Renaturierungsmaßnahmen: Funktion, Vorteile und Beispiele

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Renaturierungsmaßnahmen
Winterliche Flusslandschaft mit verschneiten Ufern – ein stilles Bild der kalten Jahreszeit. Foto: sagatto/Unsplash

Flüsse, die wieder mäandrieren. Moore, die sich mit Wasser füllen. Auen, die nach Jahrzehnten der Trockenlegung wieder überschwemmt werden. Renaturierungsmaßnahmen gehören zu den wirkungsvollsten Instrumenten, die Landschaftsarchitektur, Wasserwirtschaft und Naturschutzplanung gemeinsam zur Verfügung haben: Sie stellen ökologische Funktionen wieder her, die durch Begradigung, Entwässerung und Versiegelung verloren gegangen sind, und sie leisten dabei gleichzeitig einen messbaren Beitrag zu Hochwasserschutz, Klimaanpassung und Biodiversität. Wer Renaturierung versteht, versteht, wie Landschaft funktioniert.

  • Was Renaturierungsmaßnahmen definiert und wie sie sich von Pflege, Gestaltung und Begrünung unterscheiden
  • Welche ökologischen, hydrologischen und klimatischen Funktionen durch Renaturierung wiederhergestellt werden
  • Welche Gewässer-, Moor-, Auen- und Waldrenaturierungen es gibt und wie sie sich in der Planung unterscheiden
  • Welche Planungsgrundlagen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Fachstandards gelten
  • Wie Renaturierung in der Praxis abläuft: von der Analyse bis zur Erfolgskontrolle
  • Welche Fehler und Missverständnisse in der Praxis häufig auftreten
  • Wie Renaturierungsmaßnahmen in städtische und stadtnahe Kontexte integriert werden
  • Warum Renaturierung als Planungsaufgabe zunehmend ins Zentrum von Stadtentwicklung und Infrastrukturplanung rückt

Was Renaturierungsmaßnahmen sind: Definition, Abgrenzung und Grundbegriffe

Renaturierungsmaßnahmen bezeichnen gezielte planerische und bauliche Eingriffe, die darauf abzielen, degradierte oder zerstörte Ökosysteme in einen naturnahen, funktionsfähigen Zustand zurückzuführen. Der Begriff leitet sich vom lateinischen „natura“ ab und meint im Kern die Wiederherstellung natürlicher oder naturnaher Strukturen, Prozesse und Lebensgemeinschaften. In der Fachsprache wird dabei zwischen Renaturierung im engeren Sinne, also der aktiven Wiederherstellung, und der passiven Sukzession unterschieden, bei der ein Ökosystem nach Beseitigung von Störfaktoren sich selbst überlassen wird und eigenständig regeneriert.

Renaturierungsmaßnahmen sind klar von verwandten Begriffen abzugrenzen. Landschaftspflege erhält bestehende Zustände, ohne strukturelle Veränderungen vorzunehmen. Begrünung schafft Vegetationsbedeckung, stellt aber keine ökologischen Funktionszusammenhänge wieder her. Gestaltung im Sinne der Freiraumplanung verfolgt primär ästhetische und nutzungsbezogene Ziele. Renaturierung hingegen orientiert sich an einem Referenzzustand, also einem natürlichen oder naturnahen Zustand, der als Ziel oder Leitbild dient, und setzt auf die Wiederherstellung von Systemfunktionen: Wasserhaushalt, Nährstoffkreisläufe, Habitatstrukturen, Artengemeinschaften. Dieser Funktionsbezug ist das entscheidende Merkmal.

International hat sich der Begriff „ecological restoration“ etabliert, wie ihn die Society for Ecological Restoration (SER) in ihren Grundsatzdokumenten definiert. Die europäische Gesetzgebung, insbesondere die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law), die als verbindlicher Rahmen für Mitgliedstaaten gilt, verwendet den Begriff „Wiederherstellung“ und knüpft daran quantitative Ziele für verschiedene Ökosystemtypen. In Deutschland bilden das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) die zentralen rechtlichen Grundlagen für Renaturierungsmaßnahmen, ergänzt durch Landesrecht, Förderprogramme und fachliche Leitfäden der Länder.

