Thermische Komfortkarten für Planverfahren – Entscheidungsgrundlage oder Spielerei?

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Foto einer stark befahrenen Stadtstraße neben hohen Gebäuden in Zürich, aufgenommen von Bin White

Thermische Komfortkarten sind das neue Steckenpferd digital-affiner Stadtplaner – heiß begehrt, aber ebenso umstritten. Zwischen präzisem Werkzeug für klimabewusste Stadtentwicklung und nettem Gimmick für bunte Präsentationen stellt sich die Frage: Was können diese Karten wirklich im Planverfahren leisten? Und sind sie im Ernstfall harte Entscheidungsgrundlage oder doch bloß digitale Spielerei?

  • Definition und Bedeutung thermischer Komfortkarten in der Stadtplanung
  • Wie thermische Komfortkarten erstellt werden und welche Daten sie benötigen
  • Anwendungsfelder: Von Bebauungsplänen bis zur Bürgerbeteiligung
  • Stärken und Schwächen als Entscheidungsgrundlage im Planverfahren
  • Technische, methodische und rechtliche Herausforderungen im DACH-Raum
  • Fallbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Risiken der Überinterpretation und der algorithmischen Verzerrung
  • Thermische Komfortkarten als Kommunikationsmittel in der Planung
  • Empfehlungen für die professionelle Nutzung – und was man besser lassen sollte

Thermische Komfortkarten: Was steckt dahinter?

Thermische Komfortkarten sind längst kein reines Nischenprodukt digitaler Stadtklimatologen mehr. Inzwischen begegnen sie jedem, der sich mit nachhaltiger Quartiersentwicklung, Klimaanpassung oder hitzeresilienter Stadtgestaltung beschäftigt. Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff? Im Kern handelt es sich um flächenbezogene Darstellungen, die das thermische Empfinden von Menschen in urbanen Räumen visualisieren. Dabei werden Faktoren wie Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung und Verschattung miteinander verrechnet – und das Ergebnis auf Kartenebene projiziert.

Das Ziel ist, die menschliche Wahrnehmung von Hitze, Kälte und thermischer Belastung in verschiedenen Stadträumen abzubilden. Im Gegensatz zu klassischen Temperaturkarten, die meist nur Messwerte einzelner Wetterstationen wiedergeben, simulieren thermische Komfortkarten den tatsächlichen Aufenthalt in der Stadt. Sie zeigen zum Beispiel, wo auf einem Platz im Sommer die gefühlte Temperatur dank Baumschatten um mehrere Grad niedriger liegt als auf dem sonnenexponierten Asphalt nebenan. Oder wo die Kombination aus beengter Bebauung und fehlender Luftbewegung subjektiv drückender wirkt als die bloße Temperatur vermuten lässt.

Die wissenschaftliche Grundlage bildet meist das sogenannte Physiologisch Äquivalente Temperaturmaß (PET), das international als Standard für den thermischen Komfort gilt. Auch der Universal Thermal Climate Index (UTCI) oder der Mean Radiant Temperature (MRT) finden Anwendung, abhängig vom Grad der gewünschten Genauigkeit und der Verfügbarkeit von Eingangsdaten. Entscheidend ist: Thermische Komfortkarten simulieren den komplexen Mix aus Klima, Mikroklima, Bebauungsstruktur, Vegetation und Nutzung – und machen ihn planerisch greifbar.

Für Planer bieten solche Karten die Möglichkeit, Belastungsschwerpunkte, sogenannte Hot Spots, frühzeitig zu erkennen und planerische Gegenmaßnahmen gezielt zu platzieren. Beispielsweise lässt sich auf Basis von Komfortkarten ablesen, wo neue Baumstandorte, Wasserflächen oder Verschattungsstrukturen die Aufenthaltsqualität signifikant verbessern würden. Gleichzeitig dienen sie als Argumentationshilfe im Verfahren und werden zunehmend als Werkzeuge für die Beteiligung von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit eingesetzt.

