Wie Belgrad mit Public Art städtische Transformation steuert

Winterliche Stadtansicht von Belgrad vom Ufer aus mit sichtbarer urbaner Struktur und Public Art.
Blick auf Belgrad vom Ufer, Symbol für die städtische Transformation durch Public Art. Foto von Ljubomir Zarkovic auf Unsplash.

Belgrad hat den Dreh raus: Mit Public Art lenkt Serbiens Hauptstadt nicht nur Blicke, sondern gleich ganze Stadtentwicklungsprozesse. Kunst als Motor der Transformation, als Ankerpunkt für Identität, Diskurs und Revitalisierung – und das mit einer urbanen Verve, die deutsche, österreichische und Schweizer Städte neugierig machen sollte. Warum Belgrads Strategie mit Public Art so überzeugend funktioniert, welche Lektionen sie bereithält und was urbane Akteure im deutschsprachigen Raum daraus lernen können, analysieren wir hier in aller Tiefe.

  • Public Art als strategisches Werkzeug der Stadtentwicklung: Belgrad macht vor, wie Kunst gezielt urbane Transformation unterstützt.
  • Historische Prägungen, aktuelle Herausforderungen und die Rolle von Krisen im Wandel der Kunst im öffentlichen Raum.
  • Wie partizipative Prozesse, transdisziplinäre Teams und kuratorische Steuerung den Erfolg von Public Art sichern.
  • Fallbeispiele: Savamala, Beton Hala und weitere Leuchtturmprojekte als Taktgeber für die Stadt.
  • Public Art als Katalysator für soziale Kohäsion, Identitätsbildung und nachhaltige Quartiersentwicklung.
  • Risiken und Nebenwirkungen: Kommerzialisierung, Gentrifizierung und politische Steuerungsfragen.
  • Übertragbarkeit auf den deutschsprachigen Raum: Was Planer, Architekten und Verwaltungen von Belgrad lernen können.
  • Empfehlungen für die Integration von Public Art in langfristige Stadtstrategien.

Belgrad im Wandel: Urbanes Labor für Public Art und Transformation

Belgrad ist keine Stadt, die sich mit halben Sachen begnügt. Die serbische Hauptstadt, an der Schnittstelle von Donau und Save gelegen, hat in den letzten Jahrzehnten eine Transformation durchlebt, die ihresgleichen sucht. Krieg, politische Umwälzungen, wirtschaftliche Krisen und ein rasantes urbanes Wachstum haben die Stadt zu einer Art Testfeld für neue Formen der Stadtentwicklung gemacht. In diesem Kontext spielt Public Art eine Schlüsselrolle: Nicht als hübsches Beiwerk, sondern als strategisches Mittel, um urbane Räume zu aktivieren, Identität zu stiften und gesellschaftliche Debatten anzustoßen.

Historisch betrachtet ist Belgrads Verhältnis zur Kunst im öffentlichen Raum vielschichtig. Während der jugoslawischen Periode war Public Art meist monumental, staatstragend und eng mit politischen Botschaften verknüpft. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Öffnung zur Welt wandelte sich das Verständnis radikal. Die neue Generation von Künstlern, Kuratoren und Planern begriff Public Art als Werkzeug zur Demokratisierung des Stadtraums. Street Art, partizipative Installationen und temporäre Interventionen wurden zum Markenzeichen Belgrads – und zum Gradmesser für gesellschaftliche Vitalität.

Der Wandel Belgrads ist keineswegs linear verlaufen. Vielmehr prägen Widersprüche, Brüche und Experimente das Bild. Die Stadt nutzt Public Art gezielt, um mit schwierigen Erbe umzugehen: Verfallene Industrieareale, vernachlässigte Quartiere und schwer belastete Plätze werden durch künstlerische Interventionen wiederbelebt. Dabei geht es nicht nur um Ästhetik, sondern um urbane Narrative, die neue Perspektiven eröffnen und soziale Energien bündeln. Hier zeigt sich ein Verständnis von Stadtentwicklung, das Kunst als integralen Bestandteil sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Prozesse begreift.

Die Besonderheit Belgrads liegt darin, dass Public Art nicht als bloßer Schmuck betrachtet wird. Vielmehr ist sie tief in die Governance der Stadt eingebettet. Städtische Behörden, private Investoren, NGOs und internationale Kulturorganisationen arbeiten eng zusammen, um Kunstprojekte von der Konzeption bis zur Realisierung zu begleiten. Der Anspruch: Kunst soll nicht nur sichtbar, sondern auch wirksam sein – als Katalysator für Transformation und Innovation.

