Buchrezension: Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin

Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin’ von Stefan Leppert – eine inspirierende Reise durch das Schaffen des renommierten Landschaftsarchitekten. Bildnachweis: Coverfoto: Gerhard Pritzlaff.
Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin’ von Stefan Leppert – eine inspirierende Reise durch das Schaffen des renommierten Landschaftsarchitekten. Bildnachweis: Coverfoto: Gerhard Pritzlaff.

„Dieses Buch zeichnet den Werdegang des Deutsch-Algeriers Kamel Louafi nach, den es mit 27 Jahren nach Deutschland verschlug, wo er blieb, studierte und Landschaftsarchitekt wurde,“ wirbt der Klappentext von Stefan Lepperts Buch „Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin“. Eine bescheidene Beschreibung für einen renommierten Landschaftsarchitekten wie Kamel Louafi. Der Durchbruch gelang ihm mit der Gestaltung der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover. Rund 23 Jahre später erhielt er für sein Schaffen das Bundesverdientskreuz. Leppert begleitet in seinem Buch den beruflichen und persönlichen Werdegang Louafis und skizziert die besonderen Merkmale seiner gestalterischen Philosophie.

Über Jahrzehnte hinweg begleitet

Stefan Leppert selbst ist ausgebildeter Baumschulgärtner und studierte Landespflege an der Fachhochschule, bevor er 1995 als Redakteur bei der Garten+Landschaft anfing. Fünf Jahre später gründete er ein eigenes Redaktionsbüro und arbeitet seitdem als Autor, Fotograf und Journalist. Unter anderem übersetzte er mehrere Gartenbücher und veröffentlichte eigene Werke – darunter das mit dem Deutschen Gartenbuchpreis ausgezeichnete Werk „Gärten und Wüste“. Den Landschaftsarchitekten Kamel Louafi lernte er noch in seiner Zeit bei der Garten+Landschaft kennen, als er diesen 1997 für die Reihe Landschaftsarchitektur im Profil portraitierte.

Seitdem sind einige Jahre vergangen und es ist viel passiert. Kamel Louafi zählt zu den großen Namen in der Landschaftsarchitektur und Leppert begleitete ihn über die Jahrzehnte. 2020 zog sich der Landschaftsarchitekt aus dem aktiven Büroalltag zurück und 2024 veröffentlichte Leppert schließlich das Buch über Kamel Louafi. Auf die Frage, warum er Louafi portraitierte, schreibt der Autor selbst im Vorwort: „Es hat nämlich mit, über seine Kunst der Garten- und Landschaftsgestaltung hinaus, auch mit dieser Art sich zu geben zu tun, mit diesem Bewusstsein für das Miteinander, mit einer Haltung in der Profession und in der Gesellschaft“.

Louafis Haltung berets in ersten Projekten erkannt

Dieser Haltung spürt Leppert über rund 175 Seiten nach. Dabei beleuchtet er zunächst in Auszügen den Werdegang Louafis. So beschreibt er unter anderem dessen Jugend in Algerien und wie ihn seine Familie bis heute prägt. Er geht auf Kamel Louafis Arbeit als Kartograph ein und wie ihn diese durch ein Forstprojekt in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit im Jahr 1979 erstmals nach Deutschland führte. Es folgte schließlich ein Studium der Landschaftsplanung an der TU Berlin. Nach seinem Diplom begann er im Büro MKW Müller Knippschild Wehberg – heute Lützow 7, ohne Elmar Knippschild – und betreute als Projektleiter große und komplexe Projekte wie die Gärten am Jüdischen Museum Berlin oder die Freianlagen der Heinz Galinski-Schule in Charlottenburg. Leppert sieht in diesen ersten Projekten bereits Louafis Haltung, seine Arbeit in den Dienst der Überwindung religiöser Differenzen zu stellen: „Es ging Louafi immer auch darum, diese kulturelle Motivation ins Zentrum seiner Arbeit zu rücken, Brücken zu schlagen, Grenzen zu überwinden.“

