Wie Luanda Flächenmanagement als Resilienzstrategie nutzt

grunpflanzen-auf-weissem-betonzaun-8GU1bDusKUk
Grüne Pflanzen auf weißem Betonzaun, fotografiert von Danist Soh, veranschaulichen innovative urbane Begrünung und nachhaltiges Design.

Luanda – eine Stadt, die sich im Spannungsfeld zwischen rasantem Wachstum und Klimarisiken bewegt, setzt auf ein hochmodernes Flächenmanagement, das weit über klassische Kataster hinausgeht. Hier wird Resilienz nicht zum Modewort, sondern zur Überlebensstrategie. Wie gelingt es der angolanischen Metropole, aus städtischer Not eine Tugend zu machen? Ein tiefer Blick in die Werkstatt urbaner Anpassungsfähigkeit, die europäischen Planern einiges beibringen kann.

  • Einführung in die Herausforderungen und Besonderheiten von Luandas Stadtentwicklung
  • Strategische Bedeutung des Flächenmanagements für urbane Resilienz
  • Instrumente, Methoden und digitale Werkzeuge im Einsatz
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Bevölkerung
  • Umgang mit informellen Siedlungen und Flächenkonflikten
  • Integration von Klimaanpassung, Wassermanagement und Grünflächen
  • Fallbeispiele und Lessons Learned für deutschsprachige Städte
  • Chancen und Risiken eines resilienten Flächenmanagements
  • Fazit: Was deutsche Planer von Luanda lernen können

Luanda im Fokus: Urbanes Wachstum und die Kunst der Flächensteuerung

Luanda, die Hauptstadt Angolas, ist mit ihren über acht Millionen Einwohnern ein Paradebeispiel für die Herausforderungen einer schnell wachsenden Megacity im Globalen Süden. Seit Jahrzehnten erlebt die Stadt eine rasante Urbanisierung, ausgelöst durch Binnenmigration, wirtschaftlichen Wandel und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch was auf den ersten Blick wie ein klassisches Szenario aus Lehrbüchern der Entwicklungszusammenarbeit wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Laboratorium für innovative Stadtstrategien.

Die Stadtfläche Luandas ist ein Flickenteppich aus geplanten Quartieren, informellen Siedlungen, Industriearealen und Flächen, die dem Meer oder Mangrovensümpfen abgerungen wurden. Wer hier Flächenmanagement betreibt, jongliert mit konkurrierenden Ansprüchen: Wohnraum, Infrastruktur, Verkehr, Grün, Gewerbe und – nicht zu vergessen – die Notwendigkeit, die Stadt widerstandsfähig gegen Überschwemmungen, Hitze und soziale Krisen zu machen. Herkömmliche Planungsverfahren geraten dabei schnell an ihre Grenzen. Denn Luandas Dynamik ist weniger durch Paragrafen als vielmehr durch Pragmatismus, Improvisation und die permanente Suche nach Lösungen geprägt.

Hinzu kommt die besondere Topographie der Stadt: Die weiten Ebenen werden von Flussläufen, Lagunen und sandigen Höhenzügen durchzogen, die das Risiko von Überschwemmungen und Hangrutschungen erhöhen. In dieser Gemengelage ist Flächenmanagement mehr als Verwaltung von Parzellen. Es ist ein kreativer Aushandlungsprozess, der städtebauliche, ökologische und soziale Anforderungen miteinander verknüpft. Die Resilienzstrategie Luandas setzt genau hier an: Flächen werden nicht statisch betrachtet, sondern als multifunktionale Ressource, die flexibel auf Krisen und Chancen reagieren kann.

Die Verwaltung Luandas hat aus der Not eine Tugend gemacht und setzt auf eine Kombination aus raumplanerischen Instrumenten, digital gestützter Datenerhebung und partizipativen Verfahren. Während in Europa oft jahrelang an Flächennutzungsplänen gefeilt wird, agiert man in Luanda mit einer erstaunlichen Reaktionsgeschwindigkeit. Dies ist weniger Ausdruck von Chaos als vielmehr ein Zeichen für adaptives Management, das auf den ständigen Wandel der urbanen Realität antwortet. Der Leitsatz: Wer zu langsam ist, verliert die Kontrolle über die Stadtentwicklung.

