Sensorik im Straßenraum – Echtzeitdaten gegen urbane Überhitzung

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Eine beeindruckende Luftaufnahme einer Stadt, die das Zusammenspiel von Urban Heat Management und innovativer Stadtplanung zeigt. Foto von Ivan Louis.

Städte werden zu Hitzefallen – und Sensorik im Straßenraum könnte der Schlüssel sein, um urbane Überhitzung nicht nur sichtbar, sondern auch gezielt bekämpfbar zu machen. Wer glaubt, die Klimakrise sei ein abstraktes Problem, der sollte einen Blick auf die Daten werfen, die smarte Sensoren heute in Echtzeit liefern. Sie zeigen: Stadtplanung bekommt eine neue, datengetriebene Dimension – und eröffnet ungeahnte Chancen für die Gestaltung lebenswerter, klimaresilienter Straßenräume.

  • Warum urbane Überhitzung eine der größten Herausforderungen für Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz darstellt
  • Wie Sensorik im Straßenraum Echtzeitdaten liefert und welche Technologien dabei eingesetzt werden
  • Welche konkreten Anwendungen und Projekte zeigen, wie Daten gegen die Hitze wirken können
  • Wo Chancen, aber auch Risiken und Grenzen des Einsatzes von Sensorik liegen
  • Wie sich Planungsprozesse, Governance und Beteiligungskultur durch datengestützte Straßenräume verändern
  • Welche rechtlichen, technischen und kulturellen Hürden überwunden werden müssen
  • Wie eine intelligente, klimaadaptive Stadtgestaltung durch Echtzeitdaten gefördert werden kann
  • Warum Sensorik im Straßenraum weit mehr ist als ein technisches Gimmick – sondern ein Paradigmenwechsel für die Stadtplanung

Urbane Überhitzung: Die unterschätzte Gefahr und der Ruf nach Echtzeitdaten

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Die Sommer in unseren Städten werden heißer, die Tropennächte häufen sich, Asphalt und Beton speichern Hitze wie nie zuvor. Was auf meteorologischen Karten seit Jahren ablesbar ist, spüren Bewohner, Planer und Stadtgestalter im Alltag. Doch die Dimension, in der urbane Überhitzung zur akuten Gefahr für Gesundheit, Lebensqualität und Infrastruktur geworden ist, bleibt oft unterschätzt. Klimaforscher sprechen bereits von urbanen Hitzeinseln, die das Risiko für Hitzeschläge, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar vorzeitige Todesfälle drastisch erhöhen. Besonders betroffen sind dicht bebaute Stadtteile, Straßenräume mit wenig Grün und hoher Versiegelung sowie sozial benachteiligte Quartiere, in denen Anpassungsmaßnahmen oft fehlen.

Hier setzt die wachsende Bedeutung von Echtzeitdaten an. Denn Planungs- und Anpassungsmaßnahmen, die auf pauschalen Klimakarten oder Durchschnittswerten basieren, greifen zu kurz. Sie unterschlagen die enorme kleinteilige Dynamik urbaner Mikroklimata, das Zusammenspiel aus Bebauung, Verkehr, Vegetation, Wasserflächen und Materialität. Die Folge: Fehlentscheidungen bei Straßenbaumstandorten, ineffektive Verschattungskonzepte, teure Fehlinvestitionen in Bewässerung oder Begrünung. Wer heute wirksam gegen Überhitzung vorgehen will, braucht nicht nur Prognosen, sondern laufend aktualisierte, standortspezifische Daten – genau hier kommt moderne Sensorik ins Spiel.

Sensoren können die Temperatur auf Gehwegen, an Hausfassaden oder unter Baumkronen messen, sie erfassen Luftfeuchtigkeit, Strahlungsintensität, Windgeschwindigkeit und Oberflächentemperaturen. Sie liefern Daten über den Wärmeinseleffekt in Echtzeit, machen Hotspots sichtbar und geben Aufschluss darüber, wie sich Interventionen – etwa das Pflanzen neuer Bäume oder das Anbringen von Verschattungselementen – tatsächlich auswirken. Die präzise Erfassung mikroklimatischer Bedingungen ist dabei keine akademische Spielerei, sondern eine Grundvoraussetzung für zielgerichtete, effiziente und nachhaltige Stadtgestaltung.