Ökologische, hydrologische und klimatische Funktionen der Renaturierung

Der Kern jeder Renaturierungsmaßnahme ist die Wiederherstellung von Ökosystemfunktionen, also jener Prozesse, die ein intaktes Ökosystem erbringt und die durch menschliche Eingriffe gestört oder unterbrochen wurden. Diese Funktionen lassen sich in drei große Kategorien gliedern: Regulationsfunktionen, Habitatfunktionen und Produktionsfunktionen. Für die Planungspraxis sind vor allem die Regulationsfunktionen relevant, weil sie direkte Wirkungen auf Wasserhaushalt, Klimaausgleich und Schadstoffabbau entfalten.

Im Bereich des Wasserhaushalts leisten Renaturierungsmaßnahmen einen zentralen Beitrag. Begradigung von Fließgewässern verkürzt die Fließstrecke, beschleunigt den Abfluss und reduziert die Retentionsfähigkeit der Aue. Eine renaturierte Gewässerstrecke mit wiederhergestelltem Mäander, naturnaher Ufervegetation und angebundenem Auenbereich verlangsamt den Abfluss, erhöht die Grundwasserneubildung und puffert Hochwasserspitzen. Dieser Effekt ist nicht marginal: Untersuchungen an renaturierten Fließgewässern zeigen, dass die Retentionswirkung einer naturnah gestalteten Aue die eines begradigten Gewässers um ein Vielfaches übersteigen kann. Gerade im Kontext des Klimawandels, der Extremniederschläge häufiger und intensiver macht, gewinnt diese Funktion erheblich an Bedeutung.

Moore sind die effizientesten terrestrischen Kohlenstoffspeicher der Erde. Ein intaktes Hochmoor speichert pro Flächeneinheit deutlich mehr Kohlenstoff als ein Wald gleicher Größe. Entwässerte und abgetorfte Moore hingegen werden zu Kohlenstoffquellen: Durch die Belüftung des Torfkörpers setzt mikrobieller Abbau Kohlendioxid und Lachgas frei, beides klimawirksame Gase. Moorrenaturierung, also die Wiedervernässung durch Grabenverschluss und Wasserrückhalt, stoppt diesen Prozess und ermöglicht langfristig die Wiederaufnahme der Torfbildung. Die Klimaschutzwirkung von Moorrenaturierungen ist daher wissenschaftlich gut belegt und findet Eingang in nationale Klimaschutzprogramme.

Für die Biodiversität sind renaturierte Flächen von besonderer Bedeutung, weil sie Habitate für Arten schaffen, die auf naturnahe Strukturen angewiesen sind und in der intensiv genutzten Kulturlandschaft kaum noch Lebensraum finden. Strukturreiche Ufer, Totholz in Fließgewässern, Flachwasserzonen, Röhrichte und Weichholzauen bieten Lebensraum für Fischarten, Amphibien, Libellen, Wasservögel und spezialisierte Pflanzengesellschaften. Renaturierungsmaßnahmen können damit als Trittsteinbiotope in einem übergeordneten Biotopverbund wirken, der die Vernetzung von Lebensräumen in der Landschaft sicherstellt.

Typen von Renaturierungsmaßnahmen: Gewässer, Moore, Auen, Wälder

Renaturierungsmaßnahmen sind kein einheitliches Instrument, sondern ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Eingriffe, die sich nach dem Ökosystemtyp, dem Ausgangszustand und dem angestrebten Zielzustand unterscheiden. Die wichtigsten Typen in der mitteleuropäischen Planungspraxis sind Gewässerrenaturierung, Moorrenaturierung, Auenrenaturierung und Waldrenaturierung.

Gewässerrenaturierung

Die Renaturierung von Fließgewässern ist in Deutschland die am häufigsten umgesetzte Form der Renaturierung. Auslöser war unter anderem die Wasserrahmenrichtlinie der EU, die für alle Oberflächengewässer das Ziel des „guten ökologischen Zustands“ vorgibt und die Mitgliedstaaten zur Aufstellung von Maßnahmenprogrammen verpflichtet. Gewässerrenaturierung umfasst die Rückverlegung begradigter Gewässerabschnitte in einen mäandrierenden Verlauf, die Entfernung von Uferbefestigungen aus Beton oder Steinschüttung, die Anlage von Gewässerrandstreifen, die Wiederherstellung der Durchgängigkeit durch Rückbau von Querbauwerken wie Wehren und Sohlschwellen sowie die Einbringung von Totholz und Kiessubstraten als Habitatstrukturen.

