Totholz im Garten: Bedeutung, Maßnahmen und Praxis

Naturnahe, artenreiche Stadtnatur zum Thema Totholz im Garten
Treibholz am Strand – ein Zeugnis natürlicher Küstendynamik. Foto: scarlettweiss / Unsplash

Totholz im Garten gilt in vielen Köpfen noch immer als Zeichen von Vernachlässigung. Dabei ist abgestorbenes Holz in Form von Stämmen, Ästen, Stubben und Reisig eines der ökologisch wertvollsten Strukturelemente, die ein Freiraum bieten kann. Für Landschaftsarchitekten, Freiraumplaner und alle, die Grünflächen professionell gestalten oder pflegen, ist das Thema Totholz im Garten längst kein Nischenthema mehr, sondern ein zentraler Baustein einer biodiversitätsorientierten Freiraumgestaltung.

  • Was Totholz ist, welche Typen unterschieden werden und wie es entsteht
  • Welche ökologischen Funktionen Totholz im Garten und in der Freifläche erfüllt
  • Welche Artengruppen von Totholz abhängig sind und warum ihre Förderung planerisch relevant ist
  • Wie Totholzelemente gezielt in Planung und Gestaltung integriert werden
  • Welche Maßnahmen bei Neuanlage, Pflege und Umgestaltung von Grünflächen sinnvoll sind
  • Wie Totholz im Garten mit Verkehrssicherungspflicht und rechtlichen Anforderungen vereinbar ist
  • Welche typischen Fehler und Missverständnisse in der Praxis auftreten
  • Wie Totholz in den größeren Kontext grüner Infrastruktur und Biodiversitätsstrategie eingebettet ist

Definition und Typen: Was Totholz im Garten bedeutet

Totholz bezeichnet abgestorbenes oder sterbendes Holz in allen Zersetzungsstadien, unabhängig davon, ob es noch am Baum verbleibt oder bereits auf dem Boden liegt. Der Begriff umfasst ein breites Spektrum: vom frisch abgestorbenen Ast mit noch fester Rinde über den morschen, von Pilzen durchzogenen Stamm bis hin zum kaum noch erkennbaren, in den Boden übergehenden Holzrest. In der Forstwissenschaft und Naturschutzbiologie wird Totholz nach seiner Lage, seiner Dimension und seinem Zersetzungsgrad klassifiziert. Diese Unterscheidungen sind auch für die Freiraumplanung relevant, weil verschiedene Artengruppen sehr unterschiedliche Totholzstrukturen benötigen.

Stehendes Totholz, in der Fachsprache auch als Stehendtotholz oder Dürrständer bezeichnet, sind abgestorbene Stämme oder Äste, die noch aufrecht stehen. Sie entstehen durch Blitzschlag, Pilzbefall, Trockenstress, Insektenbefall oder mechanische Schäden. Liegendes Totholz umfasst gefällte oder natürlich umgestürzte Stämme, grob zersägtes Stammholz, Astmaterial und Reisig auf dem Boden. Stubben, also die Stümpfe gefällter Bäume, bilden eine eigene Kategorie: Sie verbleiben im Boden verankert und bieten durch ihre Verbindung zum Wurzelsystem besonders langlebige und strukturreiche Lebensräume. Schließlich gibt es Totholz in Form von Höhlen und Rissen in lebenden Bäumen, das sogenannte Mulmholz, also das vermorschte Innere von Baumhöhlen, das eine der seltensten und wertvollsten Totholzstrukturen überhaupt darstellt.

Für die Praxis im Garten und in der Freifläche ist entscheidend, dass nicht jede Totholzstruktur denselben ökologischen Wert hat. Frisches, hartes Totholz aus Laubbäumen wie Eiche, Buche oder Obstgehölzen ist für holzbewohnende Käfer (Saproxylobionten) besonders attraktiv. Weiches, feuchtes, stark zersetztes Holz bietet Lebensraum für Pilze, Moose, Asseln, Tausendfüßler und zahlreiche Bodenorganismen. Stehendes Totholz mit Rindentaschen und Rissen ist für höhlenbrütende Vögel und Fledermäuse relevant. Diese Differenzierung zeigt, dass Totholz im Garten kein monolithisches Konzept ist, sondern ein Spektrum an Maßnahmen erfordert, die aufeinander abgestimmt sein sollten.

