Dichte Bebauung, versiegelte Flächen und mangelnde Begrünung führen zu einem signifikanten Temperaturunterschied zwischen städtischen und ländlichen Gebieten. Strategien wie Gründächer, helle Materialien und durchdachte Stadtplanung helfen, diese Effekte zu mindern und urbane Räume lebenswerter zu gestalten. Foto von Andreas M auf Unsplash

Der Temperaturunterschied zwischen städtischen und ländlichen Gebieten ist ein bekanntes Phänomen, das weitreichende Folgen für die Stadtplanung und Landschaftsarchitektur hat. Dieses sogenannte „Wärmestadt-Insel-Phänomen“ (Urban Heat Island Effect, UHI) beruht auf mehreren Faktoren, die in städtischen Räumen besonders stark ausgeprägt sind.

Ursachen des Temperaturunterschieds

  1. Materialwahl und Versiegelung: Asphalt, Beton und dunkle Dachflächen absorbieren tagsüber verstärkt Sonnenstrahlung und geben diese während der Nacht langsam wieder ab. Dadurch heizen sich urbane Räume stärker auf als natürlich belassene Flächen.
  2. Gebäudegeometrie: Dichte Bebauung und enge Straßenschluchten verhindern die ungehinderte Abstrahlung von Wärme und vermindern die Luftzirkulation. Dies trägt zur Wärmespeicherung bei.
  3. Mangel an Vegetation: Begrünte Flächen kühlen durch Verdunstung und Schattenbildung. In städtischen Räumen fehlen häufig diese kühlenden Effekte.
  4. Anthropogene Wärmequellen: Verkehr, Industrie und Klimaanlagen geben kontinuierlich Wärme ab und tragen so zur Temperaturerhöhung bei.
  5. Luftverschmutzung: In städtischen Gebieten sind mehr Partikel in der Atmosphäre, die Wärmestrahlung absorbieren und zur Aufheizung beitragen.

Auswirkungen des Temperaturunterschieds

Die erhöhten Temperaturen in Städten beeinflussen die Lebensqualität und Umwelt erheblich:

  1. Gesundheitsbelastungen: Besonders für ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen können hohe Temperaturen gesundheitlich problematisch werden. Hitzewellen in Städten zeigen oft eine erhöhte Sterblichkeitsrate.
  2. Erhöhter Energiebedarf: Klimaanlagen und Kühlsysteme laufen in urbanen Räumen länger und intensiver, was zu einem höheren Energieverbrauch führt.
  3. Veränderte Ökosysteme: Der Temperaturanstieg kann Pflanzenwachstum und Tierwanderungen beeinflussen und die Biodiversität in urbanen Räumen verringern.
  4. Stärkere Hitzebelastung in sozial benachteiligten Quartieren: Diese Gebiete verfügen häufig über weniger Grünflächen und Schattenzonen.

Strategien zur Minderung des Temperaturunterschieds

Um den Temperaturunterschied zu verringern, sind gezielte planerische Maßnahmen erforderlich:

  • Gründächer und Fassadenbegrünungen verbessern die Verdunstung und senken die Umgebungstemperatur.
  • Entsiegelung und die Integration von Grünflächen fördern den Wasserhaushalt und kühlen die Umgebung durch Verdunstung.
  • Helle Materialien und reflektierende Oberflächen verringern die Aufheizung von Gebäuden und Plätzen.
  • Intelligente Stadtplanung mit breiten Straßenzügen und gut belüfteten Plätzen fördert die Luftzirkulation.

Landschaftsarchitekten und Stadtplaner sind entscheidend daran beteiligt, durch durchdachte Konzepte und nachhaltige Materialien die Auswirkungen des Temperaturunterschieds zu minimieren und lebenswerte urbane Räume zu gestalten. Die Kombination aus Begrünung, reflektierenden Materialien und durchdachter Stadtstruktur kann langfristig eine signifikante Abkühlung bewirken.

 

Mehr zu Beat the Heat erfahren Sie hier.

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Cover: Ina Bunge, Redaktionsteam
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Wir stehen vor einer radikalen Wende in der Kultur unserer Raumproduktion. So lautet die These der diesjährigen gastkuratierten Garten + Landschaft. Die besondere Ausgabe gestaltete das Berliner Landschaftsarchitekturbüro SINAI. Dem Büro war es ein Anliegen, Spannungsfelder zu thematisieren, die die Landschaftsarchitektur gegenwärtig prägen und zu denen SINAI sich eine stärkere Diskussion wünschen. Die Ausgabe ist ein Plädoyer für ausgelebte Ambivalenzen.

Kommen wir gleich zur Sache. Das Besondere an dieser, vom wunderbaren Berliner Büro SINAI gastkuratieren G+L? Beim Lesen hat man das Gefühl, mit SINAI am Tisch zu sitzen, Teil der hier publizierten Gespräche zu sein, gleich mitdiskutieren zu wollen. Denn: Die Herausforderungen, die geschilderten Frustrationen, die Hoffnungen – diese dürften die meisten von Ihnen, liebe Leser*innen, aus dem eigenen Planungsalltag kennen, Sie tagtäglich betreffen und beschäftigen.

