Thermische Nachverdichtung – wie kompakt darf die Stadt noch werden?

luftaufnahme-einer-stadt-durch-die-ein-fluss-fliesst-P2d8SKdbjEE
Atemberaubende Luftaufnahme einer Stadt mit Flusslauf, aufgenommen von Carrie Borden in Wien, Österreich.

Thermische Nachverdichtung – das klingt nach heißer Luft, ist aber längst ein zentrales Thema für die urbane Zukunft. Wie viel Kompaktheit verträgt die Stadt, bevor sie zur Hitzefalle wird? Zwischen Klimaanpassung, Flächendruck und architektonischer Ambition ringt die Stadtplanung um Antworten, die nicht nur kühl kalkuliert, sondern auch heiß diskutiert werden. Wer wissen will, wie sich die urbane Hitze steuern lässt, muss tiefer einsteigen – und genau das tun wir jetzt.

  • Definition und Relevanz der thermischen Nachverdichtung im urbanen Kontext
  • Stadtklima und die Auswirkungen dichter Bebauung auf Temperaturentwicklung
  • Innovative Strategien zur Klimaanpassung in verdichteten Quartieren
  • Rechtliche, planerische und technische Rahmenbedingungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Best-Practice-Beispiele und aktuelle Forschungsansätze
  • Streitfragen: Wie viel Verdichtung ist noch verantwortbar?
  • Rolle der Landschaftsarchitektur bei der Minderung urbaner Hitzeinseln
  • Chancen und Risiken digitaler Planungstools in der thermischen Stadtentwicklung
  • Beteiligung, Governance und die Suche nach urbanen Kompromissen

Thermische Nachverdichtung: Begriff, Bedeutung und urbane Herausforderungen

Thermische Nachverdichtung ist mehr als ein technokratisches Schlagwort, das in Fachplaner-Kreisen herumgereicht wird. Sie beschreibt den Prozess, bei dem im Zuge städtebaulicher Nachverdichtung die städtische Temperaturentwicklung maßgeblich beeinflusst wird – oft mit ungewollten Nebenwirkungen. Während Nachverdichtung aus Sicht der Flächenökonomie und der nachhaltigen Stadtentwicklung als probates Mittel gilt, um den Wohnraummangel in dynamischen Metropolregionen zu lindern, steht sie aus klimatechnischer Sicht unter Generalverdacht. Denn wo mehr Volumen, mehr Versiegelung und weniger Durchlüftung herrschen, steigt das Risiko für urbane Wärmeinseln, die nicht nur das Wohlbefinden der Bevölkerung, sondern auch die städtische Biodiversität und Infrastruktur belasten.

Die Ursachen sind vielschichtig: Flächenversiegelung, dichter werdende Bebauung, der Rückgang von Kaltluftschneisen und vegetationsarmen Innenhöfen – all das treibt die Erwärmung in die Höhe. Besonders kritisch wird es in sogenannten Blockrandquartieren oder in Großwohnsiedlungen, wo Nachverdichtung oft durch Aufstockung, Nachbauten oder das Schließen von Baulücken erfolgt. Hier addieren sich die Effekte: Die Abstrahlung von Fassaden, die Reduktion von Vegetationsflächen und die eingeschränkte Luftzirkulation bilden einen perfekten Nährboden für Hitzeextreme.

Doch die Problematik ist keineswegs auf den Sommer beschränkt. Auch in kühleren Jahreszeiten beeinflusst die thermische Nachverdichtung das Stadtklima nachhaltig, etwa durch geänderte Windverhältnisse, die Ausprägung von Kaltluftseen oder die Behinderung nächtlicher Auskühlung. Dies wirkt sich direkt auf den Energiebedarf von Gebäuden, das Mikroklima in Straßenschluchten und die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum aus. Städte wie Frankfurt, Wien oder Zürich sehen sich daher gezwungen, klimaplanerische Expertise schon in frühen Entwurfsphasen zu mobilisieren.

Die Herausforderung für Planer, Architekten und Landschaftsarchitekten besteht darin, das Ziel der Flächeneffizienz nicht zum Pyrrhussieg werden zu lassen. Denn der Preis für unbedachte Nachverdichtung kann hoch sein: Steigende Gesundheitsbelastung, Hitzestress, eine sinkende Attraktivität des urbanen Lebensraums und nicht zuletzt die Gefahr, dass sich die Stadt selbst ins thermische Abseits manövriert. Hier beginnt die Kunst des urbanen Kompromisses, bei dem Flächengewinn und Klimaanpassung keine Gegensätze sein dürfen.

Ein wichtiger Aspekt ist zudem die kommunikative Seite der thermischen Nachverdichtung. Denn das Thema ist erklärungsbedürftig, oft emotional aufgeladen und verlangt nach einer integrativen Debatte, die Bürger ebenso einbindet wie die Fachwelt. Nur wenn das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Dichte, Klima und Lebensqualität wächst, können tragfähige Lösungen entstehen – und die Stadt ihren sprichwörtlichen kühlen Kopf bewahren.