Ökologische Bedeutung: Warum Totholz unverzichtbar ist

Die ökologische Bedeutung von Totholz ist in der Wissenschaft gut belegt. Schätzungen aus der Naturschutzbiologie gehen davon aus, dass ein Viertel bis ein Drittel aller Waldarten direkt oder indirekt auf Totholz angewiesen sind. Für Gärten, Parkanlagen, Friedhöfe, Schulhöfe und andere urbane Grünflächen liegen zwar weniger systematische Daten vor, aber die Grundprinzipien gelten auch dort: Wo Totholz fehlt, fehlen die Arten, die es brauchen. Und wo diese Arten fehlen, werden ganze Nahrungsnetze geschwächt.

Besonders gut erforscht ist die Abhängigkeit holzbewohnender Käfer vom Totholz. In Mitteleuropa sind mehrere tausend Käferarten mehr oder weniger stark an abgestorbenes Holz gebunden. Viele dieser Arten, darunter der Hirschkäfer (Lucanus cervus) und zahlreiche Bockkäfer (Cerambycidae), stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Ihre Larven entwickeln sich über mehrere Jahre im Holz, bevor die Käfer schlüpfen. Ohne ausreichend dimensioniertes, geeignetes Totholz können diese Arten ihren Lebenszyklus nicht abschließen. Totholz im Garten ist damit nicht nur eine ästhetische oder symbolische Geste, sondern eine konkrete Maßnahme zur Förderung gefährdeter Tiergruppen.

Neben Insekten profitieren Pilze in besonderem Maß von Totholz. Holzzersetzende Pilze, darunter Porlinge (Polyporales), Schichtpilze und Rindenpilze, sind die eigentlichen Motoren der Holzzersetzung. Sie bauen Lignin und Zellulose ab und machen die im Holz gebundenen Nährstoffe für den Stoffkreislauf wieder verfügbar. Dieser Prozess ist für die Bodenbildung und die Nährstoffversorgung von Pflanzen langfristig von großer Bedeutung. Moose und Flechten, die auf Totholz wachsen, erhöhen die Strukturvielfalt weiter und bieten ihrerseits Lebensraum für Kleinstlebewesen. Auch Amphibien, insbesondere Molche und Salamander, nutzen liegendes Totholz als Versteck und Überwinterungsquartier.

Totholz erfüllt schließlich eine wichtige Funktion im Wasserhaushalt. Morschendes Holz nimmt Wasser auf und gibt es langsam wieder ab, was in trockenen Perioden die Bodenfeuchte stabilisiert. In urbanen Grünflächen, die unter zunehmendem Trockenstress leiden, ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen. Totholzhaufen und Reisigwälle können zudem als Windschutz und Bodenschutz gegen Erosion wirken.

Planung und Gestaltung: Totholz im Garten gezielt einsetzen

Die Integration von Totholz in die Freiraumplanung erfordert eine klare Konzeption. Es genügt nicht, Äste und Stämme beliebig auf einer Fläche abzulegen. Entscheidend sind Standortwahl, Dimensionierung, Holzart und die Vernetzung mit anderen Strukturelementen wie Hecken, Staudenfluren und Gehölzbeständen. Totholzelemente sollten als Teil eines Gesamtkonzepts gedacht werden, das Lebensraumverbund, Pflanzenwahl und Pflegeintensität aufeinander abstimmt.

