Renaturierung Bedeutung: Funktion, Vorteile und Beispiele

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Renaturierung Bedeutung
Verschneite Flussufer im Winter – ein stilles Naturbild aus der kalten Jahreszeit. (Foto: sagatto / Unsplash)

Flüsse, die sich wieder schlängeln dürfen. Moore, die wieder atmen. Auen, die wieder überschwemmt werden. Renaturierung bedeutet weit mehr als das Rückgängigmachen menschlicher Eingriffe in die Natur: Sie ist eine der wirkungsmächtigsten Strategien, die Landschaftsarchitektur, Stadtplanung und Ökologie gemeinsam zur Verfügung haben, um degradierte Ökosysteme in funktionsfähige Lebensräume zurückzuverwandeln, Biodiversität zu fördern, Klimafolgen abzupuffern und die Lebensqualität in Stadt und Land gleichermaßen zu steigern. Wer Renaturierung versteht, versteht, wie Planung Landschaft nicht nur gestaltet, sondern heilt.

  • Was Renaturierung bedeutet: Definition, Abgrenzung und Fachbegriffe
  • Historische Hintergründe: Warum Landschaften überhaupt degradiert wurden
  • Ökologische Funktionen und Systemleistungen renaturierter Flächen
  • Renaturierung als Instrument des Klimaschutzes und der Klimaanpassung
  • Typische Renaturierungsmaßnahmen: Fließgewässer, Moore, Auen, Stadtlandschaften
  • Planungsrechtliche Grundlagen und Einbettung in Fachrecht und Förderprogramme
  • Häufige Fehler, Missverständnisse und Grenzen der Renaturierung
  • Renaturierung im städtischen Kontext: Chancen für Freiraumplanung und Stadtentwicklung

Renaturierung Bedeutung: Definition, Abgrenzung und Fachbegriffe

Renaturierung bezeichnet die gezielte Wiederherstellung natürlicher oder naturnaher Zustände in Ökosystemen, die durch menschliche Nutzung, technische Eingriffe oder Übernutzung in ihrer Struktur, Funktion und Artenvielfalt beeinträchtigt wurden. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „natura“ ab und meint im Kern die Rückführung einer Fläche oder eines Gewässers in einen Zustand, der ökologischen Prozessen wieder Raum gibt. In der Fachsprache wird Renaturierung häufig synonym mit dem englischen Begriff „ecological restoration“ verwendet, obwohl dieser im internationalen Diskurs etwas weiter gefasst ist und auch Maßnahmen in weniger stark gestörten Systemen einschließt.

Vom Begriff der Renaturierung abzugrenzen sind verwandte Konzepte, die in der Planungspraxis oft durcheinandergeraten. Rekultivierung bezeichnet die Wiederherstellung einer landwirtschaftlichen oder forstwirtschaftlichen Nutzbarkeit, nicht notwendigerweise eines ökologischen Zustands. Revitalisierung meint die Belebung eines Raumes, oft mit stärkerem Bezug auf Nutzungsqualitäten für Menschen. Naturschutzfachlich präziser ist der Begriff der Restaurierung, der auf die Wiederherstellung eines historisch definierten Referenzzustands zielt. Die Society for Ecological Restoration (SER) definiert „ecological restoration“ als den Prozess der Unterstützung der Erholung eines Ökosystems, das durch Degradierung, Schädigung oder Zerstörung beeinträchtigt wurde. Diese Definition macht deutlich, dass Renaturierung kein einmaliger Akt ist, sondern ein Prozess, der Initiierung, Begleitung und Monitoring erfordert.

In der deutschen Planungspraxis wird Renaturierung als Oberbegriff für ein breites Spektrum von Maßnahmen verwendet: die Laufverlängerung begradigter Bäche, die Wiedervernässung entwässerter Moore, die Entfernung von Uferbefestigungen an Flüssen, die Rücknahme von Drainagen in Feuchtwiesen, die Entsiegelung versiegelter Flächen in Städten oder die Anlage von Blühstreifen auf Intensivackerflächen. Diese Maßnahmen unterscheiden sich erheblich in Eingriffstiefe, Zeitbedarf und Wirkungsradius, teilen aber das gemeinsame Ziel, ökologische Prozesse zu ermöglichen, die durch menschliche Nutzung unterbrochen oder unterbunden wurden.

