Schwammstadt Beispiele: Konzept, Vorteile und Beispiele

Eine lebendige städtebauliche Szene zum Thema Schwammstadt Beispiele
Eine türkisfarbene Straßenbahn bahnt sich ihren Weg durch dichten Baumbestand. Foto: _devslashnull_ / Unsplash

Städte, die Regenwasser nicht ableiten, sondern aufnehmen, speichern und nutzen: Das Konzept der Schwammstadt hat sich in der Fachwelt der Stadtplanung und Freiraumgestaltung als eines der zentralen Leitbilder für klimaresilienten Städtebau etabliert. Schwammstadt Beispiele aus aller Welt zeigen, wie sich überflutete Straßen, hitzegeplagte Quartiere und überlastete Kanalnetze durch integrierte blau-grüne Infrastruktur grundlegend transformieren lassen. Das Prinzip ist so einfach wie wirkungsvoll: Der städtische Raum soll Wasser aufnehmen wie ein Schwamm, es im Boden, in Pflanzen und in technischen Speichern halten und bei Bedarf wieder abgeben.

  • Was die Schwammstadt konzeptionell bedeutet und worin sie sich von klassischer Regenwasserkanalisation unterscheidet
  • Welche planerischen, hydrologischen und ökologischen Grundlagen das Konzept tragen
  • Welche Bausteine und Elemente eine Schwammstadt ausmachen, von der Versickerungsmulde bis zur Zisterne
  • Welche Schwammstadt Beispiele aus Europa und dem internationalen Raum als Referenz dienen
  • Wie das Konzept in deutschen Städten umgesetzt wird und welche Rahmenbedingungen dabei gelten
  • Welche Vorteile Schwammstadtprinzipien für Stadtklima, Biodiversität und Überflutungsschutz bieten
  • Welche Fehler und Missverständnisse in der Planung und Umsetzung häufig auftreten
  • Wie Schwammstadtplanung in den größeren Kontext von Klimaanpassung und Stadtentwicklung eingebettet ist

Was ist die Schwammstadt? Definition, Herkunft und konzeptionelle Grundlage

Der Begriff Schwammstadt, im internationalen Fachdiskurs als „Sponge City“ bekannt, bezeichnet ein stadtplanerisches Konzept, das den natürlichen Wasserkreislauf in urbanen Räumen wiederherstellt oder zumindest annähert. Ziel ist es, Niederschlagswasser dezentral zu bewirtschaften: nicht sofort in die Kanalisation abzuleiten, sondern es an Ort und Stelle zu versickern, zu verdunsten, zu speichern oder zu nutzen. Der Begriff wurde im chinesischen Planungsdiskurs der frühen 2010er Jahre geprägt und von dort aus international verbreitet. In der deutschen Fachsprache ist er inzwischen fest verankert, auch wenn verwandte Begriffe wie dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, blau-grüne Infrastruktur oder wassersensible Stadtentwicklung teils synonym, teils mit leicht unterschiedlichen Schwerpunkten verwendet werden.

Das konzeptionelle Fundament liegt in der Erkenntnis, dass klassische städtische Entwässerungssysteme auf ein Prinzip der schnellen Ableitung ausgerichtet sind: Regen fällt, fließt über versiegelte Flächen in Gullys, wird durch Kanäle abtransportiert und in Gewässer eingeleitet. Dieses System war für die Niederschlagsmengen früherer Jahrzehnte dimensioniert und stößt heute an seine Grenzen. Klimatisch bedingte Starkregenereignisse überlasten Kanalnetze, die gleichzeitig zunehmende Flächenversiegelung verringert die natürliche Versickerungskapazität des Bodens, und langanhaltende Trockenphasen machen deutlich, dass das abgeleitete Wasser als Ressource verloren geht. Die Schwammstadt kehrt diese Logik um: Wasser ist kein Abfallstoff, sondern ein Rohstoff, der im urbanen System gehalten werden soll.

Fachlich ist das Konzept eng mit dem Ansatz des Low Impact Development (LID) aus dem nordamerikanischen Raum sowie dem britischen Sustainable Urban Drainage Systems (SUDS) verwandt. All diese Ansätze teilen das Prinzip, Regenwasser möglichst nah am Entstehungsort zu behandeln und die hydrologischen Prozesse der Verdunstung, Versickerung und Retention zu stärken. Die Schwammstadt geht jedoch über rein technische Entwässerungslösungen hinaus: Sie versteht blau-grüne Infrastruktur als integralen Bestandteil des Stadtgefüges, der gleichzeitig Freiraumqualität, Biodiversität, Stadtklima und Lebensqualität verbessert.

Bausteine der Schwammstadt: Elemente und Technologien im Überblick

Eine Schwammstadt besteht nicht aus einem einzelnen Element, sondern aus einem System aufeinander abgestimmter Maßnahmen, die auf verschiedenen Maßstabsebenen wirken. Auf der Ebene des einzelnen Grundstücks oder Gebäudes stehen Gründächer (begrünte Dächer, die Niederschlag zurückhalten und verzögert abgeben), Fassadenbegrünung, Zisternen zur Regenwassernutzung und versickerungsfähige Beläge im Vordergrund. Versickerungsfähige Pflasterungen, Rasengittersteine oder wassergebundene Wegedecken erlauben es, Niederschlag direkt am Auftreffpunkt in den Boden einzuleiten, statt ihn oberflächlich abzuleiten.

Auf der Ebene des Straßenraums und öffentlichen Freiraums kommen Mulden-Rigolen-Systeme zum Einsatz: Versickerungsmulden sind flache, bepflanzte Geländeeintiefungen, die Wasser aufnehmen und langsam in den Untergrund abgeben. Rigolen sind unterirdische Schotterkörper oder Kunststoffelemente, die als temporäre Speicher fungieren. Baumrigolen, also unterirdische Wurzelräume mit Speichervolumen, verbinden die Funktion der Baumbewässerung mit der Regenwasserretention und gewinnen im Straßenraum zunehmend an Bedeutung. Retentionsmulden, Regenbeete (auch Rain Gardens genannt) und Retentionsflächen in Parks übernehmen die Funktion von Puffern bei Starkregenereignissen.