Für die Anlage von Totholzhaufen, auch als Benjeshecken oder Reisigwälle bekannt, empfiehlt sich ein sonniger bis halbschattiger Standort an einem ruhigen Bereich der Fläche. Benjeshecken, benannt nach dem Naturschützer Hermann Benjes, bestehen aus aufgeschichtetem Schnittgut, Ästen und Reisig und dienen gleichzeitig als Windschutz, Vogelschutzgehölz und Totholzstruktur. Sie sind in der Praxis leicht herzustellen, erfordern kaum Pflege und entwickeln sich mit der Zeit zu artenreichen Lebensräumen. Wichtig ist eine ausreichende Breite von mindestens einem Meter und eine Höhe von mindestens achtzig Zentimetern, damit die Struktur stabil bleibt und Kleinsäuger wie Igel und Mauswiesel Unterschlupf finden.

Stammholz aus Laubbäumen, das gezielt als Totholzelement eingesetzt wird, sollte möglichst unbehandelt und rindentragend sein. Hartholzarten wie Eiche, Obstgehölze, Walnuss oder Buche sind für holzbewohnende Käfer besonders attraktiv. Stämme von mindestens dreißig Zentimetern Durchmesser und einem Meter Länge bieten deutlich mehr Lebensraum als dünnes Astmaterial. Für die Förderung des Hirschkäfers, der seine Larvenentwicklung in morschen Eichenwurzeln und -stümpfen vollzieht, sind eingegrabene Eichenholzblöcke eine bewährte Maßnahme, die in mehreren Naturschutzprojekten erprobt wurde. Dabei werden Holzblöcke halb in den Boden eingelassen, sodass sie Bodenkontakt haben und langsam von unten herauf durchfeuchten und zersetzen.

Stubben sollten nach Möglichkeit bei Fällmaßnahmen im Boden belassen werden, anstatt gefräst zu werden. Die Stumpffräse ist aus ökologischer Sicht eine der destruktivsten Routinemaßnahmen in der Grünflächenpflege: Sie vernichtet nicht nur den Stubben selbst, sondern auch das gesamte Wurzelsystem mit seinen Pilzgeflechten, Insektenlarven und Bodenorganismen. Wo Stubben aus Sicherheitsgründen nicht stehen bleiben können, sollten sie zumindest auf dem Gelände verbleiben und als liegendes Totholzelement genutzt werden. Stehendes Totholz in Form von Dürrständern kann dort belassen werden, wo keine Verkehrssicherungspflicht dagegen spricht. In ruhigen Randbereichen von Parks, auf Friedhöfen abseits der Hauptwege oder in naturnahen Gartenbereichen ist dies oft problemlos möglich.

Totholz und Gehölzpflege: Was bei Pflegeschnitten zu beachten ist

Pflegeschnitte an Bäumen und Sträuchern erzeugen regelmäßig Schnittgut, das in vielen Betrieben sofort gehäckselt oder abtransportiert wird. Aus ökologischer Sicht ist es sinnvoll, zumindest einen Teil dieses Materials auf der Fläche zu belassen. Stärkeres Astmaterial ab fünf Zentimetern Durchmesser eignet sich für Totholzhaufen oder als Stammholzelement. Dünneres Reisig kann zu Reisigwällen aufgeschichtet werden. Die Entscheidung, welches Material verbleibt und welches abgefahren wird, sollte Teil des Pflegekonzepts sein und nicht dem Zufall überlassen bleiben.

Bei der Baumpflege nach der ZTV-Baumpflege (Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen für Baumpflege) und den Empfehlungen der FLL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau) ist Totholz in der Baumkrone grundsätzlich zu beurteilen: Sicherheitsrelevantes Totholz muss entfernt werden, ökologisch wertvolles Totholz in ungefährlichen Positionen sollte nach Möglichkeit verbleiben. Diese Abwägung erfordert fachkundige Baumkontrolle und ist nicht pauschal zu treffen. Ein erfahrener Baumpfleger oder Baumgutachter kann einschätzen, welche Totäste eine Gefährdung darstellen und welche bedenkenlos verbleiben können.

Verkehrssicherungspflicht und rechtliche Rahmenbedingungen

Die Verkehrssicherungspflicht ist in der Praxis das häufigste Argument gegen Totholz im öffentlichen Grün. Tatsächlich verpflichtet das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) Eigentümer und Betreiber von Grünflächen dazu, von ihren Bäumen und Gehölzen ausgehende Gefahren zu erkennen und zu beseitigen. Stehendes Totholz, das über Wegen oder Aufenthaltsbereichen hängt, ist eine potenzielle Gefahrenquelle und muss entsprechend behandelt werden. Das ist unstrittig.