Doch wie präzise sind diese Karten eigentlich? Und wie verlässlich ist das, was sie zeigen? Hier scheiden sich die Geister. Denn thermische Komfortkarten sind immer nur so gut wie die Daten, Modelle und Annahmen, auf denen sie basieren. Sie laden zum Interpretieren ein – und zum Überinterpretieren ebenso. Was bleibt, ist die spannende Frage: Wie viel Substanz steckt im bunten Kartenbild?

Von der Datenerhebung zur Simulation: Wie entstehen thermische Komfortkarten?

Die Erstellung thermischer Komfortkarten ist ein klassischer Fall für Schnittstellenkünstler. Sie verlangt die enge Zusammenarbeit von Klimatologen, Geoinformatikern, Planern und – nicht zuletzt – erfahrenen Stadtmenschen, die wissen, wie sich Hitze in der Stadt tatsächlich anfühlt. Ausgangspunkt ist eine breite Datenbasis, die von lokalen Wetterdaten über Stadtklimamessungen, Gebäudedaten, Vegetationskataster, Versiegelungsgrade, Höhenmodelle bis hin zu Verkehrsaufkommen und Oberflächenbeschaffenheit reicht.

Diese Vielzahl an Daten wird in einem Geoinformationssystem (GIS) zusammengeführt und dient als Input für mikroskalige Klimamodelle. Die gängigsten Modelle im deutschsprachigen Raum sind ENVI-met, PALM-4U oder das SimStadt-Modell. Sie simulieren, wie sich Strahlung, Wind, Feuchte und Temperatur auf Quartiers- oder Blockebene auswirken – und das für verschiedene Tages- und Jahreszeiten. Hier kommt es auf die Qualität der Eingangsdaten und die räumliche Auflösung an: Je präziser das digitale Stadtmodell, desto aussagekräftiger sind die Simulationsergebnisse.

Der nächste Schritt ist die Auswertung der Simulationsergebnisse im Hinblick auf den thermischen Komfort. Hier werden die berechneten Werte mit physiologischen Komfortindizes wie PET oder UTCI verrechnet. Diese Indizes basieren auf Modellen des menschlichen Wärmehaushalts und berücksichtigen Faktoren wie Aktivitätsgrad, Bekleidung, Alter und Geschlecht – wobei in der Praxis meist mit Standardwerten gearbeitet wird. Das Ergebnis: Eine flächendeckende Karte, die für jeden Punkt im Untersuchungsgebiet den thermischen Komfort zu einem bestimmten Zeitpunkt oder im Tagesverlauf abbildet.

Doch damit nicht genug: Moderne Komfortkarten gehen längst über die reine Darstellung hinaus. Sie zeigen nicht nur Ist-Zustände, sondern ermöglichen auch die Simulation von Maßnahmen. Was passiert, wenn Bäume nachgepflanzt werden? Wie wirkt sich eine neue Pergola auf dem Platz aus? Verändert eine Frischluftschneise tatsächlich das Mikroklima? Durch die Gegenüberstellung verschiedener Planungsszenarien werden die Effekte sichtbar, quantifizierbar und vergleichbar – ein unschätzbarer Vorteil für stadtklimatische Debatten im Planverfahren.

Die Darstellung erfolgt meist als Farbkarte, wobei unterschiedliche Farbtöne verschiedene Komfortklassen visualisieren: von „sehr angenehm“ bis „gesundheitlich kritisch“. Eine Herausforderung ist die verständliche Kommunikation: Planer und Laien nehmen Kartenbilder unterschiedlich wahr. Die Versuchung, komplexe Ergebnisse auf plakative Farbverläufe zu reduzieren, ist groß – birgt aber das Risiko, Unsicherheiten und Modellannahmen zu verschleiern.

