Schattenmuster statt Bebauungslücken – Planungslogik neu gedacht

eine-gruppe-von-menschen-die-eine-strasse-neben-hohen-gebauden-entlang-gehen-6Ooq3GMvYIc
Eine Szene mit Fußgängern in einer deutschen Stadt neben beeindruckenden Hochhäusern, fotografiert von Marek Lumi





Schattenmuster statt Bebauungslücken – Planungslogik neu gedacht


Wer beim Stichwort Bebauungslücke nur an öde Baulücken, Nachverdichtung und hektische Wohnraumproduktion denkt, hat das neue Zeitalter der Planungslogik verpasst. Was, wenn nicht die Dichte, sondern das Muster der Schatten unsere Städte prägt? Willkommen im Denken jenseits von Parzellen – wo Lücken, Licht und Leere plötzlich Gestaltungspotenzial entfalten!

  • Warum klassische Bebauungslücken als Problem gesehen werden – und warum sie das nicht immer sind
  • Das Konzept der Schattenmuster als innovatives Werkzeug in der Stadtplanung
  • Wie digitale Simulations- und Echtzeitdaten neue Perspektiven auf Lücken und Zwischenräume eröffnen
  • Best-Practice-Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz für kreative Flächennutzung
  • Der Paradigmenwechsel: Von der Nachverdichtung zur prozessorientierten Stadtstruktur
  • Gestaltung von Aufenthaltsqualität, Mikroklima und sozialem Raum durch bewusste „Leere“
  • Risiken und Herausforderungen: Von Kommerzialisierung bis zur algorithmischen Verzerrung
  • Dynamische Beteiligung und Governance – wie Schattenmuster demokratische Stadtentwicklung fördern können
  • Wie eine postparzellare Planung neue Freiräume zwischen den Gebäuden schafft
  • Ausblick: Warum die Zukunft der Stadt nicht in der Lückenfüllung, sondern in der intelligenten Leerstelle liegt

Von der Lücke zur Ressource: Warum Bebauungslücken neu gedacht werden müssen

Die Bebauungslücke ist das ungeliebte Kind der Stadtplanung. Sie taucht auf als Restfläche, als unbebautes Grundstück zwischen zwei Häuserzeilen, als Überbleibsel aus Abriss, Krieg oder gescheiterten Bauprojekten. Jahrzehntelang galten diese Lücken als Makel, als Zeichen von Unvollständigkeit und Effizienzverlust. Die Devise lautete: verdichten, schließen, auffüllen. Doch dieses klassische Lückenschließen hat Nebenwirkungen. Es beraubt Städte ihrer Flexibilität, vernichtet Freiräume, verschärft Hitzeinseln und lässt kaum Raum für spontane oder informelle Nutzungen. Zudem ignoriert es, dass Lücken oft die letzten Rückzugsorte für Artenvielfalt, Frischluftschneisen oder soziale Interaktion sind.

Die neue Generation von Stadtplanern hinterfragt diesen Automatismus. Sie erkennt in der Bebauungslücke nicht das Problem, sondern das Potenzial. Was wäre, wenn genau diese Lücken als Ressource begriffen würden? Als Experimentierfelder für neue Formen des städtischen Lebens? Diese Sichtweise verlangt eine Abkehr von der Flächenverwertung als Hauptziel der Planung. Stattdessen rücken Fragen der Aufenthaltsqualität, des Mikroklimas und der sozialen Mischung in den Vordergrund. Die Lücke wird zur Bühne für temporäre Nutzungen, zur Oase in der dichten Stadt, zum Reservoir für das Unerwartete.

Doch damit nicht genug. Die wachsende Komplexität urbaner Systeme zeigt, dass Städte mehr brauchen als nur gebaute Masse. Flexible Strukturen, adaptive Freiräume, atmende Zwischenzonen – diese Elemente sind essenziell für die Resilienz gegenüber Klimawandel, sozialem Wandel und technologischer Innovation. Wer jede Lücke sofort schließt, verbaut sich diese Optionen. Die neue Planungslogik setzt daher auf das Offenhalten, das bewusste Zulassen von Unfertigkeit. Sie nimmt Abschied von der Idee der perfekten, abgeschlossenen Stadt und öffnet sich für das Ungeplante, das Prozesshafte.

Die Perspektive wechselt: Von der Defizitbeschreibung zur Potenzialanalyse. Die Frage ist nicht mehr, wie schnell eine Lücke verschwindet, sondern was sie leisten kann, solange sie besteht. Sei es als temporärer Park, als Ort für Urban Gardening, als Bühne für Kultur oder als Pufferzone für Regenwasser. Die Lücke wird zum Labor für neue Typologien und Nutzungen, die in starren Bauordnungen keinen Platz finden.

Diese Umwertung verlangt auch eine neue Sprache in der Planung. Begriffe wie Restfläche oder Baulücke werden ersetzt durch Zwischenraum, Möglichkeitsraum oder – und hier schließt sich der Kreis – Schattenmuster. Denn oft ist es gerade das Wechselspiel von Licht und Schatten, von Dichte und Leere, das urbane Qualität erzeugt. Nicht die lückenlose Bebauung, sondern das differenzierte Muster macht die Stadt lebendig.

Schattenmuster: Das unsichtbare Gestaltungspotenzial zwischen den Gebäuden

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Schattenmustern sprechen? Gemeint ist das komplexe Zusammenspiel aus Gebäudekörpern, Freiflächen, Vegetation und Tageslicht, das in jeder Stadt ein unverwechselbares, oft unterschätztes Muster aus Licht und Schatten erzeugt. Dieses Muster ist weit mehr als ein ästhetischer Effekt oder ein Nebenprodukt. Es beeinflusst Temperatur, Aufenthaltsqualität, Biodiversität und sogar das soziale Verhalten im öffentlichen Raum. Schattenmuster sind die stille Choreografie der Stadt, die das Leben zwischen den Gebäuden prägt.

In der klassischen Planung wird der Schattenwurf oft als Problem betrachtet – etwa wenn Neubauten bestehende Wohnhäuser verschatten oder Freiflächen im Winter auskühlen. Doch die neue Planungslogik kehrt dieses Denken um. Sie betrachtet Schattenmuster als wertvolles Werkzeug. Richtig eingesetzt, lassen sich damit Hitzeinseln entschärfen, Mikroklimata verbessern und Freiräume vielfältiger bespielen. Besonders angesichts des Klimawandels gewinnen diese Aspekte an Bedeutung. Städte brauchen Flächen, die im Sommer kühlend wirken, Aufenthaltsqualität bieten und zugleich flexibel nutzbar bleiben.

