Thermografie im Quartier – wie Wärmebilder zur Planungsgrundlage werden

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Stadtverkehr inmitten imposanter Hochhäuser, festgehalten von Bin White

Thermografie im Quartier? Das klingt nach Hightech-Spielerei für Ingenieure – doch längst hat sich die Wärmebildtechnik in der Stadt- und Landschaftsplanung zum scharfen Werkzeug entwickelt. Wer verstehen will, wie Städte wirklich ticken, muss wissen, wo sie glühen, wo sie schwitzen – und wo wertvolle Energie verpufft. Wärmebilder öffnen nicht nur ein neues Fenster in die Stadtstruktur, sie werden zum strategischen Fundament für eine zukunftsfähige Quartiersentwicklung. Wer jetzt noch glaubt, Thermografie sei nur was für energetische Sanierungschecks, verpasst die Revolution in der Planungskultur.

  • Definition und Funktionsweise von Thermografie im städtischen Kontext
  • Wärmebilder als Grundlage für die Analyse von Hitzeinseln und Energieverlusten im Quartier
  • Beispiele für innovative Anwendungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
  • Bedeutung der Thermografie für nachhaltige Stadtentwicklung und Klimaanpassung
  • Einbindung von Wärmebilddaten in digitale Stadtmodelle und Urban Digital Twins
  • Technische, rechtliche und soziale Herausforderungen bei der Umsetzung
  • Chancen für partizipative Planung und neue Formen der Bürgerbeteiligung
  • Potenziale für interdisziplinäre Kooperation zwischen Energieplanung, Architektur und Landschaftsarchitektur
  • Risiken von Fehlinterpretationen und Datenschutzaspekte bei thermografischen Aufnahmen

Thermografie im Quartier – was Wärmebilder wirklich zeigen

Die Thermografie, also die bildliche Darstellung von Temperaturunterschieden, ist in der Planungswelt längst mehr als ein Gimmick für Energieberater. In Quartieren, die den Herausforderungen des Klimawandels begegnen wollen, ist sie zum strategischen Werkzeug geworden. Das Prinzip ist dabei ebenso einfach wie clever: Spezielle Kameras erfassen Infrarotstrahlung und wandeln sie in farbcodierte Bilder um. Was für das menschliche Auge unsichtbar bleibt, offenbart hier seine ganze Dramatik: von glühenden Dachflächen über zugige Fensternischen bis hin zu kühlen Bauminseln im Asphaltmeer. Doch Thermografie ist weit mehr als der bunte Schnappschuss für Pressefotos. Sie ist Analysewerkzeug, Frühwarnsystem und Dialogplattform zugleich.

Im urbanen Kontext liefern Wärmebilder einen völlig neuen Blick auf Stadtstrukturen. Sie machen sichtbar, wo Gebäude Energie verlieren, wo Straßen und Plätze zur Hitzequelle werden oder welche Grünflächen als natürliche Kühlaggregate funktionieren. Gerade bei sommerlichen Hitzeperioden oder in dicht bebauten Gebieten kann Thermografie zur Identifikation urbaner Wärmeinseln beitragen. Diese sogenannten Urban Heat Islands sind nicht nur unangenehm, sondern stellen ein echtes Gesundheitsrisiko dar – insbesondere für ältere Menschen oder vulnerable Gruppen. Gleichzeitig decken Wärmebilder Schwachstellen im Gebäudebestand auf, die mit bloßem Auge nicht erkennbar wären.

Die Anwendungsmöglichkeiten reichen von der Quartiersanalyse über die Planung von Sanierungen bis hin zur Entwicklung neuer Stadtstrukturen. Moderne Thermografie-Systeme können heute ganze Straßenzüge oder Stadtteile auf einmal erfassen – per Drohne, Flugzeug oder gar Satellit. Hochauflösende Messungen machen es möglich, Wärmeverluste bis auf wenige Zentimeter genau zu lokalisieren. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Altbauviertel oder Neubaugebiete handelt: Thermografie zeigt gnadenlos, wo Dämmung fehlt, wo Wärmebrücken Energie verschwenden und wo Fassaden klimagerecht nachgerüstet werden müssen.