Auf der Quartiersebene und im Stadtmaßstab spielen Retentionsteiche, Retentionsbecken, renaturierte Gewässerläufe und großflächige Überflutungsflächen eine Rolle. Blau-grüne Korridore, also vernetzte Grün- und Wasserachsen, verbinden diese Elemente und ermöglichen einen gezielten Wasserabfluss in vorgesehene Retentionsbereiche. Entsiegelungsmaßnahmen, also die Rückumwandlung versiegelter Flächen in wasserdurchlässige oder begrünte Flächen, sind eine der wirksamsten, aber auch aufwendigsten Maßnahmen im Bestand.

Technisch relevant sind dabei folgende Planungsparameter:

  • Versickerungsrate des anstehenden Bodens (kf-Wert), die über die Eignung für Versickerungsanlagen entscheidet
  • Grundwasserstand und Grundwasserschutz, die Mindestabstände zwischen Versickerungsanlage und Grundwasseroberfläche vorschreiben
  • Retentionsvolumen, also das Speichervolumen einer Anlage bezogen auf ein Bemessungsniederschlagsereignis
  • Anschlussgrad, also der Anteil der entwässerten Fläche, der einer Schwammstadtmaßnahme zugeführt wird
  • Qualität des Niederschlagswassers, da Straßenabflüsse Schadstoffe enthalten können, die eine Vorbehandlung erfordern

Schwammstadt Beispiele: internationale Referenzprojekte

Zu den bekanntesten Schwammstadt Beispielen weltweit zählen die chinesischen Pilotstädte, die im Rahmen des nationalen Sponge City Programms seit Mitte der 2010er Jahre entwickelt wurden. Wuhan, Chengdu und Xiamen gehören zu den Städten, in denen großflächig Retentionsflächen, Feuchtgebiete und begrünte Infrastruktur in bestehende Stadtquartiere integriert wurden. Das Programm war ambitioniert und hat wertvolle Erkenntnisse geliefert, aber auch gezeigt, dass großmaßstäbliche Umsetzungen ohne ausreichende Koordination zwischen Entwässerungsplanung, Stadtentwicklung und Grünplanung hinter den Erwartungen zurückbleiben können. Die chinesischen Erfahrungen sind für die internationale Fachwelt deshalb so wertvoll, weil sie sowohl Erfolge als auch Grenzen des Konzepts unter realen Bedingungen dokumentieren.

Kopenhagen gilt in Europa als eines der überzeugendsten Schwammstadt Beispiele. Nach dem verheerenden Starkregenereignis von 2011, das weite Teile der dänischen Hauptstadt überschwemmte und enorme Schäden verursachte, entwickelte die Stadt einen umfassenden Klimaanpassungsplan, der konsequent auf blau-grüne Infrastruktur setzt. Das Projekt Tåsinge Plads im Stadtteil Østerbro ist ein viel zitiertes Beispiel: Ein gewöhnlicher Stadtplatz wurde zu einem Retentionsraum umgestaltet, der bei Starkregen Wasser aufnimmt und gleichzeitig als attraktiver Aufenthaltsraum mit Bepflanzung, Spielflächen und Sitzgelegenheiten funktioniert. Die Doppelfunktion von Retentionsfläche und Freiraumqualität ist hier exemplarisch gelöst.

Rotterdam hat mit dem Benthemplein Wasserplatz ein weiteres international beachtetes Beispiel geschaffen. Der Platz in der Innenstadt besteht aus mehreren muldenartigen Vertiefungen, die bei trockenem Wetter als Sportflächen und Aufenthaltsbereiche genutzt werden und bei Starkregen als Retentionsbecken dienen. Das Projekt des Büros De Urbanisten zeigt, wie Retentionsinfrastruktur gestalterisch hochwertig in den öffentlichen Raum integriert werden kann, ohne als technische Anlage wahrgenommen zu werden. Rotterdam verfolgt seit Jahren eine kohärente Strategie der wassersensiblen Stadtentwicklung, die von der Gebäudeebene bis zum Stadtmaßstab reicht.

In Portland, Oregon, gilt das Green Street Program als eines der am besten dokumentierten Schwammstadt Beispiele aus dem nordamerikanischen Raum. Seit den frühen 2000er Jahren wurden im Stadtgebiet tausende sogenannte Stormwater Planters und Curb Extensions angelegt: bepflanzte Einbuchtungen im Straßenraum, die Straßenabflüsse aufnehmen, filtern und versickern. Das Programm hat nicht nur die Überflutungshäufigkeit reduziert, sondern auch die Straßenraumqualität verbessert und die Biodiversität im Stadtgebiet erhöht. Die umfangreiche Evaluierung des Programms liefert belastbare Daten über Wirksamkeit und Kosten, die für die Planungspraxis andernorts wertvoll sind.

Schwammstadt in Deutschland: Umsetzung, Rahmenbedingungen und Praxisbeispiele

In Deutschland ist das Schwammstadtkonzept in den letzten Jahren in zahlreichen Städten von der Planungsidee in die Umsetzung übergegangen. Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und viele mittelgroße Städte haben Schwammstadtstrategien entwickelt oder integrieren Schwammstadtelemente in laufende Stadtentwicklungsprojekte. Die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen sind dabei komplex: Das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) und die Landeswassergesetze regeln die Versickerung von Niederschlagswasser, die DWA-Regelwerke (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall) geben technische Leitlinien für Planung und Bemessung, und kommunale Entwässerungssatzungen bestimmen, welche Flächen an die öffentliche Kanalisation angeschlossen werden müssen oder dürfen.