Entscheidungsgrundlage oder Spielerei? Die Rolle im Planverfahren

Thermische Komfortkarten sind längst Bestandteil vieler Bebauungsplanverfahren, Machbarkeitsstudien und Wettbewerbsverfahren. Sie werden von Kommunen, Gutachtern und Planungsteams eingefordert, präsentiert und diskutiert. Doch wie belastbar sind sie als Entscheidungsgrundlage? Hier beginnt die Gratwanderung zwischen datenbasierter Planung und „Kartenfolklore“.

Im Idealfall liefern Komfortkarten eine objektive, nachvollziehbare Grundlage, um stadtklimatische Auswirkungen von Planungen zu bewerten. Sie helfen, die Wirkung von Gebäudestellungen, Freiraumstrukturen, Grünflächen und Verschattungselementen im Hinblick auf die Aufenthaltsqualität im Sommer zu quantifizieren. Gerade in Hitzeschutzkonzepten und Klimaanpassungsstrategien sind sie unverzichtbar – etwa, wenn es darum geht, Mindestanforderungen an Verschattung oder Grünanteile zu definieren.

Doch die Realität sieht oft weniger eindeutig aus. Die Ergebnisse sind abhängig von Modellannahmen, Eingangsdaten und gewählten Komfortindizes. Kleinste Änderungen in der Modellierung können zu deutlich unterschiedlichen Kartenbildern führen. Hinzu kommt: Die Komfortwahrnehmung ist individuell und kontextabhängig. Was für den einen angenehm ist, empfindet der nächste als belastend. Das Modell kann diese Vielfalt nur eingeschränkt abbilden.

Ein weiteres Problem ist die rechtliche Verbindlichkeit. Zwar werden thermische Komfortkarten zunehmend in Umweltberichten, Abwägungen und Begründungen aufgeführt. Doch als „harte“ Entscheidungsgrundlage im Sinne eines rechtsverbindlichen Kriteriums sind sie bisher kaum etabliert. Gerichte und Genehmigungsbehörden tun sich schwer, auf Basis von Simulationsergebnissen bindende Festsetzungen abzuleiten. Thermische Komfortkarten bleiben häufig Empfehlung, Orientierung, Diskussionsgrundlage – aber selten das letzte Wort.

Gleichzeitig droht die Gefahr der Überinterpretation: Bunte Kartenbilder entfalten im politischen Diskurs und in der Bürgerbeteiligung enorme Wirkkraft. Was als Szenario simuliert wurde, wird schnell als Prognose oder Versprechen verstanden. Wer damit arbeitet, muss daher transparent über Unsicherheiten, Modellgrenzen und Annahmen kommunizieren. Sonst droht das Kartenbild zur Spielerei zu verkommen – und das Vertrauen in datenbasierte Planung leidet nachhaltig.

Praxisbeispiele, Herausforderungen und Potenzial im deutschsprachigen Raum

Im DACH-Raum gibt es inzwischen zahlreiche Vorzeigeprojekte, in denen thermische Komfortkarten eine zentrale Rolle spielen. In Wien wurden sie für das Projekt „Cool Streets“ eingesetzt, um temporäre Straßensperrungen gezielt dort zu platzieren, wo die Belastung an heißen Tagen am größten ist. In Zürich dienten sie der Optimierung von Baumpflanzungen bei der Umgestaltung des Sechseläutenplatzes. München hat sie in die Freiraumplanung neuer Quartiere integriert, um Mindeststandards für Verschattung und Kaltluftzufuhr festzulegen. Selbst kleinere Städte wie Ulm oder Graz experimentieren mit dem Einsatz im Bebauungsplanverfahren.

Doch so überzeugend die Beispiele klingen: Die Herausforderungen sind nicht zu unterschätzen. Technisch sind die Hürden hoch – sowohl was die Modellierung als auch die Datenverfügbarkeit angeht. Nicht jede Kommune verfügt über ein aktuelles, hochaufgelöstes 3D-Stadtmodell oder ausreichend Messdaten. Die Modellierung ist rechenintensiv, die Auswertung komplex, die Interpretation anspruchsvoll. Oft fehlt das Fachpersonal, um die Ergebnisse richtig einzuschätzen und weiterzuentwickeln.