Für Städte im deutschsprachigen Raum ist Belgrad damit ein faszinierendes Labor. Die Stadt demonstriert, wie Public Art auch unter schwierigen Bedingungen Wirkung entfalten kann – vorausgesetzt, sie wird als strategischer Bestandteil der Stadtentwicklung verstanden. Wer die Transformation Belgrads verstehen will, muss Kunst nicht als Luxus, sondern als Grundbedingung für Urbanität begreifen.

Strategien und Steuerungsmodelle: Wie Belgrad Public Art in die Stadtentwicklung integriert

Das Erfolgsgeheimnis Belgrads liegt in der gezielten Verflechtung von Public Art und urbaner Transformation. Anders als in vielen mitteleuropäischen Städten, wo Kunst im öffentlichen Raum oft additiv oder nachlässig behandelt wird, setzt Belgrad auf kuratorische Steuerung und transdisziplinäre Kooperation. Dabei werden Künstler, Architekten, Stadtplaner, Soziologen und Bürger von Anfang an eingebunden – nicht als Alibi, sondern als gleichberechtigte Akteure eines gemeinsamen Prozesses.

Ein zentrales Steuerungsmodell ist der sogenannte „Urban Art Masterplan“, der in Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Institutionen entwickelt wurde. Dieser Plan definiert Zielräume, thematische Schwerpunkte und Leitlinien für die Umsetzung von Public Art. Die Auswahl der Projekte erfolgt in mehrstufigen Verfahren, die Dialog, Wettbewerb und öffentliche Beteiligung verbinden. So entsteht eine Balance zwischen künstlerischer Freiheit und städtebaulicher Zielsetzung – ein Spagat, an dem viele andere Städte scheitern.

Die Finanzierung von Public Art in Belgrad ist bemerkenswert vielfältig. Neben klassischen öffentlichen Mitteln spielen private Sponsoren, europäische Förderprogramme und Crowdfunding eine wichtige Rolle. Diese Mischung sorgt für eine hohe Dynamik und Unabhängigkeit der Projekte. Gleichzeitig wird über transparente Vergabeverfahren und regelmäßige Evaluation sichergestellt, dass künstlerische Qualität und urbane Relevanz im Vordergrund stehen. Die Stadtverwaltung hat erkannt, dass Public Art nur dann nachhaltig wirkt, wenn sie in die langfristige Stadtstrategie eingebettet ist.

Partizipation ist in Belgrad keine Floskel, sondern gelebte Praxis. Bei der Entwicklung neuer Kunstprojekte werden Anwohner aktiv eingebunden – durch Workshops, Umfragen und offene Diskussionsformate. Diese Prozesse ermöglichen es, lokale Bedürfnisse und Konflikte frühzeitig zu erkennen und kreative Lösungen zu entwickeln. Besonders in sozial heterogenen Quartieren hat sich dieser Ansatz bewährt. Er stärkt das Vertrauen in die Stadtplanung und schafft Identifikation mit den Ergebnissen.

Die Steuerung von Public Art ist in Belgrad nicht zentralistisch, sondern dezentral und flexibel organisiert. Verschiedene städtische Ämter, Kulturplattformen und Quartiersinitiativen übernehmen Verantwortung für einzelne Projekte. Dadurch entsteht eine dichte, resiliente Struktur, die auf Veränderungen reagieren kann und Raum für Experimente lässt. Dieses Modell der geteilten Autorenschaft macht Belgrad zu einer Blaupause für innovative Public Art Governance – und liefert wertvolle Impulse für andere Städte.

Leuchtturmprojekte und urbane Effekte: Savamala, Beton Hala und die neue Stadtkultur

Wer verstehen will, wie Belgrad mit Public Art gezielt Transformation steuert, muss einen Blick auf die Schlüsselprojekte werfen. Das Viertel Savamala ist dabei das prominenteste Beispiel. Einst ein heruntergekommenes Industrie- und Hafengebiet, wurde Savamala durch eine Vielzahl künstlerischer Interventionen zu einem Hotspot für Kreative, Start-ups und urbane Pioniere. Street Art, temporäre Installationen, Festivals und internationale Kunstsymposien haben dem Viertel ein neues Image verliehen – und entscheidende Impulse für die Quartiersentwicklung gesetzt.