Berlin hat mit dem Projekt Kiezblock und verschiedenen Pilotprojekten zur Regenwasserbewirtschaftung Erfahrungen gesammelt. Besonders relevant ist das Projekt im Bereich der Lützowstraße, wo Baumrigolen und Versickerungsmulden im Straßenraum erprobt wurden. Hamburg verfolgt mit dem Programm „Hamburger Regenwassermanagement“ eine stadtweite Strategie, die Neubaugebiete konsequent auf dezentrale Regenwasserbewirtschaftung ausrichtet und im Bestand schrittweise nachrüstet. Das Neubaugebiet Allermöhe-West ist ein Beispiel, in dem Retentionsteiche, Gräben und begrünte Flächen von Beginn an als integraler Bestandteil der Freiraumplanung entwickelt wurden.

München hat im Rahmen der Klimaanpassungsstrategie mehrere Pilotprojekte umgesetzt, darunter Retentionsmulden in Stadtparks und versickerungsfähige Beläge in Fußgängerzonen. Frankfurt am Main erprobt im Rahmen des Projekts „Klimaanpassung Frankfurt“ unter anderem die Umgestaltung von Schulhöfen und öffentlichen Plätzen nach Schwammstadtprinzipien. Freiburg im Breisgau hat mit dem Rieselfeld und dem Vauban-Quartier früh gezeigt, wie Regenwasserbewirtschaftung in Neubaugebieten von der Planung an integriert werden kann: offene Gräben, Retentionsflächen und extensive Gründächer sind dort Bestandteil des Freiraumsystems.

Ein strukturelles Hemmnis in Deutschland ist die Trennung von Zuständigkeiten: Tiefbauämter verantworten Straßen und Kanalisation, Grünflächenämter den öffentlichen Freiraum, Stadtplanungsämter die Bauleitplanung. Schwammstadtprojekte erfordern die Zusammenarbeit all dieser Stellen, was in der Verwaltungspraxis erheblichen Koordinationsaufwand bedeutet. Städte, die hier ressortübergreifende Strukturen geschaffen haben, kommen schneller voran. Förderprogramme des Bundes, etwa im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative oder der Städtebauförderung, haben in den letzten Jahren Impulse gesetzt, die Umsetzung beschleunigt und Kommunen bei der Finanzierung unterstützt.

Vorteile des Schwammstadtkonzepts: Klimaresilienz, Ökologie und Lebensqualität

Die Vorteile des Schwammstadtkonzepts sind vielfältig und wirken auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Der unmittelbarste Effekt ist die Reduktion von Überflutungsrisiken bei Starkregenereignissen: Wenn Wasser dezentral zurückgehalten, versickert und verdunstet wird, sinkt der Spitzenabfluss in der Kanalisation erheblich. Studien aus verschiedenen Städten zeigen, dass gut dimensionierte Schwammstadtmaßnahmen den Spitzenabfluss bei Bemessungsregenereignissen um dreißig bis siebzig Prozent reduzieren können, abhängig von der Flächenausstattung und dem Versiegelungsgrad des Einzugsgebiets.

Für das Stadtklima ist die Verdunstungsleistung begrünter und wassergesättigter Flächen von zentraler Bedeutung. Verdunstung kühlt die Umgebung durch Energieverbrauch: Ein Quadratmeter Gründach oder Versickerungsmulde, der Wasser verdunstet, entzieht der Umgebungsluft erhebliche Wärmemengen. In hitzegeplagten Innenstädten, wo versiegelte Oberflächen und fehlende Vegetation zur Ausbildung urbaner Wärmeinseln beitragen, ist dieser Kühleffekt unmittelbar spürbar. Blau-grüne Infrastruktur ist damit nicht nur ein Instrument des Überflutungsschutzes, sondern ein wirksames Mittel der Hitzeminderung.

Ökologisch bieten Schwammstadtelemente Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere. Bepflanzte Versickerungsmulden, Retentionsteiche und Regenbeete mit standortgerechter, strukturreicher Bepflanzung erhöhen die Biodiversität im Stadtgebiet messbar. Besonders wenn heimische Stauden, Gräser und Gehölze verwendet werden, die an wechselfeuchte Standorte angepasst sind, entstehen Habitate, die im verdichteten Stadtgefüge selten sind. Die Vernetzung solcher Elemente zu Grünkorridoren verstärkt den ökologischen Wert erheblich.

Nicht zuletzt verbessern gut gestaltete Schwammstadtelemente die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Wasser als gestalterisches Element, bepflanzte Mulden als Raumteiler, Bäume in Baumrigolen als Schattenspender: Diese Elemente machen Straßen und Plätze attraktiver und erlebbarer. Der soziale Mehrwert ist in Evaluierungen von Projekten wie dem Kopenhagener Tåsinge Plads oder dem Rotterdamer Benthemplein gut belegt.

Häufige Fehler und Missverständnisse in der Schwammstadtplanung

Trotz des wachsenden Interesses an Schwammstadtkonzepten gibt es in der Planungspraxis wiederkehrende Fehler, die die Wirksamkeit von Maßnahmen einschränken oder zunichte machen. Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, Schwammstadtmaßnahmen als rein technische Entwässerungslösungen zu betrachten, die unabhängig von der Freiraumplanung dimensioniert werden können. Tatsächlich entfalten sie ihr Potenzial nur dann vollständig, wenn sie von Beginn an als Teil des Freiraum- und Grünsystems gedacht werden: Bepflanzung, Wegeführung, Aufenthaltsqualität und Wasserführung müssen gemeinsam entwickelt werden.

Ein weiterer Fehler liegt in der Unterschätzung des Pflegeaufwands. Versickerungsmulden, Regenbeete und Baumrigolen sind keine wartungsfreien Systeme. Sedimenteintrag, Verstopfungen, Pflanzenverluste und Erosion erfordern regelmäßige Kontrolle und Pflege. Werden diese Maßnahmen ohne ausreichendes Pflegebudget und ohne klare Zuständigkeiten angelegt, verlieren sie schnell ihre Funktion und werden zum Negativbeispiel, das die Akzeptanz des Konzepts insgesamt beschädigt.