Auch methodisch gibt es Baustellen. Die Wahl des richtigen Komfortindex, die Berücksichtigung extremer Wettereignisse, die Simulation von Klimawandelprojektionen und Unsicherheiten: All das verlangt ein tiefes Verständnis nicht nur der Modelle, sondern auch der lokalen Stadtstruktur und Nutzung. Hinzu kommt die Herausforderung, die Ergebnisse in Planzeichnungen, Textfestsetzungen und Kommunikationsformate zu übersetzen, die sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit verstanden werden.

Rechtlich ist die Lage noch uneinheitlich. Zwar gibt es in einigen Bundesländern Hinweise und Empfehlungen, wie thermische Aspekte in die Umweltprüfung einzubeziehen sind. Doch eine einheitliche Normierung, wie sie etwa für Lärmkarten existiert, fehlt bislang. Das schafft Unsicherheit – und lässt Raum für Ermessensspielräume, aber auch für Missbrauch und „Schönrechnen“.

Trotzdem ist das Potenzial enorm. Thermische Komfortkarten schaffen Transparenz über stadtklimatische Risiken, ermöglichen gezielte Maßnahmenplanung und eröffnen neue Wege für die Kommunikation mit Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Sie sind ein Türöffner für mehr Klimaresilienz, wenn sie fachlich fundiert, methodisch sauber und kommunikativ klug eingesetzt werden. Der Schlüssel liegt – wie so oft – in der Qualität der Umsetzung, nicht im bloßen Vorhandensein des Tools.

Fazit: Zwischen Präzisionswerkzeug und digitalem Feigenblatt

Thermische Komfortkarten sind gekommen, um zu bleiben – aber sie sind kein Allheilmittel. Sie bieten eine bislang unerreichte Möglichkeit, stadtklimatische Qualitäten sichtbar, verstehbar und planbar zu machen. In der Praxis sind sie jedoch nur so stark wie die Daten, Modelle und Menschen, die sie einsetzen. Wer sie als Entscheidungsgrundlage im Planverfahren nutzen will, muss bereit sein, Unsicherheiten offen zu legen, Annahmen kritisch zu hinterfragen und Ergebnisse aktiv zu kommunizieren.

Als Spielerei taugen thermische Komfortkarten nur dann, wenn sie zum Selbstzweck werden: als bunte Bildchen, die mehr blenden als erhellen. Richtig eingesetzt, sind sie ein scharfes Werkzeug für die klimaresiliente Stadt, das Planer, Verwaltung und Öffentlichkeit gleichermaßen stärken kann. Die Zukunft liegt in der Verbindung von technischer Exzellenz, methodischer Transparenz und intelligenter Kommunikation – dann werden aus Komfortkarten echte Entscheidungshilfen, die die urbane Lebensqualität der kommenden Jahrzehnte prägen können.

Abschließend lässt sich sagen: Die Zeit der Spielereien ist vorbei. Wer thermische Komfortkarten als Teil einer ernst gemeinten, nachhaltigen Stadtplanung versteht, setzt auf ein Instrument, das helfen kann, Städte besser, gesünder und lebenswerter zu machen. Doch wie immer gilt: Karten sind nur so gut wie ihr Gebrauch – und ihre Nutzer.

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Eine crossmediale Ausstellung im Besucherzentrum der IGA Berlin ergänzt den Gartenschau-Tag mit kurzweiligen Informationen.

“Please think!” Diese sehr deutliche Botschaft des Landschaftsarchitekten Tom Stuart-Smith (Großbritannien) macht sich auch die Ausstellung im Besucherzentrum der IGA zu eigen, in der die Dokumentation über dessen „Landscape out of nothing“ zu sehen ist. Im Video spricht der Gestalter eines der Gartenkabinette der IGA über seine Ansprüche und die Rolle der Besucher.

