Wie man Schrumpfung plant – Instrumente und Szenarien für Stadt-Rückbau

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Luftaufnahme einer Stadt mit Fluss – Foto von Emmanuel Appiah auf Unsplash.

Stadtplanung war lange vor allem Expansion, Wachstum, Aufbruch. Doch was tun, wenn Städte und Regionen schrumpfen? Rückbau, Flächenumnutzung und maßvolle Schrumpfung sind längst Realität in vielen Kommunen – aber immer noch ein Tabuthema. Wer lernen will, wie man Schrumpfung professionell plant, braucht neue Instrumente, flexible Szenarien und den Mut, alte Denkmuster zu verlassen. Willkommen in der Disziplin des klugen Rückbaus, wo aus weniger manchmal mehr entsteht.

  • Definition und Ursachen von Schrumpfung: demografische, wirtschaftliche und strukturelle Faktoren im deutschsprachigen Raum
  • Instrumente für den Stadt-Rückbau: rechtliche, planerische und finanzielle Werkzeuge mit Beispielen aus der Praxis
  • Strategien und Szenarien für schrumpfende Städte: Perspektiven zwischen Rückzug, Transformation und gezieltem Wachstum
  • Beteiligung und Governance: Wie Kommunen Bürger, Eigentümer und Akteure einbinden und Konflikte meistern
  • Der Landschaftsarchitekt als Schrumpfungsexperte: neue Aufgabenprofile, Chancen und Herausforderungen
  • Innovative Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Schnittstellen zu Klimaanpassung, Nachhaltigkeit und Lebensqualität
  • Kritische Reflexion: Risiken, Grenzen und ethische Fragen des Stadt-Rückbaus

Schrumpfung als Planungsaufgabe – eine neue Realität

Es war einmal, da bedeutete Stadtplanung fast immer eins: Wachstum steuern, Expansion ermöglichen, neue Quartiere auf der grünen Wiese aus dem Boden stampfen. Doch spätestens seit der Jahrtausendwende und der Demografiedebatte in Ostdeutschland ist klar: Es gibt auch die andere Seite der Medaille. Schrumpfung ist kein Randphänomen mehr, sondern vielerorts städtischer Alltag. Besonders im Osten Deutschlands, aber auch in Teilen des Ruhrgebiets, im Saarland, in strukturschwachen Alpenregionen Österreichs oder in ländlichen Gegenden der Schweiz spüren Städte und Gemeinden den Bevölkerungsrückgang, den Arbeitsplatzverlust, die Erosion gewachsener Nachbarschaften.

Was verbirgt sich hinter dem sperrigen Begriff „Schrumpfung“? Gemeint ist nicht nur weniger Einwohner, sondern eine komplexe Gemengelage: sinkende Steuereinnahmen, Leerstand, Überalterung, Verfall von Infrastruktur und Gebäuden, soziale Segregation. In vielen Kommunen trifft Schrumpfung auf eine Infrastruktur, die einst für Wachstum gebaut wurde – Straßen, Schulen, Schwimmbäder, Wohngebiete, die heute zu groß, zu teuer, zu leer sind. Die Aufgaben der Stadtplanung verschieben sich radikal: Statt Flächenausweisung geht es um Rückbau, Umnutzung, Verkleinerung, die Neujustierung von Nutzungsschwerpunkten.

Das Schrumpfen ist dabei kein linearer Prozess. Es gibt Phasen der Stagnation, Momente des plötzlichen Einbruchs, manchmal sogar überraschende Revitalisierung. Die Ursachen sind vielschichtig: Demografischer Wandel, Abwanderung junger Menschen, Deindustrialisierung, veränderte Familienstrukturen, Digitalisierung und neue Arbeitsmodelle. Schrumpfung heißt auch: Unsicherheit, Unvorhersehbarkeit, permanenter Wandel. Für Planer ist das eine enorme Herausforderung – und zugleich eine Chance, das eigene Handwerkszeug zu erweitern.

Wer Schrumpfung gestalten will, braucht mehr als klassische Planungsinstrumente. Die Disziplin verlangt Szenarienarbeit, Flexibilität, den Mut zur Lücke und die Fähigkeit, nicht nur im Bau, sondern auch im Rückbau Qualität zu sichern. Die Aufgabe: Lebensqualität erhalten, auch wenn die Stadt kleiner wird. Leerstand managen, Identität stärken, soziale Infrastruktur neu denken. Kurz: Aus weniger mehr machen, ohne die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Die Planung von Schrumpfung ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck von Resilienz und Anpassungsfähigkeit. Sie verlangt von allen Akteuren – Politik, Verwaltung, Planern, Bürgern – ein neues Narrativ: Weg vom Mythos ewigen Wachstums, hin zu einer Kultur des bewussten Reduzierens. Das ist unbequem, aber auch enorm spannend. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ungeahnte Gestaltungsspielräume.