Häufig wird auch die Bodenbeschaffenheit unterschätzt. Versickerungsanlagen setzen einen ausreichend durchlässigen Untergrund voraus. In Städten mit tonigen oder lehmigen Böden, hohem Grundwasserstand oder kontaminierten Böden sind direkte Versickerungsanlagen oft nicht möglich oder erfordern aufwendige technische Lösungen. Eine sorgfältige Standortanalyse, einschließlich Bodenuntersuchungen und hydrogeologischer Gutachten, ist deshalb Voraussetzung für eine funktionierende Planung, keine optionale Ergänzung.

Schließlich besteht die Gefahr, Schwammstadtmaßnahmen als Insellösungen zu planen, die nicht in ein übergeordnetes Entwässerungskonzept eingebettet sind. Eine einzelne Versickerungsmulde im Straßenraum hat begrenzten Effekt, wenn das umgebende Einzugsgebiet weiterhin vollständig in die Kanalisation entwässert. Wirkung entfaltet das Konzept erst, wenn Maßnahmen flächendeckend, aufeinander abgestimmt und in ein gesamtstädtisches Regenwassermanagement integriert sind.

Schwammstadt als Baustein der Klimaanpassung: Einordnung und Ausblick

Das Schwammstadtkonzept ist kein Allheilmittel, aber ein unverzichtbarer Baustein einer klimaresilienten Stadtentwicklung. Es adressiert zwei der drängendsten Herausforderungen des urbanen Klimawandels gleichzeitig: die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Starkregenereignissen einerseits und die wachsende Hitzebelastung in Städten andererseits. Kein anderes Planungsinstrument verbindet Überflutungsschutz, Hitzeminderung, Biodiversitätsförderung und Freiraumqualität so direkt und kosteneffizient wie die Integration blau-grüner Infrastruktur in den Stadtraum.

Die Schwammstadt Beispiele aus Kopenhagen, Rotterdam, Portland und chinesischen Pilotstädten zeigen, dass das Konzept in sehr unterschiedlichen städtebaulichen und klimatischen Kontexten funktioniert, wenn es konsequent und integriert umgesetzt wird. Deutsche Städte befinden sich auf einem guten Weg, haben aber noch erhebliches Potenzial, das durch bessere ressortübergreifende Zusammenarbeit, verlässliche Förderprogramme und eine konsequente Verankerung in Bebauungsplänen und kommunalen Entwässerungssatzungen gehoben werden kann.

Für Landschaftsarchitekten und Stadtplaner bedeutet das Schwammstadtkonzept eine Erweiterung des professionellen Selbstverständnisses: Freiraumplanung ist nicht nur Gestaltung, sondern Infrastrukturplanung. Wer Plätze, Straßen, Parks und Quartiere entwirft, gestaltet gleichzeitig den Wasserhaushalt der Stadt. Diese Verantwortung ernst zu nehmen, bedeutet, hydrologisches Grundwissen in den Planungsalltag zu integrieren, mit Ingenieuren und Ökologen auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten und Bauherren und Kommunen von der Langzeitwirkung blau-grüner Infrastruktur zu überzeugen. Die Schwammstadt ist kein Trend, sondern eine planerische Notwendigkeit, deren Grundprinzipien in jedes Freiraumkonzept einfließen sollten, das den Anspruch erhebt, zukunftsfähig zu sein.

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IFAT 2022 in München

2022

Foto: Messe München GmbH

Vom 30. Mai bis 3. Juni 2022 findet in München die Weltleitmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohwirtschaft statt. Das Kernthema der Messe 2022 sind Wasserbewusste Städte. Was Sie zur IFAT 2022 wissen müssen, haben wir Ihnen hier zusammengefasst.

Für die diesjährige IFAT-Messe in München haben sich bereits mehr als 2 500 Aussteller*innen aus 50 Ländern angemeldet. Die Messe findet vom 30. Mai bis 3. Juni 2022 auf dem Messegelände München statt und dreht sich um den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Die Weltleitmesse für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft zieht großes Interesse auf sich, da sie zukunftsfähige Umwelttechnologien für den Klimaschutz vorstellt.

Die Vorbereitungen laufen derzeit auf Hochtouren. Alle 18 Messehallen und ein Großteil des Freigeländes sind bereits belegt. Im Vergleich zur Rekordmesse 2018 handelt es sich um eine sehr starke Entwicklung – trotz der Pandemie. Laut Stefan Rummel, Geschäftsführer der Messe München, erhält das Team laufend neue Anfragen.

IFAT 2022: Große Unternehmen und Start-ups dominieren

Die IFAT 2022 stellt die Dringlichkeit von Umwelt-, Ressourcen- und Klimaschutz in den Mittelpunkt. Diese Themen werden unter anderem vom neuesten IPCC Sachstandsbericht hervorgehoben. Dabei ist in diesem Jahr Wasser ein Schwerpunkt der Messe. Wasserbewusste Städte und Technologien werden neue Maßstäbe setzen.

Die IFAT hat das Ziel, internationale Entscheider, Experten und Marktspieler an einem Ort zusammenzubringen, um die großen Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Mit internationalen Großveranstaltungen wie der IAA MOBILITY ist dies der Messe München in den letzten Jahren auch unter erschwerten Bedingungen gelungen. Die entspannteren Corona-Auflagen im Frühjahr 2022 werden das Netzwerken weiter erleichtern.

Im Bereich „Kreislaufwirtschaft und Entsorgung“ sind Anbieter wie Remondis, Veolia, PreZero, EEW Energy from Waste, Doppstadt Umwelttechnik, Komptech, Arjes, Sutco RecyclingTechnik, Eggersmann, Lindner-Recyclingtech, Zeppelin Baumaschinen, Sennebogen Maschinenfabrik, Liebherr-Hydraulikbagger, Komatsu, Zöller-Kipper, Martin, SSI Schäfer und ESE bei der IFAT 2022 dabei.