Doch die Herausforderung beginnt bereits bei der Frage, welche Daten überhaupt benötigt werden, wie sie erhoben, ausgewertet und sinnvoll in Planungen integriert werden. Nicht jede Sensorik ist gleich geeignet, nicht jedes Messnetz liefert die gewünschte Aussagekraft. Die Kunst liegt darin, Sensorstandorte strategisch zu wählen, die Messdaten intelligent zu verknüpfen und die Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie Planern, Verwaltung und Öffentlichkeit gleichermaßen verständlich und nutzbar sind. Städte wie Wien, Zürich oder Hamburg zeigen, dass dies mit dem richtigen Know-how und einer offenen Datenkultur gelingen kann.

Die zentrale Erkenntnis: Urbane Überhitzung ist eine dynamische Herausforderung – und verlangt nach dynamischen Antworten. Wer die Straßenräume von morgen klimaresilient gestalten will, muss heute in Sensorik, Datenkompetenz und neue Prozesse investieren. Die klassische Planung stößt hier an ihre Grenzen – Echtzeitdaten eröffnen einen neuen, datenbasierten Zugang zur Stadt.

Sensorik im Straßenraum: Technologien, Anwendungen und ihre Tücken

Die Vielfalt moderner Sensorik im Straßenraum ist beeindruckend – und manchmal auch ein bisschen einschüchternd. Von einfachen Temperaturloggern, die alle paar Minuten Werte aufzeichnen, bis hin zu komplexen Multi-Sensor-Plattformen, die Temperatur, Feinstaub, Stickoxide, Lärm, UV-Strahlung und sogar Bodenfeuchte gleichzeitig messen, reicht das Spektrum. Hinzu kommen mobile Sensoren auf Fahrrädern, Drohnen oder sogar auf städtischen Müllfahrzeugen, die während ihrer Routen fortlaufend Daten sammeln und in die städtische Dateninfrastruktur einspeisen.

Eine Schlüsseltechnologie bildet dabei das sogenannte Internet of Things (IoT), also die Vernetzung von Sensoren, Geräten und Plattformen über drahtlose Kommunikationsprotokolle wie LoRaWAN, NB-IoT oder 5G. Diese Vernetzung ermöglicht nicht nur die zentrale Erfassung und Auswertung großer Datenmengen, sondern auch die Integration in bestehende städtische Datenplattformen. So entsteht ein digitales Ökosystem, in dem die Informationen aus dem Straßenraum mit Verkehrsflussdaten, Wetterprognosen oder Energieverbrauchsdaten kombiniert werden können – ein echter Quantensprung gegenüber der klassischen Einzelmessung.

Doch die Technik bringt auch Herausforderungen mit sich. Sensoren müssen nicht nur robust und wetterfest, sondern auch vandalismussicher, energiesparend und datenschutzkonform sein. Die Auswahl geeigneter Standorte ist entscheidend, um repräsentative und vergleichbare Daten zu erhalten. Falsch platzierte Sensoren, etwa direkt neben Klimaanlagen oder aufgeheizten Asphaltflächen, können zu erheblichen Messfehlern führen und das Gesamtbild verzerren. Ebenso kritisch ist die Wartung und Kalibrierung der Geräte – vernachlässigte Sensoren liefern schnell unbrauchbare Werte.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Datenintegration. Verschiedene Hersteller, unterschiedliche Protokolle, uneinheitliche Datenformate: Die Harmonisierung und Zusammenführung der Datenströme ist alles andere als trivial. Hier sind offene Standards, Interoperabilität und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen Stadtwerken, IT-Abteilungen, Forschung und Verwaltung gefragt. Projekte wie das Urban Climate Observatory in Hamburg oder die Smart City Zürich machen vor, wie solche Kooperationen gelingen können – und wo die Stolperfallen liegen.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie die erhobenen Daten ausgewertet und visualisiert werden. Rohdaten sind für die meisten Planer wenig hilfreich; gefragt sind intelligente Dashboards, übersichtliche Karten und verständliche Analysen, die konkrete Handlungsoptionen ableiten lassen. Dabei müssen Datenschutz, Transparenz und Nachvollziehbarkeit stets gewährleistet sein – ein Spagat, der technisches Know-how und kommunikative Kompetenz gleichermaßen erfordert.

