Polyzentrische: Konzept, Vorteile und Beispiele

Eine lebendige städtebauliche Szene zum Thema Polyzentrische
Luftaufnahme städtischer Bebauung – ein Blick auf gewachsene Strukturen im urbanen Raum. Foto: chuttersnap/Unsplash

Städte, die nicht um ein einziges Zentrum kreisen, sondern ihre Funktionen auf mehrere gleichwertige Kerne verteilen, reagieren auf eine der grundlegendsten Herausforderungen der modernen Stadtplanung: die Überlastung des Zentrums bei gleichzeitiger Verödung der Peripherie. Das polyzentrische Stadtmodell, also die bewusste Planung und Förderung mehrerer funktionsfähiger Zentren innerhalb eines Stadtgebiets oder einer Stadtregion, ist kein modischer Begriff, sondern ein konzeptionell ausgereiftes Planungsinstrument mit langer Tradition, breiter empirischer Basis und hoher praktischer Relevanz für Landschaftsarchitektur, Freiraum- und Stadtplanung.

  • Was Polyzentralität bedeutet und wie sie sich von anderen Stadtstrukturmodellen unterscheidet
  • Welche historischen und theoretischen Wurzeln das polyzentrische Konzept hat
  • Wie polyzentrische Strukturen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen wirken: Quartier, Stadt, Metropolregion
  • Welche Vorteile polyzentrische Stadtentwicklung für Freiraum, Mobilität und Klimaresilienz bietet
  • Welche Risiken und Fehler in der Planung polyzentrischer Strukturen auftreten können
  • Wie Freiraumplanung und Grünraumversorgung in polyzentrischen Systemen organisiert werden
  • Welche konkreten Beispiele aus Europa und darüber hinaus das Konzept illustrieren
  • Wie polyzentrische Entwicklung in der Planungspraxis gesteuert und bewertet wird

Was polyzentrische Stadtstruktur bedeutet: Definition und Abgrenzung

Der Begriff polyzentrisch setzt sich aus dem griechischen „poly“ (viele) und „kentron“ (Mittelpunkt) zusammen und bezeichnet in der Stadtplanung eine Siedlungsstruktur mit mehreren räumlich verteilten Zentren, die jeweils eigenständige Versorgungsfunktionen, Arbeitsplatzschwerpunkte oder öffentliche Einrichtungen bündeln. Im Unterschied zum monozentrischen Modell, bei dem alle wesentlichen Funktionen auf ein einziges Stadtzentrum konzentriert sind, entsteht im polyzentrischen System ein Netz aus Knoten, zwischen denen Pendlerströme, Versorgungsbeziehungen und Freizeitbewegungen verteilt werden. Das polyzentrische Stadtmodell ist dabei kein Gegensatz zur kompakten Stadt, sondern eine spezifische Ausprägung von ihr: Dichte und Nutzungsmischung werden nicht aufgegeben, sondern auf mehrere Orte verteilt.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen morphologischer und funktionaler Polyzentralität. Morphologisch polyzentrisch ist eine Stadt, wenn ihre bauliche Dichte an mehreren Stellen ausgeprägte Verdichtungskerne bildet, erkennbar etwa in Blockstrukturen, Geschosshöhen oder Nutzungsintensitäten. Funktional polyzentrisch ist sie, wenn diese Kerne tatsächlich eigenständige Anziehungskraft entfalten, also Arbeitsplätze, Einzelhandel, Bildung, Kultur und öffentliche Räume in ausreichender Dichte vereinen, um als echte Alternativen zum Hauptzentrum zu wirken. In der Planungspraxis klaffen beide Dimensionen häufig auseinander: Es gibt Stadtteile mit hoher Baudichte, aber geringer funktionaler Eigenständigkeit, und umgekehrt suburbane Knoten mit starker Arbeitsplatzbindung, aber schwacher öffentlicher Raumqualität.

Auf der regionalen Maßstabsebene beschreibt Polyzentralität die Verteilung städtischer Funktionen auf mehrere Städte oder Gemeinden innerhalb einer Stadtregion oder Metropolregion. Hier spricht die europäische Raumordnung von polyzentrischer Raumentwicklung, wie sie im Europäischen Raumentwicklungskonzept (EUREK) seit den späten 1990er Jahren als Leitbild verankert ist. Das Ziel ist eine ausgewogene räumliche Entwicklung, die Metropolregionen entlastet und mittelgroße Städte stärkt, anstatt Wachstum ausschließlich in wenigen Agglomerationen zu konzentrieren.

Historische Wurzeln und theoretische Grundlagen des polyzentrischen Modells

Die Idee, Städte nicht um ein einziges Zentrum zu organisieren, ist älter als der Begriff selbst. Ebenezer Howards Konzept der Gartenstadt aus dem späten 19. Jahrhundert sah bereits eine Konstellation von Satellitenstädten vor, die durch Grüngürtel voneinander getrennt und durch Eisenbahnlinien verbunden sein sollten. Howard dachte nicht in Suburbanisierung, sondern in eigenständigen, funktional vollständigen Einheiten, die gemeinsam ein dezentralisiertes Stadtgefüge bilden. Diese Idee beeinflusste die britische New-Towns-Bewegung des 20. Jahrhunderts ebenso wie die skandinavische Fingerplan-Planung.

