Urban Governance reloaded – wer plant eigentlich die Stadt?

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Straßenszene mit viel Verkehr neben hohen Gebäuden in einer modernen Stadt – Foto von Bin White





Urban Governance reloaded – wer plant eigentlich die Stadt?


Wer gestaltet unsere Städte wirklich? In einer Zeit, in der Datenströme, Künstliche Intelligenz und digitale Zwillinge den urbanen Alltag prägen, ist die klassische Planung längst im Umbruch. Die Frage nach der Steuerung, Macht und Verantwortung in der Stadtplanung ist aktueller denn je – und sie verlangt nach neuen Antworten. Willkommen bei der Neuverhandlung urbaner Governance!

  • Definition: Was Urban Governance heute bedeutet und warum der klassische Planerbegriff ausgedient hat.
  • Digitale Zwillinge, Plattformen und Algorithmen: Wie neue Technologien Stadtplanung steuern und verändern.
  • Vielfalt der Akteure: Wer heute in deutschen, österreichischen und Schweizer Städten tatsächlich plant – und wer entscheiden darf.
  • Partizipation in Echtzeit: Chancen, Hürden und Irrtümer rund um Bürgerbeteiligung und Open Data.
  • Rollenwandel der Verwaltung: Zwischen Moderation, Management und technischer Souveränität.
  • Risiken: Kommerzialisierung, Black-Box-Entscheidungen, algorithmische Verzerrungen und Kontrollverlust.
  • Best Practices aus Europa: Lessons learned von Städten, die neu denken – und den Mut zur Governance-Revolution beweisen.
  • Strategien für die Zukunft: Wie Planer, Kommunen und Landschaftsarchitekten die neue urbane Steuerung aktiv gestalten können.

Urban Governance: Vom Oberbaurat zum Datenorchester

Wer plant die Stadt? Diese scheinbar banale Frage lässt sich heute kaum noch mit einem simplen Organigramm beantworten. Denn die Zeiten, in denen ein Oberbaurat oder Stadtbaumeister die Geschicke einer Kommune quasi im Alleingang lenkte, sind vorbei. Urban Governance beschreibt heute ein hochkomplexes Geflecht aus Akteuren: Verwaltung, Politik, Investoren, Zivilgesellschaft, private Planungsbüros, Tech-Konzerne, Start-ups und – nicht zu vergessen – Algorithmen und Plattformen. Die Stadt von heute ist weniger ein Bauwerk als ein dynamisches, datengetriebenes System, in dem Entscheidungsgewalt oft fluide, situativ und zunehmend technisch vermittelt ist.

Mit dem Siegeszug der Digitalisierung hat sich die Steuerung der Stadtplanung fundamental gewandelt. Wo früher Aktenordner und Bleistiftstriche regierten, orchestrieren heute Datenbanken, digitale Zwillinge und KI-gestützte Simulationen das urbane Leben. Das bedeutet nicht, dass der Mensch aus der Gleichung verschwindet. Vielmehr wird der klassische Planer zum Dirigenten eines Orchesters, dessen Musiker Sensoren, Software und Bürgerinitiativen heißen – und dessen Partituren in Echtzeit aktualisiert werden.

Urban Governance ist damit weit mehr als das berühmte Mitbestimmungs-Geschwurbel aus den 90ern. Es geht um die Frage: Wer hat Zugang zu relevanten Daten? Wer darf simulationen steuern? Wer interpretiert die Ergebnisse und trägt letztlich die Verantwortung für Entscheidungen, die das urbane Gefüge auf Jahrzehnte prägen? Diese Fragen sind nicht trivial – und sie sprengen die konventionellen Kategorien der Stadtplanung.

Das Paradigma des Urban Governance fordert von Planern und Verwaltungen ein radikales Umdenken. Es reicht nicht mehr, „Gutachter“ zu beauftragen oder Bürger zu Informationsabenden einzuladen. Wer heute Stadt gestalten will, muss Prozesse als offene Systeme denken. Das heißt: die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, mit Vielfalt zu arbeiten und mit technischen Innovationen souverän zu jonglieren. Urban Governance ist damit immer auch Governance von Ungewissheit – und das verlangt Mut, Experimentierfreude und ein ordentliches Maß an Selbstironie.