Instrumente des Rückbaus – von der Entwidmung bis zum Flächenrecycling

Wie plant man Schrumpfung konkret? Zunächst braucht es einen präzisen Instrumentenkasten. Ein zentrales Werkzeug ist der Rückbau, also die bewusste Beseitigung nicht mehr benötigter baulicher Strukturen. Das kann die Entkernung oder der Abriss von Gebäuden sein, die Demontage von Infrastrukturen, die Aufgabe von Straßen oder die Renaturierung versiegelter Flächen. Rückbau ist mehr als Abriss – es ist ein gesteuerter Prozess, eingebettet in städtebauliche, ökologische und soziale Zielsetzungen. Die rechtliche Grundlage bilden Baugesetzbuch, Raumordnung und – in der Schweiz etwa – das Raumplanungsgesetz. Kommunen können Rückbau durch städtebauliche Verträge, Förderprogramme oder gezielte Anreize steuern.

Ein weiteres zentrales Instrument ist das Flächenrecycling. Hier geht es darum, brachgefallene Flächen – ehemalige Industrieareale, leerstehende Wohnsiedlungen, aufgegebene Infrastrukturstandorte – einer neuen Nutzung zuzuführen. Das kann von der Zwischennutzung über den Umbau bis zur vollständigen Umnutzung reichen. Besonders anspruchsvoll ist dabei die Altlastensanierung, die nicht selten hohe Kosten und technische Herausforderungen mit sich bringt. Fördermittel von Bund und Ländern, etwa im Rahmen der Städtebauförderung, sind hier entscheidend.

Auch die Anpassung der Infrastruktur ist ein wesentlicher Baustein. Straßen, Wasserleitungen, Energieversorgung, Schulen und Kitas müssen an die sinkende Nachfrage angepasst werden. Das erfordert nicht nur Rückbau, sondern auch intelligente Umnutzungs- und Sanierungskonzepte. In vielen Fällen entstehen aus alten Schulgebäuden Nachbarschaftszentren, aus aufgegebenen Straßen naturnahe Wege oder urbane Gärten. Die Kunst liegt darin, Bestehendes zu transformieren und neue Qualitäten zu schaffen.

Auf der planerischen Ebene gewinnen Instrumente wie der Rahmenplan Schrumpfung, das integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) oder quartiersbezogene Handlungskonzepte an Bedeutung. Sie dienen dazu, Schrumpfungsprozesse räumlich, zeitlich und thematisch zu steuern. Besonders wichtig: Szenarienarbeit. Niemand kann exakt vorhersagen, wie sich eine Stadt entwickelt, aber durch die Entwicklung von Alternativszenarien lassen sich Handlungsoptionen offenhalten und Anpassungsfähigkeit sichern.

Finanzielle Instrumente wie der Stadtumbau-Fonds in Deutschland, kommunale Haushaltssteuerung oder Kooperationen mit Wohnungsunternehmen und privaten Eigentümern sind unverzichtbar. Denn Schrumpfung kostet Geld – und bringt nur langfristig Entlastung. Wer hier zu kurz springt, riskiert einen Teufelskreis aus weiterem Verfall, Abwanderung und sinkender Attraktivität. Gute Planung bedeutet, den Spagat zwischen kurzfristiger Kosteneinsparung und langfristiger Stadtqualität zu meistern.

Szenarien, Strategien und Best Practice – wie Städte Schrumpfung meistern können

Der Schlüssel zum Umgang mit Schrumpfung liegt in der Entwicklung maßgeschneiderter Szenarien und Strategien. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, sondern ein Spektrum zwischen kontrolliertem Rückzug, gezielter Transformation und punktuellem Wachstum. Die Szenarien reichen vom vollständigen Rückbau ganzer Quartiere über die gezielte Verdichtung von Kernen bis hin zur Schaffung neuer Grün- und Freiräume. Entscheidend ist, die lokalen Potenziale und Bedürfnisse zu erkennen und daraus eine individuelle Strategie abzuleiten.