Walter Christallers Theorie der zentralen Orte, entwickelt in den 1930er Jahren, lieferte ein geometrisch-hierarchisches Modell der Raumorganisation, das Zentren nach ihrer Versorgungsreichweite in Stufen ordnet. Obwohl Christallers Modell primär deskriptiv und auf ländliche Regionen zugeschnitten war, prägte es das Denken über Zentrenhierarchien in der Raumordnung nachhaltig. Das Konzept der Zentralen-Orte-Systeme, wie es in deutschen Landesentwicklungsplänen bis heute Anwendung findet, ist eine direkte Weiterentwicklung dieser Tradition. Polyzentrische Planung im regionalen Maßstab bedeutet in diesem Rahmen, die Hierarchie der zentralen Orte bewusst zu stärken und nicht zuzulassen, dass ein einziger Knoten alle Funktionen absorbiert.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann das polyzentrische Leitbild durch die Kritik an der Suburbanisierung und an funktional getrennten Stadtstrukturen an Schärfe. Die Los-Angeles-Schule der Stadtsoziologie, vertreten durch Forscher wie Edward Soja und Michael Dear, beschrieb die nordamerikanische Metropole als polyzentrisch-diffuses Gebilde, in dem klassische Zentrum-Peripherie-Verhältnisse aufgelöst sind. Diese Diagnose war zunächst kritisch gemeint, wurde aber von Planern aufgegriffen, um aus der Realität polyzentrischer Wachstumsmuster normative Planungsstrategien abzuleiten: Wenn Polyzentralität ohnehin entsteht, sollte sie gestaltet werden, anstatt ihr entgegenzuarbeiten.

Vorteile polyzentrischer Stadtentwicklung: Freiraum, Mobilität und Resilienz

Ein zentrales Argument für polyzentrische Strukturen ist die Entlastung des Hauptzentrums von Verkehr, Nutzungsdruck und Flächenkonkurrenz. Wenn Arbeitsplätze, Einzelhandel und öffentliche Einrichtungen auf mehrere Kerne verteilt sind, sinkt die Zahl der Wege, die zwingend ins Hauptzentrum führen. Kürzere Wege bedeuten weniger Kfz-Verkehr, geringere Emissionen und eine höhere Attraktivität des Fuß- und Radverkehrs. Für die Freiraumplanung ergibt sich daraus ein erheblicher Vorteil: Wenn Zentren kleiner und dezentraler sind, können Grünräume, Parks und öffentliche Plätze dichter am Wohnort liegen, ohne mit den Flächenansprüchen eines überdimensionierten Stadtzentrums zu konkurrieren.

Die Versorgung mit wohnortnahem Grün, also die Erreichbarkeit von Parks, Stadtplätzen und Grünverbindungen innerhalb weniger Gehminuten, ist in polyzentrischen Strukturen leichter zu gewährleisten als in monozentrischen Systemen mit ausgedehnten Wohnperipherien. Jeder Teilkern kann seinen eigenen Grünraum organisieren, der auf die lokale Bevölkerungsdichte und Nutzungsstruktur abgestimmt ist. Grüne Verbindungsachsen zwischen den Kernen, oft als Grünzüge oder Grünkorridore bezeichnet, können gleichzeitig ökologische Vernetzungsfunktionen übernehmen und als Freizeit- und Bewegungsräume dienen. Diese Doppelfunktion macht sie zu einem Kernelement polyzentrischer Freiraumkonzepte.

Klimaresilienz ist ein weiteres Feld, auf dem polyzentrische Strukturen Vorteile bieten. Städte mit mehreren Kernen und dazwischenliegenden Freiräumen ermöglichen bessere Kaltluftströmungen, weil Grünzüge und unversiegelte Flächen zwischen den Kernen als Kaltluftproduktionsflächen und Ventilationsbahnen wirken können. Im Gegensatz dazu neigen monozentrische Verdichtungsräume dazu, eine geschlossene Wärmeinsel zu bilden, die kaum durch Frischluftschneisen unterbrochen wird. Polyzentrische Stadtstrukturen, die konsequent mit Grünkorridoren verzahnt werden, bieten der Klimaanpassungsplanung mehr Ansatzpunkte als kompakte Einzelzentren ohne Zwischenräume.

Soziale Resilienz und Versorgungsgerechtigkeit sind ebenfalls relevant. In monozentrischen Städten sind Bevölkerungsgruppen, die nicht mobil genug sind, um das Hauptzentrum regelmäßig zu erreichen, auf das lokale Angebot angewiesen, das in reinen Wohngebieten oft schwach ist. Polyzentrische Strukturen mit eigenständigen Nahversorgungskernen können diese Ungleichheit abmildern, sofern die Kerne tatsächlich mit Einrichtungen des täglichen Bedarfs, sozialer Infrastruktur und öffentlichem Raum ausgestattet werden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Planungsaufgabe, die aktive Steuerung erfordert.

Polyzentrische Strukturen in der Freiraumplanung: Grünzüge, Parknetze und öffentliche Räume

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ist das polyzentrische Stadtmodell kein abstraktes Raumordnungskonzept, sondern ein konkreter Rahmen für die Gestaltung von Grünstrukturen. Die Frage, wie Freiräume in polyzentrischen Systemen organisiert werden, ist eng mit der Frage verknüpft, welche Rolle die Zwischenräume zwischen den Kernen spielen sollen. Sollen sie als Pufferzone, als ökologische Vernetzungsfläche, als Naherholungsraum oder als Reserve für künftige Entwicklung dienen? In der Praxis sind es oft Kombinationen dieser Funktionen, die in Grünordnungsplänen, Landschaftsplänen und regionalen Grünraumkonzepten festgeschrieben werden.

Das Konzept des Grünen Rings oder des Grüngürtels, wie es in Frankfurt am Main, London oder Wien praktiziert wird, ist eine klassische Antwort auf die polyzentrische Herausforderung im regionalen Maßstab. Grüngürtel schützen Freiräume zwischen Siedlungskernen vor Überbauung und sichern damit die räumliche Identität der einzelnen Kerne. Gleichzeitig schaffen sie Naherholungsräume, die für alle Kerne erreichbar sind, und bilden ökologische Korridore für Flora und Fauna. Ihre Schwäche liegt in der Starrheit: Wenn der Entwicklungsdruck zu groß wird, geraten Grüngürtel politisch unter Druck, und ihre Freihaltung erfordert dauerhaften planerischen Willen und rechtliche Sicherung.

