Wie Beirut Begrünung als Trauma-Bewältigung einsetzt

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Luftaufnahme eines grünen urbanen Platzes mit Gebäuden, fotografiert von Nerea Martí Sesarino

Beirut ist eine Stadt, die sich immer wieder neu erfinden muss – nicht nur wegen ihrer bewegten Geschichte, sondern auch, weil Begrünung hier mehr ist als nur ein ästhetisches Upgrade. Inmitten von Ruinen, politischen Krisen und gesellschaftlichen Traumata wird urbanes Grün zum Werkzeug der Heilung, zu einem Instrument der Hoffnung. Wer wissen will, wie aus Stadtbegrünung ein kollektiver Akt der Trauma-Bewältigung wird, sollte jetzt weiterlesen.

  • Überblick über die historischen und aktuellen Traumata Beiruts und deren Bedeutung für die Stadtentwicklung
  • Analyse, wie Begrünung als Strategie zur Trauma-Bewältigung eingesetzt wird
  • Einblicke in konkrete Projekte, Akteure und urbane Interventionen in Beirut
  • Diskussion über die psychologischen, sozialen und ökologischen Effekte urbaner Begrünung
  • Vergleich mit internationalen Ansätzen und Besonderheiten des libanesischen Kontextes
  • Erörterung der Herausforderungen und Grenzen von Begrünungsmaßnahmen in Krisenstädten
  • Ausblick: Was kann die DACH-Region von Beirut lernen und umgekehrt?
  • Fazit zur Rolle von Landschaftsarchitektur in posttraumatischen Stadtgesellschaften

Beirut – Stadt der Narben und der Hoffnung: Historische Traumata und urbane Herausforderungen

Kaum eine Stadt im Mittelmeerraum steht so exemplarisch für das Nebeneinander von Zerstörung und Beharrlichkeit wie Beirut. Die libanesische Hauptstadt hat im letzten Jahrhundert mehr erlebt, als viele Metropolen in drei Jahrhunderten verarbeiten müssen: Bürgerkriege, wiederkehrende politische Krisen, langanhaltende ökonomische Unsicherheit und zuletzt die verheerende Explosion im Hafen im August 2020. Diese Katastrophe zerstörte nicht nur große Teile des urbanen Raums, sondern riss auch tiefe seelische Wunden in das kollektive Bewusstsein der Stadtbewohner. In Beirut ist Trauma kein abstraktes Konzept, sondern gelebte Erfahrung, die sich in Architektur, Stadtraum und Alltagsleben manifestiert.

Wer sich mit Stadtplanung und Landschaftsarchitektur in Beirut beschäftigt, begegnet daher zwangsläufig der Frage, wie gebaute Umwelt helfen kann, mit solchen Traumata umzugehen. Hier ist die Annahme, dass städtische Grünflächen lediglich Erholungsorte sind, zu kurz gegriffen. Vielmehr werden sie zu Orten der kollektiven Erinnerung, der Begegnung, manchmal auch des Protests – und nicht selten zu Inseln der Normalität in einem ansonsten chaotischen Umfeld. Die Landschaftsarchitektur in Beirut ist geprägt von einer ständigen Aushandlung zwischen dem Wunsch nach Stabilität und der Realität fortwährender Unsicherheit.

Die Nachwirkungen der Explosion von 2020 sind bis heute sichtbar. Ruinen, zerstörte Gebäude und improvisierte Grünflächen prägen die Peripherie des Hafens. Aber auch ältere Narben – etwa aus dem Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 wütete – sind im Stadtbild erhalten geblieben. In dieser Gemengelage ist Begrünung nicht bloß Verschönerung, sondern eine bewusste Strategie, um den urbanen Raum wieder bewohnbar und erlebbar zu machen. Dabei steht die Frage im Zentrum: Wie kann grüne Infrastruktur zur Heilung beitragen, wenn die Wunden noch offen sind?

