erheblichem Mehraufwand führen. Planungsänderungen in der Leistungsphase 3 oder 4, die auf ungeklärten Vorplanungsfragen beruhen, sind nach HOAI grundsätzlich als Änderungsleistungen zu vergüten, was zu Honorarnachforderungen und Konflikten führen kann.

Ein weiteres Missverständnis betrifft den Detaillierungsgrad der Vorplanung. Die Leistungsphase 2 HOAI verlangt keine Ausführungsdetails, keine Bepflanzungspläne und keine Leistungsverzeichnisse. Sie verlangt ein konzeptionell überzeugendes, maßstäblich dargestelltes Planungskonzept, das die wesentlichen Entscheidungen dokumentiert und eine belastbare Kostenschätzung ermöglicht. Wer in der Vorplanung bereits in die Detailtiefe der Ausführungsplanung geht, verschwendet Ressourcen und riskiert, dass diese Detailarbeit durch spätere Planungsänderungen hinfällig wird.

Behördliche Abstimmungen spielen in der Leistungsphase 2 ebenfalls eine wichtige Rolle. Für viele Freiflächenprojekte sind frühzeitige Gespräche mit der Unteren Naturschutzbehörde, dem Stadtplanungsamt, der Denkmalschutzbehörde oder dem Tiefbauamt notwendig, um zu klären, welche Anforderungen und Restriktionen für das Projekt gelten. Diese Abstimmungen sind zwar nicht explizit als Grundleistung der Leistungsphase 2 aufgeführt, gehören aber zur professionellen Praxis und können als besondere Leistung vereinbart werden, wenn sie einen erheblichen Aufwand darstellen.

Ergebnisse und Dokumentation am Ende der Vorplanung

Am Ende der Leistungsphase 2 HOAI sollte ein klar strukturiertes Vorplanungspaket vorliegen, das dem Auftraggeber eine fundierte Entscheidungsgrundlage bietet. Zu den typischen Ergebnisdokumenten gehören ein zeichnerisch ausgearbeiteter Vorplanungsplan im geeigneten Maßstab, in der Freiraumplanung häufig im Maßstab 1:500 oder 1:200, eine erläuternde Planungsbeschreibung, die Konzept, Lösungsansätze und Begründungen der wesentlichen Entscheidungen darlegt, sowie die Kostenschätzung nach DIN 276 mit einer Gliederung nach Kostengruppen.

Die Planungsbeschreibung ist dabei mehr als ein begleitender Text: Sie ist das argumentative Rückgrat der Vorplanung und dokumentiert, warum bestimmte Lösungen gewählt und andere verworfen wurden. Eine gut geschriebene Planungsbeschreibung schützt den Planer bei späteren Auseinandersetzungen, weil sie zeigt, dass die Entscheidungen auf einer durchdachten fachlichen Grundlage beruhen. Für Landschaftsarchitekten bietet sie außerdem die Möglichkeit, die ökologischen, klimatischen und sozialen Qualitäten eines Entwurfs zu vermitteln, die sich in einer zeichnerischen Darstellung allein nicht vollständig erschließen.

Die Freigabe der Vorplanung durch den Auftraggeber sollte schriftlich dokumentiert werden. Das kann in Form eines Besprechungsprotokolls, einer E-Mail-Bestätigung oder einer formellen Freigabeerklärung geschehen. Diese Dokumentation ist die Voraussetzung für die Beauftragung der nächsten Leistungsphase und schützt beide Seiten vor Missverständnissen darüber, was vereinbart wurde. In der Praxis wird dieser Schritt häufig vernachlässigt, was später zu Streit darüber führen kann, ob bestimmte Planungsänderungen als Umplanung oder als Weiterentwicklung des freigegebenen Konzepts zu werten sind.

Die Leistungsphase 2 im Kontext des gesamten Planungsprozesses

Die Leistungsphase 2 HOAI ist keine isolierte Planungsstation, sondern ein integraler Bestandteil eines kontinuierlichen Prozesses, der von der ersten Idee bis zur fertiggestellten Anlage reicht. Ihre Bedeutung erschließt sich vollständig erst im Zusammenhang mit den anderen Leistungsphasen: Sie baut auf der Grundlagenermittlung der Leistungsphase 1 auf und schafft die Basis für die Entwurfsplanung der Leistungsphase 3. Was in der Vorplanung nicht geklärt wird, kehrt in späteren Phasen als Problem zurück, häufig in einer Form, die teurer und aufwendiger zu lösen ist.

Für Auftraggeber, insbesondere für öffentliche Bauherren und Projektentwickler, ist die Leistungsphase 2 der Moment, in dem sie zum ersten Mal eine belastbare Vorstellung davon bekommen, was ihr Projekt kosten wird und wie es aussehen soll. Die Kostenschätzung der Vorplanung ist oft die erste Zahl, die in Gremien, Ausschüssen oder Investorenrunden präsentiert wird. Sie hat deshalb eine politische und wirtschaftliche Dimension, die über die rein fachliche Planungsarbeit hinausgeht. Planer, die diese Dimension kennen, bereiten ihre Vorplanungsunterlagen entsprechend kommunikativ auf.

Die wachsende Bedeutung von Klimaanpassung, Biodiversität und blaugrüner Infrastruktur in der Stadtentwicklung hat die inhaltlichen Anforderungen an die Leistungsphase 2 in der Freiraumplanung in den letzten Jahren erheblich erweitert. Konzepte für Schwammstadtprinzipien, also die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung im Freiraum, Hitzeschutzmaßnahmen durch Begrünung und Beschattung sowie Habitatvernetzung für Stadtbiodiversität: All das muss bereits in der Vorplanung konzeptionell verankert werden, wenn es in der Ausführung wirksam sein soll. Die Leistungsphase 2 HOAI ist damit nicht nur ein planungsrechtliches Instrument, sondern ein zentrales Werkzeug für die Qualitätssicherung im Freiraum der wachsenden und sich wandelnden Stadt.

Wer die Vorplanung ernst nimmt, spart in allen nachfolgenden Phasen Zeit, Geld und Nerven. Wer sie als Pflichtübung behandelt, zahlt den Preis später. Das ist keine Übertreibung, sondern die nüchterne Erfahrung jedes erfahrenen Planers, der weiß, wie viel Arbeit in einer schlecht vorbereiteten Entwurfsplanung steckt und wie selten diese Arbeit angemessen vergütet wird.