Historische Hintergründe: Wie Landschaften degradiert wurden

Die Renaturierung bedeutung erschließt sich erst vollständig, wenn man versteht, welche Prozesse zur Degradierung von Ökosystemen geführt haben. In Mitteleuropa sind die Ursachen tief in der Agrar-, Industrie- und Siedlungsgeschichte verwurzelt. Die systematische Begradigung von Fließgewässern begann in großem Maßstab im 18. und 19. Jahrhundert, als Ingenieure Flüsse und Bäche für Schifffahrt, Entwässerung und Hochwasserschutz in schnurgerade Kanäle zwangen. Der Rhein verlor dabei weite Teile seiner natürlichen Mäander und Auen; ähnliches gilt für Elbe, Oder, Isar und unzählige kleinere Gewässer. Die Folge war ein dramatischer Verlust an Lebensraum für Fische, Amphibien, Insekten und Vögel sowie eine beschleunigte Abführung von Hochwasserwellen, die flussabwärts zu erhöhten Schäden führte.

Moore wurden über Jahrhunderte entwässert und in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt. Allein in Deutschland sind schätzungsweise mehr als neunzig Prozent der ursprünglichen Moorflächen durch Entwässerung, Torfabbau oder Umbruch zerstört oder stark beeinträchtigt. Dabei gingen nicht nur Lebensräume für hochspezialisierte Arten verloren, sondern auch enorme Kohlenstoffspeicher: Intakte Moore binden pro Flächeneinheit mehr Kohlenstoff als jeder andere terrestrische Ökosystemtyp. Ihre Entwässerung setzt diesen Kohlenstoff als CO2 und Methan frei und macht degradierte Moore zu bedeutenden Treibhausgasquellen.

In Städten vollzog sich die Degradierung durch Versiegelung, Kanalisierung von Bächen und Überformung natürlicher Geländestrukturen. Viele Stadtbäche wurden im 20. Jahrhundert in unterirdische Rohre verlegt, um Bauland zu gewinnen oder Hochwasserrisiken zu reduzieren. Das Ergebnis waren ökologisch tote Kanäle unter der Stadt, während oberirdisch jede Verbindung zum natürlichen Wasserkreislauf unterbrochen wurde. Diese Geschichte der Überformung ist der Ausgangspunkt, von dem aus Renaturierungsmaßnahmen heute ihren Wirkungsradius entfalten.

Ökologische Funktionen und Systemleistungen renaturierter Flächen

Die ökologische Bedeutung der Renaturierung liegt in der Wiederherstellung von Ökosystemfunktionen, die Fachleute heute als Ökosystemleistungen (ecosystem services) beschreiben. Dieser Begriff fasst alle Leistungen zusammen, die natürliche Systeme für Mensch und Gesellschaft erbringen, von der Trinkwasserfilterung über die Bestäubung von Nutzpflanzen bis zur Regulierung des Lokalklimas. Renaturierte Flächen erbringen diese Leistungen in einem Maß, das technische Ersatzlösungen selten erreichen und wenn, dann nur zu einem Vielfachen der Kosten.

Renaturierte Fließgewässer mit wiederhergestellten Mäandern, Kiesbänken und Ufergehölzen bieten Laichhabitate für Fische, Lebensraum für Libellen, Eisvögel und Wasseramsel, filtern Nährstoffe aus dem Wasser und verlangsamen den Abfluss bei Hochwasser. Die Verlangsamung des Abflusses ist dabei eine der wichtigsten Leistungen: Ein mäandrierender Bach hat eine deutlich längere Fließstrecke als ein begradigter Kanal gleicher Länge, was die Retentionszeit des Wassers erhöht und Hochwasserspitzen dämpft. Diese natürliche Rückhaltewirkung ist in der Wasserwirtschaft als dezentraler Hochwasserschutz anerkannt und wird in modernen Gewässerentwicklungskonzepten systematisch genutzt.

