Stauden Bauerngarten: Merkmale, Geschichte und Beispiele

Eine gestaltete Garten- und Parkanlage zum Thema Stauden Bauerngarten
Naturnahes Steinhaus mit begrüntem Dach eingebettet in üppige Vegetation. Foto: hugo1951 / Unsplash

Der Stauden-Bauerngarten gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten missverstandenen Freiraumtypologien im deutschsprachigen Raum. Was auf den ersten Blick wie eine romantische Kulisse aus Rittersporn, Pfingstrose und Stockrose wirkt, ist bei genauerer Betrachtung ein hochkomplexes Pflanzensystem mit einer langen Entwicklungsgeschichte, einer eigenen ästhetischen Logik und einem bemerkenswert hohen ökologischen Wert. Für die Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung ist der Stauden-Bauerngarten längst mehr als ein nostalgisches Zitat: Er liefert Argumente für robuste, pflegeextensive Staudenpflanzungen im öffentlichen wie privaten Raum und verbindet kulturelles Erbe mit zeitgemäßen Anforderungen an Biodiversität und Klimaanpassung.

  • Was einen Stauden-Bauerngarten definiert und wie er sich von anderen Gartenformen abgrenzt
  • Welche historischen Wurzeln und kulturellen Hintergründe diesen Gartentyp geprägt haben
  • Welche Stauden typisch sind und nach welchen Prinzipien sie kombiniert werden
  • Wie Struktur, Geometrie und Raumbildung im Bauerngarten funktionieren
  • Welche ökologischen Qualitäten Bauerngarten-Stauden auszeichnen
  • Wie der Pflegeaufwand realistisch einzuschätzen ist und welche Fehler häufig gemacht werden
  • Wie das Konzept in die heutige Freiraumplanung übertragen werden kann
  • Welche Beispiele und Referenzprojekte das Potenzial des Typus belegen

Definition und Einordnung: Was ist ein Stauden-Bauerngarten?

Der Begriff Stauden-Bauerngarten bezeichnet eine Gartenform, die sich durch eine enge Verflechtung von Nutz- und Zierpflanzen auszeichnet, bei der mehrjährige krautige Pflanzen, also Stauden im botanischen Sinne, den gestalterischen und ökologischen Kern bilden. Stauden sind ausdauernde Pflanzen, deren oberirdische Teile in der Regel am Ende der Vegetationsperiode absterben, während das Wurzelwerk überwintert und im Frühjahr neu austreibt. Im Bauerngarten stehen diese Pflanzen nicht als Solitäre, sondern in dichten, oft historisch gewachsenen Gemeinschaften, die über Jahrzehnte eingespielt und standortangepasst sind.

Von der formalen Staudenrabatte des englischen Herbaceous Border unterscheidet sich der Stauden-Bauerngarten durch seine Mischung aus Nutzwert und Ornament. Heilkräuter, Gewürzpflanzen, Schnittblumen und Gemüse wachsen neben Zierstauden, ohne dass eine strikte Trennung zwischen diesen Kategorien vorgenommen wird. Von der Wildstaudenpflanzung nach dem Vorbild der Neuen Deutschen Welle unterscheidet er sich durch seinen explizit kulturellen Charakter: Die Pflanzenauswahl ist nicht primär an natürlichen Pflanzengesellschaften orientiert, sondern an tradierten Nutzungspraktiken und ästhetischen Konventionen, die über Generationen weitergegeben wurden.

Fachlich lässt sich der Stauden-Bauerngarten als ein Kulturbiotop beschreiben, das heißt als ein durch menschliche Nutzung entstandener und erhaltener Lebensraum mit hoher Artenvielfalt. Er ist kein Naturraum, aber auch kein rein ästhetisches Konstrukt. Seine Qualität liegt gerade in dieser Zwischenposition: Er ist bewirtschaftet und dennoch reich, geordnet und dennoch lebendig.

Geschichte des Stauden-Bauerngartens: Vom Klostergarten zur Freiraumplanung

Die Wurzeln des Bauerngartens reichen weit in die mittelalterliche Gartenkultur zurück. Klostergärten des frühen Mittelalters, wie sie der Mönch Walahfrid Strabo im 9. Jahrhundert in seinem Lehrgedicht „Hortulus“ beschrieb, zeigen bereits jene charakteristische Verbindung von Heilpflanzen, Küchenkräutern und Zierpflanzen, die den Bauerngarten bis heute kennzeichnet. Der Kapitulare de Villis, ein karolingisches Verwaltungsschreiben, das Pflanzenlisten für königliche Güter enthielt, dokumentiert früh, welche Arten in geregelten Gärten kultiviert wurden: Lilien, Rosen, Salbei, Raute, Liebstöckel und Pfingstrose tauchen dort auf und sind bis heute feste Bestandteile des Stauden-Bauerngartens.

Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit verbreitete sich das Konzept des Nutzgartens von den Klöstern in die bäuerliche und bürgerliche Lebenswelt. Die typische Struktur mit einem zentralen Weg, symmetrisch angeordneten Beeten und einer Einfriedung aus Hecke, Zaun oder Mauer entstand in dieser Zeit und blieb über Jahrhunderte stabil. Stauden wie Pfingstrose (Paeonia officinalis), Akelei (Aquilegia vulgaris), Eisenhut (Aconitum napellus), Rittersporn (Delphinium) und Stockrose (Alcea rosea) wurden nicht nur wegen ihrer Schönheit kultiviert, sondern auch wegen ihrer medizinischen, kulinarischen oder symbolischen Bedeutung. Diese Mehrfachfunktion ist ein strukturelles Merkmal des Typus.

Im 19. Jahrhundert erlebte der Bauerngarten eine erste Romantisierung. Die Gartenliteratur dieser Zeit, beeinflusst von der Lebensreformbewegung und einer nostalgischen Rückbesinnung auf vorindustrielle Lebensweisen, erhob den Bauerngarten zum Ideal eines natürlichen, ehrlichen Gartens im Gegensatz zum formalen Repräsentationsgarten des Adels. Schriftstellerinnen wie Marie Luise Gothein, die erste bedeutende Gartenhistorikerin des deutschen Sprachraums, und später Gertrud Jekyll in England trugen dazu bei, den Bauerngarten als Referenz für eine neue, pflanzenorientierte Gartenästhetik zu etablieren. Diese Rezeptionsgeschichte ist für das Verständnis des Typus wichtig, weil sie erklärt, warum der Stauden-Bauerngarten heute oft mehr als romantisches Bild denn als funktionale Planungsgrundlage wahrgenommen wird.

Im 20. Jahrhundert wurde das Konzept von der Gartenbaubewegung und der Kleingartenbewegung aufgegriffen und demokratisiert. Gleichzeitig begann die Staudenforschung, insbesondere im deutschsprachigen Raum, die Pflanzenauswahl des Bauerngartens systematisch zu erschließen. Karl Foerster, der bedeutende Staudenzüchter und Gartengestalter aus Bornim bei Potsdam, prägte mit seinen Schriften und Züchtungen das Bild des modernen Bauerngartens entscheidend. Er verstand Stauden nicht als Dekoration, sondern als Bausteine eines lebendigen, jahreszeitlich strukturierten Gartensystems.

Typische Stauden und ihre Kombinationsprinzipien

Das Pflanzenspektrum des Stauden-Bauerngartens ist breiter als es das populäre Bild vermuten lässt. Neben den ikonischen Arten wie Pfingstrose, Rittersporn, Stockrose und Phlox umfasst es eine Vielzahl von Pflanzen, die unterschiedliche ökologische Nischen besetzen und gemeinsam eine lange Blütezeit vom frühen Frühling bis in den Herbst gewährleisten. Diese zeitliche Staffelung ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Prinzip: Der Bauerngarten soll zu jeder Jahreszeit etwas bieten, sowohl für das Auge als auch für Bestäuber und andere Nützlinge.

Frühjahrsblüher wie Primeln (Primula), Vergissmeinnicht (Myosotis) und Taubnesseln (Lamium) übernehmen die erste Blütezeit, bevor die Hauptblüte im Frühsommer mit Pfingstrose, Akelei, Katzenminze (Nepeta) und Storchschnabel (Geranium) einsetzt. Der Hochsommer gehört Phlox, Rittersporn, Schafgarbe (Achillea), Sonnenhut (Echinacea und Rudbeckia) und Lavendel (Lavandula). Im Spätsommer und Herbst übernehmen Astern, Fetthenne (Hylotelephium, früher Sedum), Sonnenhut und Herbst-Anemone (Anemone hupehensis). Diese Abfolge ist nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional: Sie sichert eine kontinuierliche Nahrungsgrundlage für Insekten über die gesamte Saison.

Die Kombinationsprinzipien im Stauden-Bauerngarten folgen weniger einer strengen Farbtheorie als einer pragmatischen Logik aus Standortansprüchen, Wuchshöhen und Blütezeiten. Hochwüchsige Arten wie Rittersporn, Stockrose und Sonnenhut bilden den Hintergrund oder die Mitte der Beete, mittlere Arten wie Phlox und Schafgarbe die Hauptmasse, niedrige Arten wie Storchschnabel, Katzenminze und Thymian den Rand. Diese Dreistufigkeit ist ein klassisches Gestaltungsprinzip, das im Bauerngarten intuitiv angewendet wird, ohne dass es formal kodifiziert wäre. Farblich dominieren warme, gesättigte Töne: Rot, Rosa, Blau, Violett und Weiß, während Gelb und Orange eher als Akzente eingesetzt werden.