Expo 2000 Hannover – ein gigantisches Planungsprojekt

1994 verließ Louafi schließlich das Büro und nach einer kurzen Partnerschaft mit Jörg Saupe entschied er sich dann, sich nur mehr auf rein landschaftsarchitektonische Wettbewerbe zu konzentrieren. Diese Strategie zahlte sich aus: 1996 gewann er den Wettbewerb zur Gestaltung der Expo 2000 in Hannover – ein gigantisches Planungsprojekt, das ihn international bekannt machte. Leppert umreißt in seinem Buch die Gestaltung der Teilbereiche, darunter die Gärten im Wandel, den EXPO-Park Süd und den Park Agricole nur in Kürze. Neben den planerischen Konzepten beschreibt er die Herausforderungen, die Louafi während der Expo-Planung bewältigen musste. Neben den hohen Erwartungen an einen damals noch wenig bekannten Architekten gab es auch unvorhersehbare Hindernisse, wie die fehlerhafte Düngung von 2 000 Bäumen, die aufwändig freigespült werden mussten. Am Ende ging dann doch alles gut und Louafi hatte sich einen Namen gemacht.

Was Louafis Stil ausmacht

Obwohl Aufträge lockten, verkleinerte Louafi sein Büro nach der EXPO2000 wieder, er entwarf weiterhin selbst. Und er beschränkte sich weiterhin auf reine Landschaftsarchitekturprojekte. Leppert zitiert ihn mit den Worten, wenn man seinen Stil gefunden habe, verlöre man komplett das Verständnis für die teils seltsamen Vorstellungen und Wünsche der Hochbauarchitekten. Im weiteren Verlauf des Buches führt der Autor anhand anderer Projekt aus, was Louafis Stil ausmacht. Der Landschaftsarchitekt Louafi sagt: „Es war immer wichtig für mich, aus einem abstrakten oder literarischen oder philosophischen Satz, einer Formulierung die wesentlichen Elemente meiner Entwürfe abzuleiten.“

Unterwegs in Berlin mit Kamel Louafi

Leppert illustriert diese Herangehensweise anhand mehrerer Projekte, darunter der Orientalisch-Islamische Garten in Berlin-Marzahn, Entwürfe für die Buchten von Algier und Doha sowie verschiedene Ausstellungskonzepte. Ein besonderes Highlight des Buches ist eine Tour durch Berlin, bei der Louafi persönliche Orte vorstellt. Zudem findet sich ein Kapitel mit einem Frage-Antwort-Dialog zwischen dem Autor und dem Landschaftsarchitekten, das zusätzliche Einblicke in dessen Denkweise aber auch Alltägliches gewährt.

Im hinteren Drittel des Buches findet sich ein besonderes Schmankerl. So begleitet Leppert Louafi auf einer Tour durch Berlin, bei der dieser persönliche Orte zeigt. Weiterhin ist ein Kapitel als kurzes Frage-Antwort-Spiel zwischen Autor und dem Landschaftsarchitekten aufgebaut.

Spannender Überblick, teils Vertiefungen wünschenswert

An anderer Stelle schlägt das Buch jedoch auch ernstere Töne an. In drei Kapiteln mit dem Titel Fremdsein greift Leppert die Schwierigkeiten auf, denen sich Louafi als algerischer Architekt in Deutschland gegenübersah. Dazu zählen nicht nur diskriminierende Erfahrungen im Universitätskontext, sondern auch die vielfache Nichtbeachtung seiner bedeutenden Projekte und Person so wie Spannungen mit der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Tatsächlich kamen viele Ehrungen erst nach Ende seines aktiven Planerlebens. 2023 erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz.

Leppert schreibt über all diese Begebenheiten in locker leichter Sprache, wie über einen alten Freund. Vereinzelte Fotografien und Plandarstellungen ergänzen das Geschriebene. Am Ende findet sich eine Werkschau über realisierte und nicht realisierte Projekte. Insgesamt gibt das Buch einen spannenden Überblick – es werden jedoch auch Themen angerissen, deren weitere Vertiefung wünschenswert wäre.

Ein kleiner Kritikpunkt ist die teilweise Kürze der Kapitel. Louafis Lebenswerk hätte sicher genug Material für eine tiefere und ausführlichere Betrachtung geboten. Dennoch bietet das Buch einen spannenden Einblick in sein Schaffen und macht neugierig auf eine weitergehende Auseinandersetzung mit seiner Arbeit. Leppert gelingt es, die Essenz von Louafis Haltung und architektonischer Philosophie eindrucksvoll darzustellen.

Fazit

 „Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin“ ist eine gelungene Biografie, die nicht nur die Karriere eines bemerkenswerten Landschaftsarchitekten nachzeichnet, sondern auch dessen gesellschaftliche und kulturelle Haltung einfängt. Mit einer gelungenen Mischung aus Fachwissen, persönlichen Anekdoten und fotografischen Einblicken bietet das Buch sowohl für Fachleute als auch für allgemein Interessierte eine bereichernde Lektüre.