Wiedervernässte Moore entfalten ihre Ökosystemleistungen auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Als Kohlenstoffspeicher binden sie organisches Material über Jahrtausende, solange sie wassergesättigt bleiben. Als Wasserrückhaltesysteme puffern sie Niederschlagsereignisse und geben Wasser in Trockenphasen langsam wieder ab. Als Lebensraum beherbergen sie hochspezialisierte Artengemeinschaften, darunter viele gefährdete Pflanzen- und Tierarten, die außerhalb von Mooren keine Überlebenschance haben. Die Renaturierung bedeutung für den Klimaschutz ist bei Mooren besonders hoch: Jeder Hektar wiedervernässtes Hochmoor reduziert die jährlichen Treibhausgasemissionen um mehrere Tonnen CO2-Äquivalente.

Renaturierte Auen, also die Überflutungsbereiche entlang von Flüssen, die wieder periodisch überschwemmt werden dürfen, entwickeln eine außerordentliche Biodiversität. Die Dynamik aus Überflutung, Trockenheit, Sedimentumlagerung und Pioniervegetation schafft eine Vielfalt an Mikrohabitaten, die statische Landschaften nicht bieten können. Weichholzauen mit Weiden und Pappeln, Hartholzauen mit Eichen und Eschen, Schilfflächen, Kiesbänke und Altarme sind Bestandteile eines Mosaiks, das zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas gehört.

Renaturierung als Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategie

Die Renaturierung bedeutung für den Klimaschutz ist in den letzten Jahren in den Mittelpunkt des fachlichen und politischen Diskurses gerückt. Auf europäischer Ebene hat die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law), die nach intensiven politischen Auseinandersetzungen verabschiedet wurde, verbindliche Ziele für die Renaturierung degradierter Ökosysteme in den Mitgliedstaaten festgelegt. Sie verpflichtet die Mitgliedstaaten, bis 2030 mindestens zwanzig Prozent der Land- und Meeresflächen der EU zu renaturieren und bis 2050 alle renaturierungsbedürftigen Ökosysteme in einen guten Zustand zu bringen. Diese Ziele sind ambitioniert und erfordern eine erhebliche Ausweitung der Planungskapazitäten und Fördermittel.

Klimaanpassung und Klimaschutz sind bei der Renaturierung keine getrennten Ziele, sondern greifen ineinander. Renaturierte Flächen kühlen ihr Umfeld durch Verdunstung, beschatten Gewässer und Böden, speichern Wasser in der Fläche statt es schnell abzuleiten und reduzieren so die Aufheizung urbaner und ruraler Räume. Besonders in Städten, wo Hitzeinseleffekte durch Versiegelung und Bebauungsdichte besonders ausgeprägt sind, kann die Renaturierung von Brachflächen, Stadtbächen und Grünzügen einen messbaren Beitrag zur Temperaturregulation leisten. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von grüner und blaugrüner Infrastruktur, also von vernetzten Systemen aus Vegetation und Wasser, die als funktionale Elemente der Stadtplanung verstanden werden.

Die Verbindung zwischen Renaturierung und Wasserhaushalt ist besonders in Zeiten zunehmender Trockenperioden relevant. Renaturierte Böden mit hohem organischen Anteil und ungestörter Bodenstruktur nehmen Niederschlagswasser schneller auf, speichern es länger und geben es gleichmäßiger ab als verdichtete oder versiegelte Böden. Dieser Schwammeffekt, den Fachleute als Wasserrückhalt in der Fläche bezeichnen, ist eine der wirkungsvollsten Antworten auf die zunehmende Häufigkeit von Extremwetterereignissen, die zwischen Starkregen und Dürre wechseln.

Typische Renaturierungsmaßnahmen: Fließgewässer, Moore, Auen und Stadtlandschaften

Die Bandbreite konkreter Renaturierungsmaßnahmen ist groß, und ihre Auswahl hängt vom Ausgangszustand des Ökosystems, den Planungszielen und den verfügbaren Ressourcen ab. Bei Fließgewässern umfasst das Spektrum die Laufverlängerung durch Wiederherstellung von Mäandern, die Entfernung von Sohlschwellen und Querbauwerken, die Rücknahme von Uferbefestigungen aus Beton oder Steinschüttung, die Anlage von Ufergehölzstreifen und die Wiederanbindung von Altarmen. Jede dieser Maßnahmen hat unterschiedliche Wirkungsgrade und Anforderungen an Fläche, Zeit und Eingriff.