Wichtig für die planerische Einordnung ist, dass viele der klassischen Bauerngarten-Stauden als sogenannte Kulturflüchter oder Archäophyten einzustufen sind: Pflanzen, die seit langer Zeit in Mitteleuropa kultiviert werden und sich teilweise eingebürgert haben. Ihre Robustheit und Standorttoleranz ist das Ergebnis jahrhundertelanger Selektion unter Kulturbedingungen, nicht einer Anpassung an natürliche Standorte. Das erklärt ihre Zuverlässigkeit in der Praxis, aber auch ihre gelegentliche Neigung zur Ausbreitung.

Struktur, Geometrie und Raumbildung im Bauerngarten

Die räumliche Struktur des Stauden-Bauerngartens ist charakteristisch und von anderen Gartenformen klar unterscheidbar. Das typische Grundmuster ist geometrisch: rechteckige oder quadratische Beete, die durch Wege aus Naturstein, Ziegel oder verdichtetem Kies erschlossen werden, eine klare Einfriedung durch Hecke, Holzzaun oder Mauer und oft ein zentrales Gestaltungselement wie ein Brunnen, ein Hochstamm-Obstbaum oder eine Pergola. Diese Grundstruktur ist nicht Selbstzweck, sondern funktional begründet: Sie ermöglicht die Bewirtschaftung aller Beete von den Wegen aus, ohne Bodenverdichtung durch Betreten, und schafft gleichzeitig eine klare räumliche Ordnung, die auch in der Hochsaison, wenn die Pflanzen üppig wachsen, ablesbar bleibt.

Die Einfriedung hat im Bauerngarten eine besondere Bedeutung. Sie schützt vor Wind, schafft ein günstigeres Mikroklima und bildet den gestalterischen Rahmen, vor dem sich die Pflanzen entfalten. Traditionell werden Hecken aus Buchsbaum (Buxus sempervirens) oder Hainbuche (Carpinus betulus) verwendet, wobei der Buchsbaum durch den Befall mit dem Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) und dem Buchsbaumtriebsterben (Cylindrocladium buxicola) in den vergangenen Jahrzehnten stark unter Druck geraten ist. Als Alternativen haben sich Ilex crenata, Berberis-Arten und niedrige Hainbuchenhecken bewährt, die ähnliche räumliche Qualitäten erzeugen.

Wege und Beeteinfassungen aus historischen Materialien wie Ziegelsteinen, Natursteinplatten oder Holzbohlen sind nicht nur ästhetische Entscheidungen, sondern auch ökologisch relevant: Sie bieten Lebensraum für Mauereidechsen, Wildbienen und andere Kleintiere, die Fugen und Hohlräume als Nistplätze nutzen. Diese Doppelfunktion von Struktur und Habitat ist ein Qualitätsmerkmal des Typus, das in der Freiraumplanung bewusst eingesetzt werden kann.

Ökologische Qualitäten und Biodiversitätspotenzial

Der Stauden-Bauerngarten ist, bei aller kulturellen Prägung, ein ökologisch hochwertiger Lebensraum. Die Artenvielfalt der Pflanzen, die Strukturvielfalt aus Weg, Beet, Einfriedung und Gehölz sowie die lange Blütezeit schaffen Bedingungen, die für eine Vielzahl von Insekten, Vögeln und Kleinsäugern attraktiv sind. Untersuchungen zu Insektengemeinschaften in traditionellen Bauerngärten belegen regelmäßig eine hohe Diversität an Wildbienen, Schwebfliegen, Tagfaltern und Käfern, die in konventionellen Ziergärten mit geringerer Pflanzenvielfalt nicht erreicht wird.

Besonders wertvoll sind Arten, die sowohl Nektar als auch Pollen in großen Mengen anbieten und dabei von vielen verschiedenen Insektengruppen genutzt werden können. Katzenminze, Schafgarbe, Sonnenhut, Storchschnabel und Astern gehören zu den nachweislich insektenfreundlichsten Stauden des Bauerngartens. Ebenso wichtig sind Arten mit offenen Blütenstrukturen, die auch kurzrüsseligen Insekten zugänglich sind, im Gegensatz zu stark gefüllten Züchtungsformen, die zwar dekorativ sind, aber kaum Nahrung bieten. Die Planung eines ökologisch wirksamen Stauden-Bauerngartens erfordert deshalb eine bewusste Auswahl: Einfach blühende Arten und Wildformen sind gefüllten Kultivaren vorzuziehen, wo immer es die gestalterischen Ziele erlauben.