Bemerkenswert ist, wie sich dabei klassische Planungsideale mit improvisierten Praktiken vermischen. Offizielle Stadtentwicklungspläne existieren durchaus, werden jedoch regelmäßig durch kleinmaßstäbige, informelle Anpassungen ergänzt. Diese Flexibilität ist kein Makel, sondern ein entscheidender Faktor für die Resilienz der Stadt. Denn Luanda muss nicht nur auf kurzfristige Herausforderungen wie Starkregen oder wirtschaftliche Schocks reagieren, sondern auch langfristige Ziele wie Klimaschutz und soziale Integration im Blick behalten.

So entsteht ein Flächenmanagement, das aus der Balance zwischen formellen und informellen Strukturen lebt. Es ist gerade diese hybride Herangehensweise, die Luanda zur Vorreiterin einer neuen urbanen Resilienzstrategie macht – und die europäische Stadtplaner zum Umdenken anregen könnte.

Flächenmanagement als Resilienzstrategie: Methoden, Werkzeuge und Innovationen

Das Rückgrat von Luandas Resilienz ist ein Flächenmanagement, das weit über das klassische Katasterwesen hinausgeht. Hier wird Fläche nicht nur registriert und parzelliert, sondern als strategische Ressource betrachtet, die auf vielfältige Weise zum Überleben und zur Anpassungsfähigkeit der Stadt beiträgt. Die Methoden reichen von raumbezogenen Analysen bis hin zu innovativen digitalen Tools, die in enger Kooperation mit internationalen Partnern entwickelt wurden.

Ein zentrales Element ist die kontinuierliche Erfassung und Bewertung von Flächennutzungspotenzialen. Dabei werden nicht nur bestehende Siedlungsflächen, sondern auch Brachflächen, Grünräume, Überschwemmungsgebiete und Areale mit hohem Transformationspotenzial systematisch kartiert. Moderne Geoinformationssysteme und Drohnenaufnahmen liefern dabei die Datengrundlage für schnelle Entscheidungsprozesse. Diese digitale Offensive ist nicht Selbstzweck, sondern ermöglicht es, Risiken wie Überflutungen, Flächenkonflikte oder unkontrollierte Ausbreitung informeller Siedlungen frühzeitig zu erkennen und zu steuern.

Doch das eigentliche Innovationspotenzial liegt in der Verknüpfung von Flächendaten mit Szenarien der Stadtentwicklung. Simulationsmodelle, die in Zusammenarbeit mit Universitäten aus Portugal und Südafrika entwickelt wurden, ermöglichen es, zukünftige Landnutzungskonflikte, Risiken durch den Klimawandel oder den Bedarf an Infrastruktur vorausschauend zu analysieren. Diese Modelle fließen direkt in die Entscheidungsprozesse der Stadtverwaltung ein – eine bemerkenswerte Integration von Wissenschaft und Praxis, die in vielen europäischen Kontexten allenfalls als Pilotprojekt existiert.

Ein weiterer Baustein ist die partizipative Einbindung der Bevölkerung. In Luanda ist es gängige Praxis, dass Bewohner bei der Neugestaltung von Stadtteilen aktiv beteiligt werden. Mobile Plattformen, die per Smartphone nutzbar sind, ermöglichen es, Flächenbedarf, Nutzungswünsche und lokale Risiken direkt zu melden und zu dokumentieren. Das schafft nicht nur Akzeptanz, sondern erhöht auch die Resilienz der Stadt, weil lokale Wissensbestände systematisch in die Planung einfließen.

Die Verwaltung arbeitet dabei eng mit zivilgesellschaftlichen Gruppen, internationalen Organisationen und privaten Akteuren zusammen. Diese Kooperationen sorgen für eine breite Wissensbasis und eröffnen Zugang zu technischer Expertise, Finanzierung und innovativen Lösungsansätzen. Besonders im Bereich des Katastrophenschutzes und der Klimaanpassung wird so eine Resilienzstrategie etabliert, die auf mehreren Ebenen wirkt: von der Parzelle bis zur gesamten Metropolregion.

Bemerkenswert ist auch die Fähigkeit Luandas, aus Krisen zu lernen und Innovationen pragmatisch einzuführen. Nach den verheerenden Überschwemmungen der letzten Jahre wurden etwa in Rekordzeit flächenbezogene Frühwarnsysteme und Notfallpläne implementiert. Diese Maßnahmen zeigen: Resilienz entsteht dort, wo Flächenmanagement nicht als Verwaltungshandeln, sondern als lernendes System verstanden wird.