Beirut ist in vielerlei Hinsicht ein Labor für posttraumatische Stadtentwicklung. Die Stadt zeigt, wie aus der Not heraus innovative Ansätze entstehen können, die weit über den klassischen Kanon der Stadtbegrünung hinausgehen. Hier wird sichtbar, was passiert, wenn Begrünung nicht von oben verordnet, sondern von unten erkämpft wird – häufig von zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich gegen Korruption, Vernachlässigung und Ohnmacht stemmen. In Beirut wird der urbane Raum zum Schauplatz einer permanenten Auseinandersetzung zwischen Zerstörung und Hoffnung, zwischen Verlust und Erneuerung.

Diese Dynamik eröffnet für Planer, Stadtentwickler und Landschaftsarchitekten neue Perspektiven. Denn die Frage, wie Begrünung als Instrument der Trauma-Bewältigung funktionieren kann, ist in Beirut keine akademische, sondern eine existenzielle. Hier entscheidet sie mit darüber, ob die Stadt als lebenswerter Raum erhalten bleibt – oder den Rückzug der Bewohner in private Enklaven weiter befördert.

Grün als Therapie: Die Rolle der Begrünung in der posttraumatischen Stadt

Es ist ein offenes Geheimnis: Grün tut der Seele gut. Doch in Beirut wird diese Binsenweisheit auf eine harte Probe gestellt. Denn hier geht es nicht nur um Wohlfühlatmosphäre, sondern um die Frage, wie Pflanzen, Parks und urbane Gärten zur Verarbeitung kollektiver Traumata beitragen können. Die psychologische Wirkung von Grünflächen ist in der Forschung gut dokumentiert: Sie fördern Resilienz, stärken das Gemeinschaftsgefühl und bieten Rückzugsräume in einem oft überfordernden urbanen Umfeld. Aber wie sieht das konkret im libanesischen Kontext aus?

Nach der Explosion von 2020 entstanden in Beirut zahlreiche temporäre Grünflächen, oft auf den Ruinen zerstörter Häuser oder auf bisher brachliegenden Restflächen entlang des Hafens. Diese Initiativen sind selten Teil offizieller Stadtplanung. Vielmehr entstehen sie aus dem Engagement von Anwohnern, NGOs und Künstlergruppen, die sich zusammenschließen, um gemeinsam neue Freiräume zu schaffen. Der berühmte „Hafengarten“ (Port Garden) ist ein Paradebeispiel: Hier wurden Trümmer beiseite geräumt, Erde aufgeschüttet und Bäume gepflanzt – als Zeichen des Widerstands gegen die Ohnmacht und als greifbare Einladung zum gemeinsamen Wiederaufbau.

Doch Begrünung ist in Beirut weit mehr als ein symbolischer Akt. Sie hat konkrete soziale und gesundheitliche Funktionen. In einem städtischen Umfeld, das von Stress, Traumatisierung und Unsicherheit geprägt ist, bieten grüne Oasen Momente der Ruhe und Normalität. Sie fördern informelle Begegnungen, helfen, soziale Isolation zu überwinden, und geben Kindern sichere Räume zum Spielen. Besonders in einem Land, in dem öffentliche Parks Mangelware sind und viele Freiflächen privatisiert wurden, kommt diesen grünen Inseln eine immense Bedeutung zu.

Interessant ist, wie in Beirut die Verbindung zwischen Landschaftsarchitektur und kollektiver Erinnerung hergestellt wird. Viele Grünflächen dienen als temporäre Gedenkorte – Orte, an denen an Opfer erinnert wird, an denen Trauer und Hoffnung gleichermaßen einen Platz finden. Pflanzaktionen werden zu kollektiven Ritualen, die nicht nur der Verschönerung, sondern auch der Verarbeitung von Verlust und Schmerz dienen. Hier verbindet sich die ästhetische mit der therapeutischen Dimension urbaner Begrünung auf einzigartige Weise.