Doch der wahre Wert der Thermografie liegt nicht in der technischen Raffinesse, sondern in ihrer Aussagekraft für die Planung. Wer Wärmebilder richtig liest, erkennt Muster, die in klassischen Stadtplänen verborgen bleiben. Plötzlich werden Zusammenhänge zwischen Bebauungsdichte, Vegetationsanteil, Materialwahl und Mikroklima sichtbar. Für Planer öffnet sich damit eine neue Dimension der Quartiersentwicklung: weg von Schreibtischmodellen, hin zu datenbasierten, raumbezogenen Analysen. Die Folge: Maßnahmen gegen Überhitzung, Energieverschwendung oder soziale Ungleichheit können präziser und wirkungsvoller geplant werden.

Gleichzeitig macht Thermografie als Kommunikationsmittel Furore. Denn Wärmebilder sind intuitiv verständlich – sie sprechen eine universelle Sprache. Das ist Gold wert, wenn es um Beteiligung, Akzeptanz und Motivation für energetische Sanierungen oder Klimaanpassungsmaßnahmen geht. Wer einmal gesehen hat, wie das eigene Haus im Infrarotbild glüht, erkennt sofort den Handlungsbedarf. Damit avanciert die Thermografie zum Türöffner für eine neue, partizipative Planungskultur im Quartier.

Wärmebilder als Planungsgrundlage – von der Analyse zur Strategie

Die Transformation von Wärmebildern in echte Planungsgrundlagen ist kein Selbstläufer. Sie erfordert Know-how, interdisziplinäres Denken und den Mut, alte Routinen zu hinterfragen. Im ersten Schritt steht immer die sorgfältige Erfassung der Daten. Ob per Handkamera, Drohne oder Flugzeug – entscheidend ist die Qualität der Aufnahmen. Temperaturunterschiede von wenigen Grad können über Sanierungsbedarf oder Wohlbefinden entscheiden. Daher werden Messungen idealerweise nachts oder in den frühen Morgenstunden durchgeführt, um Störeinflüsse durch Sonneneinstrahlung zu minimieren. Moderne Sensorik erlaubt es, selbst kleinste Wärmebrücken und Leckagen zu identifizieren.

Im zweiten Schritt beginnt die eigentliche Analyse. Hier zeigt sich, wie mächtig Thermografie als Werkzeug sein kann. Planer, Energieberater und Stadtklimatologen arbeiten Hand in Hand, um die Daten zu interpretieren. Besonders spannend wird es, wenn Wärmebilddaten mit anderen Geodaten überlagert werden: Plötzlich werden die Effekte von Grünstrukturen, Wasserflächen oder unterschiedlichen Baumaterialien unmittelbar sichtbar. Gerade in der Quartiersentwicklung kann so eine datenbasierte Priorisierung von Maßnahmen erfolgen: Wo ist die Sanierung am dringendsten? Wo lohnt sich eine Dachbegrünung? Wo kann gezielte Verschattung die Überhitzung öffentlicher Räume verhindern?

Thermografie macht dabei nicht nur energetische Schwachstellen sichtbar, sondern liefert auch die Basis für langfristige Strategien. In vielen Städten werden Wärmebilder heute genutzt, um Quartierskonzepte zu entwickeln, die Energieeffizienz, Klimaanpassung und soziale Aspekte verbinden. Ein Beispiel: In Wien wird die Thermografie gezielt eingesetzt, um Sanierungsschwerpunkte in Gründerzeitvierteln zu identifizieren und Förderprogramme darauf abzustimmen. In Zürich fließen Wärmebilddaten in die Entwicklung von Kühlungsstrategien für öffentliche Plätze ein. Und in Berlin werden Wärmebilder genutzt, um die Wirkung von Begrünungsmaßnahmen zu überprüfen und gezielt nachzusteuern.

