Retentionsdächer und ihre Stadtwirkung – Praxisbeispiele und Monitoring

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Luftansicht einer Stadt mit Fluss, fotografiert von Emmanuel Appiah

Retentionsdächer sind längst nicht mehr die kuriosen Exoten, als die sie vor wenigen Jahren noch galten. Sie sind zur urbanen Notwendigkeit geworden – als technische Antwort auf Starkregen, urbane Hitze und den Wunsch nach lebenswerteren Städten. Doch wie wirken sie wirklich auf das Stadtklima, welche Praxisbeispiele inspirieren – und was verrät das Monitoring über ihre tatsächliche Wirksamkeit? Dieser Artikel liefert exklusive Einblicke, überraschende Erkenntnisse und die Expertise, die nur Garten und Landschaft bieten kann.

  • Definition und Funktionsweise von Retentionsdächern in der Stadtentwicklung
  • Stadtklimatische und stadtökologische Effekte von Retentionsdächern
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Projekte, Erfahrungen, Lehren
  • Monitoring-Methoden: Was wird gemessen, welche Daten zählen wirklich?
  • Rechtliche, technische und planerische Herausforderungen
  • Retentionsdächer als Teil nachhaltiger Stadtentwicklung und Klimaanpassung
  • Bedeutung für die Versickerung, Verdunstung und Biodiversität im urbanen Raum
  • Wechselwirkungen mit anderen blau-grünen Infrastrukturen
  • Potenziale, Grenzen und Zukunftsperspektiven aus Expertensicht

Retentionsdächer: Definition, Funktionsweise und stadtklimatische Bedeutung

Wer heute über nachhaltige Stadtentwicklung spricht, kommt an Retentionsdächern nicht vorbei. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff? Einfach gesagt handelt es sich dabei um Dachbegrünungen, die gezielt mit einer Retentionsschicht ausgestattet sind, um Niederschlagswasser temporär zu speichern und verzögert abzuleiten. Während klassische Gründächer schon seit Jahrzehnten das Stadtbild mancher Metropolen begrünen, gehen Retentionsdächer einen entscheidenden Schritt weiter: Sie sind als technisches System konzipiert, das sowohl die Regenwasserbewirtschaftung als auch das Stadtklima aktiv beeinflusst. Diesen Unterschied zu erkennen, ist zentral für alle, die in Planung, Architektur und Stadtentwicklung Verantwortung tragen.

Die Funktionsweise von Retentionsdächern ist dabei ebenso clever wie simpel: Niederschlag wird zunächst in einer speziellen Schicht – meist bestehend aus speicherfähigen Substraten oder eigens entwickelten Speichermatten – aufgefangen. Von dort aus erfolgt die Abgabe an die darunterliegende Dachabdichtung oder an ein kontrolliertes Entwässerungssystem. Der Clou: Während herkömmliche Dächer das Regenwasser blitzschnell ins Kanalsystem jagen (und damit das Risiko von Überflutungen erhöhen), halten Retentionsdächer das Wasser zurück, puffern es und geben es erst zeitverzögert oder über Verdunstung an die Umgebung ab. Dieser Vorgang entlastet nicht nur die städtische Kanalisation bei Starkregen, sondern sorgt auch für lokale Verdunstungskühlung und ein angenehmeres Mikroklima.

Stadtklimatisch betrachtet, sind Retentionsdächer ein wahrer Joker. In Zeiten urbaner Hitzeinseln, versiegelter Flächen und immer häufiger auftretender Starkregenereignisse sind sie ein wichtiger Baustein der Klimaanpassung. Sie tragen dazu bei, das Temperaturgefälle zwischen Stadt und Umland zu mildern, indem sie durch Verdunstungskälte die Umgebungsluft abkühlen. Zusätzlich wirkt die Begrünung als Staub- und Schadstofffilter, verbessert die Luftqualität und steigert die Biodiversität auf dem Dach – ein Aspekt, der gerade in dicht bebauten Innenstädten nicht zu unterschätzen ist. Wer sich also fragt, wie Städte widerstandsfähiger und lebenswerter werden können, findet in Retentionsdächern eine der überzeugendsten Antworten.