Zwischen informeller Dynamik und formeller Ordnung: Der Umgang mit Nutzungskonflikten

Ein zentrales Spannungsfeld in Luandas Flächenmanagement ist der Umgang mit informellen Siedlungen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in sogenannten „Musseques“, Siedlungen, die ohne formale Baugenehmigung, oft aber mit viel Eigeninitiative und sozialer Vernetzung entstanden sind. Diese Quartiere sind nicht nur Ausdruck von Wohnungsnot, sondern auch von urbaner Kreativität und Anpassungsfähigkeit – Eigenschaften, die für eine resiliente Stadtentwicklung essenziell sind.

Die Verwaltung Luandas hat erkannt, dass eine rein repressive Strategie gegenüber informellen Siedlungen kontraproduktiv ist. Stattdessen setzt man verstärkt auf eine Integration dieser Quartiere in die formale Stadtstruktur. Das bedeutet: Flächen werden regularisiert, Infrastruktur schrittweise ausgebaut und Bewohner an der Neugestaltung beteiligt. Dieser Ansatz ist nicht ohne Konflikte, etwa wenn bestehende Nutzungen umgewandelt oder neue Flächennutzungspläne eingeführt werden. Doch die Erfahrung zeigt, dass Resilienz dort wächst, wo Planung und soziale Realität miteinander in Dialog treten.

Besonders herausfordernd ist die Steuerung von Flächenkonflikten zwischen Wohnbebauung, Gewerbe und öffentlichem Raum. In einem Umfeld, in dem Flächen ein knappes Gut sind, konkurrieren verschiedene Akteure um die besten Lagen. Die Verwaltung setzt deshalb auf eine flexible Nutzungsmischung und temporäre Nutzungsformen, die es erlauben, Flächen bedarfsgerecht und situationsangepasst zu vergeben. So entstehen urbane Räume, die sich schnell an neue Anforderungen anpassen können – ein entscheidender Vorteil in Zeiten multipler Krisen.

Ein weiteres Feld ist der Umgang mit den ökologischen Risiken, die aus der Expansion der Stadt in sensible Gebiete resultieren. Viele der jüngeren Stadtteile Luandas sind auf ehemaligen Mangrovenflächen oder in Überschwemmungsgebieten entstanden. Hier zeigt sich die Notwendigkeit, Flächenmanagement als Instrument der Katastrophenvorsorge und Klimaanpassung zu begreifen. Die Integration von Grünflächen, Retentionsräumen und naturnahen Parks ist daher kein Luxus, sondern Teil der städtischen Überlebensstrategie.

All diese praktischen Erfahrungen machen deutlich: Die Fähigkeit, Nutzungskonflikte konstruktiv zu lösen, ist eine Schlüsselkompetenz für resiliente Städte. Luanda beweist, dass es dabei nicht auf perfekte Ordnung, sondern auf adaptive Steuerung und die Bereitschaft zu Kompromissen ankommt. Europäische Städte, die mit zunehmenden Flächenkonkurrenzen und sozialem Wandel ringen, können von diesen Ansätzen viel lernen.

Klimaanpassung, Grünflächen und Wassermanagement: Multifunktionale Flächennutzung als Resilienzmotor

Die Verwundbarkeit Luandas gegenüber Klimarisiken ist kein Randthema, sondern prägt das gesamte Flächenmanagement. Überschwemmungen, Hitzewellen und Wasserknappheit sind allgegenwärtige Herausforderungen, die innovative Lösungen verlangen. Besonders im Fokus steht die Entwicklung multifunktionaler Flächen, die mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Sie dienen als Wohnraum, Grünfläche, Wasserspeicher und Rückzugsort für die Bevölkerung.

Ein Paradebeispiel ist die Umgestaltung von Überschwemmungsgebieten zu urbanen Parks, die nicht nur als Naherholungsraum, sondern zugleich als Retentionsflächen bei Starkregen dienen. Diese Parks sind so gestaltet, dass sie im Ernstfall gezielt geflutet werden können, um angrenzende Stadtteile zu schützen. In Zusammenarbeit mit internationalen Experten wurden hier Wasserbilanzen, Vegetationskonzepte und Wegeführungen entwickelt, die eine maximale Resilienz gewährleisten.