Besonders zukunftsweisend ist die Integration von Thermografiedaten in digitale Stadtmodelle und Urban Digital Twins. Hier verschmelzen reale Messungen mit simulationsbasierten Szenarien. Planer können so verschiedene Maßnahmen direkt auf ihre klima- und energiebezogenen Effekte testen, bevor sie umgesetzt werden. Die Kopplung mit weiteren Echtzeitdaten – etwa zu Energieverbrauch, Verkehrsströmen oder Luftqualität – eröffnet eine neue Stufe der Präzision in der Quartiersentwicklung. Wer so plant, kann Risiken minimieren und Chancen optimal nutzen.

Doch mit der steigenden Bedeutung der Thermografie wächst auch die Verantwortung. Daten müssen korrekt interpretiert, Maßnahmen transparent kommuniziert und soziale Aspekte einbezogen werden. Es reicht nicht, nur die Technik zu beherrschen – gefragt sind ganzheitliche Strategien, die Quartiere resilient, lebenswert und zukunftsfähig machen. Hier zeigt sich: Wärmebilder sind nicht mehr nur ein Werkzeug der Gebäudetechnik, sondern Herzstück einer neuen, evidenzbasierten Planungskultur.

Praxisbeispiele und Innovationen – Thermografie zwischen Hightech und Bürgerbeteiligung

Wie sieht die praktische Anwendung von Thermografie im Quartier konkret aus? Die Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum sind so vielfältig wie inspirierend. In München etwa wurde ein ganzer Stadtteil mit Drohnen überflogen, um Wärmeverluste an Dachflächen und Fassaden zu erfassen. Die Daten flossen direkt in ein digitales Quartiersmodell ein, auf dessen Grundlage Sanierungsfahrpläne erstellt wurden. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Während einige Gebäude bereits mustergültig gedämmt waren, zeigte sich bei anderen ein massiver Handlungsbedarf. Über öffentliche Visualisierungen konnten Eigentümer direkt eingebunden werden – ein Paradebeispiel für datenbasierte, partizipative Planung.

Auch in Zürich setzt man auf die Kraft der Thermografie. Dort werden Wärmebilder genutzt, um das Mikroklima in dicht bebauten Quartieren zu analysieren. Besonders an Hitzetagen konnten Hotspots identifiziert werden, die sich als Belastung für Anwohner herausstellten. Auf dieser Basis wurden gezielt Maßnahmen wie Baumpflanzungen, Fassadenbegrünung oder neue Verschattungsstrukturen entwickelt. Die Wirkung wurde regelmäßig mit neuen Wärmebildern überprüft – ein Kreislauf aus Analyse, Umsetzung und Evaluation, der weit über klassische Planungszyklen hinausgeht.

In Graz wiederum wurde die Thermografie zum Türöffner für ein innovatives Bürgerbeteiligungsprojekt. Hier konnten Anwohner ihre eigenen Häuser mit einer mobilen Wärmebildkamera untersuchen lassen. Die Ergebnisse wurden in Workshops diskutiert, gemeinsam mit Experten interpretiert und in einen Sanierungsfahrplan überführt. Das Besondere: Die bildhafte Darstellung der Wärmeverluste motivierte viele Eigentümer, selbst aktiv zu werden und energetische Maßnahmen einzuleiten. Thermografie wurde hier zum Katalysator für Eigeninitiative und Gemeinschaftssinn.

Doch auch auf technischer Ebene schreitet die Innovation voran. In Berlin wird derzeit erprobt, wie sich Satellitendaten mit lokalen Drohnenaufnahmen kombinieren lassen, um großflächige Wärmebilder in hoher Auflösung zu erzeugen. So können selbst großstädtische Areale effizient und kostengünstig analysiert werden. Die gewonnenen Daten fließen in Urban Digital Twins ein und bilden die Basis für simulationsgestützte Entscheidungsprozesse – von der Fassadensanierung bis zur Entwicklung klimaresilienter Freiräume.

Diese Beispiele zeigen: Thermografie ist längst kein Nischeninstrument mehr, sondern spielt in der ersten Liga der urbanen Planungstechnologien mit. Sie verbindet Hightech mit Bürgernähe, eröffnet neue Wege für partizipative Prozesse und schafft die Grundlage für eine intelligente, nachhaltige Quartiersentwicklung. Wer hier noch abwartet, riskiert, von der Dynamik der datenbasierten Planung überrollt zu werden.

