Straßen als Wassermanager – Drainage, Retention und Kühlung vereint

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Straßenszene mit Menschen in der Schweiz, aufgenommen von Leo_Visions

Regen als Ressource statt Störfaktor, Straßen als Hightech-Kanäle und kühlende Lebensadern der Stadt – was nach Zukunftsmusik klingt, ist längst ein zentrales Thema in der zeitgemäßen Stadt- und Freiraumplanung. Wer heute urbane Straßenräume nur als Verkehrsflächen begreift, verpasst die klimatische Revolution: Straßen werden zu Multitalenten, die Wasser managen, Retention ermöglichen und urbane Hitze entschärfen. Die große Herausforderung: Wie lassen sich Drainage, Retention und Kühlung intelligent vereinen? Und welche technischen, gestalterischen und politischen Stellschrauben sind dafür entscheidend?

  • Warum Straßen als Schlüsselakteure im urbanen Wassermanagement an Bedeutung gewinnen
  • Innovative Strategien und Technologien für Regenwassermanagement, Retention und Verdunstungskühlung
  • Rechtliche, planerische und gestalterische Anforderungen an multifunktionale Straßenräume
  • Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – von der Schwammstadt bis zum blauen Band
  • Wechselwirkungen zwischen Verkehrsplanung, Stadtgrün und Wasserinfrastruktur
  • Risiken, Zielkonflikte und die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit
  • Digitale Tools, Monitoring und Simulation als Gamechanger im Straßenwassermanagement
  • Künftige Trends: klimafeste Quartiere, partizipative Prozesse, neue Materialinnovationen
  • Handlungsempfehlungen für Planer, Kommunen und Entscheider

Straßen im Klimastress: Neue Aufgaben für alte Infrastrukturen

Die klassische Straße – einst als schnurgerade Verkehrsachse für Autos, Busse und LKWs konzipiert – steht heute im Zentrum eines Paradigmenwechsels. Klimawandel, Urbanisierung und die fortschreitende Versiegelung urbaner Räume zwingen Städte und Gemeinden dazu, Straßenräume neu zu denken. Heftige Starkregenereignisse, sommerliche Hitzewellen und zunehmende Trockenperioden machen deutlich: Straßen sind nicht länger passive Durchleiter, sondern müssen als aktive Wasser- und Klimamanager agieren. Die physische Infrastruktur der Straße – Asphalt, Pflaster, Bordsteine – ist zur Klimainfrastruktur geworden.

Starkregen stellt Städte zunehmend vor massive Probleme. Herkömmliche Kanalisationen sind vielerorts überfordert, wenn in Minutenmengen von 30, 50 oder gar 100 Litern pro Quadratmeter fallen. Die Folge: Überflutete Fahrbahnen, vollgelaufene Keller, beschädigte Versorgungsleitungen. Dabei sind Straßen oft das Bindeglied zwischen öffentlichen Flächen, privaten Grundstücken und der Kanalisation. Sie nehmen Oberflächenwasser auf, leiten es ab – oder im Idealfall: sie speichern und verzögern es, damit es gezielt versickern oder verdunsten kann. Das Schlagwort dazu: Retention.

Retention bedeutet, das Regenwasser zurückzuhalten, es zu speichern und zeitverzögert abzugeben. Die Straße wird damit zum temporären Reservoir – ein Konzept, das weit mehr ist als bloßer Hochwasserschutz. Denn gespeichertes Wasser steht auch für Verdunstung zur Verfügung, sorgt für Kühlung und trägt so zur Verbesserung des Stadtklimas bei. Besonders in dicht bebauten Quartieren, wo jeder Quadratmeter Grünfläche zählt, sind solche multifunktionalen Lösungen gefragt. Die Integration von Grünstreifen, Baumrigolen, Mulden-Rigolen-Systemen oder offenen Wasserrinnen ist damit nicht nur ökologisches Feigenblatt, sondern essenzielles Element moderner Infrastruktur.

Doch die Anforderungen gehen über das reine Wassermanagement hinaus. Die Straße wird zur urbanen Lebensader, die Verkehr, Aufenthalt, Ökologie und technische Infrastruktur vereint. Das verlangt von Planern eine neue Denke: Sie müssen Verkehrsfluss, Aufenthaltsqualität, Mikroklima und Wasserhaushalt gleichzeitig im Blick behalten. Zielkonflikte sind dabei vorprogrammiert – etwa wenn Stellplätze Grünflächen weichen sollen oder der Baugrund für Versickerung nicht geeignet ist. Hier sind kreative, interdisziplinäre Lösungen gefragt, die Technik, Gestaltung und Natur intelligent verbinden.