Doch damit nicht genug: Retentionsdächer sind auch ein Paradebeispiel für die sogenannte blaue-grüne Infrastruktur, also Systeme, die Wasser- und Grünflächen intelligent verknüpfen. Sie stehen für einen Paradigmenwechsel in der Stadtplanung: weg von der reinen Entsorgung, hin zur Nutzung und Aufwertung von Regenwasser. Statt Wasser als Problem zu betrachten, wird es als Ressource erkannt – eine Haltung, die in Zeiten des Klimawandels mehr als zeitgemäß ist. Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass Retentionsdächer das Denken über Dächer, Wasser und Stadtgrün auf den Kopf stellen.

Die Bedeutung von Retentionsdächern wächst parallel zum Druck, den die Klimakrise auf Städte ausübt. Sie sind längst mehr als ein modisches Öko-Gimmick für Luxusprojekte. Vielmehr sind sie Teil einer systemischen Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft: Sie verbinden Technik, Ökologie und städtebauliche Ästhetik – und sind damit ein Musterbeispiel für innovative, resiliente Stadtgestaltung.

Praxisbeispiele: Retentionsdächer im Einsatz in der DACH-Region

Ein Blick auf die Praxis zeigt: Theorie und Realität klaffen oft auseinander, doch im Fall der Retentionsdächer gibt es beindruckende Beispiele für gelungenes Zusammenspiel von Planung, Ausführung und Wirkung. Besonders in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich einige Projekte hervorgetan, die als Blaupause für andere Kommunen und Planer dienen können. Nehmen wir etwa Hamburg, eine Stadt, die seit Jahren gezielt auf Retentionsdächer setzt. Hier sind sie Bestandteil der „Hamburg Wasser Strategie“, die auf eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung abzielt. Im Neubaugebiet Oberbillwerder etwa werden Retentionsdächer flächendeckend vorgeschrieben, um das Kanalsystem zu entlasten und Hitzeinseln zu entschärfen. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Die lokale Temperatur ist messbar gesunken, die Biodiversität auf den Dächern wächst, und die Belastung der Kanalisation bei Starkregen ist spürbar reduziert.

In der Schweiz, insbesondere in Zürich und Basel, haben innovative Ansätze zu einer breiten Akzeptanz von Retentionsdächern geführt. Die Stadt Basel etwa hat mit dem „Gründachkataster“ ein Vorzeigeinstrument geschaffen, das sowohl Planern als auch Bauherren die Mehrwerte von Retentionsdächern transparent macht. Hier werden nicht nur die ökologischen Effekte dokumentiert, sondern auch konkrete Hinweise zu Fördermöglichkeiten und technischen Standards gegeben. Das Resultat: Immer mehr Bauherren entscheiden sich freiwillig für Retentionsdächer, unterstützt durch ein engmaschiges Monitoring, das die tatsächliche Wirksamkeit belegt.

Ein weiteres Beispiel findet sich in Wien, wo Retentionsdächer im Zuge der „Wiener Schwammstadt-Strategie“ zunehmend zur Pflicht werden. Hier geht man einen integrativen Weg: Retentionsdächer sind Teil eines Gesamtkonzepts, das auch Versickerungsmulden, begrünte Fassaden und wasserdurchlässige Beläge einbezieht. Die Stadt setzt auf Synergien zwischen verschiedenen blau-grünen Infrastrukturen, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Das Monitoring zeigt, dass Retentionsdächer nicht nur technisch zuverlässig funktionieren, sondern auch einen spürbaren Beitrag zur Hitzeminderung in dicht bebauten Quartieren leisten.