Stadtklima im Wandel: Wie Nachverdichtung die urbane Hitze beeinflusst

Die Wechselwirkungen zwischen Bebauungsdichte und Stadtklima sind komplex und oft unterschätzt. Während Nachverdichtung als Königsweg zur Schonung des Landschaftsraums gilt, wirkt sie sich unmittelbar auf die thermische Balance im Stadtkörper aus. Die klassische Urban-Heat-Island-Theorie beschreibt, wie städtische Räume durch dichte Bebauung, wenig Vegetation und hohe Versiegelungsgrade deutlich wärmer werden als das Umland. Die Schere zwischen Stadt und Land kann in heißen Sommernächten Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad Celsius erreichen – mit gravierenden Folgen für Gesundheit, Energieverbrauch und Sozialgefüge.

Die Ursachen für die Ausbildung urbaner Wärmeinseln liegen in den physikalischen Eigenschaften der Baumaterialien, dem Mangel an Verdunstungskälte und der eingeschränkten Durchlüftung. Besonders problematisch wird es, wenn Nachverdichtung ohne Rücksicht auf klimatische Ausgleichsräume erfolgt. Innenhöfe, die einst als grüne Oasen dienten, werden zugebaut, Kaltluftschneisen durch neue Gebäude unterbrochen oder gar ganz beseitigt. Der Effekt: Stagnierende Luft, aufheizende Fassadenflächen und eine dramatisch steigende Aufenthaltsdauer von Hitze im Quartier.

Ein weiteres Problemfeld ist die Versiegelung von Freiflächen. Asphaltierte Plätze, Tiefgaragenzufahrten und überbaute Höfe speichern tagsüber immense Mengen an Wärme und geben sie nachts nur langsam wieder ab. Die Folge ist eine dauerhafte Überhitzung, die sich auch auf die Gebäudetechnik auswirkt. Klimaanlagen laufen auf Hochtouren, der Stromverbrauch steigt – ein Teufelskreis, der den energetischen Vorteil kompakter Bauweise schnell ins Gegenteil verkehren kann.

Aus stadtklimatologischer Sicht ist die Durchlüftung der Schlüssel zur thermischen Resilienz. Doch gerade diese wird bei dichter Bebauung zur Herausforderung. Windkanalstudien belegen, dass schon geringe Veränderungen im Volumen und in der Anordnung von Baukörpern erhebliche Auswirkungen auf die Durchlüftung und somit auf die nächtliche Auskühlung haben. Städte wie Berlin oder Basel setzen daher gezielt auf Klimaanalysen, um sensible Bereiche zu identifizieren und gezielt zu schützen.

Hinzu kommt die soziale Dimension: Die Auswirkungen thermischer Nachverdichtung treffen nicht alle Stadtbewohner gleichermaßen. Vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, Kinder oder gesundheitlich Vorbelastete leiden besonders unter Hitzewellen. Fehlende Begrünung, mangelnder Schatten und hohe Lärmpegel verschärfen die Problemlage und werfen Fragen der sozialen Gerechtigkeit in der Stadtentwicklung auf. Die Integration stadtklimatischer Aspekte in die Bauleitplanung wird so zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe – und zu einem Prüfstein für die nachhaltige Stadt von morgen.

Strategien, Innovationen und Best Practices für klimaresiliente Nachverdichtung

Angesichts der Herausforderungen, die eine verdichtete Stadtstruktur für das urbane Klima mit sich bringt, sind innovative Strategien gefragt, die weit über das klassische Begrünungsdogma hinausgehen. Die Zauberformel lautet: Klimaanpassung muss integraler Bestandteil der Nachverdichtung sein, nicht nachträgliche Reparaturmaßnahme. Hier rücken multifunktionale Freiräume, intelligente Fassadenbegrünungen und adaptive Gebäudekonzepte in den Mittelpunkt der Planung.

Ein Erfolgsfaktor besteht darin, Freiflächen nicht als Restflächen, sondern als zentrale Bausteine des Quartiers zu begreifen. Urbane Parks, durchgrünte Innenhöfe und pocket parks übernehmen dabei eine doppelte Funktion: Sie dienen als Kaltluftentstehungsgebiete und als soziale Treffpunkte. Städte wie Zürich und Wien setzen verstärkt auf die Vernetzung solcher Grünräume, um Frischluftströme zu sichern und Hitzeinseln zu durchbrechen. Auch die Entsiegelung von Flächen und die Schaffung wasserdurchlässiger Beläge spielen eine immer größere Rolle – nicht zuletzt, um Starkregen und Überflutung vorzubeugen.

Fassaden- und Dachbegrünungen sind längst mehr als ein dekoratives Accessoire. Innovative Substratsysteme, automatische Bewässerung und gezielte Pflanzenwahl ermöglichen es, auch auf engstem Raum wirksame grüne Infrastrukturen zu schaffen. Diese tragen nachweislich zur Abkühlung der Umgebungsluft bei und verbessern das Mikroklima in dichten Quartieren. In Hamburg etwa werden Neubauprojekte zunehmend an die Integration von Gründächern gebunden, während München gezielte Förderrichtlinien für Fassadenbegrünungen auflegt.