Die gute Nachricht: Die technischen und planerischen Werkzeuge dafür sind längst vorhanden. Von durchlässigen Belägen über unterirdische Speichersysteme bis hin zu digital gesteuerten Wehren und Sensorik – das Arsenal für ein zukunftsfähiges Straßenwassermanagement ist beeindruckend. Entscheidend ist jedoch, wie diese Bausteine zu einem funktionierenden Gesamtsystem verknüpft werden. Denn nur mit einer integralen Planung, die Verkehrs-, Grün- und Wasserinfrastruktur als Einheit begreift, lässt sich die Straße zum echten Wassermanager machen.

Die politische und gesellschaftliche Akzeptanz ist dabei nicht zu unterschätzen. Veränderungen am Straßenraum sind immer auch ein emotionales Thema – vom Wegfall von Parkplätzen bis zur Umgestaltung von Fahrbahnen. Kommunen, Planer und Landschaftsarchitekten stehen deshalb vor der Aufgabe, nicht nur innovative Technik, sondern auch Überzeugungsarbeit zu leisten. Nur wenn die Vorteile für Klima, Stadtbild und Lebensqualität sichtbar werden, lassen sich nachhaltige Veränderungen durchsetzen.

Technologien und Strategien: Wie Straßen zu Wassermanagern werden

Das Herzstück jeder erfolgreichen Straßenwassermanagementstrategie ist die intelligente Kombination aus Drainage, Retention und Verdunstungskühlung. Drainage beschreibt die gezielte Ableitung von Regenwasser – klassischerweise über ein Kanalsystem. Doch dieses System gerät angesichts häufiger Extremwetter an seine Kapazitätsgrenzen. Deshalb setzt die moderne Stadtplanung auf dezentrale, oberflächennahe Maßnahmen, die Wasser nicht nur ableiten, sondern vor Ort halten und nutzen. Hier kommen Retentionsflächen, Mulden-Rigolen-Systeme und Versickerungsmulden ins Spiel.

Mulden-Rigolen-Systeme sind eine Art „Zwischenspeicher“: Sie nehmen Regenwasser von der Straße auf, halten es temporär zurück und geben es langsam an den Untergrund ab. Je nach Bodenbeschaffenheit und Grundwasserstand wird das Wasser entweder zur Versickerung gebracht oder über eine Drossel langsam in die Kanalisation abgegeben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Kanalisation wird entlastet, das Grundwasser angereichert, die Verdunstung gefördert. In Kombination mit Baumpflanzungen – den sogenannten Baumrigolen – lassen sich zudem stadtklimatische Effekte wie Kühlung und Luftreinigung erzielen. Die Wurzeln der Bäume profitieren vom gespeicherten Wasser, die Blätter sorgen für Schatten und Verdunstung, was wiederum die Umgebungstemperatur senkt.

Eine weitere Innovation sind durchlässige Beläge. Sie ermöglichen es, dass Regenwasser direkt an Ort und Stelle versickern kann. Poröse Asphalt- und Pflasterflächen, Sickerfugen oder Schotterrasen reduzieren den Anteil versiegelter Flächen und schaffen kleine Wasserspeicher an der Oberfläche. Besonders in Nebenstraßen, Parkbuchten oder Radwegen lässt sich diese Technik gut integrieren. Doch Vorsicht: Nicht jeder Boden ist für Versickerung geeignet. Vor einer Planung müssen Bodengutachten, Grundwasserstände und das Risiko von Schadstoffeinträgen sorgfältig geprüft werden.

Technisch besonders spannend sind sogenannte blaue-grüne Infrastrukturen. Hier werden Grünflächen, Baumstandorte, offene Wasserläufe und unterirdische Speicher miteinander kombiniert. Sensoren und digitale Steuerungen überwachen Wasserstände und regeln, wohin das Wasser fließt: in die Kanalisation, in ein unterirdisches Speicherbecken oder auf eine bepflanzte Fläche zur Verdunstung. Solche Systeme sind besonders in dicht besiedelten Quartieren interessant, wo der Platz für klassische Grünflächen fehlt. Die Digitalisierung eröffnet zudem neue Möglichkeiten für Monitoring, Wartung und Optimierung – Stichwort Smart City.