Doch nicht nur Metropolen machen vor, wie es geht. Auch kleinere Städte und Gemeinden engagieren sich. Beispielhaft ist die Stadt Esslingen, die im Rahmen eines EU-Förderprojekts Retentionsdächer auf mehreren Schulgebäuden installiert hat. Die Erfahrungen sind durchweg positiv: Die Dächer dienen zugleich als Lern- und Erlebnisräume für Schüler, verbessern das Mikroklima und stellen eine Vorbildfunktion für private Bauherren dar. Hier zeigt sich, dass Retentionsdächer nicht nur Großstädte, sondern auch Kommunen mit begrenztem Budget und Flächenangebot entscheidend voranbringen können.

Die Praxisbeispiele verdeutlichen: Erfolgreiche Retentionsdächer sind nie das Ergebnis zufälliger Einzelmaßnahmen, sondern das Resultat einer klugen Verzahnung von Planung, Förderung, technischer Innovation und gesellschaftlicher Akzeptanz. Sie setzen voraus, dass alle Akteure – von der Verwaltung über die Planer bis hin zu den Nutzern – an einem Strang ziehen. Nur so können die Potenziale voll ausgeschöpft werden und die Stadt von der Dachfläche zum Stadtklima-Helden werden.

Monitoring von Retentionsdächern: Methoden, Erkenntnisse, Herausforderungen

Wirkungsvolle Stadtentwicklung lebt von Fakten, nicht von Bauchgefühl. Genau deshalb kommt dem Monitoring von Retentionsdächern eine Schlüsselrolle zu. Doch was wird eigentlich gemessen, und wie? In der Regel stehen drei zentrale Aspekte im Fokus: die Wasserretention selbst, die Verdunstungsleistung und die Auswirkungen auf das Mikroklima. Moderne Monitoring-Systeme setzen hier auf eine Mischung aus Sensorik, Wetterdaten, Fernerkundung und manuellen Messungen. So werden etwa Bodenfeuchte, Temperatur, Niederschlagsmenge und Abflussverhalten kontinuierlich erfasst – ein Aufwand, der sich lohnt, denn nur so lassen sich die tatsächlichen Effekte gegenüber der Planung bewerten und optimieren.

Die Ergebnisse erstaunen selbst erfahrene Planer immer wieder. So zeigen Langzeituntersuchungen etwa, dass Retentionsdächer bis zu 80 Prozent des Jahresniederschlags zurückhalten oder verdunsten können. Besonders bemerkenswert ist dabei die hohe Effizienz bei Starkregenereignissen: Während konventionelle Dächer das Wasser sofort abführen, verzögern Retentionsdächer den Abfluss teils um mehrere Stunden oder Tage – ein entscheidender Vorteil für die Kanalisation und den städtischen Hochwasserschutz. Gleichzeitig belegen Temperaturmessungen eine signifikante Abkühlung der Umgebungsluft, insbesondere an heißen Tagen. Die Verdunstung sorgt für eine spürbare Verbesserung des lokalen Klimas, ein Effekt, der in dicht bebauten Quartieren Gold wert ist.

Monitoring bedeutet allerdings nicht nur das Sammeln von Zahlen, sondern auch das kritische Hinterfragen der eigenen Annahmen. So hat sich etwa gezeigt, dass die Vegetation auf Retentionsdächern eine größere Rolle spielt, als ursprünglich angenommen. Je nach Bepflanzungstyp, Substrat und Dachneigung variieren die Retentionsleistungen teils erheblich. Auch die Pflegeintensität wirkt sich auf die Performance aus: Vernachlässigte Dächer mit ausgedünnter Vegetation speichern weniger Wasser und bieten geringere Verdunstungseffekte. Das Monitoring liefert hier unverzichtbare Hinweise für die Optimierung von Planung und Pflege.

Eine weitere Herausforderung liegt in der Standardisierung der Messmethoden. Während einige Städte auf hochpräzise Sensorik und digitale Datenauswertung setzen, begnügen sich andere mit punktuellen Kontrollmessungen. Das erschwert den Vergleich zwischen Projekten und die Übertragbarkeit von Erfahrungswerten. Hier besteht Nachholbedarf, denn nur mit einheitlichen Standards lassen sich die Effekte von Retentionsdächern belastbar bewerten und für die Praxis nutzbar machen.