Digitale Tools eröffnen hier ganz neue Möglichkeiten. Mithilfe von Simulationssoftware lassen sich Schattenwürfe im Tages- und Jahresverlauf präzise berechnen. Planer können verschiedene Bebauungsszenarien durchspielen und gezielt steuern, wie Licht und Schatten über Plätze, Wege und Parks wandern. So entstehen Freiräume, die nicht zufällig beschattet oder überhitzt sind, sondern bewusst gestaltet. Die Lücke wird zum Steuerungsinstrument – und das Schattenmuster zum Leitbild einer klimaangepassten Stadt.

Das Potenzial dieser Herangehensweise zeigt sich besonders in Projekten, die Freiräume nicht als Restflächen, sondern als zentrale Elemente begreifen. In Wien etwa entstehen in neuen Quartieren großzügige, verschattete Plätze, die auch an heißen Tagen zum Verweilen einladen. In Zürich wird gezielt mit dem Schatten alter Bäume und lockerer Bebauung gearbeitet, um angenehme Mikroklimata zu schaffen. Leipzig experimentiert mit temporären Schattenspendern aus Textil und Holz, die saisonal auf- und abgebaut werden können. In all diesen Fällen steht nicht die maximale Nutzung der Fläche im Vordergrund, sondern die Qualität des Schattenmusters.

Dieses Denken zwingt Planer dazu, Gebäude nicht nur als Volumen, sondern als Akteure im städtischen Klima zu verstehen. Die Frage ist nicht, wie viele Wohnungen oder Büros auf ein Grundstück passen, sondern wie Gebäude und Lücken gemeinsam ein nachhaltiges, lebenswertes Umfeld erzeugen. Schattenmuster werden so zum Prüfstein für gute Planung – und zur Brücke zwischen Architektur, Landschaft und Urbanistik.

Digitale Werkzeuge und Echtzeitdaten: Die Evolution der Planungslogik

Der Siegeszug digitaler Stadtmodelle hat das Verständnis von Lücken, Schatten und Zwischenräumen revolutioniert. Moderne Simulations- und Analysewerkzeuge erlauben es, Auswirkungen von Bebauung, Vegetation und Oberflächen auf das Mikroklima in nie dagewesener Präzision zu prognostizieren. Im Zeitalter von Urban Digital Twins werden Städte zu dynamischen Datensystemen, in denen jede Veränderung sofort sichtbar und messbar ist. Planer können so verschiedene Szenarien durchspielen, ohne einen einzigen Spatenstich zu tun.

Diese Echtzeitfähigkeit verändert das Verhältnis zu Lücken grundlegend. Wo früher Bauchgefühl und Erfahrung dominierten, liefern heute Algorithmen objektive Entscheidungsgrundlagen. Ein Digital Twin kann zeigen, wie ein neues Gebäude den Wind lenkt, wie sich Regenwasser auf einer unversiegelten Fläche verteilt, wie Schattenbänder im Tagesverlauf wandern. Planer können gezielt offene Flächen freihalten, um Frischluftschneisen zu sichern oder Retentionsflächen für Starkregen zu schaffen. Die Lücke wird zur hochpräzisen Steuerungsgröße im System Stadt.

Doch Technik allein löst keine Probleme. Entscheidend ist, wie die gewonnenen Daten interpretiert und in die Planung integriert werden. Hier braucht es interdisziplinäres Know-how: Stadtplaner, Landschaftsarchitekten, Datenanalysten und Beteiligungsexperten müssen gemeinsam an der Schnittstelle von Raum und Information arbeiten. Nur so entstehen Planungsprozesse, die das Beste aus beiden Welten vereinen – die Flexibilität der Leerstelle und die Präzision der Simulation.

Ein weiteres Plus: Digitale Werkzeuge machen die Auswirkungen von Planung für Bürger und Politik nachvollziehbar. Simulationen werden zum Kommunikationsmittel, Schattenmuster zur Diskussionsgrundlage. Beteiligung wird damit konkret und visuell – nicht mehr abstrakt oder auf den Text eines Bebauungsplans reduziert. Wer sehen kann, wie sich Licht, Hitze oder Regen im Quartier verteilen, kann fundierter mitentscheiden und eigene Ideen einbringen. Die Stadt wird zur gemeinsamen Bühne, auf der alle Akteure mitspielen können.

Allerdings lauern auch Gefahren. Wer die Kontrolle über Daten und Modelle verliert, riskiert eine algorithmische Verzerrung von Interessen – oder die Dominanz großer Technologiekonzerne in der Stadtentwicklung. Governance, Transparenz und offene Standards sind daher unerlässlich. Nur wenn die Steuerung über die Schattenmuster in öffentlicher Hand bleibt, können sie als Werkzeug für gemeinwohlorientierte Planung dienen.

Erfolgreiche Praxis: Schattenmuster als Strategie in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Die Theorie der Schattenmuster klingt verlockend – aber wie sieht die Umsetzung in der Praxis aus? Ein Blick auf ausgewählte Projekte im deutschsprachigen Raum zeigt, dass die neue Planungslogik längst Realität geworden ist. In Zürich wurde im Quartier Altstetten ein Mix aus lockerer Bebauung, Baumpflanzungen und offenen Flächen geschaffen, der gezielt für ein abwechslungsreiches Schattenmuster sorgt. Die Aufenthaltsqualität im Sommer ist hier deutlich höher als in herkömmlichen Blockrandstrukturen. Gleichzeitig bleibt Raum für temporäre Nutzungen und nachbarschaftliche Initiativen.

In München experimentiert die Stadt mit sogenannten „Klimainseln“ in Nachverdichtungsgebieten. Statt jede Lücke zu schließen, werden gezielt Flächen freigehalten, mit Bäumen bepflanzt und so gestaltet, dass sie sowohl Schatten als auch soziale Treffpunkte bieten. Digitale Simulationen helfen dabei, die Wirkung auf das lokale Mikroklima zu quantifizieren und zu optimieren. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Weniger Hitzestress, höhere Biodiversität und mehr soziale Dynamik.

Basel setzt auf eine Kombination aus temporären und dauerhaften Schattenstrukturen. Im Rahmen von Zwischennutzungsprojekten werden leerstehende Areale mit mobilen Schattenspendern, Urban Gardening und Kunstaktionen bespielt. Diese Interventionen sind flexibel, niedrigschwellig und können je nach Bedarf angepasst werden. Sie zeigen, dass nicht jeder Freiraum sofort bebaut werden muss – manchmal reicht ein kluges Schattenkonzept, um städtische Lebensqualität enorm zu steigern.