Ein bewährtes Szenario ist die Konzentration auf sogenannte Ankerpunkte. Das bedeutet, Ressourcen und Investitionen auf zentrale Lagen, vital gebliebene Quartiere oder identitätsstiftende Orte zu bündeln und peripheren Bereichen gezielt die Nutzungen zu entziehen. Die Folge ist eine kompaktere, leichter zu bewirtschaftende Stadtstruktur. In Dessau-Roßlau etwa wurde dieses Prinzip angewandt, indem Wohnungsbaugesellschaften und Stadtverwaltung gemeinsam Rückbau und Neubau so steuerten, dass lebensfähige Nachbarschaften erhalten blieben – trotz massiven Bevölkerungsverlusts.

Transformation statt reiner Rückzug ist ein weiteres erfolgreiches Leitmotiv. Hier werden aufgelassene Flächen bewusst neu programmiert – sei es als Naturraum, urbane Landwirtschaft, temporäre Kunstorte oder experimentelle Wohnformen. In Leipzig-Plagwitz zum Beispiel entstand aus einem Industrieareal ein lebendiges Kultur- und Wohnquartier mit hoher Lebensqualität. In der Schweiz setzt die Stadt Biel auf die gezielte Umnutzung alter Industriebrachen für Bildungs- und Kreativstandorte. Die wichtigste Ressource ist hier Kreativität – und die Bereitschaft, Bestehendes radikal neu zu denken.

Ein drittes Szenario ist die temporäre Nutzung: Leerstände werden für begrenzte Zeit kulturell, sozial oder wirtschaftlich genutzt. Das schafft Belebung, erhält Bausubstanz und ermöglicht flexible Anpassungen. Gerade in schrumpfenden Städten sind solche Pioniernutzungen oft der Auslöser für dauerhafte Transformation. In Oberhausen wurde so ein leerstehendes Kaufhaus zum Innovationslabor für Start-ups und lokale Initiativen.

Best Practice zeigt: Erfolgreiche Schrumpfungsstrategien sind nie rein technokratisch. Sie setzen auf Beteiligung, Kooperation und einen langen Atem. Ohne Dialog mit Eigentümern, Investoren, Bewohnern und Zivilgesellschaft bleibt jeder Plan ein Papiertiger. Die Kunst besteht darin, Visionen zu vermitteln, Ängste ernst zu nehmen und gemeinsam neue Perspektiven zu schaffen. Schrumpfung ist Teamsport – und braucht Führung, Moderation und kluge Kommunikation.

Beteiligung, Governance und die Rolle der Landschaftsarchitektur

Planung von Schrumpfung ist ohne breite Beteiligung nicht denkbar. Leerstand und Rückbau betreffen immer auch Eigentumsrechte, Identität und Nachbarschaftsgefüge. Deshalb sind neue Governance-Modelle gefragt, die alle relevanten Akteure einbinden. Bürgerbeteiligung, Eigentümerdialoge, Kooperationsplattformen und offene Werkstätten sind zentrale Instrumente, um Prozesse transparent und tragfähig zu gestalten. Gerade in schrumpfenden Quartieren ist die Akzeptanz von Veränderungen oft gering – niemand gibt gerne auf, was einmal Heimat war. Hier sind Empathie, Moderation und Konfliktfähigkeit gefragt.

Kommunen stehen vor der Aufgabe, zwischen öffentlichen und privaten Interessen zu vermitteln und die oft widersprüchlichen Erwartungen auszubalancieren. Rechtliche Rahmenbedingungen setzen Grenzen, lassen aber auch Spielräume – etwa durch städtebauliche Verträge, soziale Quartiersentwicklung oder innovative Eigentumsmodelle wie die Immobilien- und Standortgemeinschaften. Die Verwaltung wird so zum Moderator und Katalysator, der Prozesse steuert statt nur abwickelt.

Landschaftsarchitekten und Stadtplaner übernehmen in diesem Kontext eine neue Rolle. Sie werden zu Experten für Rückbau, Umnutzung und Flächenmanagement. Ihre Aufgabe ist es, Freiräume nicht nur zu gestalten, sondern auch mit neuen Funktionen, Identitäten und Ökosystemleistungen aufzuladen. Der Rückbau von Siedlungsflächen birgt enormes Potenzial für Klimaanpassung, Biodiversität und nachhaltige Stadtentwicklung – wenn er kreativ und integriert geplant wird.