Herausforderungen und Zukunft – Datenschutz, Interpretation und die Rolle der Planungskultur

So faszinierend die Möglichkeiten der Thermografie sind – sie bringen auch neue Herausforderungen mit sich. An erster Stelle steht der Datenschutz. Wärmebilder von Gebäuden und Grundstücken betreffen sensible Daten, die Rückschlüsse auf Eigentümer, Nutzerverhalten und Gebäudetechnik zulassen. Wer darf diese Bilder aufnehmen, auswerten, veröffentlichen? In Deutschland, Österreich und der Schweiz gelten strenge Vorgaben zum Schutz der Privatsphäre. Planer müssen daher sicherstellen, dass Thermografiedaten anonymisiert, datensparsam und transparent genutzt werden. Nur so kann Vertrauen aufgebaut und Missbrauch verhindert werden.

Ein zweites Problemfeld ist die Interpretation der Daten. Wärmebilder sind mächtig, aber auch tückisch. Falsch interpretierte Aufnahmen können zu Fehlschlüssen führen – etwa wenn temporäre Effekte wie Lüftung, Sonneneinstrahlung oder technische Störungen nicht korrekt berücksichtigt werden. Gerade für interdisziplinäre Teams ist daher eine fundierte Ausbildung in der Thermografie-Interpretation unerlässlich. Nur wer die Zusammenhänge zwischen Bauphysik, Stadtklima und Nutzerverhalten versteht, kann aus den bunten Bildern belastbare Strategien ableiten.

Auch die Einbindung der Thermografie in bestehende Planungsprozesse ist eine Herausforderung. Noch immer gibt es Berührungsängste, wenn es um datenbasierte Methoden geht. Manche Planer fürchten den Kontrollverlust, andere sehen in der Technik eine Bedrohung für die klassische Entwurfskunst. Doch die Chancen überwiegen: Thermografie eröffnet neue Möglichkeiten für integrale, evidenzbasierte und partizipative Planung. Entscheidend ist, dass sie nicht als Selbstzweck eingesetzt wird, sondern immer in einen breiten Strategieprozess eingebettet ist.

Eine weitere Herausforderung liegt im Umgang mit sozialen und kulturellen Aspekten. Nicht alle Bewohner eines Quartiers stehen der Wärmebildtechnik unkritisch gegenüber. Einige fürchten Überwachung, andere sind skeptisch gegenüber der Aussagekraft der Bilder. Hier sind Dialog, Transparenz und Aufklärung gefragt. Thermografie kann nur dann ihr volles Potenzial entfalten, wenn sie als gemeinsames Werkzeug verstanden wird – als Mittel zur Verbesserung der Lebensqualität, nicht als Überwachungsinstrument.

Schließlich stellt sich die Frage nach der Zukunft der Thermografie im Quartier. Die Technik entwickelt sich rasant: Künstliche Intelligenz, Big Data und Urban Digital Twins werden künftig immer engere Verknüpfungen mit der Wärmebildtechnik eingehen. Die Herausforderung für Planer liegt darin, diese Entwicklungen aktiv zu gestalten, ethische Standards zu setzen und die Chancen für nachhaltige, resiliente Quartiere voll auszuschöpfen. Wer Thermografie als Teil einer neuen Planungskultur begreift, wird in der Lage sein, Städte nicht nur zu entwerfen, sondern sie auch klug, gerecht und zukunftsfähig zu machen.