Im deutschsprachigen Raum stößt diese Entwicklung nicht nur auf Begeisterung. Viele Kommunen ringen mit der Frage, wie sie ihre Steuerungsrolle in einer zunehmend von Plattformen, Cloud-Lösungen und internationalen Tech-Firmen geprägten Urbanität behaupten können. Die Angst vor Kontrollverlust ist real. Doch gerade hier liegt die Chance für echte Innovation: Wer Governance als lernendes System versteht, kann neue Spielräume für nachhaltige, resiliente und lebenswerte Städte erschließen. Entscheidend ist, dass Planer, Politik und Gesellschaft den Mut aufbringen, diese neuen Spielregeln aktiv mitzugestalten – statt sie reaktiv zu verwalten.

Der Wandel ist längst im Gange. Städte wie Wien, Zürich oder Kopenhagen zeigen, wie Urban Governance reloaded aussehen kann: mit offenen Datenplattformen, transparenten Entscheidungsprozessen und einer Verwaltung, die nicht alles besser weiß, sondern besser vernetzt ist. Es ist höchste Zeit, dass sich auch deutsche Städte aus ihrer Komfortzone wagen – und die Frage „Wer plant die Stadt?“ endlich neu beantworten.

Digitale Zwillinge, Algorithmen und Plattformen: Die neuen Planungsakteure

Wer heute wissen will, wie urbane Steuerung tatsächlich funktioniert, kommt an digitalen Zwillingen, Plattformen und algorithmischen Entscheidungssystemen nicht mehr vorbei. Urban Digital Twins sind längst keine hübschen 3D-Renderings für Imagebroschüren mehr, sondern hochkomplexe, dynamische Abbildungen der Stadt, gespeist aus Echtzeitdaten, Sensorik und offenen Schnittstellen. Sie erlauben es, Szenarien durchzuspielen, Klimarisiken zu simulieren, Verkehrsflüsse in Sekundenschnelle zu analysieren – und auf Knopfdruck zu visualisieren, was aus einer neuen Quartiersbebauung, einer geänderten Straßenführung oder einer Hitzewelle resultieren könnte.

In Städten wie Singapur oder Helsinki gehören Urban Digital Twins längst zum planerischen Alltag. Sie sind das Rückgrat moderner Governance: Sie verknüpfen Daten aus unterschiedlichen Quellen, machen Zusammenhänge sichtbar und ermöglichen es, Planungsentscheidungen evidenzbasiert und iterativ zu fällen. Der Clou: Diese Systeme sind nicht nur Werkzeuge für Planer, sondern potenziell auch für Bürger, Politik und Investoren zugänglich. Die offene Stadtplattform wird so zum neuen Marktplatz urbaner Aushandlung – vorausgesetzt, sie ist wirklich offen, verständlich und steuerbar.

Mit der Digitalisierung der Stadtplanung verschieben sich die Machtverhältnisse. Wer die Daten hat, hat die Deutungshoheit – und mit ihr die Möglichkeit, Stadtentwicklung aktiv zu gestalten oder eben zu blockieren. Hier liegt ein enormes Potenzial, aber auch ein Risiko: Denn digitale Zwillinge und algorithmische Systeme sind niemals neutral. Sie spiegeln immer auch die Interessen, Vorannahmen und Werte ihrer Entwickler wider. Ein schlecht trainierter Algorithmus kann genauso falsche Entscheidungen treffen wie ein schlecht informierter Mensch – nur eben viel schneller und mit größerer Reichweite.

Gerade in Deutschland ist die Skepsis gegenüber technokratischer Steuerung groß. Noch immer werden viele UDT-Projekte als Pilotversuche geführt, oft mit begrenztem Zugang, unklarer Governance und zahllosen Schnittstellenproblemen. Die Folge: Innovationsstau, Fragmentierung und ein Flickenteppich aus inkompatiblen Systemen. Was fehlt, ist eine gemeinsame Vision, wie digitale Zwillinge, Datenplattformen und algorithmische Prozesse so gestaltet werden können, dass sie demokratische Teilhabe ermöglichen, Transparenz schaffen und die Resilienz der Stadt stärken.