Ein Beispiel für gelungene Governance liefert die Stadt Altena in Nordrhein-Westfalen. Hier wurde ein umfassender Beteiligungsprozess gestartet, um leerstehende Immobilien gemeinsam mit Eigentümern und Nachbarn zu revitalisieren. Das Ergebnis: ein Mix aus Rückbau, Neubau, Gemeinschaftsgärten und sozialen Treffpunkten – getragen von einem breiten Bündnis aus Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.

Beteiligung ist dabei kein Wohlfühlthema, sondern harte Arbeit. Sie kostet Zeit, Geld und Nerven – zahlt sich aber durch nachhaltigere Lösungen und höhere Akzeptanz aus. Gerade in schrumpfenden Städten entscheidet sich die Zukunft nicht am Reißbrett, sondern im Dialog. Wer diesen Dialog professionell moderiert, schafft die Grundlage für lebenswerte, resiliente und attraktive Stadträume – auch mit weniger Einwohnern.

Kritische Reflexion und Ausblick – Schrumpfung als Chance für die Zukunft?

Die Planung von Schrumpfung ist alles andere als trivial. Sie ist geprägt von Zielkonflikten, Unsicherheiten und ethischen Dilemmata. Wer entscheidet, was erhalten bleibt und was geht? Wie lassen sich soziale Härten abmildern, wenn ganze Viertel abgerissen werden? Wie verhindert man, dass Schrumpfung zu Stigmatisierung und Verödung führt? Diese Fragen verlangen nach Antworten – und nach einer kritischen Reflexion der eigenen Rolle als Planer, Politiker oder Berater.

Ein zentrales Risiko besteht in der Gefahr der Übersteuerung. Rückbau darf nicht zum Selbstzweck werden. Wer zu radikal agiert, zerstört gewachsene Strukturen und Identitäten. Wer zu zögerlich ist, riskiert Verfall und soziale Spannungen. Die Kunst liegt im Maßhalten, im klugen Abwägen zwischen Rückzug und Erneuerung. Es braucht Monitoring, Evaluation und die Bereitschaft, Strategien immer wieder anzupassen.

Gleichzeitig bietet Schrumpfung die Chance, Städte nachhaltiger, klimaresilienter und lebenswerter zu gestalten. Flächen, die einst versiegelt oder verbaut waren, können entsiegelt, begrünt und ökologisch aufgewertet werden. Infrastruktur kann ressourceneffizient zurückgebaut oder multifunktional genutzt werden. Neue Formen des Wohnens, Arbeitens und Zusammenlebens werden möglich. Die Stadt wird zum Labor für Innovation – wenn alle Akteure den Wandel als Chance begreifen.

Nicht zuletzt eröffnet Schrumpfung auch neue Perspektiven für die Planungskultur. Sie zwingt dazu, den eigenen Werkzeugkasten zu erweitern, interdisziplinär zu arbeiten und ungewöhnliche Allianzen zu schmieden. Sie fordert Kreativität, Mut und einen langen Atem – Eigenschaften, die in der klassischen Wachstumsgesellschaft allzu oft zu kurz kamen. Schrumpfung ist der Lackmustest für die Zukunftsfähigkeit von Stadt und Landschaft.

Der Ausblick ist ermutigend: Wer die Herausforderung annimmt, findet in der Schrumpfung nicht das Ende, sondern einen Neuanfang. Es gilt, das Narrativ zu drehen – weg von der Defizitorientierung, hin zum klugen, kreativen und nachhaltigen Stadtumbau. Die Städte von morgen werden nicht nur wachsen oder stagnieren, sondern auch schrumpfen – und dabei neue Qualitäten entwickeln, die heute noch kaum vorstellbar sind.

Fazit: Schrumpfung intelligent planen – Disziplin der Zukunft

Schrumpfung ist längst kein Randphänomen mehr, sondern eine zentrale Herausforderung der Stadt- und Landschaftsplanung im deutschsprachigen Raum. Wer sie gestaltet, braucht Mut, Kompetenz und neue Instrumente. Rückbau, Flächenrecycling, Szenarienarbeit und Beteiligung sind keine exotischen Spezialthemen, sondern gehören zum Pflichtprogramm jeder zukunftsfähigen Kommune. Die Rolle von Landschaftsarchitekten, Stadtplanern und allen Akteuren verschiebt sich dabei radikal: Vom Wachstumsmanager zum Schrumpfungsexperten, vom Bauherrn zum Moderator, vom Gestalter zum Möglichmacher.