Die Transformation von Savamala zeigt exemplarisch, wie Public Art als Initialzündung für umfassende urbane Prozesse wirken kann. Kunstprojekte dienten als Türöffner für Investitionen in Infrastruktur, Gastronomie und Wohnraum. Gleichzeitig wurden durch partizipative Formate soziale Spannungen adressiert und lokale Netzwerke gestärkt. Die Erfolgsfaktoren: eine starke kuratorische Handschrift, flexible Steuerungsstrukturen und die konsequente Einbindung der Zivilgesellschaft.

Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist die Entwicklung der Beton Hala, einer ehemaligen Lagerhalle am Donauufer. Hier wurde Public Art gezielt eingesetzt, um den schwierigen Dialog zwischen Denkmalschutz, Tourismus und moderner Stadtentwicklung zu moderieren. Großformatige Installationen, Lichtkunst und experimentelle Architektur schufen einen neuen öffentlichen Raum, der sowohl für Belgrader als auch für Besucher attraktiv ist. Die Beton Hala wurde so zum Symbol für die Fähigkeit der Stadt, scheinbar unvereinbare Interessen durch künstlerische Innovation zu verbinden.

Neben diesen Großprojekten sind es oft die kleinen, dezentralen Initiativen, die nachhaltige Wirkung entfalten. Murals in Randbezirken, interaktive Klanginstallationen in Parks oder mobile Galerien in Bussen schaffen neue Möglichkeitsräume für Begegnung und Dialog. Belgrad setzt bewusst auf die Vielfalt der Formate – von temporären Interventionen bis zu dauerhaften Kunstwerken. So entsteht eine urbane Landschaft, die ständig in Bewegung ist und immer wieder neue Impulse setzt.

Die Effekte dieser Strategie sind messbar: Savamala gilt heute als Modellquartier für kreative Stadtentwicklung, zieht Investoren und Touristen an und hat das Image Belgrads international gestärkt. Die Beton Hala hat gezeigt, wie Public Art als Moderationswerkzeug zwischen Tradition und Innovation eingesetzt werden kann. Und die Vielzahl kleiner Projekte fördert soziale Kohäsion und das Gefühl urbaner Zugehörigkeit. Kurzum: Public Art ist in Belgrad kein Selbstzweck, sondern Motor und Spiegel der Transformation.

Risiken, Nebenwirkungen und kritische Reflexion: Was Belgrad Planern lehrt

Keine Erfolgsgeschichte ohne Schattenseiten: Belgrads Ansatz mit Public Art ist nicht frei von Risiken. Eine der größten Herausforderungen ist die Gefahr der Gentrifizierung. Kunst kann zwar Quartiere aufwerten und neue Zielgruppen anziehen, aber auch Verdrängungsprozesse anstoßen. In Savamala etwa führte der Boom der Kreativszene zu steigenden Mieten und einem Wandel der sozialen Struktur. Hier zeigt sich, dass Public Art als Transformationsmotor stets von sozialpolitischen Maßnahmen flankiert werden muss, um Exklusion zu vermeiden.

Ein weiteres Risiko ist die Kommerzialisierung. Mit wachsendem Interesse von Investoren und Tourismuswirtschaft besteht die Gefahr, dass Public Art zur bloßen Marketingkulisse verkommt und ihre kritische, partizipative Dimension verliert. In Belgrad wird diesem Trend durch eine starke Einbindung unabhängiger Kuratoren und zivilgesellschaftlicher Akteure entgegengewirkt. Dennoch bleibt der Balanceakt zwischen kreativer Freiheit und wirtschaftlichen Interessen eine permanente Herausforderung.

Auch die politische Steuerung von Public Art ist in Belgrad ein komplexes Feld. Unterschiedliche Interessengruppen – von der Stadtverwaltung über Investoren bis zu Graswurzelinitiativen – ringen um Einfluss auf die Ausrichtung der Projekte. Die Stadt begegnet diesem Spannungsfeld mit transparenten Entscheidungsprozessen und regelmäßigen öffentlichen Debatten. Das Ziel: Kunst soll nicht als Instrument politischer oder wirtschaftlicher Macht missbraucht werden, sondern als Plattform für offenen Diskurs dienen.

Ein kritischer Punkt ist zudem die Nachhaltigkeit von Public Art. Temporäre Projekte sind oft spektakulär, hinterlassen aber nicht immer langfristige Spuren im Stadtgefüge. Belgrad begegnet diesem Problem mit einem Mix aus dauerhaften Kunstwerken, wiederkehrenden Formaten und gezielter Pflege von Bestandsprojekten. Die Integration in infrastrukturelle und soziale Programme sichert die Anschlussfähigkeit der Kunst an die Stadtentwicklung.