Wien wiederum hat die Bedeutung von Schattenmustern in der Quartiersentwicklung systematisch verankert. Im Stadtentwicklungsgebiet Aspern Seestadt werden nicht nur Gebäude, sondern auch Freiflächen, Wasserflächen und Vegetation so angeordnet, dass sie im Zusammenspiel ein optimales Mikroklima erzeugen. Die Lücken zwischen den Baukörpern sind kein Mangel, sondern das Rückgrat der städtebaulichen Strategie. Sie schaffen Sichtachsen, Belüftung und bieten Platz für spontane Aktivitäten.

Diese Beispiele zeigen: Die intelligente Gestaltung von Schattenmustern ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Sie macht Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel, verbessert die Lebensqualität und eröffnet neue Spielräume für Beteiligung und Kreativität. Wer die Lücke als Ressource begreift und das Schattenmuster als Leitbild nimmt, ist den Herausforderungen der Zukunft einen entscheidenden Schritt voraus.

Neue Planungslogik: Von der Nachverdichtung zur atmenden Stadt

Die Transformation von der klassischen Nachverdichtung zur atmenden, prozessorientierten Stadt bedeutet einen radikalen Paradigmenwechsel. Statt jede Fläche maximal auszunutzen, rückt die Balance zwischen Dichte und Leere, zwischen gebauter Substanz und offenen Schattenräumen in den Vordergrund. Das bedeutet nicht Verzicht auf Wachstum, sondern kluge Steuerung: Bauen, wo es sinnvoll ist. Offenhalten, wo es für Klima, Soziales oder Biodiversität wichtig ist.

Die neue Logik verlangt, Bebauung und Schattenmuster als zusammenhängendes System zu begreifen. Es geht darum, städtische Räume so zu gestalten, dass sie sich flexibel an neue Anforderungen anpassen können. Freiflächen werden nicht mehr als zufällige Überbleibsel behandelt, sondern als strategische Ressource eingeplant. Das eröffnet Optionen für temporäre Nutzungen, innovative Mobilitätskonzepte oder grüne Infrastruktur.

Ein zentrales Element ist die Beteiligung. Wer Schattenmuster gestaltet, muss Akteure aus Quartier, Verwaltung und Zivilgesellschaft einbinden. Nur so entstehen Lösungen, die Akzeptanz finden und langfristig funktionieren. Digitale Werkzeuge erleichtern diese Prozesse, indem sie komplexe Zusammenhänge anschaulich machen und verschiedene Szenarien durchspielbar machen. Partizipation wird so konkret und wirksam – und die Stadtentwicklung demokratischer.

Gleichzeitig stellen sich neue Herausforderungen: Wer entscheidet, welche Lücke bleibt und welche bebaut wird? Wie lassen sich kurzfristige Marktinteressen mit langfristigen Gemeinwohlzielen in Einklang bringen? Wie verhindern wir, dass innovative Flächenkonzepte von kommerziellen Akteuren vereinnahmt werden? Die Antworten liegen in klaren Governance-Strukturen, offenen Daten und einer Planungskultur, die Fehler zulässt und aus Experimenten lernt.

Am Ende steht die Erkenntnis: Schattenmuster statt Bebauungslücken ist mehr als ein planerischer Kniff. Es ist eine Haltung – die Bereitschaft, Unfertigkeit zuzulassen, Vielfalt zu fördern und die Stadt als dynamisches System zu begreifen. Wer diese Haltung annimmt, kann Städte gestalten, die nicht nur gebaut, sondern auch gelebt, erlebt und immer wieder neu erfunden werden.

Fazit: Die Zukunft der Stadt liegt in der intelligenten Leerstelle

Die Zeit der dogmatischen Lückenschließung ist vorbei. Städte, die auf Schattenmuster statt auf das kompromisslose Bebauen jeder Freifläche setzen, gewinnen an Resilienz, Aufenthaltsqualität und Innovationskraft. Die neue Planungslogik setzt auf das kreative Potenzial der Leerstelle, auf die bewusste Steuerung von Licht, Schatten und Nutzungsoffenheit. Digitale Werkzeuge schaffen Transparenz und ermöglichen eine neue Tiefe der Analyse und Beteiligung. Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, dass dieser Ansatz nicht nur Theorie, sondern längst gelebte Realität ist. Die intelligent gestaltete Lücke wird damit zum Motor einer nachhaltigen, lebendigen und gerechten Stadtentwicklung. Wer den Mut hat, Schattenmuster als Leitmotiv zu wählen, gestaltet nicht nur Räume, sondern Zukunft.


Das könnte Sie auch interessieren
Reiseziel: New Orleans
„Viele sagen, der Landschaftspark Wiese sei der schönste Ort in der Region.“
Israels Plads: Zwischen Park und Markt
betonhaus-am-ruhigen-wasser-am-tag-HsNLzllzW58
Permakultur als Prinzip für städtische Freiraumplanung
Adventskalender Tag 4
Bei der Eröffnungszeremonie der COP29 gaben sich die Staats- und Regierungschefs der Welt die Hand. Credit: President.az, CC BY 4.0 , via Wikimedia Commons
COP29: Die Finanz-Klimakonferenz
Blick auf den "vorderen Domplatz" im Osten. Quelle: UKL Ulrich Krüger Landschaftsarchitekten
Naumburger Dom: Umfeld Neugestaltung für UNESCO-Weltkulturerbe
In „Landkrank“ setzt sich Soziologe Nikolaj Schultz mit der Beziehung zwischen Mensch und Umwelt auseinander. Cover: Suhrkamp Verlag
Landkrank – Buchrezension
PERI realisiert weltweit die erste Wohnhausaufstockung mit der 3D-Betondruck-Technologie in Lindau.
Wohnhausaufstockung per 3D-Drucker
IGA Metropole Ruhr 2027: Wettbewerbsergebnisse der Zukunftsgärten
Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die Landschaftsarchitektur-Forschung?
Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die Landschaftsarchitektur-Forschung?

Wissenschaftlich ist der Klimawandel gelöst, kulturell noch lange nicht. Welchen Beitrag leistet hier die landschaftsarchitektonische Forschung?