Ein weiterer Innovationsschub kommt aus der digitalen Planungsecke: Mit Hilfe von urbanen Klimamodellen und digitalen Zwillingen lassen sich die Auswirkungen verschiedener Nachverdichtungsszenarien auf das Stadtklima präzise simulieren. Diese Tools ermöglichen es, schon in der Konzeptphase Maßnahmen zur Hitzeminderung zu identifizieren und zu optimieren. Städte wie Frankfurt und Stuttgart nutzen solche Simulationen, um die Effizienz von Maßnahmen wie Verschattung, Reflexionsmaterialien oder Begrünungen zu testen, bevor der erste Spatenstich erfolgt.

Best-Practice-Beispiele zeigen, dass die Integration von Klimaanpassung und Nachverdichtung kein Widerspruch sein muss. Im Zürcher Quartier Greencity etwa wurde von Anfang an auf eine Mischung aus dichter Bebauung und großzügigen Grünflächen gesetzt, ergänzt durch intelligente Regenwassernutzung und ein ausgeklügeltes Verschattungskonzept. Auch das Wiener Sonnwendviertel beweist, dass hohe Dichte und eine hohe Lebensqualität bei geschickter Planung durchaus vereinbar sind. Entscheidend ist, dass Klimaresilienz zur Leitlinie der Nachverdichtung wird – und nicht zum nachgelagerten Feigenblatt.

Rechtlicher, planerischer und gesellschaftlicher Rahmen: Wie viel Verdichtung ist noch vertretbar?

Die Frage, wie kompakt die Stadt werden darf, ist nicht nur eine technische, sondern vor allem eine politische und gesellschaftliche. In Deutschland, Österreich und der Schweiz existieren unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen, die den Spielraum für Nachverdichtung und Klimaanpassung definieren. Bauordnungen, Landesplanungsgesetze und kommunale Satzungen geben zwar Leitplanken vor, lassen aber oft erhebliche Interpretationsspielräume. So wird das Thema thermische Nachverdichtung in Bebauungsplänen oder Umweltprüfungen häufig nur am Rande behandelt – mit teils fatalen Folgen für die Stadtklimabilanz.

Ein zentrales Problem ist die mangelnde Verbindlichkeit stadtklimatischer Belange in den Planungsprozessen. Während Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) und Strategische Umweltprüfungen (SUP) grundsätzlich die Auswirkungen auf das Stadtklima berücksichtigen sollen, fehlt es häufig an konkreten Vorgaben zur Hitzeminderung. Viele Kommunen verlassen sich auf freiwillige Leitfäden oder Empfehlungen, die jedoch nicht einklagbar sind. Erst in jüngster Zeit werden stadtklimatische Fachgutachten vermehrt als verbindliche Planungsgrundlage herangezogen – ein Trend, der jedoch noch nicht flächendeckend angekommen ist.

Auch die Rolle der Bürger ist im Kontext der thermischen Nachverdichtung nicht zu unterschätzen. Beteiligungsverfahren und Bürgerdialoge werden zwar immer häufiger eingesetzt, stoßen bei hochkomplexen Themen wie dem Stadtklima jedoch schnell an ihre Grenzen. Umso wichtiger ist es, verständliche Informationsformate und niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten zu schaffen, die die Relevanz des Themas vermitteln und konkrete Mitsprache erlauben. Digitale Plattformen und Augmented-Reality-Anwendungen bieten hier neue Chancen, um Klimaszenarien anschaulich zu machen und Bürger in Entscheidungsprozesse einzubinden.

Ein weiteres Spannungsfeld liegt in der Governance-Frage: Wer trägt die Verantwortung für die thermische Balance der Stadt? Die öffentliche Hand? Die Investoren? Die Planer? In der Praxis sind die Zuständigkeiten oft diffus, und die Umsetzung ambitionierter Klimaanpassungsmaßnahmen scheitert nicht selten an Zuständigkeitsgerangel, Finanzierungslücken oder mangelndem politischen Willen. Hier sind neue Kooperationsmodelle gefragt, die Planung, Betrieb und Monitoring als ganzheitlichen Prozess verstehen.

Nicht zuletzt ist die Frage der vertretbaren Verdichtung auch eine Frage der Resilienz: Wie viel Temperaturanstieg kann die Stadt noch verkraften, ohne dass Lebensqualität, Gesundheit und Infrastruktur Schaden nehmen? Die Antwort hängt von einer Vielzahl an Faktoren ab – von der klimatischen Ausgangslage über die Bau- und Freiraumstruktur bis hin zur sozialen Zusammensetzung des Quartiers. Klar ist: Wer auf maximale Verdichtung ohne Rücksicht auf das Stadtklima setzt, riskiert eine Spirale aus Überhitzung, Verdrängung und sozialer Segregation. Eine intelligente, klimaorientierte Planung ist daher nicht Luxus, sondern Überlebensstrategie.

Die Rolle der Landschaftsarchitektur und digitale Werkzeuge: Wege aus der Hitzefalle

Landschaftsarchitektur wird in der Debatte um thermische Nachverdichtung oft unterschätzt, dabei liegt hier der Schlüssel zu vielen Lösungen. Die Gestaltung von grünen Infrastrukturen, die Integration von Wasserflächen, die Auswahl hitzeresistenter Pflanzenarten und die Schaffung mikroklimatischer Ausgleichsräume sind klassische Domänen der Landschaftsarchitektur – und gewinnen im verdichteten Stadtkontext noch einmal an Bedeutung. Denn nur mit einem klugen Zusammenspiel aus Architektur und Landschaftsplanung lässt sich die thermische Balance der Stadt erhalten.