Fazit: Thermografie als Schlüssel zu nachhaltigen, klimarobusten Quartieren

Thermografie im Quartier ist weit mehr als ein technisches Hilfsmittel – sie ist zum Schlüsselinstrument einer zukunftsorientierten Stadt- und Landschaftsplanung avanciert. Wärmebilder ermöglichen es, die versteckten Energieflüsse, Hitzeinseln und mikroklimatischen Besonderheiten von Stadtteilen sichtbar zu machen. Sie schaffen die Grundlage für präzise, wirkungsvolle und partizipative Maßnahmen gegen Überhitzung, Energieverschwendung und soziale Spaltung. Wer die Potenziale der Thermografie erkennt und klug in den Planungsprozess integriert, kann Quartiere gezielt transformieren: hin zu mehr Klimarobustheit, Lebensqualität und Teilhabe. Die Herausforderungen – vom Datenschutz bis zur Interpretation – sind lösbar, wenn alle Beteiligten offen, kompetent und verantwortungsbewusst agieren. Die Zukunft der Quartiersentwicklung ist datenbasiert, evidenzorientiert – und sie beginnt mit dem mutigen Blick durchs Wärmebild. Garten und Landschaft bleibt am Puls dieser Entwicklung – und liefert die Expertise, die Planer heute brauchen, um den Städten von morgen Form und Substanz zu geben.

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Slow Food Landscape bei Turin

Team 3)

Turin ist die Stadt des Slow Food. Alle zwei Jahre findet hier der Salone del Gusto statt, die weltweite Messe des Slow Food. In der Stadt gibt es zahlreiche Märkte und Läden mit einem Angebot handwerklich veredelter Lebensmittel, von der Schokolade bis zum Reismehl. Der Filialist „Eataly“ zeigt, wie sich auch aus traditionellen Produkten ein großes Geschäft machen lässt, mittlerweile nicht mehr nur in italienischen Großstädten, sondern auch in New York und Tokio.

Der Boom von „slow“ und „local“ ist mit traditionell ländlichen Bildern verbunden. Eine Verbindung zur Landwirtschaft wird jedoch nicht hergestellt. Die agrarisch geprägte Landschaft entlang des Po findet wenig Beachtung. Wie aus dieser diffusen Peripherie in Verbindung mit einer zukunftsfähigen Landwirtschaft ein anerkannter Teil der Stadtlandschaft werden kann, damit hat sich im April 2014 das Erasmus Intensive Programme CITYGREENING auseinandergesetzt. Beteiligt waren neben der organisierenden Politecnico di Torino (Architektur) der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University (Architektur), die University of Brighton (Architektur), die Istanbul Technical University (Landschaftsarchitektur), die Tschechische technische Universität Prag (Architektur/Landschaftsarchitektur), die Université de Rennes (Geographie/Agronomie) und die UAECG Sofia (Stadtplanung). Sechs international und interdisziplinär gemischte Gruppen haben nach einer Einführung durch internationale Experten und lokale Akteure elf Tage intensiv an Konzepten für die stadtnahe Landwirtschaft im Süden von Turin gearbeitet.

 

Dort überlagert Verkehrsinfrastruktur die Agrarlandschaft im Überschwemmungsgebiet des Po. Kiesabbau und ein Heizkraftwerk haben Teile der großflächigen Landwirtschaft entlang des Flusses verdrängt. Auch historische Landmarken wie Wegetrassen, Wehrhöfe oder ehemalige Viehmarkthallen sind heute kaum noch in der Landschaft ablesbar. Zwar nimmt die Landwirtschaft nach wie vor einen Großteil der Fläche ein, ihre Anliegen finden jedoch die geringste Anerkennung im Wettstreit der sektoralen Planungen.

Um diese Situation zu überwinden, spielten in den Überlegungen der Workshopteilnehmer vor allem die Zugänglichkeit, die Identität, die Wirtschaftlichkeit und die Kommunikation eine Rolle. Viele der beteiligten Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten setzten vor allem auf die Lesbarkeit und Erlebbarkeit der Landschaft. Neue Wegeverbindungen sollen die Entdeckung der Landwirtschaft vor den Toren der Stadt ermöglichen, historische Strukturen als Leitlinien und Attraktionen dienen, auf denen sich eine neue Identität aufbauen lässt.