Ein wesentliches Planungsprinzip bei der Gewässerrenaturierung ist die Orientierung am gewässertypspezifischen Leitbild. Jeder Gewässertyp, ob Mittelgebirgsbach, Tieflandfluss oder Sandbach, hat eine charakteristische Morphologie, Substratverteilung und Biozönose. Renaturierungsmaßnahmen, die sich an diesem Leitbild orientieren, sind langfristig stabiler als solche, die lediglich optisch naturnah wirken, aber hydraulisch und sedimentologisch nicht dem Gewässertyp entsprechen. Die Gewässertypologie nach LAWA (Länderarbeitsgemeinschaft Wasser) bildet hierfür die fachliche Grundlage in Deutschland.

Moorrenaturierung

Moorrenaturierung, auch Moorwiedervernässung oder Paludikultur-Vorbereitung genannt, zielt auf die Wiederherstellung des für Torfmoore charakteristischen Wasserhaushalts. Entwässerte Moore wurden im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts großflächig für Landwirtschaft und Torfabbau trockengelegt. Die Renaturierung erfolgt durch den Verschluss von Entwässerungsgräben, die Anlage von Dämmen und Stauen sowie in manchen Fällen durch aktive Bepflanzung mit torfbildenden Torfmoosen (Sphagnum). Entscheidend ist, dass der Wasserstand dauerhaft hoch gehalten wird, weil Torfmoose auf dauerhaft wassergesättigte Bedingungen angewiesen sind.

Auenrenaturierung

Auen sind die dynamischsten Landschaftselemente in Flussgebieten. Durch Deichbau, Gewässerausbau und landwirtschaftliche Nutzung wurden die meisten deutschen Flussauen von ihren Gewässern abgekoppelt. Auenrenaturierung bedeutet die Wiederherstellung der Überflutungsdynamik, also die Anbindung der Aue an das Gewässer durch Deichrückverlegung, Deichrückbau oder die Anlage von Flutmulden. Dieser Prozess ist komplex, weil er häufig mit Nutzungskonflikten verbunden ist: Landwirtschaftliche Flächen in der Aue müssen umgewidmet oder entschädigt werden, Infrastruktur muss verlegt oder geschützt werden. Erfolgreiche Auenrenaturierungen, wie sie etwa am Rhein, an der Elbe oder an der Isar dokumentiert sind, zeigen jedoch, dass die Kombination aus Hochwasserschutz, Naturschutz und Erholungsnutzung möglich ist.

Waldrenaturierung

Waldrenaturierung bezeichnet die Umwandlung strukturarmer Forste, häufig Fichtenmonokulturen, in strukturreiche, standortgerechte Mischwälder oder die Entwicklung von Urwaldrelikten durch Nutzungsverzicht. Maßnahmen umfassen die Einbringung standortheimischer Baumarten, die Förderung von Totholz und Habitatbäumen sowie die Wiederherstellung natürlicher Wasserverhältnisse im Wald. Waldrenaturierung ist ein langfristiger Prozess, der Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauert und oft mit passiver Sukzession kombiniert wird.

Planung, Methodik und Erfolgskontrolle von Renaturierungsmaßnahmen

Renaturierungsmaßnahmen folgen einem strukturierten Planungsprozess, der mit einer Bestandsanalyse beginnt. Diese umfasst die Erfassung des aktuellen Zustands des Ökosystems, die Identifikation der wesentlichen Degradationsfaktoren und die Ableitung eines realistischen Zielzustands. Referenzzustände werden aus historischen Quellen, Vergleichsflächen und ökosystemtypologischen Leitbildern abgeleitet. Ohne diesen Referenzrahmen fehlt der Renaturierungsmaßnahme das Ziel, und die Erfolgskontrolle wird unmöglich.

In der Planungsphase sind hydrologische Modellierungen, Geländeaufnahmen, Bodenuntersuchungen und Artenkartierungen wesentliche Grundlagen. Für Gewässerrenaturierungen kommen hydraulische Berechnungen hinzu, die sicherstellen, dass die geplante Gewässermorphologie unter den gegebenen Abflussverhältnissen stabil ist. Ein häufiger Fehler in der Praxis ist die Unterschätzung der Eigendynamik: Renaturierte Gewässer entwickeln sich nicht statisch gemäß dem Planungsentwurf, sondern reagieren auf Abflussereignisse und verändern ihre Morphologie. Dieses Eigendynamikpotenzial muss in der Planung einkalkuliert werden, was ausreichend Raum für laterale Verlagerungen und Uferanrisse erfordert.