Innovative Ansätze wie Schwammstadt-Konzepte, urbane Waldgärten oder vertikale Gärten zeigen, wie sich auch auf engstem Raum klimaaktive Flächen schaffen lassen. Die Kombination aus Regenwassermanagement, Biodiversitätsförderung und Aufenthaltsqualität macht solche Projekte zu echten Multitalenten. Städte wie Basel oder Wien setzen gezielt auf die Renaturierung von Bächen, die Anlage von Stadtwäldern oder die Umgestaltung versiegelter Plätze zu grünen Oasen. Der Effekt: Eine spürbare Absenkung der Umgebungstemperaturen, mehr Lebensraum für Flora und Fauna und nicht zuletzt ein Plus an Lebensqualität für die Bewohner.

Digitale Werkzeuge unterstützen diesen Wandel. Urbane Klimamodelle, GIS-gestützte Analysen und digitale Zwillinge ermöglichen es, die Auswirkungen geplanter Nachverdichtungsmaßnahmen auf das Mikroklima zu simulieren und zu bewerten. So lassen sich kritische Hotspots frühzeitig erkennen und gezielt entschärfen. In Kombination mit partizipativen Planungstools können Bürger ihre Erfahrungen und Bedürfnisse einbringen und so zu Co-Planern ihrer eigenen Quartiere werden. Das schafft Akzeptanz und fördert eine klimaorientierte Stadtentwicklung von unten.

Doch digitale Planung ist kein Selbstläufer: Algorithmen, Datenqualität und die Verfügbarkeit von Echtzeitinformationen entscheiden darüber, wie präzise die Simulationen sind und wie gut sie die Realität abbilden. Hier zeigt sich, dass datengetriebene Planung nur dann funktioniert, wenn sie mit lokaler Expertise und gestalterischem Fingerspitzengefühl kombiniert wird. Eine Übertechnisierung des Planungsprozesses birgt die Gefahr, soziale und ästhetische Aspekte zu vernachlässigen – und so die Akzeptanz der Maßnahmen zu gefährden.

Die Zukunft der thermischen Nachverdichtung liegt daher in einer klugen Integration von Technik und Gestaltung, von Daten und Dialog. Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Digitalexperten müssen gemeinsam neue Wege gehen, um die Stadt der Zukunft nicht nur dichter, sondern auch kühler, lebenswerter und widerstandsfähiger zu machen. Nur wenn das gelingt, bleibt urbane Verdichtung mehr als ein heißes Eisen – nämlich ein Gewinn für alle.

Fazit: Die Stadt der Zukunft – kompakt, klimagerecht und kompromissfähig

Thermische Nachverdichtung ist kein Randthema für hitzegeplagte Sommerwochen, sondern eine zentrale Herausforderung der urbanen Zukunft. Die Balance zwischen Kompaktheit und Klimaanpassung entscheidet darüber, ob Städte lebenswert, resilient und sozial ausgewogen bleiben. Die Erfahrung zeigt: Nachverdichtung und Klimaschutz sind kein Widerspruch, sondern zwei Seiten derselben Medaille – vorausgesetzt, sie werden von Anfang an zusammen gedacht.

Die Integration stadtklimatischer Expertise, innovative Freiraumkonzepte, digitale Planungswerkzeuge und eine breite Beteiligung der Stadtgesellschaft sind die Bausteine für eine nachhaltige Nachverdichtung. Es braucht Mut, Experimentierfreude und die Bereitschaft, alte Planungstraditionen zu hinterfragen. Die Rolle der Landschaftsarchitektur wird dabei immer wichtiger: Sie liefert die Ideen, wie Verdichtung und Abkühlung Hand in Hand gehen können – von der grünen Fassade bis zum urbanen Waldgarten.

Politik, Verwaltung und Investoren sind gefordert, rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen zu schaffen, die Klimaanpassung zur Pflicht und nicht zur Kür machen. Nur so lässt sich verhindern, dass die Stadt zur Hitzefalle wird und die Versprechen nachhaltiger Verdichtung zu leeren Worthülsen verkommen. Die Digitalisierung eröffnet neue Chancen, birgt aber auch Risiken, die es klug zu steuern gilt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Frage, wie kompakt die Stadt noch werden darf, ist nicht abschließend zu beantworten. Sie verlangt nach ständiger Aushandlung, kritischer Reflexion und einem gemeinsamen Lernprozess aller Beteiligten. Wer die Herausforderung annimmt, kann die Stadt von morgen gestalten – als dichten, grünen und kühlen Lebensraum, der mehr ist als die Summe seiner Baukörper.

Garten und Landschaft bleibt am Puls dieser Debatte – und liefert die Expertise, die es braucht, um urbane Hitze nicht nur auszuhalten, sondern aktiv zu gestalten. Die Stadt der Zukunft ist keine heiße Fiktion – sie ist möglich. Wenn wir den Mut haben, sie klimagerecht zu verdichten.