Schließlich ist die Übertragbarkeit des Belgrader Modells auf andere Städte keine Selbstverständlichkeit. Jede Stadt hat ihre eigenen Rahmenbedingungen, Kulturen und Steuerungslogiken. Doch die Grundprinzipien – strategische Integration, partizipative Prozesse, kuratorische Steuerung und flexible Governance – sind universell anwendbar. Sie fordern Planer, Architekten und Verwaltungen heraus, den eigenen Umgang mit Public Art kritisch zu reflektieren und neu zu denken.

Ausblick und Handlungsempfehlungen: Was deutsche, österreichische und Schweizer Städte lernen können

Die Belgrader Erfahrungen zeigen eindrücklich, dass Public Art weit mehr ist als ein dekoratives Add-on. Sie ist ein strategisches Werkzeug, das urbane Transformation gezielt steuern und beschleunigen kann. Für Städte im deutschsprachigen Raum ergeben sich daraus mehrere zentrale Lehren. Erstens: Kunst im öffentlichen Raum muss von Anfang an in die Stadtentwicklung integriert werden – nicht als nachträgliche Verschönerung, sondern als Motor für Innovation, Teilhabe und Identitätsbildung. Zweitens: Partizipative Prozesse sind der Schlüssel zum Erfolg. Nur wenn Anwohner, lokale Akteure und Experten gemeinsam agieren, entstehen Projekte mit nachhaltiger Wirkung und hoher Akzeptanz.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die kuratorische Steuerung. Städte sollten systematisch Kompetenzen aufbauen, um Public Art nicht dem Zufall oder Einzelinitiativen zu überlassen. Kuratoren, Kunstbeiräte und transdisziplinäre Teams können helfen, die Schnittstelle zwischen künstlerischer Kreativität und städtebaulicher Zielsetzung zu moderieren. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um die Schaffung von Rahmenbedingungen für Innovation und Vielfalt.

Finanzierung und Governance sind ebenfalls entscheidend. Belgrad zeigt, wie durch die Kombination verschiedener Fördertöpfe und transparenter Vergabeverfahren eine hohe Dynamik und Unabhängigkeit entsteht. Für den deutschsprachigen Raum bedeutet das: Öffentliche Mittel, private Partnerschaften und zivilgesellschaftliches Engagement müssen zusammenwirken, um nachhaltige Public Art zu ermöglichen. Gleichzeitig braucht es Mechanismen zur Qualitätssicherung und Evaluation, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Städte sollten zudem lernen, Risiken wie Gentrifizierung und Kommerzialisierung aktiv zu steuern. Das erfordert eine enge Verzahnung von Public Art mit sozialpolitischen Strategien, Wohnraumsicherung und Infrastrukturentwicklung. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die positiven Effekte der Kunst allen Bewohnern zugutekommen und nicht nur einer privilegierten Minderheit.

Schließlich ist Offenheit für Experimente gefragt. Belgrad lebt von der Bereitschaft, neue Formate zuzulassen, Fehler zu akzeptieren und aus ihnen zu lernen. Diese experimentelle Haltung, kombiniert mit strategischer Steuerung, macht Public Art zum Innovationstreiber der Stadtentwicklung. Wer den Mut hat, diesen Weg zu gehen, kann die transformative Kraft der Kunst voll ausschöpfen – und die Städte von morgen aktiv gestalten.

Fazit: Public Art als Steuerungsinstrument für urbane Transformation

Belgrad hat vorgemacht, wie Public Art zum Herzschlag einer Stadt werden kann, die sich im permanenten Wandel befindet. Die serbische Hauptstadt nutzt Kunst im öffentlichen Raum nicht als dekorative Kulisse, sondern als strategisches Werkzeug zur Steuerung städtischer Transformation. Entscheidend sind dabei partizipative Prozesse, transdisziplinäre Teams und eine flexible, kuratorische Steuerung, die künstlerische Freiheit mit städtebaulicher Zielorientierung verbindet. Die Leuchtturmprojekte von Savamala bis Beton Hala zeigen, dass Public Art soziale Kohäsion, Identitätsbildung und nachhaltige Entwicklung gleichermaßen fördern kann – vorausgesetzt, Risiken wie Gentrifizierung und Kommerzialisierung werden aktiv adressiert.