Allerdings bedeutet Verkehrssicherungspflicht nicht, dass jedes Totholzelement entfernt werden muss. Sie bedeutet, dass Gefahren erkannt, bewertet und verhältnismäßig behandelt werden müssen. Totholz in Randbereichen, abseits von Wegen und Aufenthaltsflächen, stellt in der Regel keine Gefährdung dar. Liegendes Totholz auf dem Boden ist ohnehin kein Sicherheitsproblem. Stubben ohne aufragende Äste sind ebenfalls unproblematisch. Die Verkehrssicherungspflicht schränkt den Einsatz von Totholz im Garten und in der Freifläche also weniger ein, als häufig angenommen wird. Entscheidend ist eine klare räumliche Zonierung: Totholzelemente werden dort konzentriert, wo sie keine Gefährdung darstellen, und dort vermieden, wo Sicherheitsanforderungen überwiegen.

Für kommunale Grünflächen, Schulhöfe und öffentliche Parks empfiehlt sich eine dokumentierte Totholzstrategie als Teil des Pflegeplans. Sie legt fest, in welchen Bereichen Totholz gezielt gefördert wird, welche Elemente regelmäßig kontrolliert werden und wie mit neu entstehendem Totholz umgegangen wird. Eine solche Strategie schafft Rechtssicherheit, weil sie belegt, dass Totholz nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus fachlicher Überzeugung und mit planerischer Sorgfalt vorhanden ist. Naturschutzrechtliche Aspekte, insbesondere der Schutz von Baumhöhlen als Lebensstätten streng geschützter Arten nach Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) und FFH-Richtlinie, können sogar dazu verpflichten, bestimmte Totholzstrukturen zu erhalten.

Häufige Fehler und Missverständnisse in der Praxis

Ein verbreiteter Fehler ist die Verwendung von Nadelholz als Totholzelement in Laubholzregionen. Fichtenholz, Kiefernholz oder Lärchenholz zersetzt sich zwar ebenfalls, ist aber für die meisten mitteleuropäischen holzbewohnenden Insektenarten weit weniger attraktiv als heimisches Laubholz. Wer Totholz im Garten anlegen möchte und dabei auf Nadelholzreste zurückgreift, weil diese gerade verfügbar sind, erzielt deutlich geringere ökologische Effekte. Heimisches Laubholz, insbesondere aus alten Bäumen, sollte bevorzugt werden.

Ein weiterer Irrtum ist die Annahme, Totholz sei gleichbedeutend mit Unordnung oder mangelnder Pflege. In der Kommunikation mit Auftraggebern, Anliegern und Nutzern ist es daher wichtig, Totholzelemente gestalterisch einzubinden und zu erläutern. Ein sorgfältig gestapelter Totholzhaufen mit einer erklärenden Hinweistafel wird anders wahrgenommen als achtlos hingeworfene Äste. Gestaltung und Kommunikation sind Teil der Maßnahme. Einige Kommunen und Naturschutzorganisationen haben gute Erfahrungen damit gemacht, Totholzelemente durch kleine Schilder als bewusste ökologische Maßnahme zu kennzeichnen, was Akzeptanz schafft und Bildungsarbeit leistet.

Schließlich wird der Zeitfaktor oft unterschätzt. Totholz entfaltet seinen vollen ökologischen Wert nicht sofort, sondern über Jahre und Jahrzehnte. Ein frisch angelegter Totholzhaufen ist zunächst ein strukturelles Element; erst mit zunehmender Zersetzung, mit dem Einzug von Pilzen, Moosen und Insekten, entsteht der eigentliche Lebensraum. Wer nach zwei Jahren keine spektakulären Ergebnisse sieht und die Maßnahme aufgibt, verkennt die Zeitdimension ökologischer Prozesse. Totholzkonzepte müssen langfristig angelegt sein und dürfen nicht dem kurzfristigen Pflegedruck zum Opfer fallen.