Die Erfolgskontrolle ist ein integraler Bestandteil jeder professionellen Renaturierungsmaßnahme. Sie umfasst die Überprüfung, ob die angestrebten Zielzustände erreicht werden, und die Anpassung der Maßnahmen bei Abweichungen. Indikatoren sind je nach Ökosystemtyp unterschiedlich: Bei Gewässerrenaturierungen werden Makrozoobenthos (wirbellose Bodentiere), Fischfauna, Gewässermorphologie und Wasserchemie herangezogen. Bei Moorrenaturierungen sind Wasserstand, Torfmoosentwicklung und Treibhausgasflüsse relevante Parameter. Die WRRL schreibt für Fließgewässer ein standardisiertes biologisches Monitoring vor, das auf validierten Bewertungsverfahren basiert.

Renaturierungsmaßnahmen erfordern häufig eine Genehmigung nach Wasserrecht, Naturschutzrecht oder Baurecht, je nach Art und Umfang des Eingriffs. Die wasserrechtliche Genehmigung nach Wasserhaushaltsgesetz (WHG) ist bei Eingriffen in Gewässer und Überschwemmungsgebiete obligatorisch. Naturschutzrechtliche Befreiungen oder Ausnahmen können erforderlich sein, wenn Maßnahmen in Schutzgebieten durchgeführt werden. Die frühzeitige Abstimmung mit Genehmigungsbehörden ist daher ein wesentlicher Planungsschritt.

Renaturierung im städtischen und stadtnahen Kontext

Renaturierungsmaßnahmen sind nicht auf den ländlichen Raum beschränkt. Gerade in Städten gewinnen sie als Instrument der Klimaanpassung und der Verbesserung der Lebensqualität an Bedeutung. Urbane Gewässerrenaturierungen, die Entsiegelung von Flächen, die Anlage von Retentionsmulden und die Wiederherstellung naturnaher Grünflächen sind Bestandteile einer blaugrünen Infrastruktur, die Städte resilienter gegenüber Starkregen, Hitzewellen und Überflutungen macht.

Stadtbäche, die im 20. Jahrhundert in Betongerinnen gefasst oder in Rohre verlegt wurden, werden in vielen deutschen und europäischen Städten renaturiert. Die Offenlegung und Renaturierung von Stadtbächen verbessert nicht nur den ökologischen Zustand des Gewässers, sondern schafft attraktive Freiräume mit hohem Aufenthalts- und Erholungswert. Bekannte Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass renaturierte Stadtbäche zu Identifikationsorten werden können, die Stadtteile aufwerten und das Stadtklima durch Verdunstungskühlung verbessern. Die Isar in München, deren naturnahe Umgestaltung in den 2000er Jahren umgesetzt wurde, gilt als vielzitiertes Referenzprojekt für urbane Gewässerrenaturierung.

Im Kontext der Stadtentwicklung stehen Renaturierungsmaßnahmen häufig in Konkurrenz zu anderen Flächenansprüchen: Wohnungsbau, Verkehrsinfrastruktur und gewerbliche Nutzung beanspruchen dieselben Flächen, die für Renaturierung benötigt werden. Landschaftsarchitekten und Stadtplaner sind gefordert, Renaturierungsziele in übergeordnete Planwerke wie Flächennutzungspläne, Landschaftspläne und Stadtentwicklungskonzepte zu integrieren und als gleichwertige Infrastruktur zu verankern. Grüne und blaue Infrastruktur ist keine Restgröße, die übrig bleibt, wenn andere Nutzungen verteilt sind, sondern eine Grundlage für die Funktionsfähigkeit der Stadt.

Häufige Fehler und Missverständnisse in der Planungspraxis

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Renaturierung mit Bepflanzung gleichzusetzen. Das Einbringen von Röhrichtpflanzen oder Gehölzen allein stellt keine Renaturierung dar, wenn die strukturellen und hydrologischen Voraussetzungen nicht geschaffen werden. Pflanzen können nur gedeihen und ökologische Funktionen erfüllen, wenn die abiotischen Bedingungen, also Wasserhaushalt, Substrat und Nährstoffverhältnisse, dem Zielzustand entsprechen. Eine Bepflanzung ohne vorherige Herstellung der Standortbedingungen ist in der Regel nicht nachhaltig und erfordert dauerhaften Pflegeaufwand, der dem Prinzip der Renaturierung widerspricht.