Ein weiteres zentrales Moment ist die Aneignung des öffentlichen Raums durch die Zivilgesellschaft. In Beirut zeigt sich, wie Begrünung zum Ankerpunkt für neue Formen der Partizipation und Selbstorganisation wird. Die Stadtbewohner warten nicht auf staatliche Programme, sondern nehmen die Gestaltung ihrer Umwelt selbst in die Hand. Diese Graswurzelbewegungen machen deutlich, wie eng in Beirut ökologische, soziale und psychologische Aspekte von Begrünung miteinander verwoben sind – und wie daraus eine widerstandsfähige, hoffnungsvolle Stadtgesellschaft erwachsen kann.

Projekte, Akteure und urbane Interventionen: Begrünung als kollektive Praxis

Wer genauer hinsieht, entdeckt in Beirut eine Vielzahl von Projekten, die zeigen, wie vielfältig Begrünungsmaßnahmen in einer posttraumatischen Stadtgesellschaft sein können. Herausragend ist das Engagement von Initiativen wie „Beirut Green Project“, die sich seit Jahren für mehr städtisches Grün einsetzen. Ihr Ansatz ist radikal pragmatisch: Sie kartieren freie Flächen, organisieren Pflanzaktionen und schaffen Bewusstsein für die Bedeutung von Grün in der Stadt. Besonders nach der Hafenexplosion hat das Team von Beirut Green Project zahlreiche Gemeinschaftsgärten ins Leben gerufen und Nachbarschaften vernetzt, die durch Zerstörung und Vertreibung auseinandergerissen wurden.

Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist das Projekt „Sama Beirut“, bei dem ein Hochhauskomplex mit vertikalen Gärten und begrünten Dachflächen ausgestattet wurde. Hier zeigt sich, wie auch in einer Stadt mit extremer Verdichtung innovative Begrünungsstrategien umgesetzt werden können. Die Integration von Pflanzen in die vertikale Stadtstruktur hat nicht nur ästhetische, sondern auch mikroklimatische Effekte – und trägt dazu bei, das Stadtklima in heißen Sommermonaten erträglicher zu machen.

Auch temporäre Interventionen prägen das Bild Beiruts. Pop-up-Gärten auf Brachflächen, mobile Pflanzeninstallationen entlang zerstörter Straßen und partizipative Urban-Gardening-Projekte sind Teil des Alltags geworden. Diese Aktionen haben eine doppelte Funktion: Einerseits schaffen sie sichtbare Zeichen des Aufbruchs, andererseits werden sie zu Plattformen für Austausch, Trauerarbeit und gemeinsames Lernen. Oft dienen sie auch dazu, politische Missstände zu thematisieren und den öffentlichen Raum als Gemeingut zurückzufordern – ein wichtiger Aspekt in einer Stadt, in der der Zugang zu Freiflächen häufig von wirtschaftlichen und politischen Interessen bestimmt wird.

Die Akteurslandschaft ist dabei bewusst vielschichtig: Neben NGOs und lokalen Nachbarschaftsinitiativen engagieren sich internationale Organisationen, Künstler, Architekten und Landschaftsplaner. Dieser vielstimmige Ansatz ist notwendig, um die komplexen Herausforderungen zu adressieren, die sich aus der Kombination von sozialem Trauma, ökologischen Defiziten und fehlender staatlicher Steuerung ergeben. Kooperation und Improvisation sind in Beirut die Gebote der Stunde – und sie führen zu einer bemerkenswerten Innovationskraft, die klassische Planungsprozesse oft alt aussehen lässt.

Gleichzeitig sind die Grenzen dieser Praxis offensichtlich. Begrünung allein kann keine tiefgreifenden politischen oder ökonomischen Probleme lösen. Sie ist aber ein Baustein auf dem Weg zu einer resilienteren, lebenswerteren Stadt – und ein wichtiges Labor für neue Formen der urbanen Selbstorganisation. Die Erfahrungen aus Beirut zeigen eindrucksvoll, wie Landschaftsarchitektur in Krisenzeiten neue Rollen übernehmen kann: als Moderatorin kollektiver Heilungsprozesse, als Impulsgeberin für soziale Innovation und als Trägerin von Hoffnung in einer verletzten Stadt.