Der Bauerngarten ist auch ein Ort der Samenpflanzen-Diversität im kulturellen Sinne. Viele der traditionellen Arten und Sorten, die in Bauerngärten weitergegeben wurden, sind nicht im Handel erhältlich und existieren nur noch in privaten Sammlungen und Gärten. Organisationen wie der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) oder regionale Saatgutbörsen dokumentieren und erhalten diese genetische Vielfalt. Für die Freiraumplanung ergibt sich daraus ein Argument für die Einbeziehung historischer Sorten bei der Bepflanzung von Bauerngärten in denkmalgeschützten Anlagen oder bei der Anlage von Schaugärten mit kulturhistorischem Anspruch.

Pflege, Fehler und Missverständnisse in der Praxis

Ein verbreitetes Missverständnis ist die Annahme, der Stauden-Bauerngarten sei pflegeleicht, weil er „natürlich“ wirkt. Tatsächlich erfordert er eine regelmäßige, fachkundige Pflege, die sich jedoch von der Pflege eines formalen Gartens grundlegend unterscheidet. Der Schwerpunkt liegt nicht auf häufigem Schnitt und Formgebung, sondern auf dem Beobachten und Eingreifen zum richtigen Zeitpunkt: Rückschnitt nach der Blüte, um Selbstaussaat zu kontrollieren und die Pflanze zur Nachblüte anzuregen; Teilung von Stauden alle drei bis fünf Jahre, um Verjüngung zu gewährleisten und Konkurrenz zu regulieren; selektives Jäten, das zwischen erwünschter Selbstaussaat und unerwünschtem Unkraut unterscheidet.

Ein häufiger Fehler in der Planung ist die Unterschätzung der Ausbreitungsdynamik bestimmter Arten. Stauden wie Goldnessel (Lamium galeobdolon), Giersch (Aegopodium podagraria) oder Wucherblume (Leucanthemum vulgare) können in einem dichten Staudenbeet innerhalb weniger Jahre dominieren und weniger konkurrenzkräftige Arten verdrängen. Die Kenntnis der Ausbreitungsstrategien einzelner Arten ist deshalb eine Grundvoraussetzung für die Planung eines stabilen Bauerngartens. Rhizom-bildende Arten müssen von Beginn an räumlich begrenzt oder durch regelmäßige Teilung kontrolliert werden.

Ein weiterer Planungsfehler ist die Vernachlässigung der Standortanalyse. Der Stauden-Bauerngarten ist kein universelles Konzept, das auf jeden Standort übertragbar ist. Schwere, staunasse Böden vertragen viele der klassischen Bauerngarten-Stauden schlecht; trockene, sandige Standorte erfordern eine andere Artenauswahl als frische, nährstoffreiche Lehmböden. Die Anpassung der Pflanzenauswahl an den tatsächlichen Standort ist keine Einschränkung des Konzepts, sondern seine konsequente Anwendung: Auch der historische Bauerngarten war immer ein Garten, der mit dem Standort arbeitete, nicht gegen ihn.

Der Stauden-Bauerngarten in der zeitgenössischen Freiraumplanung

In der zeitgenössischen Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung erlebt das Konzept des Stauden-Bauerngartens eine differenzierte Renaissance. Es geht dabei nicht um eine nostalgische Rekonstruktion historischer Vorbilder, sondern um die Übertragung der strukturellen und ökologischen Qualitäten des Typus auf neue Kontexte: Wohnumfeldgestaltung, Schulhöfe, Klinikgärten, öffentliche Plätze und Freiflächen in Neubauquartieren. Die Argumente sind überzeugend: hohe Pflanzenvielfalt, lange Blütezeit, kulturelle Erkennbarkeit, relative Robustheit nach der Etablierungsphase und ein hoher Identifikationswert für Nutzer.

Referenzprojekte, die diesen Ansatz überzeugend umsetzen, finden sich in der Arbeit verschiedener Büros und Institutionen, die sich auf naturnahe und kulturhistorisch informierte Staudenpflanzungen spezialisiert haben. Der Westpark in München, verschiedene Staudenpflanzungen im Rahmen von Bundesgartenschauen sowie Schaugärten an botanischen Einrichtungen zeigen, wie Bauerngarten-Stauden in größerem Maßstab und mit reduziertem Pflegeaufwand eingesetzt werden können. Entscheidend ist dabei die Planung auf der Grundlage von Pflanzengesellschaften statt Einzelpflanzen: Wenn Arten in Gruppen gepflanzt werden, die sich in ihren Standortansprüchen und Konkurrenzeigenschaften ergänzen, stabilisiert sich die Pflanzung schneller und erfordert weniger Eingriffe.