Ein weiterer Fehler ist die Überschätzung der Selbstregulationskraft von Ökosystemen in stark degradierten Situationen. Passive Sukzession funktioniert gut, wenn die Degradationsfaktoren beseitigt sind und ein ausreichendes Arteninventar in der Umgebung vorhanden ist, das die Fläche besiedeln kann. In intensiv genutzten Agrarlandschaften oder in städtischen Umgebungen fehlen diese Voraussetzungen häufig. Hier sind aktive Maßnahmen wie Ansaat standortheimischer Arten, Einbringung von Strukturelementen oder gezielte Pflege in der Etablierungsphase notwendig.

Renaturierungsmaßnahmen werden gelegentlich als einmalige Baumaßnahmen verstanden, die nach Abschluss der Bauphase keine weitere Aufmerksamkeit erfordern. Das ist ein grundlegender Irrtum. Renaturierung ist ein Prozess, der begleitet, beobachtet und bei Bedarf nachgesteuert werden muss. Insbesondere in den ersten Jahren nach der Maßnahme sind Monitoring und adaptive Nachsteuerung entscheidend für den Erfolg. Projekte, die nach der Bauphase ohne Erfolgskontrolle sich selbst überlassen werden, verfehlen häufig ihre Ziele oder entwickeln sich in unerwünschte Richtungen.

Renaturierung als Kernaufgabe zeitgenössischer Landschaftsarchitektur und Planung

Renaturierungsmaßnahmen haben sich von einer Nischenaufgabe des Naturschutzes zu einem zentralen Planungsinstrument entwickelt, das Landschaftsarchitektur, Wasserwirtschaft, Klimaanpassung und Stadtentwicklung verbindet. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der fortschreitende Verlust biologischer Vielfalt, die Zunahme von Extremwetterereignissen, die Klimaschutzziele im Bereich der Treibhausgasminderung und die gesetzlichen Anforderungen der EU-Naturwiederherstellungsverordnung schaffen einen Rahmen, in dem Renaturierung nicht mehr optional ist, sondern zur Pflichtaufgabe wird.

Für Landschaftsarchitekten bedeutet das eine Erweiterung des Aufgabenspektrums: Renaturierungsprojekte erfordern ökologisches Fachwissen, hydrologisches Verständnis, Kenntnisse des Planungs- und Genehmigungsrechts sowie die Fähigkeit, komplexe Interessenkonflikte zwischen Naturschutz, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Stadtentwicklung zu moderieren und in tragfähige Planungskonzepte zu überführen. Die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams aus Landschaftsarchitekten, Hydrologen, Ökologen, Ingenieuren und Planungsrechtlern ist dabei keine Ausnahme, sondern die Regel.

Die gesellschaftliche Relevanz von Renaturierungsmaßnahmen liegt letztlich darin, dass sie Ökosystemleistungen wiederherstellen, von denen Städte und Gesellschaften unmittelbar abhängen: sauberes Wasser, Hochwasserschutz, Klimaregulation, Bodenfruchtbarkeit und biologische Vielfalt. Diese Leistungen sind nicht durch technische Infrastruktur zu ersetzen, zumindest nicht zu vertretbaren Kosten. Renaturierung ist insofern auch eine ökonomisch rationale Investition, die langfristig Kosten für technischen Hochwasserschutz, Wasseraufbereitung und Klimafolgenanpassung reduziert. Wer Renaturierungsmaßnahmen als Luxus des Naturschutzes betrachtet, unterschätzt ihre systemische Bedeutung für funktionsfähige Landschaften und Städte.

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bhm Planungsgesellschaft: Rennbahnpark in Frankfurt am Main

Die Umgestaltung der ehemaligen Rennbahn nutzt den Aushub des Geländes für die Schaffung einer dynamischen Dünenlandschaft, die bewusst der natürlichen Sukzession überlassen wird. © BHM Planungsgesellschaft mbH, N. Benner

Der Frankfurter Rennbahnpark ist ein Paradebeispiel für die moderne Landschaftsarchitektur, die ökologische Nachhaltigkeit mit urbaner Freizeitgestaltung vereint. Inmitten der Stadt wurde eine ehemalige Rennbahn zu einem Park umgestaltet, der nicht nur Erholungsflächen bietet, sondern auch zur Klimaanpassung und Förderung der Biodiversität beiträgt. Der Park wurde so konzipiert, dass er in seiner Struktur sowohl den ökologischen als auch den sozialen Anforderungen gerecht wird und dabei neue, zukunftsfähige Freiräume für die Stadtbevölkerung schafft. Wie der Park diese Herausforderung meistert, stellt das Büro bhm Planungsgesellschaft in der folgenden Projektvorstellung selbst vor.