 

In Zusammenarbeit mit Geographen und Agronomen konnten diese räumlichen Strategien auch ökonomisch hinterlegt werden. Die Entwicklung von Wertschöpfungsketten für die Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle, um Landnutzung am Stadtrand zu stabilisieren. Mehrere Workshopteams entwickelten Modelle, wie Landwirte untereinander und mit stadtgesellschaftlichen Akteuren kooperieren könnten.
Die Konzepte des Workshops wurden an der RWTH Aachen vertieft. 13 Studierende der Lehrstühle für Gebäudelehre und Landschaftsarchitektur entwickelten in ihrer Bachelorarbeit einen Gebäude- und Freiraumentwurf, der die Ziele der Verknüpfung von Stadt und Landwirtschaft unter dem Titel casa / agricoltura aufgreifen sollte.

 

Helena Rafalsky ließ sich für ihre Arbeit „SaftMühle“ von den Produkten der Region Piemont und den privaten und kleingewerblichen Aktivitäten des Anbauens und Veredelns landwirtschaftlicher Produkte am Stadtrand inspirieren. Mit ihrem Gebäude schafft sie einen neuen Ort in der Zwischenstadt, an dem Menschen zusammenkommen können, um ihre Nahrungsmittel gemeinsam zu verarbeiten und zu genießen.

 

Friederike Henne nutzt als Standort für ihre casa agricoltura den bestehenden Parco Le Vallere am Po, dessen extensiv gepflegter Landschaftspark bisher kaum mit den benachbarten Landwirtschaftsflächen in Verbindung steht. In die Baumhecke, die eine verbindende Struktur zwischen Parkeingang am historischen Hof Le Vallere und dem Fluss, aber auch die Trennung zwischen Park und Landwirtschaft darstellt, integriert sie ein offenes Gebäude für die pädagogische Arbeit mit Kindern. Das Gebäude und eine neue Wegeverbindung stellt die Anbindung des Landschaftsparks an Felderlandschaft her.

 

Den auf den freien Feldern vor der Stadt gelegenen Weiler Barauda hat Fabian Klemp für sein Zentrum für Gartentherapie ausgewählt. Psychisch Erkrankte erhalten hier die Gelegenheit, sich im Kontakt mit der Natur und in strukturierten Abläufen den Weg zu einer geregelten Lebensweise zu erarbeiten. Der Aufbau der Wohneinheiten ergibt sich aus den Maßen der Gartenbeete, die den Wohnungen direkt zugeordnet sind.
Alle drei Entwürfe zeigen, wie sich Gebäude sowohl formal als auch funktional aus der Landschaft und ihrer landwirtschaftlichen Nutzung entwickeln lassen. Sie sind damit ein Beispiel, wie sich das Wissen und die Herangehensweisen von Architekten und Landschaftsarchitekten, hier in der Betreuung durch die beiden Lehrstühle der RWTH, in einer gemeinsamen Arbeit miteinander verschränken lassen.

Erasmus IP und Bachelorarbeit sind ein Versuch, einem neuen Konsumverhalten Orte zu geben. Mehr als jedes Bio-Siegel oder jede Herkunftsbezeichnung können diese Orte den Kontakt zu Landwirten, ihren Produkten und deren Verarbeitung herstellen und damit den Nachweis von Qualität erbringen. Slow Food bleibt nicht ein Schlagwort und Label, sondern wird in der Landschaft verankert.

Weitere Informationen: http://areeweb.polito.it/erasmus-ip-citygreening

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur der RWTH Aachen University.

Kinder gehören auf den Spielplatz – oder doch in den gesamten städtischen Raum? Wir sprachen mit Dirk Schelhorn, Landschaftsarchitekt und Experte für kindgerechte Gestaltung, und Dr. Renate Zimmer, Expertin für kindliche Bewegungsforschung, wie öffentlicher Raum gestaltet sein muss, damit sich dort auch Kinder wohlfühlen.

Was braucht es, um wirklich gute Räume für Kinder zu planen?

DS: Planer müssen wissen, wie die Kindheitsentwicklung funktioniert und was Kinder wirklich brauchen, um gesund und sicher aufzuwachsen. Das ist Grundwissen. Und dieses Grundwissen muss vernetzt werden. Es reicht nicht wenn der Landschaftsarchitekt das weiß, und es reicht nicht, wenn das Gartenamt das weiß. Die wesentlichen Entscheidungen zu einem gestalteten Raum, werden auf einer anderen Ebene getroffen. Auf der Ebene der Politik und Stadtplanung.