Schließlich gewinnt auch die temporäre Nutzung von Straßenflächen als Retentionsraum an Bedeutung. Bei Starkregen können bewusst abgesenkte Fahrbahnen, Kreuzungen oder Parkplätze als Zwischenspeicher dienen. Erst wenn das Wasser abgezogen ist, stehen die Flächen wieder für den Verkehr zur Verfügung. Solche multifunktionalen Lösungen erfordern eine vorausschauende Planung und enge Abstimmung zwischen Verkehrsplanung, Tiefbau und Stadtgestaltung. Sie sind jedoch unverzichtbar, um urbane Räume gegen die Herausforderungen des Klimawandels zu wappnen.

Die Herausforderung bleibt, alle diese technischen Möglichkeiten sinnvoll zu kombinieren. Jede Straße, jedes Quartier, jede Stadt hat andere Voraussetzungen. Die Kunst liegt darin, maßgeschneiderte Lösungen zu finden, die den lokalen Gegebenheiten entsprechen und gleichzeitig robust, wartungsarm und wirtschaftlich tragfähig sind. Interdisziplinäre Teams aus Stadtplanern, Landschaftsarchitekten, Tiefbauern und Hydrologen sind dabei ebenso gefragt wie die Einbindung von Anwohnern und lokalen Akteuren.

Praxisbeispiele und Lessons Learned: Von der Schwammstadt zur urbanen Oase

In der Theorie klingt das alles großartig – doch wie sieht es in der Praxis aus? Ein Blick nach Kopenhagen zeigt, wohin die Reise gehen kann. Die dänische Hauptstadt hat nach dem verheerenden Starkregen von 2011 das Schwammstadt-Prinzip zur Maxime erhoben. Straßen wurden zu grünen Korridoren umgebaut, Mulden und Speicher entlang der Fahrbahnen angelegt, Plätze in multifunktionale Retentions- und Aufenthaltsräume verwandelt. Das Ergebnis: Heute werden enorme Niederschlagsmengen lokal gepuffert, Überflutungen deutlich reduziert und zugleich attraktive Stadträume geschaffen.

Auch in Deutschland gibt es beeindruckende Beispiele. Die Berliner Rummelsburger Straße wurde im Rahmen eines Modellprojekts mit Baumrigolen, durchlässigen Belägen und offener Regenwasserrinne ausgestattet. Das Regenwasser wird dort nicht einfach abgeleitet, sondern gezielt gespeichert und den Bäumen zugeführt. Sensoren messen den Feuchtegehalt im Boden und ermöglichen eine bedarfsgerechte Bewässerung. Die Aufenthaltsqualität hat sich spürbar verbessert, die Straße bleibt auch bei Starkregen sicher befahrbar.

In Zürich wird auf eine Kombination aus Straßenmulden, Retentionsbecken und blau-grünen Achsen gesetzt. Hier dienen Straßen nicht nur dem Verkehr, sondern auch als lineare Parks, Wasserspeicher und Frischluftschneisen. Entscheidend für den Erfolg war die enge Zusammenarbeit zwischen Stadtentwässerung, Grünflächenamt und Mobilitätsplanern. Die Prozesse wurden von Beginn an interdisziplinär aufgesetzt, Zielkonflikte offen diskutiert und gemeinsam gelöst. Die Bürger wurden frühzeitig einbezogen – ein Erfolgsfaktor, der die Akzeptanz und Pflegebereitschaft deutlich erhöhte.

Ein weiteres Beispiel aus Wien: Im Rahmen der Initiative „Blaues Band“ werden Straßenabschnitte gezielt für das Management von Oberflächenwasser umgebaut. Retentionsmulden, Baumgräben und offene Rinnen nehmen Regenwasser auf, speichern es und führen es kontrolliert ab. Besonders innovative Elemente sind die sogenannten Regengärten, die nicht nur Wasser speichern, sondern auch als grüne Oasen für Anwohner und Passanten dienen. Die Stadt hat erkannt, dass funktionierendes Wassermanagement und attraktive Stadträume kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig beflügeln.