Lösungen für Wasserknappheit

Für „Wasser und Abwasser“ werden unter anderem Wilo, Huber, Invent Umwelt- und Verfahrenstechnik, Grundfos, KSB, Sulzer, Xylem Europe, Endress+Hauser, Gea Westfalia Seperator Group, Kaeser Kompressoren, EnviroChemie, Otto Graf, Aerzener Maschinenfabrik, Veolia Water Technologies, AVK Armaturen, Hawle Armaturen, Talis, Siemens, Hermann Sewerin, Aco Tiefbau, Kaiser und IBAK erwartet.

Die „Kommunaltechnik“ ist mit Faun Umwelttechnik, Bucher Municipal, Aebi Schmidt, Küpper-Weisser und Fayat Environmental Solutions, bei den Fahrzeugen sind mit dabei Iveco Magirus, Scania, Volvo Group Trucks, DAF Trucks, Daimler Truck und Mercedes Benz auf der IFAT 2022 vertreten. Zahlreiche internationale Aussteller sowie Start-ups werden ebenfalls bei der Messe erwartet.

Wasserknappheit ist eine große Herausforderung für Unternehmen, die im Bereich Wasser- und Abwasserwirtschaft arbeiten. Auch für andere Unternehmen ist die nachhaltige Nutzung vorhandener Ressourcen, insbesondere von knappem Wasser, eine zentrale Zukunftsfrage.

In der deutschen Industrie ist der Wasserverbrauch schon seit drei Jahrzehnten rückläufig. Dieser Trend muss sich weiter durchsetzen, denn zunehmende Dürreperioden in vielen Regionen können selbst im wasserreichen Deutschland zu Schwierigkeiten führen. Nutzungskonflikte zeichnen sich bereits in Ländern wie der Türkei, Syrien, Irak und Jemen ab.

Wassersparende Technologien, die etwa Regenwasser oder gereinigtes Abwasser noch besser nutzbar machen, werden daher bei der IFAT 2022 in München zu besonderem Interesse führen. Dabei wird eine komplett abwasserfreie Produktion angestrebt. Das ist mancherorts bereits Realität: Ein Audi-Werk in Mexiko zum Beispiel bereitet schon seit 2016 100 Prozent des Abwassers auf und nutzt es als Betriebswasser, in der Produktion sowie zum Bewässern von Grünflächen.

Die „Zero Liquid Discharge Strategie“ bietet viele Anwendungsfelder. Denn sie kann den Wasserkreislauf schließen. In Katar etwa werden salzhaltige Abwässer mithilfe von Solarpanels so aufbereitet, dass das Wasser wieder in den Kreislauf eintreten darf. In anderen Ländern ist der Wasserkreislauf hingegen nicht das Hauptproblem, weshalb hier andere Bereiche wie etwa Abwasser-Konzentrate und verbesserte industrielle Wasserkreisläufe von Interesse sind.

Wasserbewusste Stadtentwicklung als Zukunftsaufgabe

Die IFAT 2022 bietet eine Plattform, um das Thema Wasserbewusste Städte, Herausforderungen und Hemmschuhe, aber auch Lösungen und Best-Practice-Beispiele zu diskutieren. Viele Kommunen stehen entweder vor Starkregen oder vor Trockenheit. In beiden Fällen ist eine wasserbewusstere Stadtentwicklung nötig.

Das Stichwort der „Schwammstädte“ wird bei der IFAT 2022 häufig fallen. Dabei handelt es sich um eine Anpassungsstrategie: Dank urbaner Grünzonen, Feuchtgebieten, Wasser- und Überflutungsflächen sowie Multifunktions-Speicherräumen können Sponge Cities viel Regenwasser aufnehmen. So muss das überschüssige Wasser nicht direkt in Kanäle und Vorfluter abgeleitet werden. Dies soll dabei helfen, die Folgen von Unwettern abzudämpfen und zugleich Wasser für folgende Trockenzeiten zu speichern. In Kombination mit begrünten Dächern und Fassaden können vorhandene Grünflächen und Bäume dann zur Kühlung und Luftverbesserung der Stadt beitragen.

IFAT 2022: Europäische Pioniere für wasserbewusste Städte

Asiatische Städte wie Singapur und südchinesische Metropolen sind bereits erfolgreiche Schwammstädte. Nun ziehen auch die europäischen Städte nach: Insbesondere Kopenhagen und Wien zählen zu den Pionieren. In Kopenhagen gibt es schon seit 2014 eine Wasserbewirtschaftung mit Elementen wie unterirdischen Entlastungstunneln und Bewässerung von Grünflächen mit Wasser aus Kläranlagen.

In Wien entsteht derzeit ein neuer Stadtteile namens Seestadt auf einem ehemaligen Flugfeld. Hier gibt es großzügige, zusammenhängende Wurzelräume, die Regenwasser speichern und über lange Zeiten an die Bäume der Stadt abgeben. Sicker-, Filter- und Absetzbecken, dezentrale Kleinstkläranlagen und streusalzresistente Stauden sind weitere Teile der österreichischen Strategie.

In Deutschland ist Hamburg ein prominentes Beispiel für gelungenes Wassermanagement. In Neubaugebieten ist das Regenwasser beinahe komplett von der Kanalisation getrennt. Zudem ist die Stadt gut auf Hochwasser vorbereitet und arbeitet daran, deren Risiko zu minimieren.

All diese und viele weitere Städte werden auf der IFAT 2022 ihre Lösungsansätze präsentieren.

In München findet im Jahr 2023 das Flower Power Festival statt. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Grauwassernutzung in städtischen Quartieren – rechtlich, technisch, räumlich

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Atemberaubende Luftaufnahme einer Stadt am Wasser, fotografiert von Marcus Michaelsen.

Grauwassernutzung in städtischen Quartieren klingt wie ein ökologisches Randthema, doch in Wahrheit schlägt hier das Herz nachhaltiger Stadtentwicklung. Wer es ernst meint mit Klimaschutz, Ressourceneffizienz und zukunftsfähigen Quartierskonzepten, kommt an der Frage nicht vorbei: Wie bringen wir das Wasser von gestern ins Morgen – rechtlich sauber, technisch innovativ und räumlich klug? Der folgende Beitrag zeigt, warum Grauwassernutzung mehr ist als ein Techniktrend, welche Hürden und Chancen im deutschen Sprachraum bestehen und was wir von den Vorreitern lernen können.