Herausforderungen, Grenzen und Potenziale: Was Beirut von und für die Welt lernen kann

Wohl kaum eine andere Stadt kann so eindrücklich zeigen, wie schwierig, aber auch notwendig urbane Begrünung in Krisenzeiten ist. Beirut steht exemplarisch für die Herausforderungen, die entstehen, wenn Stadtentwicklung unter Bedingungen von Unsicherheit, Traumatisierung und Ressourcenknappheit stattfinden muss. Eines der größten Probleme ist dabei die fehlende institutionelle Unterstützung. Während in vielen europäischen Städten Begrünungsmaßnahmen Teil langfristiger Stadtstrategien sind, müssen sich Initiativen in Beirut oft gegen politische Widerstände und mangelhafte Finanzierung behaupten. Das macht die Prozesse zwar anpassungsfähig und kreativ, führt aber auch zu einer hohen Unsicherheit und Fragmentierung.

Ein weiteres Hindernis ist die Privatisierung des öffentlichen Raums. Viele potenzielle Grünflächen sind in privater Hand oder werden kommerziellen Interessen geopfert. In diesem Kontext wird die Aneignung von Raum durch Begrünung nicht selten zur politischen Geste. Gleichzeitig fehlt es an rechtlichen Rahmenbedingungen, die eine dauerhafte Sicherung und Pflege von Grünflächen ermöglichen würden. Hier zeigt sich, wie eng in Beirut stadtökologische Innovation und politische Auseinandersetzung miteinander verflochten sind.

Trotz dieser Schwierigkeiten bietet der libanesische Kontext auch wichtige Lehren für andere Städte – insbesondere für die DACH-Region. Erstens zeigt Beirut, wie wichtig es ist, Begrünung als kollektive, partizipative Praxis zu begreifen. Die Einbindung der Zivilgesellschaft, die Nutzung temporärer Interventionen und die Offenheit für improvisierte Lösungen können auch in europäischen Städten dazu beitragen, neue Dynamiken in festgefahrene Planungsprozesse zu bringen. Zweitens macht Beirut deutlich, wie Landschaftsarchitektur zur Bearbeitung gesellschaftlicher Krisen beitragen kann – nicht als Allheilmittel, aber als wichtiger Teil eines vielschichtigen Heilungsprozesses.

Gleichzeitig mahnt das Beispiel Beirut zur Vorsicht: Begrünung kann keine strukturellen Probleme lösen, wenn sie nicht durch institutionelle Veränderungen und politische Partizipation begleitet wird. Sie läuft Gefahr, zur bloßen Kosmetik zu werden, wenn sie nicht an die Bedürfnisse der Betroffenen und die realen Bedingungen vor Ort angepasst ist. Die größte Stärke der Begrünungsprojekte in Beirut liegt daher in ihrer Flexibilität und ihrer Verwurzelung in der lokalen Gemeinschaft – ein Aspekt, der auch für europäische Stadtentwickler von hoher Relevanz ist.

Im internationalen Vergleich wird deutlich, dass Begrünung als Trauma-Bewältigung nicht auf Beirut beschränkt ist. Auch Städte wie Sarajevo, New York nach 9/11 oder Christchurch nach dem Erdbeben haben ähnliche Strategien verfolgt. Doch in Beirut ist die Verbindung zwischen kollektiver Heilung und urbanem Grün besonders sichtbar. Sie macht deutlich, wie wichtig es ist, Landschaftsarchitektur nicht als Luxus, sondern als Grundbedingung für das Überleben und die Erneuerung von Stadtgesellschaften zu verstehen.

Fazit: Landschaftsarchitektur als Hoffnungsträger – Was bleibt von Beiruts Trauma-Bewältigung?