Totholz im Garten als Teil grüner Infrastruktur und Biodiversitätsstrategie

Totholz im Garten ist kein isoliertes Einzelelement, sondern Teil eines größeren Zusammenhangs. Die Europäische Biodiversitätsstrategie, nationale Aktionspläne für Insektenschutz und kommunale Biodiversitätskonzepte benennen den Verlust von Strukturvielfalt in Siedlungsgrün als eine der wesentlichen Ursachen für den Rückgang von Insekten, Vögeln und anderen Tiergruppen in urbanen Räumen. Totholz ist eine der kostengünstigsten und wirkungsvollsten Maßnahmen, um dieser Verarmung entgegenzuwirken, weil es in nahezu jedem Freiraumtyp und in jeder Maßstabsebene eingesetzt werden kann.

Im Kontext grüner Infrastruktur, also des vernetzten Systems naturnaher Grünflächen in der Stadt, erfüllen Totholzelemente eine Verbundfunktion. Sie bieten Trittsteine für Arten, die auf strukturreiche Lebensräume angewiesen sind, und erhöhen die ökologische Qualität auch kleiner Grünflächen erheblich. Ein Stadtgarten mit Totholzhaufen, Stubben und einem Dürrständer ist für holzbewohnende Käfer und Kleinsäuger deutlich attraktiver als eine gepflegte Rasenfläche ohne Strukturelemente, selbst wenn er kleiner ist. Die Qualität der Struktur überwiegt die Quantität der Fläche.

Für Landschaftsarchitekten und Freiraumplaner ergibt sich daraus eine klare fachliche Haltung: Totholz im Garten und in der Freifläche sollte nicht als Ausnahme oder Kompromiss behandelt werden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer qualitätsvollen, biodiversitätsfördernden Freiraumgestaltung. Das erfordert Überzeugungsarbeit gegenüber Auftraggebern, Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge und die Bereitschaft, Pflegekonzepte entsprechend anzupassen. Es erfordert aber keine großen Budgets und keine aufwendigen Techniken. Totholz kostet in der Regel nichts, weil es aus dem Pflegeschnitt der vorhandenen Gehölze gewonnen werden kann. Was es braucht, ist das Wissen um seinen Wert und den Mut, es sichtbar zu machen.

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Digitale Plattformen für Bürgerbeteiligung: Urbanes Co-Design in der Smart City

Mit der Plattform „Better Reykjavik“ können Bürger*innen ihre Ideen für die Stadtentwicklung einreichen. Vorschläge mit den meisten Stimmen werden von der Stadtverwaltung geprüft und realisiert – ein Modell für aktive Mitbestimmung. © Einar H. Reynis | Unsplash

Bürgerbeteiligung ist ein wesentlicher Bestandteil moderner Stadtentwicklung. Sie ermöglicht es den Bewohner*innen, aktiv an der Gestaltung ihrer Umgebung mitzuwirken, und schafft eine Grundlage für transparente und demokratische Entscheidungsprozesse. Digitale Plattformen für Bürgerbeteiligung bieten neue Möglichkeiten, diese Prozesse zu verbessern und mehr Menschen einzubinden. Mit Hilfe von Apps, Online-Portalen und Social-Media-Kampagnen können Städte Feedback einholen, Projekte transparenter gestalten und Bürger aktiv in die Planung einbeziehen.

Fun Fact: Laut einer Studie von Smart Cities Dive erhöhen Städte mit digitalen Beteiligungsplattformen die Bürgerzufriedenheit um bis zu 25 %.

Technologische Grundlagen der digitalen Bürgerbeteiligung

Die Umsetzung digitaler Bürgerbeteiligung basiert auf einer Vielzahl moderner Technologien, die Interaktivität, Transparenz und Skalierbarkeit ermöglichen.

Apps und mobile Plattformen

Mobile Apps ermöglichen es Bürger*innen, von jedem Ort aus an Beteiligungsprozessen teilzunehmen. Sie können Vorschläge einreichen, Abstimmungen durchführen oder sich über aktuelle Projekte informieren.