Oase inmitten der Stadt

Die Landschaftsarchitektur ist heute geforderter denn je, wichtige Beiträge zur Klimaanpassung und ökologischen Funktionsfähigkeit unserer Städte zu leisten. Der Frankfurter Rennbahnpark ist aus dieser Perspektive ein richtungsweisendes Projekt, da hier eine urbane Brache revitalisiert wurde. Angebote für Erholung und Freizeit wurden verknüpft und mit dem Erhalt und der Entwicklung ökologisch wertvoller Flächen und dem urbanen Naturerlebnis kombiniert. So entstand eine ästhetische Einheit mit vielfältigen Freiraumangebote, die das Areal zu einem besonderen Parktypus werden ließen. Zentrale Aspekte des Entwurfes waren Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Entwicklung der vorhandenen Biodiversität sowie Klimaresilienz. Die landschaftlichen und ökologischen Qualitäten des Ortes spiegeln sich in einer besonderen Struktur und Gestaltsprache des Parks wider. Mit seiner urban-ökologischen Ausrichtung steht der Rennbahnpark im Zeichen einer nachhaltigen Koexistenz von menschlicher Freizeitgestaltung und ökologisch wertvollem Raum für die Natur.

Park in drei Zonen

Leitidee war, den Raum in drei ablesbare Zonen mit differenzierten Nutzungen zu gliedern: der ruhige Waldsaum, der Bereich der ehemaligen Rennbahnfläche und die große naturnahe Wiesenfläche mit den Magerrasenflächen im Zentrum. Im Band der ehemaligen Rennbahn wurden die nutzungsintensiven Sport- und Spielbereiche mit einer Calisthenics-Anlage, Kinderspielbereiche und Bolzplatz in einer lockeren Struktur von Wiesen und bänderartigen Baumhainen eingebunden, die die Form der Rennbahn aufnehmen. Spielgeräte erinnern aufgrund ihrer Gestaltung an die Geschichte und Nutzung des Ortes. Die Übergänge zur zentralen Fläche wurden durch Modellierungen und einzelne Objekte betont. Diese öffnen Blickpunkte, geben Orientierung und schaffen besondere Orte im Park. Die Modellierungen sind Teil eines nachhaltigen Bodenmanagements. Der Aushub wurde innerhalb des Parks wiederverwendet und beispielsweise zu einer dynamischen Dünenlandschaft im Osten geformt, die bewusst Sukzession zulässt. Eine in die Dünen integrierte Aussichtstreppe erinnert an die historischen Schiedsrichtertürme. Der „Skylineview“ gibt das Panorama auf die Frankfurter Hochhauskulisse frei und dient als Treffpunkt. Eine Treppe mit Sitzstufen am Teich und eine Aussichtsplattform wurden durch ihre Gestaltung zum besonderen Treffpunkt.

Weite als Grundbaustein für Aufenthaltsqualität und Zukunftsfähigkeit

Die Besonderheit des Ortes besteht vor allem in der Weite inmitten des städtischen Umfeldes. Zudem wurden alle Gestaltungsmittel auf die Gegebenheiten vor Ort ausgerichtet. Teilaspekte wurden weiterentwickelt und eine klare Gliederung der Fläche vorgenommen. So bleiben die vorhandenen Qualitäten des Ortes erhalten bzw. wurden zu einem besonderen Park weiterentwickelt. Hierbei stand der Ökologieaspekt, das Naturerlebnis inmitten der Stadt und die Integration von verschiedensten Aktivitätsangeboten wie Calisthenics, Spiel- und Sportmöglichkeiten und Ruhebereichen im Vordergrund der Planung und sorgen seither für Aufenthaltsqualität bzw. stärken die Zukunftsfähigkeit des städtischen Raumes. Der Wert der zentralen Wiesen und Rasenflächen und die daraus resultierende Weite sind dabei ebenso Rückgrat des Entwurfes, wie der umgebende Saum aus dichten Waldbereichen und der Blick auf die Skyline von Frankfurt.