Eine crossmediale Ausstellungsskulptur ermöglicht es jedem IGA-Besucher, einen individuellen Parcours zu den historischen und kreativen Entstehungsprozessen der Gärten – von der 1987 eröffneten Berliner Gartenschau bis zur IGA 2017 – zu gestalten. Organisiert auf drei Ebenen, ergänzt diese Skulptur für Groß und Klein das, was man beim IGA-Besuch gesehen hat.

Videos, Fotos, Memotafeln und Originalobjekte dokumentieren den gestalterischen Ansatz, die Entwicklung der gesamten Anlage und auch die Kunst auf der IGA. Gelungen ist die Mischung unterschiedlicher Ausstellungsformen wie zum Beispiel das Video zum chinesischen Mondfest (wieder am 23. September 2017 auf der IGA), die japanischen Bauarbeiterschuhe, das Modell zum „Los Angeles Garden“ des deutschen Künstlers Martin Kaltwasser oder die Künstler- und Planerprofile. Erläuterungen zu religiös und kulturell bedingten Symbolen, die in den Gärten zu finden sind, ergänzen alles gekonnt.

Aus dieser Interaktion ist eine Ausstellung entstanden, die es schafft, Landschaftsarchitektur auf einfache, verständliche Weise und zugleich feinsinnig zu vermitteln. Sie wurde sehr kurzweilig sowohl graphisch als auch inhaltlich von der Berliner Agentur Moniteurs in Zusammenarbeit mit der Berliner Landschaftsarchitektin und Filmemacherin Susanne Isabel Yacoub aufbereitet. Diese Form der Präsentation ist nachahmenswert, bedenkt man die langjährigen Anstrengungen, eine breite Öffentlichkeit für die Profession zu erreichen.

Bedauerlich ist, dass diese kleine, sehr gelungene Ausstellung im Besucherzentrum in unmittelbarer Nachbarschaft zu den kommerziellen Angeboten der IGA ihre Wirkung nicht angemessen entfalten kann, trotz Frontverglasung, die zeitgleich den Ausblick in den Park ermöglicht.

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt sind die Gründerinnen und Leiterinnen der Akademie für Raum und Wandel. © Frédéric Henry, 2024

Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt streben einen Wandel in der Planungspraxis an. Um diesen voranzutreiben, haben die beiden Frauen Anfang des Jahres die Akademie für Raum und Wandel gegründet. Mehr zu den Hintergründen und ihren Visionen für die Zukunft, lesen Sie hier. 

„Aktuell stehen wir vor großen globalen Herausforderungen: Themen der Bauwende sowie gesellschaftliche Veränderungen stellen drängende Fragen für unsere Zukunft und fordern ein verändertes Welt- und Selbstverständnis“, sind sich Dr. Isabel Zintl und Dr. Katharina Voigt einig. Zintl ist studierte Landschaftsarchitektin und Architektin, promovierte zu ‚Vertikalen Freiräumen‘ und arbeitet heute als Nachhaltigkeitsexpertin für strategische Stadt- und Freiraumentwicklung und als Mentorin. Voigt ist Architektin, Choreografin für zeitgenössischen Tanz und beschäftigte sich in ihrer Promotion mit dem Thema ‚Impulse und Dialoge zwischen Architektur und Körper’. Aus dem Bedürfnis, Wandel in der Planungsbranche aktiv zu gestalten, gründeten sie Anfang 2024 die Akademie für Raum und Wandel, die mit dem Herbstprogramm ab September in ihre erste Saison startet. Dabei kollaborieren sie mit einer Vielzahl an Dozent*innen, die in diesem neuen Kontext des Lernens und der Veränderung ihre Expertise teilen.