Die Verbindung des Stauden-Bauerngartens mit Konzepten der essbaren Stadt und der produktiven Landschaft ist ein weiterer Entwicklungsstrang, der in der Freiraumplanung an Bedeutung gewinnt. Wenn Heilkräuter, Schnittblumen und essbare Stauden in öffentlich zugänglichen Pflanzungen integriert werden, entsteht ein Mehrwert, der über die rein ästhetische oder ökologische Funktion hinausgeht: Bildung, soziale Interaktion und die Vermittlung von Pflanzenwissen werden Teil des Freiraumangebots. Das ist keine neue Idee, sondern die konsequente Fortschreibung dessen, was der Bauerngarten seit dem Mittelalter geleistet hat.

Kulturelles Erbe und planerische Zukunft

Der Stauden-Bauerngarten ist kein museales Relikt, sondern ein lebendiges Planungskonzept mit nachgewiesenen Qualitäten. Seine Geschichte zeigt, dass er immer dann besonders relevant war, wenn Gesellschaften nach Verbindungen zwischen Nutzwert und Schönheit, zwischen Tradition und Gegenwart gesucht haben. Diese Suche ist heute nicht weniger aktuell als im 19. Jahrhundert oder im Mittelalter.

Für die Landschaftsarchitektur liegt der Wert des Typus in seiner Kombinationsfähigkeit: Er lässt sich mit zeitgenössischen Pflanzungskonzepten verbinden, ohne seine Identität zu verlieren. Wer Bauerngarten-Stauden in eine Pflanzung nach dem Prinzip der dynamischen Staudenverwendung integriert, gewinnt kulturelle Tiefe ohne Einbuße an ökologischer Funktion. Wer den geometrischen Rahmen des Bauerngartens mit modernen Materialien und Wegeführungen interpretiert, schafft Räume, die historisch informiert und gleichzeitig zeitgemäß sind.

Die größte Gefahr für den Stauden-Bauerngarten als Planungskonzept ist nicht die Konkurrenz anderer Gartenformen, sondern die Reduktion auf ein Bild. Wenn der Bauerngarten nur als Kulisse wahrgenommen wird, verliert er seine funktionale Tiefe und wird zu einer Dekoration, die weder ökologisch noch kulturell das einlöst, was sie verspricht. Wer den Typus ernst nimmt, muss ihn in seiner ganzen Komplexität verstehen: als Pflanzensystem, als Kulturraum, als Ökotop und als planerisches Instrument. Dann ist der Stauden-Bauerngarten eines der reichhaltigsten Konzepte, die die europäische Gartengeschichte hervorgebracht hat.

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Die Preisträger des Peter-Joseph-Lenné-Preises 2024: Visionäre Köpfe hinter wegweisenden Landschaftsarchitekturprojekten, die neue Maßstäbe für nachhaltige und zukunftsorientierte Lebensräume setzen. Foto: SenMVKU/Julia Merkel
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Die Gestaltung unserer Umwelt wird immer wichtiger, da der Klimawandel und die Urbanisierung große Herausforderungen mit sich bringen. Der Peter-Joseph-Lenné-Preis 2024 setzt ein klares Zeichen für die Bedeutung der Landschaftsarchitektur. Diese Disziplin verbindet gestalterische Kreativität mit ökologischer Verantwortung und schafft lebenswerte Räume, die Menschen und Natur gleichermaßen zugutekommen.

Jedes Jahr würdigt der Peter-Joseph-Lenné-Preis visionäre Projekte, die die Gestaltung von Freiräumen auf ein neues Niveau heben. Dabei stehen nicht nur ästhetische Aspekte im Fokus, sondern auch die nachhaltige Entwicklung und die Verbesserung der Lebensqualität.

Die Aufgaben des Wettbewerbs spiegeln die Vielseitigkeit der Landschaftsarchitektur wider. 2024 wurden drei Themen bearbeitet: urbane Verkehrsräume, postindustrielle Landschaften und die Küstengestaltung in Barcelona. Alle Siegerprojekte zeigten, wie innovative Konzepte gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen lösen können.

Urbane Verkehrsräume: Die Leipziger Straße wird neu gedacht

Ein lebendiger Ort der Begegnung

Die Leipziger Straße, eine zentrale Verkehrsader in Berlin, galt lange als Beispiel für trennende Verkehrsräume. Mit der Aufgabe A sollten die Teilnehmenden Lösungen finden, um den Raum in einen lebendigen Ort der Begegnung zu verwandeln.

Das Siegerprojekt „Paketband“

Bastian ten Haaf und Leonie Butterweck aus Kassel setzten sich mit ihrem Entwurf „Paketband“ an die Spitze. Ihre Idee nutzt eine klare Struktur, um den Straßenraum in verschiedene Zonen mit unterschiedlichen Atmosphären zu unterteilen. Dadurch wird die Straße nicht nur funktionaler, sondern auch einladender für Fußgänger und Anwohner.