 „Kamel Louafi – Gärten zwischen Algier und Berlin“ erschien bei Leuenhagen & Paris. Das Buch ist auf Deutsch oder auf Arabisch erhältlich.

Weiterlesen: Mit „Gärtner der Nation“ erschien 2024 die erste kritische Biografie zu Karl Foerster, Deutschlands wohl bekanntestem Gärtner. Eine Rezension des Buchs von Lars Hopstock lesen Sie hier.

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Digitale Leerstandserkennung für Transformationsstrategien

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Hochwinkelaufnahme einer urbanen Stadtlandschaft mit nachhaltiger Architektur und Mobilitätslösungen, fotografiert von Markus Spiske.

Leerstand in der Stadt – das klingt nach toten Schaufenstern, verstaubten Büros und geplatzten Wohnträumen. Doch was wäre, wenn wir den Stadtbrachen digital auf die Schliche kommen könnten, noch bevor sie zu Problemzonen werden? Willkommen in der Ära der digitalen Leerstandserkennung. Sie gibt Stadtplanern, Landschaftsarchitekten und Immobilienentwicklern ein Werkzeug an die Hand, das mehr ist als ein cleveres Statistiktool: Es ist ein Schlüssel für nachhaltige Transformation und zukunftsfähige Stadtentwicklung.

  • Definition und Bedeutung digitaler Leerstandserkennung für urbane Transformationsstrategien.
  • Technische Grundlagen: Sensorik, Geodaten, Algorithmen und Datenintegration.
  • Praxisbeispiele aus deutschsprachigen Städten und Lessons Learned.
  • Bedeutung für nachhaltige Stadtentwicklung und Quartierserneuerung.
  • Rechtliche, ethische und technische Herausforderungen.
  • Potenziale für Klimaschutz, Ressourceneffizienz und soziale Innovation.
  • Wechselwirkungen mit Governance, Partizipation und Stadtökonomie.
  • Risiken durch Kommerzialisierung und algorithmische Verzerrung.
  • Empfehlungen für den professionellen Einsatz im deutschsprachigen Raum.

Digitale Leerstandserkennung – Was steckt dahinter?

Leerstand ist ein uraltes Thema der Stadtplanung. Schon im 19. Jahrhundert sorgten verlassene Gewerbehöfe und leergezogene Mietskasernen für Kopfzerbrechen bei Magistraten und Bauträgern. Doch der Unterschied zu heute ist fundamental: Während damals Leerstände meist nur durch aufmerksame Spaziergänge und nachbarschaftliche Hinweise entdeckt wurden, steht Planern heute eine ganze Palette digitaler Werkzeuge zur Verfügung, die Leerstände quasi in Echtzeit detektieren können. Aber was bedeutet das konkret?

Digitale Leerstandserkennung beschreibt den Einsatz moderner Technologien zur systematischen Erfassung, Analyse und Visualisierung leerstehender Immobilien und Flächen in Städten. Das Spektrum reicht von einfachen Datenbankabgleichen mit Grundbuch- und Einwohnermeldedaten bis hin zu hochentwickelten Systemen, die mit Hilfe von Sensorik, Satellitenbildern, IoT-Geräten und künstlicher Intelligenz Muster erkennen, die auf eine Nichtnutzung hindeuten. Dabei werden verschiedene Datenquellen kombiniert: Energieverbrauchsdaten, Bewegungsprofile, Wasserzählerstände, Mobilfunkdaten und vieles mehr. Das Ziel: Möglichst genau und aktuell zu erfassen, wo Potenziale für Nachnutzung, Umwidmung oder Revitalisierung schlummern.

Diese Technologien sind heute keine Science-Fiction mehr. In Metropolen wie Hamburg, München oder Zürich laufen bereits erste Pilotprojekte, bei denen digitale Leerstandserkennung zum Einsatz kommt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt auf veraltete Statistiken oder Bauchgefühl zu setzen, erhalten Entscheidungsträger ein objektives, datengestütztes Bild der tatsächlichen Raumnutzung in der Stadt. Das ermöglicht nicht nur frühzeitiges Gegensteuern bei sich abzeichnenden Problemquartieren, sondern auch eine gezieltere und nachhaltigere Flächenentwicklung.