Zeit für einen Paradigmenwechsel

Trotz ihres starken akademischen Hintergrunds siedeln Zintl und Voigt ihre Plattform jenseits des klassischen Hochschulkontextes an. Dies resultiert laut Voigt aus der Erkenntnis, dass lebenslanges Lernen auch in späteren Lebensphasen essenziell, die Angebote zur Weiterbildung jedoch oft begrenzt und stark getrennt zwischen persönlicher, gesellschaftlicher und beruflicher Entwicklung seien. Im Bewusstsein dieses Defizits machen sich Voigt und Zintl für neue Lehr- und Lernformen, Möglichkeiten der Vernetzung, Austausch auf Augenhöhe und das Eröffnen neuer Themenfelder für die Planungsdisziplinen stark. Die Vision der Akademie für Raum und Wandel ist dabei klar: „Es geht uns um nicht weniger, als um einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der Planungspraxis, der Auffassung von Raum und Wandel und dem Gestalten einer wirklich nachhaltigen gebauten Lebenswelt.“

Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner
Bei den Summerschools in der Fonte della Luna in Ligurien wird im Garten mit angepackt. © Carolin Kemkes-Günner

Nachhaltigkeit in allen Bereichen

Für Zintl resultiert dieser ganzheitliche Ansatz auch aus ihrer jahrelangen Erfahrung als Mutter und Frau in der Baubranche: „Aus meiner Sicht, kann die notwenige »Bauwende« nicht heißen weniger abzureißen und zu betonieren, es geht auch darum zu erkennen, wie wir als Planer:innen arbeiten und leben. Denn wirkliche Nachhaltigkeit betrachtet alle Bereiche, denn auch die eigene Arbeitskraft sollte nachhaltig eingesetzt werden.“ Es sei zu beobachten, dass viele Menschen – vor allem Frauen und Mütter – wegen der Unvereinbarkeit von Privatleben und Beruf die Planungspraxis verließen. Zu viel Stress, Burnout, schlechte Bezahlung oder veraltete Machtstrukturen in den Büros seien einerseits Gründe, aus dem Beruf auszuscheiden. Doch auch moralische Fragen nach der Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit beschäftigten heute vermehrt Arbeitnehmer*innen.

Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen.  © Dr. Isabel Zintl
Die Akademie fördert den Austausch im digitalen und physischen Raum und will Personen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. © Dr. Isabel Zintl

Akademie für Raum und Wandel im digitalen und physischen Raum

In der Aushandlung dieser Herausforderungen und Widersprüche setzt das Angebot der Akademie an. Dabei stehen drei Felder im Mittelpunkt, in denen Zintl und Voigt einen Paradigmenwechsel anstreben: Systeme ganzheitlich statt als Einzellösungen zu betrachten, das Verständnis von Raum und Wandel zu erneuern und das Selbstverständnis von Planer*innen zu hinterfragen. Denn Person und berufliches Wirken sind für Zintl und Voigt eng verzahnt: „Wie kann man menschliche, lebenswerte und nachhaltige Räume planen, wenn diese Absicht und Regel für einen selbst nicht gilt?“

Die Akademie für Raum und Wandel will deshalb vieles anders machen und neu denken. Derzeit passierten der Austausch und die Vermittlung vor allem in Form von Workshops, Seminaren und Ausbildungen als niederschwellige Online-Angebote. Eingeladen sind alle Altersgruppen und Berufssparten der Planungspraxis, entscheidend seien Interesse, nicht eine bestimmte Vorbildung. Auch die Hintergründe der Dozent:innen sind divers. Neben dem digitalen Programm, liegt ein weiterer Fokus auf Summerschools an der Fonte della Luna in der Nähe von Genua.

Die Resonanz auf das Projekt sei schon jetzt groß. Für die Zukunft wünschen sich die Gründerinnen „dass immer mehr Teilnehmer:innen die Einladung annehmen, die Akademie für Raum und Wandel als einen neuartigen Ort  des Lernens und der Veränderung für sich nutzen und nachhaltig Neues schaffen – in der Welt und im eigenen Leben.“

Alle Informationen zur Akademie für Raum und Wandel, zum aktuellen Programm und zur Mitwirkung finden Sie hier.

Weiterlesen: Latz + Partner gestaltete die Freianlagen des Dombergs in Freising neu. Was das Projekt auszeichnet, erklären Iris Dupper und Tilman Latz im Interview.