Beirut steht heute an einem Scheideweg. Die Stadt ist gezeichnet von ihren Wunden, aber sie weigert sich, in Resignation zu verfallen. Ihre Bewohner haben gezeigt, wie aus Zerstörung neue Lebensräume entstehen können – nicht trotz, sondern wegen der erlittenen Traumata. Begrünung wird in Beirut zur kollektiven Therapie, zum Akt der Selbstermächtigung und zur Bühne für neue Formen des städtischen Zusammenlebens. Sie verbindet psycho-soziale, ökologische und politische Dimensionen auf eine Weise, die wegweisend für andere Städte sein kann.

Die Erfahrung Beiruts lehrt, dass Landschaftsarchitektur weit mehr leisten kann, als nur schöne Kulissen zu schaffen. Sie ist ein Werkzeug zur Bewältigung von Krisen, zur Förderung sozialer Resilienz und zur Wiederherstellung urbaner Lebensqualität. Dabei muss sie flexibel bleiben, offen für Partizipation und bereit, alte Routinen zu hinterfragen. Die Begrünungsprojekte in Beirut zeigen eindrucksvoll, wie viel Innovationskraft entstehen kann, wenn Planung nicht nur von Experten, sondern gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt wird.

Für die DACH-Region bietet das Beispiel Beirut wichtige Impulse: Es fordert dazu auf, Begrünung als Teil sozialer und kultureller Heilungsprozesse zu begreifen – nicht nur als additive Maßnahme, sondern als integralen Bestandteil einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Gleichzeitig mahnt es, die Grenzen von Begrünungsstrategien zu erkennen und institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die langfristige Wirkung ermöglichen.

Am Ende bleibt festzuhalten: Beirut ist kein Vorbild im klassischen Sinne, sondern ein Mahnmal und ein Labor zugleich. Die urbane Begrünung hier ist rau, improvisiert und geprägt von den Narben der Geschichte. Gerade darin liegt ihr Wert. Sie zeigt, wie viel Hoffnung, Widerstandskraft und Kreativität in Städten stecken kann, wenn sie sich ihren Traumata stellen – und gemeinsam daran arbeiten, neue Wurzeln zu schlagen.

Beiruts Erfahrung macht deutlich: Zukunftsfähige Stadtentwicklung braucht mehr als Technik, Geld oder Masterpläne. Sie braucht Orte, an denen Heilung wachsen kann – und Menschen, die bereit sind, ihre Stadt immer wieder neu zu begrünen, zu beleben und zu heilen. Nirgends sonst wird das so sichtbar wie hier. Ein Exempel, das seinesgleichen sucht – und das die Debatte um urbane Resilienz und die Rolle der Landschaftsarchitektur auf ein neues Niveau hebt.

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KLIMA_X: Ausstellung zur Klimakommunikation

An der MachBar können Besuchende Intiativen und Aktionen kennenlernen, die es in ihrer Stadt gibt. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling
© Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Wir wissen um die Bedrohung und Herausforderung durch den Klimawandel. Wir wissen auch, was dagegen zu tun ist. Aber warum tun wir es nicht? Die Ausstellung KLIMA_X beschäftigt sich damit, wie Menschen mit Klimafakten umgehen und wie die Klimakommunikation in den letzten fünf Jahren aussah. Bis 27. August 2023 ist KLIMA_X im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main zu sehen. Im Anschluss wandert die Ausstellung ans Museum für Kommunikation Berlin

Ausstellung zur Klimakommunikation 

Die Klimakrise ist keineswegs ein neues Phänomen. So wurde die Thematik seit Beginn der Fridays for future Demonstrationen zwar vermehrt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Doch die Erkenntnis darüber, welche Folgen der menschliche Einfluss für das Erdklima des Planeten haben wird, ist schon seit Mitte des letzten Jahrhunderts wohlbekannt. Trotzdem wurde flächendeckend unverändert am Wachstum festgehalten. Und dies sowohl im politischen Gebaren als auch vielfach im individuellen Verhalten. Die neue Ausstellung KLIMA_X geht nun der spannenden Frage nach, woran das liegt. Wenn sich doch die Mehrheit der aufgeklärten Menschheit bewusst darüber ist, dass sich etwas ändern muss, warum ändert sich dann nichts. Oder zumindest nicht in einer Geschwindigkeit und Relevanz, die angesichts der drohenden Katastrophe angemessen wäre. Es sind genau diese Hintergründe, welche die Ausstellung zur Klimakommunikation nun näher beleuchten will.  