Innerhalb der Kerne selbst sind Plätze, Parks und Grünverbindungen die räumlichen Bausteine, die einem Teilzentrum seine öffentliche Qualität verleihen. Ein polyzentrisches Stadtmodell, das nur auf Nutzungsverteilung setzt, ohne die Qualität der öffentlichen Räume in den Teilkernen zu sichern, produziert lediglich dezentralisierte Funktionsinseln ohne Aufenthaltsqualität. Die Gestaltung von Quartiersplätzen, Stadteilparks und Fußgängerbereichen in den Teilkernen ist deshalb eine Kernaufgabe der Landschaftsarchitektur im polyzentrischen Kontext. Hier entscheidet sich, ob ein Teilzentrum als Ort erlebt wird oder nur als Versorgungsknoten funktioniert.

Risiken und häufige Fehler in der polyzentrischen Planung

Das polyzentrische Modell ist kein Allheilmittel, und seine Umsetzung birgt spezifische Risiken. Das größte ist die Entstehung von Scheinzentren: Stadtteile, die zwar als Teilkerne deklariert werden, aber weder die kritische Masse an Nutzungen noch die öffentliche Raumqualität besitzen, um tatsächlich als eigenständige Kerne zu funktionieren. Solche Scheinzentren entstehen, wenn Polyzentralität als Planungsformel verwendet wird, ohne die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen: ausreichende Bevölkerungsdichte, Nutzungsmischung, Erreichbarkeit durch den öffentlichen Verkehr und attraktive öffentliche Räume. Das Ergebnis sind Stadtteile mit einem Einkaufszentrum auf der grünen Wiese, das als Zentrum bezeichnet wird, aber keines ist.

Ein weiteres Risiko ist die Fragmentierung. Wenn polyzentrische Entwicklung ohne ausreichende Vernetzung der Kerne erfolgt, entstehen isolierte Inseln, zwischen denen der Kfz-Verkehr die einzige praktikable Verbindung ist. Polyzentralität ohne leistungsfähigen öffentlichen Verkehr und ohne attraktive Fuß- und Radwegverbindungen zwischen den Kernen verstärkt die Automobilabhängigkeit, anstatt sie zu reduzieren. Die Vernetzung der Kerne durch Schnellbuslinien, Stadtbahnen oder Radschnellwege ist deshalb keine optionale Ergänzung, sondern eine strukturelle Voraussetzung für das Funktionieren polyzentrischer Systeme.

Gentrifizierungsdruck in den Teilkernen ist ein weiteres Problem, das mit wachsender Beliebtheit polyzentrischer Stadtteile entsteht. Wenn ein Teilkern durch Aufwertung seiner öffentlichen Räume und Infrastruktur an Attraktivität gewinnt, steigen Bodenpreise und Mieten. Die ursprüngliche Bevölkerung wird verdrängt, und die soziale Mischung, die einen lebendigen Kern ausmacht, geht verloren. Planungsinstrumente wie Milieuschutzgebiete, kommunale Bodenpolitik und die Sicherung von Sozialwohnungen in den Teilkernen sind notwendig, um diesen Prozess zu steuern.

Beispiele polyzentrischer Stadtentwicklung in Europa

Das Randstad-Gebiet in den Niederlanden gilt als eines der meistzitierten Beispiele für polyzentrische Stadtentwicklung im regionalen Maßstab. Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht bilden gemeinsam eine Stadtregion, in der keine einzelne Stadt alle metropolitanen Funktionen monopolisiert. Das Grüne Herz, der landwirtschaftlich und ökologisch geprägte Freiraum im Inneren des Randstad-Rings, ist ein bewusst gehaltener Zwischenraum, der die Kerne voneinander trennt und gleichzeitig als Naherholungsraum und ökologische Ressource dient. Die niederländische Raumordnung hat dieses polyzentrische Muster über Jahrzehnte aktiv gestützt, auch wenn der Entwicklungsdruck auf das Grüne Herz immer wieder zu politischen Auseinandersetzungen führt.

Der Kopenhagener Fingerplan, erstmals 1947 formuliert und seitdem mehrfach fortgeschrieben, ist ein weiteres Referenzbeispiel. Die Idee: Stadtentwicklung soll sich entlang von S-Bahn-Korridoren, den „Fingern“, konzentrieren, während die Zwischenräume als Grünkeile freigehalten werden. Jeder Finger entwickelt eigene Subzentren, die durch den öffentlichen Verkehr mit dem Hauptzentrum Kopenhagen verbunden sind. Das Modell verbindet polyzentrische Entwicklung mit einem klaren Grünraumkonzept und einer konsequenten Verknüpfung von Siedlungsentwicklung und Verkehrsinfrastruktur. Es gilt bis heute als Vorbild für die integrierte Planung von Siedlung, Verkehr und Freiraum.

In Deutschland ist das Ruhrgebiet ein historisch gewachsenes polyzentrisches System, das nicht durch Planung entworfen, sondern durch industrielle Entwicklung entstanden ist. Städte wie Dortmund, Essen, Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen bilden eine Stadtregion ohne eindeutiges Hauptzentrum. Die Emscherregion hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, wie ein polyzentrisches System durch gezielte Freiraumplanung aufgewertet werden kann: Der Emscher Landschaftspark, ein regionales Grünraumkonzept, das Industriebrachen, Gewässerrenaturierungen und Freizeitinfrastruktur verbindet, ist ein Beispiel dafür, wie Zwischenräume in polyzentrischen Strukturen als Qualitätsressource entwickelt werden können.