Die Zukunft der Stadtplanung wird nicht von einzelnen Planern, sondern von Teams aus Technikern, Datenexperten, Stadtsoziologen, Juristen und Bürgern gestaltet. Nur wer es schafft, diese Disziplinen an einen Tisch – oder besser: auf eine gemeinsame Plattform – zu bringen, wird die Chancen der neuen Urban Governance wirklich nutzen. Der Rest wird zusehen, wie andere ihre Städte in Echtzeit modellieren und gestalten.

Beteiligung 2.0: Wer darf mitbestimmen, wenn die Stadt sich digitalisiert?

Die Digitalisierung der Stadtplanung verspricht vieles: mehr Transparenz, schnellere Prozesse, eine Einbindung aller gesellschaftlichen Gruppen. Doch wie sieht die Realität aus? Tatsache ist: Wer mitreden darf, wenn Algorithmen, Plattformen und digitale Zwillinge die Szenarien bestimmen, ist oft alles andere als klar geregelt. Bürgerbeteiligung bleibt häufig ein Feigenblatt – ein Beteiligungsportal hier, ein Online-Dialog dort. Doch echte Mitbestimmung setzt voraus, dass alle relevanten Akteure die gleichen Zugänge zu Daten, Simulationen und Entscheidungswegen haben.

Die Herausforderung beginnt schon bei der Datenkompetenz. Wer versteht eigentlich, was ein Urban Digital Twin simuliert? Wer kann algorithmische Entscheidungen nachvollziehen, geschweige denn hinterfragen? Hier droht eine neue Form der digitalen Exklusion: Wer nicht über das nötige Know-how verfügt, bleibt außen vor – und muss darauf vertrauen, dass die „Experten“ schon wissen, was sie tun. Doch Vertrauen ist gut, Transparenz ist besser. Deshalb braucht es neue Formate der Beteiligung, die nicht nur informieren, sondern wirklich befähigen: Reallabore, Data-Literacy-Programme, partizipative Simulationsworkshops und offene Schnittstellen, die auch Laien zugänglich sind.

Ein weiteres Problem: Die klassischen Beteiligungsverfahren sind auf lineare, langwierige Prozesse ausgelegt. Digitale Zwillinge hingegen ermöglichen eine Planung in Echtzeit – und stellen damit die gewohnten Rituale auf den Kopf. Wer kann schon innerhalb von Tagen oder gar Stunden auf neue Szenarien reagieren? Hier entsteht ein Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Legitimität. Es gilt, neue Wege der Entscheidungsfindung zu entwickeln, die sowohl schnell als auch inklusiv sind.

Best-Practice-Beispiele aus Städten wie Wien, Zürich oder Amsterdam zeigen: Es geht. Voraussetzung ist eine Verwaltung, die Beteiligung als Prozess versteht – nicht als Pflichtübung. Dort werden offene Datenplattformen mit partizipativen Tools kombiniert, Simulationen für alle verständlich visualisiert und Entscheidungswege transparent dokumentiert. Das Ergebnis: mehr Vertrauen, bessere Entscheidungen und eine Stadt, die wirklich für alle funktioniert.

Die große Lehre: Beteiligung 2.0 ist kein Selbstläufer. Sie braucht Ressourcen, Zeit, technisches Know-how – und einen langen Atem. Doch sie ist der einzige Weg, um die neue Urban Governance demokratisch zu legitimieren. Wer sich davor drückt, riskiert nicht nur Akzeptanzprobleme, sondern auch Fehlplanungen, die teuer und schwer korrigierbar sind.