Auch das urbane Wassermanagement ist eng mit dem Flächenmanagement verzahnt. In Luanda werden Regenwasserspeicher, Bewässerungssysteme und dezentrale Versickerungsflächen gezielt in die Stadtstruktur integriert. Ziel ist es, sowohl Wasserknappheit als auch Überflutungen entgegenzuwirken. Diese Lösungen sind meist kostengünstig, robust und an die lokalen Bedingungen angepasst – ein Beweis dafür, dass Resilienz nicht zwangsläufig Hightech braucht, sondern vor allem kluges Flächenmanagement.

Grünflächen spielen eine zentrale Rolle für das städtische Mikroklima. Sie reduzieren Hitzeinseln, verbessern die Luftqualität und bieten Schutzräume bei extremen Wetterlagen. In Luanda werden selbst kleinste Restflächen begrünt und mit Schatten spendenden Bäumen bepflanzt. Diese Maßnahmen entstehen oft in Kooperation mit Schulen, Anwohnergruppen und Unternehmen – ein partizipativer Ansatz, der nicht nur die Resilienz, sondern auch das soziale Miteinander stärkt.

Neben den physischen Maßnahmen ist auch die Bewusstseinsbildung ein wichtiger Bestandteil der Resilienzstrategie. Durch Bildungsprogramme, Informationskampagnen und partizipative Planungswerkstätten wird das Wissen um die Bedeutung multifunktionaler Flächen breit gestreut. Das fördert die Akzeptanz von Veränderungen und sorgt dafür, dass die Bevölkerung zu einem aktiven Teil der Resilienzstrategie wird.

Die Erfahrung aus Luanda zeigt: Flächenmanagement ist dann am wirksamsten, wenn es als Querschnittsaufgabe verstanden wird. Es verbindet Infrastruktur, Ökologie, Soziales und Governance zu einem lernenden System, das in der Lage ist, auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen flexibel zu reagieren. Das macht Luanda zu einer spannenden Referenz für Städte weltweit, die auf der Suche nach resilienten Lösungen sind.

Fazit: Was deutsche Städte von Luandas Flächenmanagement lernen können

Luanda mag auf den ersten Blick als ferner, vielleicht sogar exotischer Referenzrahmen für europäische Städte erscheinen. Doch ein genauer Blick auf die dortigen Praktiken im Flächenmanagement eröffnet überraschende Perspektiven für die Resilienz urbaner Räume. Die angolanische Metropole zeigt, dass Resilienz nicht aus dem Lehrbuch kommt, sondern aus der Fähigkeit, flächendeckend flexibel, partizipativ und lernbereit zu agieren.

Die Kombination aus digital gestütztem Flächenmonitoring, partizipativer Einbindung und adaptiven Steuerungsmechanismen macht Luanda zu einem Vorbild für einen neuen Typus urbaner Resilienz. Hier wird nicht auf Perfektion, sondern auf Anpassungsfähigkeit gesetzt. Die Bereitschaft, informelle Strukturen als Ressource zu begreifen, Nutzungskonflikte konstruktiv zu lösen und Flächen multifunktional zu gestalten, ist ein Erfolgsfaktor, der auch im deutschen Sprachraum zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Besonders bemerkenswert ist die Einbindung von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung in gemeinsame Entscheidungsprozesse. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit sorgt dafür, dass Flächenmanagement nicht im Elfenbeinturm der Experten verbleibt, sondern als lebendiger Bestandteil der Stadtgesellschaft wirkt. Es ist diese Offenheit für Innovation und Dialog, die Luanda zu einem echten Labor für resiliente Stadtentwicklung macht.

Natürlich sind nicht alle Lösungen direkt übertragbar. Die spezifischen Herausforderungen Luandas – von informellen Siedlungen bis zu extremen Klimarisiken – unterscheiden sich von den Bedingungen in Mitteleuropa. Doch die Prinzipien hinter dem Flächenmanagement haben universelle Gültigkeit: Flexibilität, Integration, Partizipation und der Mut, auch in Krisenzeiten neue Wege zu gehen.

Für deutsche, österreichische und schweizerische Städte bedeutet das: Wer Resilienz ernst meint, muss Flächenmanagement als dynamischen, gesellschaftlichen Prozess begreifen. Die Zukunft urbaner Räume entscheidet sich nicht im Planungsbüro, sondern im Zusammenspiel von Daten, Menschen und Orten. Luanda macht vor, wie das gehen kann – mit Mut, Kreativität und einer großen Portion urbaner Intelligenz.

