Quartiersentwicklung – Die neue G+L im Juni 2026!

Foto: Will Truettner (@willy_teee) via Unsplash

Das Quartier ist die Bühne des Alltags. Kinder spielen, Nachbar*innen kommen ins Gespräch, Wege und Plätze werden zu Begegnungsräumen. Gleichzeitig treffen genau hier, im Quartier, die großen Herausforderungen unserer Zeit aufeinander: Klimawandel, Wohnraummangel, Mobilitätswende und die Frage, wie urbanes Leben künftig aussehen soll. In diesem Spannungsfeld rückt die Quartiersentwicklung zunehmend in den Mittelpunkt – als Maßstab, auf dem sich entscheidet, ob urbane Transformation tatsächlich gelingt.

Lebensraum, Identitätsanker und Experimentierfeld

Das Quartier ist mehr als nur eine räumliche Einheit. Es ist Lebensraum, Identitätsanker und Experimentierfeld zugleich. Hier treffen globale Herausforderungen auf den konkreten Alltag der Menschen. Genau deshalb liegt in der Entwicklung von Quartieren eine besondere Chance: Lösungen können nicht abstrakt bleiben, sondern müssen sich im gelebten Raum bewähren.

Dieses Heft widmet sich der Frage, wie Quartiere heute gedacht, entwickelt und weitergebaut werden können. Im Fokus stehen dabei nicht nur Neubaugebiete, sondern insbesondere der Bestand – jene vielschichtigen, oft widersprüchlichen Räume, in denen Transformation unter realen Bedingungen stattfindet. Hier zeigt sich, wie wichtig ein präzises Verständnis lokaler Kontexte ist: von räumlichen Strukturen über soziale Dynamiken bis hin zu bestehenden Infrastrukturen und Freiräumen. Quartiersentwicklung ist immer auch Aushandlung – zwischen Akteur*innen, Interessen und zeitlichen Horizonten.

Freiräume als strukturierende Elemente

Landschaftsarchitektur kommt dabei eine besondere Rolle zu. Freiräume sind nicht länger nur Ergänzung, sondern strukturierende Elemente von Quartieren: Sie leisten Beiträge zur Klimaanpassung, fördern Biodiversität und bieten zugleich Orte der Aneignung und Begegnung. In ihrer Mehrdeutigkeit eröffnen sie Spielräume für eine resiliente und inklusive Entwicklung. Gleichzeitig erfordert dies neue planerische Werkzeuge und Haltungen – etwa im Umgang mit Unsicherheit, in der Prozessgestaltung oder in der Einbindung von Nutzer*innen.

Bei aller Dynamik dürfen wir eines nicht aus dem Blick verlieren. Quartiersentwicklung ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiger Prozess. Entscheidungen von heute prägen die Lebensqualität kommender Generationen. Umso wichtiger ist es, mutig zu denken und zugleich sorgfältig zu handeln.

Gesellschaftliche Aufgabe

Diese Ausgabe widmet sich genau diesen Fragen. Sie zeigt Projekte, die neue Wege gehen, diskutiert Strategien für klimaresiliente Freiräume und beleuchtet die Rolle von Planung als gesellschaftliche Aufgabe. Denn eines ist klar: Die Zukunft der Stadt entscheidet sich im Quartier.

 

Die Juniausgabe gibt es hier im Shop.

In unserer Maiausgabe drehte sich alles um das Thema Stadtsanierung. Lesen Sie hier mehr davon.

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Hauptrolle für den Hamburger Hafen

An prominenter Stelle hat Hamburg ein neues Stadtmöbelstück mit spektakulärer Beleuchtung bekommen: eine Hafenpromenade als Hochwasserschutzanlage von den Landungsbrücken bis zur Speicherstadt. Das Lichtkonzept zu der prägnanten Architektur von Zaha Hadid Architekten stammt vom Planungsbüro Schlotfeldt Licht. 