Verwaltung im Wandel: Von der Planungsbehörde zum urbanen Plattformbetreiber

Während Tech-Konzerne und Start-ups die Schlagzeilen dominieren, stehen die klassischen Stadtverwaltungen vor einer gewaltigen Transformation. Sie müssen sich von der hoheitlichen Planungsbehörde zum agilen Manager digitaler Plattformen, Datenströme und neuer Akteurslandschaften wandeln. Das klingt abstrakt, ist aber der neue Alltag in vielen Kommunen: Statt Bebauungspläne in Stein zu meißeln, moderieren sie komplexe Abstimmungsprozesse zwischen Bürgern, Investoren und Systemanbietern. Sie verwalten nicht mehr nur Raum, sondern auch Daten und Zugriffsrechte – und das in Echtzeit.

Diese neue Rolle verlangt Fähigkeiten, die in klassischen Verwaltungsstrukturen nicht selbstverständlich sind. IT-Kompetenz, Datenethik, Change-Management und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, werden zu Schlüsselqualifikationen. Viele Verwaltungen holen sich deshalb externe Unterstützung – von Beratungsfirmen, Universitäten oder Tech-Start-ups. Doch damit droht ein weiterer Kontrollverlust: Wer steuert eigentlich die Plattform, wenn das Know-how extern liegt? Wie bleibt die Stadt Herrin ihrer eigenen Daten und Prozesse?

Die Lösung liegt in der Entwicklung echter digitaler Souveränität. Das heißt: Die Stadt muss in der Lage sein, ihre eigenen Systeme zu verstehen, zu steuern und weiterzuentwickeln. Sie braucht offene Schnittstellen, standardisierte Datenmodelle und eine Governance-Struktur, die nicht nur die Verwaltung, sondern auch Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft beteiligt. Nur so lässt sich verhindern, dass urbane Steuerung zum Spielball kommerzieller Interessen oder technischer Black Boxes wird.

Gleichzeitig muss die Verwaltung lernen, sich als Plattformbetreiber zu verstehen: Sie koordiniert die Akteure, sorgt für Datensicherheit, moderiert Zielkonflikte und stellt sicher, dass alle relevanten Perspektiven gehört werden. Diese Rolle ist anspruchsvoll – aber sie bietet auch die Chance, die Stadtentwicklung wieder stärker an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Denn nur wenn Governance als kollektive Aufgabe verstanden wird, kann die Stadt von morgen wirklich resilient, nachhaltig und lebenswert werden.

Die Verwaltung der Zukunft ist digital, vernetzt und lernfähig. Sie nutzt die Möglichkeiten von Urban Digital Twins, Open Data und partizipativer Plattformen – aber sie verliert nie das große Ganze aus dem Blick: die Gestaltung lebenswerter Städte für alle. Dazu braucht es Mut, Visionen und einen klaren Kompass, der über technologische Hypes hinausweist.

Fazit: Urban Governance reloaded – Wer die Stadt plant, entscheidet über ihre Zukunft

Die Frage, wer die Stadt plant, ist heute spannender denn je – und komplexer als je zuvor. Urban Governance ist keine Verwaltungsdisziplin mehr, sondern ein hochdynamisches Zusammenspiel aus Menschen, Maschinen und Datenströmen. Wer in diesem Orchester nicht mitspielt, riskiert den Anschluss zu verlieren – und überlässt die Steuerung der Stadt anderen, seien es Tech-Konzerne, Algorithmen oder Investoren.

Der Wandel zur datengetriebenen, partizipativen und lernfähigen Stadt verlangt neue Kompetenzen, Strukturen und Mut zur Veränderung. Planer, Verwaltungen und Landschaftsarchitekten sind mehr denn je gefragt, die Spielregeln der urbanen Steuerung aktiv mitzugestalten. Denn nur wenn Governance als gemeinsame Aufgabe verstanden wird, entstehen Städte, die wirklich resilient, demokratisch und zukunftsfähig sind.

Digitale Zwillinge, offene Plattformen und algorithmische Systeme sind dabei keine Bedrohung, sondern Werkzeuge – sofern sie transparent, inklusiv und steuerbar gestaltet werden. Die größte Gefahr liegt im Kontrollverlust: Wenn Entscheidungen in Black Boxes verschwinden oder von wenigen Akteuren dominiert werden, droht die Stadt zur Ware zu werden – und ihre Bewohner zu Statisten im eigenen Lebensraum.