RZ: Für den Planungsprozess wäre es wichtig verschiedene Spezialisten direkt in die Kreation von Projekt mit einzubeziehen. Das gäbe zusätzliche Inspiration und direkte Rückmeldungen, ob Planungsideen Sinn machen und umsetzbar sind.

 

Frau Zimmer, hatten Sie schon einmal das Vergnügen bei einem interdisziplinär besetzten Projekt mitarbeiten zu dürfen?

RZ: Bei größeren bisher noch nicht. Momentan bin ich aber bei der Konzeption eines Spielraums für eine Behinderteneinrichtung in Südkorea dabei. Mit der Einrichtung hatte ich bisher über Fortbildungen zusammengearbeitet und nun bauen wir einen Fußballplatz in einen neuen Spielbereich um.

 

Spielplätze gibt es viele – und die sehen alle gleich aus. Woran liegt das?

RZ: Also entweder liegt es an den finanziellen Verhältnissen der Kommunen, dass sie sich nur einfallslose Spielplätze für Kinder leisten können oder es liegt daran, dass Firmen mit ihren Spielgeräten so unkreativ sind. Es gibt viele Initiativen, die versuchen auch den Raum außerhalb des Spielplatzes zu gestalten, aber da würde ich mir wünschen, dass ein bisschen kreativer mit Bewegungsideen umgegangen wird.

DS: Abprüfbare Qualitäten, wie wir sie bereits in der Spielleitplanung definiert haben, würden helfen. Kinderfreundlich ist eine Gemeinde nicht, wenn sie 13 Kindergärten hat. Das ist elternfreundlich. Kinderfreundlich ist aus der Perspektive der Kinder zu denken.

 

Wie müssten Städte gestaltet sein, damit sie auch Kinder ansprechen?

DS: Kinder sind in ihrem Tagesablauf wesentlich mehr auf Wegen unterwegs als auf Spielplätzen, etwa der Weg zur Schule oder zum Einkaufen. Wenn wir den öffentlichen Raum mal nach Qualitäten für Kinder abprüfen, dann fangen wir bei Wegesystemen und Plätzen zum Verweilen an. Warum gestaltet man den Raum nicht so, dass Kinder auch ihre Freude haben. Ich stelle mir eine Stadt, ein Quartier vor, wo Kinder nicht auf Spielplätzen sondern überall Dinge vorfinden, an denen sie sich betätigen können. Ein Raum muss ausstrahlen: Benutz mich!

RZ: Ich würde mir einen öffentlichen Raum mit sehr differenzierten Anspruchsformen vorstellen. Er muss Selbstständigkeit fördern und ganz unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbieten. Es muss anspruchsvolles geben, weil sich auch Zehnjährige richtig messen wollen, das Angebot darf aber auch ein dreijähriges Kind nicht total überfordern.

 

Nicht alle Städte haben Nachholbedarf in der kindgerechten Gestaltung ihres öffentlichen Raums. Welche Städte sehen sie als positive Vorreiter?

DS: Basel zum Beispiel. Basel hat eine Innenstadt mit ganz vielen Brunnen. Sobald es richtig warm ist, spielen die Kinder am und im Brunnen. Reutlingen ist auch ein gutes Beispiel. Dort werden wir auf einem Kulturplatz, eine ganze Bankreihe durch Schaukeln ersetzen – wo drei Leute nebeneinander sitzen können. Schaukeln ist immer Treffpunkt. Warum muss eine Schaukel immer nur auf einem Spielplatz stehen? Planer sollten Mut haben auch mal witzige Dinge zu tun.

RZ: Es gibt schon gute Beispiele, aber viele Räume könnte noch ein bisschen aufgepeppt und interessanter gestaltet werden, damit alle Altersstufen sich gemeinsam betätigen können.

DS: Ein weiteres Vorzeigeprojekt ist „alla hopp!“. Die Stiftung des SAP-Gründers Dietmar Hopp hat im Rahmen dieser Aktion 19 Kommunen in der Metropolregion Rhein-Neckar Bewegungsparks gestiftet. In enger Zusammenarbeit mit drei weiteren Büros setzen wir diese nun Schritt für Schritt um. Vier konnten wir auch schon fertig stellen.