In einem Briefwechsel zwischen den Akademikerinnen Sanda Lenzholzer, Alice Labadini und Sophie Holz von SINAI entspinnt sich eine Diskussion zwischen den Niederlanden, Deutschland und Italien über die Frage, wie Räume sowohl physikalisch als auch psychologisch das menschliche Wärmeempfinden prägen, über atmosphärische Exposition und das Erleben von Klimaphänomenen, über die Macht harter Fakten und die Eindrücklichkeit gebauter Orte.

Dieser Artikel ist in der gastkuratierten Printausgabe Anfang November 2022 erschienen und wurde aus dem Englischen übersetzt.

Von Wunder und Verunsicherung

Sophie Holz an Alice Labadini: Sehr geehrte Frau Labadini, in Ihrer Dissertation „Immaterial Landscapes: Formulating the Intangible in Northern Landscapes“ und in Ihrer Publikation „Providing a Stage for Atmospheric Encounters“ erforschen Sie das Potenzial gebauter Orte, um klimatische Prozesse und natürliche Kräfte auf menschlichen Maßstab zu erfahren. Solche Prozesse und Kräfte liegen normalerweise aufgrund ihrer Größe oder Entfernung außerhalb unserer Wahrnehmung. Sie vermuten, dass eine solche Begegnung zwischen Mensch und Natur das Potenzial hat, ein Nachdenken über Umweltprobleme anzuregen. Sie könnten sich dies als einen möglichen kulturellen Beitrag zum Umgang mit dem Klimawandel vorstellen.

Können Sie den Begriff „atmosphärische Begegnung“ (original: „atmospheric enconter“) bitte näher erläutern? Welches Potenzial sehen Sie in dem Konzept für einen landschaftsarchitektonischen Beitrag zum Umgang mit dem Klimawandel?

Dr. Alice Labadini forschte und lehrte an der Oslo School of Architecture and Design, an der Tromsø Academy of Landscape and Territorial Studies, an der TU München und bei Eurac Research in Bozen. Derzeit arbeitet sie in der Abteilung für Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Autonomen Provinz Bozen. Foto: Alice Labadini
Dr. Alice Labadini forschte und lehrte an der Oslo School of Architecture and Design, an der Tromsø Academy of Landscape and Territorial Studies, an der TU München und bei Eurac Research in Bozen. Derzeit arbeitet sie in der Abteilung für Natur, Landschaft und Raumentwicklung der Autonomen Provinz Bozen. Foto: Alice Labadini

schreibt …

Alice Labadini an alle:

Die Dringlichkeit, eine disziplinäre Antwort auf globale Umweltprobleme zu geben, zwingt Landschaftsarchitekt*innen dazu, einen zunehmend körperlosen Ansatz für die Landschaft zu wählen und Designprozesse mit strengen wissenschaftlichen Beweisen zu validieren. Zwar unterstützt dieser Ansatz gestalterische Maßnahmen, die einen positiven Beitrag zu ökologischen Kreisläufen leisten. Dennoch wird dabei viel Wert auf Objektivität und Fakten gelegt, was auf Kosten der menschlichen Werte und Erfahrungen geht. Dies birgt die Gefahr, die erkenntnistheoretische Trennung zwischen Subjekt und Objekt – Mensch und Natur – zu verstärken, die die eigentliche Ursache für die heutige Umweltzerstörung ist. Unter „atmosphärische Begegnung“ verstehe ich Erfahrungssituationen, die diese Trennung zwischen Subjekt und Objekt möglicherweise aufheben.

Indem das menschliche Subjekt der beeindruckenden Kraft von etwas ausgesetzt wird, das ihm fremd ist und dessen Sinn es nicht unmittelbar erfassen kann, zwingen diese Begegnungen das Subjekt dazu, eine Position einzunehmen, die dem nahe kommt, was der Anglist Timothy Morton eine „Zero-Person-Perspective“[1] nennt. Eine Zero-Person-Perspective ist eine Perspektive, aus der der Mensch nicht frontal und distanziert auf die Landschaft blickt, sondern sich leiblich in die Landschaft begibt und sie zurückschauen und auf sich wirken lässt. Aus der Zero-Person-Perspective löst sich die Trennung zwischen Mensch und Landschaft – Subjekt und Objekt – in eine Beziehung der Intimität auf, die vor allem die Wirksamkeit der Landschaft in den Vordergrund stellt, das heißt ihre Fähigkeit, unabhängig von ihrem eigenen Willen auf den Menschen einzuwirken und ihn zu beeinflussen. Für Morton ist eine Zero-Person-Perspective auch die einzig „wirklich ökologische Sichtweise“[2].

Ich trete für eine Landschaftsarchitektur ein, die in der Lage ist, „atmosphärische Begegnungen“ zwischen Menschen und Orten zu schaffen; eine Landschaftsarchitektur, die eine Beziehung zwischen Mensch und Landschaft herstellt, die sich dem totalitären Impuls einer subjektzentrierten ästhetischen Erfahrung entzieht.

schreibt …

Sophie Holz an Alice Labadini:

Wie kann die Landschaftsarchitektur eine „atmosphärische Begegnung“ durch eine konkrete Gestaltung eines Ortes fördern?

schreibt …

Alice Labadini an alle:

In meiner Dissertation schlage ich vor, dass die Landschaftsarchitektur diese Art der Begegnung zwischen Besucher*innen und Ort fördern könnte, indem sie sich mit den lokalen Naturkräften auseinandersetzt, sie in die Gestaltung einfließen lässt, und so den Besucher*innen sinnlich und letztlich auch intellektuell näher an die Umweltbedingungen des Ortes heranführt. Wenn man den gestalteten Ort auf eine existentielle Art und Weise betrachtet, sollte man über die Topografie nachdenken.

Ihre Gestaltung könnte ein Weg sein, Besucher*innen lokale Naturkräfte näher zu bringen. Diesen Aspekt untersuche ich kritisch anhand des Opernhauses in Oslo und der Strandpromenade von Brattøra in Trondheim. Bei beiden Projekten ist der Boden als kahle, fast geologische Topografie angelegt: eine Topografie, deren Dimensionalität und Ausmaß sich nicht unmittelbar erschließt. Eine Person, die eine Landschaft betritt, die nicht mehr sinnliche Verankerung bietet als eine Stütze für die Körperhaltung, ist gezwungen, ihren Platz und ihre individuelle existenzielle Sphäre in unvermittelter Beziehung zu den Phänomenen zu verhandeln, die sich zufällig zu dieser Zeit und an diesem Ort in der Landschaft befinden: Klang, Licht, Wärme, Geruch, Feuchtigkeit, Wetter. Die ungewöhnliche Erfahrung des bloßen, unpersönlichen und gleichgültigen „Stattfindens“ dieser Phänomene verbindet diese Person mit einer Dimension von Entitäten und Kräften, die über die Zeit und den Maßstab des Hier und Jetzt hinausgehen. In diesem Sinne schlage ich das Konzept der „atmosphärischen Begegnungen“ vor, um auch einen möglichen Beitrag zu einer landschaftsarchitektonischen Antwort auf den Klimawandel zu liefern.

