Urbane Steuerungssysteme mit Digital Twins synchronisieren

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Foto: Stadt in der Vogelperspektive mit Fokus auf nachhaltige Architektur und Urbanität, aufgenommen von Markus Spiske mit Canon 5D Mark III und Leica Summicron-R 2.0/50mm.

Die Zukunft der Stadtsteuerung beginnt nicht morgen, sondern jetzt – und zwar digital. Urbane Steuerungssysteme, die sich mit Digital Twins synchronisieren, verwandeln Planung, Verwaltung und Betrieb in ein vernetztes, intelligentes Zusammenspiel. Wer heute noch glaubt, dass 3D-Modelle hübsche Spielereien für Architekturbüros sind, wird staunen: Der digitale Zwilling ist längst zum Herzschlag der nächsten urbanen Generation geworden. Doch wie gelingt die Synchronisation von städtischen Steuerungssystemen und Digital Twins wirklich? Und sind unsere Städte bereit für diese Revolution?

  • Der Artikel erklärt, wie urbane Steuerungssysteme durch Digital Twins fundamental verändert werden.
  • Er beleuchtet die technischen Grundlagen, von Sensordaten bis KI-gestützten Simulationen.
  • Internationale Vorreiterstädte zeigen, wie Echtzeitsteuerung und Digital Twins im Alltag funktionieren.
  • Die spezifischen Herausforderungen und Chancen im deutschsprachigen Raum werden kritisch analysiert.
  • Governance, Datensouveränität und offene Plattformen als Schlüsselthemen für die erfolgreiche Implementierung.
  • Das Zusammenspiel von Beteiligung, Transparenz und algorithmischer Steuerung wird fachlich und gesellschaftlich eingeordnet.
  • Szenarien für resiliente, adaptive Stadtentwicklung durch synchronisierte Systeme und Zwillinge werden aufgezeigt.
  • Der Artikel diskutiert Risiken wie Privatisierung von Stadtmodellen und technokratische Verzerrungen.
  • Praktische Empfehlungen für Planer, Verwaltungen und Entscheider runden den Beitrag ab.

Vom statischen Modell zum dynamischen System: Was urbane Steuerung mit Digital Twins wirklich bedeutet

Das Bild der Stadt als lebendiges, atmendes Organ ist längst mehr als ein poetisches Gleichnis. Moderne Städte bestehen aus unzähligen, miteinander verwobenen Steuerungssystemen – von der Verkehrslenkung über das Energie- und Wassermanagement bis zu Klima- und Sicherheitsinfrastrukturen. Lange Zeit wurden diese Systeme separat betrachtet, optimiert und verwaltet. Mit dem Einzug von Digital Twins vollzieht sich jedoch ein Paradigmenwechsel: Die Stadt als Summe ihrer Daten, als synchronisiertes, digitales Abbild, das Planung, Betrieb und Steuerung in Echtzeit verbindet.

Ein Digital Twin ist weit mehr als ein hübsches 3D-Modell für Präsentationen. Er ist ein datengestütztes, dynamisches Abbild der realen Stadt, gespeist von Sensoren, Geoinformationssystemen und wachsenden Datenströmen aus urbanen Infrastrukturen. Durch die Synchronisation mit urbanen Steuerungssystemen entsteht eine bislang unerreichte Transparenz und Interaktionsfähigkeit. Statt isolierter Dateninseln verknüpft der digitale Zwilling Informationen zu Verkehrsflüssen, Energieverbrauch, Mikroklima oder Baustellen zu einem Gesamtbild, das Entscheidern in Echtzeit zur Verfügung steht.

Die Auswirkungen sind fundamental: Verkehrssteuerungen reagieren nicht mehr nur auf historische Muster, sondern auf aktuelle Bewegungsdaten und simulierte Szenarien. Energiemanagement erhält durch die Kopplung mit Wetterprognosen und Verbrauchsdaten eine neue Präzision. Selbst Katastrophenschutz und Klimaanpassung können durch die dynamische Modellierung von Risiken und Resilienzfaktoren gezielter gesteuert werden. Die Synchronisation von Digital Twins und Steuerungssystemen ist damit der Schlüssel zur adaptiven, lernenden Stadt – vorausgesetzt, die Systeme sind offen, interoperabel und intelligent vernetzt.