Doch nicht alles läuft rund. Herausforderungen gibt es vor allem bei der Integration neuer Systeme in bestehende Straßennetze. Alte Leitungen, enge Platzverhältnisse, konkurrierende Nutzungen – all das erfordert maßgeschneiderte Lösungen und Kompromisse. Auch die Wartung neuer Anlagen wird häufig unterschätzt. Baumrigolen, Mulden und Sickerflächen müssen regelmäßig kontrolliert und gepflegt werden, um langfristig zu funktionieren. Hier braucht es klare Zuständigkeiten, ausreichende Budgets und ein Umdenken bei den Unterhaltsstrategien der Kommunen. Die Erfahrung zeigt: Nur wer den Betrieb von Anfang an mitdenkt, erzielt nachhaltige Erfolge.

Der wichtigste „Lesson Learned“ aus allen Projekten: Wassermanagement in Straßenräumen ist kein Add-on, sondern Kernbestandteil moderner Stadtentwicklung. Es erfordert Mut, neue Wege zu gehen, und die Bereitschaft, tradierte Planungsmuster zu hinterfragen. Der Lohn sind resilientere, lebenswertere und klimafreundlichere Städte, in denen Straßen mehr sind als Asphalt und Bordstein – sie werden zu Multifunktionsflächen, die urbane Herausforderungen kreativ lösen.

Planungswerkzeuge, Governance und die Rolle der Digitalisierung

Die Transformation der Straße zum Wassermanager ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem der Planung, Steuerung und Governance. Wer Drainage, Retention und Kühlung in Einklang bringen will, braucht neue Planungsprozesse, digitale Werkzeuge und klare Verantwortlichkeiten. Inzwischen stehen Planern leistungsstarke Softwarelösungen zur Verfügung, mit denen sich Wasserflüsse, Speicherkapazitäten und Verdunstungsleistungen schon in der Entwurfsphase simulieren lassen. Digitale Zwillinge urbaner Räume, wie sie etwa in Hamburg oder Wien entwickelt werden, erlauben es, verschiedene Szenarien durchzuspielen und die Effekte auf das Stadtklima, den Verkehr und die Infrastruktur präzise vorherzusagen.

Der Einsatz von Sensorik und Monitoring ist ein weiterer Gamechanger. Feuchte- und Pegelsensoren, Wetterstationen und IoT-Plattformen liefern Echtzeitdaten zu Niederschlag, Bodenfeuchte und Wasserständen. Diese Daten können genutzt werden, um die Steuerung von Rückhaltebecken, Wehren und Bewässerungssystemen zu automatisieren. So wird aus der Straße ein lernendes System, das auf Wetterextreme flexibel reagieren kann. Die Herausforderung besteht darin, die Vielzahl an Datenquellen zu integrieren, zu interpretieren und in praktikable Maßnahmen zu übersetzen. Hier sind Know-how, Schnittstellenkompetenz und eine enge Abstimmung zwischen den Fachdisziplinen gefragt.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist die Governance. Wer ist verantwortlich für Planung, Bau und Unterhalt der neuen Infrastrukturen? Wie werden Zielkonflikte zwischen Verkehr, Aufenthalt und Wassermanagement gelöst? Und wie können Bürger, Unternehmen und Verwaltung sinnvoll eingebunden werden? Erfolgreiche Projekte setzen auf transparente Entscheidungsprozesse, klare Rollenteilung und partizipative Formate. Die Akzeptanz für neue Lösungen steigt, wenn Betroffene frühzeitig eingebunden werden und die Vorteile nachvollziehbar sind.

Die Digitalisierung eröffnet nicht nur neue Möglichkeiten der Steuerung, sondern auch der Kommunikation und Beteiligung. Visualisierungen, Simulationen und digitale Beteiligungsplattformen machen komplexe Zusammenhänge verständlich und laden zur Mitgestaltung ein. Sie helfen, Vorbehalte abzubauen, Alternativen aufzuzeigen und die besten Lösungen im Dialog zu entwickeln. Gerade in Großstädten, wo die Interessenlagen vielfältig sind, ist dies ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Abschließend sei betont: Die Verknüpfung von Technik, Planung und Governance ist der Schlüssel zur erfolgreichen Transformation urbaner Straßen. Nur wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, wenn Daten, Prozesse und Zuständigkeiten harmonieren, kann die Straße ihr Potenzial als Wassermanager voll entfalten. Die Zukunft liegt in vernetzten, lernenden und partizipativen Systemen, die flexibel auf die Herausforderungen des Klimawandels reagieren – und dabei urbane Lebensqualität neu definieren.