Herzlich willkommen zu KLIMA_X! Treppenaufgang in die Ausstellung © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling
Herzlich willkommen zu KLIMA_X! Treppenaufgang in die Ausstellung © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Warum tun wir nicht, was wir wissen?

Das Museum für Kommunikation in Frankfurt spricht von einer Last der guten Vorsätze. Als Einzelpersonen hegen wir persönliche Ziele, wie etwa eine Reduktion des Fleischkonsums oder der PKW Nutzung. Dies wäre nicht nur gut für uns als Individuen, sondern gleichzeitig auch fürs Klima. Und doch scheint die Umsetzung dieser Vorsätze ungemein schwierig. Und so inkonsequent wir in der persönlichen Lebensführung sind, so sind es auch das politische Gemeinwesen und die Wirtschaft. Die Veränderung der gewohnten Strukturen stellt sich als große Herausforderung dar. Dabei reagiert jedes Individuum und jede Gemeinschaft ganz unterschiedlich auf Wandel. Die Ausstellung zur Klimakommunikation regt die Besucher*innen dazu an, herauszufinden welche Art von „Veränderungs-Typ“ man selbst ist. Denn der Umgang mit den unleugbaren Klimafakten ist eine vielschichtige Problematik. Welche ein konsequenteres Vorgehen gegen die Klimakrise oft hemmt.

 

An der MachBar können Besuchende Intiativen und Aktionen kennenlernen, die es in ihrer Stadt gibt. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling
An der MachBar können Besuchende Intiativen und Aktionen kennenlernen, die es in ihrer Stadt gibt. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Aufbau der Ausstellung

In sieben Ausstellungsbereichen findet sich zwar somit auch ein Bereich zum Stand der naturwissenschaftlichen Forschung. Vielmehr liegt der Fokus jedoch auf den Reaktionen, die durch jene Forschung provoziert werden. Dabei stellen sich Fragen wie etwa, welche Gefühle durch die Fakten ausgelöst werden? Weiterhin, wie kommunizieren Medien, NGOs oder Unternehmen über die Debatte? KLIMA_X schlägt dabei einen Bogen von historischen Erkenntnisschritte über Kommunikationsmethoden. So findet der Bericht des Club of Rome von 1972 ebenso Erwähnung wie diverse IPCC-Reports. Weiterhin geht die Ausstellung aber beispielsweise auch auf Desinformationsstragien von fossilen Industrien ein. Oder zeigt darüberhinaus die Strategie der Fridays for Future Demonstrationen. Neben den historischen und naturwissenschaftlichen Fakten, bestimmt der emotionale Umgang mit der Klimakrise die Ausstellung.

 

Klimakommunikation und Du

Dazu wird den Besucher*innen im Laufe der Ausstellung auf spielerische Art das eigenen Verhältnis zu Veränderung vermittelt. Diese wählen ein „Klimatier“, dem sie sich während des Ausstellungsbesuches am nächsten fühlen. Etwa ein wütender Gorilla, ein verschrecktes Huhn oder eine tüchtige Biene. Die Tiere versinnbildlichen unterschiedliche Emotionen, die im Angesicht der Klimakrise zu Tage treten. Diese variieren von „verärgert“ über „machtlos“ bis „hoffnungsvoll“. Ein interaktives Netzwerkdiagramm hält die Stimmung der Besucher*innen fest. Weitere Stationen der Ausstellung sind das „Ausreden-Glücksrad“ oder weiterhin der „Anruf in die Zukunft“. Dabei geht es zum Beispiel darum, typische Verzögerungsargumente im Klimadiskurs zu entlarven. Oder darüberhinaus eine mögliche Zukunftsvision zu visualisieren. Neben den interaktiven Teilen werden Beispiele gelungener Umwälzungen gezeigt. Dazu erzählen ausgewählte Menschen in Interviews von ihrer Art eines klimafreundlicheren Lebens.