Auf der Quartiersebene bietet das Konzept der „15-Minuten-Stadt“, das in Paris unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo stadtpolitisch prominent wurde, eine zeitgemäße Interpretation polyzentrischer Ideen. Die Grundidee: Alle wesentlichen Funktionen des Alltags sollen innerhalb von 15 Gehminuten erreichbar sein, was eine Verteilung von Versorgungseinrichtungen, Arbeitsplätzen und öffentlichen Räumen auf das gesamte Stadtgebiet voraussetzt. Ob dieses Konzept tatsächlich polyzentrisch ist oder eher auf eine gleichmäßige Verteilung ohne ausgeprägte Kerne zielt, ist in der Fachdiskussion umstritten. Es zeigt aber, wie polyzentrische Ideen in aktuelle Stadtentwicklungsdebatten einfließen.

Steuerung und Bewertung polyzentrischer Entwicklung in der Planungspraxis

Die planerische Steuerung polyzentrischer Strukturen erfordert ein abgestimmtes Instrumentarium auf mehreren Ebenen. Auf der regionalen Ebene sind Regionalplanung und Raumordnung die maßgeblichen Instrumente: Zentrale-Orte-Konzepte, regionale Grünzüge und Siedlungsachsen werden in Regionalplänen festgelegt und schaffen den Rahmen für die kommunale Bauleitplanung. Auf der kommunalen Ebene sind Flächennutzungspläne und Bebauungspläne die Werkzeuge, mit denen Teilkerne gesichert, Nutzungsmischung vorgeschrieben und Grünstrukturen festgesetzt werden. Die Herausforderung liegt in der Koordination zwischen diesen Ebenen, die in Deutschland durch das Gegenstromprinzip geregelt ist: Landes- und Regionalplanung geben Ziele vor, kommunale Planung konkretisiert sie, ohne die übergeordneten Ziele zu unterlaufen.

Für die Bewertung, ob eine Stadtstruktur tatsächlich polyzentrisch funktioniert, werden in der Forschung verschiedene Indikatoren herangezogen. Pendlerverflechtungen, also die Frage, wohin die Menschen zur Arbeit fahren, sind ein klassischer Indikator für funktionale Polyzentralität. Wenn ein hoher Anteil der Pendler innerhalb der Teilkerne bleibt oder zwischen Teilkernen wechselt, anstatt alle ins Hauptzentrum zu strömen, ist das ein Zeichen funktionierender polyzentrischer Strukturen. Erreichbarkeitsanalysen, die messen, wie viele Einrichtungen des täglichen Bedarfs, Arbeitsplätze und Grünräume innerhalb definierter Zeitradien erreichbar sind, ergänzen diese Betrachtung um eine sozialräumliche Dimension.

Polyzentrische Stadtentwicklung als Planungsprinzip mit Zukunft

Das polyzentrische Stadtmodell ist kein utopisches Konstrukt, sondern eine planungstheoretisch fundierte und empirisch vielfach erprobte Antwort auf die Dysfunktionen monozentrischer Verdichtung. Es verbindet Ziele, die in der modernen Stadtplanung zentral sind: Klimaresilienz durch Grünraumvernetzung, Mobilitätswende durch kürzere Wege und leistungsfähigen öffentlichen Verkehr, soziale Gerechtigkeit durch wohnortnahe Versorgung und öffentliche Räume sowie ökologische Qualität durch die Sicherung von Freiräumen zwischen den Kernen.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner bietet das polyzentrische Konzept einen strategischen Rahmen, der die Bedeutung von Grünstrukturen nicht auf ästhetische Ergänzung reduziert, sondern sie als strukturbildende Elemente des Stadtgefüges begreift. Grünzüge zwischen Kernen, Quartiersparks in Teilzentren und regionale Grünräume als Zwischenräume sind in polyzentrischen Systemen keine Restflächen, sondern konstitutive Bestandteile der Stadtstruktur. Wer polyzentrische Stadtentwicklung plant, plant zwangsläufig auch Freiraum, und wer Freiraum plant, gestaltet die polyzentrische Struktur mit.

Die Umsetzung polyzentrischer Konzepte scheitert nicht an fehlenden Ideen, sondern häufig an mangelnder Koordination zwischen Planungsebenen, an kurzfristigen Investitionslogiken und an politischen Widerständen gegen die Freihaltung von Zwischenräumen. Diese Hindernisse sind real, aber nicht unüberwindbar. Die Beispiele aus den Niederlanden, Skandinavien und dem Ruhrgebiet zeigen, dass polyzentrische Strukturen entstehen und bestehen können, wenn Planung, Politik und Investition über lange Zeiträume in dieselbe Richtung wirken. Das ist der eigentliche Maßstab, an dem polyzentrische Stadtentwicklung gemessen werden muss: nicht an der Eleganz des Konzepts, sondern an der Beständigkeit des planerischen Willens, der es trägt.

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„Viele sagen, der Landschaftspark Wiese sei der schönste Ort in der Region.“

die Vermittlung und die Sensibilisierung im Landschaftspark Wiese. © Saskia Scherer

Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner kennen ihn unter dem Namen „Lange Erlen“, andere bezeichnen ihn als das ehemalige Landesgartenschaugelände. Dabei hat dieser Park, der im Basler Rheinknie Deutschland mit der Schweiz verbindet, einen so viel schöneren Namen: Landschaftspark Wiese, nach dem gleichnamigen Fluss, der ihn durchfließt. Das Besondere an dem Park: Er liegt sowohl auf deutschem als auch auf Schweizer Grund. Und er ist Schauplatz der IBA Basel, die sich seit mehr als zehn Jahren erfolgreich für grenzüberschreitende Projekte im Dreiländereck Deutschland-Frankreich-Schweiz engagiert. Wir wollten mehr über diesen Landschaftspark erfahren und haben uns deshalb mit dem Hauptranger Yannick Bucher unterhalten.