Das könnte Sie auch interessieren
LAST CALL! Noch bis zum 17. Juli 2026 werden gesucht – die Gärten des Jahres 2027
Ein Detail von Belag und Freiraummaterial zum Thema Cortenstahl Zaunelemente
Cortenstahl Zaunelemente: Material, Detail und Praxis
club loko und das lokomobil
eine-luftaufnahme-einer-stadt-JSRekW1fRfY
Geofencing für Lieferverkehre – Digitalisierung gegen Chaos
Cities Initiative Forum Connective Spaces in Berlin: Bl­ur­red Li­nes
Kontra im Park
Eine professionelle Planungsszene im Freiraum zum Thema Kompensationsmaßnahmen
Kompensationsmaßnahmen: Bedeutung und Anwendung einfach erklärt
Zuhause bei … bbzl
“Unsere Idee verbreitet sich”
Gedruckte Möbel
Der Overlook Walk in Seattle: Eine beeindruckende Verbindung zwischen der Waterfront und dem Pike Place Market, mit herrlichem Blick auf die Elliott Bay und moderner Architektur.Foto:Tim Rice

Seattle nähert sich dem Wasser an: Die Metropole im Nordwesten der USA hat mit dem Overlook Walk einen neuen Park direkt am Meer erhalten, gestaltet von Field Operations. Dieser neue Weg in luftiger Höhe verbindet den historischen Pike Place Market mit dem Aquarium der Stadt, dem Pier 62, dem Waterfront Park und der Elliott Bay.

Dort, wo sich früher das Viadukt der Alaskan Way Bahnlinie befand, gibt es nun einen neuen Fußgängerweg in Seattle. Das alte Viadukt wurde demoliert, um den Zugang zum Wasser zu verbessern. Der Overlook Walk überbrückt etwa 30 Meter Höhe zwischen dem Pike Place Market und der Küste. So ermöglicht der grüne Pfad nicht nur die Fußgängerverbindung, sondern bietet auch schöne 360-Grad-Blicke in das Stadtzentrum von Seattle sowie in Richtung der Olympischen Berge im Westen und Mount Rainier im Süden. Der neue Pavillon des Aquariums, designt von LMN Architects, ist ebenfalls Teil des Designs: Dort ist ein Dachgarten mit Blick auf die Stadt entstanden.

Zurückeroberung des Hafenviertels

Die Stadt Seattle arbeitet schon lange daran, den Zugang zur Uferpromenade zu verbessern. Dafür wird das zentrale Hafengebiet umgestaltet, was dabei hilft, die Stadt wieder mit der Elliott Bay zu verbinden. Die Beseitigung des Alaskan Way Viaduktes, das lange eine Grenze darstellte, war dafür essenziell.

Das Architekturbüro Field Operations aus New York City hat den Overlook Walk entworfen, ein neues Ziel für Fußgänger. Er verbindet den historischen Pike Place Market mit dem Seattle Aquarium, dem Pier 62, dem Waterfront Park und der Elliott Bay. Damit ist er Teil des Rahmenplans für „Waterfront Seattle“, der schon seit 2010 besteht. Field Operations ist gemeinsam mit Jacobs, einem Unternehmen für Projektmanagement und Bauingenieurswesen, für die Gestaltung von insgesamt 2,4 Kilometer Uferpromenade zuständig. 26 Stadtblöcke sind Teil des weitreichenden städtebaulichen Plans, der die Geschichte des Geländes als Hafengebiet, die physischen Gegebenheiten des Standorts sowie die Geschichte der Ureinwohner*innen und die aktuelle urbane Kulturlandschaft berücksichtigt.

Der Overlook Walk ist ein wichtiges Puzzleteil für diesen Plan, denn er ermöglicht es den Anwohnenden, ihr Hafenviertel wieder zurückzuerobern. Dank der neuen Infrastruktur und des neuen öffentlichen Raums entstehen wichtige Verbindungen, die den Zugang zur Uferpromenade erlauben. „Ein Hafenviertel für alle“ ist der Slogan des Rahmenplans, der mit einem multidisziplinären Team aus Ingenieur*innen, Ökolog*innen, Künstler*innen und Kunstberater*innen, Grafik- und Identitätsdesigner*innen, Architekt*innen und Verkehrsberater*innen entworfen wurde.

Der Overlook Walk in Seattle verbindet den historischen Pike Place Market mit der Elliott Bay und symbolisiert die Rückeroberung des Hafenviertels. Diese neue Fußgängerzone ist Teil des umfassenden Projekts ‚Waterfront Seattle‘, das den Zugang zur Uferpromenade verbessert und die Stadt mit ihrer Küste neu verknüpft. Foto: Lara Swimmer
Der Overlook Walk in Seattle verbindet den historischen Pike Place Market mit der Elliott Bay und symbolisiert die Rückeroberung des Hafenviertels. Diese neue Fußgängerzone ist Teil des umfassenden Projekts ‚Waterfront Seattle‘, das den Zugang zur Uferpromenade verbessert und die Stadt mit ihrer Küste neu verknüpft. Foto: Lara Swimmer

Integration eines Dachgartens

Am 4. Oktober 2024 eröffnete der Bürgermeister von Seattle, Bruce Harrell, die neue Brückenverbindung. Als erhöhter öffentlicher Park schafft der Overlook Walk wichtigen Raum für Fußgänger*innen, die sich zwischen dem Hafenviertel und dem Stadtkern bewegen. Er stellt ein neues Wahrzeichen für Seattle dar und bietet weite Blicke auf die Bucht, auf Spielplätze, neue öffentliche Plätze sowie üppig bepflanzte Gärten. Sitzgelegenheiten bieten die Möglichkeit, sich zwischendurch auszuruhen und die Aussicht zu genießen.