Langfristige Gestaltung mit natürlicher Integration

Neben der Weiterentwicklung der vorhandenen Struktur und der Qualität des Bestandes ergab sich die wesentliche Aufgabe, große Flächen die der Naturentwicklung gewidmet sind, behutsam in ein robustes Parkkonzept zu überführen. Gleichzeitig galt es dem Park ein langfristiges, robustes Raumgerüst zu geben, welches auf den weiten Flächen neue Aufenthaltsqualitäten bietet und die Veränderung zu einem öffentlichen Park ablesbar macht. Der Entwurf erhält dabei die Geschichte des Ortes als Rennbahn, akzentuiert und ergänzt sie durch neue Parkelemente, und schafft so die Neuinterpretation der Fläche als städtische Parkanlage. Die Elemente wurden durch die dominierende Weite des Ortes und ein klar ablesbares Erschließungskonzept verknüpft und gestalterisch eingebunden.

Innovative Pflanzenverwendung, robuste Materialien als Schlüsselfaktoren

Auch das Vegetationskonzept trägt zum Erfolg der Parkanlage bei. Es lässt sich in einfachen Worten beschreiben: Erhalt, Förderung, Nachhaltigkeit, Entwicklung. So blieben der umgebende Gehölzsaum, die ehemalige Rennbahn und die zentrale Wiesenfläche des ehemaligen Golfplatzes räumlich und strukturell bestehen und funktional miteinander verbunden. Für die im Zentrum vorhandenen, ökologisch wertvollen Sandmagerrasen wurden Maßnahmen ergriffen, die den Bestand langfristig sichern. Generell wurde für alle Vegetationsflächen ein detailliertes Pflegemanagement erarbeitet, dass neben sämtlichen Pflanzungen auch auf die Ansaaten eingeht. Ziel dieses Konzeptes ist es, den Park behutsam aus dem Bestand zu entwickeln.

Langfristige Bepflanzung

Die ehemalige Rennbahn wurde zum nutzbaren Parkbereich umgebaut, in dem neben zahlreichen Nutzungsangeboten auch wichtige Erschließungs- und Vegetationselemente ihren Platz fanden. Längliche, die Form der Rennbahn aufnehmende Streifen gliedern die jetzige Rasenfläche. Diese Streifen treten durch blühende, insektenfreundliche Ansaaten und Gehölz- bzw. Stauden- und Gräserpflanzungen in Erscheinung. Durch die bewusste Auswahl von Gehölzen wurde ein differenziertes, sich über mehrere Jahre hinweg entwickelndes Vegetationskonzept umgesetzt, das langfristig eine klare Gliederung der Parkfläche sichert und so Räume für eine Vielzahl an Nutzung schafft. Ergänzt wurden diese Pflanzungen durch Bäume, die die übergeordnete Struktur aufgreifen und dank der Pflanzung in Reihen die Bewegungen der Pferde in den Kurven assoziativ aufnehmen. Bewusst wurden nur standortheimische Baum- und Gehölzarten gewählt, die gleichzeitig auf die Anforderungen des Klimawandels reagieren können.

 

Nachhaltige Materialien

Neben Pflanzungen war auch die Materialauswahl entscheidend. Auch sie lässt sich mit wenigen Schlagworten zusammenfassen: robust, langlebig, regional, nachhaltig. Der prägende Rundweg, der die Form der Rennbahn aufnimmt, wurde als wassergebundene Wegedecke ausgeführt, um so die versiegelte Oberfläche zu minimieren und die Optik eines Parks zu unterstreichen. Der westlich gelegene Skyview, dessen Plattform durch Massivholz- und Natursteinblöcken geprägt ist, lädt zum Verweilen ein und gibt den Blick auf die Skyline von Frankfurt frei. Er ist wahlweise über eine Treppe aus regionalem Sandstein oder einen barrierefreien Weg erreichbar. Die Trainingselemente der Calistehnicsanlage wurden bewusst in Metall ausgeführt. Der notwendige Fallschutzbelag fügt sich aufgrund der Farbgestaltung in den Park ein.  Die Gestaltung des Spielplatzes orientiert sich an der Geschichte der ehemaligen Pferderennbahn. Das EPDM-Spielfeld des Bolzplatzes wird an den langen Seiten von Natursteinelementen gerahmt, die als Sitzmöglichkeiten und als Bande dienen. Neben Naturstein und Holz, welches nochmals in Form von Stelen an den Zugängen des Parks in Erscheinung tritt, kam auch Metall zum Einsatz. Sowohl die Aussichtsplattform im Osten des Areals, als auch das Landschaftsfenster am Teich wurden aus Metall hergestellt. Die Aussichtsplattform ist geprägt durch eine Treppenwange aus Cortenstahl, in die die Silhouette von Rennpferden integriert wurde. Das Landschaftsfenster besticht hingegen durch einen Steg, der sich über den Teich zieht und von großen Metallbögen gerahmt wird.