Technisch bedeutet das eine hohe Komplexität: Unterschiedlichste Datenquellen müssen in Echtzeit zusammengeführt, validiert und verarbeitet werden. Hinzu kommen Fragen der Datensicherheit, Schnittstellenstandardisierung und Performanz. Doch der Nutzen liegt auf der Hand: Nur durch diese Synchronisation kann die Stadtplanung nicht nur visualisieren, sondern auch wirklich steuern – und zwar kontinuierlich, nicht mehr nur in jahrelangen Planungszyklen.

Damit verändert sich auch die Rolle von Planern, Verwaltungen und Technikern grundlegend. Sie werden zu Kuratoren und Steuermännern eines sich fortwährend aktualisierenden Stadtmodells, in dem Simulation und Realität untrennbar miteinander verschmelzen. Statt statischer Masterpläne entstehen agile, resiliente Steuerungskonzepte, die sich dem Puls der Stadt anpassen.

Technologische Grundlagen: Wie Digital Twins urbane Steuerungssysteme befeuern

Die Magie der Synchronisation liegt in der technischen Architektur hinter den Kulissen. Ein Urban Digital Twin ist ein hochgradig vernetztes System, das verschiedene Schichten urbaner Realität abbildet und diese mit den Steuerungssystemen der Stadt koppelt. Im Zentrum stehen dabei die Daten – und deren nahtlose Integration. Sensorik, wie LoRaWAN-basierte Umweltsensoren, Verkehrsdetektoren, Smart Meter im Energienetz oder Wetterstationen, liefern einen konstanten Strom von Echtzeitdaten. Diese werden über offene Schnittstellen in das digitale Stadtmodell eingespeist, validiert und mit bestehenden GIS-Datensätzen, Bebauungsplänen oder Verkehrsmodellen angereichert.

Ausschlaggebend ist die Fähigkeit, diese Rohdaten in anwendbare Informationen zu verwandeln. Dafür kommen KI-gestützte Algorithmen und komplexe Simulationsmodelle zum Einsatz. Sie berechnen Vorhersagen, spielen Szenarien durch und erkennen Muster, die für menschliche Planer unsichtbar blieben. Das Ergebnis: Steuerungssysteme, die nicht nur reagieren, sondern antizipieren können. Städtische Leitzentralen werden damit zu Reallaboren, die den Puls der Stadt messen und Maßnahmen gezielt aussteuern – von der Ampelsteuerung über das Wassermanagement bis zur Steuerung der öffentlichen Beleuchtung.

Ein zentrales Element sind dabei offene urbane Plattformen, die als Datendrehscheiben und Integrationspunkte fungieren. Sie ermöglichen es, Daten aus unterschiedlichen Systemen zusammenzuführen und für verschiedene Anwendungen bereitzustellen. Die Synchronisation von Digital Twins und Steuerungssystemen ist dabei kein monolithischer Prozess, sondern ein fein abgestimmtes Orchester aus Microservices, APIs und Datenpipelines. Besonders relevant wird dies bei der Verknüpfung von Echtzeitdaten mit langlaufenden Simulationsrechnungen, etwa bei der Prognose von Verkehrsspitzen, Hitzeinseln oder Überschwemmungsrisiken.

Ein Beispiel aus der Praxis: In Helsinki werden die Daten der städtischen Verkehrssteuerung, der Wetterstationen und der Energieverbrauchsmessung in den Urban Digital Twin eingespeist. Die daraus entstehenden Simulationen ermöglichen nicht nur effizientere Verkehrslenkung, sondern auch vorausschauende Wartungsstrategien für die Infrastruktur. In Singapur wiederum koppelt der digitale Zwilling das Regenwassermanagement mit Echtzeitdaten aus dem Kanalnetz, um Überschwemmungen proaktiv zu verhindern.

