Renaturierung von Feuchtgebieten kann Stadtentwicklung und Naturschutz verbinden. Der Ecoparque Ciénaga de Mallorquín in Barranquilla zeigt, wie Landschaft zur lebendigen Infrastruktur wird.
Ein Park, der nicht gegen die Natur arbeitet
Wo der Río Magdalena in die Karibik übergeht und das Süßwasser des Flusses auf das salzige Wasser des Atlantiks trifft, liegt eines der ökologisch bedeutendsten Feuchtgebiete von Barranquilla: die Ciénaga de Mallorquín. Ihr weit verzweigtes Mangrovensystem bietet Lebensraum für mehr als 200 ansässige und ziehende Vogelarten und ist zugleich tief mit der Identität der kolumbianischen Küstenstadt verbunden.
Doch das Verhältnis zwischen Stadt und Lagunenlandschaft war über Jahrzehnte von Eingriffen geprägt. Infrastrukturmaßnahmen und Urbanisierung veränderten die natürlichen Prozesse des Feuchtgebiets und führten zu ökologischer Belastung und einer zunehmenden räumlichen Distanz zwischen Stadtgesellschaft und Landschaft.
Mit dem Ecoparque Ciénaga de Mallorquín setzen DEB Architecture und El Equipo Mazzanti einen anderen Akzent. Das Projekt versteht Landschaft nicht als Restfläche zwischen urbanen Strukturen, sondern als aktive Infrastruktur. Sein Ziel ist es, den Zugang zur Natur zu ermöglichen und gleichzeitig die empfindlichen ökologischen Prozesse zu schützen.
Damit wird die Renaturierung von Feuchtgebieten zu einer städtebaulichen Aufgabe.
Eine lebendige Grenze zwischen Stadt und Sumpflandschaft
Der Ecoparque ist als sogenannte „living edge“ konzipiert – als lebendiger Übergangsraum zwischen Barranquilla und dem Feuchtgebiet. Er soll das weitere Vordringen der Stadt in den Mangrovenraum begrenzen und gleichzeitig einen kontrollierten Zugang zur Landschaft schaffen. Architizer beschreibt das Projekt als System von Wegen, das eine aktive Grenze zwischen urbanem Leben und Ökosystem bildet.
Diese doppelte Funktion ist entscheidend. Der Park schützt, indem er Nutzung lenkt. Er öffnet die Landschaft, ohne sie vollständig zu erschließen.
Auf einer Fläche von rund 61.834 Quadratmetern entstehen erhöhte Wege, Beobachtungsplattformen, Aufenthaltsbereiche und Orte für gemeinschaftliche Aktivitäten. Die Konstruktionen sind so angelegt, dass der direkte Eingriff in den Boden möglichst gering bleibt und die biologischen sowie hydrologischen Prozesse des Feuchtgebiets weiter funktionieren können.
Landschaftsarchitektur über dem empfindlichen Boden
Die erhöhten Stege sind dabei mehr als reine Erschließung. Sie bestimmen, wie Menschen die Landschaft wahrnehmen und wie intensiv sie sie nutzen können.
Wer über dem Gelände durch die Mangrovenlandschaft geht, erhält Zugang zu Bereichen, die zuvor kaum erreichbar waren. Gleichzeitig bleibt der Boden weitgehend frei von einer flächigen öffentlichen Nutzung.
Diese Form der Landschaftsarchitektur reagiert unmittelbar auf die Besonderheiten des Ortes. Statt das Feuchtgebiet durch Wege, Plätze und Gebäude zu fragmentieren, werden die Bewegungsströme darüber hinweggeführt.
Der Eingriff wird damit räumlich konzentriert – und die Landschaft erhält die Möglichkeit, darunter weiterzuarbeiten.











Vom Schutzgebiet zum öffentlichen Lernort
Ein wesentlicher Bestandteil des Ecoparque-Konzepts ist die Umweltbildung. Beobachtungsplattformen schaffen Orte, an denen Besucher die Biodiversität des Feuchtgebiets kennenlernen können.
Das Naturerlebnis wird damit selbst zu einem Instrument des Naturschutzes. Wer die komplexen Zusammenhänge eines Mangrovenökosystems unmittelbar erfährt, entwickelt eine andere Beziehung zu dem Landschaftsraum.
Der Park verbindet deshalb Erholung, wissenschaftliche Beobachtung und Bildung. Natur soll nicht nur geschützt, sondern auch verständlich und erlebbar gemacht werden.
Für die Renaturierung von Feuchtgebieten ist dieser Aspekt von großer Bedeutung. Ökologische Regeneration kann langfristig nur funktionieren, wenn die Gesellschaft den Wert dieser Landschaften erkennt und ihre Nutzung entsprechend gestaltet.
Zwei Bereiche für unterschiedliche Bedürfnisse
In der ersten Phase wurde der Ecoparque in unterschiedliche Nutzungsbereiche gegliedert. Der Contemplation Districtkonzentriert sich auf Naturbeobachtung und Umweltbildung. Der Family District schafft dagegen stärker auf soziale Begegnung und Freizeit ausgerichtete Räume.
Diese Differenzierung verhindert, dass sämtliche Nutzungen an jedem Ort stattfinden. Ruhe, Naturbeobachtung, Spiel, Aufenthalt und gemeinschaftliche Aktivitäten erhalten jeweils ihren eigenen räumlichen Rahmen.
So entsteht ein fein abgestimmtes Verhältnis zwischen öffentlicher Nutzung und ökologischer Sensibilität.
Die Fischerei gehört zum Landschaftsbild
Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit den lokalen Traditionen. Die handwerkliche Fischerei gehört seit Generationen zur kulturellen Identität der Ciénaga de Mallorquín.