Ausblick und Handlungsempfehlungen: Die Straße als Teil des urbanen Wasserkreislaufs

Der Weg zur klimafesten, multifunktionalen Straße ist anspruchsvoll – aber alternativlos. Angesichts zunehmender Wetterextreme, wachsender Städte und schwindender Ressourcen wird die Integration von Drainage, Retention und Kühlung zur Pflichtaufgabe moderner Stadtplanung. Doch wie gelingt der Wandel vom Asphaltband zum Wassermanager? Zunächst braucht es einen Paradigmenwechsel in der Planungskultur: Straßenräume müssen als Teil des urbanen Wasserkreislaufs verstanden werden, nicht als bloße Verkehrsflächen. Das erfordert Mut zu neuen Denk- und Arbeitsweisen sowie die Bereitschaft, alte Routinen über Bord zu werfen.

Planer, Kommunen und Entscheider sollten frühzeitig auf interdisziplinäre Teams setzen. Nur wenn Stadtplanung, Landschaftsarchitektur, Tiefbau, Wasserwirtschaft und Verkehrsplanung Hand in Hand arbeiten, entstehen Lösungen, die robust, wirtschaftlich und zukunftsfähig sind. Die enge Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen, Start-ups und Technologieanbietern kann helfen, innovative Ansätze rasch in die Praxis zu bringen und aus Pilotprojekten echte Standards zu machen. Förderprogramme auf Landes- und Bundesebene bieten finanzielle Anreize, dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden – entscheidend ist die Integration ins langfristige Stadtentwicklungskonzept.

Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die Einbindung der Bevölkerung. Veränderungen im Straßenraum sind immer auch Veränderung des Alltags. Nur wenn Anwohner, Gewerbetreibende und Nutzer die Vorteile neuer Systeme sehen und verstehen, entsteht Akzeptanz und Identifikation. Transparente Kommunikation, partizipative Formate und sichtbare Pilotprojekte sind hier der Schlüssel. In vielen Städten haben solche Ansätze nicht nur zu besseren Lösungen, sondern auch zu mehr Engagement und Pflegebereitschaft geführt.

Die Rolle der Digitalisierung kann kaum überschätzt werden. Von der Planung über die Umsetzung bis zum Betrieb bieten digitale Tools und Plattformen enorme Potenziale. Sie ermöglichen eine präzise Steuerung, erleichtern die Wartung und liefern die Grundlage für kontinuierliche Optimierung. Gleichzeitig schaffen sie Transparenz und machen komplexe Prozesse für alle Beteiligten nachvollziehbar. Die Herausforderung liegt darin, die Technik sinnvoll und bedarfsgerecht einzusetzen – und den Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Abschließend zeigt sich: Die Straße der Zukunft ist ein Multitalent. Sie nimmt Wasser auf, speichert und verdunstet es, kühlt das Quartier, fördert Biodiversität und schafft attraktive Stadträume. Wer heute auf integrierte, innovative und partizipative Lösungen setzt, rüstet seine Stadt nicht nur gegen die Herausforderungen des Klimawandels – sondern schafft neue Lebensqualität für alle. Die Zukunft der Straße ist blau, grün und lebendig.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Straße als Wassermanager ist keine technische Spielerei, sondern ein zentrales Element nachhaltiger, klimaresilienter Stadtentwicklung. Drainage, Retention und Kühlung lassen sich intelligent vereinen – vorausgesetzt, Planung, Technik und Beteiligung greifen ineinander. Die besten Lösungen entstehen dort, wo mutige Planer, innovative Technik und engagierte Bürger gemeinsam an einem Strang ziehen. Wer die Straße als Teil des urbanen Wasserkreislaufs versteht, gestaltet nicht nur robustere, sondern auch lebenswertere Städte. Garten und Landschaft bietet die Expertise, das Know-how und die Inspiration, damit aus Visionen gelebte Realität wird.

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Hans-Hollein-Kunstpreis – erstmals für Landschaft und Städtebau

Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons
Der Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur ging dieses Jahr an Auböck + Kárász Landscape Architects. Das Büro war unter anderem auch an der Rekonstruktion und Gestaltung der Belvedere-Gärten in Wien beteiligt. Foto: Gugerell, CC0, via Wikimedia Commons

Jedes Jahr vergibt das österreichische Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) den Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur. 2023 können sich Auböck + Kárász Landscape Architects über den mit 15.000 Euro dotierten Staatspreis freuen. 