Doch was unterscheidet diese Systeme von klassischen Erhebungsmethoden? Der Clou liegt in der Kontinuität und Präzision der Daten. Während traditionelle Leerstandserhebungen oft nur alle paar Jahre durchgeführt werden und dabei auf Selbstauskünfte oder stichprobenartige Besichtigungen angewiesen sind, analysieren digitale Systeme große Datenmengen permanent im Hintergrund. Sie erkennen Veränderungen im Energieverbrauch, können Lichtmuster auswerten, detektieren ungewöhnliche Lücken in Mobilitätsdaten und gleichen dies mit Melderegistern ab. So entsteht ein dynamisches, fast lebendiges Bild der Stadt, das weit über die Möglichkeiten manueller Erhebungen hinausgeht.

Natürlich ist digitale Leerstandserkennung kein Allheilmittel. Sie ist ein Werkzeug, das richtig eingesetzt werden muss – und dessen Ergebnisse in den städtischen Kontext eingebettet gehören. Wer glaubt, dass ein Algorithmus alleine die Ursachen von Leerständen versteht oder gar löst, der irrt. Doch als Grundlage für fundierte Transformationsstrategien bietet die Technologie ein enormes Potenzial, das bisher in der deutschsprachigen Stadtplanung oft unterschätzt wird.

Technische Grundlagen: Wie Algorithmen dem Leerstand auf die Spur kommen

Die technische Architektur hinter moderner digitaler Leerstandserkennung ist komplex, aber faszinierend. Im Zentrum stehen Algorithmen, die aus einer Vielzahl von Datenquellen Muster extrahieren, die auf eine Nichtnutzung von Immobilien oder Flächen hindeuten. Doch wie funktioniert das im Detail?

Ein zentrales Element sind sogenannte „Urban Data Lakes“ – große, strukturierte Datenspeicher, in denen Informationen aus verschiedensten Quellen gebündelt werden. Hier fließen beispielsweise Grundbuchdaten, Energienutzungsprofile, Wasser- und Heizungszählerstände, Geoinformationen, Mobilitätsdaten, Sensorwerte aus dem Internet der Dinge (IoT) und sogar anonymisierte Mobilfunkdaten zusammen. Durch die Kombination dieser Daten entstehen belastbare Indikatoren: Wird in einem Gebäude über Wochen hinweg kein Strom oder Wasser verbraucht? Bleibt der Bewegungsfluss an bestimmten Adressen aus? Werden Parkplätze dauerhaft nicht genutzt?

Die eigentliche Magie passiert in der Datenanalyse. Mittels maschinellen Lernens und künstlicher Intelligenz werden Muster erkannt, die für menschliche Beobachter kaum sichtbar wären. Die Algorithmen lernen, zwischen „normalen“ Schwankungen – etwa saisonalen Leerständen oder Betriebsferien – und echten, langfristigen Leerständen zu unterscheiden. Sie können Vorhersagen treffen, wo sich Leerstand anbahnt, und Muster identifizieren, die auf eine drohende Verödung ganzer Quartiere hindeuten. Ein Beispiel: Wenn in einem Büroviertel der Stromverbrauch nach Feierabend nicht wie üblich absinkt, sondern dauerhaft niedrig bleibt, kann das ein Indiz für eine fortschreitende Flächenleere sein.

Sensorik spielt dabei eine immer größere Rolle. Intelligente Messsysteme in Gebäuden – sogenannte „Smart Meter“ – liefern Echtzeitdaten zum Energieverbrauch und ermöglichen so eine sehr genaue Analyse der Nutzung. Auch Licht- und Bewegungssensoren, die etwa in gemeinschaftlich genutzten Fluren installiert sind, bieten wertvolle Hinweise. Nicht zuletzt kommen auch Kameras und Satellitenbilder zum Einsatz, etwa um Veränderungen in der Nachtaussenbeleuchtung oder typische Anzeichen von Leerstand (wie verdreckte Fenster oder überquellende Briefkästen) automatisiert zu erkennen. Natürlich sind hier Datenschutz und Privatsphäre zu beachten – dazu später mehr.