Mit Daten gegen die Hitze: Praxisbeispiele und Lessons Learned

Wie sehen konkrete Anwendungen aus, bei denen Sensorik im Straßenraum zur Hitzeprävention beiträgt? Ein Blick auf Praxisbeispiele aus dem deutschsprachigen Raum zeigt, wie vielfältig und wirkungsvoll datengetriebene Ansätze sein können. In Wien etwa wird seit Jahren ein flächendeckendes Messnetz unterhalten, das neben Temperatur und Feuchte auch Oberflächentemperaturen von Straßenbelägen, Begrünungen und Fassaden misst. Die Daten fließen in ein zentrales Klimadashboard ein, das Planer, Verwaltung und sogar die Öffentlichkeit nutzen können, um Hotspots zu identifizieren und gezielt Maßnahmen wie Baumpflanzungen, Wasserflächen oder temporäre Verschattungen zu planen.

Auch Zürich setzt auf eine intelligente Verknüpfung von Sensorik und Modellierung. Hier wurden in Pilotprojekten mobile Sensoren auf Fahrrädern eingesetzt, um Mikroklimata entlang von Hauptverkehrsachsen und in Wohngebieten zu erfassen. Die gewonnenen Daten halfen, die Wirkung von Straßenbegrünungen oder neuen Baumreihen nicht nur zu simulieren, sondern auch im Realbetrieb zu überprüfen. So konnten Anpassungen in der Planung deutlich zielgenauer vorgenommen werden als auf Basis von Standardkarten.

In Hamburg wiederum wird ein Urban Climate Observatory betrieben, das auf ein Netzwerk aus über 200 Sensoren zurückgreift. Die Daten werden nicht nur für die klassische Stadtplanung genutzt, sondern auch für kurzfristige Interventionsmaßnahmen: So können mobile Trinkwasserstationen, temporäre Verschattungselemente oder gezielte Reinigungen von Hitze-Hotspots bedarfsgesteuert und in Echtzeit ausgelöst werden. Die Erfahrungen zeigen: Wer flexibel auf aktuelle Klimadaten reagiert, kann nicht nur die Belastung für die Bevölkerung reduzieren, sondern auch Ressourcen effizienter einsetzen.

Ein besonders innovativer Ansatz kommt aus Graz, wo Sensorik mit partizipativen Elementen kombiniert wird. Bürger haben hier die Möglichkeit, eigene Sensoren an Straßenlaternen oder auf Balkonen anzubringen und die Daten in ein offenes Stadtklima-Portal einzuspeisen. Das erzeugt nicht nur ein hochaufgelöstes Bild des städtischen Mikroklimas, sondern fördert auch das Bewusstsein und die Akzeptanz für Klimaanpassungsmaßnahmen. Die Stadt profitiert von zusätzlichem Know-how, die Bürger von mehr Transparenz und Mitsprache.

All diese Beispiele zeigen: Sensorik im Straßenraum ist kein Selbstzweck, sondern ein Schlüssel zur wirksamen, datenbasierten Hitzeprävention. Gleichzeitig gilt: Die beste Technik nützt wenig, wenn sie nicht in durchdachte Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und eine offene Beteiligungskultur eingebettet ist. Nur dann wird aus Messdaten tatsächlich ein Mehrwert für die Stadtgestaltung.

Chancen und Grenzen: Wie Sensorik die Planungskultur herausfordert

Die Integration von Sensorik in die Stadtplanung eröffnet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten – aber auch neue Fragen. Technisch betrachtet ermöglichen Echtzeitdaten eine bisher unerreichte Präzision in der Analyse und Bewertung von Straßenräumen. Sie erlauben es, Planungsvarianten durchzuspielen, Simulationen auf Basis realer Werte zu fahren und die Wirksamkeit von Maßnahmen kontinuierlich zu überprüfen. Die Folge: ein Paradigmenwechsel von der statischen zur dynamischen Planung, bei dem Planer nicht mehr nur auf jahrzehntealte Karten, sondern auf aktuelle Zustandsdaten zurückgreifen.

Doch diese Entwicklung ist keineswegs frei von Risiken. Der Einsatz von Sensorik schafft neue Abhängigkeiten – etwa von Technologieanbietern, Datendienstleistern oder proprietären Plattformen. Wer die Kontrolle über die Datenströme verliert, riskiert, dass die Stadtplanung von externen Akteuren oder undurchsichtigen Algorithmen beeinflusst wird. Hier sind klare Governance-Strukturen, Datenhoheit und Transparenz unverzichtbar. Die offene Bereitstellung von Sensordaten etwa über Open Data-Portale kann helfen, die Kontrolle zu behalten und gleichzeitig die Innovationskraft der Zivilgesellschaft zu nutzen.