Für Planer, Architekten und Stadtverwaltungen im deutschsprachigen Raum ist Belgrad damit ein Impulsgeber und Spiegel zugleich. Die Integration von Public Art in die Stadtentwicklung erfordert Mut, Offenheit und strategische Weitsicht – Qualitäten, die gerade in Zeiten starker urbaner Umbrüche gefragt sind. Wer die transformative Kraft der Kunst erkennt und zu steuern weiß, kann nicht nur das Bild der Stadt, sondern auch ihre gesellschaftliche Dynamik nachhaltig prägen. Belgrad liefert das beste Argument dafür, dass Public Art und Stadtentwicklung in Zukunft untrennbar zusammengehören – und dass die spannendsten Städte jene sind, die Kunst zum Motor ihrer eigenen Erneuerung machen.

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Weihnachten 2021: Der G+L Award

Weihnachten ist die Zeit „Danke“ zu sagen. Da wir für irgendwelche Marketingaktionen aber jetzt eh viel zu spät sind, mussten wir uns etwas Besseres einfallen lassen. Und tada – das ist er: der erste G+L Award 2021. Als kleines, unterhaltsames Dankeschön anlässlich Weihnachten 2021 haben wir in der G+L Redaktion in sieben unterschiedlichen Kategorien unter anderem das Planungsbüro 2021 gekürt. Ach ja, und so nebenbei geben wir dabei auch zwei Hinweise auf das Büro, das 2022 die G+L gastkuratieren wird. Wer errät es als Erste*r?

Morgen ist Weihnachten! Hatten Sie dieses Jahr auch solche Probleme die richtigen Weihnachtsgeschenke zu finden wie wir in der Redaktion? Es war ja die Jahre zuvor schon nicht leicht, durch die Pandemie scheint aber alles noch komplizierter geworden zu sein. Also, liebe Leser*innen, da haben wir uns gedacht: Wenn uns schon nichts für unsere eigene Familien einfällt, dann können wir in der Redaktion zumindest versuchen Ihnen eine Freude zu bereiten.

Aus diesem Grund haben wir zur allgemeinen Unterhaltung kurzfristig den G+L Award 2021 ausgerufen. Die Jury: niemand kompetenteres als die G+L-Redaktion höchstpersönlich. Das Schöne: Sie, liebe Leser*innen, Sie müssen weder aufwendige Wettbewerbsunterlagen einreichen noch eine entsprechende Wettbewerbs-Fee zahlen. Sie bekommen einfach nur den Fame – und hoffentlich drei Minuten Lesezeit beste Unterhaltung. Wir haben hierfür die folgenden Kategorien festgelegt:

„Sie haben alles falsch gemacht, was man Januar 2021 falsch machen kann.“

Starten wir doch mit etwas Leichtem. In der Kategorie 1 „Die besten Leser*innen der Welt“ gewinnen – große Überraschung: die G+L Leser*innen – ob print oder digital. Sie sind uns einfach die Liebsten. Was wir besonders großartig an Ihnen finden: Sie bleiben kritisch. So bekamen wir beispielsweise Anfang des Jahres eine E-Mail zu einem Artikel aus der Januarausgabe 2021. Die Frage des Artikels war: Braucht die Verwaltung einen Change-Prozess? Unsere Antwort war nein – zu unserer eigenen Überraschung. Dennoch erregte der Artikel die Gemüter. In einer Leser*innen-Mail stand, wir respektive ich als Chefredakteurin hätte in dem Artikel alles falsch gemacht, was man im Januar 2021 falsch machen könnte.

Hören Sie nicht auf uns zu kritisieren

Ich gebe zu: Da musste auch mein sehr kritikfähiges Herz einmal kurz durchschnaufen. Das Ergebnis der über meinen Text erzürnten Mail war jedoch ein offenes, konstruktives Telefonat mit einem Berliner Verwaltungsbeamten zu der Entwicklung, den Möglichkeiten und den Perspektiven der deutschen Stadtverwaltung. Durch diesen Text und die besagte Mail hatte ich also die Möglichkeit mit jemanden ins Gespräch gekommen, den ich vermutlich nie kennengelernt hätte und durfte dabei auch noch so viel lernen (auch über meine eigene Kritikfähigkeit). Es folgt im Jahr 2021 weitere – positive wie negative – Leser*innenbriefe und für die möchten wir uns bedanken. Danke, dass Sie so aufmerksam sind, unsere Arbeit so nah begleiten und gleichzeitig aber auch den Kontakt zu uns suchen. Das ist großartig. Hören Sie nicht auf uns zu kritisieren, lassen Sie uns weiterhin offen und direkt miteinander sprechen.