Ein Highlight auf dem Weg ist der Dachgarten auf dem neuen Seattle Aquarium Ocean Pavilion, ebenfalls von Field Operations geplant und gestaltet von Miller Hull Partnership. Dabei lag ein Fokus darauf, den Garten in den Overlook Walk zu integrieren. Die einheimische Bepflanzungspalette des Dachgartens erinnert an die traditionellen Wälder im Puget Sound-Gebiet. Auch die dramatischen Salish Steps, die steil abfallen und so ein geschütztes Amphitheater mit Blick auf die Elliott Bay kreieren, sind sehenswert.

Der Overlook Walk hat insgesamt 70 Millionen US-Dollar (64,4 Millionen Euro) gekostet. Der Bau begann im Sommer 2022. Seit Anfang Oktober ist der Walk täglich von 7 Uhr morgen bis 22 Uhr geöffnet.

Der Overlook Walk in Seattle: Ein neuer öffentlicher Park mit Dachgarten und atemberaubendem Blick auf die Elliott Bay. Diese Visualisierung zeigt die Integration des grünen Raums und der Salish Steps, die das Hafenviertel mit dem Stadtkern verbinden und einen einzigartigen Erholungsort schaffen. Visual: Field Operations
Der Overlook Walk in Seattle: Ein neuer öffentlicher Park mit Dachgarten und atemberaubendem Blick auf die Elliott Bay. Diese Visualisierung zeigt die Integration des grünen Raums und der Salish Steps, die das Hafenviertel mit dem Stadtkern verbinden und einen einzigartigen Erholungsort schaffen. Visual: Field Operations

Verbindung von Raum und Menschen

Der Bau des Hafenviertels von Seattle ist schon seit 2010 in Arbeit. Erste Ergebnisse waren 2017 mit der Eröffnung des Elliott Bay Seawall Projektes im Jahr 2017. Auch der Pioneer Square Habitat Strand mit einem Lachswanderkorridor sowie Pier 62 (2020), die Promenade und der Elliott Way (2021) und die Union Street Fußgängerbrücken an der Union Way und der Marion Street sind wichtig. Die Gesamtfertigstellung ist für das Frühjahr 2025 geplant, denn noch fehlen Elemente wie die Parkpromenade, Pier 58 und Verbesserungen weiterer Ost-West-Verbindungen.

„Die Umgestaltung des gesamten zentralen Hafenviertels von Seattle darf nicht unterschätzt werden, was Ausmaß, Umfang und Ehrgeiz angeht. Es ist eine wirklich außergewöhnliche Leistung von Weltklasse, und der Overlook Walk ist der Dreh- und Angelpunkt und die Ikone des gesamten Projekts“, sagte James Corner, Founding Partner von Field Operations.

„Der Waterfront Park, insbesondere der Overlook Walk, wird ein dynamisches Wahrzeichen sein, das unsere Vergangenheit ehrt, den Innovationsgeist Seattles unterstreicht und jeden dazu einlädt, die natürliche Schönheit und die lebendige Kultur der Stadt zu erleben. Diese einmalige Umgestaltung stellt eine Verbindung von Raum und Menschen, da Besucher, Anwohner, Arbeiter und Familien nahtlose Verbindungen zwischen dem Stadtzentrum, dem Pike Place Market und dem gesamten Waterfront Park haben – dem Eingangstor zu unserer Region“, sagte der Bürgermeister von Seattle, Bruce Harrell.

Der Overlook Walk verbindet das Stadtzentrum mit dem Pike Place Market, einem ikonischen Ziel, das Teil der umfassenden Umgestaltung des Seattle Hafenviertels ist und eine nahtlose Verbindung zwischen Stadt und Waterfront schafft. Foto: Field Operations
Der Overlook Walk verbindet das Stadtzentrum mit dem Pike Place Market, einem ikonischen Ziel, das Teil der umfassenden Umgestaltung des Seattle Hafenviertels ist und eine nahtlose Verbindung zwischen Stadt und Waterfront schafft. Foto: Field Operations

Experten für erhöhte Parks

Field Operations ist ein Büro für Stadtplanung und Landschaftsarchitektur mit Sitz in New York City, das sich auf die Gestaltung, Widerstandsfähigkeit und Gerechtigkeit des öffentlichen Raums in Städten konzentriert. Es ist bekannt für überzeugendes zeitgenössisches Design in einer Vielzahl von Projekttypen und Maßstäben, von großen Stadtvierteln, Masterplänen und komplexen Planungsgebieten bis hin zu kleinen gut durchdachten, detaillierten Designprojekten.