Das Dach des Opernhauses in Oslo, November 2011, Foto: Alice Labadini
Das Dach des Opernhauses in Oslo, November 2011, Foto: Alice Labadini

Der Klimawandel ist ein Paradebeispiel für das, was Timothy Morton als „Hyperobjekte“[3] bezeichnet.  „Hyperobjekte“ sind Objekte, die so groß und langlebig sind, dass sie sich dem menschlichen Zeit- und Raumverständnis entziehen.

Die Landschaftsarchitektur berücksichtigt weitgehend die Belange des Klimawandels. Betrachtet man die von ihr gestalteten Orte, ist die Landschaftsarchitektur noch immer von den beruhigenden und politisch korrekten Vorstellungen von Vergnügen und Komfort geprägt. Eine andere mögliche Antwort auf die Dringlichkeit des Klimawandels könnte darin bestehen, das Risiko einzugehen, die Besucher*innen mit stark beunruhigenden Situationen und Momenten der Entfremdung herauszufordern, um sie auf das aufmerksam zu machen, auf das, was am Ort des Geschehens nicht sichtbar ist, und auf die auftauchenden sensiblen Hinweise der „Hyperobjekte“, die unsere Umwelt im gegenwärtigen Zeitalter des Anthropozän durchdringen.

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sehr geehrte Frau Labadini, ich stimme mit Ihrem Ansatz überein, sowohl die subjektive als auch die objektive Erfahrung der menschlichen mikroklimatischen Umgebung zu berücksichtigen. Marialena Nikolopoulou hatte diese Dichotomie als Erste aufgegriffen[4] und in meiner Dissertation mit dem Titel „Designing atmospheres“[5] behandelt. Ich habe dies durch die Einbeziehung des phänomenologischen Konzepts der „Atmosphäre“ vertieft: Ich untersuchte Faktoren wie Proportionen, Materialität und Farben städtischer Räume anhand der Wahrnehmung des Mikroklimas und anhand von Messdaten.

Diese Forschungen zeigten, dass die „Konditionierungen“, die Menschen aufgrund ihrer Erfahrungen besitzen, oft ein guter Prädikator für das Mikroklima sind. Es gibt aber auch „Konditionierungen“, die sie in die Irre führen können.

Im Einklang mit diesem „Atmosphären“-Ansatz erstellen wir Gestaltungsrichtlinien, die auf subjektiven und objektiven Realitäten beruhen und darauf abzielen, komfortable Räume zu schaffen, denn unsere Städte brauchen diese dringend.

Die von Ihnen vorgeschlagene gestalterische Antwort auf die „Atmosphäre“ ist anders (mit Ähnlichkeiten zum „Erhabenen“ [6]). Sie setzt Menschen beunruhigenden Situationen und Entfremdung aus.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind derzeit sehr disruptiv und verunsichernd, zum Beispiel durch Hitzewellen, Dürre, Waldbrände, schnell zurückweichende Gletscher oder Überschwemmungen. Welchen anderen „atmosphärischen Begegnungen“ würden Sie die Menschen heute aussetzen, um sie zu sensibilisieren?

Prof. Dr. Sanda Lenzholzer ist Professorin und Lehrstuhlinhaberin des Lehrstuhls „Landscape Architecture“ an der Universität Wageningen. Foto: Sanda Lenzholzer
Prof. Dr. Sanda Lenzholzer ist Professorin und Lehrstuhlinhaberin des Lehrstuhls „Landscape Architecture“ an der Universität Wageningen. Foto: Sanda Lenzholzer

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer:

Sehr geehrter Frau Lenzholzer, ich verstehe, dass die Beschleunigung der zerstörerischen Ereignisse durch den Klimawandel in den letzten Jahren unsere Fähigkeit, sie zu verarbeiten, übersteigt. Auch als Reaktion auf diese Beschleunigung müssen wir die Aufgaben der Landschaftsarchitektur in Richtung eines Konzepts der Handlungsfähigkeit (original: „agency“) [7] und der Schaffung von Räumen erweitern, die in der Lage sind, den Menschen die Umwelt näherzubringen. In einer unruhigen Welt könnten die „atmosphärischen Begegnungen“, die wir uns wünschen, mit einem Konzept des „Wunders“[8] kontextualisiert werden: Wunder als Effekt einer plötzlichen Konfrontation mit etwas Außergewöhnlichem, aber auch als eine Kraft, die den Menschen dazu bringt, die Welt zu hinterfragen. In seiner Theorie des Wunders untersucht Philip Fisher die Ästhetik des Wunders im Verhältnis zum Gewöhnlichen und Alltäglichen sowie zum Gegenteil, der Angst.[9] Ich glaube, dass das Konzepts des Wunders dazu beitragen könnte, die Gestaltung der Verunsicherung in der Landschaftsarchitektur im Hinblick auf die beunruhigenden Auswirkungen des Klimawandels zu verdeutlichen.

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sie sagen, dass „ein großes Gewicht auf Objektivität und Fakten gelegt wird“. In Anbetracht der Tatsache, dass die menschliche Erfahrung bei den meisten Mikroklimaforschungen berücksichtigt wird (es gibt sogar eine VDI-Richtlinie dafür) – wie stehen Sie zu diesem Thema?

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer:

Die zerstörerischen Auswirkungen des Klimawandels erfordern eine kulturelle Antwort, nicht nur in Bezug auf das Sensibilisieren und den Klimaschutz, sondern auch in Bezug auf die Anpassung. Während der Diskurs in der Landschaftsarchitektur über die Abschwächung des Klimawandels ein starkes Gewicht auf faktische und wissenschaftliche Erkenntnisse legt, sehe ich einen wertvollen Beitrag der Mikroklimaforschung zu einer Anpassungsantwort, die auf menschlichen Werten und Erfahrungen beruht.