Schließlich spielt das Monitoring auch eine politische Rolle: Es liefert die Argumente, mit denen Entscheider, Fördergeber und Öffentlichkeit überzeugt werden können. Wer belastbare Zahlen zur Leistungsfähigkeit von Retentionsdächern vorlegen kann, schafft Vertrauen und Akzeptanz – und treibt damit die Verbreitung dieser Technik entscheidend voran. In einer Zeit, in der jede Stadt um die besten Lösungen ringt, ist das ein unschätzbarer Vorteil.

Planung, Umsetzung und rechtliche Rahmenbedingungen: Stolpersteine und Lösungsansätze

So überzeugend die Vorteile von Retentionsdächern sind, so vielfältig sind die Herausforderungen bei Planung und Umsetzung. Einer der größten Stolpersteine ist das Nebeneinander unterschiedlichster rechtlicher Vorgaben. Während in einigen Bundesländern die Begrünung und Retention bereits bauordnungsrechtlich verankert ist, fehlt in anderen Regionen jegliche Verpflichtung – und damit oft auch das Bewusstsein für die Notwendigkeit. Auch die technischen Zulassungen für Retentionsschichten und Entwässerungssysteme sind nicht immer einheitlich geregelt. Planer stehen daher regelmäßig vor der Aufgabe, für jedes Projekt die passenden Genehmigungen, Fördermittel und Normen zu recherchieren und zu kombinieren. Das kostet Zeit, Nerven und manchmal auch die letzten grauen Zellen.

Technisch gesehen erfordert die Planung von Retentionsdächern ein hohes Maß an Detailwissen. Es reicht nicht, einfach mehr Substrat auf das Dach zu schütten. Entscheidend ist die Kombination aus Tragfähigkeit des Dachs, Auswahl des richtigen Substrats, Bemessung der Retentionsschicht und Abstimmung des Abflussverhaltens. Auch die Integration in bestehende Entwässerungssysteme will wohlüberlegt sein, sonst drohen Fehleffekte wie unerwünschte Staunässe oder fehlende Wirkung bei Starkregen. Hinzu kommt die Frage nach der dauerhaften Pflege: Wer ist verantwortlich, wie werden Kontrollen organisiert, und wie lässt sich die Leistungsfähigkeit über Jahrzehnte sicherstellen?

Ein weiteres Problemfeld ist die Wirtschaftlichkeit. Zwar zeigen zahlreiche Studien, dass Retentionsdächer langfristig Kosten sparen – etwa durch geringere Kanalgebühren, reduzierte Schäden bei Starkregen und erhöhte Lebensdauer der Dachabdichtung –, doch die anfänglichen Investitionen schrecken viele Bauherren ab. Hier sind Förderprogramme, steuerliche Anreize und gezielte Öffentlichkeitsarbeit gefragt, um die Hemmschwelle zu senken. Ein positives Beispiel liefert die Stadt München, wo seit Kurzem ein Fördertopf speziell für Retentionsdächer existiert. Die Nachfrage zeigt: Ist das Angebot erst einmal bekannt, wächst auch die Bereitschaft zur Umsetzung.

Auch kulturelle Hürden spielen eine Rolle. In vielen Köpfen ist das Dach noch immer eine reine Schutzkonstruktion – für Technik, für Menschen, für Werte. Die Idee, es als multifunktionale Landschaftsfläche zu nutzen, setzt einen mentalen Wandel voraus. Planer und Architekten sind daher gefordert, nicht nur technische, sondern auch kommunikative Überzeugungsarbeit zu leisten. Je besser es gelingt, die Vorteile von Retentionsdächern anschaulich zu machen, desto eher gelingt die Transformation des urbanen Dachbestands zu einem Netzwerk grüner, klimafreundlicher Flächen.