Bei der Moorrenaturierung steht die Wiedervernässung im Vordergrund. Entwässerungsgräben werden verfüllt oder mit Staudämmen aus Torf oder Holz abgedichtet, um den Wasserstand anzuheben. Dieser Prozess ist nicht reversibel in dem Sinne, dass ein Moor sofort wieder seinen ursprünglichen Zustand erreicht: Die Wiederbesiedlung durch moortypische Vegetation, insbesondere durch Torfmoose (Sphagnum), kann Jahrzehnte dauern. Dennoch beginnt die Reduktion der Treibhausgasemissionen bereits kurz nach der Wiedervernässung, weil die Zersetzung des organischen Materials im wassergesättigten Zustand stark verlangsamt wird.

Im städtischen Kontext sind Bachfreilegungen eine der sichtbarsten und wirkungsvollsten Formen der Renaturierung. Stadtbäche, die im 20. Jahrhundert in Rohre verlegt wurden, werden wieder ans Tageslicht gebracht, in naturnahe Betten eingebettet und mit Ufervegetation begleitet. Bekannte Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass solche Projekte nicht nur ökologisch wirken, sondern auch die Aufenthaltsqualität von Stadtquartieren erheblich verbessern und als Identifikationsorte für die Bevölkerung wirken. Die Kombination aus ökologischer Funktion und sozialer Qualität macht Bachfreilegungen zu einem Paradebeispiel für multifunktionale Freiraumplanung.

Entsiegelung und Flächenrenaturierung im urbanen Raum

Entsiegelung, also die Entfernung von Asphalt, Beton oder anderen wasserdichten Belägen und die Wiederherstellung eines belebten Bodens, ist eine Form der Renaturierung, die im städtischen Kontext besondere Bedeutung hat. Jeder Quadratmeter entsiegelter Fläche verbessert die Versickerungsfähigkeit des Bodens, reduziert den Oberflächenabfluss bei Starkregen und schafft Potenzial für Vegetation. Allerdings ist Entsiegelung allein keine Renaturierung im vollen Sinne: Ein entsiegelter Boden, der anschließend verdichtet oder mit nicht standortgerechter Vegetation bepflanzt wird, entfaltet nur einen Bruchteil seiner möglichen ökologischen Leistungsfähigkeit. Entscheidend ist die Wiederherstellung eines funktionsfähigen Bodenlebens, das Bodenstruktur, Wasserhaushalt und Nährstoffkreislauf trägt.

Brachflächen in Städten, ob ehemalige Industrieareale, aufgelassene Bahnanlagen oder Restflächen im Siedlungsgefüge, bieten häufig überraschend hohe Biodiversität, weil sich auf ihnen ohne menschliches Zutun Pioniervegetation und Sukzessionsgemeinschaften entwickeln. Die Planungspraxis steht hier vor der Frage, wie viel Steuerung sinnvoll ist: Vollständige Renaturierung mit aktiver Bepflanzung, gelenkte Sukzession mit gezielten Eingriffen oder Offenlassen mit Monitoring. Die Antwort hängt von den Planungszielen, dem Zeitrahmen und der Lage im Stadtgefüge ab.

Planungsrechtliche Grundlagen und Einbettung in Fachrecht

Renaturierung ist in Deutschland in ein dichtes Geflecht aus Fachrecht, Planungsinstrumenten und Förderprogrammen eingebettet. Das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) verpflichtet Bund und Länder zur Sicherung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts. Die Eingriffsregelung, ein zentrales Instrument des deutschen Naturschutzrechts, verlangt, dass unvermeidbare Eingriffe in Natur und Landschaft durch Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen kompensiert werden. Renaturierungsmaßnahmen werden häufig als solche Kompensationsmaßnahmen geplant und umgesetzt, was ihnen eine wichtige Rolle im Planungsalltag gibt.

Die Wasserrahmenrichtlinie der EU (WRRL) verpflichtet die Mitgliedstaaten, einen guten ökologischen Zustand aller Oberflächengewässer zu erreichen. Dieses Ziel ist ohne Renaturierungsmaßnahmen an Fließgewässern nicht erreichbar, weshalb die WRRL einen starken Impuls für Gewässerrenaturierungen in ganz Europa gegeben hat. In Deutschland setzen die Länder diese Anforderungen über Bewirtschaftungspläne und Maßnahmenprogramme um, die konkrete Renaturierungsvorhaben benennen und priorisieren. Die Förderung erfolgt über EU-Fonds (ELER, EFRE), Bundesprogramme und Landesmittel, wobei die Förderlandschaft komplex und für Planungsbüros und Kommunen oft schwer zu überblicken ist.