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Der Klimawandel – zu langsam und leise?

Ukrainekrieg, Energiekrise, der zunehmende Rechtsruck der europäischen Politik – uns haben in den letzten Wochen und Monaten so einige bestürzende Nachrichten erreicht. Dass Europa 2022 jedoch den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebte, dafür schien in den Newsportalen kaum Platz zu sein. Zu langsam und zu leise scheint er, der Klimawandel. Die Folgen der Klimakrise wirken im Vergleich zu unspektakulär. So traurig und faktisch falsch das auch sein mag. Denn uns in unserer Profession betreffen sie tagtäglich.

Diskussion in fünf Dialogen

Umso wichtiger erachten wir die diesjährige gastkuratierte Ausgabe von SINAI. Nach Topotek 1 (2020) und bauchplan ).( (2021) gastkuratiert das Berliner Büro 2022 die G+L. In fünf Dialogen diskutiert SINAI allen voran den Klimawandel und welche Veränderungen dieser für die Landschaftsarchitekturprofession mit sich bringt. Das allgemeine Blabla hierzu kennen wir alle, haben wir alle schon mehrmals gelesen, können es nicht mehr sehen.
Deswegen pfeift SINAI in den Gesprächen auf Sonntagsbekenntnisse und sucht nach dem, was die Profession wirklich umtreibt – sowohl im Praktischen als auch im Theoretischen.

Mit wem sitzen Sie also am Tisch? Mit dabei sind unter anderem Carlo W. Becker (bgmr) und Nils Buschmann (ROBERTNEUNTM). Sie diskutieren über die Zukunft der Stadt, über Versickerungsmulden und Bullerbü-Idylle. Ab Seite 30 plädieren aber auch Franz Reschke (FRL) und Steffan Robel (A24 Landschaft) für einen progressiven, baukulturellen Umgang mit dem Klimawandel. Eine Forderung, für die sich auch Sophie Holz (SINAI) in ihrem Leitartikel „Schönheit wird die Welt erretten“ stark macht.

Dialog und Reflexion

Die Ausgabe spiegelt durch und durch das Berliner Büro wider. Für SINAI gehören der Dialog und das gemeinsame Reflektieren zum Selbstverständnis. Dafür steht im Übrigen auch der Büroname SINAI: für eine Landschaft des bewegten Denkens, für das Nomadische im Entwerfen. SINAI begibt sich stets auf neue Wege und hinterfragt das Begangene. Was das Büro also wohl von der Arbeit an diesem Heft mitnehmen wird? Dem werden wir noch ein Interview widmen. Bis dahin: Viel Spaß beim Entdecken dieser Ausgabe.

Die G+L 11/22 kuratiert von Sinai ist bei uns im Shop erhältlich.

Im Oktober ist unser Heft zum Thema „Lichtplanung“ erschienen. In diesem beschäftigen wir uns mit den Lichtkonzepten ausgewählter europäischer Großprojekte. Mehr dazu hier.

S
BürosSINAI

Garten Leben in der Alten Gärtnerei

 

„GartenLeben“, unter diesem Titel haben die Autoren Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben. Es unterscheidet sich von vielen Gartenbüchern, mit schönen Bildern, die aber oft die „gärtnerische Seele“, die enge Verbindung zwischen Mensch und Pflanze vermissen lassen. Davon, vom gemeinschaftlichen Zusammenleben mit der Pflanzenwelt, berichtet das Ehepaar Klaffke in vielfältiger, sehr unterhaltsamer Form.

Das Gartenexperiment begann vor 15 Jahren, ein im Anfang nicht überschaubares Experiment. Die Autoren beschreiben den Start, die Planungsschritte und schließlich das Resultat. Im Jahr 1999 kauften sie eine seit 1994 stillgelegte Stadtgärtnerei in Hannover-Oberricklingen, bestehend aus verfallenen Gewächshäusern, einem Arbeits-Verbindungshaus und diversen Frühbeet- Kästen, insgesamt eine Fläche von 900 qm. Hier sollte nun ihr Alterssitz entstehen, in möglichst enger Verzahnung von Wohnen und Garten, denn sie wollten vor allem gärtnern. Normale Bauherren hätten den Glasschrott abgerissen, dann ein Haus mit üblichem Hausgarten angelegt. Doch das war nicht ihr Ding, sie ersannen ungewöhnliches, sie wollten, dies auch im Sinne erhaltender Denkmalpflege, möglichst viel der vorhandenen Strukturen erhalten. Eine verrückte Idee, so dachten viele Zeitgenossen.