Sophie Holz ist studierte Dipl.Ing. Landschaftsplanung (TU Berlin) und Partnerin bei SINAI. Foto: © SINAI
Sophie Holz ist studierte Dipl.Ing. Landschaftsplanung (TU Berlin) und Partnerin bei SINAI. Foto: © SINAI

Mikroklima als Energieströme

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Sehr geehrte Frau Lenzholzer, in Ihren Publikationen „Exploring outdoor thermal perception-a revised model“ und in „Thermal Experience and Perception of the Built Environment in Dutch Urban Squares“ beschäftigen Sie sich mit der Wahrnehmung des städtischen Mikroklimas.

Sie argumentieren, dass psychologische Faktoren – einschließlich räumlicher Merkmale wie Raumabmessungen oder die Farbe von Materialien – die menschliche Wärmeempfindung beeinflussen. Ihre Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zum Konzept der „thermischen Behaglichkeit“ (original: „thermal comfort“) und hat das Potenzial, bestehende Simulierungsmodelle zu revolutionieren.

Um mehr über dieses Forschungsprojekt zu erfahren: Was ist „thermische Behaglichkeit“? Wie ergänzt Ihre Forschung die bestehenden Modelle?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an alle:

„Thermische Behaglichkeit“ ist ein Konzept, das versucht, den Zustand der Zufriedenheit mit der thermischen Umgebung zu beschreiben. Das Konzept wurde ursprünglich für Innenräume entwickelt, später aber auch auf das Empfinden von (Mikro-)Klimabedingungen im Freien ausgedehnt.

In letzter Zeit wurde diese Verwendung des Begriffs kritisiert, weil er den Zustand der Unbehaglichkeit, der vor allem im Freien recht häufig vorkommt, nicht angemessen berücksichtigt. Infolgedessen wurde der neutralere Begriff „thermische Wahrnehmung“ (original: „thermal perception“) eingeführt.

Die thermische Wahrnehmung kann in zwei Bereiche unterteilt werden: den physikalisch-physiologischen Bereich und den psychologischen Bereich. Ersterer wird auch mit dem Begriff „Wärmeempfindung“ (original: „Thermal Sensation“) ausgedrückt und hängt stark von äußeren physikalischen Reizen ab: Die Lufttemperatur und der Einfluss lang- und kurzwelliger Strahlung bestimmen das Wärmeempfinden in hohem Maße.

Beide Strahlungsarten sind in Außenräumen sehr ausgeprägt und können dem Menschen ein Gefühl von Wärme vermitteln. Ein typisches Beispiel für die Erfahrung der kurzwelligen Strahlung ist im Freien zu spüren, wenn wir von einem sonnigen Ort mit hoher kurzwelliger Sonnenstrahlung in den Schatten gehen. Auch die langwellige Strahlung, die von Materialien ausgeht, kennen wir aus unserer Erfahrung, etwa wenn wir nach Sonnenuntergang vor einer Wand sitzen, die den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt war. Auch wenn die Lufttemperatur gesunken ist, wird unser Körper durch die Wärmestrahlung der Wand gewärmt.

Das Empfinden von kurzwelliger und langwelliger Strahlung ist nicht zu verwechseln mit dem Empfinden der Lufttemperatur, die wir alle kennen. Auch die Windempfindung ist für das physikalische Mikroklimaerlebnis sehr wichtig: ob wir der kühlenden Wirkung des Windes ausgesetzt sind oder nicht. Der zweite Bereich umfasst die psychologischen Faktoren, die in gewissem Maße auch die thermische Wahrnehmung beeinflussen.

Frühere Forschungsarbeiten befassten sich bereits mit den psychologischen Faktoren und konzentrierten sich auf die momentanen Aspekte der Wärmewahrnehmung, wie zum Beispiel die Anwesenheit in angenehmer Gesellschaft oder eine bestimmte momentane Stimmung, als die Wärmewahrnehmung gemessen wurde. Meine Forschung hat die bestehenden psychologischen Faktoren der Wärmewahrnehmung im Hinblick auf die räumlich-zeitlichen Dimensionen erweitert: die langfristigen Auswirkungen der gebauten und natürlichen Umwelt, wie Raumproportionen, Materialität und Farben. Die Entwicklung dieses Ansatzes wurde stark von Ideen aus der Phänomenologie und dem Konzept der „Allästhesie“ beeinflusst: wie multisensorische Wahrnehmung funktioniert, wenn der Wärmesinn in Verbindung mit anderen Sinneswahrnehmungen, zum Beispiel visuellen Reizen, beteiligt ist. Es wurde auch von den Konzepten der „mentalen Schemata“ aus der Psychologie inspiriert: wie Menschen automatisch bestimmte Anhaltspunkte wie die räumlichen Konfigurationen im Hinblick auf das erwartete Mikroklima eines Ortes interpretieren.

schreibt …

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Was bedeutet die enge Beziehung zwischen „thermischer Behaglichkeit“ und städtischem (Mikro-)Klima für die Gestaltung von Außenräumen?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Sophie Holz:

Die physischen Aspekte der gestalteten Umgebung beeinflussen stets das lokale Mikroklima. Die Anordnung von dreidimensionalen Objekten (Gebäude, Sträucher und Bäume, Bodenrelief) schafft Bereiche, die der kurzwelligen Sonnenstrahlung ausgesetzt sind, und weniger exponierte, schattige Bereiche. Ihr Volumen bestimmt auch die Windströme und damit die Bereiche, die vor Wind geschützt sind, die belüftet werden oder sogar Windbelästigung oder -gefahr ausgesetzt sind. Die Art der von uns verwendeten Materialien hat einen starken Einfluss auf die langwellige Strahlung. Die Lufttemperatur kann durch die kumulative Anordnung von grüner Infrastruktur reguliert werden. Im Grunde wirkt sich alles, was wir gestalten, auf das Mikroklima aus, ob dies nun beabsichtigt ist oder nicht. In Anbetracht der Probleme, mit denen wir angesichts des Klimawandels konfrontiert sind und an die wir uns anpassen müssen, sollten wir sicherstellen, dass unsere landschaftsarchitektonischen Eingriffe das Mikroklima und das Stadtklima im größeren Maßstab sehr bewusst zum Besseren beeinflussen.

schreibt …

Sophie Holz an Sanda Lenzholzer:

Welche Methoden haben Sie verwendet, um Ihre These zu belegen, dass räumliche Merkmale die Wärmewahrnehmung beeinflussen?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Sophie Holz:

Meine Doktorand*innen und ich haben eine Reihe verschiedener Methoden verwendet, die sowohl die „physikalischen“ als auch die „psychologischen“ Faktoren berücksichtigen. Die physikalischen Faktoren wurden mit regelmäßigen Messreihen in verschiedenen städtischen Gebieten sowie mit Mikroklimasimulationen unter Verwendung des Envi-met-Modells untersucht. Die psychologischen Faktoren wurden durch Beobachtungen des Nutzerverhaltens und Tausenden von Interviews mit Personen, die diese Außenbereiche nutzen, und das Zeichnen von „mentalen Karten“ ihrer langfristigen Mikroklima-Erfahrungen erfasst.

schreibt …

Alice Labadini an Sanda Lenzholzer: 

Sehr geehrte Frau Lenzholzer, mit der zunehmenden Erkenntnis, dass sich unser Klima rasch verändert, hat die Umwelt, in der wir leben, eine zentrale Bedeutung erlangt. Während Umweltbelange zunehmend Eingang in die Debatten der Landschaftsarchitektur gefunden haben, scheint der Umfang dessen, was ein auf die „Umwelt“ aufmerksamer Entwurf sein könnte, noch nicht in seiner ganzen Breite behandelt worden zu sein. [10]

Der Begriff der „thermischen Wahrnehmung“ erweitert die Umweltbelange der Landschaftsarchitektur auf die Gestaltung des Umfelds als unser eigenes individuelles Lebenserhaltungssystem: die Luftbedingungen und das Mikroklima, in dem wir leben. Mit dem Begriff der „thermischen Wahrnehmung“ wird das Problem des Klimawandels angegangen, ausgehend von der menschlichen Verfassung und der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

Der Klimawandel hat uns bewusst gemacht, dass unsere „Umwelt“ notwendigerweise auch eine gemeinsame ist – wir sind alle in ihr, und es gibt kein Außen, auch wenn jeder von uns sie anders wahrnimmt. In ähnlicher Weise wird die Erfahrung des öffentlichen Raums und – im weiteren Sinne – seines Mikroklimas notwendigerweise durch unsere räumlichen Beziehungen zueinander beeinflusst und verhandelt.

Wie könnte eine menschen- und wahrnehmungszentrierte Gestaltung, die auf ihre Auswirkungen auf das Mikroklima achtet, dazu beitragen, neue Formen der kollektiven Verantwortung angesichts der globalen Klimakrise zu entwickeln?

schreibt …

Sanda Lenzholzer an Alice Labadini:

Sehr geehrter Frau Labadini, es erfordert einen anderen Ansatz, aber eine auf das Mikroklima abgestimmte Gestaltung für den menschlichen Komfort kann auch zur Bekämpfung der Klimakrise beitragen, indem sie die CO2-Emissionen senkt. Wir haben einen neuen Ansatz auf der Grundlage des Konzepts der „Energieströme“ in der städtischen Umwelt entwickelt: Die städtische Umwelt hat viele Energieströme, die heute Probleme verursachen, wie zum Beispiel die Sonneneinstrahlung, die zu erhöhten Temperaturen führt, und störende Windströme. Gleichzeitig sind diese Energieströme auch eine Quelle für erneuerbare Energie und können somit zur Senkung der CO2-Emissionen beitragen.

Der Ansatz beinhaltet verschiedene Eingriffe in die städtische Struktur. So können wir beispielsweise an Orten, an denen sich die Menschen im Sommer im Freien aufhalten, unter schattenspendenden „Solardächern“ lokal Sonnenenergie gewinnen. Wir können auch den Wind in der warmen Jahreszeit dorthin lenken, wo er zur Belüftung benötigt wird, und ihn in der kalten Jahreszeit auf Turbinen leiten, um Windenergie zu erzeugen (zum Beispiel mit Windtürmen, die von iranischen Modellen inspiriert sind).

Ich könnte noch mehr Beispiele nennen, aber ich möchte mich jetzt auf einen anderen Aspekt konzentrieren: Sie fragen auch nach der kollektiven Verantwortung in Bezug auf die Gestaltung des Mikroklimas. Es sollte eine kollektive Verantwortung sein, so schnell wie möglich Maßnahmen auf privaten und öffentlichen Flächen umzusetzen und dafür eine breite gesellschaftliche Unterstützung zu schaffen. Dabei ist die Sensibilisierung aller städtischen Akteure für die Themen (städtisches) Mikroklima und Klimawandel der Ausgangspunkt, worauf Sie in Ihrer Arbeit sehr zu Recht hinweisen.

Ein nächster Schritt besteht darin, allen Akteur*innen Verantwortung zu übertragen, beginnend mit kleinen Aktionen, ergänzt durch größere Maßnahmen, deren Kosten kollektiv und gerecht getragen werden, und sicherstellen, dass auch die am meisten gefährdetsten Personen von diesen Maßnahmen profitieren. Möglicherweise müssen wir diesen Ansatz auf globaler Ebene ausweiten, denn die energieintensiven Maßnahmen der westlichen Länder wirken sich nun auch auf die Schwächsten im globalen Süden aus.

[1] Morton, Timoty. “Zero Landscapes in the Time of Hyperobjects,” Zero Landscape: Unfolding Active Agencies of Landscape, Graz Architecture Magazine 07 (2011), 78–87.

[2] Ibid.

[3] Morton, Timothy. Hyperobjects: Philosophy and Ecology After the End of the World. Minneapolis: University of Minnesota Press, 2014.

[4] Nikolopoulou, M., N. Baker, and K. Steemers, Thermal comfort in outdoor urban spaces: Understanding the human parameter. Solar Energy, 2001. 70(3): p. 227-235.

[5] Lenzholzer, S., Designing atmospheres: research and design for thermal comfort in Dutch urban squares. 2010, Wageningen University: Wageningen.

[6] Roncken, P.A., et al., Shades of sublime : a design for landscape experiences as an instrument in the making of meaning. 2018, Wageningen University: Wageningen.

[7] Ich verwende den Begriff „agency“ mit besonderem Bezug auf die in den Büchern beschriebene Anwendung: Diana H. Coole and Samantha Frost, New Materialisms: Ontology, Agency, and Politics (Durham, NC: Duke University Press, 2010); Jane Bennett, Vibrant Matter: A Political Ecology of Things (Durham: Duke University Press, 2010).

[8] Labadini, A. (2017) Immaterial Landscapes. Formulating the Intangible in Northern Landscapes. Oslo School of Architecture and Design, Oslo, Norway, p. 276.