Yannick Bucher, gemeinsam mit zwei deutschen Kollegen, arbeiten Sie seit Februar 2019 als Ranger im Landschaftspark Wiese. Wie dürfen wir uns Ihren Job vorstellen?
Die Hauptaufgabe von unserem Rangerdienst ist die Information, die Vermittlung und die Sensibilisierung im Landschaftspark Wiese. Letzteres bedeutet insbesondere, dass wir dafür Sorge tragen, dass die Besucherinnen und Besucher sich im Großen und Ganzen an die Regeln halten. Wir sorgen für ein positives miteinander zwischen Besuchern und Akteurinnen, im Gebiet wird das Trinkwasser der Region gewonnen und Landwirtschaft betrieben. Rangerdienste sind typisch für Nationalparks und auch einigermaßen typisch für Naturschutzgebiete. Eher speziell ist es, dass wir mit dem Landschaftspark Wiese in einem Gebiet tätig sind, das nicht nur reines Naturschutzgebiet ist. Denn hier gibt es auch andere Nutzungen wie Sportanlagen, Tierheime und Schrebergärten.

„Der Rangerdienst ist eine der zentralen Maßnahmen vom IBA Projekt Landschaftspark Wiese.“

Besonders am Rangerdienst im Landschaftspark Wiese ist aber auch, dass er binational aufgestellt ist.
Absolut richtig. Der Landschaftspark an sich ist binational. Da liegt es natürlich nahe, dass auch der dortige Rangerdienst binational aufgestellt ist, dass dieser im ganzen Park unterwegs ist und sich nicht an die Grenzen halten muss. Die Agglomeration Basel ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und die Freizeitaktivitäten haben sich aufgrund flexiblerer Arbeitszeiten ziemlich verändert. Damit stieg auch der Druck auf die lokalen Naherholungsgebiete. Den Rangerdienst hat man dann vor gut einem Jahr eingeführt, um dem zunehmenden Nutzungsdruck etwas entgegenzusetzen. Deswegen sind wir nicht nur Aufsichtsorgan, sondern haben ebenso auch Vermittlungsaufgaben inne. Und diese sind auch nötig.
Die Corona Pandemie hat den Effekt noch verstärkt: Wir hatten bereits vorher viele Besucherinnen und Besucher im Park. Die Besucherzahlen während des Lockdowns lagen weit über den normalen. Das zeigt, wie wichtig der stadtnahe grüne Erholungsraum für die Region ist.

Das kann ich mir vorstellen. Wie sieht diese Vermittlung, von der Sie gesprochen haben, konkret aus?
Wir bieten Führungen und organisieren auch Infotische. Wir versuchen dafür zu sensibilisieren, was in dem Raum passiert, wie die Trinkwassergewinnung und wie die Landwirtschaft im Park funktionieren. Wir bringen die Themen auf den Tisch, die man als Stadtbewohner wenig erleben kann, und vermitteln diese.

Wie ist der Rangerdienst organisiert?
Insgesamt haben wir drei Auftraggeber: die Stadt Weil am Rhein, die Gemeinde Riehen und den Kanton Basel-Stadt. Ich bin bei der Umweltberatungsfirma „Hintermann & Weber AG“ angestellt, die den Auftrag von der Stadt Basel erhalten hat und meine beiden deutschen Partner sind beim Trinationalen Umweltzentrum (TRUZ) beschäftigt.

Welche Maßnahmen hat man in den vergangenen Jahren im Rahmen der IBA Basel umgesetzt und welche sind noch geplant?
Wir selber, also der Rangerdienst, sind eine der zentralen Maßnahmen vom IBA Projekt Landschaftspark Wiese. Uns gibt es wie gesagt seit einem Jahr. Zudem ist für den Park eine einheitliche Beschilderung geplant, die an den Eingängen über den Park informiert, welche Möglichkeiten zur Erholung bestehen, aber auch, welche Auflagen daran gekoppelt sind: dass man Feuer nur in den Grillstellen machen darf und dass man seinen Müll mitnimmt etc. Die Basic-Regeln eben. Außerdem wird es im Park künftig einen Themenpfad geben, der die Themen Trinkwassergewinnung, Tiere und Pflanzen, aber auch die historische Entwicklung aufzeigt.

Die größte Maßnahme ist aber „Wiese vital“, richtig?
Genau, im Zuge einer Volksinitiative in der Schweiz hat das baselstädtische Stimmvolk beschlossen, auf dem ganzen Abschnitt auf Schweizer Boden den Fluss Wiese zu revitalisieren und zu renaturieren. Der untere Teil ist bereits revitalisiert, für den anderen Teil arbeitet man aktuell ein Bauprojekt aus. Das Ziel: Der Fluss soll wieder natürlicher fließen und mehr Platz haben.

Sie sind jetzt knapp 1,5 Jahre dabei. Was denken Sie, reichen die Bemühungen vor Ort aus, um den Landschaftspark Wiese langfristig vor dem Nutzungsdruck zu schützen?
Den wichtigsten Schritt hat man meiner Meinung nach mit dem Landschaftsrichtplan gemacht. Die Fläche kann nun nicht mehr überbaut werden und darüber bin ich froh. Mit sanften Mitteln ist man nun dran, den Erholungsraum des Parks zu schützen. Mit Beschilderungen, gezielter Information oder auch durch uns, dem Rangerdienst. Ich denke, da sind wir auf einem guten Weg. Das gleiche Feedback erhalten wir auch aus der Bevölkerung. Das Interesse am Gebiet wächst und das, was wir machen, wird geschätzt. Viele Besucher sagen, der Landschaftspark sei der schönste Ort in der Region. Und es kommen auch immer wieder Besucher, die fragen, wie sie helfen können, die etwas für das Gebiet tun wollen. Das alles zusammen stimmt mich sehr optimistisch.