Ein weiteres Spannungsfeld entsteht bei der Frage nach der Beteiligung. Sensorik kann Planungsprozesse transparenter und partizipativer machen – etwa indem Bürger auf Daten zugreifen, eigene Messungen beisteuern oder die Folgen von Maßnahmen nachvollziehen können. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass technokratische Entscheidungsmodelle traditionelle Mitbestimmung verdrängen. Die Kunst liegt darin, Daten als Brücke zwischen Fachplanung und Öffentlichkeit zu nutzen, nicht als Ersatz für demokratische Prozesse.

Auch ethische und soziale Fragen dürfen nicht ausgeklammert werden. Die flächendeckende Erhebung von Umweltdaten wirft Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit auf. Werden zum Beispiel Bewegungsprofile erstellt, ist besondere Sensibilität gefragt. Zudem gilt es, einen fairen Zugang zu den Vorteilen datenbasierter Planung zu gewährleisten – damit nicht nur wohlhabende Quartiere von klimasmarter Infrastruktur profitieren, sondern gerade auch diejenigen, die am stärksten unter der Hitze leiden.

Schließlich bleibt die Herausforderung, Sensorik sinnvoll und nachhaltig in bestehende Planungsstrukturen zu integrieren. Technische Innovationen sind schnell, Verwaltungskulturen oft träge. Es braucht Mut, Lernbereitschaft und interdisziplinäre Teams, um das Potenzial der Echtzeitdaten voll auszuschöpfen. Nicht jede Kommune muss sofort zum digitalen Vorreiter werden – aber wer jetzt nicht beginnt, Sensorik als strategisches Werkzeug zu begreifen, verpasst die Chance auf eine klimaadaptive, lebenswerte Stadt.

Ausblick: Sensorik als Motor smarter, klimaresilienter Städte

Die urbane Überhitzung bleibt eine der größten Herausforderungen für die Stadtentwicklung im deutschsprachigen Raum. Sensorik im Straßenraum ist dabei weit mehr als ein technischer Trend – sie ist ein Motor für eine neue, datenbasierte Planungskultur. Wer Echtzeitdaten strategisch nutzt, kann nicht nur Risiken frühzeitig erkennen, sondern auch gezielt und flexibel auf klimatische Veränderungen reagieren. Die Beispiele aus Wien, Zürich, Hamburg oder Graz zeigen eindrucksvoll, wie eine intelligente Verknüpfung von Sensorik, Datenplattformen und partizipativen Prozessen zu sichtbaren Verbesserungen im Stadtraum führen kann.

Gleichzeitig ist klar: Sensorik allein löst keine Probleme. Sie ist Werkzeug, nicht Ersatz für Planungskompetenz, Kreativität und politisches Gespür. Die besten Sensoren nützen wenig, wenn ihre Daten in Silos verschwinden oder von unverständlichen Dashboards verdeckt werden. Es braucht eine Kultur der Offenheit, einen sicheren rechtlichen Rahmen und die Bereitschaft, auch unbequeme Erkenntnisse in die Stadtgestaltung einfließen zu lassen.

Besonders spannend ist das Potenzial für die Integration von Sensorik und Urban Digital Twins. Wenn Echtzeitdaten nahtlos in digitale Stadtmodelle einfließen, ergeben sich neue Dimensionen für die Simulation, Bewertung und Kommunikation klimarelevanter Maßnahmen. Die Stadt der Zukunft wird nicht mehr auf Gutdünken geplant, sondern auf Basis eines lebendigen, lernenden Datenökosystems – und das ist vielleicht die beste Nachricht für Planer, Gestalter und alle, die in der Stadt leben.

Um die Chancen voll auszuschöpfen, sollten Kommunen jetzt in die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, den Aufbau offener Datenplattformen und die enge Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft investieren. Sensorik im Straßenraum muss zur Selbstverständlichkeit werden, nicht zum Prestigeprojekt für Großstädte. Nur so entsteht eine klimaadaptive Stadt, die auch im Hochsommer lebenswert bleibt.

Am Ende steht die Erkenntnis: Die große Hitze ist gekommen, um zu bleiben. Aber auch die Fähigkeit zur Anpassung wächst – und mit ihr das Potenzial, Städte nicht nur zu schützen, sondern neu zu erfinden. Sensorik im Straßenraum ist dabei das Fenster in die Zukunft der Stadtplanung. Wer jetzt hindurchblickt, sieht: Die Stadt von morgen wird nicht nur gebaut, sie wird gemessen, verstanden und immer wieder neu gestaltet.