Ein weiteres technisches Schlüsselelement ist die Integration der Daten in Geoinformationssysteme (GIS). Erst durch die räumliche Verortung werden die Leerstandsdaten wirklich wertvoll. Sie erlauben die Visualisierung leerer Flächen auf Karten, die Verknüpfung mit sozioökonomischen Daten, die Analyse von Hotspots und die Simulation möglicher Nachnutzungsszenarien. Moderne GIS-Anwendungen ermöglichen es sogar, verschiedene Transformationstrategien durchzuspielen und deren Auswirkungen auf Quartiere, Mobilität oder Klimaresilienz zu simulieren.

Die technische Herausforderung liegt darin, die Datenquellen zu harmonisieren, Schnittstellen zu schaffen und die Analysemodelle kontinuierlich zu verbessern. Denn so mächtig die Algorithmen auch sind – sie sind immer nur so gut wie die Daten, mit denen sie gefüttert werden. Professionelle Stadtplaner, IT-Architekten und Datenanalysten müssen deshalb eng zusammenarbeiten, um aus der Vielzahl an Informationen belastbare Entscheidungsgrundlagen zu schaffen. Nur so kann digitale Leerstandserkennung ihr volles Potenzial für nachhaltige Transformationsstrategien entfalten.

Digitale Leerstandserkennung in der Praxis: Chancen und Stolperfallen

Wie sieht der Einsatz digitaler Leerstandserkennung im Alltag aus? Werfen wir einen Blick auf einige Projekte im deutschsprachigen Raum – und die Erfahrungen, die dort gesammelt wurden. Ein Paradebeispiel ist die Stadt Zürich. Hier wurde im Rahmen eines Smart-City-Programms ein System zur automatisierten Erkennung von Leerständen in Gewerbeimmobilien eingeführt. Die Datenbasis: Energieverbrauch, Bewegungsmuster und regelmäßige Abgleiche mit Melderegistern. Das Resultat: Innerhalb weniger Monate konnten mehrere bislang unbekannte Leerstände identifiziert und gezielt für Zwischennutzungen aktiviert werden. Gleichzeitig zeigte sich aber auch: Ohne die Einbindung von Eigentümern und lokalen Akteuren stößt die Technik an ihre Grenzen. Daten alleine schaffen keine Transformation, sie müssen in konkrete Maßnahmen übersetzt werden.

Ein weiteres Beispiel liefert Hamburg. Hier wurden im Rahmen des Programms „StadtRaumMonitor“ erstmals flächendeckend Energieverbrauchsdaten anonymisiert ausgewertet, um potenziellen Leerstand in Wohn- und Bürogebäuden sichtbar zu machen. Die Stadt setzte dabei auf eine enge Kooperation mit Energieversorgern und Datenschutzbeauftragten. Das Ergebnis: Die Leerstandserfassung wurde deutlich präziser, zugleich mussten aber auch zahlreiche rechtliche und technische Hürden gemeistert werden. Ein Learning: Transparente Kommunikation und rechtssichere Prozesse sind entscheidend, um Akzeptanz bei Eigentümern und Bevölkerung zu schaffen.

Auch in Wien wurde mit digitaler Leerstandserkennung experimentiert. Im Fokus standen dabei vor allem die großen Gründerzeitquartiere, in denen der Wandel von Wohn- zu Büroflächen und zurück ein Dauerthema ist. Hier zeigte sich, dass digitale Methoden besonders dann erfolgreich sind, wenn sie mit klassischen Erhebungen und lokalen Ortskenntnissen kombiniert werden. Die Technik liefert Hinweise, die durch Vor-Ort-Kontrollen und Gespräche mit Eigentümern validiert werden müssen. Die Erfahrung: Digitale Leerstandserkennung ist kein Ersatz, sondern eine notwendige Ergänzung zum planerischen Werkzeugkasten.

Natürlich gibt es auch Stolpersteine. Viele Städte berichten von Schwierigkeiten bei der Datenintegration – etwa weil unterschiedliche Systeme nicht miteinander kommunizieren oder relevante Informationen gar nicht erst digital vorliegen. Auch die Angst vor Datenmissbrauch und die Sorge um die Privatsphäre der Bewohner sind allgegenwärtig. Nicht zuletzt fehlt es oft an personellen Ressourcen und digitaler Kompetenz in den Verwaltungen, um die neuen Werkzeuge zielgerichtet einzusetzen. Hier ist Qualifizierung gefragt: Nur wer die Technologie versteht, kann sie sinnvoll nutzen.