Der Wettbewerb des Jahres

Die Stadt des Jahres

Keine einfache Kategorie! Und wir durften dieses Jahr über so viele spannende Wettbewerbs- und Award-Entscheidungen berichten. Da war natürlich zum einen die Entscheidung zum Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2021, den Lohaus · Carl · Köhlmos mit nach Hause nahmen. Oder auch der DAM Preis 2021, den MVRDV mit ihrem Projekt Werk 12 gewannen. Der Rosa Barba Prize ging an Michael van Valkenburg und das Projekt Brooklyn Bridge Park. Planorama bekam den Zuschlag für die Landesgartenschau Schweinfurt 2026Rheinufer Bonn! Der LILA Honor Award 2021 ging an Snøhetta. Und Hähnig + Gemmeke gewannen den Zuschlag zum städtebaulichen und freiraumplanerischen Wettbewerb vom Fliegerhorst Erding. Aber der Wettbewerbsbeitrag, der uns in der Redaktion wohl am nachhaltigsten beschäftigte, war der zum Freiraumwettbewerb Rathaus- und Marx-Engels-Forum in Berlin. Hier setze sich das Team von Stephan Lenzen gegen 52 weitere Arbeiten durch. Alles zum Wettbewerbsentwurf lesen Sie hier: Marx-Engels-Forum.

Kein bisschen leichter: die Kategorie 3 „Die Stadt des Jahres“. Aktuell wären wir geneigt zu sagen: München. Bekamen wir gerade in der Redaktion die Info, dass München die Auszeichnung „PRIDE CHAMPION“ gewonnen hat. Die Stadt nahm im Rahmen des PRIDE Index 2021, einer deutschlandweiten Befragung aller großen Arbeitgeber*innen zu „Diversität und LGBTIQ+ am Arbeitsplatz“, teil und erhielt eine Silber-Auszeichnung. Zudem war München dieses Jahr tagelang in den Medien, als es darum ging die Münchner Allianz Arena im Juni als Protestaktion in den Regenbogenfarben erleuchten zu lassen. Das Thema der bunten Stadt beschäftigte uns dieses Jahr auch mehrfach in der Redaktion – wir haben eine ganze Ausgabe hierzu gemacht (G+L 06/21 „Die bunte Stadt“). Aber nein, die Stadt des Jahres 2021 sind für uns mehrere Städte. Und zwar die, die dieses Jahr das Deutschen Institut für Urbanistik als Klimaaktive Kommunen 2021 auszeichnete. Welche das sind, das lesen Sie hier: Klimaaktive Kommune 2021.

Das Kunstprojekt des Jahres

Die Veröffentlichung des Jahres

Auf Instagram bekannte sich der Streetart-Künstler Banksy dieses Jahr im Sommer in einem Video zu neuen Werken an der englischen Ostküste. Die Info sorgte für Furore. Ein Kunstwerk in der ostenglischen Gemeinde Great Yarmouth wurde jedoch umgehend überstrichen. Banksy wäre tatsächlich ein heißer Anwärter.
Spannend war auch die Ausstellung „Life“ in der Fondation Beyeler in der Schweiz (April bis Juli 2021). Hierfür flutete der dänische Installationskünstler Olafur Eliasson einen Großteil der Ausstellungsräumlichkeiten und verband den Innen- mit dem Außenraum.
Aber nein, in der Kategorie 4 „Das Kunstprojekt des Jahres“ können wir dieses Jahr nur den einen als Gewinner nennen. Christo und sein Projekt „L’Arc de Triomphe, Wrapped“ in Paris. Seit den 1960er-Jahren hatte Christo mit seiner Frau Jeanne-Claude an der Idee gearbeitet. 2021 war es dann endlich soweit, knapp 1,5 Jahre nach seinem eigenen Tod. Hier geht’s nochmal zu den Bildern aus dem Herbst: Arc de Triomphe Christo.

Ach, in dieser Kategorie hier könnte man so viel nennen. Sämtliche Publikationen des Deutschen Instituts für Urbanistik fanden wir spannend: zum Beispiel die, die gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung zur Stadt der Zukunft entstand. Oder zu Radverkehr und Verkehrswende oder auch den Leitfaden „Städte nachhaltig planen und bauen“. Und oh Mann, über wie viele tolle Bücher durften wir in unseren Heften berichten! „Food Urbanism“ von Craig Verzone, „Im Schatten von Design“ von Michael Erlhoff, „Urban Design Methods“ von Undine Giseke, Martina Löw, Angela Million, Philipp Misselwitz und Jörg Stollmann oder auch „Corona und die Städte“ von Ingrid Krau.