Für die Freiraumplanung relevant ist auch die Einbindung von Renaturierungszielen in die Bauleitplanung. Flächennutzungspläne können Flächen für Maßnahmen zum Schutz, zur Pflege und zur Entwicklung von Natur und Landschaft ausweisen; Bebauungspläne können entsprechende Festsetzungen treffen. Landschaftspläne und Grünordnungspläne sind die fachplanerischen Instrumente, mit denen Renaturierungsziele räumlich konkretisiert und in die Abwägung mit anderen Nutzungsansprüchen eingebracht werden.

Häufige Fehler, Missverständnisse und Grenzen der Renaturierung

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Renaturierung als einfaches Zurückdrehen eines Zustands zu verstehen. Tatsächlich ist das Referenzsystem, auf das sich Renaturierung bezieht, in den meisten Fällen nicht mehr existent oder nicht mehr erreichbar. Böden, Grundwasserstände, Artenzusammensetzungen und hydrologische Verhältnisse haben sich durch Jahrzehnte oder Jahrhunderte der Nutzung so verändert, dass eine vollständige Wiederherstellung des historischen Zustands weder möglich noch sinnvoll ist. Renaturierung zielt deshalb realistischerweise auf einen funktionsfähigen, naturnahen Zustand, nicht auf eine historische Rekonstruktion.

Ein weiterer Fehler in der Planungspraxis ist die Unterschätzung des Zeitbedarfs. Ökosysteme entwickeln sich nicht nach menschlichen Projektlaufzeiten. Ein renaturierter Bach braucht Jahre, bis sich eine stabile Gewässermorphologie eingestellt hat; ein wiedervernässtes Moor braucht Jahrzehnte, bis Torfmoose dominieren; ein renaturierter Wald braucht Generationen. Renaturierungsprojekte, die nach drei Jahren Monitoring als abgeschlossen betrachtet werden, erfassen oft nur die Initialphase einer langen Entwicklung. Langfristiges Monitoring und adaptive Managementstrategien, also die Bereitschaft, auf unerwartete Entwicklungen zu reagieren und Maßnahmen anzupassen, sind deshalb unverzichtbare Bestandteile jedes seriösen Renaturierungskonzepts.

Renaturierung kann auch scheitern, wenn die Einzugsgebietsbedingungen nicht stimmen. Ein renaturierter Bach, der weiterhin hohe Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft empfängt, wird keine naturnahe Gewässerbiozönose entwickeln, egal wie gut die Maßnahmen am Gewässer selbst sind. Renaturierung muss deshalb systemisch gedacht werden: Die Maßnahmen am Gewässer, in der Aue und im Einzugsgebiet müssen aufeinander abgestimmt sein. Isolierte Einzelmaßnahmen ohne Berücksichtigung der Landschaftsebene bleiben in ihrer Wirkung begrenzt.

Renaturierung als Zukunftsaufgabe der Landschaftsarchitektur

Renaturierung bedeutung entfaltet sich vollständig erst, wenn man sie als integrale Aufgabe der Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung begreift, nicht als Nischenthema des Naturschutzes. Die Herausforderungen des Klimawandels, des Biodiversitätsverlusts und der Ressourcenknappheit machen die Wiederherstellung ökologischer Funktionen zu einer Kernaufgabe der Planung im 21. Jahrhundert. Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Freiraumplaner sind gefordert, Renaturierungsziele in alle Planungsebenen zu integrieren, von der Regionalplanung bis zum Detailentwurf eines Stadtplatzes.

Die Verbindung von ökologischer Funktion und gestalterischer Qualität ist dabei keine Einschränkung, sondern eine Chance. Renaturierte Flächen, die als attraktive Freiräume erlebt werden, finden breitere gesellschaftliche Akzeptanz und werden dauerhafter geschützt als Flächen, die nur als ökologische Ausgleichsflächen wahrgenommen werden. Die Gestaltung von Übergängen, Wegeführungen, Aussichtspunkten und Aufenthaltsbereichen an renaturierten Gewässern oder Mooren ist eine genuinen Aufgabe der Landschaftsarchitektur, die ökologische Wirksamkeit und Nutzungsqualität verbindet.