  • Definition und Einordnung von Grauwasser sowie Abgrenzung zu Schwarzwasser und Regenwasser
  • Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Technische Möglichkeiten und Herausforderungen bei der Aufbereitung und Nutzung von Grauwasser
  • Räumliche Integration von Grauwassersystemen in Stadtquartiere – vom Gebäude bis zur Quartiersebene
  • Praxisbeispiele und Lessons Learned aus Pilotprojekten und realisierten Anlagen
  • Chancen für Klimaresilienz, Wassersparen und innovative Freiraumgestaltung
  • Herausforderungen durch Hygienevorgaben, Akzeptanz, Wirtschaftlichkeit und Betrieb
  • Empfehlungen für Planer, Kommunen und Investoren im urbanen Kontext
  • Ausblick: Rolle der Grauwassernutzung in der Transformation zur Schwammstadt

Grauwasser – Begriff, Potenziale und rechtliche Grundlagen

Grauwasser ist das Abwasser, das beim Duschen, Baden, Händewaschen oder Waschen von Kleidung entsteht – kurz: überall dort, wo Wasser zwar verschmutzt, aber nicht fäkalienbelastet ist. Damit unterscheidet es sich grundlegend vom sogenannten Schwarzwasser, das aus Toiletten stammt, sowie vom Regenwasser, das als Niederschlag auf Grundstücken anfällt. Der Clou: Grauwasser enthält zwar Seifenreste, Haare, manchmal Mikroplastik, aber kaum Krankheitserreger. Das macht es zu einem idealen Kandidaten für eine zweite Nutzungsschleife. Wer das Thema bisher für einen Spleen von Öko-Startups hielt, irrt gewaltig. Denn die Zahlen sprechen eine veritable Sprache: In typischen Haushalten machen Grauwasserströme rund 50 bis 75 Prozent des gesamten Abwassers aus. Würde man dieses Wasser aufbereiten und beispielsweise für die Toilettenspülung, die Gartenbewässerung oder in der Gebäudereinigung wiederverwenden, ließen sich enorme Mengen an Trinkwasser einsparen.

Doch der Weg vom ökologischen Wunschtraum zur urbanen Wirklichkeit ist gepflastert mit Paragrafen, Vorschriften und technischen Anforderungen. In Deutschland regeln insbesondere die DIN 1989 (Regenwassernutzungsanlagen), die DIN 16941 (Grauwasserrecycling), das Wasserhaushaltsgesetz und einschlägige Trinkwasserverordnungen den Umgang mit Grauwasser. Die zentrale Botschaft: Grauwasser darf niemals mit Trinkwasser in Kontakt kommen – Stichwort: Systemtrennung. Auch die Hygieneanforderungen sind hoch. Österreich und die Schweiz setzen auf ähnlich strenge Regelungen und knüpfen die Genehmigung von Grauwassersystemen an detaillierte Nachweise bezüglich Funktion, Wartung und Hygiene. Wer die rechtlichen Stolperfallen ignoriert, riskiert nicht nur Bußgelder, sondern auch den Ruf als verantwortungsloser Planer.

Für Stadtplaner, Architekten und Investoren bedeutet dies: Bereits in der frühen Konzeptionsphase müssen die relevanten Normen und Gesetze auf dem Schirm sein. Denn Nachrüstungen sind meist kostspielig, technisch komplex und rechtlich heikel. Besonders knifflig ist die Abgrenzung zu Mischwassersystemen, wie sie in manchen Altquartieren noch zu finden sind. Hier gilt es, bestehende Strukturen genau zu analysieren und kreative, aber regelkonforme Lösungen zu entwickeln.

Eine weitere Herausforderung ist die föderale Vielfalt. In Deutschland etwa können die Bundesländer eigene Wasserrechtsvorschriften erlassen, die über die Bundesnormen hinausgehen. In der Schweiz gibt es je nach Kanton unterschiedliche Vorgaben für die Zwischenspeicherung und Verteilung von aufbereitetem Wasser. Und auch in Österreich ist die Genehmigungspraxis von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Wer hier nicht sattelfest ist, verliert schnell den Überblick – und riskiert teure Planungsfehler.

Fazit: Grauwassernutzung ist ein rechtlicher Hochseilakt, der profundes Wissen und vorausschauende Planung verlangt. Wer die Vorschriften kennt und intelligent anwendet, kann jedoch echten Mehrwert für urbane Quartiere schaffen – ökologisch, ökonomisch und sozial.

Technische Systeme und Herausforderungen der Grauwasseraufbereitung

Wer Grauwasser aufbereiten will, muss sich mit einer Vielzahl von technischen Herausforderungen auseinandersetzen. Die schlechte Nachricht: Es reicht nicht, das Duschwasser einfach in einen Kanister zu leiten und dann in die Toilettenspülung zu kippen. Die gute Nachricht: Die Technik ist weit fortgeschritten – und bietet heute sowohl für einzelne Gebäude als auch für ganze Quartiere passgenaue Lösungen.

Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Reinigungsgrad. Soll das Wasser lediglich für die Toilettenspülung genutzt werden, reicht häufig eine einfache biologische oder mechanische Vorbehandlung. Wer das Wasser für die Gartenbewässerung oder in der Gebäudereinigung einsetzen will, muss höhere Standards erfüllen – etwa durch zusätzliche Membranfiltration, UV-Desinfektion oder sogar den Einsatz von Aktivkohlefiltern. Moderne Systeme sind oft modular aufgebaut und lassen sich flexibel an den Bedarf anpassen. Besonders spannend sind dabei sogenannte dezentrale Anlagen, die direkt im Gebäude oder Quartier installiert werden und das Wasser quasi in Echtzeit aufbereiten.