Die Herausforderung liegt dabei nicht nur in der Technologie, sondern auch in der Governance. Wer bestimmt, welche Daten wie genutzt werden? Wie wird Datensouveränität gesichert? Und wie können offene Standards geschaffen werden, damit verschiedene Städte und Systeme miteinander sprechen können? Hier entscheidet sich, ob die Synchronisation von Digital Twins und Steuerungssystemen ein exklusives Expertenspiel bleibt – oder zur Grundlage einer neuen, offenen Stadtsteuerung wird.

Smarte Städte international: Best Practices und Lehren für den deutschsprachigen Raum

Die internationale Bühne bietet zahlreiche Beispiele für den erfolgreichen Einsatz synchronisierter Digital Twins. Singapur gilt als Vorreiter: Hier ist der Urban Digital Twin fest in die städtische Steuerungsarchitektur eingebettet. Echtzeitdaten aus Verkehr, Klima, Wasser und Energie fließen in das System ein, das sowohl für die operative Steuerung als auch die langfristige Stadtentwicklung genutzt wird. Die Stadt kann so flexibel auf Wetterextreme, Verkehrsprobleme oder Infrastrukturengpässe reagieren – und das mit einer Präzision, die klassische Planungsverfahren alt aussehen lässt.

Helsinki setzt auf einen offenen, zugänglichen Urban Digital Twin, der nicht nur Verwaltung und Unternehmen, sondern auch Bürgern zur Verfügung steht. Der Mehrwert liegt hier in der Transparenz und der Möglichkeit, partizipative Prozesse direkt mit Daten und Simulationen zu unterfüttern. Das Ergebnis: Planungsentscheide werden nachvollziehbarer, die Akzeptanz steigt, und die Stadtgesellschaft kann sich aktiv beteiligen.

Wien wiederum nutzt seinen digitalen Zwilling, um die komplexen Zusammenhänge zwischen städtebaulicher Entwicklung, Mikroklima und Mobilität in den Griff zu bekommen. Mit Hilfe von Simulationsmodellen werden die Auswirkungen neuer Quartiersentwicklungen auf Windströmungen, Hitzebelastung und Verkehrsaufkommen bereits im Planungsverfahren durchgespielt. Das ermöglicht eine vorausschauende, klimaresiliente Stadtentwicklung, die sich flexibel an neue Herausforderungen anpasst.

Auch in Rotterdam und Zürich werden Digital Twins mit Steuerungssystemen synchronisiert, um Überschwemmungsrisiken und Verkehrsströme in Echtzeit zu managen. Hier zeigt sich besonders, wie wichtig die Integration unterschiedlicher Datenquellen und die Offenheit der Systeme sind. Nur so kann das volle Potenzial der Technologie ausgeschöpft werden.

Für den deutschsprachigen Raum ergibt sich daraus eine klare Lehre: Der Mut zur Offenheit, zur Standardisierung und zur Beteiligung ist entscheidend. Während viele deutsche Städte noch mit Pilotprojekten und Insellösungen experimentieren, zeigen die internationalen Beispiele, dass Skalierung und Integration möglich sind – wenn politische, rechtliche und technische Rahmenbedingungen stimmen. Die Zeit der Einzelprojekte ist vorbei. Wer den Anschluss nicht verlieren will, muss jetzt in synchronisierte, offene Plattformen investieren – und die Grenzen zwischen Planung, Betrieb und Beteiligung überwinden.

Herausforderungen, Risiken und Chancen: Wie gelingt die Synchronisation in der DACH-Region?

Im deutschsprachigen Raum gibt es keine technologischen Wüsten – aber durchaus einen Flickenteppich in Sachen Synchronisation und Digitalisierung. Viele Kommunen setzen auf smarte Einzelprojekte, sei es im Verkehrsmanagement, bei der Klimaanpassung oder der Quartiersentwicklung. Doch die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Insellösungen in ein konsistentes, synchronisiertes Gesamtsystem zu überführen. Hier hakt es oft an fehlenden Standards, mangelnder Interoperabilität und Unsicherheiten bezüglich Datenschutz und -souveränität.