Am Ende steht fest: Digitale Leerstandserkennung funktioniert, wenn sie als Teil einer umfassenden Transformationsstrategie begriffen wird. Sie kann Impulse für innovative Nachnutzungen, nachhaltige Quartiersentwicklung und klimagerechte Stadtgestaltung liefern – vorausgesetzt, die Akteure vor Ort sind bereit, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und die Technik kritisch zu reflektieren.

Leerstand als Transformationsmotor: Nachhaltigkeit, Governance und soziale Innovation

Leerstand ist nicht nur ein städtebauliches Problem, sondern auch eine Chance. Richtig erkannt und genutzt, können brachliegende Flächen und ungenutzte Immobilien zum Motor nachhaltiger Stadtentwicklung werden. Digitale Leerstandserkennung ist dabei ein Schlüsselwerkzeug, um diese Potenziale systematisch zu heben – und damit weit mehr als ein reines Monitoring-Tool.

Für die Nachhaltigkeit bietet die Technologie enorme Chancen. Indem sie versteckte Ressourcen sichtbar macht, hilft sie, Flächenverbrauch und Versiegelung zu minimieren. Statt immer neue Baugebiete auszuweisen, können Städte bestehende Strukturen umnutzen, sanieren oder für neue Zwecke aktivieren. Das schont nicht nur Böden und Klima, sondern macht auch die Stadt als Ganzes resilienter gegenüber demografischen und ökonomischen Veränderungen. Leerstehende Büros werden zu Wohnungen, alte Kaufhäuser zu Kulturzentren, vergessene Gewerbehöfe zu grünen Oasen – solche Transformationen gelingen nur, wenn der Leerstand rechtzeitig erkannt und in den Planungsprozess integriert wird.

Auch für die Governance eröffnet die digitale Leerstandserkennung neue Perspektiven. Sie ermöglicht eine datenbasierte, transparente Steuerung der Stadtentwicklung. Entscheidungen können besser begründet, Maßnahmen gezielter evaluiert und die Wirkung von Strategien kontinuierlich überprüft werden. Gleichzeitig schafft die Technologie neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung: Wenn Leerstände sichtbar und ihre Entwicklung nachvollziehbar wird, können lokale Initiativen, Nachbarschaften und Investoren gezielter eingebunden werden. Die offene Zugänglichkeit der Daten – etwa über Urban Data Platforms – kann so die demokratische Qualität der Stadtplanung stärken.

Soziale Innovation ist ein weiterer Aspekt. Leerstandserkennung kann helfen, Raum für neue, gemeinwohlorientierte Nutzungen zu schaffen – von sozialen Wohnprojekten über urbane Landwirtschaft bis hin zu Start-up-Hubs oder Nachbarschaftszentren. Die gezielte Aktivierung von Leerständen trägt dazu bei, soziale Spaltungen zu überwinden, Stadtteile zu beleben und die Vielfalt urbaner Lebensstile zu fördern. Gerade in Zeiten von Wohnraummangel, Klimakrise und gesellschaftlichem Wandel sind solche flexiblen Lösungen unverzichtbar.

Natürlich gibt es auch Risiken. Die Kommerzialisierung der Leerstandsdaten, etwa durch private Plattformbetreiber, kann zu einer Konzentration von Entscheidungsgewalt und einer Verzerrung der Stadtentwicklung führen. Auch algorithmische Verzerrungen – etwa durch fehlerhafte Modelle oder unvollständige Daten – können zu Fehlsteuerungen führen. Deshalb ist es entscheidend, dass die digitale Leerstandserkennung transparent, nachvollziehbar und gemeinwohlorientiert gestaltet wird. Nur so kann sie ihr volles Potenzial für nachhaltige Transformation entfalten.

Herausforderungen, ethische Fragen und Ausblick für die deutschsprachige Stadtplanung

So verheißungsvoll die digitale Leerstandserkennung auch ist – sie wirft zahlreiche Fragen auf, die Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Verwaltungsexperten klug beantworten müssen. Da ist zum einen der Datenschutz. Die Erhebung und Auswertung von Energie- oder Mobilitätsdaten, so anonymisiert sie auch sein mögen, berührt immer die Privatsphäre von Menschen. Wer darf auf die Daten zugreifen? Wie werden sie geschützt? Und wie verhindert man, dass sie zweckentfremdet oder gar missbraucht werden? Hier sind klare rechtliche Rahmenbedingungen und eine transparente Kommunikation unverzichtbar.