Die gute Nachricht: Die rechtlichen, technischen und kulturellen Hürden sind keine Naturgesetze. Sie lassen sich überwinden – mit kluger Planung, engagierter Kommunikation und dem Mut, neue Wege zu gehen. Die Praxis zeigt, dass dort, wo Verwaltung, Politik und Planer an einem Strang ziehen, die Erfolgsgeschichten nur so sprießen. Und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Die Zukunft der Stadt liegt auf dem Dach – sofern wir bereit sind, sie zu gestalten.

Retentionsdächer als Herzstück urbaner Resilienz: Potenziale, Grenzen, Perspektiven

Retentionsdächer sind weit mehr als technische Spielerei. Sie sind ein Schlüssel zu einer neuen, widerstandsfähigen Stadt. Ihr Potenzial reicht von der Verbesserung des Mikroklimas über die Stärkung der Biodiversität bis hin zur Entlastung der städtischen Infrastruktur. Besonders spannend ist dabei ihr integrativer Charakter: Sie verbinden Wasserwirtschaft, Stadtökologie und architektonische Gestaltung zu einem stimmigen Ganzen. Damit sind sie Paradebeispiel für die blaue-grüne Infrastruktur, die in Zukunft das Rückgrat urbaner Resilienz bilden dürfte.

Doch wie bei jeder Innovation gibt es auch Grenzen. Nicht jedes Dach eignet sich für eine Retentionslösung. Statik, Nutzungskonflikte, Kosten und technische Restriktionen setzen dem flächendeckenden Einsatz natürliche Schranken. Zudem ist die Wirkung von Retentionsdächern immer Teil eines größeren Ganzen. Ein einzelnes Dach kann keine Stadt vor Überflutung schützen. Erst im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen – etwa entsiegelten Flächen, Versickerungsmulden und offenen Wasserläufen – entfaltet sich die volle Wirkung. Es braucht also ein systemisches Denken, um das Potenzial von Retentionsdächern auszuschöpfen.

Ein weiteres Feld, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Digitalisierung. Moderne Monitoring-Systeme, gekoppelt mit städtischen Datenplattformen, ermöglichen eine Echtzeitüberwachung und Optimierung der Retentionsleistung. Sie schaffen Transparenz, liefern Planungsgrundlagen und machen die Wirkung von Maßnahmen sichtbar. In Kombination mit anderen digitalen Tools – etwa Urban Digital Twins – eröffnen sie neue Möglichkeiten für die Steuerung und Bewertung städtischer Wasserhaushalte. Hier schlummert ein enormes Potenzial, das in den kommenden Jahren weiter erschlossen werden dürfte.

Auch die gesellschaftliche Perspektive ist entscheidend. Retentionsdächer bieten die Chance, Stadtbewohner für Klimaanpassung und Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Sie schaffen neue Lebensräume, fördern die Aufenthaltsqualität und eröffnen innovative Nutzungen – von Urban Gardening bis zu Dachparks. In einer Zeit, in der Städte nach neuen Identifikationsorten suchen, können begrünte Dächer zu Symbolen des Wandels werden. Sie stehen für eine neue Haltung zur Stadt, zum Wasser und zur Natur.

Die Perspektiven für Retentionsdächer sind also glänzend – vorausgesetzt, wir denken groß, vernetzt und mutig. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es gelingt, aus Pilotprojekten eine echte Bewegung zu machen. Klar ist: Wer heute in Retentionsdächer investiert, investiert in die Zukunft der Stadt. Und das ist, bei allem planerischen Ehrgeiz, auch ein ziemlich gutes Gefühl.