Warum wir eine IBA-Basel-Serie gestartet haben? Das lesen Sie hier.

Sämtliche Beiträge zur IBA Basel 2020 finden Sie hier.

Eine Seilbahn schwebt über die Gärten der Welt in Berlin. (Foto: Thomas Rosenthal)

Eine Seilbahn schwebt über die Gärten der Welt in Berlin. (Foto: Thomas Rosenthal)

Auf kleinstem Raum lassen sich in Berlin-Marzahn die unterschiedlichsten Ansätze der Landschafts- und Gartenarchitektur studieren. Denn die Anlage Gärten der Welt vereint neben klassischen Tourist*innenattraktionen wie eine Seilbahn, Aussichtspunkte und einer Arena für Veranstaltungen noch mehr – nämlich Gartenkunst. Und zwar aus allen Herren Ländern und Kulturen. In verschiedenen Themengärten und Gartenkabinetten können Besucher*innen entsprechend Ansätze und Gestaltungen aus aller Welt betrachten. Hier erfahren Sie, welche Gärten der Welt Ihnen geboten werden.

Gärten der Welt präsentieren internationale Gartenkunst

Früher noch als “Erholungspark Marzahn” bekannt, wurde das Areal an der Ecke Eisenacher Straße und Blumberger Damm anlässlich der IGA 2017 erweitert und umgebaut. Insgesamt 43 Hektar Fläche belegt das Gelände, das heute den Namen “Gärten der Welt” trägt, seitdem.

Die Gärten der Welt bestechen mit vielen Attraktionen für Groß und Klein. Dabei kommen Gartenkunstenthusiast*innen genauso auf ihre Kosten wie Familien mit Kindern und Tourist*innen. So bietet der Park seit dem Umbau zur IGA 2017 inzwischen neun internationale Gartenkabinette, die traditionelle Techniken der Gartengestaltung präsentieren, elf Themengärten, und eine Arena für Veranstaltungen. Dazu kommen Spielplätze, ein Irrgarten und eine Seilbahn, die die Bezirke Marzahn und Hellersdorf miteinander verbinden.

Der Fokus  des Parks liegt aber – wie der Name schon verrät – auf den “Gärten der Welt”. Die Gartenkabinette und Themengärten erlauben es den Besucher*innen dementsprechend, Einblicke in die Gartenkunst verschiedener Kontinente, Epochen und Kulturkreisen zu erhalten. Welche internationalen Gärten im Park zu besichtigen sind, haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Die Gärten der Welt – Übersicht

Chinesischer Garten

Als erster Garten der Welt entstand in den 1990er-Jahren der Chinesische Garten. Mit dem “Garten des wiedergewonnenen Mondes” wurde 1994 der größte Chinesische Garten Europas in Berlin erschaffen. Seine Planung begann 1994 im Rahmen einer Städtepartnerschaft zwischen Peking und Berlin als klassischer chinesischer Gelehrtengarten. Die Idee dahinter war auch, die Jahrtausende alte chinesische Gartenkunst in die Gegenwart zu übersetzen. 

Im Zentrum des Gartens sitzt der “Spiegel des Himmels”, ein 4 500 Quadratmeter großer See, an dessen Ufer sich ein Teehaus chinesischer Architektur mit der typisch geschwungenen und spektakulär auskragenden Dachkonstruktion befindet. Als charakteristische Bepflanzung kommen im Garten des wiedergewonnenen Mondes beispielsweise Magnolien, Chrysanthemen oder Bambus zum Einsatz. Übrigens: Der Mond im Namen steht sinnbildlich für die Wiedervereinigung des einst geteilten Berlins.

Größe: 27 000 Quadratmeter, inklusive 5 000 Quadratmetern Teichfläche
Eröffnung: 15. Oktober 2000
Planung: Klassisches Institut für Gartenarchitektur, Peking

Japanischer Garten

Der “Garten des zusammenfließenden Wassers” entsprang der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Tokio. Basierend darauf soll der Garten die Idee eines harmonischen Miteinanders verkörpern. Darum bestimmt diesen Bereich der Gärten der Welt das Leitmotiv Wasser – es symbolisiert das Zusammenfließen von Kulturen und den Verlauf der Geschichte. 

Im Japanischen Garten findet sich demzufolge ein Wassergarten, aber auch ein Zengarten und ein Garten aus Rasenflächen, in denen insgesamt 300 Augengneissteine verteilt sind. Dazu kommt ein Pavillon – der Chaya – in seiner Mitte. 

Entsprechend der Japanischen Kultur, in der Stille eine besondere Bedeutung zukommt, ist auch der Japanische Garten im Park Die Gärten der Welt ein Ort, an dem Besucher*innen zur Ruhe kommen können. Fun Fact: Die Baustelle für den Japanischen Garten gilt als eine der leisesten in der Geschichte der Gärten der Welt.

Größe: 2 700 Quadratmeter
Eröffnung: 30. April 2003
Planung: Prof. Shunmyo Masuno

Balinesischer Garten

Der “Garten der drei Harmonien” entstand im Rahmen einer Städtepartnerschaft zwischen Jakarta und Berlin. Sein Name bezieht sich auf das balinesische Streben, im Einklang mit sich selbst, dem Umfeld und dem Universum zu leben. Auf diese dreifaltige Harmonie ist der Balinesische Garten ausgerichtet.