In langer mühsamer Arbeit, den Abriss führte die Familie weitgehend in Eigenleistung durch und einfühlsamer Planungsleistung des Architekten Peter Hübotter, der, an Eigenwilligkeit von Gärtnern gewöhnt, die Bauherren zum Durchhalten ermutigte. So entstand eine Kombination von altem und neuen, eine Integration von Wohnen und Garten. Das einzige steinerne Bauwerk, der 20 m lange Verbinder, wurde zum Wohnraum ausgebaut, mit Bibliothek, Küche und Essplatz, der vorhandene Dachraum zum Gästezimmer. Ein altes Gewächshaus blieb erhalten, es verbindet nun den Wohnraum mit einem daran gebauten Schlaftrakt. Und der Garten ? – es ist kein Garten im üblichen Sinne, er besteht aus parallel verlaufenden „Gartenbändern“, entsprechend der vorgegebenen Strukturen der einstigen Frühbeet-Kästen, deren hochgemauerte Wände erhalten blieben. So entstanden Bankbeete, die mit Stauden, Sommerblumen, Sträuchern und Rankpflanzen bepflanzt wurden. Ergänzt wurde der Blumengarten mit einem an das Grundstück grenzenden 400 qm großen Stück gepachteten Grabeland für Obst- und Gemüsekulturen.

Gärtnern ist für Klaffkes mehr als nur ein Hobby, sie empfinden ihr Gartensein, ihr tägliches Gartenerleben als ein Lebensmodell, das hilft, die kulturellen und auch sozialen Beziehungen zur natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu klären. Der Garten als Modell der Nachhaltigkeit, auch das Prinzip des Kleingartenwesens, den Garten als zusätzliche Ernährungsquelle zu nutzen, spielte eine Rolle. So ist ein Teil ihrer Gartenphilosophie, in den Sommermonaten, so weit wie möglich, aus dem Garten zu leben, mit angebauten Kartoffeln, Gemüsen, Obst in Form von Beeren, Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen bis zu Feigen.

Gegliedert in zwölf Monatsberichten, wird der Leser mit auf eine Gartenreise durch das Jahr genommen. Jeder Monatsbericht bereichert durch eine besondere Facette eigenen Gartenerlebens. Der Text ist reich bebildert. Die sehr schönen und ausdrucksstarken ca. 300 Fotos von Jutta Alms sind als Ergänzung des Textes eine schöne Ergänzung. Man ist erstaunt über die Vielzahl der abwechslungsreichen Fotomotive und glaubt gar nicht, dass sie alle aus dem relativ kleinen Garten stammen.

In den Wintermonaten beginnt das Gärtnern im „Gartenhaus“, im Gewächshaus. Hier wird ausgesät, pikiert, ein- und umgetopft, das kommende Gartenjahr gedanklich vorbereitet. Es ist noch eng im Gewächshaus, viele Kübelpflanzen überwintern hier, zusätzlich zu den ständigen Dauergäste, wie eine prächtige nicht ganz winterharte Strauchrose, eine Maréchal Niel, die jedes Jahre mit hundertfacher Blüte überrascht, eine Buddleia asiatica, eine Bougainvillee, ein Eibisch, Kamelien, Passionsblume, eine Winde, Zierspargel, Farne, exotische Salvien und manches mehr und als Fruchtspender Tafeltrauben, Feigen, Salatgurken, Tomaten und Melonen.

Mit Interesse und Gewinn liest man die lyrischen, gartenphilosophischen Texte, sie spiegeln das intensive Gartendenken und Gartenhandeln der Autoren wider, ein Text, mit viel Seele und Gartenverstehen geschrieben. Beschrieben wird die ästhetische Wirkung einzelner Pflanzen, ihr Blühverhalten, ihr Zusammenleben mit anderen Pflanzengesellschaften, ihre Wirkung auf den Betrachter. Es ist eine erstaunlich reichhaltige Flora von Nutz- und Zierpflanzen in dem relativ kleinen Garten zu finden, von Zwiebelgewächsen über Stauden und Sommerblumen bis zu Zier- und Obstgehölze. Vielerlei Hinweise, Ratschläge und Standortbeschreibungen regen den Leser zu eigenen Gartenschöpfungen an.

Schließlich der Klaffke-Garten als sozialer Ort, als beliebter Treffpunkt. Mehrfach im Jahr besucht ein benachbarter Kinderhort den Garten, die Kinder erleben das Wachsen und Blühen. Freunde sind oft zu Gast, vor allem dann, wenn im September die „Offene Gartenpforte“ in Hannover Saison hat. Gesa und Kaspar Klaffke waren es, die gemeinsam mit anderen Gartenfreunden im Jahr 1991 die aus England eingeführte „Garten-Nachbarschaftsidee“ in die Region Hannover einführten, eine Idee, die sich sehr bald auch in anderen Bundesländern ausbreitete. Der Garten Klaffke war von Anfang an dabei, ein Ort des Gedankenaustausches, angereichert mit Lesungen und Konzerten.

„Gartenpflege belohnt den Besitzer“, so hat es der Gartenfreund Goethe einmal ausgedrückt. Hinzufügen möchte man, gleichermaßen den Besucher, der Sinn für Gartenkultur hat. Bleibt dem Ehepaar nur zu wünschen, dass sie noch möglichst lange ihr Paradies sich und anderen erhalten mögen. Und, auch dies sei angemerkt, dass zur gegebenen Zeit ein Nachfolger gefunden wird, dieses in dieser Art wohl einmalige Kulturwerk fortzusetzen.