[9] Philip Fisher, Wonder, the Rainbow, and the Aesthetics of Rare Experiences (Cambridge, Mass: Harvard University Press, 1998)

[10] Unter anderem hat die Architekturhistorikerin und -theoretikerin Alessandra Ponte darauf hingewiesen, dass Designer*innen sich eingehender mit Umwelttheorien befassen müssen, wenn sie sich mit Designfragen von umweltbezogener Natur und Größenordnung auseinandersetzen wollen. Cf.: Alessandra Ponte, The House of Light and Entropy (London: AA Publications, 2014), 213.

S
BürosSINAI

Paketposthalle München: Herzog & de Meurons Masterplan in massiver Kritik

Die Quartiersgasse mit Blick auf die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal. Bildrechte: Herzog & de Meuron
Die Quartiersgasse mit Blick auf die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal. Bildrechte: Herzog & de Meuron

Auf dem Areal der Paketposthalle in München soll ein neues Stadtquartier entstehen. Es bietet 1 100 Wohnungen und Büros für 3 000 Arbeitsplätze. Nun liegt der neue Masterplan für das Gelände vom Architekturbüro Herzog & de Meuron vor. Doch die geplante Bebauung stößt in der Münchner Stadtgesellschaft auf massive Kritik. Alles zum Projekt lesen Sie hier.

Paketposthalle München einst architektonische Ikone 

Die Paketposthalle ist ein markantes Gebäude westlich des Münchner Stadtkerns. Sie wurde von 1965 bis 1969 zwischen Arnulfstraße, Wilhelm-Hale-Straße und der Stammstrecke der S-Bahn erbaut. Einst als Umschlagplatz für den gleisgebundenen Pakettransport dienend und seit 1998 als Briefverteilzentrum. Die Deutsche Post verkaufte das Gebäude im Jahr 2018 schließlich an die Münchner Büschl Unternehmensgruppe.

Ihre Markanz verdankt die Paketposthalle München ihrer an Rippen erinnernden Konstruktion aus insgesamt 26 Beton-Kreissegmentbögen. Sie wurden in Fertigteilbauweise erstellt und bilden sowohl das Tragwerk, als auch die Gebäudehülle. In der Folge kommt die Paketposthalle ohne eine weitere Dachhaut aus. Mit einer Spannweite von 147 Metern, einer Länge von 124 Metern und einer Höhe von 31 Metern nimmt die Halle eine Fläche von etwa 20 000 Quadratmetern ein. Ihrerzeit galt die Münchner Paketposthalle als technisches Wunderwerk und spektakuläre Sensation der Architektur.

Schon vor dem Umbau in ein Briefzentrum in den späten Neunzigern versuchte die Deutsche Post erfolglos, die Paketposthalle München zu veräußern. Als die Post 2015 schließlich erwägte, das Briefzentrum von München in den Vorort Germering zu verlegen, begannen vielfältige Planungen rund um das Areal. Eine Philharmonie sollte dort etwa einmal entstehen oder ein neues Wohnquartier mit Terrassenwohnungen. Auch Ikea erwägte vor einigen Jahren, auf dem Gelände der Münchner Paketposthalle ein Möbelhaus zu eröffnen.

Den nun im Auftrag der Büschl Unternehmensgruppe entstandenen Plänen des Schweizer Büros Herzog & de Meuron für das Quartier um die Paketposthalle schlägt heftige Kritik entgegen. Die kommt vor allem von Denkmalschützer*innen, die die Stadtsilhouette in Gefahr sehen.

Masterplan für Paketposthalle München

Rund um die mittlerweile denkmalgeschützte Paketposthalle sollen nach dem Masterplan von Herzog & de Meuron insgesamt 1 100 Wohnungen, Büros für 3 000 Arbeitsplätze und Flächen für den Einzelhandel, Hotels sowie kulturelle und soziale Einrichtungen entstehen. Die Paketposthalle soll dabei zum identitätsstiftenden Kern des Quartiers werden. Sie soll künftig als überdachter und frei zugänglicher Stadtplatz genutzt werden, auf dem kulturelle Aktivitäten stattfinden können. Zusätzlich soll sie vollständig unterbaut werden, wodurch zusätzlicher Platz für Konzertsäle, Kongresse und Events entstehen soll.

Oberirdisch sollen im Quartier ausschließlich Fuß- und Radwege angeboten werden. Motorisierter Verkehr soll unterirdisch unter dem Areal hinweg geführt werden und ist bei Bedarf über eine dreigeschossige Tiefgarage mit dem neuen Quartier angeschlossen.

Zwei Hochpunkte sollen dabei westlich der Paketposthalle entstehen. In den Erdgeschosszonen sowie in den obersten Stockwerken sollen die neuen Gebäude mit Geschäften, Restaurants oder kulturellen Einrichtungen öffentlich nutzbar werden. Den Rest der Stockwerke sollen dann Wohnungen, Büros und Hotels ausfüllen. 155 Meter sollen die beiden Bauwerke nach dem vorliegenden Masterplan hoch werden und sorgen damit für heftige Kritik.

2004, nach der Fertigstellung des 146 Meter hohen Hochhauses Uptown München, entschieden die Münchner Bürger*innen mit knapper Mehrheit, dass Neubauten fortan nicht höher werden dürften, als die Frauenkirche und damit unter einer Höhe von 100 Metern bleiben müssten. Bis heute, also 17 Jahre später, ist diese Entscheidung der Münchner Bürger*innen nicht angetastet. Dabei ist ihre Gültigkeit bereits beendet.

Laute Kritik an den Hochhausplänen im Areal

Dass die neuen Hochhäuser am Paketposthallen-Areal das Uptown München jetzt als höchstes Gebäude ablösen sollen, ruft vor allem Denkmalschützer*innen auf den Plan. Sie befürchten, dass das Münchner Stadtbild durch derartige Hochpunkte nachhaltig beeinträchtigt werden könne. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung warne der Landesdenkmalrat davor, dass Gebäude mit mehr als 60 Metern Höhe drastische Auswirkungen auf das Stadtbild, „unter anderem auf die Sichtbeziehung zu Schloss Nymphenburg“ habe. Investor Büschl hingegen spräche von einer Bereicherung, die Münchens Silhouette durch die neuen Gebäude erführe.

Die Diskussion ist jedenfalls noch lange nicht zu Ende. Die im Masterplan zu findenden Dimensionen sind aber noch nicht in Stein gemeißelt. Zwischenzeitlich fand ein Bürger*innengutachten zu den Plänen im Areal statt, dass Sie hier in voller Länge ansehen können.

Mehr Informationen zum Bauprojekt Paketposthalle München finden Sie hier.

Auch im Münchner Norden soll ein neues Quartier entstehen, das Kreativquartier.