Dabei handelt es sich auch um den einzigen Garten in den Gärten der Welt, der gänzlich in einer Tropenhalle untergebracht ist. Eine Wohn- und Tempelanlage, in der auch die Berliner Bali-Gemeinde ihre Religion aktiv ausübt, bildet das zentrale Element des Gartens. Dahinter erstreckt sich zudem ein an einen balinesischen Tropenwald angelehnter Garten mit Reisterrassen und Pflanzen wie Schraubenbäumen, Hibiskus, Gardenien, Farnen, Orchideen und den duftgewaltigen Frangipani.

Größe: 2000 Quadratmeter in Leichtbauhalle
Eröffnung: 18. Dezember 2003
Planung: Putu Edy Semara

Orientalischer Garten

Der “Garten der vier Ströme” wurde nach den Gestaltungsprinzipien der traditionellen orientalisch-islamischen Gartenkultur entworfen. Daher verbirgt er sich einer vier Meter hohen Mauer. Damit spielt er mit dem Mythos des Gartens als verborgene Oase. Außerdem hilft die Abgrenzung dabei, das spezielle Klima im Garten aufrecht erhalten zu können.

In der Gartenanlage finden sich typisch orientalische Arkadengänge mit Ornamenten und Mosaiken. Dazu kommt ein viergeteilter Gartenhof mit einem Brunnen in der Mitte. Im Garten befinden sich Zier- und Nutzpflanzen: Granatäpfel, Oliven und Palmen, aber auch Flieder, Oleander und Magnolien.

Größe: 6 100 Quadratmeter
Eröffnung: 7. Juli 2005
Planung: Kamel Louafi, Prof. Mohammed El Faiz

Hier finden Sie weitere Projekte des Garten- und Landschaftsarchitekten Kamel Louafi.

Koreanischer Garten

Der “Seouler Garten” war ein Geschenk der Südkoreanischen Hauptstadt an Berlin. Er entstand nach einem Berlin-Besuch des Oberbürgermeisters von Seoul und war dafür gedacht, die Beziehungen zwischen den Städten zu vertiefen. 

Die Gestaltung des Koreanischen Gartens ist geprägt von Buddhismus, den Lehren von Konfuzius und dem volkstümlichen schamanischen Glauben. Dazu gehört auch das Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Kräften in der Natur. Beide werden im Garten mehrfach repräsentiert.

Im Koreanischen Garten finden sich zahlreiche Totempfähle und abstrakte Holzfiguren, die der schamanischen Kulturgeschichte Koreas entspringen. Geplant wurde er von koreanischen Gartenarchitek*innen, die eine koreanische Felslandschaft mit den typischen Kiefern, Fächerahornen, Eichen und Bambussen erschufen. Zentrales Bauwerk ist der “Kye Zeong” (Pavillon am Wasser), in dem sich typisch koreanische Wohnräume besichtigen lassen.

Größe: 4 000 Quadratmeter
Eröffnung: 31. März 2006
Planung: Samsung Everland Inc., Seoul

Irrgarten und Pflasterlabyrinth

Zur Gartenkultur gehören selbstverständlich auch Irrgärten, die ihren Ursprung in der Renaissance haben. Die Irrgartenanlage des britischen Königsschlosses Hampton Court war Vorbild für die Anlage in den Gärten der Welt. Diese wurde mit einer zwei Meter hohen Eibenhecke, bestehend aus über 1 200 Pflanzen, angelegt. Der Weg in das Zentrum des Pflasterlabyrinths dauert etwa zehn Minuten. Dort findet sich auch ein Aussichtsturm, der einen Überblick über das Labyrinth erlaubt.

Zusätzlich zum 3D-Irrgarten gibt es in den Gärten der Welt auch ein zweidimensionales Labyrinth aus Pflastersteinen. Hellgraue Steine markieren den Weg zur Mitte. Insgesamt 11 Umgänge, 28 Kehre und ebenfalls zehn Minuten führen zu dessen Mitte.

Größe: Heckenirrgarten: 2 000 Quadratmeter, Pflasterlabyrinth: 340 Quadratmeter
Eröffnung: 22. Juni 2007
Planung: gruppe F Landschaftsarchitekten, Berlin

Karl-Foerster-Staudengarten

Das 1957 erschienene Buch “Einzug der Gräser und Farne in die Gärten” von Karl Foerster war Inspirationsquelle für diesen Teil der Gärten der Welt.  Der Gärtner, Züchter und Gartenphilosoph prägte die deutsche und die internationale Gartenkultur nachhaltig – einerseits mit seinen Schriften, aber andererseits auch mit der Einführung von Wild- und Kulturstauden.

Stauden sind es deshalb auch, die den Karl-Foerster-Staudengarten dominieren. Zwischen streng geschnittenen Buchsbaumhecken finden sich geometrisch formal angelegte Beete mit Prachtstauden, die von landschaftlich geprägten Teilen des Gartens kontrastiert werden. So spielen anspruchsvolle Pflanzungen und frei gestaltete Naturgärten zusammen.

Abgesehen von einer Pergola befindet sich im Karl-Foerster-Staudengarten im Gegensatz zu den anderen Bereichen in den Gärten der Welt keinen architektonischen Strukturen. Die Farbe der Pergola – blau – geht übrigens auf eine Erwähnung in einem von Foersters Büchern zurück. Dort beschreibt er einen Blauton, den die Gartengestalter*innen in mühseliger Arbeit zu reproduzieren versuchten.

Größe: 3 600 Quadratmeter
Eröffnung: 9. Mai 1987, Neueröffnung am 9. März 2008
Planung: Dr. Johannes Schwarzkopf, Christian Meyer

Italienischer Renaissancegarten

Der “Giardino della Bobolina” ist ein Renaissancegarten, der sich stilistisch an der toskanischen Villengärten des 16. Jahrhunderts orientiert. Er ist der einzige Garten im Ensemble, der eine Epoche widerspiegelt und keine Stilrichtung.