Die Renaturierung bedeutung für die Gesellschaft wird in dem Maß wachsen, in dem die Folgen des Verlusts ökologischer Funktionen spürbar werden: durch Hochwasser, Hitzewellen, Trinkwasserknappheit und den Rückgang von Bestäubern. Wer Renaturierung als Investition in funktionierende Landschaften versteht, die Leistungen erbringen, die keine Technik vollständig ersetzen kann, hat das Kernargument für diese Planungsaufgabe verstanden. Es geht nicht um Sentimentalität gegenüber einer verlorenen Natur, sondern um die nüchterne Erkenntnis, dass intakte Ökosysteme die Grundlage für resiliente Städte und Regionen sind.

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Petra Kahlfeldt im Interview zu der Kritik an ihrer Person

Foto: Sebastian Gabsch
Foto: Sebastian Gabsch

Die Startvoraussetzungen für die neue Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt waren von Anfang an schwierig. Bereits im Vorfeld der Ernennung der neuen Berliner Senatsbaudirektorin hatten zahlreiche Architekt*innen öffentlich ein transparentes Verfahren zur Neubesetzung der Position gefordert. Als dann die Berliner SPD die Architektin Petra Kahlfeldt im Dezember 2021 als neue Berliner Senatsbaudirektorin vorstellte, hagelte es Kritik. Allen voran von einer Gruppe von acht Architekt*innen. Wir sprachen im Interview mit Petra Kahlfeldt: was die Kritik mit ihr macht und ob sie zum Dialog mit ihren Kritiker*innen bereit ist.

„Ich bekleide nicht nur ein fachliches, sondern auch ein politisches Amt.“ – Petra Kahlfeldt im Interview

Petra Kahlfeldt, zunächst einmal Glückwunsch zur Ernennung als neue Senatsbaudirektorin. Welche Herausforderungen der Berliner Stadtentwicklung gehen Sie jetzt als erstes an?

Ich freue mich, als Senatsbaudirektorin an der Gestaltung Berlins aktiv mitwirken zu können. Stadtentwicklung ist ein ständiger Prozess und bietet immer wieder neue Möglichkeiten. Im Moment stehen im Fokus der Neubau bezahlbarer Wohnungen Schulneubau und Sanierung der bestehenden Schulen, der Kultur- und Wissenschaftsbauten, die Gestaltung wichtiger Ort, wie der ehemalige Flughafen Tegel, die Qualifizierung des Hermannplatzes oder die Entwicklung des Molkenmarkts als ein dichtes, sozial und funktional gemischtes Quartier in Berlins historischer Mitte, um nur einige zu nennen. Unser Ziel ist, schneller von der Planung zum Bauen zu kommen – das ist eine große Herausforderung, aber notwendig, wenn wir sicherstellen wollen, dass unsere Nachbarschaften und Quartiere lebendig und lebenswert bleiben.

Ihre Ernennung hat nicht nur Jubel in der Architekturszene ausgelöst. Eine Initiative von acht Architekt*innen spricht Ihnen öffentlich die Eignung für das Amt ab, fordert die Zurücknahme Ihrer Benennung, der BDA definiert in einer Stellungnahme die Neubesetzung der Senatsbaudirektion als „intransparent und ohne Vision“. Was macht das mit Ihnen?

Das Amt der Senatsbaudirektorin hat immer Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan gerufen, das ist vor allem in Berlin nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist jedoch die Heftigkeit der öffentlichen Angriffe, bevor ich überhaupt auch nur eine inhaltliche Entscheidung habe treffen können. Ich bin Senatsbaudirektorin, aber auch Staatssekretärin für Stadtentwicklung, bekleide also nicht nur ein fachliches, sondern auch ein politisches Amt. Das wird immer vergessen, wenn einige Architektinnen und Architekten die Art der Neubesetzung kritisieren. Ich bin jetzt vier Wochen im Amt und übernehme viele, bereits laufenden Projekte. Vieles kann ich prozessual und gestalterisch mittragen, in einigen Projekten werde ich eigene Akzente und neue Impulse setzen.