Cloud-Plattformen

Cloud-basierte Systeme speichern alle Daten zentral und ermöglichen den Echtzeit-Zugriff für Stadtverwaltungen und Bürger*innen. Sie fördern die Zusammenarbeit und Transparenz bei großen Beteiligungsprojekten.

Blockchain

Blockchain-Technologie schafft Vertrauen, indem sie alle Transaktionen und Abstimmungen fälschungssicher dokumentiert. Sie kann bei Bürgerabstimmungen und der Mittelverwendung Transparenz gewährleisten.

Augmented Reality (AR)

Mit AR können Bürger*innen geplante Projekte wie neue Gebäude oder Parks virtuell erleben und Feedback geben. Dies macht die Stadtplanung greifbarer und interaktiver.

Praxisbeispiel: In Paris wird eine AR-App genutzt, mit der Bürger*innen geplante Bauprojekte in ihrer Umgebung visualisieren und kommentieren können.

Anwendungsbereiche digitaler Bürgerbeteiligung

Digitale Plattformen finden in zahlreichen Bereichen der Stadtentwicklung Anwendung und fördern die Einbindung der Bürger*innen.

Stadtplanung und Infrastrukturprojekte

Bürger*innen können über digitale Plattformen Vorschläge für neue Parks, Verkehrswege oder Gebäude einreichen und bestehende Pläne kommentieren. Abstimmungen helfen, die Präferenzen der Gemeinschaft zu erfassen.

Verkehrsmanagement

Plattformen ermöglichen es, Verkehrsprobleme zu melden oder Vorschläge für neue Radwege und Bushaltestellen einzureichen. Städte können auf diese Weise den Verkehr effizienter gestalten.

Umweltprojekte

Bürger*innen können über digitale Plattformen Umweltprobleme wie illegale Müllablagerungen oder Lärmbelastungen melden. Auch die Planung von Gemeinschaftsgärten oder Recycling-Initiativen wird so erleichtert.

Öffentliche Sicherheit

Apps und Plattformen können genutzt werden, um gefährliche Stellen oder Sicherheitsprobleme zu melden. Die Zusammenarbeit zwischen Bürger*innen und Stadtverwaltung wird so verbessert.

Beispiel aus der Praxis: In Barcelona können Bürger*innen über die Plattform “Decidim” Vorschläge für die Stadtentwicklung machen und über Projekte abstimmen.

Vorteile digitaler Plattformen für Bürgerbeteiligung

Die Einführung digitaler Plattformen bietet zahlreiche Vorteile für Städte und ihre Bewohner*innen.

Transparenz

Bürger*innen können die Fortschritte von Projekten in Echtzeit verfolgen, was das Vertrauen in die Stadtverwaltung stärkt.

Effizienz

Digitale Plattformen beschleunigen Beteiligungsprozesse und reduzieren die Kosten für öffentliche Konsultationen und physische Treffen.

Inklusion

Online-Tools ermöglichen es auch Menschen, die sonst wenig Zugang zu solchen Prozessen haben, sich einzubringen. Dies schließt Personen mit eingeschränkter Mobilität, beruflich Eingespannte und junge Menschen ein.

Stärkung des Gemeinschaftsgefühls

Bürgerbeteiligung fördert das Engagement und das Gefühl der Mitverantwortung für die Stadt. Dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Akzeptanz für städtische Projekte.

Expertenmeinung: Laut einer Umfrage von Deloitte fühlen sich 65 % der Bürger*innen stärker in die Stadtplanung eingebunden, wenn digitale Plattformen genutzt werden.

Herausforderungen bei der Implementierung digitaler Plattformen

Trotz ihrer Vorteile stehen Städte bei der Einführung digitaler Bürgerbeteiligung vor einigen Herausforderungen.

Zugangsgerechtigkeit

Nicht alle Bürger*innen haben Zugang zu digitalen Technologien oder verfügen über die nötigen Kenntnisse. Städte müssen sicherstellen, dass auch weniger digital affine Menschen einbezogen werden.