Zu den wichtigen und weithin anerkannten Projekten gehören Gestaltung der New Yorker High Line, des Domino Park in Brooklyn, des Freshkills Park in Staten Island, Chicagos Navy Pier, San Franciscos Presidio Tunnel Tops und die Waterfront von Seattle.

Zwischennutzung: Alles, was Sie dazu wissen müssen

2021: Irrgarten als Zwischennutzung auf der Museumsbrache. Foto: Christine Moor, Bernisches Historisches Museum, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
2021: Irrgarten als Zwischennutzung auf der Museumsbrache. Foto: Christine Moor, Bernisches Historisches Museum, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Die Zwischennutzung von Brachflächen ermöglicht es, neue Dinge an teils ungewöhnlichen Orten zu schaffen. So ist es möglich, Teilhabe und Innovation in der Stadt zu stärken. Jedoch stecken manchmal auch Probleme hinter der Zwischennutzung – hier lesen Sie mehr.

Was ist Zwischennutzung?

Dicht besiedelte deutsche Städte wie Hamburg und München bieten wenig Raum für Kulturschaffende und Initiativgruppen. Denn der große Wettbewerb um Platz bedeutet, dass vorhandene Räume meist teuer oder bereits anderweitig reserviert sind.

Hier kommt die Zwischennutzung ins Spiel. Sie bezeichnet die zeitlich beschränkte Nutzung von Gebäuden und Flächen in der Stadt. Diese Übergangsnutzungen haben meist kein wirtschaftliches Ziel. Das Prinzip lautet vielmehr „günstiger Raum gegen befristete Nutzung“. Auch „Bewachung durch Bewohnung“ ist eines der Ziele der Zwischennutzung.

Dabei hat sich der Begriff der Zwischennutzung in den letzten Jahren verändert. Bis in die 1990er-Jahre waren Zwischennutzende oft nur halblegal vor Ort. Entsprechend wurde die temporäre Nutzung von Gebäuden als Besetzung gesehen. Daher hatte die Praxis der Zwischennutzung lange einen eher negativen Ruf. Inzwischen haben sich die Vorhaben jedoch zu einem bauplanerischen Instrument entwickelt. Somit ist die Zwischennutzung schon lange nicht mehr nur alternativ und informell, sondern manchmal nachhaltig und in anderen Fällen auch profitabel.

In jedem Fall bleibt die Zwischennutzung zeitlich begrenzt. Sie hat ein Pop-up-Prinzip. Meistens ist die Zwischennutzung symbiotisch: Die Nutzenden erhalten einen Raum zur Verwirklichung ihrer Ideen, während die Besitzenden Leerstand und Vandalismus vermeiden.

Wie sieht die Übergangsnutzung in der Praxis aus?

In der Praxis kann die Zwischennutzung viele unterschiedliche Formen annehmen. Am besten lassen sich die Flächen als Experimentierflächen beschreiben. Sowohl kommerzielle als auch nicht-kommerzielle Formate lassen sich im Rahmen der Zwischennutzung realisieren. Beispielsweise sind Pop-Up Stores, Ateliers, Ausstellungsräume, Werkstätten, Kultur- und Begegnungsorte, Cafés und Gärten denkbar.

Häufig handelt es sich bei der temporären Nutzung von Flächen oder Gewerbeeinheiten um ungewöhnliche Orte für das jeweilige Projekt. So ist es möglich, kreative Prozesse und Partizipation zu fördern. Denn an den Orten kommen unterschiedlichste Menschen zusammen. Diese können gemeinsam innovative Ideen umsetzen. Dadurch entsteht ein spannendes Miteinander, das unter anderem die Nachbarschaft stärken kann.

Projekte, die eine Zwischennutzung darstellen, lassen sich gut an ihrem temporären Charakter erkennen. Selbst Läden weisen darauf hin, dass es sich um ein Pop-Up handelt. Foodtrucks oder andere fliegende Verkäufer sind ebenfalls nur kurze Zeit an einem Ort zu finden. Brachflächen oder ungenutzte Parkplätze bieten sich dafür sehr gut an.

Seebrache-Garten von Grün Stadt Zürich, Irisk12 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0
Seebrache-Garten von Grün Stadt Zürich, Irisk12 via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Welche Vorteile bietet die Übergangsnutzung?

Zwischennutzungen städtischer Flächen dienen dazu, Projekten und Initiativen den notwendigen Freiraum für Experimente zu geben. Häufig fallen nur die Betriebskosten als Miete an. Insbesondere für junge Projekte handelt es sich dabei um eine entscheidende Bedingung. Denn gerade in größeren Städten sind Flächen in zentraler Lage andernfalls unerschwinglich.

Oft kommt es vor, dass sich mehrere Initiativen einen Raum in zwischenzeitlicher Nutzung teilen. So entstehen Möglichkeiten zur Vernetzung und Synergie. Zudem bergen die Flächen ein großes innovatives Potenzial. Auch gesellschaftliche Vorteile wie etwa mehr Kunst oder neue Märkte in der Umgebung sind zu beobachten. Projekte, die derzeit noch nicht ökonomisch profitabel sind, erhalten an zentralen Orten dank Zwischennutzung viel Sichtbarkeit.