Wer Schrumpfung intelligent plant, sichert nicht nur Lebensqualität und Nachhaltigkeit, sondern schreibt das nächste Kapitel der Stadtgeschichte. Es geht um mehr als Abriss und Verzicht – es geht um die Kunst, aus weniger mehr zu machen. Um Flächen, die wieder atmen dürfen. Um Nachbarschaften, die auch mit weniger Menschen lebendig bleiben. Und um eine Planungskultur, die Wandel als Chance begreift. Schrumpfung ist keine Niederlage, sondern eine Disziplin der Zukunft – und wer sie beherrscht, wird zum Vorbild für resiliente, lebenswerte Städte im 21. Jahrhundert.

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Eine crossmediale Ausstellung im Besucherzentrum der IGA Berlin ergänzt den Gartenschau-Tag mit kurzweiligen Informationen.

“Please think!” Diese sehr deutliche Botschaft des Landschaftsarchitekten Tom Stuart-Smith (Großbritannien) macht sich auch die Ausstellung im Besucherzentrum der IGA zu eigen, in der die Dokumentation über dessen „Landscape out of nothing“ zu sehen ist. Im Video spricht der Gestalter eines der Gartenkabinette der IGA über seine Ansprüche und die Rolle der Besucher.

Eine crossmediale Ausstellungsskulptur ermöglicht es jedem IGA-Besucher, einen individuellen Parcours zu den historischen und kreativen Entstehungsprozessen der Gärten – von der 1987 eröffneten Berliner Gartenschau bis zur IGA 2017 – zu gestalten. Organisiert auf drei Ebenen, ergänzt diese Skulptur für Groß und Klein das, was man beim IGA-Besuch gesehen hat.

Videos, Fotos, Memotafeln und Originalobjekte dokumentieren den gestalterischen Ansatz, die Entwicklung der gesamten Anlage und auch die Kunst auf der IGA. Gelungen ist die Mischung unterschiedlicher Ausstellungsformen wie zum Beispiel das Video zum chinesischen Mondfest (wieder am 23. September 2017 auf der IGA), die japanischen Bauarbeiterschuhe, das Modell zum „Los Angeles Garden“ des deutschen Künstlers Martin Kaltwasser oder die Künstler- und Planerprofile. Erläuterungen zu religiös und kulturell bedingten Symbolen, die in den Gärten zu finden sind, ergänzen alles gekonnt.

Aus dieser Interaktion ist eine Ausstellung entstanden, die es schafft, Landschaftsarchitektur auf einfache, verständliche Weise und zugleich feinsinnig zu vermitteln. Sie wurde sehr kurzweilig sowohl graphisch als auch inhaltlich von der Berliner Agentur Moniteurs in Zusammenarbeit mit der Berliner Landschaftsarchitektin und Filmemacherin Susanne Isabel Yacoub aufbereitet. Diese Form der Präsentation ist nachahmenswert, bedenkt man die langjährigen Anstrengungen, eine breite Öffentlichkeit für die Profession zu erreichen.

Bedauerlich ist, dass diese kleine, sehr gelungene Ausstellung im Besucherzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft zu den kommerziellen Angeboten der IGA ihre Wirkung nicht angemessen entfalten kann, trotz Frontverglasung, die zeitgleich den Ausblick in den Park ermöglicht.

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt sind die Gründerinnen und Leiterinnen der Akademie für Raum und Wandel. © Frédéric Henry, 2024

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt streben einen Wandel in der Planungspraxis an. Um diesen voranzutreiben, haben die beiden Frauen Anfang des Jahres die Akademie für Raum und Wandel gegründet. Mehr zu den Hintergründen und ihren Visionen für die Zukunft, lesen Sie hier. 