Doch die Chancen sind enorm. Wer Urban Governance ernst nimmt, kann die Stadt von morgen gestalten: nachhaltiger, gerechter, flexibler und lebenswerter. Das erfordert Mut, Experimentierfreude und die Bereitschaft, Verantwortung zu teilen – mit Bürgern, Technik und neuen Akteuren. Der Weg ist nicht einfach, aber er führt zu einer Stadt, die mehr ist als die Summe ihrer Pläne. Sie wird zum lebendigen Organismus, zum gemeinsamen Projekt und zur Arena für Innovationen, die wirklich zählen.

Urban Governance reloaded heißt: Die Stadt gemeinsam neu denken – und endlich so planen, wie es das 21. Jahrhundert verlangt.


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In Pontevedra haben Fußgänger*innen Vorrang. Ein Traum im Nordwesten Spaniens? Foto: Arturo Rey via unsplash

Pontevedra in Spanien gilt als Vorreiter für autofreie Städte. Wie sich die Stadt gewandelt hat, welche Vorteile heute messbar sind und welche Kritik es anfangs gab lesen Sie hier.

Pontevedra geht seinen eigenen Weg

Über die Zukunft der Mobilität wird allerorts viel diskutiert. Fahrverbote und Tempolimits stoßen dabei besonders oft auf Widerstand. Wie ein resolutes Konzept die innerstädtische Qualität jedoch nachhaltig verbessern kann, zeigt ein Projekt in Spanien. Die Stadt Pontevedra im Nordwesten des Landes geht bereits seit den 1999er Jahren ihren eigenen Weg. Als Provinzhauptstadt von Rías Baixas in Galicien gelegen, bietet der Ort mit kleinen Plätzen, wappengeschmückten Häusern mit Arkaden und alten Kirchen im mittelalterlichen Stadtkern zahlreiche Sehenswürdigkeiten. Große Bekanntheit erlangte die Stadt jedoch vor allem aufgrund ihrer nachhaltigen Verkehrspolitik. Denn seit nurmehr über 20 Jahren ist die Innenstadt weitgehend autofrei gestaltet.

Pontevedras "schmutzige" Vergangenheit 

Die Umgestaltung erfolgte als drastische Reaktion auf die untragbaren Zustände. Auf 80 000 Einwohner*innen kamen beinahe genauso viele Autos. Allein in der Altstadt verkehrten täglich 14 000 Autos, berichtet der Bürgermeister von Pontevedra, Miguel Anxo Fernández Lores. Es sei ein einziges Chaos gewesen. Hinzu kamen die schlechte Luftqualität und zahlreiche Verkehrsunfälle. Auch Xosé Cesareo Mosquera, der Leiter der städtischen Infrastrukturen, erinnert sich an den damaligen Status quo:It was a sad and stressed city, people felt like they had to escape to live on the outskirts.“ Die Stadt reagierte. Unter dem damals neu ins Amt gewählten Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores begann eine umfassende urbane Transformation.

Drastische Maßnahmen

Nach nur einem Monat im Amt gelang es Lores, insgesamt 300 000 Quadratmeter im Stadtzentrum zu Fußgänger*innenzonen umzuwidmen. In der Altstadt ist seitdem nur noch Lieferverkehr geduldet. Ehemalige Parkplätze wurden zu Flaniermeilen umgestaltet. Wer sein Auto parken möchte, sucht dazu nun einen der rund 15 000 Parkplätze außerhalb der Innenstadt auf. Die meisten davon sind kostenlos. Unterirdische Parkhäuser ergänzen das Angebot. Für Autos gilt außerdem ein Tempolimit von 30 km/h. Straßenbarrieren in Form von erhöhten Überwegen für Fußgänger*innen, geringe Fahrbahnbreiten und Kreisverkehre fördern dabei einen steten aber langsameren Verkehrsfluss. Den schmalen Straßen stehen breite Gehwege gegenüber. Sie zeigen ganz deutlich: In Pontevedra haben Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen Vorrang vor dem motorisierten Individualverkehr. Über zusätzliche Stadtpläne mit Entfernungen und Zeitangaben zu Fuß können sich diese im Stadtraum informieren und orientieren.