 

Von der Kluft zwischen Wissen und Handeln

Katja Weber, Kuratorin der Ausstellung, hält die Ausstellung für einen Meilenstein. Ihrer Ansicht nach, sei bei vielen Menschen in Deutschland die Erkenntnis darüber, dass ein ernsthaftes Problem anstehe, bereits Konsens. Weiterhin seien viele dieser Personen bereit, ihren Beitrag zur Reduktion von Treibhausgasen zu lasten. Sie betont aber das verbreitete Problem: „Es gibt einen Gap zwischen Wissen und Handeln. Die Ausstellung versucht diese Leerstelle zu erklären.“ Carel Mohn, Chefredakteur der Seite klimafakten.de – welche die Ausstellung mitkuratiert hat – sieht in der Ausstellung in einem der weltweit wichtigsten Museen für Kommunikation einen Hoffnungsschimmer: „Die Frage der Klimakommunikation ist offenbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Dafür spricht auch das breite Kooperationsbündnis, welches hinter der Ausstellung steht. Neben dem Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, wirkten auch die LandesEnergieAgentur Hessen (LEA) und das Umweltamt Frankfurt mit.

Klimakommunikation in Frankfurt und Berlin

Es wäre wünschenswert, wenn die Ausstellung tatsächlich die besprochene Kluft zwischen Wissen und Handel ein Stück weit schließt. Besucher*innen können sich noch bis 27. August 2023 im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main selbst ein Bild machen. Danach wandert die Ausstellung weiter in die Hauptstadt. Durch das Projekt können Inhalte der Klimakommunikation und ein gesteigerter Veränderungswille eine breite Masse erreichen. Damit wir In Zukunft vielleicht häufiger tun, was wir eigentlich schon wissen.

Mehr zu Wirkmöglichkeiten gegen die Klimakrise lesen Sie im Praxishandbuch für Kommunen des Difu zur Klimaresilienz.

Kramer-Areal Überlingen: Zweiphasiger Realisierungswettbewerb entschieden

Das neue Kramer-Areal in Überlingen am Bodensee soll ein modernes Wohnquartier werden. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)
Das neue Kramer-Areal in Überlingen am Bodensee soll ein modernes Wohnquartier werden. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)

Der städtebauliche Wettbewerb zur Entwicklung des Kramer-Areals in Überlingen ist abgeschlossen. Neun Architekturbüros waren im Rennen – gewinnen konnte der Entwurf eines österreichischen Studios, der den Schwerpunkt auf ein Wohnquartier mit vielfältigen Wohnformen legt. Mehr über den Siegerentwurf hier.

„Ein enormes Raumprogramm“

Am 16. November 2023 tagte das Preisgericht in Überlingen und entschied nach einer intensiven, ganztägig andauernden Diskussion, den Entwurf des Stadtplanungsbüros Studio Urbanek für die Neugestaltung des Kramer-Areals zu wählen. Das Studio aus Wien arbeitet mit BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur) nun an der Umsetzung des neuen Kramer-Areals. Die Jury war von der sensiblen Rücksichtnahme des Entwurfs auf viele unterschiedliche Wohnformen sowie Grünflächen überzeugt. Unter dem Titel „Die Kramer-Gärten – von Promenaden und Hofplateaus“ setzte sich der Entwurf gegen acht andere Vorschläge durch. Nun soll der Beitrag in die formelle Bauleitplanung überführt werden.