Ein zentrales Problem stellt die Governance dar. Wer besitzt die Daten, wer betreibt die Plattform, wer trägt die Verantwortung für die Interpretation der Simulationen? In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die kommunale Selbstverwaltung ein hohes Gut – doch sie erschwert oft die überregionale Standardisierung und den Datenaustausch. Hinzu kommt eine gewisse Skepsis gegenüber zentralen, digitalen Steuerungssystemen, die als Kontrollverlust oder Privatisierungsgefahr wahrgenommen werden.

Gleichzeitig bieten Digital Twins enorme Chancen für Beteiligung und Transparenz. Durch offene Schnittstellen und Visualisierungen können Bürger in Planungs- und Steuerungsprozesse eingebunden werden. Simulationen machen die Auswirkungen von Entscheidungen nachvollziehbar und bieten Raum für Diskussion und Korrektur. Voraussetzung ist allerdings, dass die Systeme verständlich, zugänglich und erklärbar bleiben. Die Gefahr algorithmischer Black Boxes, in denen Parameter und Entscheidungslogiken undurchsichtig bleiben, muss aktiv adressiert werden – etwa durch offene Dokumentation, Partizipation und unabhängige Audits.

Auch die Frage nach dem Schutz sensibler Daten ist zentral. Urbane Steuerungssysteme arbeiten mit hochgranularen Informationen, von Bewegungsmustern bis zu Energieverbräuchen. Hier braucht es klare Regeln für Datensparsamkeit, Zugriffskontrolle und Zweckbindung. Nur so kann das Vertrauen der Stadtgesellschaft gesichert werden – und nur dann werden Digital Twins zum demokratischen Werkzeug, nicht zum Kontrollinstrument.

Die größte Chance liegt jedoch in der Möglichkeit, Städte resilienter, adaptiver und gerechter zu gestalten. Synchronisierte Systeme ermöglichen eine vorausschauende Planung, die auf aktuelle Herausforderungen flexibel reagieren kann. Von der Katastrophenvorsorge bis zur nachhaltigen Flächennutzung eröffnen sich neue Wege, urbane Räume nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten. Wer die Hürden überwindet, kann mit Digital Twins nicht nur effizienter steuern, sondern auch neue Formen städtischer Lebensqualität schaffen.

Fazit: Synchronisierung als Schlüssel zur urbanen Evolution

Die Synchronisation urbaner Steuerungssysteme mit Digital Twins markiert den Beginn einer neuen Ära der Stadtentwicklung. Es reicht nicht mehr aus, Daten zu sammeln und hübsche 3D-Modelle zu bauen. Entscheidend ist die intelligente Verknüpfung von Echtzeitinformationen, Simulationen und operativen Steuerungsmechanismen. Nur so entsteht eine Stadt, die auf Herausforderungen nicht nur reagiert, sondern ihnen einen Schritt voraus ist.

Internationale Vorreiter zeigen, dass es möglich ist: Offene Plattformen, standardisierte Schnittstellen und transparente Governance machen den digitalen Zwilling zum Herzstück adaptiver, lernender Städte. Sie ermöglichen resiliente Stadtentwicklung, partizipative Planung und effizienten Betrieb – und das in Echtzeit. Für den deutschsprachigen Raum bedeutet das einen doppelten Kulturwandel: technisch, aber vor allem organisatorisch und gesellschaftlich.

Die Risiken sind real – von der Kommerzialisierung städtischer Daten über algorithmische Verzerrungen bis hin zu Kontrollverlust und Ausschluss. Doch die Chancen überwiegen: Wer die Synchronisation wagt, kann den Sprung von der Verwaltung zur Gestaltung schaffen, vom statischen Plan zum dynamischen System. Die Stadt von morgen ist nicht nur gebaut, sie ist modelliert, simuliert, synchronisiert und offen für Innovation.

Es liegt jetzt an Planern, Verwaltungen und Entscheidern, die richtigen Weichen zu stellen. Offene Standards, klare Regeln für Datennutzung und eine transparente, partizipative Governance sind die Schlüssel. Wer sich jetzt auf den Weg macht, gestaltet nicht nur digitale Zwillinge – sondern die Zukunft der urbanen Gesellschaft. Willkommen in der Zeit der Echtzeitstadt: synchronisiert, resilient und smarter als je zuvor.

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Slow Food Landscape bei Turin

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Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.