Anerkennung für nachhaltige Ansätze

Auch die Arbeit von Charleen und Oscar Frederik Jersch aus Oldenburg erhielt Anerkennung. Ihr Entwurf legte ebenfalls einen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und eine bessere Aufenthaltsqualität, was die Jury besonders schätzte.

Aufgabe A Sieger: Bastian ten Haaf und Leonie Butterweck Bild: Julia Merkel
Aufgabe A Sieger: Bastian ten Haaf und Leonie Butterweck Bild: Julia Merkel
Aufgabe A - Anerkennung: Charleen Schuhmacher und Oscar Frederik Jersch. Bild: Julia Merkel
Aufgabe A – Anerkennung: Charleen Schuhmacher und Oscar Frederik Jersch. Bild: Julia Merkel

Die Lausitz: Ein Modell für postindustrielle Landschaften

Eine Region im Wandel

Die Lausitz, jahrzehntelang geprägt durch den Braunkohletagebau, steht vor einem Wandel. Mit dem Kohleausstieg bis 2038 eröffnet sich die Chance, diese Region neu zu definieren. Die Aufgabe B forderte die Teilnehmenden dazu auf, Konzepte für eine nachhaltige Transformation zu entwickeln.

Das visionäre Konzept von Till Pulst

Till Pulst aus Weimar beeindruckte die Jury mit seinem Entwurf „Welzow Süd – Die produktive Landschaft“. Sein Konzept kombiniert Energieinfrastruktur und natürliche Elemente, um eine dynamische, zukunftsorientierte Landschaft zu schaffen. Besonders hervorzuheben ist die Gestaltung der Übergangszone zwischen der Stadt Welzow und der neuen Landschaft, die sowohl Naherholungsräume als auch Platz für Wohn- und Gewerbeflächen bietet.

Pulst zeigt eindrucksvoll, wie die Geschichte der Region mit einer visionären Zukunft verknüpft werden kann. Seine Arbeit lädt die Bewohner ein, den Wandel aktiv mitzugestalten.

Aufgabe B - Sieger: Till Pulst. Bild: Julia Merkel
Aufgabe B – Sieger: Till Pulst. Bild: Julia Merkel

Küstengestaltung in Barcelona: Eine grüne Verbindung schaffen

Die Herausforderung an der katalanischen Küste

Barcelona stellte die internationale Aufgabe C, bei der eine Lücke in der Uferpromenade geschlossen werden sollte. Die Herausforderung bestand darin, einen Park zu gestalten, der Stadt und Meer auf nachhaltige Weise miteinander verbindet.

Plattform Reviva: Ein preisgekröntes Konzept

Moritz Wette (Berlin) und Felix Ridder (Mühltal) gewannen mit ihrem Entwurf „Plataforma Reviva“ nicht nur den Peter-Joseph-Lenné-Preis, sondern auch die Karl-Foerster-Anerkennung für herausragende Pflanzenverwendung. Ihr Konzept überzeugt mit innovativen Ideen wie der Wiederverwendung vorhandener Bauteile, der Nutzung von Klärwasser und der Schaffung von grünblauen Lebensräumen.

Weitere Anerkennung für Annemarie Henßler

Zusätzlich ordnet der Entwurf die Verkehrsströme effektiv und schafft durch eine präzise Gestaltung der Küstengeometrie ein harmonisches Gesamtbild. Auch Annemarie Henßler aus Dresden erhielt in dieser Kategorie eine Anerkennung für ihren durchdachten und nachhaltigen Entwurf.

Aufgabe C- Sieger: Felix Ridder und Moritz Wette. Bild: Julia Merkel
Aufgabe C- Sieger: Felix Ridder und Moritz Wette. Bild: Julia Merkel
Aufgabe C - Anerkennung: Annemarie Henzler. Bild: Julia Merkel
Aufgabe C – Anerkennung: Annemarie Henzler. Bild: Julia Merkel

Pflanzen als Schlüssel zur nachhaltigen Gestaltung

Die Bedeutung der Pflanzenverwendung

Die Karl-Foerster-Anerkennung, die außergewöhnliche Leistungen im Bereich Pflanzenverwendung auszeichnet, ging an Antonia Blumrich (Rüdesheim am Rhein) und Annika Jeschek (Mainz). Beide betonten in ihren Arbeiten die Bedeutung von Pflanzen als integralen Bestandteil nachhaltiger Landschaftsarchitektur.