 

Herr Schelhorn, Sie sagten, es sollte Richtwerte geben. Was genau würden Sie sich wünschen?

DS: In der Spielleitplanung haben wir bereits vor 15 Jahren verbindliche Qualitäten einer Raumgestaltung und Stadtentwicklung zu Gunsten von Kindern definiert. Die DIN 18034 spiegelt das auch wider. Sie hat den gleichen Wert wie die Gerätenorm, die DIN 1176. Aber wenn eine Sicherheitsüberprüfungen vor Ort gemachen wird, dann nimmt jeder die Gerätenorm, aber keiner überprüft den Stadtteil nach der DIN 18034.

 

Was steht in der DIN 18034?

DS: Sie spricht von einem kalkulierbaren Risiko. Da steht drin, dass wir bei der Planung für Kinder verpflichtet sind, kalkulierbares Risiko anzubieten – zur Förderung.

RZ: Gefahren müssen für Kinder erkennbar und einsehbar sein. Aber sie sind nötig, damit ein Gefahrenbewusstsein und eine Risikokompetenz aufgebaut und geübt werden kann.

DS: Die Norm findet aber leider wenig Anwendung und ist am Rahmen der Stadtgestaltung wenig bekannt. Bei der Stadtplanung ist sie eigentlich auf keinem Schreibtisch.

 

Wie kommt das?

DS: Keine Ahnung. Vollzugsdefizit, kein Wissen in der Ausbildung, nicht bekannt gegeben. Das Bundesland Vorarlberg in Österreich ist da momentan am vorbildlichsten. Dort gibt es ein Spielraumgesetz, an dem wir vor Jahren mitgewirkt haben. Mit Beratung aber auch konkreten Projekten.

 

Wenn Städte mehr in kindgerechten Raum investieren würden, welche Chancen würden sich bieten?

DS: Die Chancen sind natürlich riesig: Wir würden wesentlich mehr gesunde Kinder haben. Wir würden aber auch wesentlich weniger Geld in Bildung aus zweiter Hand ausgeben müssen, weil Kinder durch ihr Spielen – elf bis zwölf ist hier die Grenze – ganzheitlich gebildet werden. Die interessantesten, die abenteuerlichsten Dinge, die lernt man auf der Straße, im Wald und oft da, wo Erwachsen nicht davon ausgehen, dass man sie dort lernen kann. Die Chance einer kindgerechten Gestaltung hat aber auch einen generationsübergreifenden Effekt.

 

Wir müssen also für Kinder und Erwachsene planen?

RZ: Ja, über die Interaktion von Eltern und Kindern im öffentlichen Raum bahnt sich auch so was wie ein aktiver Lebensstil an, der sich auf die Kinder überträgt. Kinder sehen wie Eltern mit dem öffentlichen Raum umgehen. Ob sie hasten, um zum nächsten Termin zu kommen, oder ob sie sich auch mal Zeit nehmen.

DS: In einer kindgerechten Gestaltung haben auch Erwachsene ihren Platz. Der generationsübergreifende Aspekt hat nichts damit zu tun, dass Mutti irgendwas auf dem Walker macht und das Kind 20 Meter weiter im Sandkasten spielt. Sondern eine kindgerechte Gestaltung hat auch immer Platz für beobachtende Erwachsene – für teilnehmende Erwachsene. Sich freuen zu können am Kinderlachen, das ist vor allem für alte Leute sehr wichtig. Oder Kinder können mal Erwachsene beobachten. Wenn Kinder an einer Baustelle stehen bleiben, weil da drei Bagger fahren, dann ist das schon generationsübergreifende Teilhabe.

RZ: Ich würde sogar noch weiter gehen – Spielplätze für Ältere. Das ist ein Thema, das überhaupt noch nicht richtig weiter gedacht wurde.

 

Mit dem Thema „kindgerechte Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschäftigen wir uns auch in Garten + Landschaft 05/2016 – der Platz, das Gefühl und wir.