Fazit

Sensorik im Straßenraum markiert den Aufbruch in eine Ära der intelligenten, klimaresilienten Stadtentwicklung. Sie liefert nicht nur die dringend benötigten Echtzeitdaten zur Bekämpfung urbaner Überhitzung, sondern verändert die Planungskultur grundlegend. Städte, die Sensorik strategisch einsetzen, gewinnen an Handlungsfähigkeit, Transparenz und Innovationskraft. Sie machen aus dem Straßenraum ein lebendiges Labor für kluge, wirksame Klimaanpassung. Doch Technik allein reicht nicht: Erst im Zusammenspiel mit Offenheit, Partizipation und interdisziplinärer Zusammenarbeit entfaltet Sensorik ihr volles Potenzial. Wer heute investiert, legt den Grundstein für die lebenswerte Stadt von morgen – und beweist, dass Expertise, Mut und Daten die beste Antwort auf die Herausforderungen der urbanen Hitze sind.

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Petra Kahlfeldt im Interview zu der Kritik an ihrer Person

Foto: Sebastian Gabsch
Foto: Sebastian Gabsch

Die Startvoraussetzungen für die neue Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt waren von Anfang an schwierig. Bereits im Vorfeld der Ernennung der neuen Berliner Senatsbaudirektorin hatten zahlreiche Architekt*innen öffentlich ein transparentes Verfahren zur Neubesetzung der Position gefordert. Als dann die Berliner SPD die Architektin Petra Kahlfeldt im Dezember 2021 als neue Berliner Senatsbaudirektorin vorstellte, hagelte es Kritik. Allen voran von einer Gruppe von acht Architekt*innen. Wir sprachen im Interview mit Petra Kahlfeldt: was die Kritik mit ihr macht und ob sie zum Dialog mit ihren Kritiker*innen bereit ist.

„Ich bekleide nicht nur ein fachliches, sondern auch ein politisches Amt.“ – Petra Kahlfeldt im Interview

Petra Kahlfeldt, zunächst einmal Glückwunsch zur Ernennung als neue Senatsbaudirektorin. Welche Herausforderungen der Berliner Stadtentwicklung gehen Sie jetzt als erstes an?

Ich freue mich, als Senatsbaudirektorin an der Gestaltung Berlins aktiv mitwirken zu können. Stadtentwicklung ist ein ständiger Prozess und bietet immer wieder neue Möglichkeiten. Im Moment stehen im Fokus der Neubau bezahlbarer Wohnungen Schulneubau und Sanierung der bestehenden Schulen, der Kultur- und Wissenschaftsbauten, die Gestaltung wichtiger Ort, wie der ehemalige Flughafen Tegel, die Qualifizierung des Hermannplatzes oder die Entwicklung des Molkenmarkts als ein dichtes, sozial und funktional gemischtes Quartier in Berlins historischer Mitte, um nur einige zu nennen. Unser Ziel ist, schneller von der Planung zum Bauen zu kommen – das ist eine große Herausforderung, aber notwendig, wenn wir sicherstellen wollen, dass unsere Nachbarschaften und Quartiere lebendig und lebenswert bleiben.

Ihre Ernennung hat nicht nur Jubel in der Architekturszene ausgelöst. Eine Initiative von acht Architekt*innen spricht Ihnen öffentlich die Eignung für das Amt ab, fordert die Zurücknahme Ihrer Benennung, der BDA definiert in einer Stellungnahme die Neubesetzung der Senatsbaudirektion als „intransparent und ohne Vision“. Was macht das mit Ihnen?

Das Amt der Senatsbaudirektorin hat immer Kritikerinnen und Kritiker auf den Plan gerufen, das ist vor allem in Berlin nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist jedoch die Heftigkeit der öffentlichen Angriffe, bevor ich überhaupt auch nur eine inhaltliche Entscheidung habe treffen können. Ich bin Senatsbaudirektorin, aber auch Staatssekretärin für Stadtentwicklung, bekleide also nicht nur ein fachliches, sondern auch ein politisches Amt. Das wird immer vergessen, wenn einige Architektinnen und Architekten die Art der Neubesetzung kritisieren. Ich bin jetzt vier Wochen im Amt und übernehme viele, bereits laufenden Projekte. Vieles kann ich prozessual und gestalterisch mittragen, in einigen Projekten werde ich eigene Akzente und neue Impulse setzen.