Das könnte Sie auch interessieren
Der Social Media Manager
Unentdecktes Apfelland
nrw.landschaftsarchitektur.preis 2026 vergeben
„In Regensburg ist Umdenken nötig.“
Neue Wege im Hamburger Osten
hochwinkelfotografie-der-stadt-RvCbIQ0S-Lc
Bioklimatische Quartiersplanung – was geht über Schatten und Bäume hinaus?
Menschen entspannen, gehen und fahren Rad im großzügigen Stadtpark mit alten Bäumen – ein lebendiger öffentlicher Freiraum für alle.
Zonen für Gemeinwohl – neue Bausteine in der Flächennutzung
Berlin; 
Bauherr: Verwaltung Staatliche Schlösser und Gärten Hessen
Deutscher Landschaftsarchitektur-Preis
Köln-Chorweiler wird Grün
Adventskalender Tag 10

Was wünscht sich die Bevölkerung für die Stadt der Zukunft? Auf diese Frage hat eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit dem Difu und einem Meinungsforschungsinstitut Antworten gefunden. Die zeigen, dass die Menschen sich mehr urbane Wildnis und weniger Abfall in der Stadt wünschen.

Die Planung und Gestaltung der Städte liegt zumeist in den Händen von Profis. Stadtplaner*innen, Landschaftsarchitekt*innen und Architekt*innen gestalten tagtäglich urbane Lebensräume. Fast selbstverständlich ist dabei heute, dass Bürger*innen involviert werden, dass sie partizipieren und mitreden dürfen. Oft geschieht dies anlässlich einer konkreten Planungsaufgabe. Eine weite, langfristige Perspektive und übergeordnete Wünsche werden dabei selten abgefragt. Die hat nun die Bertelsmann Stiftung interessiert. Zusammen mit dem Deutschen Institut für Urbanistik und dem Meinungsforschungsinstitut Kantar Public hat die Stiftung eine Befragung zur Stadt der Zukunft durchgeführt.

Stadt der Zukunft: Negative Bilder helfen nicht weiter

Alle Abbildungen: Bertelsmann Stiftung, DiFu und Kantar Public.

Was wünschen sie sich für die Stadt der Zukunft? Diese Frage leitete eine repräsentative Bevölkerungsbefragung, die die Bertelsmann Stiftung und das Deutsche Institut für Urbanistik zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Kantar Public durchführten. In dieser Erhebung wurden den Befragten neun Zukunftsvisionen gezeigt und zur Diskussion gestellt. Dafür beschrieben die Szenarien vereinfacht, wie eine Stadt der Zukunft aussehen und organisiert sein könnte. Diese Bilder der Zukunft waren bewusst positiv geprägt. Sie wollten keine Angst machen, keine Sorgen kreieren. Vielmehr ging es der Bertelsmann Stiftung darum, das Interesse der Menschen an der Gestaltung der Städte zu wecken und sie zu einem Mitwirken zu animieren. Denn Nachhaltigkeit kann in städtischem Alltag, in Politik und kommunaler Arbeit nur gedeihen, wenn die Bevölkerung dieses Thema und die dazugehörigen Ziele mitträgt. Und dafür braucht es nicht nur negative Szenarien. Nicht nur die Folgen des Klimawandels sind zu präsentieren. Wichtig ist es auch, positive Bilder zu zeigen und Lust auf die Stadt der Zukunft zu machen.

Wünsche der Bevölkerung für die Stadt der Zukunft

Die Befragung hat überraschende Ergebnisse gebracht. Die Wünsche der Bevölkerung für die Stadt der Zukunft unterscheiden sich deutlich vom heutigen Bild der Städte. Das Szenario der „urbanen Wildnis“ fand zum Beispiel die größte Zustimmung. Die Mehrheit der Befragten wünscht sich also eine Kommune, die dem Verlust der Artenvielfalt entgegensteuert, die vielfältige Lebensräume für Flora und Fauna bietet und diese auch auf bebauten Flächen respektiert. Eine solche urbane Wildnis steht also ganz oben auf der Wunschliste der Bevölkerung. Darüber hinaus fanden Szenarien einer zukünftigen Stadt viel Zustimmung, in der weniger Abfall vorliegt und in der Verbrauch von Ressourcen geringer ist. In diesem Bild der Stadt der Zukunft ist das Prinzip der Kreislaufwirtschaft von großer Bedeutung. Denn genau die kann helfen, Ressourcen- und Energieverbräuche auf ein Minimum zu reduzieren. Das dritte Szenario, das den Befragten zusagt, war eine Stadt, in der Wohnraum für alle da ist. In dieser Stadt der Zukunft steht allen Menschen ausreichend viel, angemessener und bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung.