Hochwertige Räume für Mensch und Natur

Ihre Arbeiten reicherten den Städtebau mit ökologischen Fragestellungen an und sorgten so für eine Erweiterung des Gestaltungs- und Handlungshorizonts der Architektur, betont die Jury in der Begründung. Erstmals öffnet sich der Preis in Richtung Gestaltung der Landschaft und Städtebau. Immer wichtiger werde es, gerade im Hinblick auf die Klimakrise, auf die wir zusteuern, qualitativ hochwertige Räume sowohl für den Mensch als auch die Natur zu schaffen und neue Formen des Dialogs zwischen beiden zu ermöglichen. 

Eine umfassende Perspektive

Mehr denn je sei es wichtig, eine umfassende Perspektive einzunehmen, wie Auböck und Kárász es in ihren Arbeiten umsetzen. Bestehende und zukünftige urbane Strukturen profitierten vom projektiven Umgang des Studios mit dem tiefgreifenden historischen Wissen seiner Gründer*innen. Kontinuierlich, so die Jury, engagierten sich Auböck und Kárász für den Umgang mit dem architektonischen und landschaftsarchitektonischen Erbe und trügen gleichzeitig wichtige Impulse zu aktuellen Diskursen in der Lehre oder im Rahmen der ZV – Zentralvereinigung für Architekt:innen bei. 

Hans-Hollein-Kunstpreis: Anerkennung und Wertschätzung

Andrea Mayer, Kunst- und Kulturstaatssekretärin im BMKÖS zeigt sich zufrieden: „Die österreichische Kunst und Kultur ist essentielles Element unserer Gesellschaft. Sie bereichert, regt an und auf und bietet uns einen Spiegel zur eigenen Reflexion. Ohne diese schöpferische Kraft wäre Österreich nicht die Kunstnation, für die unser Land international wahrgenommen wird. Der Österreichische Kunstpreis ist Anerkennung und Wertschätzung der außerordentlichen Leistungen unserer Künstlerinnen und Künstler. Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich.“ 

Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur für Projekte von internationaler Bedeutung

Der österreichische Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur wird seit 2016 jährlich an umfangreiche Projekte von internationaler Bedeutung vergeben. Die Auswahl der Preisträger erfolgt ausschließlich durch eine Expertenjury; es ist nicht möglich, sich für den Preis zu bewerben. 

Das Büro Auböck + Kárász Landscape Architects mit Sitz in Wien wurde von der Landschaftsarchitektin und Hochschulprofessorin Maria Auböck und dem Architekten und Sozialwissenschaftler János Kárász gegründet. Mehr können Sie auf der Webseite des Büros erfahren.

Schon gewusst? Wir haben ein ganzen Heft über Österreich gemacht, denn wenig andere Länder machten in den letzten Jahren mit so vielen, scheinbar sehr guten und mutigen planerischen Impulsen auf sich aufmerksam. Die Städte Graz, Innsbruck, Linz und Wien haben wir hierfür genauer unter die Lupe genommen. Mehr über die Februarausgabe 2022 erfahren Sie im Editorial. 

Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com
Der Xiaoxita Forest Park in Yichang, China, verbindet nachhaltige Landschaftsarchitektur mit konsequentem Naturschutz: Alle bestehenden Bäume wurden erhalten und behutsam in die neue Parkgestaltung integriert. Foto: HID via v2com

Mit dem Xiaoxita Forest Park ist in der chinesischen Millionenstadt Yichang ein herausragendes Beispiel für zukunftsweisende Landschaftsarchitektur entstanden. Das vom Planungsbüro HID Landscape Architecture entwickelte Projekt zeigt eindrucksvoll, wie sich ein bestehender Stadtwald durch behutsame Eingriffe ökologisch aufwerten und zugleich als hochwertiger öffentlicher Freiraum neu erschließen lässt. Statt einer umfassenden Neugestaltung stand der respektvolle Umgang mit der vorhandenen Natur im Mittelpunkt – ein Ansatz, der international zunehmend als Vorbild für resiliente Stadtlandschaften gilt.

Stadtwald wird zum nachhaltigen Erholungsraum

Der rund 89 Hektar große Xiaoxita Forest Park liegt im Zentrum des Stadtteils Yiling in Yichang, entlang des Huangbai-Flusses. Über Jahre hinweg litt das Waldgebiet unter unübersichtlichen Wegen, veralteter Infrastruktur und einer zunehmenden Zerschneidung der Landschaft. Ziel der Neugestaltung war es daher, den Wald als wichtige ökologische Grünfläche zu erhalten und gleichzeitig seine Aufenthaltsqualität deutlich zu steigern.