Er basiert auf einer Vierteilung, die sich durch die gesamte Gestaltung zieht. Eine Loggia im ersten, in sich geschlossenen Gartenraum, ist Konzertveranstaltungsort. Von der Loggia aus, gelangen Besucher*innen in den viertgeteilten Hauptgarten mit einem Brunnen in der Mitte.

Eine originale Bobolina-Statue aus dem 16. Jahrhundert befindet sich ebenfalls, eingebettet in Hecken aus Buchs und Eibe, im Zentrum des Gartens. Gestalterische Elemente des Gartens, wie Säulen oder Treppen sind aus hellgrauem Sandstein. Eine Besonderheit ist zudem der “Giardino segreto”, der geheime Garten, den man über eine schmale Natursteintreppe betritt.

Größe: 3 000 Quadratmeter
Eröffnung: 31. Mai 2008
Planung: Levin Monsigny Landschaftsarchitekten, Berlin

Christlicher Garten

Der Christliche Garten ergänzt die Gärten der Welt seit 2011. Er ist dem Kreuzgang eines typischen mittelalterlichen Klostergartens nachempfunden. Den Namen “Raum der Sprache und des Wortes” ist aber vor allem maßgeblich geprägt von einer speziellen Installation. Sie zeigt modern gestaltete Texte aus der Bibel sowie Zitate aus Philosophie und Kultur. Die Texte reflektieren die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Außerdem unterstreichen sie den Garten als Sinnbild des christlichen Lebens.

Die Installation besteht aus goldlackierte Metallbuchstaben, die Passagen aus dem Alten und Neuen Testament zitieren. Die daraus entstehenden transparenten Wände bilden den Wandelgang eines Klosters nach. In der Mitte des quadratischen Gartens befindet sich zudem ein Wasserspiel. Dieses steht einerseits für die Quelle des Lebens und andererseits für die verschiedenen Bedeutungen von Wasser im Christentum.

Größe: 1 000 Quadratmeter
Eröffnung: 29. April 2011
Planung: relais Landschaftsarchitekten, Berlin

Englischer Landschaftsgarten

Der Englische Landschaftsgarten darf in den Gärten der Welt natürlich nicht fehlen. Die ersten Parks, die diese Stilrichtung prägten, entstanden schließlich bereits im 18. Jahrhundert. Sie basierten auf der idyllischen Wildnis der Landschaftsmalerei und wichen von den bis anhin verbreiterten strengen Geometrischen Formen ab.

Gärten der Welt – weitere Attraktionen

Im Englischen Garten befindet sich ein typisches englisches Landhaus mit Reeteindeckung, dass von einem Gemüsegarten, Wiesen, Staudenbeeten, einem Rosengarten und Obstbäumen umgeben ist. Er entstand im Rahmen einer Stadtpartnerschaft mit dem englischen Halton und wurde im Rahmen der IGA Berlin 20217 eröffnet.

Das Englische Cottage in der Mitte der Anlage serviert übrigens selbstverständlich eine klassisch Englische Tea Time mit Earl Grey Tee, Gurkensandwiches und Scones.

Größe: 6 000 Quadratmeter
Eröffnung: 19. April 2017
Planung: Austin-Smith:Lord, Manchester

Jüdischer Garten

Der neuste Zugang zu den Gärten der Welt ist der Jüdische Garten, der erst 2021 Eröffnung feierte. In Blickweite zum christlichen Garten entstand seit Ende 2019 ein Themengarten rund um die jüdische Interpretation von Landschaftsarchitektur. Obwohl er als landschaftsarchitektonischer und künstlerischer Beitrag die Darstellung einer Weltreligion bezweckt, verzichtet er bewusst auf die Zurschaustellung von religiösen Schriften und Symbolen.

Stattdessen fokussiert der Jüdische Garten auf Pflanzen und Gewächse mit engem Bezug zur jüdischen Kultur, wie etwa Feigen, Mandeln, Kastanien oder Ulmen. Diese sind bekannt aus Schriften jüdischer und dem Judentum nahestehenden Autor*innen. Das Wegenetz, das durch die Anlage führt, gliedert den Garten, symbolisiert aber auch die Jüdische Diaspora, die über die Welt verstreut ist. Im Garten finden sich zudem gleich zwei skulpturale Pavillons, die einerseits Ruhe, andererseits aber auch Austausch fördern wollen. Darin sind etwa auch Veranstaltungen zur jüdischen Kultur geplant.

Die Allianz Umweltsstiftung, die bereits den Orientalischen Garten und den Christlichen Garten unterstützte, hatte den Jüdischen Garten initiiert. Mehr zu diesem Garten in den Gärten der Welt lesen Sie außerdem hier: Jüdischer Garten.

Fläche: etwa 2 000 Quadratmeter
Eröffnung: 2021
Planung: Manfred Pernice (Bildhauer), Wilfried Kuehn (Architekt) und atelier le balto Landschaftsarchitekten, Berlin

Zusätzlich zu den elf Themengärten gibt es in den Gärten der Welt zahlreiche weitere Attraktionen. Dazu gehört etwa ein Tagungszentrum mit biodiversem Gründach (mehr zum Thema Dachbegrünung finden Sie hier). Außerdem eine Arena, die insgesamt 5 000 Besucher*innen Platz bietet und einem Amphitheater nachempfunden ist. Mit der Seilbahn kann man zudem vom Kienberg über das Wuhletal direkt in die Gärten der Welt schweben und einen spektakulären Ausblick geniessen. Des Weiteren entstand im Rahmen der IGA 2017 im Übrigen auch der Wolkenhain, ein Aussichtsturm, der wie organisch gewachsen aussieht – selbstverständlich barrierefrei zugänglich.

Mehr Informationen zu den Gärten der Welt finden Sie hier.

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