Für die Eigentümer*innen der Flächen reduziert die Zwischennutzung die Leerstandskosten. Da zumindest die Betriebskosten gedeckt sind, fallen keine Mehrkosten an. Die gesteigerte Aufmerksamkeit durch die Zwischennutzung kann für eine Imageaufwertung sorgen. Zugleich beugt die Praxis der Zwischennutzung Risiken wie Verfall und Vandalismus vor.

Ein weiterer Vorteil an der Zwischennutzung ist ihr hohes partizipatives Potenzial. Denn auf derartigen Flächen entsteht ein kontinuierlicher Prozess der Aushandlung und Anpassung. Unterschiedliche Gruppen wie Anwohner*innen, interessierte Bürger*innen und Initiativen können mit einsteigen und so die Zwischennutzung beeinflussen. Manchmal ist es dadurch sogar möglich, längerfristig neue Räume für die anwenderorientierte Nutzung zu erschließen.

Welche Kritik gibt es an Zwischennutzung?

Jedoch gibt es seitens verschiedener Stakeholder Kritik an der Übergangsnutzung von Flächen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, was mit den Zwischennutzer*innen selbst passiert, sobald ihre Zeit abläuft. Zwar stellt der zwischengenutzte Raum eine Experimentierfläche dar, aber dies ist nicht immer ausreichend für eine selbstständige Zukunft. Auf der anderen Seite bietet die Zwischennutzung die Chance, ohne ruinöse Folgen zu scheitern. In einigen Fällen ergibt sich aus der Übergangsnutzung sogar ein langfristiges Mietverhältnis. Allerdings kann die Planungsunsicherheit auch zum Scheitern von Projekten und zur Selbstausbeutung von Künstler*innen beitragen.

Langfristig löst die Zwischennutzung das Problem der Raumknappheit nicht. Insbesondere für Künstler*innen und Experimentierfreudige bleibt es schwer, an geeignete Flächen zu kommen. Eine erfolgreiche Zwischennutzung sollte nicht nur als „Verwertungslücke“ dienen, sondern auch positive Folgen für die Nachbarschaft und die Projektverantwortlichen sowie für die Besitzer*innen haben.

Eine erfolgreiche Zwischennutzung kann wiederum zu Gentrifizierung führen, was häufig negativ bewertet wird. Dabei steigert die Immobilie ihren Wert. Die Nutzer*innen müssen häufig weichen, die Miet- und Kaufpreise der Umgebung steigen. In manchen strukturschwachen Regionen führt die Zwischennutzung zu einer Aufwertung und Belebung von Flächen. Aber in dicht besiedelten, teuren Städten kann sie experimentelle Initiativen und deren Betreiber*innen verdrängen.

Autohaus, Liebigstraße 201-203, Köln-Ehrenfeld. Ehemals Autohaus Levy, Zwischennutzung bis zum Abriss durch "Wandelwerk". Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Autohaus, Liebigstraße 201-203, Köln-Ehrenfeld. Ehemals Autohaus Levy, Zwischennutzung bis zum Abriss durch "Wandelwerk". Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Beispiele für die zwischenzeitliche Nutzung von Stadträumen

Der Zenettiplatz in München wurde mehrere Jahre hintereinander zwischengenutzt. Als „Piazza Zenetti“ wird dieser Zwischenort, der sonst als Parkplatz dient, eine attraktive Anlaufstelle. Bepflanzung und Sitzgelegenheiten geben dem Platz neues Leben. Anwohner*innen und Passant*innen nutzen den Platz für soziale Begegnungen. Dabei entstehen Synergieeffekte, die dabei helfen, den Platz an die gewünschte Nutzung anzupassen.

In Jena ermöglicht die BLANK-Agentur für Zwischennutzung kreatives Miteinander an verschiedenen Orten in der Stadt. „Obwohl wir in Jena wenig strukturellen Leerstand haben, finden sich trotzdem ungehobene Potenziale oder langfristig leerstehende Räumlichkeiten, die mit temporären Lösungen wieder einer Nutzung zugeführt werden können“, erklärt Leiterin Katrin Hitziggrad während einer Fachtagung zum Thema Zwischennutzung im Juni 2022.

Testläufe für neue Läden, generationenübergreifende Gemeinschaftsgärten wie das „WirQuartier“ in Erfurt, eine Fahrradwerkstatt mit Café und Bar in einer alten Druckerei in Frankfurt am Main – die Beispiele für Zwischennutzung in Deutschland sind vielseitig.

In Jena gibt es mit der Kulturberatung eine begleitende Institution für Vereine, Initiativen und Kulturakteur*innen. Schon seit 2014 arbeitet die Kulturberatung Jena mit dem Dezernat für Stadtentwicklung, JenaKultur und der Zwischennutzungsagentur zusammen. So soll es gelingen, Strategien für langfristige Perspektiven zivilgesellschaftlicher Projekte zu entwickeln.

Mehr über Zwischennutzungen lesen Sie hier am Beispiel von Basel.