Fazit

Retentionsdächer sind mehr als nur ein grüner Trend. Sie sind ein zentraler Baustein für die klimaresiliente, lebenswerte und zukunftssichere Stadt. Ihre Wirkung reicht weit über das einzelne Gebäude hinaus: Sie beeinflussen das Stadtklima, entlasten die Infrastruktur, schaffen neue Lebensräume und setzen Impulse für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Praxisbeispiele aus der DACH-Region zeigen, wie erfolgreich Retentionsdächer bereits heute wirken – vorausgesetzt, Planung, Monitoring und Kommunikation greifen ineinander. Die Herausforderungen sind real, aber überwindbar. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen, Standards zu setzen und das Dach als urbane Ressource zu begreifen. Die Zukunft der Stadt liegt nicht nur in smarten Technologien oder visionären Masterplänen, sondern auch im ganz realen, lebendigen Grün über unseren Köpfen. Wer das erkennt, gestaltet nicht nur Dächer – sondern die Stadt von morgen. Und dafür lohnt sich jeder Schritt aufs Dach.

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In Pontevedra haben Fußgänger*innen Vorrang. Ein Traum im Nordwesten Spaniens? Foto: Arturo Rey via unsplash

Pontevedra in Spanien gilt als Vorreiter für autofreie Städte. Wie sich die Stadt gewandelt hat, welche Vorteile heute messbar sind und welche Kritik es anfangs gab lesen Sie hier.

Pontevedra geht seinen eigenen Weg

Über die Zukunft der Mobilität wird allerorts viel diskutiert. Fahrverbote und Tempolimits stoßen dabei besonders oft auf Widerstand. Wie ein resolutes Konzept die innerstädtische Qualität jedoch nachhaltig verbessern kann, zeigt ein Projekt in Spanien. Die Stadt Pontevedra im Nordwesten des Landes geht bereits seit den 1999er Jahren ihren eigenen Weg. Als Provinzhauptstadt von Rías Baixas in Galicien gelegen, bietet der Ort mit kleinen Plätzen, wappengeschmückten Häusern mit Arkaden und alten Kirchen im mittelalterlichen Stadtkern zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Große Bekanntheit erlangte die Stadt jedoch vor allem aufgrund ihrer nachhaltigen Verkehrspolitik. Denn seit nurmehr über 20 Jahren ist die Innenstadt weitgehend autofrei gestaltet.

Pontevedras "schmutzige" Vergangenheit 

Die Umgestaltung erfolgte als drastische Reaktion auf die untragbaren Zustände. Auf 80 000 Einwohner*innen kamen beinahe genauso viele Autos. Allein in der Altstadt verkehrten täglich 14 000 Autos, berichtet der Bürgermeister von Pontevedra, Miguel Anxo Fernández Lores. Es sei ein einziges Chaos gewesen. Hinzu kamen die schlechte Luftqualität und zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch Xosé Cesareo Mosquera, der Leiter der städtischen Infrastrukturen, erinnert sich an den damaligen Status quo:It was a sad and stressed city, people felt like they had to escape to live on the outskirts.“ Die Stadt reagierte. Unter dem damals neu ins Amt gewählten Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores begann eine umfassende urbane Transformation.

Drastische Maßnahmen

Nach nur einem Monat im Amt gelang es Lores, insgesamt 300 000 Quadratmeter im Stadtzentrum zu Fußgänger*innenzonen umzuwidmen. In der Altstadt ist seitdem nur noch Lieferverkehr geduldet. Ehemalige Parkplätze wurden zu Flaniermeilen umgestaltet. Wer sein Auto parken möchte, sucht dazu nun einen der rund 15 000 Parkplätze außerhalb der Innenstadt auf. Die meisten davon sind kostenlos. Unterirdische Parkhäuser ergänzen das Angebot. Für Autos gilt außerdem ein Tempolimit von 30 km/h. Straßenbarrieren in Form von erhöhten Überwegen für Fußgänger*innen, geringe Fahrbahnbreiten und Kreisverkehre fördern dabei einen steten aber langsameren Verkehrsfluss. Den schmalen Straßen stehen breite Gehwege gegenüber. Sie zeigen ganz deutlich: In Pontevedra haben Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr. Über zusätzliche Stadtpläne mit Entfernungen und Zeitangaben zu Fuß können sich diese im Stadtraum informieren und orientieren.