Beeindruckend: die Arbeit von Vanessa Lapa

Aber trotz allem, trotz all diesen wirklich guten und durchdachten Veröffentlichungen hat uns in der Redaktion der Dokumentarfilm „Speer goes to Hollywood“ eben doch am nachdenklichsten gemacht. Er ist damit unser Gewinner in der Kategorie 5 „Die Veröffentlichung des Jahres“. Auf der Basis von bislang unveröffentlichten Filmaufnahmen des britischen Drehbuchautors Andre Birkin von Albert Speer entwickelte die Regisseurin Vanessa Lapa einen neuen Dokumentarfilm, der im November 2021 in die deutschen Kinos kam. Albert Speer skizziert sich in den Aufzeichnungen als „guten Nazi“. Eine Filmbeschreibung finden Sie hier: Albert Speer.

Das Büro des Jahres

„Machen ist wie Wollen, nur krasser“

Okay, wer steht zur Wahl für diese Kategorie 6? Planorama definitiv – das Berliner Büro machte dieses Jahr durch zahlreiche, sehr imposante Wettbewerbsentscheidungen von sich reden. bauchplan ).( natürlich – gemeinsam mit dem Kollektiv mit Sitz in Wien, München und Köln durften wir schließlich dieses Jahr im Rahmen der gastkuratierten Ausgabe zusammenarbeiten. Unser neues Webmagazin 52 Thesen zur Stadtentwicklung ist ein Folgeprodukt dieser Kooperation. Franz Reschke – Mann, was haben die an Wettbewerbserfolgen dieses Jahr gehabt? Unsere Kollegin Vera Baeriswyl hatte anlässlich ihrer Gewinnersträhne ein Interview in der G+L 10/21 geführt.

Natürlich wären da auch noch Lohaus · Carl · Köhlmos zu nennen, die eben den Landschaftsarchitektur-Preis 2021 gewannen. mahl gebhard konzepte sowie Latz+Partner sahnten wiederum den Bayerischen Landschaftsarchitekturpreis 2020 ab. Oder auch relais Landschaftsarchitekten! Sie waren verantwortlich für die Gestaltung der Landesgartenschau Überlingen und gewannen hiermit den Landschaftsarchitekturpreis Baden-Württemberg 2021. Aber nein. Hier ist die Wahl für uns ganz klar. Für uns in der G+L-Redaktion sind es capattistaubach aus Berlin. Und nein, das liegt nicht daran, dass ein geplantes Projekt von capattistaubach 2021 eines unserer Cover zierte (das der G+L 10/21 zum Heftthema „Gebäudegrün“). Wirklich beeindruckt hat uns das Gespräch mit Tancredi Capatti und Matthias Staubach, das wir mit den beiden Planern zur 4-Tage-Woche führen durften. Nach dem Motto „Machen ist wie Wollen, nur krasser“ hat das Büro vor rund einem Jahr von fünf Arbeitstagen auf vier umgestellt. Doch überzeugen Sie sich hier selbst: 4 Tage Woche.

Die Planer*innen des Jahres

2022 – die gastkuratierte G+L Ausgabe macht dieses Büro

Zahlreiche Personen und Büros der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung feierten 2021 tolle Erfolge. Sich hier auf eine Person festzulegen, fällt uns schwer. Besonders beeindruckt hat uns aber definitiv dieses Jahr eine Landschaftsarchitektin, die wir hier auch nochmal gesondert hervorheben wollen: Andrea Gebhard. Andrea Gebhard wurde 2021 nicht nur zur neuen Präsidentin der Bundesarchitektenkammer gewählt. Sie zählte mit ihrem Büro zudem zahlreiche Erfolge – wie zum Beispiel der oben genannte Bayerische Landschaftsarchitekturpreis. Das Projekt Baumkirchen Mitte erhielt zudem eine Auszeichnung beim Deutschen Landschaftsarchitektur-Preis 2021. Zum Jahresabschluss erhielt Andrea Gebhard zudem den Architekturpreis 2021 der Stadt München. Wir sagen auch hier nochmal: Herzlichen Glückwunsch.