„Wichtig ist doch, dass auch eine Senatsbaudirektorin nicht im ‘Elfenbeinturm sitzt’.“

Arno Lederer wiederum stellte sich öffentlich gegen die „Diffamierungen“ Ihrer Person. Er forderte den BDA Berlin auf, für einen konstruktiven Dialog einzutreten. Lederer befürwortet aber auch die vorangegangene gemeinsame Forderung der Profession für ein transparentes Verfahren zur Neubesetzung. Petra Kahlfeldt, hätte man das Verfahren Ihrer Meinung nach anders aufbauen sollen?

Arno Lederer hat recht, wir müssen nicht Vergangenes bewerten, sondern gemeinsam Zukünftiges schaffen. Es wird immer Menschen geben, die einer Entscheidung widersprechen, obwohl das Regelwerk zur Besetzung einer Position festgelegt ist. Wichtig ist doch, dass auch eine Senatsbaudirektorin nicht im „Elfenbeinturm sitzt“. Was immer für das Erscheinungsbild unserer Stadt entschieden wird, ist das Ergebnis von Diskussionsprozessen. Deshalb wird auch die Arbeit des Baukollegiums, werden die Begleitkreise und Partizipationsprozesse fortgeführt.

„Meinungsäußerungen und Diskussionen gehören zu einer Demokratie, aber sie dürfen nicht zu persönlichen Angriffen und Diffamierungen führen.“ – Petra Kahlfeldt im Interview

Laut Arno Lederer habe die gemeinsame Forderung nach mehr Transparenz in der Neubesetzung zudem gezeigt, dass die deutsche Architekturszene mit einer Stimme sprechen könne. Von der Seitenlinie betrachtet: Sowohl die gemeinsame Forderung als auch die öffentliche Kritik, die nun folgte, sprechen wiederum dafür, dass Personen der Profession politische Entscheidungen hinterfragen und nicht nur hinnehmen. Über die Art und Weise kann man streiten, aber: Hat das Ganze Ihrer Meinung nach auch etwas Positives im Sinne einer gelebten Demokratie?

Meinungsäußerungen und Diskussionen gehören zu einer Demokratie, aber sie dürfen nicht zu persönlichen Angriffen und Diffamierungen führen. Solange öffentliche Kritik zum Wohl unserer Stadt geäußert wird, setze ich mich gern damit auseinander, auch das gehört zu den Aufgaben einer Senatsbaudirektorin. Nicht nur die Planerinnen und Planer sowie die Architektinnen und Architekten haben unterschiedliche Auffassungen und Interessen; auch die Bürgerinnen und Bürger wollen mit Ihren Meinungen und Bedürfnissen wahrgenommen werden und Gehör finden. Deshalb gibt es in Berlin die gesetzlichen Leitlinien für die Beteiligung der Bevölkerung. Ich werde die bereits gut etablierte Beratungs- und Prozesskultur weiterführen, um möglichst viele Interessen einzubinden.

Petra Kahlfeldt ist bereit für den Dialog mit ihren Kritiker*innen

Wie gehen Sie nun weiter? Werden Sie das Gespräch mit Ihren Kritiker*innen suchen?

Einem konstruktiven Dialog habe ich mich nie verschlossen und natürlich werde ich bei meiner Arbeit auch Kritikerinnen und Kritikern gegenüberstehen. Wenn es um konkrete Projekte geht, bin ich gern zur Diskussion bereit, denn dann geht es um die Sache und nicht mehr um Entscheidungen, die getroffen wurden und feststehen.

Was bisher geschah, haben wir Ihnen in einem Übersichtsartikel zusammengefasst. Hier lesen Sie alles zu der Kritik, aber auch zu der Unterstützung der neuen Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt.

Corona und die Städte

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In ihrem Buch analysiert Ingrid Karl, welchen Einfluss die dichten, stets wachsenden Städte auf die Corona-Pandemie und die erodierende Demokratie haben und wie die fortschreitende Globalisierung das Virus begünstigt. Warum der Untertitel “Suche nach einer neuen Normalität” nicht hält was er verspricht, aber wieso das Buch trotzdem absolut lesenswert ist, erklärt Anne Fischer. Eine Buchrezension.