„Aktuell stehen wir vor großen globalen Herausforderungen: Themen der Bauwende sowie gesellschaftliche Veränderungen stellen drängende Fragen für unsere Zukunft und fordern ein verändertes Welt- und Selbstverständnis“, sind sich Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt einig. Zintl ist studierte Landschaftsarchitektin und Architektin, promovierte zu ‚Vertikalen Freiräumen‘ und arbeitet heute als Nachhaltigkeitsexpertin für strategische Stadt- und Freiraumentwicklung und als Mentorin. Voigt ist Architektin, Choreografin für zeitgenössischen Tanz und beschäftigte sich in ihrer Promotion mit dem Thema ‚Impulse und Dialoge zwischen Architektur und Körper’. Aus dem Bedürfnis, Wandel in der Planungsbranche aktiv zu gestalten, gründeten sie Anfang 2024 die Akademie für Raum und Wandel, die mit dem Herbstprogramm ab September in ihre erste Saison startet. Dabei kollaborieren sie mit einer Vielzahl an Dozent*innen, die in diesem neuen Kontext des Lernens und der Veränderung ihre Expertise teilen.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Trotz ihres starken akademischen Hintergrunds siedeln Zintl und Voigt ihre Plattform jenseits des klassischen Hochschulkontextes an. Dies resultiert laut Voigt aus der Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen auch in späteren Lebensphasen essenziell, die Angebote zur Weiterbildung jedoch oft begrenzt und stark getrennt zwischen persönlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Entwicklung seien. Im Bewusstsein dieses Defizits machen sich Voigt und Zintl für neue Lehr- und Lernformen, Möglichkeiten der Vernetzung, Austausch auf Augenhöhe und das Eröffnen neuer Themenfelder für die Planungsdisziplinen stark. Die Vision der Akademie für Raum und Wandel ist dabei klar: „Es geht uns um nicht weniger, als um einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Planungspraxis, der Auffassung von Raum und Wandel und dem Gestalten einer wirklich nachhaltigen gebauten Lebenswelt.“

Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner
Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner

Nachhaltigkeit in allen Bereichen

Für Zintl resultiert dieser ganzheitliche Ansatz auch aus ihrer jahrelangen Erfahrung als Mutter und Frau in der Baubranche: „Aus meiner Sicht, kann die notwenige »Bauwende« nicht heißen weniger abzureißen und zu betonieren, es geht auch darum zu erkennen, wie wir als Planer:innen arbeiten und leben. Denn wirkliche Nachhaltigkeit betrachtet alle Bereiche, denn auch die eigene Arbeitskraft sollte nachhaltig eingesetzt werden.“ Es sei zu beobachten, dass viele Menschen – vor allem Frauen und Mütter – wegen der Unvereinbarkeit von Privatleben und Beruf die Planungspraxis verließen. Zu viel Stress, Burnout, schlechte Bezahlung oder veraltete Machtstrukturen in den Büros seien einerseits Gründe, aus dem Beruf auszuscheiden. Doch auch moralische Fragen nach der Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit beschäftigten heute vermehrt Arbeitnehmer*innen.

Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.  © Dr. Isabel Zintl
Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. © Dr. Isabel Zintl

Akademie für Raum und Wandel im digitalen und physischen Raum

In der Aushandlung dieser Herausforderungen und Widersprüche setzt das Angebot der Akademie an. Dabei stehen drei Felder im Mittelpunkt, in denen Zintl und Voigt einen Paradigmenwechsel anstreben: Systeme ganzheitlich statt als Einzellösungen zu betrachten, das Verständnis von Raum und Wandel zu erneuern und das Selbstverständnis von Planer*innen zu hinterfragen. Denn Person und berufliches Wirken sind für Zintl und Voigt eng verzahnt: „Wie kann man menschliche, lebenswerte und nachhaltige Räume planen, wenn diese Absicht und Regel für einen selbst nicht gilt?“

Die Akademie für Raum und Wandel will deshalb vieles anders machen und neu denken. Derzeit passierten der Austausch und die Vermittlung vor allem in Form von Workshops, Seminaren und Ausbildungen als niederschwellige Online-Angebote. Eingeladen sind alle Altersgruppen und Berufssparten der Planungspraxis, entscheidend seien Interesse, nicht eine bestimmte Vorbildung. Auch die Hintergründe der Dozent:innen sind divers. Neben dem digitalen Programm, liegt ein weiterer Fokus auf Summerschools an der Fonte della Luna in der Nähe von Genua.

Die Resonanz auf das Projekt sei schon jetzt groß. Für die Zukunft wünschen sich die Gründerinnen „dass immer mehr Teilnehmer:innen die Einladung annehmen, die Akademie für Raum und Wandel als einen neuartigen Ort  des Lernens und der Veränderung für sich nutzen und nachhaltig Neues schaffen – in der Welt und im eigenen Leben.“

Alle Informationen zur Akademie für Raum und Wandel, zum aktuellen Programm und zur Mitwirkung finden Sie hier.

Weiterlesen: Latz + Partner gestaltete die Freianlagen des Dombergs in Freising neu. Was das Projekt auszeichnet, erklären Iris Dupper und Tilman Latz im Interview.