Es sieht heute leer aus im Hamburger Hafen. Noch vor wenigen Jahrzehnten tummelten sich auf der Norderelbe Boote, Schlepper, Frachter und Passagierschiffe – jetzt parken hier vor allem  Museums- und Ausflugsschiffe. Das Leben am Nordufer des Flusses hat sich verändert. In den frühen 1930er-Jahren diente das Elbufer an den Vorsetzen in Hamburg dem Güterumschlag. Zwischen Hochbahnviadukt und Kaimauer standen Schuppen und Kräne, wirkten See- und Schauerleute. Hier gab es dunkle Räume und dunkle Gestalten, aber auch lichte Momente und jeden Tag Lohn für Handarbeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und zwei verheerenden Sturmfluten 1961 und 1978 schloss lange Zeit eine Hochwasserschutzanlage die Stadt vom Hafen und vom Wasser ab. Im Hafen war die Arbeit schmutzig und ölig – in der Stadt wich die produzierende immer mehr der administrativen Arbeit. Seit Container außerhalb des Stadtzentrums umgeschlagen werden und der Stückgutverkehr fast keine Rolle mehr spielt, die Freihafengrenze verlegt ist und die HafenCity mit großen Schritten wächst, gehören auch die alten Hafengebiete am Nordufer der Elbe zur Stadt. Sie wandelten sich vom Hinterhof zum Salon. Die Einfahrt der großen Kreuzfahrt- und Frachtschiffe ist eine Attraktion geworden und längst kein Tagesgeschäft mehr.

Stadt und Hafen

Die Flutschutzanlage hat den Charakter der Grenzlinie eingebüßt. Die Sportboote, Restaurants, Museumsschiffe und Musical-Theater am Südufer der Norderelbe gehören mehr zur Stadt als zum Hafenbetrieb. Dieser ist südlich der Norderelbe förmlich in den Hintergrund getreten. Spätestens 2006, als die Flutschutzanlage im Rahmen einer „Architektur Olympiade“ unter vielen Projekten in der Stadt zum Gegenstand einer architektonischen Neuinterpretation werden sollte, war klar, dass es hier zu einem signifikanten Wandel kommen musste. Zaha Hadid Architekten stellten sich der Aufgabe. Mit den für ihr Büro obligatorisch gerundeten Formen entwarf Hadid eine neue Promenade, die nicht nur flussauf- und -abwärts beschritten, sondern auch gequert werden kann. Der erste Bauabschnitt der Hafenpromenade – in unmittelbarer Nähe der Elbphilharmonie – ist jetzt fertig gestellt worden. Auf der Stadt- wie auf der Hafenseite sind Treppen wie Theaterforen ausgebildet.

Die Stadt hat in ihrem Wohnzimmer ein neues Möbelstück bekommen, dessen Stufen sich zum Sitzen eignen. Stadtflaneure können hier wie auf einem überdimensionierten Sofa verweilen und entweder das Stadtleben oder das Hafengeschehen wie auf einer Bühne verfolgen. Mit dem Unterschied, dass dieses Schauspiel nicht inszeniert wird – jedenfalls nicht im Regelfall. Spätestens bei einer Sturmflut dürften sich die Plätze in der ersten Reihe als ungemütlich erweisen. Die Assoziation vom Wasser ausgespülter Buchten, die dem Entwurfsgedanken der Treppenanlagen zugrunde liegt, fordert das Sicherheitsbedürfnis und die Angst vor der Flut heraus, die hinter dem Bau der Anlage stehen.

In jedem Fall ist hier ein vielfältig kommunikativer Raum entstanden, der Stadt- und Wasserseite miteinander verbindet und als Promenade gut funktioniert. Fast nebenbei dient das Bauwerk dem Hochwasserschutz. […]

Wie die Lichtplanung den Entwurf maßgeblich beeinflusste lesen Sie in Garten+Landschaft 03/2016 – Licht im Freiraum.

Promenade Niederhafen Hamburg
Bauherr: Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, Hamburg
Architektur: Zaha Hadid Architects, London
Lichtplanung: Schlotfeldt Licht, Hamburg
Zeitraum: 2006 – 2015
Fläche: 625 Quadratmeter

Wettbewerbsübersicht März 2019 (2/2)

Quartierspark Linsingenkaserne in Hameln, 1. Preis hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin

Interessiert an aktuellen Wettbewerbsergebnissen der Landschaftsarchitektur, aber kaum Zeit sich diese richtig anzuschauen? In der Wettbewerbsübersicht der G+L informiert Heike Vossen monatlich über die spannendsten Wettbewerbsergebnisse.