Folgen der Transformation

Die Transformation betrifft jedoch nicht nur die städtischen Infrastrukturen. Auch die Einstellung der Menschen zur Stellung des Autos hat sich über die Jahre geändert. Für Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores gilt schon seit Beginn an: „Owning a car does not give you the right to take up public space.“ Selbst lokale Geschäftsleute, die sich zuerst vehement gegen die Maßnahmen ausgesprochen hatten, sind heute von den Vorzügen der Stadt- und Verkehrsplanung zugunsten von Fußgänger*innen überzeugt. Der prophezeite Einbruch an Kund*innen- und Umsatz trat nicht ein. Vielmehr erledigen die Bürger*innen Pontevedras heute vieles zu Fuß. Um Widerstand entgegen zu wirken, wählte die Stadt einen inklusive Planungsprozess. Vor der Umgestaltung der jeweiligen Straße organisierte sie Versammlungen mit den betroffenen Anwohner*innen. So seien Zweifel oder Sorgen zerstreut worden.

Insgesamt hat sich das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt um 97 Prozent verringert. Auch die Luftwerte konnte deutlich verbessert werden. So verzeichnet die Stadt seit Einführung der Änderungen einen Rückgang der CO2-Emissionen um über 70 Prozent verzeichnet. Schließlich ist auch die Zahl der Verkehrsunfälle und der Verkehrstoten zurückgegangen.

Pontevedra als Vorbild?

Das Modell dient vielen anderen Städten weltweit als Vorbild. Pontevedra wurde für das Konzept außerdem mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der UN-Habitat Award 2014, der Intermodes Award 2013 und der Active Design Award 2015. Die Übertragbarkeit auf andere Städte wird immer wieder diskutiert. Bürgermeister Miguel Anxo Fernández Lores selbst sagt, jede Stadt müsse ihr eigenes passendes Modell finden. Es gebe jedoch mit Sicherheit Ansätze aus Pontevedra, die andernorts als Inspiration dienen könnten. Laut Bürgermeister Lores könne eine ähnliche Umgestaltungen in Städten mit bis zu 180 000 Einwohner*innen funktionieren. Bei größeren Metropolen könne es helfen, in Stadtvierteln zu denken. Also beispielsweise den Verkehr in einigen großen Straßen des Stadtgebiets zu konzentrieren, um angrenzende Bereiche verkehrsfrei auszugestalten.

Klare Kommunikation und Planung 

Wesentlich sei vor allem ein klarer Plan. So verfolgt Pontevedras Stadtplanung ein Konzept der kompakten Zentren. Statt einer Zersiedelung und Orientierung ins Umland, fördert die Stadt die Innenentwicklung. Kurze Wege zu Fuß werden so realisierbar. Ebenso wichtig sei die Kommunikation mit den Betroffenen. Nur durch sinnhafte und nachvollziehbare Eingriffe, die eine tatsächliche Besserung brächten, könne die Bevölkerung die anstehenden Veränderungen mitgehen. „When you simply remove parking without putting out street furniture or terraces or improving the space at all, then the person who cannot park their car there will be frustrated because it simply appears that nothing is being done with an area that could otherwise be used for parking.“, sagt Lores.

Pontevedra hat geschafft, wonach viele Städte sich sehnen. Durch eine kluge Hierarchiesierung von Verkehrsmitteln und entsprechende Gestaltung von Stadträumen entwickelte sich ein attraktiver Ort. Und setzt für andere Kommunen weltweit ein Signal: Die Transformation hin zu alternativen Fortbewegungsmitteln ist möglich. 

In Deutschland wird währenddessen immer noch über Tempo 30 Zonen gestritten. Ein Beispiel aus Berlin.

 

Foto: Bundesstiftung Baukultur

 

Die dritte Baukulturwerkstatt in diesem Jahr in Frankfurt am Main befasste sich mit Planungskultur und Prozessqualität.