Das Planungsteam folgte dabei konsequent der Leitidee Touching the Earth Lightly“ – die Landschaft sollte möglichst schonend weiterentwickelt werden, ohne ihre natürlichen Strukturen zu beeinträchtigen.

100 Prozent Baumerhalt als Planungsgrundsatz

Ein zentrales Merkmal des Projekts ist der vollständige Erhalt des vorhandenen Baumbestands. Sämtliche heimischen Bäume blieben während der Bauarbeiten erhalten. Neue Wege und Aufenthaltsbereiche wurden ausschließlich in bereits vorhandene Lichtungen integriert, wodurch umfangreiche Erdarbeiten vermieden werden konnten.

Auch bei den verwendeten Materialien setzte das Büro konsequent auf Nachhaltigkeit. Wasserdurchlässige Beläge aus regional gewonnenem Naturstein sowie begrünte Pflasterflächen ermöglichen die natürliche Versickerung von Regenwasser und unterstützen den lokalen Wasserkreislauf.

Renaturierung statt versiegelter Flächen

Ein wesentlicher Bestandteil der Umgestaltung war die ökologische Wiederherstellung zuvor technisch geprägter Bereiche. In enger Abstimmung mit den beteiligten Akteuren wurden ein stillgelegtes Pumpenhaus sowie kaum genutzte Parkplatzflächen zurückgebaut.

Dadurch konnten mehr als 1.200 Quadratmeter versiegelte Fläche wieder in durchlässige Grünflächen umgewandelt werden. Gleichzeitig entstand ein neuer Lebensraumkorridor für Tiere, während sich die Sichtbeziehungen zwischen Stadt und Wald deutlich verbesserten.

Architektur schont Wurzeln und Lebensräume

Auch die neu geschaffenen Bauwerke folgen dem Prinzip minimaler Eingriffe. Besonders markant ist die Mid-Hill Rest Stop, eine erhöhte Aussichtsplattform, die auf schlanken Punktfundamenten ruht. Dadurch werden Bodenverdichtungen vermieden und die empfindlichen Wurzelbereiche der Bäume dauerhaft geschützt.

Von der Plattform eröffnet sich den Besucherinnen und Besuchern ein weiter Blick über die bewaldete Tallandschaft. Selbst die Beleuchtung übernimmt mehrere Funktionen: Die Leuchten wurden zugleich als Nisthilfen für heimische Vogelarten gestaltet und fördern so die Artenvielfalt im Park.

Regionale Natursteine prägen darüber hinaus Wege, Sitzmauern und weitere Gestaltungselemente und stärken die Identität des Ortes.

Ein Park für Natur, Bildung und Gemeinschaft

Heute präsentiert sich der Xiaoxita Forest Park als vielschichtiger Landschaftsraum mit Uferpromenaden, Waldlichtungen und erhöhten Aussichtspunkten. Über 95 Prozent der Vegetation bestehen aus heimischen Pflanzenarten, wodurch die ökologische Qualität des Stadtwaldes langfristig gesichert wird.

Mit mehr als 2.000 Besucherinnen und Besuchern pro Tag erfüllt der Park zugleich wichtige soziale Funktionen. Spaziergänge, Freizeitaktivitäten und Naturerlebnisse finden hier ebenso Platz wie Umweltbildung. Informationstafeln wurden dezent in Natursteinmauern integriert und vermitteln Wissen über Flora, Fauna und ökologische Zusammenhänge, ohne das Landschaftsbild zu beeinträchtigen.

Modellprojekt für resiliente Stadtlandschaften

Der Xiaoxita Forest Park verdeutlicht, dass hochwertige Landschaftsarchitektur nicht zwangsläufig durch spektakuläre Neubauten entsteht. Vielmehr zeigt das Projekt, wie sich vorhandene Naturräume durch sensible Planung, minimale Eingriffe und konsequenten Ressourcenschutz nachhaltig weiterentwickeln lassen.

Mit seinem ganzheitlichen Ansatz verbindet der Park Biodiversität, Klimaanpassung und Aufenthaltsqualität auf beispielhafte Weise. Damit liefert HID Landscape Architecture ein überzeugendes Modell für die Zukunft urbaner Grünräume – eine Landschaft, in der menschliche Nutzung und ökologische Prozesse nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig stärken.