„Wichtig ist doch, dass auch eine Senatsbaudirektorin nicht im ‘Elfenbeinturm sitzt’.“

Arno Lederer wiederum stellte sich öffentlich gegen die „Diffamierungen“ Ihrer Person. Er forderte den BDA Berlin auf, für einen konstruktiven Dialog einzutreten. Lederer befürwortet aber auch die vorangegangene gemeinsame Forderung der Profession für ein transparentes Verfahren zur Neubesetzung. Petra Kahlfeldt, hätte man das Verfahren Ihrer Meinung nach anders aufbauen sollen?

Arno Lederer hat recht, wir müssen nicht Vergangenes bewerten, sondern gemeinsam Zukünftiges schaffen. Es wird immer Menschen geben, die einer Entscheidung widersprechen, obwohl das Regelwerk zur Besetzung einer Position festgelegt ist. Wichtig ist doch, dass auch eine Senatsbaudirektorin nicht im „Elfenbeinturm sitzt“. Was immer für das Erscheinungsbild unserer Stadt entschieden wird, ist das Ergebnis von Diskussionsprozessen. Deshalb wird auch die Arbeit des Baukollegiums, werden die Begleitkreise und Partizipationsprozesse fortgeführt.

„Meinungsäußerungen und Diskussionen gehören zu einer Demokratie, aber sie dürfen nicht zu persönlichen Angriffen und Diffamierungen führen.“ – Petra Kahlfeldt im Interview

Laut Arno Lederer habe die gemeinsame Forderung nach mehr Transparenz in der Neubesetzung zudem gezeigt, dass die deutsche Architekturszene mit einer Stimme sprechen könne. Von der Seitenlinie betrachtet: Sowohl die gemeinsame Forderung als auch die öffentliche Kritik, die nun folgte, sprechen wiederum dafür, dass Personen der Profession politische Entscheidungen hinterfragen und nicht nur hinnehmen. Über die Art und Weise kann man streiten, aber: Hat das Ganze Ihrer Meinung nach auch etwas Positives im Sinne einer gelebten Demokratie?

Meinungsäußerungen und Diskussionen gehören zu einer Demokratie, aber sie dürfen nicht zu persönlichen Angriffen und Diffamierungen führen. Solange öffentliche Kritik zum Wohl unserer Stadt geäußert wird, setze ich mich gern damit auseinander, auch das gehört zu den Aufgaben einer Senatsbaudirektorin. Nicht nur die Planerinnen und Planer sowie die Architektinnen und Architekten haben unterschiedliche Auffassungen und Interessen; auch die Bürgerinnen und Bürger wollen mit Ihren Meinungen und Bedürfnissen wahrgenommen werden und Gehör finden. Deshalb gibt es in Berlin die gesetzlichen Leitlinien für die Beteiligung der Bevölkerung. Ich werde die bereits gut etablierte Beratungs- und Prozesskultur weiterführen, um möglichst viele Interessen einzubinden.

Petra Kahlfeldt ist bereit für den Dialog mit ihren Kritiker*innen

Wie gehen Sie nun weiter? Werden Sie das Gespräch mit Ihren Kritiker*innen suchen?

Einem konstruktiven Dialog habe ich mich nie verschlossen und natürlich werde ich bei meiner Arbeit auch Kritikerinnen und Kritikern gegenüberstehen. Wenn es um konkrete Projekte geht, bin ich gern zur Diskussion bereit, denn dann geht es um die Sache und nicht mehr um Entscheidungen, die getroffen wurden und feststehen.

Was bisher geschah, haben wir Ihnen in einem Übersichtsartikel zusammengefasst. Hier lesen Sie alles zu der Kritik, aber auch zu der Unterstützung der neuen Berliner Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt.

Corona und die Städte

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In ihrem Buch analysiert Ingrid Karl, welchen Einfluss die dichten, stets wachsenden Städte auf die Corona-Pandemie und die erodierende Demokratie haben und wie die fortschreitende Globalisierung das Virus begünstigt. Warum der Untertitel “Suche nach einer neuen Normalität” nicht hält was er verspricht, aber wieso das Buch trotzdem absolut lesenswert ist, erklärt Anne Fischer. Eine Buchrezension.