Datensicherheit und Datenschutz

Die Erfassung und Speicherung persönlicher Daten birgt Risiken. Plattformen müssen sicherstellen, dass Daten DSGVO-konform verarbeitet werden und vor Cyberangriffen geschützt sind.

Balance zwischen Expertise und Bürgermeinung

Nicht alle Vorschläge der Bürger*innen sind umsetzbar oder sinnvoll. Städte müssen einen Weg finden, die Meinungen der Bürger*innen mit der Expertise von Fachleuten zu kombinieren.

Engagement der Bürger

Die Beteiligung an digitalen Plattformen ist oft begrenzt. Städte müssen Anreize schaffen, um die aktive Teilnahme der Bürger*innen zu fördern.

Expertenmeinung: Laut einer Studie des Urban Institute betrachten 40 % der Stadtverwaltungen mangelndes Bürgerengagement als größte Hürde bei der Einführung digitaler Beteiligungsplattformen.

Praxisbeispiele für erfolgreiche Bürgerbeteiligung

Barcelona: „Decidim”

Barcelona nutzt die Plattform “Decidim”, um Bürger*innen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Nutzer*innen können Vorschläge einreichen, abstimmen und die Umsetzung verfolgen.

Reykjavik: „Better Reykjavik”

In Reykjavik können Bürger*innen über die Plattform “Better Reykjavik” Ideen für die Stadtentwicklung vorschlagen. Die am höchsten bewerteten Vorschläge werden von der Stadtverwaltung geprüft und umgesetzt.

Berlin: Partizipative Haushaltsplanung

Berlin nutzt eine Online-Plattform, um Bürger*innen in die Haushaltsplanung einzubeziehen. Nutzer*innen können Vorschläge machen und priorisieren, welche Projekte finanziert werden sollen.

Zukunftsperspektiven: Integration von KI und AR in Bürgerbeteiligungsplattformen

Die Weiterentwicklung digitaler Technologien wird die Bürgerbeteiligung in Zukunft noch interaktiver und personalisierter machen.

  1. Künstliche Intelligenz (KI): KI kann Bürgermeinungen analysieren und Trends identifizieren, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen.
  2. Augmented Reality (AR): AR ermöglicht es Bürger*innen, geplante Projekte virtuell zu erleben und interaktiv zu gestalten.
  3. Gamification: Spielelemente können die Motivation zur Teilnahme steigern und komplexe Themen zugänglicher machen.
  4. Blockchain: Blockchain könnte genutzt werden, um Abstimmungen sicher und transparent zu gestalten.

Zukunftsausblick: In einem Pilotprojekt in Toronto wird eine AR-App entwickelt, die Bürger*innen erlaubt, geplante Bauprojekte virtuell zu sehen und in Echtzeit Feedback zu geben.

Wie digitale Plattformen die Stadtentwicklung demokratisieren

Digitale Plattformen für Bürgerbeteiligung sind ein wichtiger Schritt hin zu einer demokratischen und transparenten Stadtentwicklung. Sie ermöglichen es Bürger*innen, aktiv an der Gestaltung ihrer Städte mitzuwirken und fördern gleichzeitig die Effizienz und Inklusion in Planungsprozessen. Trotz Herausforderungen wie Zugangsgerechtigkeit und Datenschutz bieten diese Plattformen ein enormes Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen Bürger*innen und Stadtverwaltungen zu verbessern und Städte smarter und lebenswerter zu machen.

Abschließender Gedanke: Die Zukunft der Stadtentwicklung liegt in der aktiven Mitgestaltung durch ihre Bewohner*innen. Digitale Plattformen schaffen die Grundlage für eine echte Partnerschaft zwischen Bürger*innen und Verwaltung – ein Gewinn für alle Beteiligten.

Weiterlesen: Das Glasgower Architekturstudio Loader Monteith hat einen Gemeinschaftsplatz in der schottischen Stadt mit neuem Leben versehen.