Folgen der Transformation

Die Transformation betrifft jedoch nicht nur die städtischen Infrastrukturen. Auch die Einstellung der Menschen zur Stellung des Autos hat sich über die Jahre geändert. Für Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores gilt schon seit Beginn an: „Owning a car does not give you the right to take up public space.“ Selbst lokale Geschäftsleute, die sich zuerst vehement gegen die Maßnahmen ausgesprochen hatten, sind heute von den Vorzügen der Stadt- und Verkehrsplanung zugunsten von Fußgänger*innen überzeugt. Der prophezeite Einbruch an Kund*innen- und Umsatz trat nicht ein. Vielmehr erledigen die Bürger*innen Pontevedras heute vieles zu Fuß. Um Widerstand entgegen zu wirken, wählte die Stadt einen inklusive Planungsprozess. Vor der Umgestaltung der jeweiligen Straße organisierte sie Versammlungen mit den betroffenen Anwohner*innen. So seien Zweifel oder Sorgen zerstreut worden.

Insgesamt hat sich das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt um 97 Prozent verringert. Auch die Luftwerte konnte deutlich verbessert werden. So verzeichnet die Stadt seit Einführung der Änderungen einen Rückgang der CO2-Emissionen um über 70 Prozent verzeichnet. Schließlich ist auch die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verkehrstoten zurückgegangen.

Pontevedra als Vorbild?

Das Modell dient vielen anderen Städten weltweit als Vorbild. Pontevedra wurde für das Konzept außerdem mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der UN-Habitat Award 2014, der Intermodes Award 2013 und der Active Design Award 2015. Die Übertragbarkeit auf andere Städte wird immer wieder diskutiert. Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores selbst sagt, jede Stadt müsse ihr eigenes passendes Modell finden. Es gebe jedoch mit Sicherheit Ansätze aus Pontevedra, die andernorts als Inspiration dienen könnten. Laut Bürgermeister Lores könne eine ähnliche Umgestaltungen in Städten mit bis zu 180 000 Einwohner*innen funktionieren. Bei größeren Metropolen könne es helfen, in Stadtvierteln zu denken. Also beispielsweise den Verkehr in einigen großen Straßen des Stadtgebiets zu konzentrieren, um angrenzende Bereiche verkehrsfrei auszugestalten.

Klare Kommunikation und Planung 

Wesentlich sei vor allem ein klarer Plan. So verfolgt Pontevedras Stadtplanung ein Konzept der kompakten Zentren. Statt einer Zersiedelung und Orientierung ins Umland, fördert die Stadt die Innenentwicklung. Kurze Wege zu Fuß werden so realisierbar. Ebenso wichtig sei die Kommunikation mit den Betroffenen. Nur durch sinnhafte und nachvollziehbare Eingriffe, die eine tatsächliche Besserung brächten, könne die Bevölkerung die anstehenden Veränderungen mitgehen. „When you simply remove parking without putting out street furniture or terraces or improving the space at all, then the person who cannot park their car there will be frustrated because it simply appears that nothing is being done with an area that could otherwise be used for parking.“, sagt Lores.

Pontevedra hat geschafft, wonach viele Städte sich sehnen. Durch eine kluge Hierarchiesierung von Verkehrsmitteln und entsprechende Gestaltung von Stadträumen entwickelte sich ein attraktiver Ort. Und setzt für andere Kommunen weltweit ein Signal: Die Transformation hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln ist möglich. 

In Deutschland wird währenddessen immer noch über Tempo 30 Zonen gestritten. Ein Beispiel aus Berlin.

 

Foto: Bundesstiftung Baukultur

 

Die dritte Baukulturwerkstatt in diesem Jahr in Frankfurt am Main befasste sich mit Planungskultur und Prozessqualität.