Mehr als Dekoration

Pflanzen schaffen nicht nur Lebensräume für Tiere, sondern verbessern auch das Mikroklima und tragen zur Aufenthaltsqualität bei. Damit spielen sie eine entscheidende Rolle in der Gestaltung von Freiräumen, die sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugen.

Eine Jury mit internationaler Expertise

Ein Team aus renommierten Fachleuten

Die Preisträger des Peter-Joseph-Lenné-Preises wurden von einer erfahrenen Jury unter Vorsitz von Martin Schmitz(Atelier Loidl, Berlin) ausgewählt. Zu den weiteren Mitgliedern zählten Bernadette Brandl (TU München), Ina Bimberg (Bimberg Landschaftsarchitekten, Iserlohn) und Karoline Liedtke-Sørensen (Cobe, Kopenhagen). Vertreter der Städte Berlin, Welzow und Barcelona ergänzten die Jury mit ihrer lokalen Perspektive.

Der Peter-Joseph-Lenné-Preis als Impulsgeber

Inspiration für die Zukunft

Der Peter-Joseph-Lenné-Preis 2024 zeigt, wie vielfältig und zukunftsorientiert Landschaftsarchitektur sein kann. Die Preisträger bieten Antworten auf zentrale Fragen unserer Zeit: Wie können wir Städte lebenswerter gestalten, postindustrielle Landschaften wiederbeleben und nachhaltige Küstenräume schaffen?

Plattform für junge Talente

Die Projekte der Gewinner unterstreichen, wie kreative Ideen, interdisziplinäre Ansätze und mutige Visionen eine bessere Zukunft formen können. Der Wettbewerb bleibt eine unverzichtbare Plattform für junge Talente, die mit ihren Arbeiten die Welt nachhaltig verändern möchten.

 

 

 

Lesen Sie hier mehr zum PETER-JOSEPH-LENNÉ-PREIS 2022.

 

Bezahlbar Wohnen in Deutschland

Advertorial Artikel Parallax Article

Mit fast zehn Sozialwohnungen pro 1 000 Einwohner*innen steht Hamburg im bundesweiten Vergleich von 26 Städten laut einer Studie von Bulwiengesa ganz vorn da. Doch Sozialwohnungen werden in Deutschland trotzdem in erstaunlicher Geschwindigkeit knapper und immer weniger Menschen können sich Wohnraum in Ballungsgebieten leisten. So hat sich sozialer Wohnungsbau in Deutschland verändert.

Sozialer Wohnungsbau: frühes Vorbild Deutschland

 

2002 lag die Zahl der Sozialwohnungen in Deutschland ungefähr bei 2,6 Millionen. 2018 waren es nur noch etwa 1,2 Millionen, also weniger als die Hälfte. Das hat der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen in einer Auswertung 2019 festgestellt.

Mit anderen Worten: Zwischen 2002 und 2018 verloren jeden Tag durchschnittlich rund 230 Wohnungen ihren Status als Sozialwohnung. Netto, trotz Neubauten. Ihre Vermieter*innen unterliegen dann nicht mehr der Bindung an staatlich vorgeschriebene Mietpreise und lassen sich mit Mieterhöhungen – verständlicherweise – nicht lange bitten. Unterm Strich geht es mit Deutschlands Sozialwohnungen also abwärts. Nicht gerade rühmlich, wenn man bedenkt, das Deutschland früher als internationaler Spitzenreiter sozialen Wohnungsbaus galt.

Vor etwa 100 Jahren befand sich Deutschland in der Zeit der Novemberrevolution. Der erste Weltkrieg neigte sich dem Ende, die Deutschen stürzten ihre Monarchie und riefen die Republik aus. Auf ihre schlechte Wohnsituation versuchten sie schon in der Kaiserzeit, mitunter in Krawallen auswachsend, aufmerksam zu machen. Doch erstmals in der Zeit der Weimarer Republik fanden die Stimmen der Arbeiterbewegung das Gehör und die Bereitschaft vor, jenen mit kleinen Einkommen bezahlbaren und lebenswürdigen Wohnraum zu schaffen.

Die Berliner Hufeisensiedlung ging als vielleicht bekanntestes Beispiel aus dieser Epoche hervor. Sie ist heute UNESCO-Welterbe und architektonische Ikone. Allein im damaligen Groß-Berlin entstanden in den 20er-Jahren insgesamt 17 solcher verdichteter Sozialwohnsiedlungen, die optisch nicht alle so herausragen mögen wie die Hufeisensiedlung, aber ein gemeinsames Ziel verfolgten: leistbaren Wohnraum guter Qualität zu schaffen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs sorgten in Schutt liegende Städte und die zurückkehrenden Heimatvertriebenen für eine grassierende Wohnungsnot, auf den in sowohl in Ost als auch in West mit dem Bau staatlich finanzierter Wohnungen begegnet wurde. Der Trend zum öffentlichen Wohnungsbau fand schließlich ab den 80er-Jahren seine Wende, als der Staat sich aus dessen Finanzierung zurückzog und immer mehr Kommunen aus Geldmangel damit begannen, ihre geförderten Wohnflächen zu privatisieren.