Potenzial zum Klassiker

Worum es geht: Ingrid Krau analysiert, wie dicht bebaute, wachsende Städte die erodierende Demokratie und die Globalisierung den Pandemieverlauf begünstigen. Dabei richtet sie den Blick auf asiatische Megalopolen als wahrscheinlichen Virus-Ursprungsort, auf Urbanität als Lebensform, die dessen Ausbreitung begünstigt, und die Desorientierung vieler Bürger*innen durch soziale Medien, die dafür sorgt, dass im Lockdown giftige Debatten über die politische Entscheidungsgewalt ausbrechen. Im Zentrum ihrer planerischen Überlegungen stehen Städte, die sich, so die Autorin, trotz Klimakrise und daraus folgender Probleme „ihrer früheren Planungsmaxime ‚Licht, Luft und Sonne‘ in erstaunlichem Maß entledigt haben“ – und somit die perfekte Virenumgebung bieten.

Was die Autorin auszeichnet: Die Architektin und Autorin Ingrid Krau lehrte bis 2007 als Professorin für Städtebau und Stadtentwicklung an der TU München. Bereits zu dieser Zeit beschäftigte sie sich mit den Risiken, die extreme Bebauungen mit sich bringen. Krau schreibt vor allem über Städtewachstum und die Folgen fossiler Energiegewinnung.

Das ist die beste Aussage: „Die Vorstellung, wenn jetzt alle zusammen für eine kurze Zeit in den Shutdown gehen, wäre das Virus gebannt, ist ökonomisches Wunschdenken. Es bleibt wegen der Unordnung des Urbanen in den Nischen übersehener Populationen lebendig und tritt an unerwarteter Stelle wieder ans Tageslicht.“

Das erwartet die Leser*innen: Die Unterzeile „Suche nach einer neuen Normalität“ führt Erwartungen in die Irre – denn Krau seziert lediglich den Status quo. Das Buch bietet weniger Anleitung aus dem Schlamassel als präzise Analyse dazu, welchen Anteil der Städtebau an dessen Entstehung trägt. Erst auf den letzten 30 Seiten fordert sie konkrete Maßnahmen für die Zukunft, etwa Bodenfonds für Wohnzwecke, die Be- grenzung von Nachverdichtung, die Erweiterung von Grün- und Durchlüftungsräumen. Sie plädiert für „politischere“ Planung – ohne allerdings der Illusion zu erliegen, es sei einfach, den Boden der Städte „aus seiner Rolle als Spekulationsobjekt internationaler Transaktionen herauszuführen“.

Mehr Klassiker als Trend, weil … Pandemien und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft eigentlich genauso wenig neu sind wie planerische Anstrengungen, Antworten auf das Städtewachstum zu finden, die möglichst wenig Luft und Grün opfern – aber, wie Krau es formuliert: „Wachstum und Fortschritt verbinden sich mit Naturvergessenheit.“

Corona und die Städte – das Buch

Haptik: Die Planerin, der Nachhaltigkeit am Herzen liegt, hat sich folgerichtig einen Verlag gesucht, der mit Öko-Anspruch druckt – und auch auf E-Books setzt.

Design: Nicht vom futuristisch-platt geratenen Cover abschrecken lassen.

Lesefluss: Krau kombiniert umfangreiches Wissen mit präziser und geschliffener Sprache, hier und da wiederholt sie sich aber.

Fazit: Krau liefert eher meinungsstarkes Essay als lupenreines Sachbuch und zeigt Zusammenhänge im großen Erzählbogen auf: von historischen Pandemien über Kompaktwohnformen im frühen 20. Jahrhundert, die Nachverdichtung europäischer Metropolen und Lebensbiotope, die sich Menschen und Wildtiere durch zunehmende Urbanisierung teilen müssen, bis hin zur aktuellen Pandemielage, die öffentliche Räume, aber auch das Arbeiten ins Netz verlagert (und so nebenbei den Flächenbedarf verändert) und wohl langfristige Auswirkungen auf städtebauliche Konzepte haben wird. Das macht das Buch zur kurzweiligen Lektüre für Planer*innen.

Corona und die Städte. Suche nach einer neuen Normalität.

Ingrid Krau

120 Seiten
ISBN: 978-3-96238-291-9
Oekom Verlag, 2021

Print 16 Euro, E-Book 12,99 Euro

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