Ein zentrales Problem ist die Schwankung der Grauwassermenge und -qualität. In einem Mehrfamilienhaus duschen die Bewohner morgens und abends, dazwischen steht die Anlage oft still. Das kann zu Geruchsbildung, mikrobiologischen Risiken oder technischen Störungen führen. Intelligente Steuerungssysteme, Pufferspeicher und automatische Spülzyklen helfen, diese Probleme zu minimieren – kosten aber Geld und verlangen Know-how im Betrieb. Der Betrieb ist ohnehin eine kritische Größe: Ein nicht gewartetes Grauwassersystem wird schnell zur Keimschleuder. Deshalb fordern die meisten Normen einen Wartungsvertrag mit Fachfirmen und regelmäßige Überwachung der Wasserqualität.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Einbindung in die bestehende Gebäudetechnik. Grauwassersysteme brauchen eigene Leitungsnetze, Pumpen, Speicher und Kontrolltechnik. Wer in Bestandsquartieren nachrüsten will, stößt schnell an Grenzen – Platz, Statik, Leitungsführung und die Integration in bestehende Sanitärsysteme sind echte Herausforderungen. In Neubauquartieren dagegen lassen sich Grauwassersysteme von Anfang an mitplanen und sogar mit anderen nachhaltigen Technologien koppeln, etwa mit Regenwassernutzung, Solarthermie oder Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser.

Die Wirtschaftlichkeit ist ein weiteres heißes Thema. Während in Regionen mit Wasserknappheit und hohen Gebühren Grauwassersysteme schnell wirtschaftlich attraktiv werden, sieht die Rechnung im wasserreichen Mitteleuropa oft anders aus. Hier entscheiden meist Image, Förderprogramme oder die Einbindung in ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzepte über den Ausschlag. Für Planer und Investoren gilt: Ohne fundierte Wirtschaftlichkeitsanalyse und ein schlüssiges Betriebskonzept bleibt die Grauwassernutzung ein teurer Luxus.

Technisch betrachtet sind die Systeme heute ausgereift, die Herausforderungen liegen jedoch in der Anpassung an die jeweilige Quartierssituation und im Betrieb. Wer hier mitdenkt, vermeidet böse Überraschungen und schafft echten Mehrwert für Stadt und Umwelt.

Räumliche Integration – Grauwassernutzung als Quartiersaufgabe

Die räumliche Integration von Grauwassersystemen ist weit mehr als eine technische Fingerübung. Sie ist eine gestalterische und stadtplanerische Herausforderung, die über den Erfolg oder Misserfolg des Gesamtkonzepts entscheidet. Denn was nützt die beste Technik, wenn sie nicht in den städtischen Kontext passt oder im Betrieb zum Rohrkrepierer wird?

Im Idealfall beginnt die Planung bereits auf der Quartiersebene. Hier lassen sich Synergien zwischen einzelnen Gebäuden, Nutzungen und Freiräumen optimal nutzen. Ein Beispiel: In gemischt genutzten Quartieren können Wohn- und Bürogebäude gemeinsam eine zentrale Grauwasseraufbereitungsanlage speisen und nutzen. Das spart Platz, erhöht die Auslastung der Technik und reduziert Kosten. Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für die Gestaltung von Freiflächen – von Bewässerungssystemen für grüne Innenhöfe bis hin zu innovativen Fassadenbegrünungen, die mit aufbereitetem Grauwasser betrieben werden.

Die Integration in den urbanen Raum verlangt jedoch genaue Kenntnis der technischen und räumlichen Abläufe. Wo verlaufen die Leitungen? Wie werden Speicher und Technikräume in die Architektur eingebunden? Wie funktioniert die Wartung ohne Störung der Bewohner? Und wie lassen sich Nutzungskonflikte vermeiden, etwa durch klare Kennzeichnung und Systemtrennung? In dichten städtischen Quartieren stoßen Planer schnell an Grenzen – sei es durch fehlenden Platz, hohe Nachrüstkosten oder komplexe Eigentümerstrukturen. Hier sind Kreativität, Kommunikationsgeschick und ein langer Atem gefragt.

Ein Erfolgsfaktor ist die frühzeitige Einbindung aller Akteure – von der Wohnungsbaugesellschaft über die Stadtwerke bis zu den zukünftigen Nutzern. Denn Akzeptanz ist die halbe Miete. Wer die Bewohner mitnimmt, ihnen die Vorteile erklärt und sie aktiv in Betrieb und Überwachung einbindet, reduziert Vorbehalte und erhöht die Betriebssicherheit. In einigen Pilotprojekten werden sogar digitale Dashboards eingesetzt, auf denen die Nutzer in Echtzeit sehen, wie viel Wasser sie sparen und welchen Beitrag sie zum Umweltschutz leisten. Das schafft Identifikation und macht die Technik sichtbar.

Die räumliche Integration ist aber auch eine Chance für innovative Freiraumgestaltung. Aufbereitete Grauwassersysteme ermöglichen üppige Bepflanzungen selbst in trockenen Sommern, begrünte Dächer und Fassaden oder sogar temporäre Wasserinstallationen im öffentlichen Raum. Wer Grauwassernutzung als Teil ganzheitlicher Schwammstadt-Konzepte denkt, schafft resilientere und lebenswertere Quartiere – und bringt Nachhaltigkeit vom Technikraum aufs Stadtbild.

Räumliche Integration heißt also: Technik, Architektur, Städtebau und soziale Prozesse zusammendenken. Nur so wird Grauwassernutzung zum Innovationstreiber für zukunftsfähige Quartiere.

Praxisbeispiele und Lessons Learned – was funktioniert, was nicht?

Theorie ist gut, Praxis ist besser. Doch wie steht es um die tatsächliche Umsetzung von Grauwassernutzung im deutschsprachigen Raum? Die Bilanz ist durchwachsen. Während in Australien, Israel oder Singapur Grauwassersysteme längst Standard in vielen Neubauquartieren sind, gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz bislang nur eine Handvoll Leuchtturmprojekte – aber die haben es in sich.