Sozialer Wohnungsbau seit den 80ern privatisiert

Die neuen Eigentümer*innen wurden in Verträgen von üblicherweise 30 Jahren Dauer dazu verpflichtet, die Wohnungen als Sozialwohnungen für berechtigte Interessent*innen bereitzustellen und dafür vom Staat finanziell entschädigt. Nach diesen 30 Jahren entfällt dann die sogenannte Sozialbindung und die Eigentümer*innen dürfen die Wohnungen wieder am freien Markt anbieten. Die Renditen, die dort mittlerweile zu erzielen sind, lässt sich kaum jemand entgehen, der Wohnraum anzubieten hat. Wer sich heute eine Wohnung in Ballungsgebieten leisten will, muss häufig entweder weit über dem Durchschnitt verdienen, sich mit sehr wenig Platz zufriedengeben oder aber einen ungesunden Anteil des Haushaltseinkommens für die Wohnkosten einplanen.

Dennoch, das zeigt wie groß die Wohnungsnot anscheinend wieder geworden ist, finden sich heute in deutschen Großstädten schon mal 50 Bewerber*innen zur Massenbesichtigung des sanierungsbedürftigen Wohnklos ein und eine*r von ihnen darf sich anschließend der Ehren einer gepickten Rosine erfreuen.

Der jahrelang vernachlässigte soziale Wohnungsbau wird sich nicht schnell beheben lassen. Das liegt schon an der Gestaltung von Baugenehmigungsverfahren, die regelmäßig ein Vielfaches der reinen Bauzeit eines Objekts in Anspruch nehmen. Was heute angestoßen wird, kann, auch aufgrund des Mangels an Personal, das Bauverfahren in den Kommunen zu bearbeiten in der Lage ist, erst in Jahren zum ersten Spatenstich gelangen. Dazu kommt, dass erst einmal Baugrund vorhanden sein muss, und der wurde an vielen Orten während der Privatisierung verkauft.

Dass Hamburg jetzt statistisch gut dasteht im Bereich sozialer Wohnungsbau ist eine schöne Nachricht, aber die Tatsache, dass sich insgesamt viel zu wenig beim Thema tut, transportiert sie nicht. Immer noch, selbst einschließlich der geplanten Neubauten in den Bundesländern, werden Sozialwohnungen in den nächsten Jahren effektiv weniger werden und solange es sich für Investor*innen nicht lohnt, sie zu bauen, wird sich daran von selbst auch nichts ändern.

Mehr Initiative gefordert

Deutschland ist spät dran ist mit der Thematik, da hilft auch Meckern nichts mehr. Staat und Länder müssen jetzt aber weitaus unternehmen, als bisher. Das Hannoveraner pestel-Institut kam in einer Kurzstudie 2019 zum Fazit, dass der Bestand an Sozialwohnungen als „Minimalziel“ zur Entspannung deutscher Wohnungsmärkte bis 2030 wieder auf zwei Millionen angehoben werden sollte. Um das zu erreichen, schätzt das Institut einen Finanzbedarf von jährlich über sechs Milliarden Euro über mehr als zehn Jahre.

Das sind weit mehr, als die 2,4 Milliarden, die laut der Studie 2018 für den sozialen Wohnungsbau in den Haushalten des Bundes und der Länder bereitgestellt wurden. Auch die Finanzhilfen des Bundes für den sozialen Wohnungsbau, die 2020 mit einem Volumen von einer Milliarde Euro bis 2024 beschlossen wurden, sehen da eher aus wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Vorschläge zur Bekämpfung der Wohnungskrise gibt es. Bundeseigene Liegenschaften wie Parkplätze an Bahnhöfen beispielsweise könnten den Baugrund für neuen Wohnraum darstellen. Auf Stelzen gebaut, wie nach einer Idee eines Bad Aiblinger Architekten, würden sie mit den parkenden Autos nicht einmal um den begehrten Platz konkurrieren. Um schneller auf den Bedarf reagieren zu können, wäre es aber auch nötig, das Baurecht zu verschlanken, und sozialen Wohnungsbauer*innen nicht noch zusätzliche Verwaltungsarbeit aufzubürden.

Über sozialen Wohnungsbau und über den Flächendruck in Berlin ganz allgemein sprachen wir mit Berlins Bausenator Sebastian Scheel im Interview.

Und alles zum Mietendeckel Berlin lesen Sie hier.