Das Ziel der Stadt Überlingen besteht darin, auf dem ehemaligen Werkareal der Kramer-Werke ein qualitativ hochwertiges Quartier entstehen zu lassen. Die neun finalen Arbeiten wurden bereits im Juli 2023 im Rahmen eines ersten Preisgerichts ausgewählt. Sie würdigen die Überarbeitungshinweise aus erster Runde sowie die Ergebnisse eines Bürgerworkshops. „Das Stadtplanungsbüro Studio Urbanek, Wien hat das gesamte Preisgericht am Ende überzeugt, indem es schafft, auf erstaunlich selbstverständliche Weise ein enormes Raumprogramm auf dem Grundstück zu realisieren.“, so Markus Müller, Vorsitzender des Preisgerichts, Freier Architekt und Stadtplaner sowie Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg aus dem nahe gelegenen Meckenbeuren.

Ansicht der geplanten Gartenpromenade als Teil des Kramer-Areals. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)
Ansicht der geplanten Gartenpromenade als Teil des Kramer-Areals. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)

Bürgerbeteiligung als nächster Schritt

Eigentümerin des Kramer-Areals ist die Wacker Neuson Group, ein international tätiger Unternehmensverbund und Hersteller von Baugeräten und Kompaktmaschinen. Die Gruppe war neben elf Fachpreisrichter*innen und zehn Vertreter*innen der Stadt Überlingen in der Jury vertreten, ebenso wie unabhängige Expert*innen und zwei Vertreter*innen der Bürgerschaft. „Mit dem gestrigen Preisgericht hat ein Realisierungswettbewerb sein Ende gefunden, den wir als Stadt Überlingen in allen Phasen eng begleitet haben. So bin ich nun zuversichtlich und voller Vorfreude, dass wir den geschichtsträchtigen Überlinger Ort „Kramer-Areal“ als eigenständiges, nachhaltiges und qualitativ hochwertiges Quartier schon bald mit neuem Leben füllen werden“, freut sich Oberbürgermeister Jan Zeitler.

Im November und Dezember 2023 wurden die Architekturmodelle aller Finalist*innen im ehemaligen Kramer-Bürogebäude öffentlich ausgestellt. Für das Planungsverfahren sind weitere Anhörungen und Informationsveranstaltungen mit Bürgerbeteiligung geplant.

Um die Identität des Areals zu bewahren, ist eine Bebauung in verschiedenen Maßstäben geplant. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)
Um die Identität des Areals zu bewahren, ist eine Bebauung in verschiedenen Maßstäben geplant. Bildquelle: studio urbanek + BELT (Architektur) und studio boden (Landschaftsarchitektur)

Kramer-Gärten und Gartenpromenade als Verbindungselemente

Das Kramer-Areal in Überlingen ist etwa 5,7 Hektar groß. Seit 1952 gehörte es zum Unternehmen Kramer, das 1925 gegründet wurde. Maschinen wie kleine Motormäher und Traktoren sind die Spezialität von Kramer. Zu ihrer Zeit revolutionierten sie die Landwirtschaft. Heute hat das Unternehmen seinen Sitz in Pfullendorf. Dort gibt es mehr Platz für die Werke.

Seit 2008 ist das Kramer-Areal leer. Das geplante neue Quartier soll Wohnfläche, aber auch Platz für innovative Gewerbe- und Dienstleistungsnutzungen bieten. Es soll Wohnflächen für unterschiedliche Einkommensschichten, Altersgruppen und Haushaltsgrößen bereitstellen und so eine soziale Mischung erreichen.

Das Studio Urbanek plant außerdem die Pflanzung der sogenannten Kramer-Gärten, um die Uferlandschaft des Bodensees mit dem Siedlungsgebiet von Überlingen zu verbinden. Gebäude verschiedener Größen sollen die Identität der Kramer-Werke mit ihrem großen Maßstab erhalten, zugleich aber auch andere Körnungen schaffen und das Areal zur umgebenden Stadtstruktur hin öffnen. Eine neue Gartenpromenade setzt den Fokus auf sanfte Mobilität und stellt das grüne Rückgrat der Kramer-Gärten dar.

Weiterlesen: Im Jahr 2021 fand in Überlingen eine Landesgartenschau statt.