Potenzial zum Klassiker

Worum es geht: Ingrid Krau analysiert, wie dicht bebaute, wachsende Städte die erodierende Demokratie und die Globalisierung den Pandemieverlauf begünstigen. Dabei richtet sie den Blick auf asiatische Megalopolen als wahrscheinlichen Virus-Ursprungsort, auf Urbanität als Lebensform, die dessen Ausbreitung begünstigt, und die Desorientierung vieler Bürger*innen durch soziale Medien, die dafür sorgt, dass im Lockdown giftige Debatten über die politische Entscheidungsgewalt ausbrechen. Im Zentrum ihrer planerischen Überlegungen stehen Städte, die sich, so die Autorin, trotz Klimakrise und daraus folgender Probleme „ihrer früheren Planungsmaxime ‚Licht, Luft und Sonne‘ in erstaunlichem Maß entledigt haben“ – und somit die perfekte Virenumgebung bieten.

Was die Autorin auszeichnet: Die Architektin und Autorin Ingrid Krau lehrte bis 2007 als Professorin für Städtebau und Stadtentwicklung an der TU München. Bereits zu dieser Zeit beschäftigte sie sich mit den Risiken, die extreme Bebauungen mit sich bringen. Krau schreibt vor allem über Städtewachstum und die Folgen fossiler Energiegewinnung.

Das ist die beste Aussage: „Die Vorstellung, wenn jetzt alle zusammen für eine kurze Zeit in den Shutdown gehen, wäre das Virus gebannt, ist ökonomisches Wunschdenken. Es bleibt wegen der Unordnung des Urbanen in den Nischen übersehener Populationen lebendig und tritt an unerwarteter Stelle wieder ans Tageslicht.“

Das erwartet die Leser*innen: Die Unterzeile „Suche nach einer neuen Normalität“ führt Erwartungen in die Irre – denn Krau seziert lediglich den Status quo. Das Buch bietet weniger Anleitung aus dem Schlamassel als präzise Analyse dazu, welchen Anteil der Städtebau an dessen Entstehung trägt. Erst auf den letzten 30 Seiten fordert sie konkrete Maßnahmen für die Zukunft, etwa Bodenfonds für Wohnzwecke, die Be- grenzung von Nachverdichtung, die Erweiterung von Grün- und Durchlüftungsräumen. Sie plädiert für „politischere“ Planung – ohne allerdings der Illusion zu erliegen, es sei einfach, den Boden der Städte „aus seiner Rolle als Spekulationsobjekt internationaler Transaktionen herauszuführen“.

Mehr Klassiker als Trend, weil … Pandemien und ihre verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft eigentlich genauso wenig neu sind wie planerische Anstrengungen, Antworten auf das Städtewachstum zu finden, die möglichst wenig Luft und Grün opfern – aber, wie Krau es formuliert: „Wachstum und Fortschritt verbinden sich mit Naturvergessenheit.“

Corona und die Städte – das Buch

Haptik: Die Planerin, der Nachhaltigkeit am Herzen liegt, hat sich folgerichtig einen Verlag gesucht, der mit Öko-Anspruch druckt – und auch auf E-Books setzt.

Design: Nicht vom futuristisch-platt geratenen Cover abschrecken lassen.

Lesefluss: Krau kombiniert umfangreiches Wissen mit präziser und geschliffener Sprache, hier und da wiederholt sie sich aber.

Fazit: Krau liefert eher meinungsstarkes Essay als lupenreines Sachbuch und zeigt Zusammenhänge im großen Erzählbogen auf: von historischen Pandemien über Kompaktwohnformen im frühen 20. Jahrhundert, die Nachverdichtung europäischer Metropolen und Lebensbiotope, die sich Menschen und Wildtiere durch zunehmende Urbanisierung teilen müssen, bis hin zur aktuellen Pandemielage, die öffentliche Räume, aber auch das Arbeiten ins Netz verlagert (und so nebenbei den Flächenbedarf verändert) und wohl langfristige Auswirkungen auf städtebauliche Konzepte haben wird. Das macht das Buch zur kurzweiligen Lektüre für Planer*innen.

Corona und die Städte. Suche nach einer neuen Normalität.

Ingrid Krau

120 Seiten
ISBN: 978-3-96238-291-9
Oekom Verlag, 2021

Print 16 Euro, E-Book 12,99 Euro

Mehr zum Thema Planung, Städte und Corona erfahren Sie in hier.