Auch die technische Integration bleibt eine Herausforderung. Viele Kommunen arbeiten mit veralteten IT-Systemen, die kaum kompatibel sind mit modernen Datenplattformen. Die Harmonisierung der Datenquellen, die Schaffung offener Schnittstellen und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Algorithmen erfordern erhebliche Investitionen – sowohl in Technik als auch in Personal. Gleichzeitig gilt: Die besten Daten nützen nichts, wenn sie nicht in die Planungsprozesse integriert werden. Es braucht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen IT, Planung, Immobilienwirtschaft und Zivilgesellschaft.

Ein weiteres Feld sind die ethischen Implikationen. Wer entscheidet, was als „Leerstand“ gilt? Welche Interessen stehen im Vordergrund – die der Investoren, der Verwaltung, der Nachbarschaft? Und wie stellt man sicher, dass die Technologie nicht dazu führt, bestimmte Gruppen zu benachteiligen oder soziale Segregation zu verstärken? Hier sind Sensibilität, Diskurs und eine kontinuierliche Reflexion der eigenen Praxis gefragt.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der Akzeptanz. Viele Eigentümer und Bewohner stehen der digitalen Leerstandserkennung skeptisch gegenüber. Sie fürchten Überwachung, Wertverluste oder eine Stigmatisierung ihrer Immobilie. Erfolgreiche Projekte zeigen: Nur wenn die Akteure frühzeitig einbezogen, die Vorteile klar kommuniziert und die Ergebnisse transparent gemacht werden, lassen sich diese Vorbehalte abbauen. Partizipation ist der Schlüssel – Technik allein schafft keine Akzeptanz.

Der Ausblick für die deutschsprachige Stadtplanung ist dennoch vielversprechend. Mit der richtigen Mischung aus technischer Innovation, rechtlicher Klarheit, ethischer Verantwortung und partizipativer Governance kann digitale Leerstandserkennung zum Game Changer für nachhaltige Transformation werden. Die Städte, die heute mutig vorangehen, schaffen die Grundlage für eine resiliente, lebenswerte und zukunftsfähige Urbanität. Am Ende geht es nicht um Technikfetischismus, sondern um die intelligente Nutzung neuer Werkzeuge im Dienst des Gemeinwohls.

Zusammenfassend zeigt sich: Digitale Leerstandserkennung ist weit mehr als ein cleveres Analysewerkzeug. Sie ist ein strategischer Hebel für nachhaltige Transformation, ein Katalysator für soziale Innovation und ein Prüfstein für die Governance der Stadt von morgen. Wer die Technologie versteht, kritisch reflektiert und mutig einsetzt, kann Leerstand vom städtebaulichen Problem zur Ressource machen – und so den Weg für eine neue Ära urbaner Entwicklung ebnen. Garten und Landschaft bleibt Ihr Kompass in diesem dynamischen Feld – mit Fachwissen, Weitblick und einem Augenzwinkern, das den Ernst der Lage nie vergisst.

LAST CALL! Bayerischer Landschaftsarchitektur Preis 2026

2026 lobt der BDLA Bayern zum vierten Mal den Bayerischen Landschaftsarchitektur-Preis aus. Logo: Bund deutscher Landschaftsarchitekt*innen Landesverband Bayern

LAST CALL!

Dieses Jahr wird der bdla Bayern wieder den Bayerischen Landschaftsarchitektur-Preis vergeben. Für die Teilnahme am Wettbewerb können Projekte noch bis Montag, 06. April 2026 um 18:00 Uhr online eingereicht werden. In welchen Kategorien 2026 Auszeichnungen vergeben werden und wen der bdla Bayern in die Jury berufen hat, lesen Sie hier.

Der Bund Deutscher Landschaftsarchitekt:innen (bdla) Landesverband Bayern hat am 26. Januar 2026 zum nunmehr vierten Mal den Bayerischen Landschaftsarchitektur-Preis ausgelobt. Kooperationspartner sind die Bayerische Architektenkammer und der Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Bayern. Schirmherr der Wettbewerbsausgabe 2026 ist Reiner Nagel, Architekt, Stadtplaner und Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur. Der Bayerische Landschaftsarchitektur-Preis ist ein Ehrenpreis, der seit 2020 im zweijährigen Rhythmus vergeben wird. Neben dem Bayerischen Landschaftsarchitektur-Preis 2026 (Hauptpreis) werden im Oktober 2026 Auszeichnungen in sieben Kategorien vergeben.