Sharing City lockt nicht

Neben den Favoriten urbane Wildnis und abfallfreie Stadt präsentierte die Befragung den Menschen auch Szenarien zur: Smart City, zur autofreien Stadt, zur Schwammstadt, zur selbstversorgenden Stadt, zur direktdemokratischen Stadt und zur Sharing City. Die meisten dieser Szenarien bekamen Zustimmung, die nur wenige Prozent unterhalb der Favoriten urbane Wildnis und abfallfreie Stadt lag. Ein Bild der Zukunft, die Sharing City, fand jedoch deutlich weniger Zustimmung. Die Vision, dass die Menschen ihr Eigentum und ihren Konsum auf das Wesentliche konzentrieren, dass sie Dinge häufiger teilen und leihen, anstatt sie zu kaufen, sprach nicht viele Menschen an. Diese Vision landete weit abgeschlagen, ganz unten auf der Liste der Wünsche der Befragten. Auch die direktdemokratische Stadt fand wenig Zustimmung, jedoch mehr als das Schlusslicht Sharing City.

Handlungsbedarf vor Ort

Neben der Bewertung von verschiedenen Visionen für die Stadt der Zukunft verweist der Bericht des Deutschen Instituts für Urbanistik auf erheblichen Handlungsbedarf. Denn so sehr die Menschen sich ein Szenario wünschen, so wenig sehen sie es in ihrer Stadt bisher umgesetzt. Also auf die Frage „Wie sehr sind diese Entwicklungen, in der Stadt, in der sie wohnen, aus ihrer Sicht heute schon umgesetzt?“ kam geringe Zustimmung. Den Umsetzungsstand aller neun abgefragten Visionen liegt überall deutlich hinter ihrer Erwünschtheit. Also auch wenn das Konzept der urbanen Wildnis aus Sicht der Befragten schon heute am stärksten umgesetzt ist, zeigt sich eine deutliche Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die größte Diskrepanz zwischen Erwünschtheit und Umsetzung herrscht beim Szenario Wohnraum für alle. Hier sind Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Dementsprechend zeigt sich hier der größte kommunale Handlungsbedarf. Für die Stadt der Zukunft muss also an der Bereitstellung von Wohnraum für alle intensiv gearbeitet werden.

Klimafragen sind wichtig

Die Befragung zur Stadt der Zukunft hat auch Unterschiede in verschiedenen Altersklassen deutlich gemacht. Zum Beispiel unterscheiden sich die Vorstellungen der jungen Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren von der Gesamtbevölkerung. Den jüngeren Menschen sind Klima, Umwelt und Energie besonders wichtig. In dieser Gruppe findet auch das Szenario der „Selbstversorgenden Stadt“ mehr Zuspruch als bei anderen Menschen. Darüber hinaus ist für die junge Generation auch die Autofreie Stadt von Bedeutung. Insgesamt thematisiert sie viel häufiger soziale Themen und das gesellschaftliche Miteinander. Diese Anliegen sind ihnen im Zusammenhang mit ihren Wünschen zur Stadt der Zukunft wichtig. Die jüngere Altersgruppe findet auch direktdemokratische Angebote wünschenswerter als andere Gruppen. Also auch hier zeigt sich Handlungsbedarf. Es gilt in der Zukunft diesem starken Wunsch nach Partizipation verstärkt nachzukommen.

Auch interessant: Im Dezember 2021 veröffentlichte das Difu einen Leitfaden zum Thema „Städte nachhaltig planen und bauen“. Mehr dazu hier: Leitfaden Städte planen.

Garten + Landschaft – Das Panel

Wir freuen uns, dass Sie sich etwas Zeit nehmen und am Garten + Landschaft Panel teilnehmen!

Hier finden Sie den Online-Fragebogen. Sie werden etwa 15 Minuten benötigen, um alle Fragen zu beantworten.

Die Redaktion von Garten + Landschaft bedankt sich schon jetzt für Ihre Unterstützung!

Hier geht es zum Panel.