 

Mit sicherem Gespür für angesagte Orte hat die Bundesstiftung Baukultur zum abendlichen Empfang im Rahmen der 3. Baukulturwerkstatt in Frankfurt am Main zum ehemaligen Osthafen eingeladen. Im Schatten des EZB-Towers (coop Himmelblau), der im Juni diesen Jahres eröffnet wurde, hatten sich die ortskundigen Scouts die Gewölbe unter der Honsellbrücke ausgesucht. Hier im Entwicklungsgebiet Osthafen, wo die Jogger und Biker mit dem Hafenpark das vorläufige Ende ihrer Mainufer-Renn- und Flanierstrecke vorfinden (sinai Landschaftarchitekten), hat die Stadt dem Kunstverein Familie Montez, der bisher einen Altbau in der Innenstadt bespielte, die eindrucksvollen Räume gegeben und sich damit gegen eine lukrative Eventlocation entschieden. Damit war das Thema „Planungskultur und Prozessqualität“ en passant schon einmal beispielhaft eingeführt. Eine Führung zur Architektur- und Stadtentwicklung der „guiding architects“ Frankfurt stellte am Ende der Werkstatt das spannenden Quartier noch einmal ausführlicher vor. Wegen der EZB und der weiträumig und klug gebauten Sport-, Skate- und Freizeitflächen hat das ehemalige Hafengebiet im historisch unattraktiven Osten eine spürbare Aufwertung erfahren, dessen Prozess noch lange nicht zu Ende ist.

Die eigentliche Werkstatt fand dann in einem Gebäude statt, dass keinen krasseren Gegensatz zum ruppig-schicken Hafenquartier bilden könnte: Der Commerzbank-Tower von Norman Foster, mit 300 Metern Höhe einst höchster und erster „ökologischer“ Wolkenkratzer in Europa. 8 Kurzvorträge zeigten Best-practice-Beispiele aus ländlichen Räumen, deren Inhalte von vorbildlichen Planungsprozessen, erfolgreichen Bürgerbeteiligungsverfahren und der zunehmenden Einrichtung von Gestaltungsbeiräten reichte. Die Bürgermeister und Planungsdezernenten von Weyarn (Oberbayern), Arnsberg im Sauerland und der Fachwerkstatt Eschwege in Nordhessen stellten erfolgreiche Entwicklungskonzepte vor, die mit Partizipation, kostenloser Bauberatung, gestoppter Ausweisung von neuen Wohnbauflächen und gut vorbereiteten Planungsverfahren hochgradig qualitätvolle Ergebnisse erzeugten. Für die Ingenieurszunft stellte Prof. Steffen Marx das jahrelange funktionierende Erfolgsmodell des Brückenbaurates vor, der der Deutschen Bahn zahlreiche Brückenbaupreise bescherte und dem Land einfallslose Standardkonstruktionen ersparte. Dass unter der neuen Bahnleitung die Arbeit nicht weitergeführt wurde, gehört zu den traurigen Erkenntnisse der Tagung. Einen weiteren Schwerpunkt bildete das ungezügelte Wachstum von Einfamilienhausgebieten bei gleichzeitigem Werteverlust des Eigenheimbestandes älterer Bewohner. Am Beispiel Dorsten-Barkenberg im Münsterland wurde im Rahmen der Regionale 2016 die Werkstattreihe „HausAufgaben“ durchgeführt, in der mit den Hauseigentümern und Bewohnern den anstehenden Strukturwandel und das Zusammenleben von morgen thematisiert wurde.

Einen erwartet launigen Schlusspunkt setzte dann der Impulsvortrag von Stephan Petermann von AMO, dem Thinktank von OMA, der das heutige Landleben kräftig entromantisierte. Längst ist der ländliche Raum nicht mehr die rückständige Provinz, sondern ein dynamischer Zukunftsraum, in dem sich computergesteurte Landwirtschaften mit von Robotern gemolkenen Kühen entwickeln und sich die kreative Intelligenz ansiedelt.

In diesem Jahr fand die Baukulturwerkstatt bereits in Kassel (siehe Garten + Landschaft 06/2015) und Regensburg (siehe Garten + Landschaft 08/2015) statt. Zentrales Thema 2015 ist das Leben auf dem Land.