Umgestaltung des Marktplatzes in Witzenhausen, 1. Preis impuls Landschaftsarchitektur, Jena

Im Zentrum des geplanten Bildungs- und Gesundheitscampus auf dem ehemaligen Kasernengelände Linsingen soll ein Quartierspark entstehen. Das Planungsbüro hutterreimann Landschaftsarchitektur entwickelt den Park als quartiersverbindendes Element, das die Barriere der bisher abgeschlossenen Kaserne durchkreuzt. Dafür spannen die Planer ein Wegenetz auf und verknüpfen den Park über fünf „Ankerplätze“ an den Eingängen mit den angrenzenden Quartieren und dem Bildungscampus. Das Wegenetz teilt die Parkfläche in vier Grünflächen auf. In der formalen Ausgestaltung zwar ähnlich, weisen sie jeweils einen eigenständigen Charakter auf: Die „Arena“ im Nordwesten nimmt die Topographie des alten Exerzierplatzes auf und bietet sportliche Intensivflächen für Skaten, Streetball, Rollsport und Calisthenics. Extensivere Parkbereiche bilden im Süden die „feuchte Senke“, mit ihrer Retentionsmulde, die freie Wiese als offene Spielfläche, sowie das Wäldchen als Rückzugsort für Naturerlebnis und Rodelfläche im Winter.

 

Regenpromenade und –brücke Mitterdorf in Roding, 1. Preis DKFS Architects, London mit Lex Kerfers Landschaftsarchitekten und Stadtplaner, Bockhorn

impuls Landschaftsarchitektur überzeugte mit einer reduzierten, aber sehr differenzierten und zukunftsorientierten Entwurfsidee, die Ort und Historie berücksichtigt. Der Entwurf arbeitet den Platz als großes zusammenführendes Zentrum heraus. Das Rathaus rückt so in den Mittelpunkt und erhält als raumstarkes Gegenüber das Baumpaket der bestehenden Platanen. Südlich des Rathauses ergänzen zwei weitere Hochstämme die bestehende Platane zu einem Platanendach. Die beiden Baumdächer im Süden und Norden erhalten einen Formschnitt und bieten jeweils kompakte schattenspendende Aufenthaltsbereiche. Eine Reihenpflasterung aus Kleinstein fasst den Platz bis zu seinen Rändern. Der Innenbereich des Platzes hebt sich mit gesägter Oberfläche als Intarsie hervor. Sie nimmt die Fluchten des Rathauses auf und betont die zentrale Stellung des Gebäudes. Parallel der umfassenden Gebäudekanten verlaufen flache Entwässerungsrinnen aus Naturstein. Sie rahmen die Platzfläche zusätzlich, und ermöglichen, den Platz nahezu barrierefrei an die Gebäude anzubinden.

 

Die Stadt Roding will den Uferbereich des Regens im gegenüberliegenden Ortsteil Mitterdorf hochwassergerecht gestalten, sowie eine eigenständige Fuß- und Radwegeverbindung über den Regen schaffen. So wenig Gebautes und Befestigtes wie nötig, und so viel Grün wie möglich, lautet die Zielsetzung des Siegerteams aus DKFS Architects und Lex Kerfers Landschaftsarchitekten. Nicht das Design der Schutzanlagen, sondern deren Integration in die Naturlandschaft steht im Vordergrund. Die Brücke präsentiert sich skulptural anspruchsvoll, fügt sich aber zugleich unaufdringlich in die Landschaft ein. Die Hochwasserschutzmauer verläuft geschwungen, mit vorgelagerten Beetflächen und gliedernden Sitznischen. Die Uferpromenade führt relativ nah am Wasserspiegel entlang und bleibt frei von Einbauten. Die Öffnungen zum Uferraum lassen sich im Hochwasserfall schließen. Die Durchgänge bilden wie die Brücke inszenierte Ausblicke auf die Flusslandschaft und sind über Stufen oder Rampen an die Uferpromenade angebunden.