Online-Ausstellung “Draußen: im Zentrum”

Die Debatte um den Wohnungsbau in Berlin ist heftiger geworden. Gerade rechtzeitig kommt da eine kluge Online-Ausstellung: www.draussen-im-zentrum.de.

Zur Eröffnung stellte Axel Klapka, Vorsitzender der Landesgruppe Berlin-Brandenburg des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, die Frage, was auf dem Spiel stehe, wenn unter Zeitdruck gebaut werde. „Draußen: im Zentrum“ entführt in Wohnhöfe, Bauherrenprojekte, denkmalgeschützte Siedlungen, die heute noch am Stadtrand liegen, aber morgen vielleicht schon im Zentrum. 22 Beispiele aus 19 Berliner Büros stellen Philipp Sattler und Stefan Reimann vor. Statt Plakate wählten sie gemeinsam mit Grafiker Oliver Kleinschmidt eine Installation im Netz, ein dialogorientiertes, erweiterbares Format mit ästhetisch-programmatischem Ziel.

Von neu bis erneuert 

Wohnumfeldverbesserung bedeute zu oft Verschlimmbesserung, sagt Stefan Reimann. Nämlich dann, wenn Landschaftsarchitekten nur nach Pflichtenhefte ausführen sollen, was längst vorgeschrieben ist: die Lage des Müllstellplatzes, die Regenwasserversickerung oder die Feuerwehrzufahrten. „Hier bei uns ist das Draußen eine Erweiterung des Drinnen“, verspricht er als Kurator. In drei Rubriken klicken sich Besucher durch Bildstrecken und kurze Texte. Unter „Neu erstellt“ geht es um visionäre Tatkraft beim neu Bauen, verwirklicht auf Konversionsbrachen oder der grünen Wiese, wo Landschaftsarchitekten aus dem Vollen schöpfen, zum Beispiel A24 Landschaftsarchitekten in der Kaserne „Estienne et Foch“ in Landau.

Unter „Frisch erweitert“ sammeln die Kuratoren Besonderes aus der kompletten Produkt-palette der Nachverdichtung im Bestand, von Dachgarten bis Spielplatz, entdeckt in Hamburg, Wiesbaden oder München. Im Gartenhof einer Baugemeinschaft in Berlin-Kreuzberg (Herrburg Landschaftsarchitekten) dominiert üppige Pflanzenpracht. Puristisch luftig dagegen wirkt ein Innenhof in Berlin-Köpenick (Hutterreimann Landschaft-sarchitekten), der nur drei-Zutaten hat: Rasen, Gleditsien und Bänke aus hellweißen Betonriegeln.

Wie verwandelbar Freiräume sind, zeigt „Rund erneuert“ anhand von Anlagen aus den 50er- bis 80er-Jahre und den berühmten Groß-Siedlungen der Moderne. Darunter ein Unesco-Welterbe, die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz, von Henningsen Landschaftsarchitekten an die Ansprüche der Neuzeit angepasst. Noch unbekannt ist das Umfeld eines denkmalgeschützten Studentenwohnheim in Berlin-Charlottenburg. Dort zähmten K1 Landschaftsarchitekten die Vegetation, machten aus Trampelpfaden Wege, setzten Sitzstufen an Wälle, schufen kleine Beete für urbanes Gärtnern, stets die jungen Bewohner im Blick.

Inspiration erwünscht

Vermag die Ausstellung so zu inspirieren, dass mehr Bauherren mehr Projekte jenseits von Nullachtfünfzehn wollen? Zur Vernissage wurde das diskutiert mit Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur und Stefan Schautes, Howoge Berlin. Letzterer versteckte sich nur zu gern hinter den in seinem städ-tischen Unternehmen noch üblichen, als qualitätssichernd geltenden Auswahlverfahren. Reiner Nagel will eine Qualitätsoffensive mit Forderungen nach mehr Geld verbinden, 30 Euro pro Quadratmeter im öffentlichen Raum reichten nicht. Was es für eine derartige Qualitätsoffensive braucht, steht übrigens im Essay zur Ausstellung unter dem schönen Titel „Draussen, 09-15“.