 

Mit sicherem Gespür für angesagte Orte hat die Bundesstiftung Baukultur zum abendlichen Empfang im Rahmen der 3. Baukulturwerkstatt in Frankfurt am Main zum ehemaligen Osthafen eingeladen. Im Schatten des EZB-Towers (coop Himmelblau), der im Juni diesen Jahres eröffnet wurde, hatten sich die ortskundigen Scouts die Gewölbe unter der Honsellbrücke ausgesucht. Hier im Entwicklungsgebiet Osthafen, wo die Jogger und Biker mit dem Hafenpark das vorläufige Ende ihrer Mainufer-Renn- und Flanierstrecke vorfinden (sinai Landschaftarchitekten), hat die Stadt dem Kunstverein Familie Montez, der bisher einen Altbau in der Innenstadt bespielte, die eindrucksvollen Räume gegeben und sich damit gegen eine lukrative Eventlocation entschieden. Damit war das Thema „Planungskultur und Prozessqualität“ en passant schon einmal beispielhaft eingeführt. Eine Führung zur Architektur- und Stadtentwicklung der „guiding architects“ Frankfurt stellte am Ende der Werkstatt das spannenden Quartier noch einmal ausführlicher vor. Wegen der EZB und der weiträumig und klug gebauten Sport-, Skate- und Freizeitflächen hat das ehemalige Hafengebiet im historisch unattraktiven Osten eine spürbare Aufwertung erfahren, dessen Prozess noch lange nicht zu Ende ist.

Die eigentliche Werkstatt fand dann in einem Gebäude statt, dass keinen krasseren Gegensatz zum ruppig-schicken Hafenquartier bilden könnte: Der Commerzbank-Tower von Norman Foster, mit 300 Metern Höhe einst höchster und erster „ökologischer“ Wolkenkratzer in Europa. 8 Kurzvorträge zeigten Best-practice-Beispiele aus ländlichen Räumen, deren Inhalte von vorbildlichen Planungsprozessen, erfolgreichen Bürgerbeteiligungsverfahren und der zunehmenden Einrichtung von Gestaltungsbeiräten reichte. Die Bürgermeister und Planungsdezernenten von Weyarn (Oberbayern), Arnsberg im Sauerland und der Fachwerkstatt Eschwege in Nordhessen stellten erfolgreiche Entwicklungskonzepte vor, die mit Partizipation, kostenloser Bauberatung, gestoppter Ausweisung von neuen Wohnbauflächen und gut vorbereiteten Planungsverfahren hochgradig qualitätvolle Ergebnisse erzeugten. Für die Ingenieurszunft stellte Prof. Steffen Marx das jahrelange funktionierende Erfolgsmodell des Brückenbaurates vor, der der Deutschen Bahn zahlreiche Brückenbaupreise bescherte und dem Land einfallslose Standardkonstruktionen ersparte. Dass unter der neuen Bahnleitung die Arbeit nicht weitergeführt wurde, gehört zu den traurigen Erkenntnisse der Tagung. Einen weiteren Schwerpunkt bildete das ungezügelte Wachstum von Einfamilienhausgebieten bei gleichzeitigem Werteverlust des Eigenheimbestandes älterer Bewohner. Am Beispiel Dorsten-Barkenberg im Münsterland wurde im Rahmen der Regionale 2016 die Werkstattreihe „HausAufgaben“ durchgeführt, in der mit den Hauseigentümern und Bewohnern den anstehenden Strukturwandel und das Zusammenleben von morgen thematisiert wurde.

Einen erwartet launigen Schlusspunkt setzte dann der Impulsvortrag von Stephan Petermann von AMO, dem Thinktank von OMA, der das heutige Landleben kräftig entromantisierte. Längst ist der ländliche Raum nicht mehr die rückständige Provinz, sondern ein dynamischer Zukunftsraum, in dem sich computergesteurte Landwirtschaften mit von Robotern gemolkenen Kühen entwickeln und sich die kreative Intelligenz ansiedelt.

In diesem Jahr fand die Baukulturwerkstatt bereits in Kassel (siehe Garten + Landschaft 06/2015) und Regensburg (siehe Garten + Landschaft 08/2015) statt. Zentrales Thema 2015 ist das Leben auf dem Land.