Der Ecoparque versucht nicht, diese Nutzung zugunsten eines idealisierten Naturbildes zu verdrängen. Vielmehr wird die Fischerei als Teil der bestehenden sozialen und räumlichen Dynamik anerkannt. Auch Architizer hebt hervor, dass die Wege und öffentlichen Räume mit bestehenden Aktivitäten wie der handwerklichen Fischerei und den natürlichen Bewegungsprozessen des Ökosystems koexistieren sollen.
Das macht den Ansatz gesellschaftlich interessant: Renaturierung wird nicht als Rückkehr zu einer vermeintlich unberührten Vergangenheit verstanden, sondern als Entwicklung eines neuen Gleichgewichts.












Holz statt Beton
Auch die Materialwahl folgt dieser Haltung. Nach Angaben von ArchDaily wurde auf Beton verzichtet; stattdessen kommen immunisierte Holzkonstruktionen zum Einsatz. Die Pfähle reichen tief in den wechselhaften Untergrund und sollen eine lange Lebensdauer ermöglichen. Gleichzeitig greift die Konstruktion eine traditionelle Sprache der karibischen Küstenarchitektur auf.
Die Holzstege und Plattformen erinnern in ihrer Struktur an die verzweigten Wurzelsysteme der Mangroven. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Verbindung von Konstruktion und Ökosystem.
Architektur imitiert die Natur hier nicht bloß formal. Sie übernimmt vielmehr ein Prinzip des Mangrovenraums: Anpassungsfähigkeit.
Ein Park als ökologische Infrastruktur
Genau darin liegt die größere Bedeutung des Projekts. Der Ecoparque ist kein klassischer Stadtpark, der mit Bäumen bepflanzt und mit Wegen ausgestattet wird. Er ist eine ökologische Infrastruktur, die unterschiedliche Systeme miteinander verbindet.
Stadt, Wasser, Vegetation, Tierwelt und menschliche Nutzung treffen aufeinander. Die Landschaftsarchitektur vermittelt zwischen ihnen.
ArchDaily beschreibt den Park entsprechend als eine „lebendige Grenze“ zwischen Stadt und Natur. Die Intervention soll Mangroven vor weiterer städtischer Ausdehnung schützen und zugleich neue öffentliche Räume für die Bevölkerung schaffen.
Damit verschiebt sich auch das Verständnis von öffentlichem Raum. Ein Park muss nicht zwangsläufig eine intensiv gestaltete Grünfläche sein. Er kann ebenso ein sensibel choreografierter Zugang zu einem bestehenden Ökosystem sein.
Renaturierung von Feuchtgebieten als Zukunftsaufgabe
Feuchtgebiete gehören zu den Landschaftsräumen, in denen ökologische und urbane Interessen besonders unmittelbar aufeinandertreffen. Sie sind empfindlich, dynamisch und zugleich für Städte von großer Bedeutung.
Die Ciénaga de Mallorquín zeigt, dass eine Antwort nicht zwingend in einer vollständigen Trennung von Mensch und Natur liegen muss. Entscheidend ist vielmehr, wie Zugang, Nutzung und Schutz räumlich organisiert werden.
Der Ecoparque schafft dafür eine neue Zwischenzone. Er schützt den Mangrovenraum vor ungezügelter Urbanisierung und ermöglicht zugleich, dass Menschen ihn kennenlernen und als Teil ihrer Stadt wahrnehmen.
Das ist ein Ansatz, der weit über Barranquilla hinausweist.
Internationale Anerkennung für einen neuen Landschaftsansatz
Die Qualität des Projekts wurde international mehrfach gewürdigt. Zu den Auszeichnungen gehören unter anderem der AIA International Honor Award for Urban Design 2025, der AIA International Sustainable Future Award for Urban Design 2025 und der Dedalo Minosse OCCAM Under 40 Award 2025. 2026 erhielt das Projekt zudem einen Architizer A+Award; Architizer führt den Ecoparque als Jury Winner in der Kategorie „Landscape & Planning – Urban & Masterplans“.
Die Anerkennung ist vor allem deshalb interessant, weil sie Landschaftsarchitektur nicht als dekorative Disziplin betrachtet. Im Mittelpunkt stehen ökologische Regeneration, öffentlicher Raum und die Frage, wie Städte ihre natürlichen Systeme wieder als Teil ihrer eigenen Zukunft begreifen können.
Eine Landschaft, die sich weiterentwickeln darf
Der Ecoparque Ciénaga de Mallorquín ist letztlich kein abgeschlossenes Objekt. Er ist als offenes, flexibles und sich veränderndes System gedacht.
Das entspricht dem Wesen eines Feuchtgebiets. Wasserstände verändern sich, Vegetation wächst, Tierarten kommen und gehen, Sedimente bewegen sich. Eine Landschaft dieser Art lässt sich nicht endgültig „fertigbauen“.
Gute Landschaftsarchitektur muss deshalb nicht alles kontrollieren. Sie muss Bedingungen schaffen, unter denen natürliche Prozesse wieder stattfinden können.
Genau hier liegt die vielleicht wichtigste Botschaft des Projekts von DEB Architecture und El Equipo Mazzanti: Renaturierung von Feuchtgebieten bedeutet nicht, die Natur zu inszenieren. Es bedeutet, ihr wieder Raum zu geben.
In Barranquilla wird dieser Raum zugleich zu einem öffentlichen Ort – und damit zu einem neuen Modell dafür, wie Stadt und Natur künftig miteinander leben können.






