Ein prominentes Beispiel ist das Wohnquartier Jenfelder Au in Hamburg. Hier wurde ein innovatives Abwasserkonzept umgesetzt, das Grauwasser getrennt erfasst, aufbereitet und direkt für die Toilettenspülung verwendet. Die Erfahrungen zeigen: Technisch funktioniert das System zuverlässig, die Akzeptanz bei den Bewohnern ist hoch, und der Wasserverbrauch pro Kopf konnte signifikant gesenkt werden. Allerdings ist der Aufwand für Betrieb und Wartung nicht zu unterschätzen – regelmäßige Kontrollen, Informationskampagnen und ein durchdachtes Störfallmanagement sind unverzichtbar.

Ein weiteres Beispiel liefert die Siedlung Kalkbreite in Zürich, wo Grauwasser zentral aufbereitet und für die Bewässerung der umfangreichen Dachgärten genutzt wird. Hier profitieren die Bewohner nicht nur von niedrigen Nebenkosten, sondern auch von üppig begrünten Aufenthaltsflächen mitten in der Stadt. Die Kombination aus Technik, Architektur und sozialer Innovation macht Kalkbreite zu einem Vorbild für nachhaltige Quartiersentwicklung. Allerdings zeigt auch dieses Projekt: Ohne rechtliche Klarheit und engagierte Betreiber bleibt die Grauwassernutzung eine Nischenlösung.

In Wien laufen derzeit mehrere Pilotprojekte, bei denen Grauwasser gemeinsam mit Regenwasser für urbane Landwirtschaft und Freiraumgestaltung verwendet wird. Die Ergebnisse sind vielversprechend, doch auch hier bremsen oft bürokratische Hürden und fehlende Standards. Besonders herausfordernd ist der Umgang mit saisonalen Schwankungen und die Sicherstellung der Wasserqualität im Dauerbetrieb.

Die Lessons Learned aus diesen Projekten sind eindeutig: Erfolgreiche Grauwassernutzung braucht engagierte Akteure, klare Verantwortlichkeiten, ausreichend Budget für Betrieb und Wartung sowie ein transparentes Monitoring. Wo diese Faktoren stimmen, wird Grauwassernutzung zum echten Mehrwert – ökologisch, ökonomisch und sozial. Wo sie fehlen, bleiben die Anlagen oft unter ihren Möglichkeiten oder werden nach wenigen Jahren stillgelegt.

Trotz aller Herausforderungen zeigt die Praxis: Mit kluger Planung, rechtlicher Sorgfalt und technischer Innovation lässt sich Grauwassernutzung in urbanen Quartieren erfolgreich umsetzen – als Baustein für die nachhaltige Stadt von morgen.

Ausblick: Grauwassernutzung als Schlüssel zur Schwammstadt der Zukunft

Die Klimakrise zwingt Städte zum Umdenken – nicht irgendwann, sondern jetzt. Hitzewellen, Starkregen, Wasserknappheit und steigende Urbanisierung stellen die Infrastruktur und das Selbstverständnis der Stadtentwicklung auf die Probe. Die Antwort darauf heißt immer häufiger: Schwammstadt. Gemeint ist ein Ansatz, der Regenwasser, Abwasser und Grauwasser als Ressourcen begreift und in urbane Stoffkreisläufe integriert. Grauwassernutzung ist dabei weit mehr als ein technisches Add-on – sie ist ein Schlüssel zur Resilienz, Effizienz und Lebensqualität moderner Quartiere.

Die Potenziale sind enorm: Durch die Wiederverwendung von Grauwasser lassen sich nicht nur Trinkwasserverbrauch und Abwassermengen drastisch reduzieren, sondern auch Hitzeinseln bekämpfen, Freiräume begrünen und neue urbane Lebensqualitäten schaffen. Wer die Technik mit städtebaulicher Vision und rechtlicher Klarheit verbindet, macht aus dem Abwasser von gestern die Ressource von morgen. Städte wie Kopenhagen, Singapur und Melbourne zeigen, wie es geht – mit ambitionierten Programmen, fördernden Rahmenbedingungen und einer Kultur der Innovation.

Für den deutschsprachigen Raum bleibt noch einiges zu tun. Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen weiterentwickelt, Standards vereinheitlicht und Förderprogramme ausgebaut werden. Besonders wichtig ist die Ausbildung und Sensibilisierung aller Akteure – von den Planern über die Betreiber bis zu den Bewohnern. Auch die Digitalisierung bietet neue Chancen, etwa durch smarte Monitoring-Systeme, digitale Wartungsplattformen und transparente Informationsangebote für die Nutzer.

Die größte Herausforderung bleibt jedoch die Integration in die städtische DNA. Grauwassernutzung darf nicht als exotische Nische verstanden werden, sondern muss Teil einer ganzheitlichen Stadtentwicklung sein – verankert in Bebauungsplänen, Förderprogrammen und Architekturwettbewerben. Nur so entsteht die notwendige Skalierung, um echte Wirkung zu entfalten.

Die Zukunft der Grauwassernutzung ist also offen – aber voller Chancen. Wer jetzt investiert, plant und experimentiert, prägt die urbane Wasserwende maßgeblich mit. Wer abwartet, wird von der Realität eingeholt. Die Botschaft ist klar: Ohne Grauwassernutzung keine Schwammstadt – und ohne Schwammstadt keine resiliente, lebenswerte Stadt von morgen.

Zusammenfassend zeigt sich: Grauwassernutzung in städtischen Quartieren ist weit mehr als ein technischer Trend. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus Recht, Technik, Raum und sozialer Innovation – und damit eine echte Königsdisziplin für Stadtplaner, Architekten und Investoren. Wer die rechtlichen Hürden kennt, die Technik beherrscht und die räumliche Integration meistert, schafft nachhaltigen Mehrwert für Mensch und Stadt. Die Beispiele aus Hamburg, Zürich und Wien zeigen: Es geht, wenn man will. Jetzt gilt es, die Lehren zu ziehen, die Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln und die urbane Wasserwende mit Mut und Expertise voranzutreiben. Denn eines steht fest: Die Zukunft der Stadt ist nass, klug – und ein bisschen grauer als erwartet.