Innovative Pflegekonzepte

Bei der Auswahl und Konzeption der Materialien bzw. Bepflanzung wurden stets Themen der Pflege und des Unterhalts mitgedacht. Alle Materialien sind langlebig und robust. Die Pflanzungen wurden entsprechend der Anforderungen durch den Klimawandel ausgewählt und ein langfristiges Entwicklungs- und Pflegekonzept erstellt. Der Kernbereich mit den prägenden Sandmagerrasenflächen blieb erhalten und wurde durch rund 7 300 Quadratmeter neuer Sandmagerrasenfläche ergänzt. Um diese sehr wertvollen mageren Standorte langfristig zu erhalten und zu pflegen, wurde ein Beweidungskonzept entwickelt. Fest in die Gestaltung des Parks integrierte Weidezaunpfosten dienen als Fixpunkte für Schafzäune. Die großen Rasenflächen im intensiv genutzten Randbereich wurden durch Wiesen-, Stauden- und Gehölzbänder strukturiert, deren Dimension und Abstand zueinander so gewählt wurde, dass die Flächen problemlos mit Aufsitzmähern gepflegt werden können.

Berücksichtigung demografische Entwicklung und sozialer Aspekte

Soziale Aspekte spielten eine große Rolle bei der Konzeption des Rennbahnparks. Die vielen Freizeitangebote und großzügigen Aufenthaltsbereiche bieten ausreichend Platz zur Zusammenkunft und für sportliche Aktivitäten. Der Aufbau einer Kinderfarm im Norden des Areals dient als zusätzliches Angebot und soll den Kindern und Jugendlichen der angrenzenden Stadtteile als Lernort und Treffpunkt zur Verfügung stehen. Bereits in der Planung wurden sehr viele Nutzergruppen und Akteure (UNB, Grünflächenamt, Calisthenics-Gruppe, Verein der Kinderfarm etc.) in einen intensiven, interdisziplinären und partizipativen Planungsprozess eingebunden. Auch durch eine aktive Bürgerinfo mit eigener Projekthomepage, Kinder- und Jugendbeteiligung und Presseterminen konnte ein breiter Konsens über die Ziele und die besondere Struktur des Parks erreicht werden.

bhmp – Stadt, Landschaft, Denken, Entwerfen.

Die Weiterentwicklung unserer Lebensumwelt stellt eine komplexe Planungsaufgabe dar. Bei bhmp arbeiten wir daher ganz bewusst in interdisziplinären Teams mit engagierten Mitarbeiter*innen unterschiedlicher Fachdisziplinen. So bearbeiten wir Fragestellungen aus mehreren Perspektiven heraus und entwickeln ganzheitliche Lösungsansätze. Dabei ist der intensive Dialog mit unseren Auftraggebern ein zentrales Element unserer Unternehmenskultur. Zentrale Grundlage unserer Arbeit ist ein breit gefächertes und hohes Wissensniveau, auf dessen Grundlage wir auch besondere Aufgaben übernehmen: Übergeordnete Analysen, Gutachten, Projektmanagement führen wir ebenso wie Bürgerbeteiligungsverfahren erfolgreich durch. Über die reine Fachplanung hinaus, können wir damit in der Beratung von Kommunen und Unternehmen, sowie der Projektbegleitung Verantwortung übernehmen. Wir legen Wert auf gute handwerkliche Qualität und die Angemessenheit der Lösung für den Ort und den Kontext der Aufgabe. Bei der Planung und Umsetzung ist für uns Verlässlichkeit selbstverständlich. Auch deshalb können wir auf langjährige und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren zahlreichen gewerblichen und kommunalen Auftraggebern zurückblicken.

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