Liebe Leser*innen, der G+L Award 2021 ging hiermit in die erste Runde. Welche Kategorien sollen wir kommendes Jahr vergeben? Haben Sie Ideen? Und was haben wir Weltbewegendes vergessen? Schreiben Sie uns gerne an redaktion@garten-landschaft.de. Wir würden uns freuen. Allen voran wünschen wir Ihnen nun aber Frohe Weihnachten, bleiben Sie gesund und wir freuen uns auf das kommende Jahr mit Ihnen. Was uns dann erwartet? Unter anderem eine weitere gastkuratierte Ausgabe. Sie wollen schon mal raten, welches Büro die Novemberausgabe 2022 der G+L gestalten wird? Okay, wir geben folgende zwei Hinweise: Erstens „Dickes B“ und zweitens „eine Landschaft des bewegten Denkens“. Na? Wer kommt drauf?

Deutschlands berühmtester Pflanzenfreak

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Ende November war der 50. Todestag von Karl Foerster – einer der prägenden Charaktere der modernen Gartenkultur. Ein Nachruf.

Die Weiterentwicklung des Gartens durch Karl Foerster

Vor 50 Jahren, am 27. November, starb mit Karl Foerster (1874–1970) einer der eigenartigsten Figuren der Landschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts. Politisch konservativ, aber anpassungsfähig, vernetzt bis in die höchsten Gesellschaftsschichten, mit neo-romantischen Vorlieben und doch Vorkämpfer einer traditionsbefreiten Sicht auf den Garten, blieb der Pflanzenzüchter Foerster sein Leben lang eine Art offensiver Botschafter Floras auf Erden.

Bereits früh suchten ihn Kreative wie Käthe Kollwitz oder Richard Neutra nicht nur aus fachlichen Gründen auf; die spirituelle Ausstrahlung des schmerzgeplagten Außenseiters zog die Menschen an. Es fällt schwer, seine gefühligen Aphorismen mit Ernst zu lesen. Gleichzeitig werden sie verkaufsfördernd in Coffee-Table-Büchern eingesetzt.

Bis hin zu Piet Oudolf bezeugen heute viele die Bedeutung Foersters für die Weiterentwicklung des Gartens. Und doch war Letzterer für ihn zunächst nicht viel mehr als der Ausstellungsort für seine „Feuerspiegel“ und „Juwelentürme“ in rhythmisierter Setzung. Den wirklich modernen Wohngarten schufen andere, aber die waren auf seine sehr vitalen Selektionen angewiesen. Zudem ließ sich mit der von Foerster angestrebten Farbklarheit und Schärfung der arttypischen Gesamtcharakteristik entwurflich anders arbeiten.

Gesellschaftliche Verantwortung

Und schließlich erweiterte er das Sortiment mit pflegeleichten Arten so, dass die „Neue Sachlichkeit“ im Garten ausdrucksfähig wurde – beispielsweise in der damals ungewohnten Schlichtheit von Schmuckgräsern. Doch „pflegeleicht“ ist ein relativer Begriff. Was in den 1920ern im Vergleich mit den Ornamentbeeten der Kaiserzeit als einfach galt, sollte in späteren Jahrzehnten angesichts schwindender Mittel der öffentlichen Hand noch zu aufwendig sein. Erst die neue Staudenliebe der letzten zwei Jahrzehnte – mit der Formel „Echinacaea zwischen Federgras“ grob umrissen – scheint wieder an die Pflanzenlust der Zwischenkriegszeit anzuknüpfen.

Während Foerster von Neuentdeckungen großer „Schätze“ träumte, fangen wir heute mit Steppenstauden die Sinnlichkeit der schwindenden Ruderal- Wildnis ein oder ersehnen mit wackeligen Staketenzäunen Ländlichkeit im Urbanen. Angeblich liegt das Hauptaugenmerk dabei auf den Bienen, denen außerhalb der Städte die Blüten ausgehen. Foerster glaubte fest an eine gesellschaftliche Verantwortung des Berufs und hätte sich in unserer Zeit durch züchterische Arbeit der biologischen Verarmung der Welt entgegenstemmen wollen.

Neuartige Pflanzenbilder

Diesem Geist entsprechend schrieb Hermann Mattern vor knapp dreißig Jahren in Gedenken an ihn in dieser Zeitschrift (03/1971, S. 80): Ein guter Gärtner müsse „[…] den Kinderglauben in sich bewusst machen, dass die Welt und alle ihr zugehörigen Naturreiche sich unentwegt in der Höherentwicklung befinden und dass der Mensch, als das intelligenteste Erdenwesen, das Seine dazu beitragen kann, ja beitragen muss“. Wäre Foerster heute aktiv, würde er sich von seinem wasserhungrigen Liebling Phlox wohl verabschieden und ganz neuartige Pflanzbilder wagen, um der Zeit eine neue Sprache zu geben.