Der Preis würdigt Projekte und Planungen in Bayern, die sich durch innovative, nachhaltige und klimagerechte Außen- und Landschaftsräume hoher Qualität sowohl in der Neuanlage als auch im Bestand auszeichnen. Der bdla Bayern lädt zudem ausdrücklich die junge Generation von Planer:innen zu einer Wettbewerbsteilnahme ein, um ihre beruflichen Ideale und Visionen zu fördern.

Alle Informationen zum Wettbewerb sind seit 26. Januar 2026 unter www.bdla.de/de/bayerischer-landschaftsarchitektur-preis zu sehen.

Dort können die detaillierten Auslobungsunterlagen eingesehen und die Einreichungen vorgenommen werden.

Wettbewerbskategorien

  • Landschaftsplanung und -entwicklung
  • Pflanzenverwendung und Biodiversität
  •  Öffentliche Parks und Grünanlagen
  • Plätze und Straßen im öffentlichen Raum
  • Freiräume für Menschen im Wohn-, Lern,- und Arbeitsumfeld
  •  Experimentelle Landschaftsarchitektur und Bauen im Detail
  •  Reifeprüfung – Projekte, 20 Jahre und älter

 

Die Jury bewertet alle eingereichten Arbeiten insbesondere nach den Kriterien Klimaanpassung, Nachhaltigkeit, Baukultur, Flächensparen, Biodiversität, Pflanzenverwendung, Materialität sowie Innovation.

Teilnahmeberechtigung, zugelassene Projekte, Einreichung

Zur Teilnahme zugelassen sind Projekte, die durch Landschaftsarchitekt:innen aus dem In- und Ausland sowie Arbeitsgemeinschaften unter Beteiligung vorstehend Genannter verfasst wurden. Zugelassen sind Projekte, die in den letzten fünf Jahren (01.01.2021 – 31.12.2025) in Bayern fertiggestellt wurden. Ausgenommen hiervon sind Einreichungen für die Kategorie Reifeprüfung. Die Teilnahme am bzw. die Einreichung von Projekten zum Wettbewerb Bayerischer Landschaftsarchitektur-Preis 2026 erfolgt online. Die Wettbewerbssprache ist deutsch. Bearbeitungsschluss ist am 06. April 2026.

Jury, Verfahren

Der bdla Bayern hat folgende Juror:innen berufen:

• Claudia Blaurock, Landschaftsarchitektin, Dresden

• Theresa Burmester, Landschaftsarchitektin, Frankfurt am Main

• Christoph Elsässer, Urban Designer, Rotterdam

• Johannes Kruck, Landschaftsarchitekt – stellv. für mahl gebhard konzepte, München (Preisträger 2024)

• Christian Ufer, Landschaftsarchitekt, Starnberg

• Nicole M. Meier, Landschaftsarchitektin, München

• Sonja Müller, Landschaftsarchitektin, Basel

• Prof. Amandus Samsøe Sattler, Architekt, Berlin

• Prof. Stefan Tischer, Landschaftsarchitekt, Berlin

• Elke Berger, Landschaftsarchitektin, München (stellv. Preisrichterin)

 

Die Entscheidung über die Gewinner des Hauptpreises sowie der Kategorien erfolgt in einem zweistufigen Juryentscheid. Grundlage der finalen Entscheidung in der 2. Jurysitzung ist die Bereisung und Besichtigung aller nominierten Projekte durch eine unabhängige Fachjournalistin.

Einreichungen sind bis 6. April 2026 möglich.

Bekanntgabe Nominierung / Publikumspreis

Die nominierten Projekte werden am 13. Juli 2026 auf der o.g. Website bekannt gegeben. Ab diesem Tag steht auch ein Online-Portal für das Publikumsvoting zur Verfügung, in dem alle interessierten Personen bis 24. August 2026 über den Publikumspreis abstimmen können.

Preisverleihung / Bekanntgabe Preisträger

Die Preisverleihung findet am 30. Oktober 2026 als Festveranstaltung im Oskar von Miller Forum in München statt. Die offizielle Bekanntgabe der Preisträger erfolgt dort sowie im Anschluss auf der o.g. Website.

Der Bayerische Landschaftsarchitektur-Preis wurde zuletzt 2024 vergeben. Der Hauptpreis ging vor zwei Jahren an das Projekt Oberwiesenfeldpark des Münchner Büros mahl gebhard konzepte.
Lesen Sie mehr dazu hier.